5

»Das ist doch nicht dein Ernst!« Jo klang ungläubig. »Eine Leiche bei der Modenschau?«

Lara seufzte und wiederholte dann im Telegrammstil ihre Erlebnisse. Zuerst hatte sie gezögert, den Kollegen mitten in der Nacht anzurufen, aber irgendjemandem musste sie die Ereignisse berichten. Es war nach Mitternacht. Ihre Eltern schliefen längst, ganz davon abgesehen, dass sie nicht die Richtigen für so einen Anruf waren. Mark Grünthal, Psychologe und gleichzeitig ein guter Freund, hatte Familie. Sicher wäre seine Frau nicht sonderlich erfreut, wenn Lara ihn nachts um halb eins aus dem Bett klingelte. Auch ihre Freundin Doreen kam nicht infrage. Und so hatte sie sich für Joachim Selbig entschieden. Von ihm wusste sie, dass er spät zu Bett ging. Jo war freier Fotograf, arbeitete unter anderem für die Tagespresse. In den letzten Monaten war er ihr zunehmend ans Herz gewachsen.

»Zuerst wollte ich noch in die Redaktion fahren, aber als es immer später wurde, habe ich mir das geschenkt. Die heutige Ausgabe ist längst in Druck.« Lara trat von einem Fuß auf den anderen und betrachtete den hell erleuchteten Eingang der Fabrikhalle, durch den Männer in weißen Overalls hinein- und herausgingen. Die Kälte kroch ihr unter die gefütterte Jacke.

»Und nun?«

»Die Kripo hat unsere Personalien aufgenommen. In den nächsten Tagen werden wir alle zu Befragungen vorgeladen.« Lara stöhnte. Das hatte ihr noch gefehlt, stundenlang auf dem Revier zu sitzen und zu warten, dass man drankam, um dann von zwei unfreundlichen Beamten ausgequetscht zu werden.

»Willst du auf einen heißen Tee vorbeikommen?« Jo klang besorgt. »Oder einen Grog? Dann kannst du mir alles in Ruhe erzählen.« Lara dachte an die späte Stunde und die Wärme des Alkohols in ihrem Blut, biss sich auf die Lippen und schwieg.

»Du willst dich doch jetzt nicht zu Hause vergraben und grübeln!«

»Ist dir das nicht zu spät?«

»Dann hätte ich es nicht angeboten. Los, schmeiß dich in dein Auto und komm her!«

Lara nickte unmerklich. Jo hatte recht. Sie würde jetzt so oder so keinen Schlaf finden. »Na gut. Setz schon mal Wasser auf.« Sie schaltete das Handy ab und machte sich auf den Weg zu ihrem Auto.

»Und die Tote auf der Bahre war das für das Brautkleid vorgesehene Model?« Jo saß nach vorn gebeugt in seinem Sessel und hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt.

»Ja. Carolin hieß sie. Den Nachnamen habe ich nicht richtig verstanden.« Lara pustete auf ihren Grog. Allmählich kehrte das Leben in ihre klammen Glieder zurück.

»Hast du Fotos gemacht?«

»Jede Menge. Ich habe geknipst, was das Zeug hielt.«

»Wollen wir uns die zusammen ansehen oder würde dich das zu sehr aufregen?«

»Ich glaube nicht. Außerdem bin ich schon aufgewühlt.« Lara klappte ihre Handtasche auf, holte den Fotoapparat heraus und hielt ihn Jo hin. Der nahm den Speicherchip heraus und verließ den Raum. Lara sah sich um. Sie war noch nie bei Jo zu Hause gewesen. Das Wohnzimmer hatte eine opulente Stuckdecke und Parkettboden. Die Einrichtung war jedoch eher funktional, typisch für einen alleinlebenden Mann. Nirgendwo waren Bilder von Familienangehörigen zu sehen. Sie hatte keine Ahnung, ob Jo jemals verheiratet gewesen war, ob er Kinder hatte und was in seinem Privatleben sonst noch so passierte, und im Moment auch keine Vorstellung, ob sie dies überhaupt wissen wollte. In den letzten Monaten waren sie ab und zu miteinander ausgegangen: ins Kino, ins Theater, in Szeneklubs; aber die Abende hatten jedes Mal damit geendet, dass sie sich vor ihrer Haustür verabschiedet hatten.

