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»Quarzkristall!« Romain Holländer beobachtete, wie Melinda Weiß’ Augenlider flatterten. Sie seufzte einmal kurz, und ihre Schultern sackten herab.

»Wie fühlst du dich?«

»Gut.« Die Augen der Frau waren nur halb geschlossen. Sie saß in dem bequemen Sessel, den Hinterkopf an die Lehne gestützt, die Arme lagen locker auf den Oberschenkeln, die leicht gekrümmten Handflächen zeigten nach oben.

»Wir müssen uns unterhalten, Melinda. Über Frieder Wörth.«

»Frieder.« Das Gesicht der Frau entspannte sich merklich. Ein kleines Lächeln erschien. Es war nicht zu übersehen, dass sie etwas für den Mann empfand. Obwohl er in ihr anscheinend nichts anderes als ein Gemeindemitglied sah. Romain Holländer wiederholte einige Suggestionen. In den letzten Tagen war so viel zusätzliche Arbeit über ihn gekommen, dass er die Befragung von Melinda Weiß immer wieder aufgeschoben hatte. In den Briefen, die sie ihm jeden Abend unter der Tür durchschob, stand nichts von Belang. Frieder Wörth verschwand nicht jeden Abend aus dem Haus. Ein System war in seinen Ausflügen nicht zu erkennen. Melinda war ihm nachgegangen, hatte ihn aber zweimal aus den Augen verloren, ehe er sein wie auch immer geartetes Ziel erreicht hatte. Ein weiteres Mal war Wörth zu dem gleichen Haus gefahren, zu dem sie ihm schon vor anderthalb Wochen gefolgt war, aber sie hatte bis heute nicht herausgefunden, wohin er über den rückwärtigen Eingang verschwand.

Gestern Morgen hatte Romain Holländer zudem entdecken müssen, dass seine »Agentin« nicht fehlerfrei arbeitete. Wörths heimliches Verschwinden in der Nacht zum Sonntag war ihr komplett entgangen.

Dazu kam, dass der Observierte selbst von Tag zu Tag renitenter wurde. Bei der Konfrontation gestern Morgen hatte er die Auskunft darüber, wo er die Nacht verbracht hatte, verweigert. Romain Holländer erinnerte sich nur zu gut an seine Verblüffung, als Wörth ihm geantwortet hatte, dass ihn das nichts anginge. Ein paar endlose Sekunden lang hatten ihm die Worte gefehlt. Traf sich der Mann etwa wieder mit seiner Exfrau Susann, dieser ehebrecherischen Schlampe? Das war vielleicht noch die harmloseste Variante. Er ließ sich so leicht von nichts und niemandem einschüchtern, aber der Zorn in Wörths Gesicht bei der unerwarteten Konfrontation war besorgniserregend gewesen. Der Mann hatte ausgesehen, als würde er gleich explodieren, und Romain Holländer hatte beschlossen, nicht sofort auf das Video von der Weihe zu sprechen zu kommen. Sollte sich der Mann erst einmal beruhigen. Ein klärendes Gespräch konnte man auch später noch führen. Nicht, dass Wörth durchdrehte und unbedachte Dinge tat, die ihm später leidtun würden.

Bei der Sonntagsandacht, bei der die Botschaft »Seid wachsam und fürchtet die Häscher« lautete, schien Frieder Wörth sich beruhigt zu haben. Zumindest vermittelte er diesen Eindruck. Gelassen hatte er neben seinem Sohn gesessen, den Worten des Prinzipals gelauscht, gebetet und gesungen. Ganz wie immer. Und doch … Romain Holländer hatte einfach keine Ruhe gefunden. Nicht einmal die Zweisamkeit mit Konrad nach der Predigt hatte ihn lange ablenken können. Das, worauf er sich seit Wochen vorbereitet hatte, worauf er sich gefreut, worauf er hingefiebert hatte, war kein echter Genuss gewesen. Seine Hände waren bei dem zarten Kinderkörper gewesen, seine Gedanken jedoch bei Frieder Wörth.

Er betrachtete das entspannte Gesicht von Melinda Weiß. Irgendetwas stimmte nicht. Er musste herausfinden, was in dem Mann vorging, bevor es Ärger gab. Den ganzen Sonntag hatte er darauf geachtet, wo sich Frieder Wörth gerade aufhielt und was er tat. Noch einmal durfte es dem Mann nicht gelingen, unbemerkt hinaus- und wieder hereinzukommen. Romain Holländer hatte noch am Sonntagabend verkündet, dass alle Schlüssel eingezogen würden und nunmehr aus Sicherheitsgründen auch bei den Nachtwachen immer zwei Gemeindemitglieder zusammen Dienst an den Monitoren hatten. Das würde verhindern, dass jemand beim Dienst »einschlief«. Alle hatten die Begründung geschluckt, nur in Frieders Augen war erneut das kalte Leuchten aufgeglimmt, welches Romain Holländer zeigte, dass er sich beeilen musste. Wörth war eine tickende Zeitbombe.

