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Lara betrachtete die Meldung mit offenem Mund. Es dauerte einige Sekunden, bis sie den Wortlaut verstand. Ihr gegenüber tippte Hubert, den Blick auf den Bildschirm gerichtet. Das Stakkato seiner Tastatur untermalte die Nachricht, die gerade über den Ticker kam.
Leichenfund in Fast-Food-Filiale in Großpösna … Toter heute früh von Reinigungskräften entdeckt … Tätowierung auf der Stirn …
Sie griff, ohne hinzusehen, nach der halbvollen Wasserflasche, setzte sie an und trank. Es schmeckte schal. In den Suchmaschinen-News waren fünfundsiebzig Meldungen zu dem Leichenfund verzeichnet. Die meisten von ihnen wiederholten lediglich den Wortlaut der Agenturmeldung, einige wenige schienen Insiderinformationen zu besitzen. Lara überflog die Berichte.
Servicekräfte hatten den Toten heute früh gefunden. Da mehrere Personen involviert gewesen waren, war es der Polizei nicht gelungen, den erneuten Leichenfund geheim zu halten. Das Reinigungspersonal hatte gegenüber der schnell anwesenden Presse freimütig geplaudert.
Der Tote war nackt und mit Gurten auf einem Stuhl festgeschnallt gewesen. Aus seinem Mund quollen mehrere Burger-Brötchen, die man hineingepresst hatte, in den Nasenlöchern steckten Pommes frites. Das Gesicht und auch die Brust hatte man mit Mayonnaise und Ketchup beschmiert. Die Unterarme waren auf der Tischplatte drapiert, unter den Handflächen lagen zerdrückte Croissants. Auf dem Tisch vor der Leiche hatte der Täter unzählige Mahlzeiten auf Tabletts aufgehäuft, es türmten sich Schachteln mit allen Sorten von Burgern, Hähnchen-Nuggets, Wraps, Pommes frites und Sandwiches, daneben fanden sich zehn große Becher mit Cola, Tütchen mit Senf, Mayo und Ketchup.
Es musste ein bizarrer Anblick gewesen sein. Lara sah schnell zu Hubert und dann wieder auf ihren Bildschirm. Der Kollege hatte ihre Gesundung kommentarlos hingenommen, so wie die meisten anderen in der Redaktion auch. Lediglich Tom hatte ihr, ein maliziöses Lächeln auf den Lippen, zur »schnellen Genesung« gratuliert.
Montags war in der Redaktion immer viel los. Das Wochenende musste aufgearbeitet werden, minütlich kamen neue Eilmeldungen herein. Lara hatte nach ihren gestrigen Ausflügen zu den Kontaktpersonen von Nina Bernstein und Robert Wessel, die nichts gebracht hatten, beschlossen, nicht länger »krank« zu sein. Es war nicht förderlich, wenn sie sich bockig verhielt. Die Situation hier war für sie untragbar geworden, so viel war sicher, und sie hatte sich das ganze Wochenende den Kopf darüber zerbrochen, wie sie etwas daran ändern konnte. Die Lösung konnte nur sein, dass sie fortging, entweder zu einer anderen Zeitung, was schwierig war, oder indem sie sich selbstständig machte. Freiberufler zu sein, keinen Chef – und vor allem keinen Tom – mehr vor der Nase sitzen zu haben, war ihr als der perfekte Ausweg erschienen. Wenn sie dieses Vorhaben jedoch wirklich in die Tat umsetzen wollte, würde sie in Zukunft sicherlich auf Aufträge von der Tagespresse angewiesen sein. Genauso wie von anderen Zeitungen oder Zeitschriften. Was, wenn Tom Kollegen ihr angeblich unseriöses Verhalten schilderte? Sie würde in den nächsten Wochen weiter die Zähne zusammenbeißen müssen.
Leipzig live schrieb auf seinen Seiten, dass der Tote ein Internetspezialist – was immer das heißen mochte – aus Taucha gewesen sei, der anscheinend schon seit ein paar Wochen tot war. Da der Mann offenbar keinen Kontakt zu Verwandten und keine engen Freunde gehabt hatte, war sein Fehlen niemandem aufgefallen.
