18

»Dann haben Jo und ich den Film von diesem Mitstudenten Bild für Bild analysiert.« Lara goss sich ein Glas Rotwein ein. »Der Mörder war dort, davon bin ich überzeugt. Aber Thomas Mahler hat natürlich die Show gefilmt und nicht das Gerüst über dem Laufsteg und die Scheinwerfer. Ist ja auch logisch, nicht?« Mark gab ein »Hm« von sich und Lara redete weiter. »Auch meine Fotos sind wir noch einmal durchgegangen, aber auch da war nichts zu sehen. Ich mache mir Sorgen. Die Fälle ›Brautleiche‹ und ›Kirchenleiche‹ hängen miteinander zusammen, auch wenn die Polizei das heute Nachmittag nicht bestätigen wollte. Dazu meine Gesichte, die ich vor Kurzem hatte, in denen ein Mann vorkam. Hoffentlich ist das nicht das nächste Opfer.«

»Habt ihr das mit dem Film der Polizei mitgeteilt? Die können das noch ganz anders auswerten als ihr beide.«

»Noch nicht, aber ich gehe davon aus, dass sie bei ihren Befragungen selbst auf das Video von diesem Thomas Mahler gestoßen sind.« Lara holte Luft und trank einen Schluck Wein.

»Und falls nicht? Es schadet nichts, wenn du sie noch einmal darauf hinweist. Ihr dürft das nicht für euch behalten. Und du willst doch kooperieren, oder?«

Im Hintergrund lachte ein Kind, eine Frauenstimme fiel ein. Die reinste Familienidylle. Lara hasste es, Mark zu Hause zu stören, aber sie hatte ihn nicht von der Redaktion aus anrufen wollen. Leider war es nach achtzehn Uhr geworden, bis sie mit ihren Recherchen fertig gewesen war. Sie hatte ein Dokument zu Sekten und ihrer Verteilung in Leipzig angelegt und ein bisschen recherchiert. Das Thema schien ergiebig zu sein, vielleicht sprang Tom in einer der nächsten Redaktionskonferenzen darauf an. »Ja doch. Ich informiere sie gleich morgen früh.«

»Was ist denn eigentlich aus deiner Zeugenaussage geworden? Du warst doch letztens noch einmal auf dem Revier deswegen?«

»Ach, lass mich bloß damit in Ruhe. Kriminalkommissar Stiller, mein bester Freund, wie du ja weißt, hat die Befragung durchgeführt. Der hat so getan, als sei ich irgendwie mitschuldig an dem Ganzen. Wir werden wohl nie einen guten Draht zueinander finden.«

Eine Tür wurde geschlossen, und die Geräusche aus Marks Wohnung verstummten abrupt. »Bist du genervt?«

»Nein.« Natürlich war sie genervt. Mark meinte es nur gut, aber manchmal konnte er sie mit seiner Vernunft in den Wahnsinn treiben. »Du wolltest dich doch um Hintergründe zu den beiden Fällen kümmern.« Sie machte eine Pause und ließ ihm Zeit zum Nachdenken. Hatte Mark ihr versprochen, Details herauszufinden? Sie konnte sich nicht erinnern, ob sie darüber gesprochen hatten. Mit seinen Beziehungen und Erfahrungen als Fallanalytiker würde der Psychologe mehr erfahren als sie und Jo. Die Skrupel, ihn für ihre Recherchen auszunutzen, schob Lara beiseite. Der Rotwein leuchtete im Glas. Sie trank noch einen Schluck und hörte Mark atmen.

»Ich habe übrigens den Obduktionsbericht von der anderen Toten gelesen.«

»Von dieser Nina Bernstein?«

»Ja. Obwohl zu dem Zeitpunkt der Name noch nicht bekannt war.«

»Was stand denn darin?«

»Ach, Lara.« Mark schnäuzte sich. »Ich möchte nicht am Telefon darüber reden.«

»Oh.« Seit wann war er so zugeknöpft? Lara beschloss, dass sie den letzten Satz nicht gehört hatte. »Gibt es Verbindungen zwischen den beiden Fällen?« Ihr Herz klopfte schneller. »Du hast mir doch von Carolin Fresnel auch schon Einzelheiten erzählt.« Fast konnte sie spüren, wie Mark mit sich selbst rang. Noch ehe er sprach, hörte sie an seinem Ausatmen, dass er sich entschlossen hatte, zu reden.

