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»Zuerst habe ich ein Quietschen gehört, und dann wurde eine Bahre an vier Seilen zum Laufsteg herabgelassen. Darauf lag die Leiche der Braut. Ich meine natürlich das Model, das das Brautkleid trug.« Lara holte tief Luft. »Ich schreibe eine Artikelserie dazu.«
»Die ›Brautleiche‹. Das kam auf allen Kanälen.« Mark sprach gelassen. »Magst du mir die Artikel mailen? Dann brauchst du mir jetzt nicht alles haarklein zu erzählen, und ich kann das in Ruhe lesen. Wenn ich Fragen dazu habe, rufe ich dich an. Bist du am Wochenende zu Hause?« Lara hatte das Gefühl, Marks Stimme zum ersten Mal bewusst zu hören. Sie klang tief und weich und erzeugte einen warmen Widerhall in ihrem Unterleib. Sie zog die Beine an und lehnte sich in ihre Sofaecke zurück.
»Lara, bist du noch dran?«
»Ich habe nachgedacht. Heute Abend will ich mit Doreen einen Frauenabend machen, aber morgen bin ich da.«
»Fein. Dann telefonieren wir morgen noch einmal.« Sein Tonfall wurde verbindlicher. Gleich würde er sich verabschieden.
»Warte! Ich habe noch eine Frage: Auf einem der Fotos war etwas Dunkles auf der Stirn der Toten zu sehen. Wir dachten zuerst, es wäre Schmutz, aber Jo hat es ein bisschen nachbearbeitet und dabei stellte sich heraus, dass es sich um Buchstaben handelt. Schwarze Schrift, das Wort heißt Lucifer.«
»Luzifer? Bist du dir sicher?«
»Es ist eindeutig.«
»Hm. War es mit ›c‹ oder mit ›z‹ geschrieben?«
»Mit ›c‹. Spielt das eine Rolle?«
»Vielleicht. Schreibt man den Namen mit ›c‹, kann er den herkömmlichen lateinischen Wortsinn bedeuten. Lux ist das Licht und ferre bedeutet tragen. Lucifer heißt dann nichts anderes als ›Lichtträger‹. In der römischen Mythologie kannte man ihn als die Gottheit, die den Tag anbrechen lässt, auch als Morgenstern. Seine Mutter ist Aurora, die Göttin der Morgenröte.«
»Und ich dachte immer, mit Lucifer wäre der Teufel gemeint.«
»Im übertragenen Sinne kann es das auch heißen. Dann schreibt man es aber mit ›z‹. In der christlichen Religion wurde er auch nicht von Anbeginn an mit dem Teufel gleichgesetzt. Die frühen Christen hielten Luzifer sogar für ein Synonym Christi. Später wandelte sich die Bedeutung. Zuerst zu einem ›hochmütigen Lichtbringer‹, dann zu einem gefallenen Erzengel und schließlich zu Satan, der im Lukasevangelium wie ein Blitz vom Himmel fällt.«
»Unglaublich.« Lara kräuselte die Stirn und dachte darüber nach, was sie alles nicht wusste. Das war der Nachteil, wenn man ein aufgeklärtes Heidenkind war.
»Du siehst also, nichts ist eindeutig, und das Wort kann alles Mögliche ausdrücken. Es war auf die Stirn geschrieben?«
»Ja. Wahrscheinlich steht noch etwas davor. Ein zweites Wort, das mit ›S‹ anfängt. Mehr konnten wir nicht herausfinden. Die Fotos sind verwackelt, und ich habe von der Seite fotografiert.«
»Das wird ja immer seltsamer. Die Kripo hat nichts veröffentlicht?« Er redete weiter, ohne auf ihre Bestätigung zu warten. »Das werden sie auch schön für sich behalten. Jetzt hast du mich aber wirklich neugierig gemacht. Ich muss ein bisschen herumfragen. Kannst du mir die Bilder an die Mail anfügen?«
»Na sicher kann ich das.« Laras Gehirn schaltete wieder von Informationen auf Emotionen um. Ihr war warm, und ihr Herz klopfte lauter als sonst. »Ich schicke es gleich nachher ab.« Sie sah zur Uhr, während Mark sich verabschiedete. Gleich halb drei. Sie hatte noch den ganzen Sonnabendnachmittag und wusste nicht, was sie damit anfangen sollte.
»Dann hören wir uns morgen wieder?« In Marks Stimme schwang ein Lächeln mit.
»Ich bestehe darauf.« Sie lachte. Ein wenig gekünstelt, wie es ihr vorkam, aber er schien nichts davon zu bemerken. »Aber bitte nicht vor Mittag. Wer weiß, wann ich ins Bett komme.« Lara verzog das Gesicht. Jetzt wollte sie ihn auch noch eifersüchtig machen.
»Ich rufe dich am Nachmittag an. Tschüss, Lara.« Mark hatte aufgelegt. Lara beschloss, die E-Mail gleich abzuschicken. Dann konnte er sich bis morgen ausgiebig damit beschäftigen. Sie legte das Telefon auf den Couchtisch und erhob sich.
