27

Lara beendete das Telefonat mit Mark und sah hinüber zur anderen Straßenseite, wo eine junge Mutter mit hochrotem Gesicht ihren Kinderwagen durch den Schnee schob. Weißer Nebel quoll aus den Gullydeckeln und zerfranste in der Eisluft. Mark hatte ihre Schilderungen auch besorgniserregend gefunden, jedoch zu bedenken gegeben, dass er nicht schon wieder nach Leipzig kommen könne. Am Sonnabend hatten Anna und er Karten für die Oper, und am Sonntag erwarteten sie seine Schwiegereltern zu Besuch. Lara krümmte die Zehen in den Stiefeln und streckte sie wieder. Er hatte ihr jedoch versprochen, ein bisschen herumzustochern und seine Kontakte anzuzapfen.

Die junge Frau mit dem Kinderwagen war inzwischen an der Kreuzung angekommen und wartete, dass die Ampel auf Grün schaltete. Lara betrachtete die Salzränder an ihren Stiefeln. Sie musste wieder nach oben. Für elf Uhr hatte Tom eine außerplanmäßige Redaktionskonferenz einberufen. Es sollte um die seit Monaten angekündigte Umstrukturierung in der Redaktion gehen. Wahrscheinlich bedeutete das nichts Gutes.

»Nachdem ich alles mit den Chefs besprochen habe, ist es nun so weit, auch euch zu informieren.« Fast triumphierend blickte Tom in die Runde, den Hals wie ein Pfau stolz gereckt. »Wir haben einiges vor. Zuerst möchte ich euch die neue Grundstruktur erläutern. Dann kommen wir zur Aufgabenverteilung.« Lara starrte auf ihren Block und dachte an ihre Atemtechnik. Tief in den Bauch hinein und schön langsam wieder ausatmen. Ein. Aus. Und ein. Und aus.

Sie hatte sich vorgenommen, die Ankündigungen kommentarlos hinzunehmen und sich nicht aufzuregen. Und damit sie gar nicht erst in Versuchung kam, würde sie die Informationen Wort für Wort mitschreiben.

»… Zeitgeschehen, Wirtschaft und Börse, Kultur lokal und Sport lokal. Dazu gesellen sich wie gehabt: Fernsehen und Radio, Buntes mit Rätsel und Horoskop, Ratgeber Auto und Verkehr, Ratgeber Wohnen und Bauen, Ratgeber Ausbildung und Beruf. Die letztgenannten Kategorien werden wie bisher nur in den Wochenendausgaben erscheinen.« Tom holte Luft. Er sah Christins erhobenen Arm und hob die Handfläche. »Fragen könnt ihr gleich noch stellen.« Christin senkte den Arm wieder und kritzelte etwas auf ihren Block.

»Wir haben außerdem beschlossen, ein Lesertelefon einzurichten. Täglich ist einer der Redakteure dafür zuständig. Dieser wird mit Foto in der jeweiligen Ausgabe abgebildet. Der Dienst rotiert nach einem Plan, den ich in Absprache mit euch aufstelle. Wie ihr ja wisst, rufen täglich viele Leute, die Rat suchen, Hinweise geben oder sich zu unseren Artikeln äußern wollen, bei uns an. Diesen Menschen möchten wir zum einen besseren Service bieten. Zum anderen kanalisieren wir mit dem Lesertelefon die Anrufe, sodass die anderen Kollegen sich ungestörter ihrer Arbeit widmen können. Alle eingehenden Anrufe werden an den jeweiligen Lesertelefon-Redakteur geleitet und nur dieser spricht mit den Leuten. Dazu wird es in den nächsten Wochen Schulungen geben. Die Teilnahme ist verpflichtend.« Lara hörte, wie Hubert neben ihr tief Luft holte, und wusste, was er dachte. Sprachen sie nicht jetzt auch schon täglich mit Anrufern? Und nun wollte man sie dazu schulen? Und wie sollte der jeweilige »Lesertelefon-Redakteur« so schnell die Fachkompetenz für alle Themen bekommen? Wenn das mal nicht gegen den Baum geht, lieber Tom. Aber wahrscheinlich stammte die Idee von den Chefs, und Tom fand sie in vorauseilendem Gehorsam toll. Sie dachte an ihren Vorsatz. Schreib alles auf und halt den Mund, Lara. Fast hätte sie Toms nächsten Satz verpasst.