»Bei der Obduktion von Nina Bernstein wurde festgestellt, dass Magen und Darm komplett leer waren. Das heißt, sie hat längere Zeit vor ihrem Tod nichts gegessen.«

Lara sah sich hektisch in der Küche nach etwas zu schreiben um, griff schließlich zu einem Block mit gelben Haftnotizen, den sie für ihre Einkaufslisten verwendete, und begann hastig die Informationen mitzuschreiben, während sie Marks Worte mit einigen leisen »Hms« und »Ahas« kommentierte, um ihn zum Weiterreden zu animieren.

»Der Körper war ausgetrocknet, die Augenflüssigkeit mit Kalium-Ionen angereichert. Alles Anzeichen dafür, dass sie gehungert hat und kaum etwas zu trinken bekam. Gestorben ist sie allerdings durch Ausbluten. Der Täter hat ihr die Pulsadern geöffnet«, – bei diesen Worten sah Lara erneut das gebogene Messer über die bleiche Haut gleiten, sah, wie sich ein See aus tiefrotem Blut bildete, wie Rinnsale von Handgelenken weg in alle Richtungen sickerten –, »… vorher muss er sie ruhiggestellt haben. In Nina Bernsteins Blut wurden Spuren von Betäubungsmitteln gefunden, die kaum verstoffwechselt waren. Das heißt, sie hat diese erst kurz vor ihrem Tod zu sich genommen.«

»Oder sie wurden ihr eingeflößt.« Vor dem Küchenfenster wirbelten Schneeflocken auf und ab, und Lara hatte das Gefühl, die Dunkelheit beobachte sie mit ruhelosen Augen. Sie ging, um die Vorhänge zuzuziehen.

»Oder sie wurden ihr eingeflößt, richtig.«

»Bei der Pressekonferenz heute Nachmittag haben sie gesagt, dass vom Zeitpunkt ihres Verschwindens bis zum Auffinden der Toten über eine Woche vergangen sei. War die Leiche auch eingefroren?«

»Dafür gab es dieses Mal keine Anzeichen. Eine exakte Feststellung des Todeszeitpunktes war allerdings schwierig, da die Leiche bei Minusgraden draußen gefunden wurde und wir nicht wissen, wie lange sie schon in dieser Kirche aufgebahrt war. Ich gehe davon aus, dass der Täter sie die ganze Zeit in seiner Gewalt gehabt hat. Lebend.«

»Wozu? Was macht er denn die ganze Zeit mit ihnen?« Lara flüsterte. Mark antwortete nicht. Ihr Blick fiel auf die hastig hingekrakelten schwarzen Buchstaben auf den gelben Zetteln, und ihr fiel etwas ein. »Stimmt es, dass etwas auf ihre Stirn geschrieben war? Was war es?«

»Nicht nur auf die Stirn. Auch auf dem Rücken stand etwas.« Mark holte rasselnd Luft und hustete dann. Lara riss einen neuen Zettel ab und wartete, dass er weitersprach.

»Der auf den Rücken tätowierte Text ist genau wie der erste lateinisch. Auf der Stirn standen die Wörter luxuria und Asmodaeus.« Lara schrieb die beiden Begriffe auf.

»Und in den Augenhöhlen steckten zwei Holzkugeln.«

»Was?«

»Er hat ihre Augen entfernt und stattdessen die Kugeln dort positioniert.«

»Waren Muster auf den Murmeln eingraviert? Mit dunkelblauer Farbe?« Lara ging zum Vorratsschrank, öffnete ihn und las die Aufschriften auf ihren Gewürzdosen. Sie musste dieses Bild loswerden, wie der Verrückte die Augen der Toten herausschälte, um sie durch zwei Holzkugeln zu ersetzen.