»Du hast nichts verstanden. Nicht das Geringste.« Die Stimme flüstert. »Aber das hatte ich auch nicht erwartet. Ihr denkt doch heutzutage alle, dass euer Verhalten normal ist.« Ein Schnaufen, dann fährt die Stimme fort. »Und trotzdem hatte ich wider besseres Wissen gehofft, dass du deine Sündhaftigkeit erkennst. Das war ein Irrtum. Und nun ist deine Zeit abgelaufen.«
Lara sah sich um, während die Schlieren vor ihren Augen verschwanden. Sie stand in ihrem Arbeitszimmer vor dem Schreibtisch, die Hand auf der Stuhllehne. Mit einem Kopfschütteln zog sie den Stuhl heraus, setzte sich und schaltete den Computer ein. Mark wartete auf den Artikel und die Bilder.
Zähne. Weiße, fest aufeinandergepresste Zähne. Ein leises Kichern. Eine Hand legt zwei Holzkugeln auf ein weißes Tuch. Auf den Kugeln sind mit dunkelblauer Farbe Muster eingraviert. Das Blickfeld erweitert sich, zeigt einen schmalen Körper, langgestreckt auf dem Rücken liegend, Schlüsselbeine und Beckenknochen stehen hervor. Nur die dunklen Brustwarzen heben sich von der bleichen Haut ab. Die Frau hat die Augen geschlossen, als ob sie schläft. Im Intimbereich ist sie komplett rasiert.
Jetzt kommt eine gebeugte Gestalt ins Bild, nur der Rücken ist zu sehen, ein helles Hemd mit Kragen. Die Gestalt hockt sich neben die Frau, beugt sich nach vorn, als betrachte sie sie näher. Die nackte Frau auf dem Boden rührt sich nicht.
Ein gebogenes Messer durchschneidet das Bild. Es nähert sich der weißen Haut, verharrt einige Zentimeter über dem Gesicht, schwebt dann nach unten, streicht über den Hals, fährt zum Brustbein und gleitet nach rechts. Greift nach dem linken Arm. Das Messer gleitet über das Handgelenk, ein rot klaffendes Maul öffnet sich. Blut strömt hervor. Viel Blut, zu viel. Das alles geschieht in völliger Stille. Schnell bildet sich ein See unter dem Arm, Rinnsale sickern in alle Richtungen, während die Gestalt sich nach links wendet und auch am rechten Handgelenk einen tiefen Schnitt setzt. Ein zweiter roter See entsteht.
Die Frau bewegt sich nicht. Ist sie bewusstlos?
Lara kniff die Augen fest zusammen, wollte noch mehr sehen, wollte die Person sehen, die zu der Hand mit dem Messer gehörte, aber die Szene verblasste plötzlich und verschwand dann gänzlich. Draußen schippte jemand Schnee. Ein Auto hupte. Lara öffnete die Augen. Vor ihr flimmerte der Bildschirm. Mit weichen Knien erhob sie sich und ging ins Wohnzimmer, um das Telefon zu holen, während sie darüber nachdachte, was sie da eben gesehen hatte. Noch im Gehen wählte sie die vertraute Nummer.
»Mark?«
»Nein, hier ist Anna.«
»Oh, Entschuldigung. Lara Birkenfeld hier. Könnte ich bitte Mark sprechen?«
»Der ist unterwegs. Hatten Sie nicht schon vor einer halben Stunde angerufen?«
»Ja. Inzwischen habe ich aber neue Informationen in dem Fall, den ich mit ihm besprochen habe.« Eine Fallbesprechung war unverfänglich. Marks Frau hatte ihr gerade noch gefehlt. Anna argwöhnte schon seit Jahren, dass sie etwas miteinander hatten. Ein Irrtum, aber sie ließ sich ihren Verdacht nicht ausreden.
»Versuchen Sie es auf dem Handy. Das tun Sie doch sonst auch, oder? Wiederhören.« Anna Grünthal hatte aufgelegt. Lara schluckte. Das hatte gesessen. Hatten sich die zwei gestritten, oder hatte Marks Frau heute besonders schlechte Laune? Sie tippte Marks Handynummer ein, erreichte aber nur den Anrufbeantworter. Ohne eine Nachricht zu hinterlassen, legte sie auf. Im Moment konnte der Freund auch nichts tun. Sie würde ihre Halluzination in der E-Mail beschreiben, dann konnten sie morgen darüber reden.
*
»Wie war dein Frauenabend?« Es klang neckend.
»Sehr nett.« Lara runzelte die Stirn. Sehr »nett«? Was redete sie da? Doreen hatte fast den ganzen Abend mit einem dürren Typen getanzt, und sie hatte an der Bar gesessen und irgendwelche halbgaren Verehrer abgeblockt, bis sie sich schließlich gegen eins auf den Heimweg gemacht hatte.