»Komm mal rüber, Lara!« Jos Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Hoffentlich hatte er den Rechner nicht im Schlafzimmer. Sie nahm ihre halbvolle Tasse mit und überquerte den Flur. Jo saß an einem riesigen alten Schreibtisch, auf dem zwei Monitore nebeneinanderstanden. Und es war das Arbeitszimmer, Gott sei Dank. Die Wände hingen voller Naturaufnahmen.

»Setz dich. Ich hab alles runtergeladen. Du willst doch sicher einen Artikel darüber schreiben, oder?«

»Na klar. Der ursprüngliche Bericht über die diesjährigen Absolventen kann ja nun nicht so bleiben, wie geplant. Allerdings hat die Kripo uns bis morgen« – Lara sah auf die Uhr und korrigierte sich – »bis heute einen Maulkorb verpasst. Oder besser gesagt, haben sie darum gebeten, dass die Presse sich mit Details zurückhält, bis sie mehr wissen.«

»Verstehe.« Jo vergrößerte das erste Foto. »Das ist wohl vor der Show?«

Lara trank ihren Grog aus und nickte. Während sie Bild für Bild erklärte, trug Jo gleichzeitig Dateinamen und geschätzte Uhrzeit ein. So würde der Computer die Bilder dann in der richtigen Reihenfolge sortieren. Als sie zu den ersten Laufstegfotos kamen, hielt er inne. »Noch einen Grog?« Lara nickte, obwohl ihre Wangen inzwischen gerötet waren und sie das Gefühl hatte, Fieber zu bekommen. Aber sie glaubte, dass der Alkohol ihr helfen würde, die grausigen Bilder zu kommentieren.

»Damit fing es an?« Jo deutete auf das Bild, auf dem ein Model seine rote Handfläche betrachtete, den Mund zu einem erstaunten »O« aufgerissen. Auf dem nächsten Foto schrie sie, und die beiden neben ihr stehenden Mädchen schauten mit verblüfftem Gesichtsausdruck nach oben. In schneller Abfolge folgten die restlichen Bilder. Viele waren unscharf. Lara trank noch einen Schluck Grog und gähnte. Sie musste beim Fotografieren gezittert haben, ohne es zu merken.

»Das ist eine Art Seilzug.« Jos Gesicht war dicht vor dem Monitor, er studierte jedes Detail. »Was befand sich eigentlich über dem Laufsteg?«

»Ein Gerüst, an dem Lampen befestigt waren, so ähnlich wie ein Schnürboden in einem Theater.«

»Stand dort oben jemand? Techniker, die die Scheinwerfer gesteuert haben?«

»Ich glaube, das lief automatisch. Aber sicher bin ich mir nicht.« Lara leerte die Tasse und gähnte erneut. »Es war schwierig zu erkennen, weil man direkt ins Licht schauen musste.«

»Jemand muss diese Bahre herabgelassen haben.« Noch immer starrte Jo auf das Foto mit dem toten Mädchen. Sie lag wie eine Gekreuzigte auf dem Rücken, die Arme im rechten Winkel vom Körper weggestreckt, die Blutrinnsale, die von beiden Händen herabtropften, mitten in der Bewegung erstarrt. Jo beugte sich noch ein bisschen dichter nach vorn. »Was hat sie auf der Stirn?«

»Auf der Stirn?« Laras Zunge ließ sich nur schwer bewegen. »Weiß nich …« Wie viel Rum hatte Jo eigentlich in den Grog getan?

»Da sind dunkle Stellen. Es sieht aus wie zwei schwarze Streifen.«

»Schwazze Streifen?« Lara stellte die leere Tasse auf den Fußboden. Vor ihren Augen flimmerten die Bilder der Nacht.

