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Leipzig/A9
Ein schwerer Verkehrsunfall hat sich in der Nacht zum Montag auf der A9 zwischen den Anschlussstellen Bad Dürrenberg und Leipzig West ereignet. Der Fahrer eines Sattelzuges war in Richtung Schkeuditzer Kreuz unterwegs, als sein Lastwagen auf glatter Fahrbahn ins Schleudern geriet und gegen die Mittelleitplanke prallte. Dabei riss das Gefährt eine Mautbrücke um. Teile davon landeten auch auf der Gegenfahrbahn.
Durch den Aufprall riss sich der Auflieger des Lastwagens los und rutschte auf der Fahrbahn etwa 100 Meter weiter. Glücklicherweise traf das drei Tonnen schwere Teil kein anderes Fahrzeug.
Auf der Gegenfahrbahn fuhr infolgedessen ein Sattelzug auf einen anderen Lkw und stellte sich quer. Die Leipziger Feuerwehr musste die zerstörte Mautbrücke mit schwerem Gerät von der Fahrbahn ziehen. Aus dem verunglückten Lastwagen liefen etwa 500 Liter Diesel aus. Die Fahrbahn Richtung Berlin war für mehrere Stunden blockiert. Es bildeten sich lange Staus in beide Richtungen.
Lara speicherte den Artikel, lud die dazugehörigen Fotos hoch, stellte ihn ins Online-Portal und sah sich um. Ihr Nacken schmerzte. Drei Telefone klingelten gleichzeitig, im Hintergrund hörte sie Friedrich etwas in den Hörer schnarren, das Faxgerät spuckte unentwegt Papier aus, der Drucker summte, und hinter ihrer Stirn hämmerten winzige Bergleute. Montagvormittag war in der Redaktion immer die Hölle los. Die Redaktionskonferenz hatte sie mit versteinertem Gesicht über sich ergehen lassen. Elsa Breitmann würde die Fälle »Kirchenleiche« und »Brautleiche« weiter betreuen. Aber daran hatte sie nach ihrer Auseinandersetzung mit dem Redaktionsleiter vergangenen Freitag keinen Zweifel gehabt.
Lara dachte an das Wochenende. Im Lotus hatten Mark und sie zwei Flaschen Wein getrunken, danach den Audi auf dem Restaurantparkplatz stehenlassen und sich ein Taxi bestellt. Sie hatte Mark die Couch im Wohnzimmer angeboten, und er hatte ohne zu zögern eingewilligt. Weil sie sich aber beide noch nicht richtig müde fühlten, hatten sie dann bei Lara zu Hause noch eine Flasche Dornfelder aufgemacht und zur Hälfte ausgetrunken. Es war das erste Mal, dass Mark nicht im Hotel übernachtete, und Laras Unsicherheit war mit jedem Schluck Rotwein gewachsen. Der Alkohol verhinderte, dass sie ernsthaft darüber nachdenken konnte. Schließlich hatte sie Bettzeug für ihn geholt, die Couch ausgezogen und frische Handtücher herausgelegt, nur um anschließend in ihrem Bett zu liegen und sich vorzustellen, was wäre, wenn … Wenn er jetzt zu ihr käme. Wenn sie zu ihm ginge. Nichts von alledem war geschehen. Irgendwann war Lara eingeschlafen. Am Sonntag hatten sie gemeinsam gefrühstückt, und Mark war nach Berlin zurückgefahren.
Lara hob die Schultern und überflog ihre To-do-Liste. Das Gefühl einer verpassten Chance wollte nicht weichen. Aber Mark war verheiratet und hatte zwei Kinder. Sicher war es besser so.
Ein Artikel über »Joggen bei Kälte« und ein zweiter über Bleichmittel in Haarfarbe standen noch aus. Langweiliger Alltagskram. Die Panorama-Seiten waren seit letztem Jahr an ihr haften geblieben wie klebriger Honig. Es war keine journalistische Herausforderung, aber die Leser liebten das bunte Durcheinander von Gesundheitsthemen, Haustiertipps, Kino- und Fernsehberichten und Vermischtem aus aller Welt.
Zusätzlich musste sie die Hintergründe für den am Mittwoch beginnenden Prozess gegen den jungen Mann recherchieren, der seinen ehemaligen Berufsschullehrer umgebracht hatte. Lara zog die Schublade ihres Schreibtisches auf und suchte nach der Packung Aspirin.
Tom war außer Haus. In der Abwesenheitsliste stand, dass er nach der Konferenz den ganzen Tag nicht da sein würde. Sie würde ihre Stellungnahme morgen bei ihm abgeben. Mark hatte gesagt: »Nimm es gelassen«, aber schon beim bloßen Gedanken an das Wort Abmahnung kochte der Zorn wieder in ihr hoch.
Lara zerkaute die Tablette und beschloss, sich einen Kräutertee aufzubrühen. Mark hasste Kräutertee. Auf dem Weg zur Küche, mitten in ihr versonnenes Lächeln hinein, platzte die Tür auf, Jo kam herein und brachte einen Schwall eisiger Luft mit. »Hallo miteinander!« Er entdeckte Lara in der Tür zur Küche, lächelte breiter und marschierte zu ihr. »Ich hab tolle Fotos mit Winterlandschaften!«
»Schön. Trinkst du einen Tee mit?« Lara verscheuchte das Bild von Mark auf ihrer Wohnzimmercouch und verschwand in der Küche.
»Lieber einen Kaffee. Kannst ihn gleich in die Tasse brühen.« Noch ein Mann, der keinen Tee mochte. Jo öffnete den Kühlschrank und suchte nach der Kaffeesahne.
»Ich bräuchte vielleicht deine Hilfe.«
»Hast du wieder eine geheime Mission?« Er grinste.
»Das könnte man so sagen.« Lara schielte aus der Tür, um sich zu vergewissern, dass niemand in der Nähe war, und erzählte Jo dann von Stefan Reinmanns Tipp mit den Sekten.
»Klingt plausibel. Welche willst du denn zuerst ins Visier nehmen?«
»Reinmanns Liste ist lang. Da wir aber von den altlateinischen Texten ausgehen, sind etliche Gruppierungen wie die mit östlichem Hintergrund oder Politsekten wahrscheinlich nicht relevant. Ich konzentriere mich auf Gruppen mit christlichem Hintergrund. Vielleicht kann man später noch die Psychokulte mit einbeziehen.«
»Und du hast schon da angerufen?«
»Gestern. Und heute früh auf der Fahrt hierher.« Das Wasser brodelte, und Lara goss es in beide Tassen. »Bei drei von ihnen habe ich jemanden erreicht. Anscheinend haben sie mir die geplante Reportage abgenommen. Es würde aber glaubwürdiger wirken, wenn ich mit einem Fotografen dort aufkreuze. Und vier Augen sehen mehr als zwei.«
»In Wirklichkeit willst du natürlich herausfinden, ob einer von denen etwas mit den Morden zu tun hat.« Jo zwinkerte ihr zu.
»Du sagst es. Kommst du mit? Es ist deine Freizeit, aber ich hätte dich gern dabei.«
»Ich stehe dir bei. Miss Marple und Mister Stringer!« Jos Augen leuchteten. »Wann soll’s losgehen?«
»Heute?« Lara sah Margaret Rutherford vor ihrem inneren Auge, wie sie sich mit Schwung einen Schal über die Schulter warf, und lächelte.
