43
Die tiefstehende Sonne schien zwischen den Villen hindurch und ließ die Kühlerhaube ihres Mini-Coopers orange erscheinen. Lara sah nach oben. Die borkigen Äste der mächtigen Kastanien bildeten ein bizarres Geflecht unter dem blauen Himmel. Ein Schwarm Vögel segelte in einer spitzwinkligen Formation weit oben durch die klare Luft. Die Müdigkeit war mit einem Schlag gekommen und hatte ihre Beine schwer und den Kopf leicht gemacht.
Als das Handy in ihrer Tasche klingelte, erschrak sie. Es dauerte endlose Sekunden, bis sie es herausgeholt hatte.
Marks Stimme klang verärgert. Wieso sie seit Stunden nicht an ihr Telefon ginge. Er mache sich große Sorgen. Seine SMS habe sie auch ignoriert. Lara begann zu erklären und suchte unterdessen nach ihrem Autoschlüssel. Der Türgriff des Minis fühlte sich kalt an. Jos Sachen warf sie einfach auf den Rücksitz, dann stieg sie ein und ließ den Motor an. Das Auto stand mittlerweile im Schatten, und der Innenraum glich einem Eisschrank.
»Die haben mich gar nicht ernst genommen!« Lara presste das Handy mit der hochgezogenen Schulter ans Ohr und rieb sich die klammen Finger. Es war ein Fehler gewesen, heute früh auf Handschuhe zu verzichten. »Ich habe den Beamten alles genauestens erklärt. Dass Frieder Wörth den Sektenchef niedergeschlagen hat und dann mit dem Auto verschwunden ist. Wahrscheinlich hat er seinen Sohn dabei. Und dass er höchstwahrscheinlich der Serienmörder ist, den sie suchen.«
»Wie kommst du darauf?« Die Verblüffung ließ Marks Stimme höher klingen. Lara erläuterte, was sie von den Frauen in der Sektenvilla über den Mann erfahren hatte. Mark schien nicht überzeugt zu sein. Seine einsilbigen Kommentare weckten den schlafenden Zorn in ihrem Bauch auf. Aus den Düsen kam noch immer kalte Luft. Damit das Auto sich erwärmte, würde sie losfahren müssen.
»Also gut. Ich werde mich dir zuliebe auch noch einmal erkundigen, wie die Dinge stehen. Die Kollegen werden sich um die Sache kümmern, hab einfach Vertrauen.« Mark musste ihr Schnaufen gehört haben, deshalb fuhr er fort, ehe sie etwas erwidern konnte. »Fahr jetzt zu Jo ins Krankenhaus und schau, wie es ihm geht. Danach rufst du mich wieder an, in Ordnung?«
»Na gut.« Lara hörte selbst den Widerwillen in ihrer Stimme, aber sie konnte nichts dagegen tun. Sie hasste Marks Vernunftmasche, aber er hatte recht. Sie schnallte sich an. Jo ging es wahrscheinlich gut, aber sie wollte trotzdem nach ihm sehen. Vielleicht konnte sie ihn gleich mitnehmen. Sein Honda stand ja noch hier. Lara drehte sich um. Einer ihrer Halswirbel knackte. Wenn Jo nichts fehlte, würde sie ihn hierherbringen, damit er mit seinem Auto heimfahren konnte. Und danach würde sie noch einmal in der Villa vorbeischauen. Jetzt – wo Romain Holländer nicht mehr im Hause war – würde es ihr leichter fallen, dort ein bisschen herumzuschnüffeln. Vielleicht fand sie Beweise für Frieder Wörths Taten. Sie hatte den Gedanken noch gar nicht ganz zu Ende gedacht, als das Handy erneut klingelte. Lara schnaufte empört. Hatte Mark noch ein paar Ermahnungen vergessen?
»Frau Birkenfeld?« Zuerst erkannte sie die Stimme am anderen Ende nicht. »Hallo? Hören Sie mich? Hier ist Stefan Reinmann. Ich muss Ihnen dringend etwas zeigen. Ich habe da etwas entdeckt. Sie müssen zu mir kommen!«
»Ich kann jetzt nicht. Vielleicht heute Abend auf einen Sprung.« Lara blinkte links. Der Mann hatte ihr gerade noch gefehlt.
»Bitte! Es ist sehr wichtig! Es geht um diesen Serienmörder!« Sie hörte ihn atmen.
»Na gut. Ich habe aber nicht mehr als zehn Minuten, dann muss ich weiter.«
»Danke! Sie werden es nicht bereuen. Wann können Sie hier sein?«
»In einer Viertelstunde. Bis dann.« Gnade ihm Gott, wenn es nichts Wichtiges war. Danach würde sie sofort zu Jo ins Krankenhaus fahren. Lara warf das Handy auf den Beifahrersitz und bog auf die Straße ab.
*
»Kommen Sie herein.« Stefan Reinmann nahm Laras Hand und zog sie in den Vorraum, während er nach draußen schaute. »Wo haben Sie geparkt?«
»Gleich da drüben.« Lara deutete hinter sich auf die andere Straßenseite. »Ich habe wirklich nicht viel Zeit. Mein Kollege ist im Krankenhaus, und ich möchte ihn besuchen.«
»Der Fotograf?« Stefan Reinmann klang überrascht. »Was ist mit ihm?«
»Eine längere Geschichte. Ich erzähl sie vielleicht später mal. Heute fehlt mir die Zeit dazu. Was haben Sie denn für Informationen?« Hoffentlich kam er gleich zur Sache.