Noch wusste die Polizei nicht, wie der Mörder es geschafft hatte, in das Fast-Food-Restaurant einzudringen. Lara versuchte, sich Fast-Food-Filialen ins Gedächtnis zu rufen, in denen sie schon gewesen war. Gab es dort irgendwelche Sicherungsvorkehrungen? Wenn das so war, dann musste es dem Täter gelungen sein, diese zu umgehen. Die Filiale in Großpösna schloss sonntags um Mitternacht und öffnete an den Wochentagen morgens um acht Uhr. Vorher musste es dort wie ausgestorben sein. Es war Winter, und es war bitterkalt. Niemand würde sich freiwillig mitten in der Nacht da draußen herumtreiben.
Der Täter hatte den Ort für sein Vorhaben gut ausgewählt. Die Vorderfront der Filiale zeigte zwar zur Grimmaischen Straße, aber die beiden Seiten und der rückwärtige Bereich grenzten an die Parkplätze des Einkaufscenters Pösna Park, auf denen sich in den Nachtstunden niemand aufhielt. Wohnhäuser gab es hinter der Filiale nicht. Keiner würde es bemerken, wenn ein Auto hier hielt und jemand eine Leiche auslud, und die Bewohner der Einfamilienhäuser auf der anderen Seite der Grimmaischen Straße hatten, selbst wenn sie es wollten, keine Möglichkeit, den Bereich des Einkaufszentrums mit den Parkplätzen einzusehen. Lara las die Beschreibung des Toten, die einer der Interviewpartner gegeben hatte: »Fett, schüttere Haare, aufgedunsenes Gesicht, behaart wie ein Gorilla« … Durfte man so über einen Toten reden? Das Online-Portal verkaufte es als O-Ton des Interviewten und konnte damit alle Verantwortung für die Wortwahl von sich weisen. Auf der Stirn, so die befragte Putzfrau, hätten Buchstaben gestanden, ein Wort davon sei »Gulag« gewesen. Lara schloss die Augen und dachte nach. Der Tote musste der »Fettsack« aus ihrer Vision von Sonnabend sein. Sollte sie Jo eine SMS mit den neuesten Entwicklungen schicken? Wo steckte er überhaupt? Seit sie ihn vorgestern Abend vor dem Kino stehen lassen hatte, hatte es keinen Kontakt mehr gegeben. Er hatte weder angerufen, noch Kurznachrichten oder E-Mails geschickt. Wahrscheinlich ahnte er, dass sie ihn wieder abblitzen lassen würde, und hielt sich deshalb fern.
Lara öffnete die Augen wieder. Jetzt hätte sie sich gern mit ihm ausgetauscht. Wahrscheinlich war er unterwegs, um irgendwo Auftragsfotos zu schießen. Sie beschloss, ihm nachher eine SMS zu schicken, als ihr Blick auf den Ticker fiel. Die neue Meldung kam fast zeitgleich von verschiedenen Agenturen und News-Portalen.
Bekennerbrief im Fall der Fast-Food-Leiche aus Leipzig!
Der mutmaßliche Täter im Fall der heute Morgen in einer Fast-Food-Filiale in Großpösna aufgefundenen Leiche hat per E-Mail einen Bekennerbrief an verschiedene Zeitungen verschickt.
Der Leichenfund war noch nicht einmal zwölf Stunden her, und schon hatten sie dem Toten eine Bezeichnung verliehen: »Fast-Food-Leiche«. Lara verzog den Mund. Dann las sie den Rest der Meldung.
»… Seid Ihr trotz aller Hinweise nicht imstande, die Zeichen wahrzunehmen und zu interpretieren, die ich Euch bisher gesendet habe. Eure Blindheit ist gewaltiger, als ich anzunehmen bereit war.
Eure Ignoranz zwingt mich nunmehr, mich deutlicher zu offenbaren. Es wird Zeit, daß Ihr erwacht. Sehen Eure Augen das Menetekel nicht? Die Welt wird überflutet von Haß und Mißgunst, Trägheit und Müßiggang. …
Gottesfürchtigkeit, Reinheit und Nächstenliebe sind Euch abhandengekommen. …
Haltet ein! Sehet die Zeichen. Wendet Euch. Laßet dies hier eine Mahnung sein und ziehet Lehren daraus!
