24
»Ich gehe heute etwas eher.« Gerda Saibling schloss alle Programme und fuhr den Rechner herunter. »Ich muss noch einkaufen, und um vier habe ich einen Friseurtermin.« Sie strich sich über die Löckchen und schüttelte sie dann. »Färben und nachschneiden.«
Sibylle Leitsmann schaute von ihren Akten auf. »Na sicher doch. Du hast doch bestimmt genug Überstunden zum Absetzen?«
»Immer.« Gerda Saibling sortierte die Dinge in ihrer Handtasche und erhob sich dann. »Wann kommst du morgen?«
»Gegen zehn. Ich habe morgen früh einen Termin bei einer unserer Langzeitklientinnen.«
»Dass du immer so eifrig mit den Hausbesuchen bist …«
»Das lässt sich in diesem Fall nicht vermeiden. Ich betreue die Familie schon seit anderthalb Jahren, und es ist mal wieder Zeit, vorbeizuschauen. Viel Spaß beim Einkaufen!« Sibylle Leitsmann winkte kurz und neigte den Kopf wieder über die Papiere.
Mit einem Klacken fiel die Tür ins Schloss. Im Korridor roch es nach Bohnerwachs und ranzigem Fett. Gerda Saibling rümpfte die Nase und ging schneller. Seit Jahren versuchten die Reinigungskräfte, den Geruch zu bekämpfen, aber er kam immer wieder.
Sie war allein im Fahrstuhl. Die Türen klapperten beim Schließen, dann ging es abwärts. Der Eingangsbereich war fast leer, auf einem der Klappsitze an der rückwärtigen Wand saß ein mit Schal und Mütze vermummter Mann, daneben eine junge Frau mit Kinderwagen. Am Glasschalter stand ein dünner Kerl, der unter den Augen und am Hals tätowiert war. Wahrscheinlich war er auch an allen möglichen anderen Stellen tätowiert. Gerda Saibling dachte »Assi«, nickte dem Kollegen hinter dem Schalter zu und ging hinaus.
Eisiger Wind fauchte ihr entgegen, Schneeflocken wirbelten auf und ab, wurden herangeweht und peitschten ihr ins Gesicht. Gerda Saibling zog den Strickschal über den Mund und ärgerte sich zum wiederholten Mal über ihre Halbstiefel. Sie sahen schick aus, aber die Sohlen waren glatt wie Schmierseife. Vielleicht sollte sie sich tatsächlich ein Paar dieser klobigen Moonboots für den Winter zulegen. Im Amt konnte sie die ja dann wieder gegen ihre modischen Stiefeletten eintauschen.
Der Schnee dämpfte alle Geräusche. Auf dem Parkplatz war nicht geräumt, und Gerda Saibling nahm sich vor, sich über den Hausmeisterdienst zu beschweren. Auch wenn es ununterbrochen schneite, mussten sie räumen. Und zwar nicht nur den schmalen Gehweg vor dem Amt und die Stufen zum Eingang, sondern auch auf dem angrenzenden Parkplatz. Dafür wurde die Firma schließlich bezahlt.
Ihr Auto stand ziemlich weit vom Haupteingang entfernt zwischen zwei Schneewällen. Gerda Saibling dachte an ihren Einkaufsbummel und dass sie sich einen neuen Schal und vielleicht das eine oder andere Kleidungsstück kaufen würde. Das Ganze mit frisch gestylten Haaren. Sie lächelte zufrieden, schloss das Auto auf und griff nach dem Handfeger, mit dem sie den Wagen abkehren wollte.
Im Aufrichten sah sie, dass der mit Schal und Mütze vermummte Mann vom Foyer in ihre Richtung lief. Wahrscheinlich hatte er hier auch irgendwo geparkt. Gerda Saibling ging um ihr Auto herum und begann, den Besen zu schwingen.
Der Mann schwitzte. Das artete allmählich in Schwerstarbeit aus. Gestern hatte er diesen Schwächling von Immobilienberater entsorgt. Der Typ hatte mindestens neunzig Kilo gewogen. Er hatte lange nach einer abgelegenen Bankfiliale mit wenigen Wohnhäusern in der Nähe gesucht, die montags schon am frühen Nachmittag schloss, wenig frequentiert wurde und keine durchgängige Videoüberwachung hatte. Und trotzdem war es ein ziemliches Risiko gewesen, den toten Mann dort zu präsentieren. Die gefährlichsten Minuten waren die gewesen, in denen er die Leiche ausgepackt und vor dem Geldautomaten arrangiert hatte. Aber das Glück war ihm hold gewesen, und das hatte ihn in seinem Vorhaben bestärkt. Die Mächte waren mit ihm und wünschten, dass er seine Pläne zu Ende führte. Den restlichen Nachmittag bis in den Abend hinein hatte er seine Pflichten erfüllt, um dann gegen Mitternacht in einen komatösen Schlaf zu fallen, aus dem er kaum erholt erwacht war. Und doch durfte er sich keine Pause gönnen. Die Mächte hatten ihm zu verstehen gegeben, dass die Zeit drängte. Wer weiß, wie lange ihm noch bleiben würde, bis man ihm auf die Spur kam.