»Das glauben Sie nie. Kommen Sie mit, ich habe etwas für Sie. Da entlang.« Er zeigte auf eine Tür im rückwärtigen Teil des Eingangsbereiches und ließ Lara vorangehen. Sie streckte die Hand nach der Klinke aus und zuckte zusammen, als ihr Handy in der Tasche zu klingeln begann. »Das ist ja nervtötend.« Sie rollte kurz mit den Augen und ließ es klingeln. Die Tür öffnete sich und gab den Blick auf eine Steintreppe frei, die nach unten führte. In ihrem Rücken hörte sie die Stimme des Sektenbeauftragten. »Bitte sehr. Sie werden wirklich staunen.« Welche Überraschung mochte er da unten haben, die sie so in Erstaunen versetzen würde? Lara schritt hinab, ihre Finger glitten über das glatte Holz des Handlaufs. Auf der Hälfte der Treppe begann ihr Handy erneut zu klingeln, und sie schnaufte gereizt. »Sorry. Ich schau mal schnell.« Hoffentlich war nichts mit Jo. Sie nestelte das Mobiltelefon aus der Hosentasche und schaute auf das Display. Mark. Anscheinend hatte er beschlossen, ihr heute so richtig auf den Wecker zu gehen.
»Lara? Bist du schon im Krankenhaus?« Mark atmete schnell.
»Nein, noch nicht. Was gibt es denn so Dringendes?«
»Man hat eine Frau aufgegriffen, die behauptet, der Todsünden-Mörder habe sie in seiner Gewalt gehabt.«
»Was?« Lara hörte sich selbst. Sie klang ein bisschen hysterisch. Stefan Reinmann war hinter ihr stehen geblieben.
»Sie ist glaubwürdig. Außerdem wurde sie vom Täter in der gleichen Weise wie die anderen tätowiert. Sie konnte in letzter Minute fliehen. Ich wollte dir nur schnell sagen, dass man der Frau Fotos von diesem Frieder Wörth vorgelegt hat.« Lara konnte Stefan Reinmanns Atem wie einen warmen Hauch im Nacken fühlen, während Mark seinen Satz fortsetzte, »… und er ist es nicht. Sie arbeiten wohl gerade an einem Phantombild.«
»Wie meinst du das, er ist es nicht?«
»Nun Frieder Wörth ist nicht der Todsünden-Mörder.«
»Ich war mir so sicher. Aber wer ist es dann? Romain Holländer hat auch irgendetwas zu verbergen, da bin ich mir ganz sicher.« Stefan Reinmann stand jetzt ganz dicht hinter ihr. Sie drehte den Kopf zur Seite. Der Sektenbeauftragte hatte ein spöttisches Lächeln aufgesetzt.
»Das werden die Kollegen natürlich prüfen.« Im Hintergrund jammerte eine Kinderstimme. Dann schimpfte eine Frau.
Lara hörte noch, wie Mark sagte: »Ich muss Schluss machen …«, bevor Stefan Reinmann ihr das Handy aus der Hand nahm und das Gespräch unterbrach.
»Diese kleine Hexe hat keine Zeit verschwendet, um zu den Bullen zu rennen.«
Lara realisierte, dass auch der Sektenchef nicht für die Morde verantwortlich war. Gleichzeitig fühlte sie einen harten Stoß in den Rücken. Sie taumelte und krallte sich an den Handlauf. Im Fallen hörte sie, wie Stefan Reinmann weitersprach. »Dabei war sie fast perfekt. Schade.« Ihre Hände prallten auf den Boden, dann kam der restliche Körper nach, und es wurde für einen Moment lang dunkel um sie.
Als das Licht zurückkam, fand sich Lara auf dem Boden liegend. Ihre Hände und Arme schmerzten von dem Aufprall, aber gebrochen schien nichts zu sein. Sie blinzelte. Neben ihrem Kopf befand sich eine alte, stockfleckige Matratze. Auch hier war der Boden blutig, genau wie in der Sektenvilla. Und es roch seltsam. Lara schluckte. Stefan Reinmann stand mit dem Rücken zu ihr, hantierte herum und brabbelte dabei vor sich hin. »Ich habe diese kleine Schlange unterschätzt. Man sollte eben nie zu siegessicher sein.« Der Sektenbeauftragte hatte eine große Wunde am Hinterkopf, ganz ähnlich der, die sie bei Jo gesehen hatte, nur dass diese hier noch frisch war. Wahrscheinlich hatte ihm die »kleine Schlange« die Verletzung beigebracht. Jetzt drehte Stefan Reinmann sich um und sah Lara an.
»Wieder da? Meine invidia hat sich leider aus dem Staub gemacht, wie du ja inzwischen mitbekommen hast. Sie sitzt jetzt bestimmt gerade bei der Polizei und heult sich aus. Ich muss ein bisschen improvisieren. Wir müssen uns beeilen.«
Wir müssen uns beeilen? Erst jetzt bemerkte Lara, dass sie an Händen und Füßen gefesselt war.
»Ich habe noch versucht, sie einzuholen, nachdem sie mich angefallen hatte, aber das Biest war nicht so geschwächt, wie ich dachte. Als ich endlich auf der Straße war, rannte sie schon um die Ecke. Hat diese neidzerfressene Schlampe es doch tatsächlich fertiggebracht, sich während meiner Abwesenheit von den Fußfesseln zu befreien! Ich war unachtsam. Aber das wird nicht wieder vorkommen.« Er kam zu ihr herüber, griff unter ihre Arme, zog sie in eine sitzende Stellung, betrachtete Lara und leckte sich dabei über die Lippen. Nach einer Weile drehte Stefan Reinmann sich um und ging zurück zu einer großen Tasche, die neben einer geschlossenen Metalltür auf dem Boden stand. Lara nutzte die Gelegenheit und sah sich um. Außer der muffigen Matratze war der Raum leer. Es gab keine Fenster.