Ich werde nicht innehalten, bis auch der Letzte begriffen hat, daß wir so nicht weitermachen können, daß Ihr so nicht weitermachen könnt.«
Lara las den Bekennerbrief ein zweites Mal. Das Ganze klang nach einem religiösen Eiferer. Wen wollte der Verfasser mit seinem Brief ansprechen? Die Zeitungsleute? Mitmenschen? Alle? Und wieso gingen sie und die Zeitungen automatisch davon aus, dass es sich bei dem Schreiber um einen Mann handelte? Kam nicht auch eine Täterin infrage?
»Möchtest du auch einen Kaffee?« Hubert erhob sich mit einem Ächzen und wartete, die Arme auf den Tisch gestützt, bis sie den Kopf geschüttelt hatte, bevor er in der Küche verschwand.
Eine Täterin war wohl eher unwahrscheinlich. All diese Morde, der Transport der Leichen, die Arrangements, setzten körperliche Kraft voraus, die eine Frau wahrscheinlich nicht aufbrachte, es sei denn, sie war Kraftsportlerin.
»Ich werde nicht innehalten«, hatte der Täter geschrieben. Bedeutete das, dass er weitermorden würde? Lara nahm noch einen Schluck von dem schalen Wasser. Sie brauchte jemanden zum Reden. Aber wen? Jo war unterwegs. Mark hatte laut Jos Aussagen empfohlen, dass sie sich aus der Sache heraushalten sollten. Ihre Freundin Doreen hatte keinen blassen Schimmer von den Fällen und wollte wahrscheinlich auch gar nichts davon wissen. Wer konnte ihr noch helfen?
Sie betrachtete nachdenklich ihr Handy. Dann suchte sie nach der Nummer von Stefan Reinmann.
Die Schranke des Parkhauses klappte nach oben, und Lara lenkte ihren Mini auf die Straße. Feiner Schnee rieselte wie Puderzucker auf Autos und Häuser. Sie fuhr mechanisch, während ihre Gedanken noch immer bei der Redaktionskonferenz von letzter Woche waren. Christin ging inzwischen in ihrer neuen Aufgabe völlig auf. Übereifrig hatte sie bei der Besprechung zu jedem Vorschlag Toms genickt und sich wie eine Musterschülerin unentwegt Notizen gemacht. Auch das Unwichtigste war es wert, aufgeschrieben zu werden.
Auch Lara hatte geschrieben. Jedoch nicht, um Tom zu gefallen, sondern um ihn und die anderen nicht ansehen zu müssen. Sie war beim Chef endgültig in Ungnade gefallen, und die anderen ließen sie das spüren. So war jedenfalls ihr Eindruck. Womöglich bildete sie sich das Ganze auch nur ein, vielleicht tat sie den Kollegen unrecht. Lara wusste nicht, was sie noch glauben sollte. Ihre Kaumuskeln schmerzten noch immer, so fest hatte sie die ganze Zeit die Zähne aufeinandergebissen. Der einzige Lichtblick war eine Kurznachricht von Jo gewesen. »Hab von der Fast-Food-Leiche gehört! Müssen reden! Ruf dich nachher an!« Wenigstens einer, der noch zu ihr hielt.
»Hör auf, dich selbst zu bemitleiden, Lara Birkenfeld!« Sie hielt das Lenkrad mit der Linken und schlug die rechte Faust auf das Sitzpolster des Beifahrersitzes. »Seit wann bist du so wehleidig?« Ein kurzer Blick in den Spiegel. Lara setzte ein grimmiges Gesicht auf und gab Gas.
»Hallo, Frau Birkenfeld. Kommen Sie rein. Stefan ist noch nicht da, wird aber gleich hier sein. Sie sollen es sich inzwischen im Arbeitszimmer gemütlich machen.« Ursula strich sich kurz über die straff zurückgebundenen Haare. Lara schaute nach oben in den steingrauen Himmel und folgte der Putzfrau dann nach drinnen. Heute war der erste März, und die Hoffnung, dass der Winter sich nun bald verabschieden würde, wuchs.
In Stefan Reinmanns Arbeitszimmer war es warm. Sie nahm in einem der Ledersessel Platz und schlug die Beine übereinander. Teekanne, Tassen, Milch und Kandiszucker standen schon bereit. Ursula goss Lara ein und verschwand nach draußen, nicht ohne noch einmal beteuert zu haben, dass »Stefan« gleich käme.