»Oh … so schnell. Ab wann?«
»Ich habe bis sechzehn Uhr Dienst.« Schritte näherten sich, und Lara sprach leise weiter. »Die sogenannte ›Gemeinde ohne Mauern‹ will mich ab sechzehn Uhr dreißig empfangen.« Markus Lehmann erschien in der Küchentür. Seine Nasenflügel bebten leicht. Jo nickte Lara zu und begann, ohne die Stimme zu heben, mitten in einem Satz. »… das war gar nicht so einfach. Bei diesem Schnee kommt man mit dem Auto auch nicht überall hin. Aber ich habe trotzdem super Fotos von der weißen Pracht. Möchten Sie auch Kaffee trinken?« Er sah dem Praktikanten direkt in die Augen.
»Nein, ich … ich wollte mir bloß eine Cola holen.« Markus Lehmann langte in den Kasten neben dem Kühlschrank und schlich hinaus. Lara verkniff sich ein Grienen und malte mit dem Zeigefinger die Buchstaben »SMS« auf die Arbeitsfläche. Das hieß, sie würde sich mit Jo per Handy verabreden. Dann legte sie den Finger auf die Lippen, schnappte sich ihre Teetasse und ging zurück an ihren Platz.
»Ich habe ein bisschen recherchiert. In Deutschland soll es derzeit über sechshundert verschiedene Sekten und religiöse Gemeinschaften geben.«
»Ganz schön viel.« Jo fuhr zu schnell um die Kurve, und Lara hielt sich an dem Griff über der Beifahrertür fest.
»Es gibt so ziemlich alles, christliche Vereinigungen, Jugendsekten, esoterische Gruppen, Psychogruppen, hinduistische und islamische Gruppierungen.«
»Wie definieren die eigentlich den Begriff ›Sekte‹?« Hinter ihnen hupte es, und Jo schüttelte den Kopf.
»Laut Herrn Reinmann wird der Begriff auf zwei unterschiedlichen Ebenen benutzt. Aus theologischer Sicht bezeichnet man damit eine Abspaltung von einer großen Kirche. Er hat noch viel mehr dazu gesagt, aber ich kürze ein bisschen ab.« Sie sah hinüber zu ihrem Freund. Jo schaute nach vorn und fummelte mit der Rechten am Radio herum.
»Dann gibt es noch den umgangssprachlichen Sektenbegriff. Den verwenden zum Beispiel private Fernsehsender und Boulevardmedien.«
»Die Tagespresse gehört da natürlich nicht dazu.« Es klang ironisch.
»Aber nicht doch.« Lara kicherte. »Jedenfalls ist der Begriff tückisch, vor allem, wenn man mit den Gruppenmitgliedern selbst spricht. Reinmann findet es sachgemäßer, von ›Sondergemeinschaft‹ oder ›Religionsgemeinschaft‹ zu sprechen, zur Not auch von einer ›konfliktträchtigen Gruppe‹. Damit vermeidet man den Stempel ›Sekte‹.«
»Zu welchem Bereich gehören die, zu denen wir jetzt fahren?«
»Sie nennen sich ›Gemeinde ohne Mauern‹.« Lara betrachtete ihre Notizen, ehe sie weitersprach. »Laut Reinmann ist es eine ›freicharismatische‹ Gruppe, die durch Singen, Tanzen, Klatschen und Jubeln bei ihren Gottesdiensten versucht, den Heiligen Geist zu erfahren.«
»›Freicharismatisch‹, hm? Klingt irgendwie amerikanisch. Gibt es auch einen Gospelchor?« Jo grinste.
»Weiß ich nicht. Angeblich reden sie auch in Zungen.«
»Wie aufregend!«
»Wenn du meinst. Ein Ehepaar aus den USA hat die Gemeinde gegründet. Inzwischen gibt es Anhänger in den Benelux-Staaten und in der Schweiz. In Sachsen sind sie vor allem im Westerzgebirge und Vogtland aktiv.«
»Und hier in Leipzig. Da wären wir.« Jo hielt am Straßenrand und spähte aus dem Fenster. »Sieht aus wie ein normales Wohnhaus.« Er stieg aus und Lara folgte ihm. Der Ziegelbau stammte aus den dreißiger Jahren, am Klingelbrett stand »GoM«.
»Lass mich reden. Du hältst dich im Hintergrund.«
»Und ich soll Fotos machen?«
»Wenn sie es erlauben, machst du ein paar Alibibilder. Eigentlich aber hätte ich gern, dass du auf alles achtest, was interessant sein könnte. Die Räumlichkeiten, auffällige Details. Wie sehen die Leute aus, wie geben sie sich. Sind sie offen? Vergiss nicht – wir sind nicht dort, um eine Reportage über sie zu machen, auch wenn wir das als Grund vorschieben.« Lara schaltete das Diktiergerät in ihrer Tasche ein und läutete.
»Das war wohl nichts.« Jo schaute auf seine Armbanduhr. »Wir stehen jetzt seit sechs Minuten hier, du hast viermal geklingelt und niemand macht auf.«
»Es ist jemand da! Ich habe gesehen, wie die Gardine gewackelt hat.« Lara zeigte auf das rechte Fenster im Erdgeschoss. »Außerdem war die Frau am Telefon ganz freundlich. Sie haben mich doch auf sechzehn Uhr dreißig herbestellt!«
»Kann schon sein, aber anscheinend haben sie es sich anders überlegt und wollen uns nun nicht mehr sehen.«
»Mist. Ich schreibe eine Notiz und stecke sie in den Briefkasten. Und dann fahren wir zu den nächsten. Gemeinde ohne Mauern!« Sie prustete verächtlich. »Wäre schön, wenn keine Mauern da gewesen wären!«
»Wir können wiederkommen. Wohin jetzt?« Jo hatte sich schon abgewandt und ging zum Auto.
»Nach Connewitz.« Lara stieg ein und nahm ihre Aufzeichnungen vom Armaturenbrett. »Zur Holic-Gruppe.«
»Erzähl mir etwas darüber.«
»Gottfried Holic – er schreibt sich mit ›c‹ – hat die Sekte in den Siebzigern in Wien gegründet. Nur sie leben ihrer Lehre nach strikt nach der Bibel. Anderen Gemeinschaften sprechen sie das wahre Christentum ab.«
»Sektierer.« Jo fuhr über eine gelbe Ampel.
»Sicher. Aber spannend für meine Reportage.«
»Da hast du auch wieder recht.« Das Auto fuhr langsamer und Jo reckte den Hals. »Schau mal mit nach den Hausnummern.« Das Gebäude der Holic-Gruppe entpuppte sich als ein von Gestrüpp umgebener Flachbau, dessen verblichene Aufschrift über der Tür verkündete, dass hier früher ein Konsum gewesen war.
»Hier wohnen die?« Jo klang ungläubig.
»Das ist die Adresse, die sie mir am Telefon durchgegeben haben. Ein Herr Schwarz. Los, lass es uns versuchen. Wir wollen schließlich noch weiter.« Lara war schon ausgestiegen und stiefelte mit schnellen Schritten zu dem rostigen Tor. Es quietschte erbärmlich, als sie es aufstieß. Noch ehe sie, Jo im Schlepptau, an der Eingangstür angekommen war, öffnete sich diese schon, ein großer schlanker Mann trat heraus und musterte die Ankömmlinge ohne ein Wort. Seine Augen glühten. Lara fröstelte. Er schien nicht die Absicht zu haben, sie hereinzubitten.