Der Sektenbeauftragte hatte sich unterdessen nach vorn gebeugt und kramte in der Reisetasche. Lara wollte gar nicht darüber nachdenken, was der Typ mit ihr vorhatte. Mark hatte mal wieder recht gehabt – sie war leichtsinnig und brachte sich in Gefahr, aber hätte sie ahnen können, dass der nette und galante Stefan Reinmann ihr gesuchter Serienmörder war? Hatte sie irgendwelche Zeichen übersehen?
»Zuerst zeige ich dir etwas, damit du verstehst.« Stefan Reinmann richtete sich auf, drehte sich um und begann, ein großes Bild zu entrollen. »Die versprochene Überraschung.« Erst jetzt fiel Lara auf, dass der Mann sie plötzlich duzte. Das würdigte sie zu etwas herab, vor dem man keine Achtung zu haben brauchte. Was würde als Nächstes kommen? Seine invidia habe sich aus dem Staub gemacht, hatte er vorhin gesagt. Invidia war eine der noch fehlenden Todsünden. Wenn die Person verschwunden war, die er dafür vorgesehen hatte, musste sie nicht lange darüber nachsinnen, was er jetzt mit ihr vorhatte.
»Schau dir das an.« Reinmann hielt das großformatige Bild mit beiden Händen vor seiner Brust. Die glänzende Oberfläche reflektierte das Licht der Deckenlampe. »Sag mir, was du siehst.«
Lara blinzelte. Auf dunklem Hintergrund befanden sich mehrere kreisförmige Bilder; ein großes in der Mitte, vier kleinere in den Ecken. Über und unter dem großen Bild waren zwei Spruchbänder gemalt. Aus der Mitte des großen Kreises blickte den Betrachter ein dünner Mann mit nacktem Oberkörper und langen Haaren an, hinter dem ein Kreuz zu sehen war. Jesus?
»Lies vor, was da steht.« Stefan Reinmann zeigte auf die vier Wörter, die unter dem vermeintlichen Jesus standen.
»Cave, cave, dus videt.« Lara räusperte sich. War es besser, das Spiel mitzuspielen, auch wenn sie keine Ahnung hatte, was das sollte? Was würde geschehen, wenn sie aufbegehrte? Der Person, die er als invidia bezeichnet hatte, war die Flucht gelungen. Also war die Lage nicht ganz aussichtslos.
»Deus videt, nicht ›dus‹, Dummchen. Aber du hattest ja kein Latein.«
»Nein, leider. Was bedeutet denn das?« Lara entschloss sich für die Hinhaltetaktik. Sie würde versuchen, den Mann in ein Gespräch zu verwickeln. Mark hatte einmal gesagt, wenn Täter ihre Opfer als eigenständige Persönlichkeiten wahrzunehmen beginnen, kann es passieren, dass sie von ihren Plänen abweichen. Es fällt schwerer, jemandem Schmerzen zuzufügen, den man als Individuum sieht.
»Vereinfacht heißt es: ›Hüte dich, Gott sieht alles‹. Was kannst du noch erkennen?« Er hielt das Bild jetzt dichter vor ihr Gesicht.
»Links oben liegt ein Mann in einem Bett, um ihn herum stehen fünf Personen. Stirbt er gerade?« Lara betrachtete den kleinen schwarzen Teufel, der über dem Sterbenden auf dem Kopfteil des Bettes hockte, und den Tod, der daneben aus einer Tür lugte.
»Das nicht, Dummchen!« Stefan Reinmann hatte die Stimme erhoben. »Das Bild in der Mitte!«
»In der Mitte, in Ordnung. Ich dachte ich soll alles beschreiben.«
»Die Rundbilder in den Ecken kannst du weglassen. Sie symbolisieren die ›vier letzten Dinge‹, Sterbestunde, Weltgericht, Paradies und Hölle.«
Lara ließ den Blick über die Szenen des mittleren Rundbildes gleiten, während sie gleichzeitig überlegte, ob es ein Zeichen für individuelle Wahrnehmung war, dass Reinmann sie »Dummchen« genannt hatte. Sie betrachtete den Ausschnitt unten rechts. Eine Frau stand mit dem Rücken zum Betrachter vor einem Schrank. Links neben ihr stand das Wort luperbia. Lara berichtigte sich. Das war ein altes »S« und die Inschrift hieß superbia. Das Wort im darauffolgenden Segment war unscharf, aber Lara wusste trotzdem, was die Buchstaben hießen: »luxuria«. Es folgten entgegen dem Uhrzeigersinn accidia, gula, avaritia und invidia, bis man unten in der Mitte auf ira – den Zorn – traf.
»Also, was siehst du?« Reinmann bewegte das Bild auf sie zu, als wollte er sie damit stoßen, und zog es dann wieder zurück.