Deshalb war er heute gleich nach dem Mittag zu der Behörde geeilt, um seine Auserwählte nicht zu verpassen. Die Frau verließ das Jugendamt an manchen Tagen schon zeitig. Und so war es auch heute. Noch ein Beweis dafür, dass sie ihrer Tätigkeit gleichgültig gegenüberstand.
Sein Blut rauschte in den Ohren und er hörte sich selbst keuchen, während er die schlaffe Frau die Treppen hinunterschleifte. Die Auserwählte war ein schwerer Brocken. Sie wog mindestens so viel wie dieser geldgierige Immobilienhai. Aber er konnte sich schließlich seine Opfer nicht nach Körpergewicht aussuchen. Und dieses Mal würde er auch nicht die Zeit haben, die Delinquentin tagelang zu behandeln. Sie war erst die vierte, und weitere würden ihr folgen. Maximal zwei Tage mit ihr gab sich der Mann. Das würde reichen, um ihr ihre Verfehlungen vorzuhalten und die Ermahnungen in sie einzugravieren. Er wollte sein Werk vollenden. Die Polizei schlief nicht. Womöglich waren sie ihm schon auf den Fersen. Das Vorhaben, die Auserwählten vor ihrem Tod zur wahrhaftigen Reue zu bewegen, hatte er aufgegeben. Die Kellertür quietschte in den Angeln. Er schleppte die bewusstlose Frau hinein, ließ sie keuchend auf den Boden sinken und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
*
»Ist er schon zurück von der Schule?« Die dürre, großgewachsene Frau bejahte.
»Ich möchte mit ihm sprechen. Lass ihn zu mir ins Besprechungszimmer kommen.« Romain Holländer sah Gerlind Westfal nach, ehe er sich umdrehte, um sich in den Besprechungsraum zu begeben. Sie stakte wie ein Storch die breiten Stufen zur Eingangshalle hinab.
Oben war es still. Nicht ein Laut drang zu den breiten Fenstern herein. Er genoss die Abwesenheit aller Farben, straffte sich und rief sich die schmale Gestalt seines Besuchers ins Gedächtnis. Der Junge hatte in den letzten Monaten abgenommen. Man würde seine Suggestionen erneuern müssen. Manchmal verblichen sie mit der Zeit, vergaß das Gehirn die Botschaften. Es klopfte.
»Prinzipal?« Gerlind Westfal nickte ihm zu und schloss dann die Tür von außen. Romain Holländer blieb unbeweglich sitzen, die Beine locker übereinandergeschlagen, die Hände gefaltet, und musterte den Gast. Nach einigen Sekunden des Schweigens deutete er neben sich. »Nimm Platz.« Der Junge kam zögerlich näher, setzte sich auf die Kante des weißen Sofas und schaute geradeaus.
»Sieh mich an. Ich möchte mit dir sprechen.« Marcel Wörth drehte langsam den Kopf. Romain Holländer sprach mit schleppender Stimme. »Entspanne dich. Entspanne dich. Es wird dir nichts geschehen. Ich möchte nur mit dir reden.« Die Schultern des Jungen sanken nach unten. »Sieh mir in die Augen. Du fühlst dich wohl.«
Es dauerte mehrere Minuten, bis der Junge in einen Trancezustand geriet, deutlich länger, als Romain Holländer gedacht hatte, aber er hatte sich den Kleinen auch längere Zeit nicht vorgenommen. Erst als die Lider des Jungen zu flattern begannen und er an die Lehne des Sofas sank, den Kopf nach hinten geneigt, versetzte Romain ihn an einer anderen Ort und begann mit der Befragung. Frieder Wörth hatte sich einem Gespräch mit dem Prinzipal seit Tagen entzogen, so als ahne er, dass dieser ihn ausfragen wollte. Jetzt war er zur Arbeit, und Romain Holländer hatte beschlossen herauszufinden, ob sein Sohn etwas wusste.
»Wie läuft es in der Schule?«
»Nicht so gut. Ich muss mir mehr Mühe geben.«
»Und zu Hause? Vermisst du deine Mutter?«
»Sie ist eine Hure.« Während er dies sagte, schüttelte Marcel Wörth den Kopf. Zwei Tränen quollen unter den halbgeschlossenen Lidern hervor.