»Guten Tag. Lara Birkenfeld von der Tagespresse. Und das«, sie zeigte auf Jo, der halb hinter ihr stand und versuchte, ein liebenswürdiges Gesicht zu machen, »das ist mein Kollege Joachim Selbig. Ich hatte Sie angerufen.«
»Was wollen Sie wissen?« Der Typ wich keinen Zentimeter zurück. Sie würde das »Interview« vor der Tür führen müssen.
»Ich bereite eine Artikelserie über religiöse Gemeinschaften in Leipzig vor und würde Sie dort gern mit vorstellen. Ihre Lehre, Ihre Lebensweise, gern auch Beiträge einzelner Mitglieder.«
»Die Mitglieder stehen für Befragungen nicht zur Verfügung. Lesen Sie das.« Der Mann reichte Lara einen Faltflyer und machte Anstalten, wieder hineinzugehen.«
Laras »Halt!« kam schärfer heraus, als sie gewollt hatte. »Warten Sie bitte! Herr Schwarz – Sie sind doch Herr Schwarz?« Sie registrierte das fast unmerkliche Nicken und fuhr hastig fort. »Dürfen wir wiederkommen, wenn wir noch Fragen haben?«
»Versuchen können Sie es.« Die Tür schlug im gleichen Augenblick zu, in dem der Satz vollständig ausgesprochen war.
»Der war ja heftig drauf!« Jo stampfte voran, die Hände in den Jackentaschen. »Super kommunikativ!« Er kicherte. »Das war doch der klassische Täter, oder? Den solltest du im Auge behalten. Fahren wir weiter.«
»Hör mal.« Lara hielt sich den Flyer dicht vor die Augen und las laut vor. »Wir leben in Wohngemeinschaften und teilen Geistliches wie Materielles miteinander. Die Mitglieder der Gruppe treffen sich täglich, wir leben bewusst einfach und legen wenig Augenmerk auf Äußerlichkeiten.«
»Klingt für eine Sekte passend.«
»Warte ab. Es wird noch besser: Persönliche Freundschaften wie auch Sexualität lehnen wir als egoistisch ab.«
»Oh. Kein Sex?« Jo grinste. »Da mach ich nicht mit.«
»Hier steht noch viel mehr. Aber das studiere ich in Ruhe. Bin gespannt auf die Kinder des Himmels.« Lara schob die Finger unter den Schal und kratzte sich am Hals. Die Wolle juckte.
»Nach meinen Recherchen ist das eher eine Psycho-Sekte.«
»Das wollen die dort aber bestimmt nicht hören, oder?«
»Nein. Wenn wir reindürfen, gebe ich mich unwissend, lasse mir alles erklären und stelle ein paar unverfängliche Fragen. Das Diktiergerät läuft wie gehabt in der Jackentasche mit.« Lara sah auf die weiß-schmutzigen Wälle am Straßenrand. So viel Schnee hatten sie lange nicht gehabt. »Der Sektenchef heißt Romain Holländer. Mit ihm habe ich gestern Nachmittag telefoniert, und er klang wirklich nett. Er hat mich auf einen Besuch eingeladen. Ich denke, da müssen wir nicht vor der Tür stehen.«
»Und dann schauen wir, ob einer dort ein Killer sein könnte.« Jos Radio rauschte, und er drückte auf den Sendersuchlauf.
Lara schniefte. Wie dramatisch das klang! Aber er hatte recht. Womöglich war die ganze Theorie, dass der Mörder von Carolin Fresnel und Nina Bernstein Mitglied einer Sekte war, falsch, und es war genauso unwahrscheinlich, dass sie hier fündig wurden. Was aber, wenn es der Zufall wollte, dass sie an der richtigen Stelle waren; wenn sie, ohne es zu wissen, in ein Wespennest stachen?
Vor ihnen schaltete eine Ampel auf Rot, und Jo hielt hinter einem BMW. Dann zog er an einem Kabel, das aus einer Ablage unter dem Radio hing. Ein kleiner Bildschirm kam zum Vorschein. Es sah aus wie winziges Navigationsgerät, nur dass das Bild schwarz-weiß war und eine Art Fieberkurve zeigte.
»Was ist das denn?«
»Ein Frequenzscanner.« Die Ampel schaltete auf Grün, und Jo gab vorsichtig Gas, während er auf die Knöpfe an dem Scanner drückte. Aus dem Radio kamen knisternde Laute.
»Und wozu brauchst du den?«
»Polizeifunk.«
»Du hörst den Polizeifunk ab?«
»Genau.«
»Ist das nicht verboten?«
»Nein. Laut Fernmeldeanlagengesetz kann man alles abhören. Man darf es nur nicht nutzen oder an Dritte weiterleiten. Die Polizei funkt im Vier- und Zweimeterband, also über und unter dem Rundfunkband. Die passenden Frequenzen findet man im Netz. Als freier Fotograf muss man möglichst als Erster an Ort und Stelle sein.«
»Aber das Fernmeldeanlagengesetz gilt doch mittlerweile gar nicht mehr. Es wurde vom Telekommunikationsgesetz abgelöst. Und danach ist das unbefugte Abhören von Nachrichten strafbar.« Fasziniert beobachtete Lara das Display. Es prasselte, dann ertönte eine schnarrende Stimme aus dem Radio.
»Du weißt aber auch alles. »Jo grinste kurz und fuhr dann fort. »Wo kein Richter, da kein Kläger. Pst.« Er legte den Finger auf die Lippen.
»An alle Einheiten … Commerzbankfiliale Riebeckstraße.« Es knisterte erneut, dann war der Empfang kurz weg. »Scheiß Funklöcher!« Jos Finger trommelten auf das Lenkrad. Er fuhr siebzig. Lara versuchte sich zu erinnern, ob es hier irgendwo stationäre Blitzer gab, und dachte gleichzeitig darüber nach, ob sie gerade der Meldung eines Banküberfalles zuhörte, aber die nächsten Satzfetzen belehrten sie eines Besseren.
»… lebloser Mann … mit hoher Wahrscheinlichkeit tot …«
»Oh, ein Leichenfund!« Jo rieb sich heftig mit den Fingern über die Stirn und warf Lara dann einen schnellen Blick zu. »Ich weiß, wo das ist. Ein Stückchen hinter der Einmündung der Prager Straße. Liegt praktisch auf dem Weg.« Sie konnte sehen, wie sein Adamsapfel beim Schlucken auf und ab glitt.
»Willst du hin?«
»Es könnte interessant sein.« Er prustete. Die Zerrissenheit war ihm förmlich anzusehen. Einerseits hatte er Lara versprochen, mit ihr zu der Sekte zu fahren, andererseits verpasste er hier womöglich ein lukratives Geschäft.
»Dann fahr hin.« Lara verkniff sich ein Lächeln, als sie sah, wie erleichtert er war. Sie konnte dem Sektenführer einen weiteren Termin vorschlagen, bei dem ein Fotograf mitkommen würde. Vielleicht war das sogar besser als ihr ursprüngliches Vorhaben, Jo unangekündigt mitzubringen. »Gleich um die Ecke ist der S-Bahnhof Stötteritz. Ich fahre mit der Bahn weiter nach Markkleeberg.«
»Ich könnte dich nachher auch da abholen und zum Parkhaus fahren. Oder nach Hause. Wie du willst.« Das schlechte Gewissen ließ ihn schneller reden als sonst.