»Nicht Muster, Buchstaben. Es waren Buchstaben. Die gleichen Wörter wie auf der Stirn. Auf einer Kugel stand luxuria, auf der anderen Asmodaeus. Woher weißt du von den Kugeln? Hast du es ›gesehen‹?«

»Ja.« Das Rotweinglas war leer. Lara konnte sich nicht erinnern, es ausgetrunken zu haben. Sie goss nach. »Damit ist ja wohl klar, dass die beiden Fälle zusammenhängen.«

»Davon geht die Kripo aus. Es soll allerdings noch nichts davon an die Öffentlichkeit dringen, damit der Täter nicht erfährt, was die Soko alles weiß.«

»Warum hat eigentlich niemand diese Nina vermisst?«

»Das weiß ich nicht. Vielleicht hat sie allein gelebt, war womöglich arbeitslos. Da fällt es nicht so schnell auf, wenn jemand ein paar Tage verschwindet.«

»Hm.« In Laras Blut kreiste der Wein. Sie fühlte sich ein wenig schläfrig. »Und warum hat er sie in der verfallenen Kirche aufgebahrt? An einem Ort, wo sich niemand aufhält? Das vermindert doch die Chance, dass die Leiche gefunden wird, immens.«

»Ich glaube, er wollte sie öffentlich zur Schau stellen und genau so präsentieren, wie er es getan hat – in einer Kreuzigungspose; und er wollte auch, dass sie gefunden wird. Die Heuerswalder Kirche wäre auf jeden Fall vor dem Abriss noch einmal kontrolliert worden. Ich gehe davon aus, dass es unbedingt ein Gotteshaus sein sollte. Allerdings brauchte der Täter für sein Arrangement Zeit. Zeit, in der er alles so arrangieren konnte, wie er es sich vorstellte.«

»Die hätte er in einer noch genutzten Kirche nicht gehabt. Erstens gelangt man da nicht so ohne Weiteres außerhalb der Öffnungszeiten rein, zweitens hätte er die ganze Zeit fürchten müssen, beim Herrichten der Toten entdeckt zu werden, weil Gläubige oder Angestellte hätten hereinkommen können. Die Kirche in Heuerswalde war perfekt für seine Zwecke. Sicher hat er auch gewusst, dass alle Gebäude vor dem Abriss noch einmal gründlich inspiziert werden und man dann die gekreuzigte Leiche finden würde.« Lara schrieb »Kirche« und »Kreuzigungspose« auf einen gelben Zettel. »Genau wie bei Carolin Fresnel. Auch hier hat er nichts dem Zufall überlassen.«

Mark klang resigniert. »Der Mörder will uns etwas mitteilen. Wir haben nur momentan leider keine Ahnung, was das ist. Aber wir werden es früher oder später herausfinden.«

»Hoffentlich früher.« Lara sortierte die Zettel und klebte sie dann nebeneinander auf die Tischplatte. So viele Informationen, und sie konnte sie nicht verwenden! »Ich denke, dass das Ganze irgendetwas mit der Kirche und dem christlichen Glauben zu tun hat.«

»Warst du eigentlich bei diesem Reinmann?« Marks Stimme veränderte sich. Er klang, als würde er durch den Raum gehen.

»Gestern Nachmittag.«

»Konnte er dir mit dem Text helfen?«

»Er war der Meinung, es sei etwas Älteres, etwas ›aus den Quellen‹. Was auch immer das heißen mag. Er wollte sich das Ganze in Ruhe ansehen, übersetzen und mich dann informieren.« Lara riss noch einen Zettel ab und schrieb »Reinmann anrufen!« darauf, während sie weiterredete. »Hast du den Text, der auf Nina Bernsteins Rücken stand, auch?«

»Ich kann ihn besorgen.«

»Mailst du ihn mir?«

»Reinmann darf nicht erfahren, woher diese Texte stammen. Wir alle kommen sonst in Teufels Küche.« Mark wusste, was sie vorhatte, ohne dass sie es ihm sagte. Sie grinste und drehte das halbvolle Weinglas zwischen den Fingern. »Das wird er nicht.«

Eine Tür klappte. Schritte näherten sich, eine Frauenstimme flüsterte etwas. Mark sagte, »Moment bitte«, und dann vom Hörer abgewandt: »Komme gleich, Anna.« Er redete jetzt schneller. »Ich muss Schluss machen. Das gemeinsame Abendessen ist der Familie heilig. Vielleicht komme ich am Wochenende mal vorbei.«

»Das wäre toll.« In Laras Kopf drehte sich die hagere Gestalt von Mark Grünthal langsam im Kreis. Sie betrachtete die Rotweinflasche neben der Spüle und presste die Lippen aufeinander.

»Bis bald, meine Liebe.«

»Danke Mark. Wenn ich dich nicht hätte.«

Er lachte. Tief und dröhnend. Dann legte er auf.