»Das sind die sieben Todsünden, nicht wahr?«
»Gut erkannt!« Der Sektenbeauftragte lächelte. »Das ging ja schneller, als ich dachte. Wir sparen Zeit.«
Lara realisierte, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Du wolltest ihn doch hinhalten. Frag ihn aus, lenk ihn ab. »Was ist das überhaupt für ein Bild?«
»Man nennt es die ›Madrider Tafel mit den sieben Todsünden und den vier letzten Dingen‹. Es ist eine der bekanntesten Darstellungen der Todsünden, die es gibt. Ist Ihnen Hieronymus Bosch ein Begriff?«
Lara nickte eifrig. Der Mann hatte sie jetzt wieder gesiezt. Sah er sie jetzt in diesem Disput als ebenbürtigen Partner an? »Hieronymus Bosch war ein niederländischer Maler. So um das fünfzehnte Jahrhundert herum, glaube ich. Galt er nicht als erster Surrealist überhaupt?«
Stefan Reinmanns Augen funkelten jetzt. »Das wird behauptet, obwohl ich es fragwürdig finde. Auch die Zuordnung dieses Werkes zu ihm ist umstritten. Vielleicht war es einer seiner Schüler oder ein Kopist. Aber das ist zweitrangig.«
»Was bedeuten denn die Sprüche in den Bändern oben und unten?«
»Es sind Bibelzitate. Beide stammen aus Kapitel 32 des Buches Deuteronomium.« Stefan Reinmann hielt das Bild jetzt mit der Linken und zeigte mit der Rechten auf das obere Spruchband, wobei er mit dem Rand, der sich ständig einrollen wollte, kämpfte.
»Ich zitiere den exakten Text: Gens absque consilio est et sine prudentia/utinam saperent et intelligerent ac novissima providerent und so weiter. Das heißt: Denn es ist ein Volk, darin kein Rat ist, und ist kein Verstand in ihnen. Oh, dass sie weise wären und vernähmen solches, dass sie verstünden, was ihnen hernach begegnen wird!« Er holte tief Luft, packte den rechten Rand des Bildes und hob es hoch, sodass Laras Blick automatisch auf die untere Hälfte fiel.
»Und unten steht: Abscondam faciem meam ab eis et considerabo novissima eorum, was so viel heißt wie, ›Ich will mein Antlitz vor ihnen verbergen, will sehen, was ihnen zuletzt widerfahren wird‹. Ist Ihnen aufgefallen, dass in beiden Zitaten das Wort novissima vorkommt?«
Lara las noch einmal den Text in dem Spruchband. Sollte sie dem Mann sagen, dass dort nicht novissima sondern novissia stand? War das eine Art »Druckfehler« des Malers? Sie beschloss, darüber lieber zu schweigen, und nickte stattdessen. Stefan Reinmann schien damit zufrieden zu sein: »Das ist die lateinische Bezeichnung für die vier letzten Dinge.«
»Die vier letzten Dinge … Sterbestunde, Weltgericht, Paradies und Hölle.«
»Sehr gut!« Es klang überrascht. Dabei hatte sie nur genau zugehört, was der Mann vorhin über die vier Eckbilder gesagt hatte.
»Und in der Mitte sieht man Jesus?«
»Jesus Christus mit Wundmalen, stehend in einem Sarkophag. Sehen Sie den Strahlenkranz um ihn herum?« Jetzt redete Stefan Reinmann schneller. Er war erregt. Das Bild und die Darstellung der Todsünden schienen ihn zunehmend in ihren Bann zu ziehen. »Das ist das Auge Gottes. Jesus Christus befindet sich in der Pupille. Gott sieht alles, sagt die Inschrift. Das mittlere Bild der Todsündentafel ist gleichzeitig Auge und Spiegel. Außerdem symbolisiert es die Weltkugel. Was Gott in der Welt sieht, spiegelt sich um seine Pupille herum.«
»Das sind dann wohl die sündigen Menschen, die er da sieht.« Lara konnte es nicht fassen. Sie saß hier gefesselt mit einem Mann, der mindestens fünf Menschen getötet hatte, und diskutierte mit ihm über einen niederländischen Maler des ausgehenden Mittelalters.
»Sehr richtig.« Stefan Reinmann hielt jetzt das Bild nur noch mit der Linken. Mit dem rechten Arm gestikulierte er zunehmend heftiger in der Luft herum. »Es ist die Welt, die den Menschen zu Laster und Sünde verführt. Und es ist ein Spiegel für den Betrachter, der damit seinen christlichen Glauben überprüfen kann. Insgesamt achtundzwanzig menschliche Figuren sind dargestellt. Die Zahl achtundzwanzig ist eine der vier vollkommenen Zahlen des Mittelalters! Sie ist nicht nur gleich der Summe ihrer echten Teiler, sondern auch die Summe der Zahlen von Eins bis Sieben. SIEBEN!« Jetzt schrie er. Kleine Speicheltröpfchen flogen durch die Luft. Lara schaute zu Boden, um ihn nicht noch mehr zu reizen. Sie musste sich etwas einfallen lassen, um den Mann zu beruhigen. Wer weiß, wozu er in seiner Rage fähig war.