»Schauen wir mal. Von dort fährt auch eine Straßenbahn zurück in die Innenstadt.« Der Tacho zeigte schon wieder siebzig Stundenkilometer. Jo hatte es jetzt anscheinend noch eiliger. »Und du weißt doch auch noch gar nicht, wie lange du da brauchst.«
»Sicher nicht so lange wie du bei deinem Gespräch – sofern der Typ gesprächiger ist als die anderen. Ich versuche, so nah wie möglich an die Bankfiliale heranzukommen und so viele Fotos wie möglich zu schießen. Das geht eigentlich schnell. Hoffentlich bin ich der Erste.« Jo bog auf die Prager Straße ab. Der Honda schlingerte.
»Ich rufe dich an.«
Das Auto hielt am Straßenrand und Lara schnappte sich Handtasche, Mantel und Schal und öffnete die Tür.
»Bis nachher! Sei vorsichtig!« Sie hatte kaum Zeit zu nicken und die Tür zu schließen, weil Jo so schnell davonrauschte. Lara sah ihm nach und machte sich dann auf den Weg zur S-Bahn. Den Toten in der Bankfiliale hatte sie schon wenige Minuten später vergessen.
Die Schneewälle an den Gehwegen waren fast einen halben Meter hoch. Man konnte die Straße nur an einigen Stellen überqueren. Nicht jeder Anwohner hielt sich an die vorgeschriebene Räum- und Streupflicht. Lara stapfte vorsichtig durch den Schnee und bestaunte dabei die Villen hinter den Zäunen. Die Straßenlampen tauchten alles in ein unwirkliches gelb-oranges Licht. Erker, Türmchen, Säulen, Schnitzereien, steinerne Zeugen einer vergangenen Zeit; das Ganze inmitten riesiger Grundstücke. Auf Sträuchern und Bäumen türmten sich Schneehauben, jede Zaunlatte trug ein weißes Mützchen. An Vogelhäuschen balgten sich Spatzen und Meisen um Futter.
Vor dem Tor mit der Nummer 17 blieb Lara stehen. Der Garten war parkähnlich, mit majestätischen Rhododendronbüschen, meterhohen Koniferen, alten Buchen und Eichen. Die mächtige Villa verbarg sich halb hinter den Bäumen, nur das Obergeschoss und Teile des mittleren Flügels lugten hervor. Die Fenster leuchteten wie strahlende Augen in die Dunkelheit. Sauber freigeschaufelte Wege führten zu Haupt- und Seiteneingang und zu den Mülltonnen. Im Frühjahr, wenn hier alles grünte und blühte, musste die Anlage prächtig sein. Lara betrachtete das zweiflügelige schmiedeeiserne Tor, von dem eine geschwungene Auffahrt hinüber zum Eingangsportal führte. Die gemauerte Säule neben der Eingangspforte präsentierte neben einer Klingel eine Wechselsprechanlage und ein Videoauge. Am Namensschild stand »Holländer« und darunter Kinder des Himmels. Lara sah auf ihre Uhr, streckte dann den Zeigefinger aus und berührte den Knopf. Sie hatte ein Geräusch erwartet; ein fernes Klingeln, Summen oder ein melodisches Glockenspiel, aber alles blieb stumm. Hinter einem der Fenster huschten dunkle Schatten hinter den Gardinen vorbei und Lara lockerte ihren Schal, der sich wie von allein immer fester um ihren Hals gewickelt hatte. Über ihr blinkten die Sterne, im Schnee funkelten Millionen bläuliche Diamantsplitter.
Als sie gerade die Hand ausstreckte, um erneut zu klingeln, ertönte ein Knacken aus der Wechselsprechanlange, jemand räusperte sich, und dann schnarrte eine Frauenstimme ein ärgerlich klingendes »Ja bitte?«.
»Lara Birkenfeld von der Tagespresse. Ich habe einen Termin bei Herrn Holländer.«
»Ach ja. Kommen Sie herein.« Es summte, und Lara stieß das Tor auf. Im gleichen Augenblick flammte das weiße Licht eines Bewegungsmelders auf und erleuchtete ihren Weg zum Gebäude.
Fünf Stufen führten zum Portal hinauf. Über der reich geschnitzten Tür fletschte ein steinernes Fabelwesen seine Zähne. Lara hatte keine Zeit, die Architektur weiter zu bewundern, denn noch ehe sie die Tür erreicht hatte, schwang diese schon auf, und ein großer, schlanker Mann in weißen Hosen und weißem Hemd trat heraus und streckte ihr die Hand entgegen. »Frau Birkenfeld!« Eine warme Handfläche berührte ihre Rechte. »Es ist mir ein Vergnügen, Sie bei uns begrüßen zu dürfen! Ich bin auch erst seit wenigen Minuten wieder hier.« Er verneigte sich knapp, schwenkte den Arm nach innen und folgte Lara in den Vorraum.
»Sie möchten sicher ablegen?« Noch ehe sie nicken konnte, gab der Mann einer hinter ihm stehenden Frau ein Zeichen, diese trat hervor und griff nach Laras Mantel und Schal.
»Ich schlage vor, wir gehen zuerst in mein Büro.« Wieder wartete Romain Holländer nicht, sondern vollführte eine elegante Drehung auf dem Absatz und ging nach rechts, während er über die Schulter weiterredete. »Dort können wir in Ruhe miteinander sprechen und Sie können Ihre Fragen loswerden.« Er öffnete eine drei Meter hohe Eichentür und marschierte voran. »Einen Tee?«
»Gern.« Lara folgte ihm und noch ehe sie sich umsehen konnte, wurde auch schon die Eichentür hinter ihr geschlossen. Der Raum, in dem sie sich jetzt befand, war anscheinend eine Art Bibliothek. Bis an die Decke reichende Bücherschränke, ein monströser Schreibtisch auf Löwentatzen. Die Fenster hinter den schweren Vorhängen reichten bis zum Boden.
»Nehmen Sie Platz. Der Tee kommt gleich.« Romain Holländer setzte sich in einen breiten Ledersessel, schlug die Beine übereinander und musterte Lara eindringlich. Sie hatte das Gefühl, der Blick des Mannes schmelze sich durch Haut und Knochen des Schädels bis direkt in ihr Gehirn und taste nach ihren Gedanken. Solch ein intensives Blau hatte sie noch nie gesehen. Trug er Kontaktlinsen? Lara zwang sich, die Augen abzuwenden.
»Wir freuen uns, dass die Tagespresse eine Reportage über die Kinder des Himmels bringen wird. Das gibt uns Gelegenheit, unsere Ziele und das Zusammenleben in der Gemeinschaft darzustellen.« Romain Holländer rieb sich kurz die Hände und ließ ein strahlend weißes Lächeln aufblitzen.
Es klopfte und die Frau vom Eingang erschien mit einem Tablett. Lara fühlte eine kleine Enttäuschung. Bis jetzt war die Illusion, in einem viktorianischen Film mitzuspielen, perfekt gewesen. Die Thermoskanne aus schwarzem Plastik machte alles zunichte. Gleichzeitig erinnerte sie Lara aber daran, dass sie nicht hier war, um sich von einem Charmeur mit blauen Augen hypnotisieren zu lassen. Sie schob die linke Hand vorsichtig in ihre Handtasche, schaltete das Diktiergerät ein, tastete dann nach dem Notizbuch und legte es auf den kleinen runden Messingtisch. »Ist es in Ordnung, wenn ich mir das eine oder andere aufschreibe?«
»Aber sicher. Tun Sie das.« Wieder flammte das Tausend-Watt-Lächeln auf und Lara spürte kleine Ameisenbeine über ihren Rücken laufen.
