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»Lasst uns nun singen.« Der Mann mit dem weißen Umhang breitete die Arme aus und ließ seinen Blick über die Gemeinde gleiten. Er bemühte sich dabei, jeden Einzelnen anzusehen. Ehrfürchtig saßen seine Schäflein in ihren Stuhlreihen und blickten nach vorn. Aus ihrer Perspektive wirkte Romain Holländer wie die Christusstatue auf dem Corcovado in Rio de Janeiro, nur dass seine Haare nicht so lang waren. Konrad, der neue Altardiener, sang einen einzelnen klaren Ton in die Stille und stimmte so an.

Romain Holländer schloss die Augen. Sein sonorer Bass übertönte den Chorus, genau so, wie es sein sollte. Er wusste um seine Wirkung. Besonders eindrucksvoll war die Szenerie an einem Tag wie heute, wenn die Sonne hereinschien. Das Licht fiel durch das Ornamentfenster hinter ihm und zeichnete saphirblaue, flaschengrüne und granatrote Muster auf das weiße Gewand. Gleichzeitig fluteten die farbigen Strahlen um seinen Hinterkopf und verliehen ihm eine Art Heiligenschein. Die Markierung am Boden, auf die er sich stellen musste, um diesen Effekt zu erzielen, war fast unsichtbar, und Romain Holländer glaubte nicht, dass sie überhaupt schon einmal jemandem aufgefallen war. Eigentlich brauchte er das Kreuzchen auch gar nicht. Die Riten verliefen seit Jahren immer gleich, ob es nun Sonntags- oder Wochentreffen waren.

Er sang etwas lauter und schielte dabei durch die halbgeschlossenen Lider auf die Gemeinde; prüfte die Gesichter, forschte, ob alle dem Auf und Ab der Töne folgten. Ablenkung war Sünde. Meist beichteten die Betreffenden ihre Verfehlungen von selbst und suchten sich auch selbst eine Bestrafung aus, aber es konnte nichts schaden, sie trotzdem zu kontrollieren. Dieses Mal schien niemand unaufmerksam zu sein. Viele hatten wie ihr Führer die Augen geschlossen, manche wiegten sich im Takt hin und her.

Auch die Kinder bemühten sich. Die ganz kleinen, die Texte und Melodien noch nicht beherrschten, saßen andächtig auf dem Schoß von Mutter oder Vater, die größeren versuchten mitzusingen. Keines von ihnen zappelte, weinte oder plapperte dazwischen, obwohl die Sonntagsandacht manchmal von sechs Uhr früh bis zur Mittagsspeisung dauerte. Es schien Romain, als begriffen sie instinktiv die Bedeutung der Treffen und wollten ihren Eltern keine Schande machen.

Romain Holländer war zufrieden. Heute hatte keiner von ihnen Tadel verdient. Er ließ die letzten Töne verhallen und öffnete die Augen ganz langsam, als erwache er gerade aus einer tiefen Trance. Dann schenkte er der Gemeinde ein inniges Lächeln und senkte bedächtig die segnenden Arme. Den Blick auf die vertäfelte Wand hinter den Stuhlreihen gerichtet, zählte er bis zehn, ehe er sprach.

»Ich danke euch. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn sich alle im Gesang vereinen. Der heutige Sonntag ist ein gesegneter Tag für uns alle. Wir wollen nun voller Freude die Botschaft der Woche hören.« Die Menschen vor ihm falteten die Hände, die Kinder taten es ihnen nach. Romain Holländer gab Konrad ein Zeichen, und während er zu predigen begann, schritt der Junge durch die Reihen und schwenkte das silberne Gefäß von links nach rechts, darauf bedacht, den weißen Rauch gleichmäßig zu verteilen.

Insgeheim gab Romain Holländer zu, dass er das mit dem Räucherwerk von den Katholiken geklaut hatte. Angeblich hatte ja schon der reine Weihrauch einen leicht halluzinogenen Effekt, aber er verwendete zusätzlich noch andere Essenzen. Substanzen, die in Deutschland gar nicht erhältlich waren. Die Beimengungen hatten eine leicht narkotische Wirkung, beruhigten die Gedanken, machten den Kopf leer und schufen so Platz für seine Worte.

Seine Schäfchen wussten davon nichts. Sie fühlten lediglich, dass der Rauch sie beruhigte, dass er ihnen Wohlbehagen schenkte und sie ein wenig schläfrig zurückließ. Auch Romain Holländer spürte die Wirkung. Er liebte es, wenn sich die Gedanken in seinem Kopf zu machtvollen Gebilden formten, wenn die Sätze wie Perlenschnüre aus seinem Mund glitten und sich um die Köpfe der Gemeindemitglieder wanden. Manchmal überflutete ihn die Macht der Worte so stark, dass er Stunden um Stunden predigte, um danach wie eine hohle Spielzeugfigur in die glasigen Augen seiner Gemeinde zu starren.

Heute hatte er Konrad den Auftrag gegeben, die große Silberkugel nur in den Reihen der Zuhörer zu schwenken, denn heute durfte die Predigt nicht bis in die Nachmittagsstunden dauern. Romain Holländer hatte noch einiges vor an diesem wunderbaren Sonntag im Februar.