Gedankenverloren ließ Lara ein Stückchen braunen Zucker in den Tee fallen und rührte langsam. Dann stand sie auf, ging hinüber zu den zwei Meter hohen Bücherregalen und betrachtete die dicken Ledereinbände hinter den sauber geputzten Glasscheiben. Sie versuchte, die Titel auf den Einbänden zu entziffern, aber vieles war abgenutzt oder in einer Schrift, die sie für Griechisch und Hebräisch hielt. Lara ging hinüber zu der Anrichte. Der geschnitzte Jesus über der Tür schaute mit strengen Augen auf sie herab.
Die silbernen Rahmen der Fotos spiegelten das gelbe Licht der Stehlampe wider. Stefan Reinmanns Söhne sahen ihm ähnlich. Beide hatten den verständigen Gesichtsausdruck, den man oft bei älteren Menschen sah. Man konnte erkennen, dass sie sich bemüht hatten, den Anweisungen des Fotografen Folge zu leisten. Ein Bild von Reinmanns Frau war nicht dabei. Während Lara sich noch fragte, wie sie wohl aussehen mochte, klappte die Tür auf, und der Sektenbeauftragte eilte mit ausgestreckter Hand herein. Er brachte einen Schwall frischkalter Luft mit.
»Frau Birkenfeld! Ich freue mich!« Kaum dass er ihr die Hand geschüttelt hatte, marschierte er zu seinem Sessel und nahm Platz. »Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie am Wochenende nicht zurückgerufen habe, aber ich musste ein Seminar vorbereiten. Wo ist denn Ihr Kollege, der Fotograf?« Er goss sich Tee ein und sah dann zu Lara herüber. Seine wasserhellen Augen leuchteten.
»Jo hat Aufträge. Er begleitet mich nur manchmal.«
»Aha. Sie sind bestimmt wegen des dritten Textes gekommen?«
»Auch.« Sollte er erst einmal das abhandeln. Lara war sich noch immer nicht im Klaren, ob sie Stefan Reinmann in ihre gesammelten Erkenntnisse einweihen sollte. Aber schließlich stammten ihre Informationen nicht ausschließlich von der Polizei, sie hatte – gemeinsam mit Jo – alles selbst herausgefunden, bis auf die Texte selbst, natürlich. Eigentlich sprach nichts dagegen, preiszugeben, was sie wusste.
»Dann wollen wir mal schauen.« Eifrig sprang er auf, hastete ins Nebenzimmer und kam mit zwei Blättern wieder. »Das Ganze hat etwas von einem Déjà-vu, finden Sie nicht auch? Sie kommen zu mir, ich übersetze einen lateinischen Text, Sie nehmen die Übersetzung mit. Und das Ganze von vorn.« Mit einem Lächeln setzte er sich wieder. Dieses Mal fragte er nicht, was das alles sollte.
»Also.« Stefan Reinmann pochte mit dem Zeigefinger auf das obere Blatt. »Dieser dritte Text hier stammt tatsächlich, wie ich es am Freitag schon vermutet habe, aus der Bibel, genauer gesagt aus dem Buch der Sprichwörter oder Sprüche Salomos, hebräisch Mischle. Der Abschnitt steht gleich am Anfang und ist die Mahnung der Weisheit zu Gottesfurcht und Besonnenheit. Hier ist die wörtliche Übersetzung.« Er reichte das Blatt über den Tisch, und Lara las.