»Sie wollten also den Menschen genau wie Hieronymus Bosch einen Spiegel vorhalten?« Stefan Reinmann hielt inne, runzelte die Stirn und schaute verblüfft auf Lara, als sehe er sie zum ersten Mal. Dann schüttelte er den Kopf, wischte sich mit dem Ärmel über dem Mund und begann, das Bild einzurollen. »Die Welt ist voller Sünde. Die Menschheit wird zugrunde gehen, wenn niemand ihrem Tun Einhalt gebietet. Die Menschen müssen zur Gottesfurcht zurückkehren. Wie könnte man ihnen das besser verdeutlichen, als mit menschlichen Beispielen für die Todsünden?«
»Dieses Brautmodel stand doch für die Eitelkeit, nicht?«
»Superbia, ja. Das Mädchen war eingebildet und hochnäsig, sie hielt sich für die Schönste.«
»Wie haben Sie sie kennengelernt?«
»Ich kannte sie nicht persönlich.«
Lara beobachtete, wie der Sektenmann zwei Gummiringe über das Bosch-Bild rollte und es vorsichtig beiseitelegte. Dann setzte er sich neben der Tür auf den Boden und faltete die Hände im Schoß. »Auf Carolin Fresnel bin ich durch die Presse aufmerksam geworden. Sie war ja jede Woche in der Zeitung oder im lokalen Fernsehen zu sehen. Ich habe sie einfach angerufen, ihrer Eitelkeit geschmeichelt und ihr vorgemacht, ich wäre ein international arbeitender Agent, der sie buchen wolle. Ganz einfach das Ganze.«
Lara sah die Trage mit dem toten Model herabschweben, hörte das leise »Plopp« der ersten Blutstropfen, bevor das Geschrei einsetzte, sah Torben Hoffmann mit aufgerissenem Mund. »Wie sind Sie an das Brautkleid gekommen?«
»Das war gut, nicht?« Ein schiefes Grinsen huschte über das Gesicht des Sektenbeauftragten, und Lara stellte fest, dass er stolz auf sein Tun war. Das konnte ein möglicher Ansatzpunkt sein, um den Mann einzuwickeln.
»Ich habe es einfach gestohlen. In dieser Hochschule gibt es fast keine Sicherheitsvorkehrungen. Und ich brauchte dieses Brautkleid, um meine Botschaft zu unterstreichen. Superbia sollte in einer öffentlichen Veranstaltung präsentiert werden. Was lag da näher, als diese absurde Zurschaustellung weltlicher Dinge? Leider hatte ich mich ein wenig in der medialen Präsenz bei dieser Modenschau getäuscht.«
»Ich war dort.«
»Das weiß ich. Ich stand oben auf dem Gerüst und habe alles beobachtet. Sie haben Fotos von dem toten Model gemacht und darüber in Ihrer Zeitung geschrieben. Danke dafür.« Stefan Reinmann klatschte leicht in die Hände, als wollte er ihr Beifall spenden. »Auch wenn Sie die wahren Gründe für ihren Tod nicht erkannt haben.«
Lara tat so, als schaue sie den Sektenbeauftragten an, versuchte aber stattdessen, die Beschaffenheit der Tür neben ihm zu erkunden. »Und die zweite? Diese Nina?«
»Das war eine Hure. Jedes Wochenende hat sie irgendwelche Typen abgeschleppt, manchmal mehrere in einer Nacht. Es ging ihr nicht um Liebe. Wollust war es, was diese Frau angetrieben hat. Nina Bernstein war das ideale Beispiel für luxuria.«
»Woher wussten Sie das?«
»Ein Zufall. Ich kenne einen ihrer Exfreunde. Er hat sie wirklich geliebt, und sie hat ihm mit ihrer Hurerei das Herz gebrochen. Ich habe sie zur Sicherheit noch an mehreren Wochenenden im Dezember beobachtet, um Gewissheit zu haben, dass sie den Kriterien entspricht. Aber es gab keinen Zweifel.«
»Und diese bemalten Holzkugeln in den Augen?«
»Ein weiterer Fingerzeig. Das waren Perlen eines Rosenkranzes. Deus videt. Warum hat das niemand miteinander in Verbindung gebracht? Noch dazu, wo ich diese Nutte in einer Kirche aufgebahrt habe!« Stefan Reinmann schüttelte erneut den Kopf. Aller Irrsinn war aus seinen Augen verschwunden. Jetzt glich er wieder dem gemütlichen Bären, der kein Wässerchen trüben konnte. Während er weiterredete, keimte Hoffnung in Lara auf. Vielleicht gelang es ihr, den Wahnsinn in ihm zu besänftigen.
»Ich dachte wirklich, dass man eher darauf kommen würde, worum es hier eigentlich geht. Waren die Texte auf den Rücken und die lateinischen Bezeichnungen der jeweiligen Todsünden auf der Stirn nicht genug? Spätestens beim Dritten, diesem geldgierigen Immobilienberater, hätte doch jemand merken müssen, dass hier die sieben Todsünden angeprangert werden!«
»Sie hätten uns doch jederzeit Hinweise darauf geben können! Ich war schon nach dem zweiten Leichenfund bei Ihnen und habe nach den Übersetzungen der Texte gefragt!«
»Aber dann wären Sie doch gleich auf mich gekommen, nicht?« Stefan Reinmann grinste jetzt. »Was für ein aberwitziger Zufall, dass Doktor Grünthal gerade mich als Experten empfohlen hat! Sie befragen einen Mann zu den Inschriften und haben keine Ahnung, dass der Täter direkt vor Ihnen sitzt!« Er kicherte und fuhr dann fort. »Das war sehr anregend für mich, wie Sie sich bestimmt vorstellen können.«
Lara dachte an Mark und daran, dass Reinmann vorhin das Telefonat abrupt beendet hatte. Würde der Freund sich wundern, weshalb sie ohne sich zu verabschieden aufgelegt hatte? Wie lange saßen sie eigentlich schon in diesem Keller? Jo würde im Krankenhaus auf sie warten und sich Sorgen machen. Leider wusste niemand, wo sie gerade war.
