31
»Meine Gefährten!« Romain Holländer hatte gewartet, bis sie alle mit dem Essen fertig gewesen waren. Normalerweise folgte im Anschluss an die Abendspeisung eine gemeinsame Andacht, in der der Prinzipal die Gemeindemitglieder auf den kommenden Tag einschwor und sie an ihre Pflichten erinnerte. Danach führte er eine Stunde lang persönliche Gespräche mit Mitgliedern, die er ausgewählt hatte oder die ihn um eine Unterredung gebeten hatten.
Romain Holländer schwieg, bis alle Augen auf ihn gerichtet waren und das leise Gemurmel verstummte. »Es gibt wichtige Dinge zu besprechen, die nicht bis morgen warten können. Ich bin in Sorge. In tiefer Sorge um unsere Gemeinschaft.« Bis jetzt hatte der Prinzipal mit gebeugtem Rücken vor seinem Platz gestanden, die gestreckten Arme links und rechts des leeren Tellers auf die Tischplatte gestützt. Jetzt richtete er sich auf. Seine blauen Augen schienen ultraviolette Strahlen auszusenden. Frieder Wörth sah zu seinem Sohn, der den Worten des Führers mit offenem Mund folgte. Er hatte lange darüber nachgedacht, ob er Romain Holländer von den beiden Zeitungsleuten, die ihm und Marcel heute Nachmittag auf der Straße aufgelauert hatten, erzählen sollte. Erst als Melinda Weiß ihm anvertraut hatte, dass auch sie von den beiden angesprochen worden war – ›Aber ich habe kein Wort mit ihnen gewechselt!‹ –, war er zum Prinzipal gegangen. Und nun wollte Romain Holländer die Gemeinde vor den Nachstellungen der Journaille, wie er es Frieder gegenüber genannt hatte, warnen.
Romain Holländer hob die Arme, die Handflächen zu den vor ihm sitzenden Menschen gerichtet. Seine Stimme dröhnte durch den Raum. »Häscher stellen uns nach! Die heidnischen Schergen wollen unsere friedliche Gemeinschaft zerstören!« Er machte eine Kunstpause und ließ die Worte wirken. Frieder Wörth fühlte, wie ihm ein Schauer den Rücken hinunterlief. Marcels Mund war noch ein wenig weiter aufgeklappt, als wünschte er, dass die Worte des Führers ungefiltert einsickerten.
»Wie ihr inzwischen alle wisst, werden wir observiert. Reporter sind unerlaubt in unsere Räume eingedrungen und haben herumspioniert. Mehrfach haben diese Leute versucht, Mitglieder unserer Gemeinde auszuhorchen.« Den nächsten Satz donnerte Holländer über die Köpfe hinweg. »Das können und werden wir nicht dulden!« Ein kleines Mädchen begann zu weinen, und die Mutter legte dem Kind schnell die Hand über den Mund, um es zur Ruhe zu bringen.
»Meine Gefährten! Wir müssen jetzt noch näher zusammenstehen!«
Frieder Wörth ließ die Sätze in sich nachklingen. Der Prinzipal gebrauchte drastische Worte. »Häscher, heidnische Schergen, Gefahr, Observation« – das klang nach Kampf und Stasi-Methoden und nicht nach neugierigen Journalisten, die es in ihrem Eifer übertrieben hatten. Dabei hatte Holländer die zwei doch selbst hereingebeten und mit ihnen gesprochen. Dass der Mann dann versucht hatte, im Keller herumzuschnüffeln, war nicht vorhersehbar gewesen. Aber was hatte er schon gesehen? Die Vorratsräume und den Werkzeugkeller. Und eine verschlossene Tür. Die von Holländer suggerierte »Gefahr« war gering. Warum erregte sich der Prinzipal so? Frieder Wörth sah sich um. Alle Gesichter waren dem Führer zugewandt. In vielen zeigte sich Verzückung, besonders bei den Frauen. Die Männer schauten eher kämpferisch. Romain Holländers Stimmung hatte sie angesteckt.
»Wir müssen uns gegen die Feinde der Kinder des Himmels wappnen! Sie wollen unsere Gemeinschaft zerstören und uns vernichten. Das dürfen wir nicht zulassen!«
Zustimmendes Gemurmel setzte ein. Neben Frieder Wörth seufzte jemand. Er sah, dass es Sarah war, die junge Frau, die jetzt bei Melinda Weiß wohnte.
»Was sollen wir tun?« Der Zwischenruf war von weiter hinten gekommen. Frieder drehte den Hals noch etwas weiter. Bei dem Rufer handelte es sich um Max Frenzel. Romain Holländer nickte zweimal ganz langsam, als wolle er den jungen Mann zur Besonnenheit mahnen. Dann sprach er weiter.
»Ich habe mich beraten und gebe nun erste Entscheidungen bekannt. Wer von euch weitere Vorschläge hat, wie wir unseren Feinden ein Schnippchen schlagen können, ist aufgefordert, seine Überlegungen vor der Gruppe kundzutun.« Wieder wartete der Prinzipal, bis ihm die volle Aufmerksamkeit sicher war. Mit wem mochte er sich beraten haben? Oder sagte er das nur, um seinen Allmachtsanspruch nicht zu deutlich werden zu lassen? Frieder dachte noch darüber nach, als Holländer seine Rede fortsetzte.