»Das muss ich mir morgen Vormittag noch einmal vornehmen.« Auch Jo gähnte jetzt. »Das kriegen wir noch schärfer hin, und dann kann man vielleicht erkennen, was es ist. Die meisten Fotos müssen sowieso nachbearbeitet werden. Aber das kann ich morgen für dich machen. Lass uns wieder rübergehen. Es ist schon nach drei. Du bist sicher müde.«

*

»Ich lasse dich vor der Redaktion raus.« Lara bremste und Jo angelte seine Sachen vom Rücksitz.

»Bis gleich.« Jo stieg aus und blickte Laras Mini Cooper nach, der in Richtung Parkhaus davonfuhr. Der gelbe Kleinwagen mit den schwarzen Rallyestreifen leuchtete im Licht der tiefstehenden Morgensonne.

Keiner von beiden sah den Mann, der drei Stockwerke weiter oben mit abwesendem Gesichtsausdruck vom Fenster zurücktrat. Er hatte zugesehen, wie das gelbe Auto vorgefahren und Jo ausgestiegen war, und messerscharf geschlussfolgert, dass die Redakteurin Lara Birkenfeld und der Fotograf Joachim Selbig zusammen zum Dienst kamen. Tom Fränkel, der Redaktionsleiter, beschloss, diese Beobachtung vorerst für sich zu behalten. Wer weiß, wozu man sie später einmal verwenden konnte.

Auf dem Weg zu ihrem Stellplatz ließ Lara den Morgen noch einmal Revue passieren. Als Jo sie mit einer Tasse Kaffee geweckt hatte, war sie völlig desorientiert gewesen. Sie hatte in ihren Klamotten auf einem blauen Sofa gelegen und war mit einer karierten Decke zugedeckt. Es dauerte einige Minuten, bis ihr klar wurde, was passiert sein musste – sie war auf Jos Couch eingeschlafen, und er hatte sie nicht wieder wach bekommen. Der zweite Grog musste ihr das Genick gebrochen haben. Lara lächelte, bis ihr einfiel, was sie gestern Abend erlebt hatte.

Weiße Atemwölkchen ausstoßend, eilte sie zum Redaktionsgebäude. Jos Auto war nicht angesprungen, und so hatte sie ihm angeboten, ihn mitzunehmen. Wie gut, dass niemand gesehen hatte, dass sie gemeinsam gekommen waren. Die Gerüchteküche in der Redaktion würde ihnen sofort eine Affäre andichten.

»Na, du hast wohl den Wecker nicht gehört?« Es klang ein wenig anzüglich. Tom Fränkel stand in der Tür zu seinem Büro und grinste maliziös.

»Entschuldige, Tom. Ich hab tatsächlich verschlafen. Aber ich habe eine Erklärung dafür.«

»Da bin ich aber gespannt!«

»Kam denn noch nichts über den Ticker? Ich war doch gestern Abend zu der Runway-Show von Rootdesign

»Ich kann nicht alle naselang den Newsticker beobachten. Ich habe auch noch andere Aufgaben.« Tom war jetzt wieder ernst. Wahrscheinlich ging ihm gerade auf, dass Lara ihm keine Ausrede für ihr Zuspätkommen auftischen wollte, sondern tatsächlich einen handfesten Grund dafür hatte.

»Ist es die Leiche auf der Bahre?« Friedrich Westermann tauchte aus der Küche auf, einen großen Becher Kaffee in der Rechten.

»Eine Leiche? Auf einer Bahre?« Toms Mund schloss sich mit einem Schnappen, während Lara nickte.

»Das kam doch in allen News. Bei dieser Modenschau gestern Abend wurde ein Model ermordet. Im Brautkleid.« Friedrich drehte sich um und ging zu seinem Rechner. Nächstes Jahr würde er in Rente gehen. Nichts und niemand konnte ihn mehr erschüttern.

»Und du warst dort?«

»Ich habe alles gesehen und fotografiert.« Lara schluckte, als sie an die klaffende Halswunde und das viele Blut dachte.