Nach einer guten Stunde beendete er seine Rede mit einigen metaphorischen Verweisen auf die Nützlichkeit ihres Tuns, wobei er die Stimme lauter und lauter werden ließ, um die Schäfchen sanft aus ihrer Entrückung zu erwecken. Nachdem alle die Augen wieder geöffnet hatten und nach vorn schauten, stimmte er die Schlusslitanei an. Das einsetzende Gemurmel rollte wie ein ferner Donner durch den Raum.

»Und nun gehet zur Sonntagsspeisung. Ich werde euch alsbald folgen.« Die erhobenen Arme winkten die Schäfchen hinaus. Romain Holländer lächelte sein sanftmütiges Lächeln. Er liebte diese schwülstigen Formeln. Sie hoben sich von der Alltagssprache ab und zeigten, dass es hier um etwas Besonderes ging.

»Konrad, du hilfst mir bei den Nachbereitungen.« Der Altardiener nickte. Das ziselierte Räuchergefäß schaukelte sacht in seiner Rechten. Romain beobachtete die Gemeindemitglieder beim Hinausgehen. Manche Kinder waren so fest eingeschlafen, dass sie auch durch das Rütteln und die Geräusche beim Aufstehen nicht erwachten. Langsam schlurften die Menschen hinaus, die große Freitreppe in das Foyer hinab.

Konrad hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Er stand noch immer neben dem Altar und starrte in die Ferne. Vielleicht hatte er beim Herumgehen etwas zu viel von dem Räucherwerk eingeatmet. Romain Holländer wartete, bis alle Mitglieder den Raum verlassen hatten, dann trat er zu dem Jungen und legte ihm die Handfläche auf die blonden Locken. »Komm, mein Sohn. Es wird Zeit.« Konrad erwachte aus der Erstarrung und sah zu seinem Meister auf. Ein scheues Lächeln erschien in seinem Gesicht. Es war sein erster Altardienst, und er wusste noch nicht so recht, wie es jetzt weitergehen würde.

»Zuerst kontrollierst du den Andachtsraum.« Romain zeigte auf die Stuhlreihen. »Stelle die gewohnte Ordnung wieder her.« Das Kind nickte. »Das Räuchergefäß kannst du mir geben.« Folgsam überreichte Konrad die Silberkugel. »Dann kommst du in den heiligen Raum und hilfst mir dort bei den Nachbereitungen.« Nachbereitungen hörte sich entschieden besser an als »Aufräumen«. Noch einmal ließ Romain Holländer seine Hand über das seidenweiche Haar gleiten und wandte sich dann, einen Seufzer unterdrückend, ab. Hoheitsvoll schritt er davon. Das weite Gewand verdeckte seine Erektion. Was für ein reines, unschuldiges Wesen dieser Kleine doch war! Hinter ihm scharrten Stuhlbeine über das Parkett. Er würde dem Jungen sagen müssen, dass er die Stühle anheben sollte. Aber das hatte später noch Zeit.

Romain Holländer zog die schwere Flügeltür hinter sich zu. Sein Atem ging stoßweise, und er wollte nicht, dass der Junge dies hörte. Vor dem mannshohen Sprossenfenster blieb er stehen und schaute in den Park hinaus. Hell funkelte der Schnee im Licht der Mittagssonne, und Romain Holländer schloss kurz die Augen und lauschte auf das Rumoren im Andachtsraum. Der goldlockige Konrad würde gleich zu ihm kommen, um bei den Nachbereitungen behilflich zu sein. Er öffnete die Augen wieder, schlüpfte gleichzeitig mit der rechten Hand ins Innere des Fledermausärmels und fuhr mit kreisenden Bewegungen über seinen Unterleib, während das silberweiße Licht ihn blendete. Hinter ihm wurde die Flügeltür geöffnet.

»Prinzipal?«

»Ja, mein Sohn?« Romain Holländer drehte sich nicht um. Seine Hand kreiste stärker.

»Ich bin draußen fertig.«

»Sehr schön, Konrad. Dann kannst du mir jetzt beim Umkleiden helfen.« Jetzt wandte er den Kopf nach hinten und bewunderte das Spiel des Lichts auf den hellen Kinderlocken. »Schließ die Tür, bitte.« Romain schob seine Hand wieder nach draußen und schritt zu dem Wandschrank, in dem die liturgischen Gewänder aufbewahrt wurden.

Er würde Konrad körperlich nicht zu nahe kommen – zumindest jetzt noch nicht. Der Junge würde ihm beim Umziehen helfen und sich anschließend selbst umkleiden. Dabei konnte Romain die zarte Kinderhaut wie zufällig berühren und sich ein bisschen zu dicht über ihn beugen, mehr nicht. Den Rest erledigte die rechte Hand, wenn Konrad draußen war. In ein paar Monaten würde er ihn so weit haben, dass der Junge die Verrichtungen an Romain Holländer als Dienst an der Sache ansah und sich ihm freiwillig anbieten würde. Und wie all den anderen vor ihm würde es auch Konrad irgendwann Spaß machen, dem Führer zu Diensten zu sein. Das waren Erfahrungswerte.