»Dies sind die Sprüche Salomos, des Königs in Israel, des Sohnes Davids, zu lernen Weisheit und Zucht, Verstand, Klugheit, Gerechtigkeit, Recht und Schlecht; dass die Unverständigen klug und die Jünglinge vernünftig und vorsichtig werden. … Die Ruchlosen verachten Weisheit und Zucht. Mein Kind, gehorche der Zucht deines Vaters und verlass nicht das Gebot deiner Mutter. …«
Ihre Augen blieben an den nächsten Sätzen hängen, und Robert Wessels Leiche in der Bankfiliale tauchte vor ihrem inneren Auge auf, als hätte sie sie selbst gesehen. »… wir wollen großes Gut finden; wir wollen unsre Häuser mit Raub füllen; wage es mit uns! Es soll unser aller ein Beutel sein … Also geht es allen, die nach Gewinn geizen, dass ihr Geiz ihnen das Leben nimmt.«
Lara schaute kurz zu dem Sektenbeauftragten hinüber. Der letzte Absatz schien ihr sinnbildlich für all die Morde zu sein. »Dann werden sie nach mir rufen, aber ich werde nicht antworten; sie werden mich suchen und nicht finden. Darum, dass sie hassten die Lehre und wollten des HERRN Furcht nicht haben, wollten meinen Rat nicht und lästerten alle meine Strafe: So sollen sie essen von den Früchten ihres Wesens und ihres Rats satt werden. Was die Unverständigen gelüstet, tötet sie, und der Ruchlosen Glück bringt sie um. Wer aber mir gehorcht, wird sicher bleiben und genug haben und kein Unglück fürchten.«
»Interessant, nicht wahr?« Stefan Reinmann saß leicht nach vorn gebeugt, die Unterarme auf den Oberschenkeln, und beobachtete sie.
»Das ist es. Besonders der Schluss.«
»Warum finden Sie den Schluss besonders bedeutsam?«
»Nun …« Lara nahm einen Schluck Tee und stellte die Tasse behutsam ab, ehe sie fortfuhr. »Vielleicht ahnen Sie es längst. Diese Texte haben mit den Morden zu tun, die seit drei Wochen Leipzig erschüttern.«
»Ich dachte es mir!« Stefan Reinmann schlug sich mit der Handfläche auf den Oberschenkel. Seine Augen leuchteten jetzt stärker als zuvor. »Wo fanden sich diese Texte?«
»Sie waren auf die Leichen tätowiert.«
»Auf die … Das ist unglaublich! Wo genau?«
»Sie müssen darüber bitte Stillschweigen bewahren.«
»Ja, ja, sicher.«
»Auf ihren Rücken.«
»Warten Sie mal eben einen Augenblick.« Lara sah, wie ihr Gegenüber sich zurücklehnte und sich die Augen rieb. Dann verschränkte er die Arme. »Inzwischen sind es doch mehr als drei Tote, nicht?«
»Fünf.« Lara atmete lange aus.
»Fünf? Das klingt aber gar nicht gut. Wo sind denn die Texte von den anderen beiden?«
»Die habe ich leider nicht. Die Polizei hält sie unter Verschluss.«
»Ach ja. Das kann man nachvollziehen. Sie wollen nicht alles preisgeben, was sie wissen.« Stefan Reinmann schüttelte sacht den Kopf und lächelte dabei. »Deshalb wollten Sie mir also nicht sagen, woher diese Texte stammten!«
Lara zuckte die Schultern und hob die Augenbrauen.
»Wie sind diese biblischen Sprüche denn Ihrer Meinung nach mit den Toten verknüpft?«
»Das ist die entscheidende Frage.« Lara nahm sich ein Stückchen Kandiszucker aus der silbernen Dose und steckte es in den Mund. »Wenn wir das wissen, sind wir dem Mörder ein ganzes Stück näher.«
»Das ist ja spannend. Ich hatte bisher noch nie etwas mit solchen Dingen zu tun.« Stefan Reinmann hatte die beiden Blätter wieder in die Hand genommen und betrachtete nachdenklich die Sätze. »Das Ganze klingt nach einem religiösen Fanatiker. Jagen Sie den Täter? Glauben Sie, dass Sie ihm schon auf der Fährte sind?«
»Nicht wirklich. Jo und mir fehlen einfach die Mittel. Ich habe im Umfeld der ersten drei Toten recherchiert, aber nichts von Bedeutung gefunden, und jetzt ist uns irgendwie die Luft ausgegangen. Wenn die Opfer zufällig ausgewählt wurden, ist es besonders schwer, eine Beziehung zum Täter herzustellen.«
»Da stimme ich Ihnen zu.«
Lara schob den Zuckerkristall im Mund hin und her und drückte ihn dann nach rechts, damit er beim Sprechen nicht störte. »Da Sie nun schon eingeweiht sind, kann ich Sie auch noch etwas anderes fragen.«
»Etwas zu den Fällen?« Stefan Reinmann hatte sich aufgesetzt.