»Fotos auch? Super, Lara.« Toms Augen funkelten jetzt. Sie hatten eine Riesenstory! »Lade die Bilder auf den Server, dann kann Kollege Selbig sie gleich bearbeiten.« Er sah sich um, als suche er den Fotografen, und auch Lara dachte darüber nach, wo Jo sein mochte. Er war doch vor ihr in der Redaktion eingetroffen. Oder versteckte er sich, weil er sonst hätte zugeben müssen, die Bilder bereits alle gesehen zu haben? »Danach kommst du zu mir und berichtest mir jedes Detail, damit wir entscheiden können, wie wir die Artikel gestalten. Das wird morgen der Aufmacher!« Tom Fränkel rieb sich die Hände und verschwand in seinem Büro.

»Ach hier sitzt du.« Lara trat hinter Jos Drehstuhl. Der Kollege hatte sich in den hintersten Raum zurückgezogen. Seine Finger huschten über die Tasten, auf dem Bildschirm poppten Fenster auf und verschwanden sofort wieder.

»Ich hab schon mal mit den Fotos angefangen. Setz dich.«

»Tom will mit der Sache morgen aufmachen.«

»Das kann ich verstehen. Welche Zeitung würde das nicht tun! Gab es noch mehr Presseleute dort?«

»Nein. So wichtig sind diese Graduierten-Schauen dann nun auch wieder nicht.«

»Also sind wir die Einzigen, die Fotos davon haben?« Jo sprach, ohne Lara anzusehen. Seine ganze Konzentration galt den Bildern auf dem Monitor.

»Darüber habe ich bei all der Aufregung noch gar nicht nachgedacht. Mit Sicherheit haben aber welche von den Gästen mit ihren Handys fotografiert oder gefilmt.«

»Handyfotos sind meistens Schrott. Darüber brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Die besitzen fast nie Druckqualität.« Jo machte eine wegwerfende Handbewegung, ehe er fortfuhr. »Du könntest die Bilder Agenturen oder überregionalen Zeitungen anbieten und ein bisschen pokern. Ich bin sicher, dass sie dir etwas dafür zahlen.«

»Oh.« Lara betrachtete das unscharfe Foto auf dem Bildschirm. Auf die Idee war sie noch gar nicht gekommen. Aber sie hatte ja sonst auch nichts mit der Fotografiererei zu tun.

»Exklusivfotos sind immer gefragt. Wenn wir eins finden, das scharf genug ist.« Jo sah kurz zu Lara und grinste.

»Ich war ziemlich aufgeregt.«

»Das war ein Scherz, Lara. Du darfst nicht immer alles wörtlich nehmen. Soll ich dir beim Kontakt mit den Agenturen helfen? Ich habe im Laufe meiner Tätigkeit schon einige Bilder meistbietend verkauft. Von den Einnahmen gehen wir dann schön essen.«

»Lieber nicht. Tom ist ganz begeistert von der Sache und will morgen damit aufmachen. Ich komme in Teufels Küche, wenn ich die Fotos anderweitig verhökere. Warten wir erst einmal ab, was bei uns erscheint, danach können wir die Bilder immer noch einer Agentur anbieten.« Jo nickte, setzte zu einer Erwiderung an, hielt inne und beugte den Oberkörper vor. »Da ist es ja. Das wollte ich mir noch einmal genauer anschauen.« Auf dem Monitor war das Bild des toten Models auf der Trage zu sehen. Lara hatte schräg von der Seite fotografiert.