»Ich habe versucht, meine Übersetzungen ein wenig hinauszuzögern, wie Sie sicher bemerkt haben. Allerdings konnte ich nicht ewig damit warten, Ihnen die Texte zu liefern, denn das wäre auch verdächtig gewesen, oder? Und so habe ich Ihnen erst einmal ein paar falsche Fährten präsentiert.«
»Der Tipp mit den Sekten kam von Ihnen.« Jetzt, wo Lara wusste, wer die Taten begangen hatte, ordnete sich alles. »Und wir haben uns ja auch bilderbuchmäßig aufs Glatteis führen lassen.«
»Sie sagen es. Natürlich habe ich damit ein wenig von mir abgelenkt. Die Holic-Leute passten perfekt zu den Bibelzitaten, und die Kinder des Himmels beobachten wir auch schon länger. Ich war mir sicher, dass Sie dort etwas finden würden, wenn Sie nur hartnäckig genug herumschnüffeln. Was Sie ja anscheinend auch getan haben. Dieser Holländer … Aussteiger haben mir von diversen Praktiken dort berichtet. Ich wollte, dass die Orgien auffliegen. Finden Sie nicht auch, dass dieser Mann Strafe verdient hat?«
»Sicher.« Lara spürte die Kälte an ihrem Hinterteil. In diesem Keller mochten höchstens zehn Grad sein. Sie würde sich eine schöne Erkältung einfangen, wenn sie länger hier saß. Aber war eine Erkältung etwas, um das sie sich jetzt Sorgen machen musste? »Und diese Mitarbeiterin des Jugendamtes? Wofür steht sie?«
»Acedia natürlich. Acedia und Belphegor bedeuten die Trägheit des Herzens und des Geistes, sie symbolisieren Faulheit, Feigheit und Ignoranz. Diese Frau war schlampig in ihrer Arbeit und hat Fälle nicht ernst genommen.« Stefan Reinmann verzog das Gesicht und rieb sich dann die Nasenspitze. »Immer hoffte ich, dass die Delinquenten ihre Sünden bereuen, dass sie Buße tun, aber keiner von ihnen hat Einsicht gezeigt, nicht ein Einziger.«
»Was hätten Sie in dem Fall getan – sie freigelassen?«
»Vielleicht.«
Lara sah das abwesende Lächeln in Stefan Reinmanns Gesicht. Die Frage war: Machte er nur ihr etwas vor, oder auch sich selbst? Er hätte seine Gefangenen doch ganz bestimmt nicht freigelassen. Die Gefahr, dass doch einer genug vom Tatort gesehen hatte, und ihn beschreiben konnte, wäre viel zu groß gewesen.
»Der Mann in der Fast-Food-Filiale war dann Ihr Vertreter für die Völlerei.«
»Ganz recht.«
Lara öffnete den Mund, um Reinmann nach invidia zu fragen und schloss ihn schnell wieder. »Invidia« war entkommen. Die Erinnerung daran würde ihn nur wieder in Rage versetzen. Wahrscheinlich war sie jetzt dafür vorgesehen, obwohl sie eigentlich nicht dazu passte. Sie musste Zeit gewinnen. Vielleicht würde bald die Polizei kommen und Reinmann festnehmen. Wenn die geflohene »invidia« die Umgebung hier einigermaßen beschreiben konnte. »Die Verkleidung als Paketbote, in der Sie den Immobilienberater in die Bank gebracht haben, war auch nicht schlecht.«
»Nicht wahr?« Das runde Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.
»Und der Lieferwagen? Woher hatten Sie den?«
»Autoverleih. Andere Kennzeichen. Das ist doch heutzutage kein Problem.« Der Sektenbeauftragte zuckte die Schultern. »Jedermann fährt doch heutzutage einen weißen Lieferwagen. Das ist der häufigste Typ überhaupt, weil weißer Lack am billigsten ist.«
»Sie haben alles bedacht.«
»Nicht alles, wie man an Julia Seemann sehen kann.« Stefan Reinmann machte Anstalten, sich zu erheben.
War Julia Seemann die »invidia«? Lara grub in ihrem Kopf nach einem weiteren Gesprächsanlass. »Was ist eigentlich mit Ihrer Frau?« Als sie sah, wie sich die Augenbrauen ihres Gegenübers nach unten zogen, wusste sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte.