»Bei den Toten waren nicht nur Texte auf den Rücken graviert.« Lara sah, wie ihr Gegenüber sich etwas nach vorn beugte und den Kopf leicht schief hielt. »Jeder von ihnen hatte auch Wörter auf der Stirn.«
»Einzelne Wörter? Welche?«
»Einen Moment bitte.« Lara suchte in ihrer Tasche nach dem Notizbuch. »Beim ersten Opfer waren es Lucifer und superbia. Die zweite Tote hatte die Wörter luxuria und Asmodaeus auf die Stirn tätowiert. Beim dritten – dieses Mal handelte es sich um einen Mann – avaritia und Mammon.«
»Von dem stammt auch dieser Text?« Reinmann zeigte auf die beiden Blätter vor sich.
»Genau. Vom vierten Opfer, einer Mitarbeiterin des Jugendamtes, weiß ich nur, dass etwas auf ihrer Stirn stand, nicht jedoch, was. Heute früh wurde ein weiteres Opfer gefunden, in einer Fast-Food-Filiale in Großpösna.«
»Das habe ich in den Nachrichten gehört. Und dieser Tote war auch tätowiert?«
»Eine der Putzfrauen, die ihn gefunden haben, sagte, auf seiner Stirn habe das Wort ›Gulag‹ gestanden. Hier habe ich alles chronologisch aufgelistet.« Lara reichte ihr aufgeschlagenes Notizbuch über den Tisch, und Stefan Reinmann vertiefte sich in die Aufzeichnungen. Die mächtige Standuhr in dem Eichenkasten hinter ihm klickte leise, dann schlug sie fünfmal. Das goldene Pendel schwang lautlos von links nach rechts. Draußen quietschte der Keilriemen eines Autos.
»Superbia, avaritia, luxuria. Und gula, nicht Gulag. Sie wissen, was das ist?« Stefan Reinmann fixierte Lara mit seinen leuchtenden Augen. Sie schüttelte den Kopf.
»Das sind Todsünden.« Das Wort schwang in Laras Kopf hin und her wie das Pendel des altertümlichen Regulators: Todsünden. Todsünden. Todsünden.
Der Sektenbeauftragte hatte inzwischen weitergeredet. »Superbia ist der Hochmut, die Eitelkeit oder der Stolz; avaritia ist die Habgier, luxuria heißt Wollust, Genusssucht, Ausschweifung und gula ist die Völlerei oder Gefräßigkeit, im übertragenen Sinne auch die Unmäßigkeit oder Selbstsucht.« Er holte tief Luft, wartete, bis Lara ihn ansah. »Dann hätten wir da noch die jeweils anderen Begriffe: Lucifer, Asmodaeus und Mammon. Ich nehme an, bei dem Mann von heute früh stand neben gula noch Beelzebub. Das wissen Sie aber nicht genau, oder?«
»Nein, leider. Was bedeuten denn diese Bezeichnungen? Sind es Synonyme? Für mich klingt das nach irgendwelchen Dämonen.«
»Dafür muss ich ein klein wenig ausholen. Wie viel Zeit haben Sie denn?«
»Genug. Erzählen Sie. Darf ich mitschreiben?« Lara zeigte auf ihr Notizbuch, das er noch immer in der Hand hielt, und er gab es ihr zurück.
»Aber gern. Ich werde mich bemühen, mich verständlich auszudrücken.« Stefan Reinmann lächelte um Verständnis heischend, und deutete auf die Thermoskanne. »Möchten Sie noch Tee? Oder lieber etwas Stärkeres? Einen Portwein?« Noch ehe Lara den Kopf schütteln konnte, hatte er schon nach der Putzfrau gerufen und »zwei Gläschen Porto« geordert.
Nachdem die Tür sich hinter der Frau geschlossen hatte, lehnte er sich zurück und begann.