»Wer sagt das?«
»Vater.«
Romain Holländer beschloss, nicht weiter nachzufragen. Anscheinend war Frieder Wörth noch immer so wütend auf seine Frau, dass er sogar seinen Sohn dazu brachte, sie zu verachten. Und das verringerte die Wahrscheinlichkeit, dass er sich an den Abenden, an denen er das Haus verließ, mit ihr traf.
»Sei ruhig, Marcel. Alles ist gut. Du fühlst dich wohl und bist glücklich.« Der Junge entspannte sich wieder.
»Liebst du deinen Vater?« Jetzt nickte der Junge träge. Natürlich liebte Marcel Wörth seinen Vater. Geschwister hatte er keine, den Kontakt zu den Großeltern hatten sie vor langer Zeit abgebrochen. Der Vater war die einzige Person, die dem Kind noch geblieben war.
»Und er kümmert sich um dich?«
»Ja.«
»Abends auch?«
»Nicht immer.«
»Manchmal geht er weg und lässt dich allein?«
»Wenn er denkt, ich schlafe.« Der Junge schluckte.
»Wohin geht er?«
»Das weiß ich nicht. Er glaubt, ich merke es nicht.«
»Morgens ist er wieder da?«
»Ja.«
»Was hat er an, wenn er weggeht?«
»Das, was er immer trägt.«
»Nimmt er etwas mit? Eine Tasche, andere Dinge?«
»Ich glaube nicht.« Marcel Wörth runzelte die Stirn. »Seine Brieftasche. Den Schlüssel für die Pforte.«
Romain Holländer betrachtete das weiche Gesicht und überlegte, ob er die falschen Fragen stellte. Andererseits wusste er auch nicht, was er sonst noch fragen sollte.
»Wann kommt er denn morgens immer zurück?«
»Ich weiß nicht genau. Wenn ich aufwache, ist er wieder da.«
»Bringt er dann etwas mit?«
»Nein.«
Das führte zu nichts. Das Kind hatte keine Ahnung, wo der Vater hinging, was er dort tat und wann er zurückkehrte. Romain Holländer beschloss, die Befragung zu beenden. Er würde dem Jungen neben der Verstärkung bereits vorhandener Suggestionen noch den Befehl implantieren, den Vater genauer zu beobachten und alle Abweichungen vom normalen Tagesablauf zu registrieren, um sie dann in einem unbewussten Bereich abzuspeichern, auf den er sich mit einem Codewort Zugang verschaffen konnte. In den nächsten Tagen musste er sich dann unbedingt Frieder Wörth selbst vornehmen. Der Mann wurde allmählich gefährlich. Was, wenn er draußen Dinge ausplauderte, die keinen Außenstehenden etwas angingen? Wenn er Interna aus dem Leben der Kinder des Himmels preisgab? Das konnte die gesamte Gemeinschaft gefährden. Melinda Weiß hatte den Auftrag, Frieder weiterhin zu beschatten, aber es war ihr bisher nicht gelungen, etwas Interessantes herauszufinden. Am Wochenende war sie noch einmal bei dem Haus in Plagwitz gewesen, in dem Frieder Wörth neulich abends verschwunden war, und hatte herausgefunden, dass es einen Hofausgang besaß, über den man zu den Nachbarhäusern kam. Von dort konnte man leicht auf die angrenzende Straße gelangen. Die Hausbewohner der Josephstraße, die Melinda Weiß mit Frieders Foto befragt hatte, kannten ihn nicht. Das Ganze war bisher ziemlich unbefriedigend, aber er würde schon noch herausfinden, wo sich der Vater dieses Jungen nachts herumtrieb.
Romain Holländer betrachtete nachdenklich Marcel Wörths helles Haar und lächelte dabei. Der Kleine atmete flach, seine Lider flatterten ab und zu, als träume er etwas Aufregendes.
Er strich einmal über die samtigen Wangen des Jungen und dachte dabei an seinen neuen Altardiener Konrad. Konrad der goldgelockte Engel. Die Vorfreude auf kommende Genüsse ließ ihn schneller atmen. Marcel war zwar auch noch knabenhaft für seine elf Jahre, würde seine Kindlichkeit aber schon bald ablegen. Romain Holländer hatte ein Gespür für solche Dinge. Er ließ die streichelnde Hand langsam über Schultern und Rücken nach unten gleiten. »Du erinnerst dich an nichts. Nichts von dem, was hier geschehen ist und geschehen wird. Wir haben ein Gespräch über deine schulische Entwicklung geführt. Deine schulische Entwicklung, sonst nichts, Marcel. Du willst dir in Zukunft mehr Mühe geben.« Während seine Finger an der Jeans des Jungen nestelten, stellte er sich das pausbäckige Gesicht Konrads vor.