»Meine Frau? Sie hat der Kirche den Rücken gekehrt und lebt seitdem in Sünde. Lukas und Daniel hat sie auch beeinflusst! Ich habe mehrfach versucht, ihr ins Gewissen zu reden, sie gebeten, zurückzukommen, aber sie wollte nicht.« Mitten im Satz sprang Stefan Reinmann auf und fuhr sich mit beiden Händen in die Haare. »In SÜNDE! Meine beiden Söhne!«
Lara zog die Schultern hoch und beobachtete den hin und her tigernden Mann aus den Augenwinkeln. Vielleicht war das der Auslöser für seine Taten gewesen. Die Besessenheit war in Stefan Reinmanns Augen zurückgekehrt. All das Reden schien nichts genützt zu haben. Er hatte sich hingehockt und kramte wieder in der großen Reisetasche, wobei er ununterbrochen vor sich hin murmelte. »Es wird Zeit, dass wir weitermachen. Zur Vollendung fehlt außer invidia noch ira, der Zorn. Ich werde invidia und ira zusammen präsentieren. Ira hat es auf invidia abgesehen wegen ihrer Missgunst, irgend so etwas. Ira tötet invidia. Ira auf invidia. Das ist gut. Das ist gut.« Abrupt erhob er sich und drehte sich dabei um. In der Hand hielt er eine Tätowiermaschine. »Ist dein Fotografenfreund schwer krank?«
»Ich hoffe nicht. Er hatte eine Wunde am Hinterkopf, genau wie Sie. Holländer muss ihn niedergeschlagen haben, als er ihn auf dem Gelände der Villa ertappte. Die Ärzte haben ihn nur zur Sicherheit mitgenommen.«
»Das heißt, er wird nicht über Nacht dort bleiben?«
»Wahrscheinlich nicht. Mehr kann ich nicht sagen. Ich war ja gerade auf dem Weg dorthin, als Sie mich angerufen haben.«
»Gut.« Stefan Reinmann ließ die Maschine probesummen und legte sie dann auf den Boden. »Glaubst du, dass wir ihn hierherbitten könnten? Ich möchte ungern aus dem Haus gehen, um mir einen neuen Vertreter für Ira zu suchen, und die Kühltruhe ist leider leer. Wer weiß, vielleicht hat Julia Seemann mich wiedererkannt. Ich hatte zwischenzeitlich so ein Gefühl. Und dann wird es nicht lange dauern, bis die Bullen hier aufkreuzen.«
»Woher kannten Sie diese Julia Seemann überhaupt?« Reinmann hatte recht. Wenn die Frau ihn erkannt hatte, würde die Kripo relativ schnell sein Haus durchsuchen wollen. Was aber, wenn sie ihn nicht richtig erkannt hatte? Dann konnte Lara hier warten, bis sie schwarz wurde.
»Sie war bei mir in der Beratung. Aber das ist schon lange her. Also rufen wir deinen Freund jetzt an?« Reinmann war wieder zum »du« übergangen. Das hieß wahrscheinlich, dass die Plauderstunde jetzt endgültig vorbei war.
»Nein.«
»Wie nein? Du glaubst wohl, dass du eine Wahl hast? Ich brauche jemanden für ira, das habe ich doch schon erklärt. Und ich kann nicht gehen, solange du hier –«, er machte eine kleine Pause, »zu Gast bist. Außerdem würde mich das zu viel Zeit kosten.«
»Was soll ich ihm denn sagen?«
»Was würde ihn denn herlocken?« Reinmann hatte Laras Mobiltelefon in die Hand genommen und drückte auf den Tasten herum. »Du könntest sagen, dass du bei mir bist. Und dass wir gemeinsam etwas entdeckt haben, was die Fälle aufklären könnte.«
»Ich weiß gar nicht, ob sie ihn nicht im Krankenhaus behalten wollen.«
»Das werden wir ja gleich herausfinden. Sollte das der Fall sein, entschuldigst du dich für heute Abend und kündigst deinen Besuch für morgen an. Damit habe ich ausreichend Zeit, mir etwas anderes zu überlegen.«
»Was, wenn ich es nicht tue?« Lara dachte fieberhaft darüber nach, was sie Jo sagen sollte. Der Anruf schien ihre einzige Chance zu sein, dem Mörder ein Schnippchen zu schlagen.
»Denk gar nicht über so etwas nach!« Stefan Reinmann versetzte ihr einen festen Tritt in die Seite. »Ich müsste dir wehtun. Möchtest du das?« Er griff in die Reisetasche. Seine Hand kam mit einem Klappmesser mit Holzgriff heraus. »Ein gutes altes Rasiermesser. Außerordentlich scharf. Warte, ich zeige es dir.« Noch ehe sie protestieren konnte, hatte er es aufgeklappt, war mit drei schnellen Schritten auf sie zugegangen und ließ die Klinge über ihren Brustansatz gleiten. Verblüfft schaute Lara auf ihren Ausschnitt. In der weißen Haut erschien ein dunkelroter Strich, der sich schnell vergrößerte. Warmes Blut sickerte hervor und lief nach unten. Sie spürte nichts.
»Siehst du? Ziemlich scharf was?« Er klappte das Messer zusammen und setzte hinzu. »Das war nur eine Demonstration, eine oberflächliche Wunde. Die Schmerzen werden sich an dieser Stelle in Grenzen halten. Ich könnte jedoch auch ganz woanders schneiden, du verstehst? Wo es richtig wehtut.« Das Rasiermesser verschwand in der rechten Hosentasche.
»Rufen wir jetzt deinen Freund an?«
Sie nickte schnell.
»Fein. Was wirst du ihm sagen?«
»Zuerst frage ich ihn, ob er OK ist. Dann sage ich, dass ich bei Ihnen bin und dass wir etwas entdeckt haben.«
»Im Fall der Todsünden-Morde. Dann bittest du ihn, dass er herkommt. Er soll sich das selbst anschauen.«
»In Ordnung.« Noch immer ratterten die Rädchen in Laras Kopf.
»Ich wähle.« Stefan Reinmann zog das Handy wieder aus ihrer Reichweite. »Unter welchem Namen hast du ihn gespeichert? Und lüg mich nicht an!«
»Unter Jo.« Sie beobachtete, wie der Zeigefinger die Tasten niederdrückte.
»So. Gleich geht es los. Ich warne dich noch einmal eindringlich.« Das Handy in der Linken, zog der Sektenbeauftragte das Rasiermesser wieder hervor, klappte es auf, hockte sich hinter Lara auf den Boden und hielt die Klinge unter ihrem Ohr an die rechte Halsseite. Sie konnte den kühlen Stahl an der Haut fühlen. »Sag nichts Falsches, ich höre mit.« Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er die »Wählen«-Taste drückte. Dann hielt er ihr das Telefon ans linke Ohr.