»… Und nun zu den Personalien. Mit den meisten Kollegen haben wir die Änderungen vorab besprochen und dabei versucht, alle Wünsche zu berücksichtigen. Das war nicht immer möglich, aber ich denke, es wird trotzdem für euch alle akzeptabel sein. Wie ich weiß, freuen sich die meisten auf ihre neue Herausforderung.« Es dauerte einen Augenblick, bis der Satz sich wie glühende Lava in Laras Gedanken fraß. … Mit den meisten Kollegen haben wir die Änderungen vorab besprochen … Sie schrieb ihn auf, malte die Buchstaben auf das Papier und spürte das Hämmern hinter ihrer Stirn. Mit ihr jedenfalls hatte niemand gesprochen, und sie ahnte, dass Tom jetzt ein paar wirklich brisante Überraschungen auf Lager hatte.

»… Bert Anders wechselt in die Lokalredaktion nach Borna. Dafür kommt ein Kollege aus Grimma, Moment« – der Redaktionsleiter sah kurz auf seine Notizen –, »Jürgen Rademacher. Und wir bekommen im März zwei neue Praktikanten.«

Praktikanten oder Praktikantinnen? Mit Volontären ließ sich der Mangel an Journalisten sicher nicht beheben, höchstens übertünchen. Lara betrachtete ihren Zettel. Der Zorn hatte die Schrift eckiger gemacht. Bis jetzt hatte Tom ihren Namen kein einziges Mal erwähnt. Sie ging die Ressorts durch und überlegte, was noch übrig blieb. »Polizei und Gericht« schien völlig von der Liste verschwunden zu sein, oder sie hatten es einem anderen Bereich zugeordnet.

»… außerdem noch das E-Paper. Auch dieser Bereich wird ausgebaut. Für unser Online-Portal stellen wir zwei neue Redakteure ein.«

Die anderen schauten mit erwartungsvollen Gesichtern nach vorn. Nur Gert wirkte mit seinen wie üblich herabhängenden Mundwinkeln wie ein trauriger Bernhardiner. Er bemerkte Laras Blick und verdrehte die Augen. Niemand schien überrascht von dem zu sein, was Tom verkündete. Wahrscheinlich war sie die Einzige im Raum, die bisher von nichts gewusst hatte.

»… bleiben noch Kultur und Service und Buntes. Das macht Lara. Leider konnten wir das nicht vorher abstimmen. Ich gehe jedoch davon aus, dass du einverstanden bist.« Tom sah sie nicht an, sondern redete einfach weiter. »Die genannten Veränderungen werden ab dem ersten April in Kraft treten, aber das wissen die meisten ja schon. Jeder, der ein Ressort abgibt, bereitet bitte die Übergabe exakt vor. Ich möchte, dass nichts liegenbleibt. Ihr habt dazu bis zum fünfzehnten März Zeit, das sind ab heute drei Wochen.« Tom sah auf seine Armbanduhr. Der Vulkan in Lara stand kurz vor der Eruption. Unter der Tischplatte hatte sie die Fäuste so fest geballt, dass sich die Fingernägel schmerzhaft in die Handflächen gruben. Tom ging davon aus, dass sie einverstanden war? Was, wenn sie es nicht war? Was, wenn sie jetzt aufstand und allen sagte, dass sie auf ihren bisherigen Aufgaben beharrte? Würde er sie dann rausschmeißen? Ihr bisheriges Ressort war anscheinend bereits aufgeteilt worden, und Tom hielt es offenbar nicht für nötig, das hier nochmal zu erwähnen. Und keiner von den Verrätern hatte ihr davon ein Wort gesagt.

»… letzte Information für heute, dann stehe ich für Fragen zur Verfügung. Das gesamte Layout der Tagespresse wird ebenfalls verändert. Unser Plan ist, dies bis zum ersten Mai zu schaffen. Bitte helft dabei mit. Die Vorgaben kann sich jeder ab nächsten Montag im Intranet ansehen. Ich freue mich auf die Herausforderungen.« Den letzten Satz hatte Tom triumphierend in die Runde geschleudert. Mit einem erleichterten Schnaufen ließ er die Hände, mit denen er die ganze Zeit gestikuliert hatte, sinken und schaute in die Runde. Ulrike Bannschuh meldete sich zuerst. Lara versuchte, des Rauschens in ihrem Kopf Herr zu werden. Sie verstand nur die Hälfte. Andererseits war es auch nicht wichtig, Ulrikes überschwängliche Vorfreude auf die neuen Aufgaben Wort für Wort zu registrieren. Sie sah in die Runde, musterte die Gesichter. Wer hatte denn nun das Gerichtsressort? Christin erwiderte ihren Blick ganz kurz und sah dann nach unten. Aha! Das also war die Verräterin.