»Wie sind Sie eigentlich auf uns gekommen?« Die blauen Augen leuchteten aus dem kantigen Gesicht. Romain Holländer war attraktiv. Sehr attraktiv. Und er war sich dessen bewusst.
»Wir planen schon seit Längerem eine ausführliche Reportage über religiöse Gemeinschaften in und um Leipzig. Ich möchte sie nacheinander vorstellen, ihre Ziele und das Zusammenleben schildern.« Das waren fast aufs Wort genau die Floskeln, die er vorhin zu ihr gesagt hatte. Lara beobachtete, wie die Augen des Sektenführers aufblitzten. Dann lehnte er sich zurück und faltete die Hände über dem nicht vorhandenen Bauch.
»Ich versuche, mit allen Kontakt aufzunehmen. Sie waren einer der Ersten, den ich erreicht habe. Danke, dass Sie gleich bereit waren, mich zu empfangen.«
»Aber sicher doch, Frau Birkenfeld. Wie ich eingangs schon sagte – es ist mir ein Vergnügen. Wo wollen wir denn anfangen?« Er goss sich reichlich Sahne in den Tee und rührte bedächtig.
»Bei dem, was die Kinder des Himmels ausmacht.« Lara lächelte gleichfalls und hielt seinem Blick stand. Wenn sie wollte, konnte auch sie charmant tun. In ihrem Hinterkopf warnte eine Stimme, dass sie sich hüten solle, mit einem Sektenführer zu flirten, aber Lara verscheuchte sie. Eins nach dem anderen. Sollte er reden und sich darstellen. Sie konnte ihn in der Zwischenzeit beobachten und seine Körpersprache studieren.
Eine halbe Stunde später hatte sie drei Seiten mit Gemeinplätzen vollgeschrieben, zwei Tassen Tee getrunken, und ihre Blase drückte. Sie beschloss, dass es Zeit für Teil zwei war.
Jo Selbig fuhr mit Schwung rückwärts über eine Schneewehe und rutschte so in die Parklücke. Schon von Weitem konnte er den Aufmarsch an der Straßenkreuzung sehen: ein Krankenwagen, mehrere Polizeifahrzeuge, Absperrungen und überall aufgeregte Menschen, denen die Kälte und der Schnee nichts auszumachen schienen. Er überprüfte schnell seine Ausrüstung, stieg aus und schoss über das Dach seines Autos hinweg ein paar Fotos von der Gesamtszenerie. Dann zoomte er so dicht es ging an die Bankfiliale heran und betrachtete das Umfeld durch den Sucher. Würde schwierig sein, da ranzukommen, aber er wäre nicht Joachim Selbig, wenn er es nicht wenigstens versuchen würde. Und so, wie es aussah, war er der einzige Fotograf vor Ort. Eine gute Gelegenheit, die Bilder später an eine Agentur zu verkaufen – wenn die Leiche interessant genug für die überregionalen Nachrichten war und es sich nicht nur um einen Obdachlosen handelte, der betrunken erfroren war. Schnell näherte er sich dem fünfstöckigen Bürogebäude bis zu der aufgeregt schnatternden Menge. Vor der Bank wendete der Rettungswagen und fuhr davon. Er wurde nicht gebraucht. Eine Straßenbahn ratterte vorbei. Aus den Fenstern gafften bleiche Gesichter, drückten sich Neugierige die Nasen an den Scheiben platt, um einen Blick auf das Schauspiel zu erhaschen. Jo versuchte, an der Menschentraube vorbei Fotos zu schießen, stellte aber sehr schnell fest, dass es aussichtslos war, von dieser Stelle aus etwas Interessantes aufzunehmen. Und die Beamten würden ihn gewiss nicht durch die Absperrung lassen, damit er scharfe Bilder von der Leiche und der Spurensicherung machen konnte. Jo senkte die Kamera und sah sich um. Nach einer Minute des Nachdenkens machte er kehrt und eilte über die Straße. Einige der Gebäude hier wirkten verfallen, aber das Wohnhaus schräg links gegenüber der Bankfiliale hatte gerade eine Fassadenerneuerung hinter sich. Ohne sich umzusehen, marschierte Jo zum Eingang, drückte auf ein paar Klingelknöpfe, wartete, bis der Summer ertönte und ignorierte das »Hallo?« aus der Wechselsprechanlage.
Im zweiten Stock war die Sicht am besten. Ein Fotograf musste immer nach Möglichkeiten suchen, interessante Perspektiven für seine Bilder zu wählen. Jo rang nach Luft, stellte sich an eins der Fenster im Treppenhaus und nahm die Kamera vors Auge. Er hatte richtig gedacht. Von hier aus war die Sicht auf das Geschehen fast perfekt, ungestört von drängelnden Gaffern und bärbeißigen Polizisten. Die Scheiben der Bankfiliale waren blank, und Jo war zum ersten Mal seit Tagen dankbar dafür, dass die Sonne nicht schien und die Fenster und sein Kameraauge blind machte. Leise surrte der Zoom. Es war eine kleine Zweigstelle. Er konnte leicht schräg von oben den Eingangsbereich sehen, einen großen verwinkelten Raum mit mehreren Geldautomaten und Kontoauszugsdruckern. Beamte der Spurensicherung wuselten durcheinander. Ab und zu wurde der Blick auf das, was sie da untersuchten, frei. Zuerst konnte Jo nicht erkennen, worum es sich bei dem Gebilde handelte, aber nachdem er seinen Standort einen halben Meter nach links verlagert und ein bisschen an den Einstellungen der Kamera herumgespielt hatte, sah er es. Vor einem der Geldautomaten lag ein lebloser Körper. Jo korrigierte sich: Der Tote lag nicht, er saß. Saß, die Arme zu beiden Seiten des grauen Kastens in einer makabren Umarmung ausgestreckt. Die Beamten der Spurensicherung eilten von hier nach da, wie unbeholfene Schneemänner, die nicht recht wussten, wohin. Und doch verlief ihr Tanz nach einer streng vorgegebenen Choreografie, die nur sie selbst kannten.
Während sein rechter Zeigefinger unentwegt auf den Auslöser drückte: Klick, Klick, Klick, sortierte Jo seine Gedanken. Die Leiche war männlich. Aus seiner Perspektive sah er nur den Hinterkopf. Die Haare waren dunkel und kurz. Ein jüngerer Mann wahrscheinlich. Der Schalterraum, der hinter dem Eingangsbereich lag, schien verschlossen zu sein.
Jetzt fuhr der Transporter, der den Toten in die Rechtsmedizin bringen würde, vor. In der Bankfiliale bereiteten sie die Leiche auf den Abtransport vor. Jo schaltete auf Filmmodus um, um nichts zu verpassen. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er das Gesicht des Mannes, doch noch ehe er es bewusst wahrnehmen konnte, war der gesamte Körper schon in dem Plastiksack verschwunden.
Auf Jos Netzhaut brannte ein Bild. Eine helle Fläche, Augen und Mund verwaschene dunkle Kleckse in dem Oval. Und etwas, das nicht hingehörte: ein rußfarbener Streifen auf der Stirn. Es konnte eine Täuschung sein, es konnte Schmutz sein, es konnte alles Mögliche sein. Es konnten aber auch zwei tätowierte Wörter sein. Wenn überhaupt, würde nur eine Bild-für-Bild-Auswertung am Monitor Aufschluss geben können. Der Transporter fuhr langsam los, und Jo schaltete seine Kamera ab.