»Das freut mich.« Mark wurde ernst. »Ich habe deine Informationen gelesen, mir die Bilder angeschaut und ein bisschen herumtelefoniert. Ein ausführlicher Obduktionsbericht liegt bereits vor. Ich sage dir jetzt nicht, woher ich das habe, aber das, was ihr auf der Stirn gesehen habt, ist tatsächlich das Wort Lucifer. Es wurde aber nicht mit irgendeinem Stift aufgemalt, sondern tätowiert.«
»Tätowiert?«
»Ja. Das bleibt aber unter uns.«
»Wie immer.« Lara grinste kurz und ging zu ihrem Schreibtisch, um sich Stichpunkte zu machen.
»Bei der Obduktion hat man außerdem festgestellt, dass die Tätowierungen schon mehrere Tage alt waren, die Hautirritationen waren vollständig zurückgegangen und die Mikroentzündungen im Einstichbereich vollständig abgeheilt.«
»Tätowierungen? Mehrzahl? Und wie viel sind ›mehrere Tage‹?«
»Auf der Stirn finden sich zwei Wörter. Ihr hattet ja schon selbst gesehen, dass vor Lucifer noch etwas anderes steht.«
»Ach ja, das hatte ich ganz vergessen. Es fing mit ›S‹ an.«
»Richtig. Das Wort ist superbia. Und was die Anzahl der Tage betrifft, so heißt es: mindestens drei, es können auch vier oder fünf sein.«
»Was bedeutet das zweite Wort?« Lara schrieb »3–5 Tage« und superbia auf ihren Block.
»Es ist lateinisch und kann Hochmut, Übermut, Eitelkeit, Stolz, Anmaßung, Überheblichkeit oder auch Arroganz bedeuten.«
»Eitelkeit … Carolin Fresnel war ein Model. Ob das etwas damit zu tun hat? Vorausgesetzt, die Tätowierungen stammen vom Täter.«
»Davon können wir ausgehen. Welches Model lässt sich denn freiwillig etwas auf die Stirn tätowieren, wo es jeder sehen kann? Noch dazu zwei so symbolträchtige Wörter?«
»Da die Tätowierungen mehrere Tage alt waren, muss er sie längere Zeit in seiner Gewalt gehabt haben.« Lara kritzelte »Carolin vermisst ab wann?« auf ihren Zettel und hörte weiter zu.
»Das vermutet auch die Kripo. Hinzu kommt, dass der Körper ausgetrocknet war, Magen und Darm waren leer. Er hat sie wahrscheinlich irgendwo gefangen gehalten und hungern lassen.«
»Das ist ja furchtbar!« Lara legte den Stift beiseite und strich sich dann mit der Rechten über den linken Unterarm. Die Gänsehaut war deutlich zu spüren. Mark musste Kontakte aus seiner Zeit als Fallanalytiker angezapft haben, anders konnte sie sich nicht vorstellen, woher er diese Details aus dem Obduktionsbericht kannte. »Warum tut jemand so etwas?«
»Wenn wir das wüssten …« Er machte eine kurze Pause und setzte dann fort. »Etwas allerdings könnte uns Aufschluss über das Motiv geben. Der Text auf dem Rücken.«
»Text auf dem Rücken?« Lara krauste die Stirn und dachte, dass sie sich anhörte wie ein Papagei.
»Habe ich das vorhin nicht erwähnt? Außer der Tätowierung auf der Stirn war der gesamte Rücken von den Schulterblättern bis zu den Lendenwirbeln mit winziger Schrift bedeckt.«
»Was stand da?«
»Ich weiß nur, dass es auch lateinisch war. Leider kenne ich den Wortlaut nicht. Vielleicht bekomme ich ihn noch zugeschickt.«
»Lateinisch? Oh Gott.« Lara seufzte. »Mark, ich hatte in den letzten Tagen mehrmals Erscheinungen. Ich fürchte, das könnte etwas mit diesem Fall zu tun haben.«
»Du hast etwas gesehen, das mit Carolin Fresnel zu tun hatte?«
»Nein, das ist es ja gerade! Es ging um ein anderes Mädchen. Ich glaube, ihr Name ist Nina.« Hastig beschrieb Lara dem Freund ihre Gesichte und dass sie die Wörter fili und verba gesehen hatte.
»Für mich klingt das danach, als hättest du dieses Mal in die Zukunft geblickt. Wie sieht diese Nina denn aus?«
»Viel konnte ich nicht wahrnehmen. In der gestrigen Erscheinung lag sie nackt auf dem Boden. Sie hat dunkle, kurze Haare und ist sehr schlank. Ein Typ, von dem ich nur den Rücken sehen konnte, hat sich über sie gebeugt und ihr die Handgelenke aufgeschnitten.« Mark antwortete nicht. Lara konnte ihn atmen hören, und so setzte sie noch hinzu: »Ich glaube nicht, dass das ein Blick in die Zukunft war. Für mich hat es sich angefühlt, als geschehe das in Echtzeit.«
»Dann müssen wir schnellstens herausfinden, ob eine Nina vermisst wird. Das wird schwierig, weil wir nicht wissen, wo das Ganze stattfindet. Ich werde mich darum kümmern. Was können wir noch tun?«
»Morgen bin ich bei Rootdesign. Ich werde recherchieren. Ganz offiziell im Auftrag der Tagespresse, Informationen sammeln.«
»Sei vorsichtig. Vielleicht treibt sich der Täter noch dort herum.«