Jetzt war der Mann auf der Arbeit. Sein Sohn Marcel würde gegen zwei aus der Schule kommen. Auch für ihn war ein Gesprächstermin geplant. Die eingepflanzten Affirmationen wirkten über Jahre hinweg, wenn man sie ab und zu auffrischte. Und gerade bei seinen ehemaligen Altardienern versäumte Holländer dies nie. Der Sohn konnte programmiert werden, den Vater zu beobachten und auszufragen und die Erkenntnisse in einer verschlossenen Schublade seines Gehirns abzuspeichern. In seinen Sitzungen mit dem Prinzipal würde der Junge sein Wissen dann preisgeben. Romain Holländer gestattete sich ein Lächeln. Er war vorausblickend und schützte die Interessen der Gemeinde und seine eigenen.

»So, meine Liebe.« Er legte Melinda die Hand auf den Unterarm. In ihren Aufzeichnungen hatte nichts Interessantes gestanden. Es gab jedoch die Möglichkeit, dass ihr Unterbewusstsein Kenntnis von Dingen hatte, an die sie sich nicht aktiv erinnern konnte. Und genau das würden sie jetzt gemeinsam herausfinden. Melinda Weiß würde alles, was sie erzählte, im Anschluss wieder »vergessen«, er jedoch konnte die neu gewonnenen Erkenntnisse weiterverwenden.

Im Anschluss daran würde er die Frau beauftragen, Frieder Wörth weiterhin zu observieren. Sie musste herausfinden, wo er sich in den Nächten herumtrieb, wen er traf und was er dort tat.

»Melinda, wir haben einiges zu besprechen.« Die Frau nickte träge. Romain Holländer begann mit der Befragung.

*

»Es fehlen der Neid und der Zorn.« Lara legte ihr Notizbuch auf den Tisch neben den leeren Pizzakarton. Ihr war warm. Sie beobachtete träge, wie Jo ihr aus der halbvollen Weinflasche, die der Pizzabote mitgeliefert hatte, nachschenkte.

»Ich frage mich, warum dieser Reinmann das nicht gleich erkannt hat? Er muss doch als Experte sofort gesehen haben, was das bedeutet.« Jo trank sein Bier gleich aus der Flasche. Lara fühlte sich ein wenig schläfrig. Der schwere Portwein von Stefan Reinmann kreiste durch ihre Adern wie flüssiges Blei und machte ihre Beine und den Kopf schwer. »Weil er es nicht wusste. Ich habe ihm doch erst heute Abend von allen Inschriften auf der Stirn erzählt.«

»Und Mark war nicht zu erreichen?«

»Nein. Ich habe ihm auf Band gesprochen.«

»Mist. Wir sollten das der Kripo mitteilen.«

»Das wissen die doch bestimmt längst.« Lara stützte den Kopf in die Handflächen.

»Vielleicht auch nicht. Obwohl, wenn man bedenkt, dass sie alle Inschriften kennen, ist es wahrscheinlich, dass sie selbst auch auf die Todsünden gekommen sind. Die Fallanalytiker dort sind auch nicht grade blöd.« Jo schien nicht aufgeben zu wollen. »Das nächste Opfer muss etwas mit Neid oder Zorn zu tun haben.«

»Das könnten Tausende sein. Oder Zehntausende. Warst du in deinem Leben nicht auch schon einmal zornig oder neidisch? Ich kann nicht mehr. Lass uns morgen darüber diskutieren.«

»Na, na. Du gibst doch sonst nicht so schnell auf.« Jo kam herüber und begann, ihr die Schultern zu massieren.

»Dieser Reinmann hat mich betrunken gemacht.« Lara hickste und kicherte dann. »Gut, dass mich auf der Heimfahrt keiner erwischt hat.«

»Da hast du recht. Noch einen Schluck Wein?«

»Lieber nicht.« Lara kicherte erneut. In ihrem Kopf tanzten kleine Ballettmädchen einen anmutigen Reigen.

»Du bist der Chef.« Jo löste seine Finger von ihren Schultern, neigte den Oberkörper nach vorn und küsste sie.

*

Der Himmel hinter den Dächern hatte ein durchsichtiges Blau angenommen. Die grauen Wolken der letzten Tage waren fortgezogen. Bald würde die Sonne aufgehen und die Trübsal der letzten Tage hinwegbrennen. Wie bizarre Skulpturen reckten die Kastanien ihre nackten Arme über die Straße. Jo steckte sein Handy ein, sah nach oben und sog dann tief die Luft ein. Vielleicht bildete er es sich nur ein, aber er fand, dass es ein bisschen nach Frühling roch.