»Was machen Sie hier?« Die Stimme kam vom oberen Treppenabsatz. Ein alter Mann stand mit drohendem Gesichtsausdruck dort; die Rechte um das Geländer geklammert, mit der Linken mit einer Krücke fuchtelnd, als wollte er dem ungebetenen Eindringling damit eins überziehen.
»Ich bin schon weg.« Jo schloss die Kameratasche und hastete nach unten. Nicht dass der Alte ihm tatsächlich noch eins auf die Mütze gab! Unwirsches Gebrabbel verfolgte ihn, bis sich die Eingangstür hinter ihm schloss. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite löste sich die Menschenmenge auf. Die Leiche war fort, es gab nichts Spannendes mehr zu sehen. Die Kripo würde noch einige Zeit in der Bank Spuren sichern, aber das war für die meisten Leute uninteressant.
Jo stolperte hinüber, ehe sie alle weg waren. Er war kein Journalist, aber das Ganze hatte ihn neugierig gemacht. Er wollte ein paar Passanten auf der Straße befragen und dann Lara anrufen. Jo Selbig war sich ziemlich sicher, dass dieser Todesfall sie genauso interessieren würde wie ihn.
»Ich möchte gern die Mitglieder Ihrer Gemeinde kennenlernen.«
»Alle?« Romain Holländer stellte die Tasse ab und knipste sein Lächeln an. »Ein Spaß. Natürlich können Sie das. So sie mit Ihnen sprechen wollen – kein Problem. Zwingen kann ich natürlich niemanden.«
»Schön.«
»Darf ich Sie vielleicht zu unserer Abendspeisung einladen? Wir treffen uns an den Wochentagen immer um sieben. Danach hat sicher der eine oder andere noch Zeit für Sie.« Er erhob sich schwungvoll. Nichts von alledem, was Lara bis jetzt gehört hatte, klang verdächtig oder so, als habe die Sekte etwas zu verbergen. Vielleicht zeigte man ihr hier aber auch nur eine fein ausgemalte Fassade.
Romain Holländer ging vorneweg, und Lara betrachtete seine Rückansicht. Das Hemd konnte nicht verbergen, dass der Mann einen durchtrainierten Oberkörper hatte. Auch sein Hintern war nicht ohne. Bevor er sich zu ihr umdrehte, hatte Lara den Blick schon wieder zu Boden gerichtet. Das Parkett war auch sehr schön. Sie grinste in sich hinein. »Wohnen alle Gemeindemitglieder hier?«
»Nein. Ich selbst wohne ganz oben. Einige unserer Gefährten halten sich nur tagsüber hier auf, andere haben ein Zimmer.« Gefährten? Kinder des Himmels war schwülstig, Gefährten hatte etwas von Herr der Ringe. Die Eingangshalle war leer und still. Lara ermahnte sich, sich nicht einlullen zu lassen. Sie wollte herausfinden, ob jemand aus der Sekte nicht das war, wofür er sich ausgab. Zwei junge Frauen waren ermordet worden, und es gab einen Bezug zu Kirche und Glauben. Kurz tauchte Stefan Reinmanns gutmütiges Gesicht vor ihrem inneren Auge auf. Hatte der Sektenbeauftragte nicht versprochen, ihr spätestens am Montag die Übersetzungen zu liefern? Aber der Montag war ja noch nicht vorbei. Jo hatte auch noch nicht angerufen. Wahrscheinlich dauerte sein Einsatz länger als geplant, was ihr die Zeit ließ, sich hier gründlich umzusehen. »Kann ich Ihr Haus besichtigen? Wir haben doch noch eine halbe Stunde bis zum Abendessen.«
»Die Gemeinschaftsräume kann ich Ihnen gern zeigen. Bitte haben Sie aber Verständnis, dass wir nicht einfach so in die Privaträume der Mitglieder gehen können. Fangen wir im dritten Stock an?« Romain Holländer war stehen geblieben und wartete, ein sanftes Lächeln im Gesicht, bis sie zu ihm aufgeschlossen hatte.
»Von mir aus gern.« Lara erwiderte das Lächeln und hoffte, dass er ihr später auch den Keller zeigen würde. So eine majestätische Villa hatte doch sicher auch einen riesigen Keller. Wo würdest du jemanden tagelang gefangen halten? Doch sicher nicht in den Zimmern ganz oben.
Auf halber Treppe kam ihnen ein junges Mädchen entgegen. Sie hob den Blick auch dann nicht, als Lara sie grüßte. Romain Holländer ging wortlos vorbei, und doch hatte Lara den Eindruck, die Schultern des Sektenführers hätten sich etwas gestrafft. Vielleicht sah sie aber auch nur Gespenster.
»Sie haben vorhin gesagt, manche Mitglieder hielten sich nur tagsüber hier auf. Und abends?«
»Meinen Sie, wohin sie an den Abenden gehen?« Romain Holländer, der vor Lara die geschwungene Treppe hinaufgegangen war, blieb stehen und wartete auf sie.
»Ja.« Ein winziger Zornesfunke glomm in Laras Brust auf. Was denn sonst! Der Typ spielte mit ihr.
»Nach Hause. Sie gehen oder fahren nach Hause. In ihre Wohnungen.« Der Sektenführer setzte sich wieder in Bewegung, während er weiterredete. »Mal ganz davon abgesehen, dass wir hier nicht für alle Platz haben, wird auch keiner gezwungen, hier zu wohnen. Das kann jeder so halten, wie er möchte. Einige von uns sind berufstätig, sie verlassen das Gemeindezentrum früh und kommen nach der Arbeit wieder. Die schulpflichtigen Kinder besuchen umliegende Schulen. Alles ganz normal.« Der letzte Satz hallte in Laras Kopf nach. Alles ganz normal. Genau den Eindruck hatte sie bis jetzt auch. »Und Sie? Verlassen Sie das Gebäude auch ab und zu?« Hätte Romain Holländer überhaupt Gelegenheit, seine Opfer zu kidnappen, einmal davon abgesehen, dass sie es ihm beim besten Willen nicht zutraute?
»Aber sicher. Ich habe repräsentative Aufgaben zu erfüllen. Manchmal treffe ich mich mit Außenstehenden. Ich bin schließlich kein Eremit.« Auf dem oberen Treppenabsatz blieb Romain Holländer erneut stehen und deutete auf eine zweiflügelige weiß gestrichene Tür.
»So, da wären wir. Das sind meine Räume. Bitte folgen Sie mir.«
Er führte sie durch einen Flur, zeigte mit der Bemerkung »das Bad« auf eine kleinere Tür, ging durch eine weitere Tür und schaltete das Licht ein: »Mein Wohnraum.« Das Zimmer war mindestens fünfzig Quadratmeter groß und fast leer. Außer einer weißen Couch mit einem weißen Tischchen, einer gebogenen Stehlampe mit weißem Fuß und weißem Schirm und zwei weißen Sideboards, auf denen mehrarmige weiße Leuchter standen, in denen weiße Kerzen steckten, gab es nichts. Keinen Fernseher, keine Stereoanlage, keine Bücherregale, keine Bilder an den Wänden. Sogar der schlichte Wollteppich war weiß. Laras Augen brannten, und sie wandte sich ab. Ihr Blick fiel auf das weiße Hemd und die weiße Hose des Sektenführers. Seine Schuhe waren auch weiß. So viel zu »alles ganz normal«.