»Das erste Gebot lautet: Niemand verlässt die Gemeinschaft allein. Jeder, der außerhalb unseres Geländes etwas zu tun hat, sucht sich einen Begleiter. Das gilt für Kinder, die zur Schule gebracht und wieder abgeholt werden, für alle Gefährten, die Besorgungen und Einkäufe für die Gemeinschaft erledigen, sowie wenn irgend möglich für den Weg von und zu euren Arbeitsstätten. Es gibt genügend Gemeindemitglieder, die als Begleiter zur Verfügung stehen.«
»Was ist in der Zeit, in der wir auf der Arbeit sind?« Frieder sah sich um. Der Einwurf kam von einem bulligen Mann drei Tische weiter rechts. Wolfgang Franke. Frieder Wörth sah sich selbst auf einem marmorbleichen Mädchenkörper liegen, sah, wie er auf und nieder zuckte und hörte sein Stöhnen, während neben ihm Wolfgang Franke und Max Frenzel mit lüsternen Gesichtern zusahen, wie er kam. Frieder Wörth blickte zu seinem Sohn und fühlte die Scham über sein Gesicht kriechen. Und doch konnte er nicht leugnen, dass es ihm Spaß gemacht hatte. Sophie schien noch immer keine Ahnung davon zu haben, was wirklich in der Nacht der Weihe mit ihr geschehen war. Jedenfalls begegnete sie ihm, Wolfgang und Max nach wie vor scheinbar gänzlich unbefangen.
»Wie ich es vorhin schon sagte, ihr müsst immer wachsam sein. Ich glaube nicht, dass diese Reporter so dreist sein werden, euch auf euren Arbeitsstellen zu belästigen, aber seid stets gewappnet. Lasst euch nicht auf Gespräche ein, auch wenn sie belanglos scheinen. Geht eurer Arbeit nach und haltet euch ansonsten von allem fern.« Romain Holländer ließ seinen Blick über die Leute gleiten. Was er sah, schien ihn zufriedenzustellen, denn er fuhr fort. »Das zweite Gebot lautet: Es werden keine Fremden mehr auf unser Gelände gelassen. Egal, welche Ausreden sie vorbringen. Das gilt ausnahmslos. Wir werden morgen auch am Seiteneingang eine Überwachungskamera installieren. Die Geschehnisse an beiden Eingängen werden auf eine Festplatte aufgezeichnet. Dazu kommen Bewegungsmelder an der gesamten Begrenzungsmauer, die wir am Wochenende anbringen werden. Für die lückenlose Beaufsichtigung der Kontrollmonitore werden wir morgen nach der Andacht gemeinsam einen Plan erstellen. Ich freue mich über jeden, der sich am Dienst an der Gemeinschaft beteiligen will. Ihr könnt nachher zu mir kommen und mir eure Wunschzeiten für den Bereitschaftsdienst mitteilen.« Romain Holländer ließ die Arme, die er immer noch in Hüfthöhe gehalten hatte, herabsinken, lächelte kurz und wurde sofort wieder ernst. »Das dritte Gebot heißt: Steht eurem Nächsten bei. Auch in schwierigen Situationen. Bietet Gespräche an. Denkt immer daran: Die Gemeinde hat keine Geheimnisse voreinander. Jeder steht für jeden ein, es gibt nichts zu verbergen. Wenn ihr selbst nicht weiterwisst, so kommt zu mir.«
Frieder Wörth unterdrückte ein Prusten. Das hieß doch nichts anderes als: Spioniert allen nach und wenn ihr etwas herausfindet, sagt es dem Chef. Außerdem stimmte es hinten und vorne nicht. Nichts zu verbergen? Und wie sie etwas zu verbergen hatten! Was war mit den regelmäßig stattfindenden »Weihen«, bei denen die jungen Mädchen in »die Gemeinde aufgenommen« wurden? Er selbst war zwar nur einmal dabei gewesen, aber es war anzunehmen, dass diese Ereignisse immer nach dem gleichen Schema abliefen. Das war Sünde. Wenn die Journalisten das herausfanden, konnten sie hier dichtmachen.
»Ich danke euch.« Romain Holländer ließ ein gütiges Lächeln erstrahlen. »Gemeinsam werden wir allen Widrigkeiten standhalten! Habt ihr Fragen?« Während das Gemurmel wieder einsetzte, dachte Frieder an den heutigen Abend. Das Haus der Gemeinde würde eine richtige Festung werden. Wenn er richtig zugehört hatte, wurde die Überwachungstechnik erst morgen installiert, aber das Gebot, dass niemand das Gelände allein verlassen sollte, galt ab sofort. Er legte die Hand auf den Arm seines Sohnes und dachte an die beiden Journalisten heute Nachmittag und die Visitenkarte, die er aus unerfindlichen Gründen noch immer in der Hosentasche hatte. Wie sollte er es anstellen, heute Abend ungesehen das Haus zu verlassen?
Und was hielt ihn überhaupt noch hier? Die Ziele der Gemeinschaft waren ihm zunehmend suspekt. Manches, was hier geschah, war Sünde, manch einer der Gefährten ließ wahre Gottesfurcht vermissen. Er musterte Marcel. Der Junge war in den letzten Monaten schmal geworden und hatte Augenringe. Fühlte er sich noch wohl hier? Die Gemeinschaft war Frieder immer wie ein sicherer Hafen für seinen Sohn vorgekommen, besonders nach dem Weggang von Susann. Gleich mehrere Mütter hatten sich des Jungen angenommen, er hatte Freunde hier, und die Gemeinde bot ihm Schutz vor den Wirren des Alltags. Marcel war ein scheues Kind. Es würde ihm nicht leicht fallen, da draußen neue Freunde und Spielgefährten zu finden. Frieder zwinkerte seinem Sohn zu und drückte leicht dessen Arm. Er würde die Entscheidung darüber, was das Beste für sie beide wäre, vertagen. Jetzt musste er sich erst einmal überlegen, wie er nachher von hier verschwinden und in der Nacht oder morgen früh zurückkehren konnte, ohne dass es jemandem auffiel.