»Lara? Wo bleibst du denn?« Jo klang aufgeräumt. Lara spürte, wie heiße Tränen nach oben wollten, und schluckte. Die Klinge drückte ein wenig fester. »Ich warte hier seit einer Stunde!«
»Ist … ist alles in Ordnung mit dir?«
»Es ist nur eine Platzwunde. Das Gehirn ist unversehrt.« Er lachte dröhnend. »Höchste Zeit, nach Hause zu fahren. Ich hoffe, du bist bald hier, sonst …«
Lara unterbrach ihn hastig. »Jo, ich bin bei Stefan Reinmann. Wir haben etwas Brisantes entdeckt.« Neben ihrem Kopf nickte der Sektenbeauftragte beifällig, und Lara redete schnell weiter. »Im Fall des Todsünden-Mörders. Ich glaube, wir wissen jetzt, wer es ist.« Reinmann atmete scharf ein, und Lara setzte hinzu: »Kannst du gleich mit deinem Auto herkommen? Und bring auch deine Fotoausrüstung mit.«
»Aber …« Jo stockte kurz und fing sich dann sofort wieder. »Aber klar doch. Ich mache mich sofort auf den Weg.«
»Bis gleich!« Sie hatte den Satz noch gar nicht ganz beendet, da drückte Stefan Reinmann schon auf »Auflegen«.
»So, meine Liebe. Du bleibst jetzt fein hier unten. Ich werde oben auf deinen Freund warten. Hoffen wir, dass er sich nicht allzu viel Zeit lässt. Invidia und ira. Das Werk harrt seiner Vollendung.« Er schaltete das Handy aus. Noch ehe Lara ihre Fluchtgedanken zu Ende gedacht hatte, fiel sie auch schon auf die Seite. Reinmann hatte ihr einen heftigen Stoß verpasst und sich aufgerichtet, das aufgeklappte Rasiermesser noch immer in der Rechten. »Damit du nicht auf dumme Gedanken kommst, werde ich dich zusätzlich knebeln..«
»Das werden Sie nicht!« Lara katapultierte sich nach oben, stolperte, taumelte einen Schritt nach vorn und stürzte auf den Sektenbeauftragten. Das scharfe Messer, das ihr dabei in die Seite fuhr, bemerkte sie nicht. Stefan Reinmann, der halb auf ihr zu liegen kam, ließ das Rasiermesser fallen, packte die Tätowiermaschine und hämmerte blindlings auf Lara ein. Sie fühlte noch den explodierenden Schmerz an ihrer Schläfe, dann wurde es finster.
*
Jo sah dem Taxi nach und richtete den Blick dann auf die Jugendstilvilla. Würde die Kripo jemanden vorbeischicken? Schließlich hatten er und Lara der Polizei erst kürzlich einen anderen Verdächtigen präsentiert. Der Beamte war ein wenig schnippisch gewesen. Schon wieder ein neuer Verdächtiger, Herr Selbig? Zur Sicherheit hatte er gleich darauf noch Mark informiert. Der hatte ihm befohlen, sich von Stefan Reinmann fernzuhalten und auf die Kripo zu warten. Mark war furchtbar vernünftig. Was aber, wenn Lara dringend Hilfe brauchte? Wenn es auf Minuten ankam? Würde der Psychologe dann brav auf der Straße auf die Kripo warten? Jo senkte den Zeigefinger auf den Klingelknopf.
Die Eingangstür schwang lautlos nach innen. »Der Herr Fotograf! Kommen Sie doch herein.« Der Sektenbeauftragte lächelte jovial und ergriff Jos ausgestreckte Hand. »Ihre Kollegin ist unten. Sie werden staunen!«
Unten? »Was haben Sie entdeckt?« Jo hatte beschlossen, das Spiel mitzuspielen. Er musste herausfinden, wo Lara war und ob es ihr gut ging. Danach konnte er Reinmann immer noch die Faust ins Gesicht rammen.
»Es ist sehr brisant. Kommen Sie.« Stefan Reinmann drehte sich um und musterte Jo. »Wo haben Sie denn Ihre Fotoausrüstung?«
»Im Auto. Ich kann sie holen, wenn wir sie brauchen.« Eine Lüge war so gut wie die andere.
»Nicht nötig. Ich dachte nur …« Der Sektenbeauftragte zeigte auf eine schwere Holztür. »Vielleicht später. Hier entlang, bitte.«
»Lara sagte, Sie wüssten jetzt, wer der Serienmörder in den Todsünde-Morden ist.« Jo stieg die Treppen hinab, Reinmanns schwere Schritte folgten. In seinem Nacken stellten sich feine Härchen auf.
»Davon können Sie ausgehen. Einen Moment noch, dann weihen wir Sie ein.«
Obwohl er das Gesicht des Mannes nicht sehen konnte, wusste Jo, dass der beim letzten Satz gelächelt hatte.
»Dort drin. Machen Sie die Tür auf.« Er spürte Stefan Reinmanns Handfläche, die ihn sanft nach vorn drängte, im Rücken und öffnete die massive Tür. Die Lampe knisterte kurz und beleuchtete die Szenerie dann mit gelbem Licht. Ein krakeliges Muster aus purpurfarbenen Rinnsalen überzog den Boden. Lara lag halb auf der Seite und bewegte sich nicht. Über ihrer Brust klaffte ein roter Spalt, aus dem ein feiner roter Bach sickerte. Und auch unter ihrer Hüfte rann Blut hervor.