»Da hinten sind Schlafzimmer und Gästezimmer.« Er machte keine Anstalten, sie hinzuführen. »Und hier haben wir mein persönliches Arbeitszimmer.« Romain Holländer war inzwischen nach rechts gegangen und hatte eine weitere zweiflügelige Tür geöffnet. Er blieb im Rahmen stehen und ließ Lara hineinschauen. Hier gab es Bücherregale. Eine ganze Wand voll. Und einen Schreibtisch – weiß natürlich. Wahrscheinlich bedauerte er, dass die Buchrücken nicht auch weiß waren. Lara verkniff sich ein Grinsen.
»Genug gesehen? Auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs ist noch das Besprechungszimmer, aber das gleicht meinem Wohnraum.« Wieder funkelten die Augen und wieder hatte Lara das Gefühl, der Mann verspotte sie auf irgendeine, ihr nicht erklärliche Weise. »Dann gehen wir wieder nach unten.«
Er wartete, bis sie im Flur stand, und löschte dann das Licht.
»Es gibt doch bestimmt auch Zusammenkünfte aller Gemeindemitglieder?« Lara ging voran. Die Fenster im Treppenhaus bestanden aus Bleiglasscheiben mit Alltagsszenen in den leuchtendsten Farben.
»Ja sicher. Mittwochs haben wir eine gemeinsame Abendandacht, an der alle – auch die Kinder – teilnehmen. An den Wochenenden beginnen wir frühmorgens mit unseren Andachten, außerdem gibt es regelmäßige gemeinsame Speisungen.«
»Wo finden denn diese Andachten statt?«
»Im Gebetsraum im ersten Stock. Wir kommen gleich dahin.« Romain Holländer bog nach rechts in einen Gang mit Marmorsäulen ab. Eine Tür öffnete sich, und er blieb kurz stehen. »Hallo, Max.«
»Prinzipal.« Der junge Mann deutete eine Verbeugung an, sein Blick huschte über Laras Gesicht und senkte sich dann sofort, als habe er etwas Verbotenes getan. Er murmelte: »Bis gleich« und eilte in Richtung Treppe.
»Die Zimmer der Gemeindemitglieder kann ich Ihnen nicht zeigen. Das sind private Rückzugsräume, zu denen Besucher keinen Zutritt haben.«
»Das verstehe ich.«
»Und hier ist der Andachtsraum. Bleiben Sie bitte in der Tür stehen. Ich hoffe, Sie haben Verständnis, dass ich Sie nicht hineinbitten kann, aber dieser Raum ist ausschließlich den Kindern des Himmels vorbehalten.« Romain Holländer öffnete die rechte Hälfte einer reich verzierten Tür und ließ Lara hineinsehen. Ihr Blick fiel zuerst auf die akkurat angeordneten Stuhlreihen, zwischen denen man in der Mitte einen Gang freigelassen hatte, und wanderte dann zum rückwärtigen Ende des Saales. Die drei Meter hohen Fenster waren nicht durch Vorhänge verhüllt und gaben so den Blick auf das prächtige Buntglasfenster in der Mitte frei, das eine hohe schmale Gestalt mit Heiligenschein zeigte. Davor stand ein flacher Tisch, der bis zum Boden von einem weißen Tuch verhüllt wurde. Auf ihm fanden sich links und rechts zwei Leuchter mit den gleichen weißen Altarkerzen wie in Romain Holländers »Wohnzimmer«. Ein Kreuz suchte Lara vergeblich. Es gab keinerlei liturgische Darstellungen, Bilder oder geschnitzte Figuren.
»So, es ist Zeit.« Romain Holländer griff an Lara vorbei nach der Türklinke. »Die Abendspeisung beginnt gleich.« Er zog die Tür ins Schloss. Feiner Weihrauchduft wehte heraus und erinnerte Lara an das vergangene Weihnachtsfest.
»Wie ich vorhin schon sagte – Sie sind herzlich eingeladen.« Lara folgte ihm die geschwungene Treppe hinab. »Hier entlang, bitte.« Sie waren im Foyer angekommen und schwenkten in den linken Seitenflügel ab. Lara beeilte sich, zu dem Sektenführer aufzuschließen. »Nutzen Sie auch die Kellerräume?« Romain Holländer erstarrte mitten in der Bewegung, drehte sich zu Lara um und musterte sie scharf. »Was meinen Sie mit ›nutzen‹?«
»Nun, ob dort auch Büro- oder Andachtsräume sind, zum Beispiel.«
Sein Gesichtsausdruck wechselte in schneller Folge von Überraschung zu Nachdenklichkeit und dann zu Ärger. Gleich darauf glätteten sich die Züge und wurden wieder zu der sanftmütigen netten Maske, die Lara schon die ganze Zeit gesehen hatte. »Nein. Dort sind lediglich Lagerräume.« Und es gibt keine Möglichkeit, dass ich diese besichtigen kann, was, mein Freund?
»So und hier ist unser Speisungsraum. Nach Ihnen.« Er öffnete die Tür, und Lara ging voran, den Blick auf die mindestens vierzig Leute gerichtet, die in Gruppen an schlichten Tischen saßen und warteten. Es war still im Raum, auffällig still: Niemand murmelte, kein Geschirr klapperte, die Kinder plapperten nicht, sondern saßen wie kleine Zinnsoldaten auf ihren Stühlen; alle Blicke waren auf die unbekannte Besucherin gerichtet. Erst als Romain Holländer hinter ihr ein unsichtbares Zeichen gab, erwachte die ganze Gesellschaft aus ihrem Dornröschenschlaf. Aber auch jetzt waren sie dabei leise. Lara folgte dem Sektenführer bis zu einem Tisch an der Fensterfront und versuchte, unauffällig die Menschen zu beobachten. Gleichzeitig fragte sie sich, warum Jo noch nicht angerufen hatte. Es erschien ihr unwahrscheinlich, dass er zum Fotografieren bei dem vermeintlichen Leichenfund zwei Stunden brauchte. Aber womöglich war noch ein anderer Auftrag hereingekommen. Sie beschloss, jetzt nicht mehr darüber nachzudenken, sondern sich voll und ganz dem Geschehen hier zu widmen. Auf dem Heimweg war immer noch genug Zeit, den Freund anzurufen.
»Ich habe es mindestens fünfmal probiert.« Jo drückte ein paar Tasten seines Handys. »Sechsmal, um genau zu sein. Aber du bist einfach nicht rangegangen.«
»Das ist merkwürdig.« Auch Lara hatte ihr Mobiltelefon in der Hand. »Vor zwei Minuten erst habe ich die Meldung bekommen, dass in meiner Abwesenheit Anrufe eingegangen sind. Da drin«, sie zeigte auf das verschnörkelte Tor der Sektenvilla, »gab es anscheinend keinen Empfang.« Sie musterte die Auffahrt. Die Blätter der verschneiten Rhododendronbüsche waren in der Kälte zu schmalen dunklen Röhren eingerollt. Jos Honda hatte auf der gegenüberliegenden Straßenseite geparkt, als sie endlich – es war bereits halb acht – herausgekommen war, den Kopf voller widersprüchlicher Eindrücke. Er stehe hier seit halb sieben, hatte er ihr erklärt.