»Zuerst kurz zu den vermeintlichen ›Dämonen‹. Im sechzehnten Jahrhundert gab es in Trier einen Weihbischof namens Peter Binsfeld oder Petrus Binsfeldius. Er war gleichzeitig ein sogenannter Hexentheoretiker, der ein Traktat geschrieben hat, in dem es um Hexen und Zauberer ging. Dieser Peter Binsfeld hat jeder Todsünde einen Höllenfürsten zugeordnet. Lucifer zu superbia, Mammon zu avaritia, Asmodaeus zu luxuria. Dieselben Zuordnungen hat auch Ihr Täter vorgenommen. Zu gula, der Völlerei, gehört Beelzebub.«
Lara und Stefan Reinmann zuckten gleichzeitig zusammen, als Laras Handy klingelte. Sie machte eine entschuldigende Geste, und der Sektenmann nickte, dass sie ruhig abnehmen solle.
»Lara? Hast du das mit der Fast-Food-Leiche gehört? Wo steckst du gerade?« Jo redete so schnell, dass sie gar nicht zum Antworten kam. »Ich war unterwegs, aber jetzt bin ich durch mit meinen Aufträgen. Wir müssen reden. Wo wollen wir uns treffen?«
»Hallo, Jo.« Lara konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Wenigstens war er nicht nachtragend. »Im Moment gar nicht.« Sie konnte hören, wie er nach Luft schnappte, und grinste stärker.
»Wie gar nicht?«
»Ich bin mitten in einem Gespräch. Mit Herrn Reinmann. Und es wird auch noch ein Weilchen dauern.«
»Oh, sorry. Das wusste ich nicht.« Er machte eine Pause und setzte dann hinzu: »Du ›recherchierst‹ schon wieder?« Es hörte sich ein klein wenig amüsiert an. »Treffen wir uns hinterher?«
Lara beschloss, ihn nicht länger zappeln zu lassen. »Das wäre nicht schlecht. Ich habe eine Menge neue Informationen.« Der Sektenbeauftragte nickte ihr zu und nippte an seinem Portwein.
»Das ist gut. Soll ich hinkommen?«
»Brauchst du nicht. Ich rufe dich an, wenn wir hier fertig sind.«
»Mach das. Und beeil dich. Bis dann.« Jo hatte aufgelegt.
»Mein Kollege.« Lara lächelte entschuldigend und legte das Handy auf den Tisch.
»Das habe ich gehört. Er ermittelt mit Ihnen zusammen in dem Fall?«
»Ermitteln kann man das eigentlich nicht nennen. Wir sind Journalisten, keine Kripobeamten, Jo ist eigentlich Fotograf. Er hilft mir ab und zu.« Sie senkte den Blick wieder auf ihre Notizen. »Was können Sie mir denn noch über die Todsünden erzählen?«
»Heutzutage sind es sieben. Das wussten Sie aber bestimmt schon. Die Todsünden sind keine Erfindung des Christentums. Schon die Völker im alten Orient waren der Ansicht, dass es schwerwiegende Verfehlungen gibt, durch die sich der Mensch von seinem göttlichen Ursprung entfernt und abtrennt. Im Volk Israel wurden schon um 1000 vor Christus elementare Regeln in Stein gemeißelt, aus denen sich die Zehn Gebote ableiten. Eine Einteilung menschlicher Laster findet man dann wieder bei Euagrios Pontikos. Das war ein Mönch, der im vierten Jahrhundert in Ägypten gelebt hat. In seinem Werk ›Über die acht Gedanken‹ benennt er acht negative Eigenschaften, von denen die Mönche heimgesucht werden können. Sünden entstehen der klassischen Theologie nach aus schlechten Charaktereigenschaften. Diese Charaktereigenschaften werden auch als Hauptlaster bezeichnet. Sie sind selbst keine Sünden im engeren Sinne, jedoch die Ursache von Sünden. Im Katechismus der katholischen Kirche werden unter der Nummer 1866 folgende sieben Hauptlaster genannt: Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und Trägheit. Drücke ich mich verständlich aus?«
»Absolut.« Lara schrieb »Trägheit« und sah dann zu Stefan Reinmann hinüber. Die Augen des Kirchenmannes leuchteten wie kleine Halogenscheinwerfer. »Derzeit gibt es also sieben Todsünden.« Sie kritzelte »Welche fehlen bei den Opfern?« hinter die Auflistung, als er fortfuhr.