Jo vergrößerte das Gesicht. »Siehst du das? Auf ihrer Stirn? Die beiden dunklen Streifen? Ich möchte zu gern wissen, was das ist. Wir haben doch gestern Abend schon darüber geredet. Hast du eine Ahnung? Du hast es doch im Original gesehen.«

»Ich sehe das jetzt zum ersten Mal bewusst. Bei der Modenschau ist mir nichts dergleichen aufgefallen, da war aber auch ein heilloses Durcheinander. Models rannten wie aufgescheuchte Hühner hin und her, manche Leute weinten, anderen schrien, das Licht der Scheinwerfer schwankte vor und zurück; ich war selbst ziemlich durcheinander.«

»Das sieht aus wie Buchstaben.« Jos Nase berührte jetzt fast den Bildschirm. »Zwei nebeneinanderstehende Wörter. Oder was meinst du?«

»Könnte sein.«

Jo vergrößerte stärker. Das Gesicht, das einmal Kate Moss geähnelt hatte, hatte eine bläuliche Farbe. Der Kontrast wurde durch die dunkelrot klaffende Wunde unter dem Kinn noch verstärkt. Jetzt konnte man die Zeichen auf der Stirn deutlicher erkennen. »Su… Sup… Lo… Lu…« Jo murmelte vor sich hin und kritzelte dabei Zeichen auf den Block neben der Tastatur. »Wenn ich es noch größer mache, wird es unscharf. Die Pixelzahl reicht nicht aus.«

Lara streckte den Rücken und legte den Kopf in den Nacken. Plötzlich konnte sie das zweite Wort erkennen. Es lautete Lucifer.

»Lara?« Tom Fränkels Stimme näherte sich schnell. »Ich warte auf deinen Bericht!« Jo drückte hastig ein paar Tasten, und das Foto verschwand und machte genau in dem Moment einer Aufnahme vom Backstagebereich Platz, als der Redaktionsleiter in der Tür erschien. »Was dauert denn das Herunterladen so …« Tom sah Lara neben Jo am Schreibtisch sitzen und kräuselte die Lippen. »Ich hatte dich doch vorhin gebeten, gleich zu mir ins Büro zu kommen. Die Fotos kann Jo auch allein bearbeiten, nicht?« Er lächelte spöttisch, drehte sich um und marschierte davon.

»Mir gefällt sein anzüglicher Ton nicht.« Lara erhob sich. »Der tut ja gerade so, als ob ich zum Vergnügen hier sitze.«

»Geh zu ihm, und befriedige seine Neugier.« Jo hatte seine Aufmerksamkeit schon wieder den Fotos zugewandt. »Ich mache hier weiter. Wir können ja heute Mittag zusammen essen gehen. Da sind wir ungestört.«

»Gute Idee. Bis dann.« Auf ihrem Weg durch die Redaktionsräume dachte Lara darüber nach, ob sie Tom über die eben gemachte Entdeckung informieren sollte, beschloss aber, diese vorerst für sich zu behalten.

»So. Und nun mal alles schön der Reihe nach. Ich habe inzwischen in die News geschaut.« Tom wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. »Warst du die Einzige, die fotografiert hat?«

»Soweit ich weiß, ja.«

»Das ist genial. Wir sind exklusiv!«

»Die Bilder sind ziemlich unscharf. Ich war aufgeregt.«

»Egal! Kollege Selbig macht das schon!« Tom klatschte die Handfläche auf den Tisch. Seine Freude war unübersehbar. »Was ging da gestern Abend ab?«

Nachdem Lara die Ereignisse bei der Modenschau geschildert und mit dem blutüberströmten toten Model geendet hatte, faltete Tom die Hände über der Brust. Sein Gesichtsausdruck glich dem einer Katze, die gerade den Sahnetopf ausgeschleckt hat. »Wunderbar!«