»Jedenfalls bin ich froh, dass du da heil wieder rausgekommen bist.« Jo schaute nach vorn. Weiße Flocken landeten auf der Windschutzscheibe und zerflossen zu winzigen Tröpfchen. Es war warm im Auto. Der Motor schnurrte. »Noch ein paar Minuten länger und ich wäre da reingestürmt und hätte nach dir gesucht.«
»Ich hätte doch auch längst weg sein können. Woher wusstest du, dass ich noch drin war?«
»Intuition. Außerdem wärst du doch sonst ans Telefon gegangen, oder?«
»Da hast du auch wieder recht. Ich habe an der sogenannten Abendspeisung teilgenommen.« Lara malte mit dem Zeigefinger einen Kreis auf die beschlagene Scheibe ihres Fensters und berichtete über den Ablauf des Besuches. »Dieser Romain Holländer macht einen ganz seriösen Eindruck. Allerdings bin ich nicht dazu gekommen, mit seinen Leuten zu reden. Er hat mich die ganze Zeit über abgeschirmt. Ich saß bei ihm am Tisch und wurde von einer älteren Frau bedient. Es gab keine Gelegenheit, sich unbeobachtet mit Sektenmitgliedern zu unterhalten.«
»Welchen Eindruck hattest du denn von ihnen? Wirkten sie eingeschüchtert oder ängstlich?«
»Eher zurückhaltend. Die Kinder waren ausgesprochen folgsam und still.«
»Dann versuchen wir beim nächsten Mal, wenn ich dabei bin, einige von ihnen zu befragen.«
»Gute Idee. Holländer hat jedenfalls nichts dagegen, dass ich noch einmal wiederkomme und einen Fotografen mitbringe.« Sie dachte kurz nach: »Bis jetzt könnte ich nicht sagen, dass dort etwas nicht gestimmt hat. Bis auf den fehlenden Handyempfang.«
»Vielleicht blockieren sie die Signale?«
»Warum sollten sie das tun? Du bist ein bisschen paranoid.« Lara sah zu ihm hinüber und stellte fest, dass Jo sie unverwandt ansah. Seine Pupillen waren groß und dunkel.
»Vielleicht bin ich das.« Noch ehe sie über eine passende Antwort nachdenken konnte, beugte er sich zu ihr herüber, nahm ihren Kopf in beide Hände und drückte seinen Mund auf ihren. Lara spürte die weichen Lippen, das leichte Kratzen seines Kinns und die Wärme seiner Handflächen an ihren Wangen, während ihr Herz einen Stolperschlag tat und dann vorangaloppierte. Der Moment dauerte nur wenige Sekunden, dann löste er sich von ihr und sah sie an. »Entschuldige.«
»Ist OK.« Lara betrachtete ihr Handy, das sie noch immer in der Rechten hielt, als habe sie es noch nie gesehen. Ihre Wangen glühten.
»Wollen wir irgendwo etwas essen?« Jo klang heiser.
»Hunger habe ich nicht. Da drin gab es Suppe und zum Nachtisch Pudding, und es hat sehr gut geschmeckt. Ich glaube, die kochen selbst.«
»Dann etwas trinken?« Er war hartnäckig. »Ich muss dir unbedingt von der Leiche in der Bankfiliale erzählen. Und bei einem Glas Wein geht das besser als hier in diesem Blechkasten.«
»Na gut. Aber höchstens eine Stunde. Ich möchte morgen früh in der Redaktion nicht in den Seilen hängen.« Sie musste in Bestform sein, wenn sie Tom ihre Stellungnahme zu der Abmahnung auf den Tisch legte.
»Super.« Jo schnallte sich an.
Lara wandte sich ab und schob das Mobiltelefon in die Manteltasche. Die Finger stießen auf etwas Hartes und tasteten. Glatte Oberfläche, dünn und rechteckig. Weder ein Schlüssel, noch das Diktiergerät. Sie griff zu, zog das unbekannte Objekt hervor und schaute dann verblüfft auf das mehrfach gefaltete Blatt.
»Was hast du denn da?«
»Sieht aus wie ein Zettel.« Die Finger nestelten das Papier auseinander und Lara überflog die Zeilen. »Das muss mir dort drin jemand in die Manteltasche gesteckt haben, während ich bei diesem Holländer im Büro saß.«
»Was steht denn da?« Jo hatte sich herübergebeugt.
Lara hörte sein Atmen, und die Hitze wallte erneut in ihrem Gesicht auf. »Achten Sie auf den Keller!«
Rhythmisches, dumpfes Schaben weckte Lara aus ihrem wirren Traum. Sie sah an die Zimmerdecke. Draußen schippte jemand Schnee. Kein Lichtstrahl drang herein. Es musste sehr früh am Morgen sein, ihr Wecker hatte noch nicht geklingelt. Sie schloss die Augen und öffnete sie im gleichen Moment wieder. Neben ihr atmete jemand.
Noch bevor sie erschrecken konnte, kam die Erinnerung heraufgesprudelt: der schwere Wein, die Wärme in dem Lokal, die Gespräche der anderen, leises Gelächter, Kerzenschein. Jo hatte ihr von seiner Entdeckung beim Filmen der Leiche aus der Bankfiliale erzählt und dass er glaubte, etwas, das wie Schrift aussah, auf der Stirn des Toten entdeckt zu haben. Er würde gleich morgen den Film Bild für Bild auswerten, um herauszufinden, ob er recht hatte. Seine Augen hatten gefunkelt, als er gesagt hatte: »Weißt du, was das bedeutet?« Sie wusste es. Natürlich. Da draußen war ein verrückter Serientäter am Werk. Jemand, der Frauen und Männer ermordete und ihnen Texte auf Stirn und Rücken tätowierte.
Und dann waren sie aufgebrochen und zu Jo gefahren. Er hatte gar nicht gefragt, ob sie zu sich nach Hause wollte, sondern war einfach davongebraust, wie immer zu schnell, und Lara hatte nicht dagegen protestiert. Sie war ein wenig beschwipst gewesen und wenn sie ehrlich war, auch ein wenig geil. Ziemlich geil. Lara verdrehte in der Dunkelheit die Augen. Jo schien es genauso gegangen zu sein. Seit Monaten fragte sie sich, ob er tatsächlich etwas von ihr wollte, oder ob sie sich das nur einbildete. Der Alkohol schien ihm die Hemmungen genommen zu haben. Oder war es einfach eine willkommene Gelegenheit gewesen? Der Rotwein, den sie beide in Jos Küche getrunken hatten, schien ihren Widerständen endgültig den Garaus gemacht zu haben, und wenig später waren sie im Bett gelandet. Lara rieb sich über die Stirn und ließ die Hand dann über ihren nackten Körper gleiten. Nicht, dass es nicht schön gewesen wäre, aber war es auch das Richtige gewesen?
Jo schnaufte und drehte sich dann um. Sie überlegte, ob sie ihre Sachen zusammensuchen und gehen sollte, bis ihr einfiel, dass ihr Mini noch immer im Parkhaus neben der Redaktion stand. Sie dachte an die Ratschläge ihrer Freundin Doreen. »Stell dir euch beide im Bett vor. Und dann frag dich: Fühlt es sich richtig an?«
Fühlte es sich richtig an? Lara starrte in die Dunkelheit. Sie wusste es nicht. War das nicht ein Indiz dafür, dass es nicht passte? Sie musste Abstand gewinnen, um in Ruhe darüber nachdenken zu können.