»Das ist leider nicht exakt. Es mag Ihnen verwirrend erscheinen, aber es ist theologisch falsch, die sieben Hauptlaster als ›Todsünden‹ zu bezeichnen, auch wenn es umgangssprachlich oft analog verwendet wird. Die genannten Charaktereigenschaften sind lediglich die Ursache von Sünden, sie können also zu Sünden führen. Die Sünden wiederum werden in schwere und lässliche Sünden unterteilt. Mit dem Begriff Todsünde oder peccatum mortiferum werden nur bestimmte, besonders schwerwiegende Sünden wie Mord, Ehebruch oder Glaubensabfall bezeichnet.«
»Was unterscheidet denn die lässlichen von den schweren Sünden?«
»Dafür gibt es drei Kriterien.« Stefan Reinmann hob die Hand und richtete nacheinander den Daumen und dann den Zeige- und den Mittelfinger auf. »Erstens muss ein schwerwiegender Verstoß gegen die Zehn Gebote vorliegen. Zweitens muss der Sünder die Todsünde mit vollem Bewusstsein begehen, das heißt, er erkennt die Schwere der Sünde bereits, bevor er sie begeht. Und drittens muss er sie aus freiem Willen begehen, im Katechismus heißt das ›mit bedachter Zustimmung‹.«
»Ich frage mich die ganze Zeit, was die fünf Toten mit den jeweiligen Todsünden verknüpft.« Lara hatte aufgehört zu schreiben und betrachtete ihre Auflistung. »Der Tote von heute früh ist ziemlich eindeutig zuzuordnen. Er war fett und hat anscheinend maßlos gelebt. Ihm wurde gula – die Unmäßigkeit – auf die Stirn geschrieben. Dann hätten wir die sogenannte ›Bankleiche‹. Robert Wessel war Immobilienberater, und seine Leiche wurde in einer Bankfiliale gefunden.«
Der Sektenbeauftragte nickte gedankenverloren. »Avaritia, die Habsucht. Das passt zu ihm. Auf dem Mädchen aus der Modenschau stand superbia?« Er wartete nicht, bis Lara antwortete, sondern fuhr fort. »Das bedeutet, sie muss eitel und hochmütig gewesen sein. Das wäre ›Stolz‹.«
»Genau. Von Nina Bernstein, dem Opfer, das in der Heuerswalder Kirche gefunden wurde, wissen wir nicht viel. Sie sagten, ›luxuria‹ sei die Wollust. Wahrscheinlich hat sie sexuell ein wenig über die Stränge geschlagen.«
»Das ist anzunehmen.«
»Ich frage mich, welche der drei noch fehlenden Todsünden auf der Stirn dieser Jugendamtsmitarbeiterin stand.« Lara ging die sieben Begriffe nacheinander durch. » Es fehlen Neid, Zorn und Trägheit.«
»Was wissen Sie denn über diese Frau?«
»Nichts. Ich kann ihr keins der Attribute zuordnen.«
»Bei all diesen Opfern hatte doch der Fundort etwas mit ihren Verfehlungen zu tun, oder?« Stefan Reinmann drehte das Glas in der Rechten. Der Portwein leuchtete im Licht der Stehlampe dunkelrot. »Und diese Frau wurde in ihrem Amt gefunden.«
»Direkt am Schreibtisch. Um ihren Hals hing ein Schild, dass sie um Verzeihung bittet.«
»Deutet das nicht darauf hin, dass sie sich im Rahmen ihrer Tätigkeit etwas hat zuschulden kommen lassen? Vielleicht hat sie ihre Aufgaben nicht ernsthaft erfüllt.«
»Das würde auf die ›Trägheit‹ hindeuten. Ich nehme das mal als Arbeitshypothese.« Lara schrieb das Wort hinter den Namen der vierten Toten. »Wie wird diese Todsünde in Ihrem Katechismus genannt? Und welcher Dämon gehört dazu?«
»Acedia und Belphegor.« Der Sektenbeauftragte buchstabierte beide Wörter.
»Jetzt frage ich mich …« Lara ließ das Notizbuch sinken und schaute den Sektenmann an. »Wer ist der oder die Nächste?«
»Darüber denke ich schon die ganze Zeit nach.« Stefan Reinmann trank mit einem langen Zug sein Glas leer. Lara tat es ihm nach.