Lara zuckte zusammen, und er korrigierte sich schnell. »Sehr aufregend das Ganze, finde ich. Äh … also eher faszinierend.« Tom schien zu bemerken, dass er sich immer tiefer hineinmanövrierte, schloss den Mund, bevor noch weitere unpassende Worte herausquellen konnten, und rieb zur Sicherheit noch mit der Handfläche darüber. »Wir machen eine Serie daraus, die du betreust. Morgen kommen wir mit dem Bericht über die Modenschau, das tote Model, die Aufregung unter den Gästen. Schön atmosphärisch das Ganze, Lara. Du kannst nachher gleich einen Aufmacher in unser Onlineportal stellen und die Artikelserie ankündigen.« Das feiste Grinsen war noch immer auf seinem Gesicht, und Lara hasste den Redaktionsleiter einen Moment lang dafür. »Als Nächstes könnte man das Opfer vorstellen. Das Modebusiness kommt bei den Lesern immer gut. Danach vielleicht die Hochschule, etwas über Mode an sich und verrückte Entwürfe. Du machst das schon.« Mitten in seinen Redeschwall hinein klingelte das Telefon. Tom hob den Zeigefinger, griff zum Hörer und bellte ein »Tagespresse, Fränkel« hinein. Dann lauschte er. Sein Gesichtsausdruck wandelte sich von barsch zu unterwürfig. »Aber sicher doch. Natürlich gern. Wir stehen zur Verfügung. Kommen Sie einfach vorbei. Ja, Frau Birkenfeld ist auch hier. Bis gleich!« Lara, die aufgehorcht hatte, als sie ihren Namen hörte, sah Tom auflegen. Dann stützte er die Ellenbogen auf den Tisch und faltete die Hände, als wollte er beten.

»Die Kripo wird gleich hier sein. Du bist eine wichtige Zeugin, und sie haben uns um Unterstützung gebeten. Ich würde mir gern vorher selbst diese Fotos ansehen.« Er erhob sich und rauschte hinaus, ohne zu warten, ob Lara ihm folgte.

»Wir kooperieren, wo wir nur können.« Tom rang die Hände und sah ein bisschen unglücklich aus. Die Kriminalbeamten wollten ihm seine Exklusivfotos wegnehmen. »Aber verstehen Sie doch bitte, wir können diese Bilder nicht einfach so hergeben. Wenn Sie sie beschlagnahmen wollen, brauchen Sie einen richterlichen Beschluss.«

»Das wissen wir. Deshalb bitten wir Sie ja auch um eine freiwillige Herausgabe.« Der Kripomann schaute ernst. Lara kannte ihn nicht. Sie stand mit Jo im Hintergrund und beobachtete das Geplänkel. Würde Tom nachgeben? Natürlich konnte er auf der Pressefreiheit beharren, aber das würde die Beamten verärgern, sodass sie wahrscheinlich zum Staatsanwalt und dann zum Richter rennen und mit einer Beschlagnahmeanordnung zurückkommen würden. Und dann war das Tischtuch zerschnitten, und die Tagespresse würde so schnell keine Informationen von der Kripo mehr bekommen.

»Herr Fränkel, es geht um Mord. Auf den Fotos könnte der Täter zu sehen sein. Das sollte doch Grund genug sein, dass Sie uns die Bilder überlassen. Wenn alles geklärt ist und wir eine Freigabe erteilen, können Sie sie selbstverständlich verwenden.«

»Wer weiß, wann das sein wird. Einen Artikel über das Geschehen werden wir aber auf jeden Fall bringen.« Tom verzog das Gesicht. Er sah seine »Riesenstory« davonschwimmen. Aber würde er es wagen, sich den Beamten zu widersetzen? Plötzlich entdeckte Lara das altbekannte Funkeln in seinen Augen, bevor er weitersprach. »Wie wäre es damit: Wir kooperieren. Fotos gegen Informationen.«

Die beiden Kripobeamten sahen sich einen Moment lang an. Dann nickte einer von ihnen. Tom tat es ihm nach und rieb sich dabei unbewusst die Hände. Danach deutete er auf Jo. »Gib den Beamten den Speicherchip, Jo.« Ohne Kommentar ging Jo zu seinem Computer, zog den Chip ab und reicht ihn dem Beamten. Der verstaute ihn in einem kleinen Plastikbeutel und wandte sich an Lara.

»Und nun möchten wir gern mit Ihnen sprechen, Frau Birkenfeld. Allein. Der Redaktionsleiter hat uns sein Büro zur Verfügung gestellt.« Während Lara hinter den beiden hertrottete, dachte sie darüber nach, ob Jo Kopien auf seinem Rechner gespeichert hatte und ob das Lucifer-Foto mit dabei war.