Sein Honda gab ein asthmatisches Jaulen von sich und sprang dann an. Es war kurz nach halb acht. Leipzig erwachte allmählich. Weiße Atemwölkchen kristallisierten sich vor seinem Mund, zerfaserten und schlugen sich als feiner Nebel auf der Innenseite der Windschutzscheibe nieder. Jo stellte das Gebläse auf maximale Leistung und fuhr los.

Er hatte die halbe Nacht wach gelegen, auf Laras ruhiges Atmen neben sich gehört und an die fünf Toten gedacht. Ein Wahnsinniger ermordete wahllos Menschen, denen er eine der sieben Todsünden zugeordnet hatte. Bei der Kripo war niemand Verantwortliches zu sprechen gewesen. Vielleicht war es noch zu früh am Tag. Jo hatte seine Erkenntnisse einem mürrischen Beamten geschildert und um Rückruf gebeten. Wahrscheinlich wusste die Soko sowieso schon alles, aber sein Gewissen hatte keine Ruhe gegeben. Er bog auf die Karl-Liebknecht Straße ab und beschleunigte.

In Markkleeberg herrschte frühmorgendliche Vorortstille. Wie schlafende Dornröschenschlösser ruhten die Villen hinter den Zäunen und Mauern. Der tauende Schnee war hier noch sauber. Eine alte Dame kam mit ihrem West-Highland-Terrier aus einem Tor, blickte mehrmals in beide Richtungen und setzte sich dann vorsichtig in Bewegung. Jo fuhr im Schritttempo die Parkstraße entlang und betrachtete die Häuser. Dann bog er auf die Raschwitzer Straße ab und parkte unter den hohen Bäumen. Es dauerte eine Weile, bis er seine Utensilien zusammengesucht hatte. Es war nicht mehr ganz so frostig wie in den letzten Tagen, und doch zog er sich den Schal über das Kinn und die Mütze tief ins Gesicht. Mit dem grünen Armeeparka und den dicken Lederhandschuhen fühlte er sich ausreichend gewappnet, der Kälte und auch allem anderen, was ihn erwarten mochte, standzuhalten.

Jo schloss das Auto ab und machte sich auf den Weg. Die riesigen Grundstücke umschlossen parkähnliche Gärten. Überall verwehrten solide Mauern Einblicke und Zugang. Die massige Sektenvilla überragte die meisten anderen Häuser. Vor dem Eingang zu einer physiotherapeutischen Praxis blieb Jo stehen und tat so, als mustere er das Schild mit den Öffnungszeiten, während er aus den Augenwinkeln das Tor zum Haus Romain Holländers beobachtete. Er hatte gerade beschlossen, das Viertel erneut zu umrunden, als zwei Frauen, die jeweils an jeder Hand ein Kind hielten, heraustraten. Drei weitere, etwas ältere Kinder folgten. Die kleine Prozession machte sich gemeinsam auf den Weg und verschwand hinter der nächsten Straßenbiegung. Fünf Minuten darauf öffnete sich das Haupttor, und der weiße Lieferwagen bog auf die Straße ab. Auch er fuhr in die andere Richtung. Jo gelang es nicht, zu erkennen, wer am Steuer saß oder ob noch weitere Menschen in dem Fahrzeug gewesen waren. Aber darauf kam es auch gar nicht an.

Mit kleinen Schritten lief er in Richtung des Gebäudes. Die Mauer an der Parkstraße war mindestens zwei Meter hoch. Ohne Hilfsmittel schier unüberwindlich. Es würde nicht einfach werden, auf das Grundstück vorzudringen; geschweige denn, in das Haus zu gelangen, wie er es vorab geplant hatte. Aber so einfach gab ein Jo Selbig nicht auf. Er lächelte kurz. Noch am Wochenende hatte er Lara geraten, die Finger von der Sache zu lassen, und ihren Zorn auf sich gezogen, als er Mark deswegen angerufen hatte. Und heute spionierte er selbst in der Gegend herum. Aber die Erkenntnisse des gestrigen Abends hatten seine Meinung geändert. Er bekam diesen Keller mit der verschlossenen Tür einfach nicht aus seinem Kopf. Irgendetwas ging in dieser Villa vor, und er war fest entschlossen, es herauszufinden.

An der Kreuzung blieb er stehen und betrachtete die Nachbarvilla. Hier gab es nur einen schmiedeeisernen Zaun, der zudem mit seinen Verzierungen guten Halt bieten würde. Es war kaum anzunehmen, dass die Gärten im Innenbereich des Viertels durch ebenso hohe Mauern wie nach vorn hin abgesichert waren. Vielleicht konnte er über das Nachbargrundstück hinübergelangen. Das löste auch das Problem der Überwachungskameras im Eingangsbereich der Holländer-Villa.

Jo zögerte kurz und sah sich ein letztes Mal in alle Richtungen um. Dann gab er sich einen Ruck und setzte den rechten Fuß auf einen der Metallschnörkel.