Nach zehn Minuten war die Fragerunde vorbei. Lara fühlte sich fiebrig. Tom erwartete wahrscheinlich, dass sie sich echauffieren, ihn jetzt angehen würde und sich damit ihr eigenes Grab schaufelte, aber eines hatte sie gelernt: Tu genau das Gegenteil von dem, was dein Widersacher erwartet. Und mittlerweile war Tom genau das geworden. Ein Widersacher. Sie ging hinaus, den Blick fest geradeaus gerichtet.

»Hallo, Leute!« Jo stieß die Eingangstür mit dem Fuß zu, nahm die Mütze ab und betrachtete die Redakteure, die aus dem Besprechungsraum strömten. »Hattet ihr eine Versammlung?«

»Außerplanmäßige Redaktionskonferenz. Wegen der Umstrukturierung.« Hubert schlurfte zu seinem Platz. »Für euch Fotografen wird sich nicht viel ändern.«

»Ach, davon hab ich schon gehört.« Er kam herüber und sah Lara an. »Du siehst irgendwie krank aus. Stimmt etwas nicht?«

»Vieles.« Lara presste das Wort heraus und suchte in ihrer Tasche nach den Handschuhen. »Ich muss an die Luft.« Sie würde sich beeilen müssen. Die Tränen standen schon in den Augenwinkeln, und hier drin sollte sie keiner heulen sehen.

»Warte, ich komme mit.« Jo setzte seine Mütze wieder auf und folgte ihr. Lara rannte die Treppen hinunter. Im ersten Stock musste sie anhalten, weil sie nichts mehr sah. Dann flossen die Sturzbäche zu Tal, und sie schniefte und schluchzte wie ein Kind. Nach fünf Minuten war der Sturm vorbei, genauso schnell, wie er gekommen war.

»Was war das denn für ein Ausbruch?« Jo, der neben ihr stehen geblieben war, sah verblüfft aus. Und ein ganz klein wenig amüsiert.

»Die haben mir Kultur und Service und Buntes aufgedrückt. Gericht und Polizei macht jetzt Christin, diese blöde Kuh. Da steckt doch wieder Tom dahinter!« Lara schnäuzte sich heftig.

»Bist du sicher? Die Umstrukturierung war doch schon lange von den Chefs geplant. Ich glaube nicht, dass Tom das allein entschieden hat.« Jo tätschelte ihre Schulter.

»Anscheinend bin ich die Einzige, die bis eben nichts davon wusste! Der Typ hat mich seit Jahren auf dem Kieker, und jetzt hat er mich kaltgestellt. Kultur und Service!« Lara stampfte noch einmal mit dem Fuß auf. »Das ist für die, die sonst nichts taugen! Jeder Hirni kann Kultur und Service!«

»Du bist ungerecht.«

»Bin ich das eben. Ich kann das nicht mehr. Morgen lege ich Tom die Kündigung auf den Tisch.« Lara stieß Jos Hand weg und setzte sich wieder in Bewegung. Im Erdgeschoss holte er sie ein. »Tu nichts Überstürztes. Du bist sehr aufgeregt. Komm, wir gehen ein Stückchen spazieren.« Jo nahm ihren Ellenbogen, und Lara ließ es geschehen. Die kalte Luft strich über ihre Wangen und kühlte die heiße Stirn.

Wie ein Paar, das es ziemlich eilig hatte, marschierten sie die Fußgängerzone entlang, Lara hatte sich bei Jo eingehängt und ließ ihren Blick über die Auslagen in den Geschäften gleiten. Bei einigen war schon der Frühling eingekehrt. »Ich möchte eigentlich nicht zurück in die Redaktion, mich da an meinen Platz setzen und so tun, als wenn nichts wäre.«

»Wie weit bist du mit deinen Artikeln?«

»Noch nicht fertig.«

»Dann beiß die Zähne zusammen, Lara.« Jo sah sie von der Seite an. »Gib dir nicht die Blöße und schreib die Sachen fertig. Morgen früh gehst du dann zum Arzt und lässt dich krankschreiben.«

»Was soll ich denn auf einmal haben?« Lara kratzte sich am Haaransatz. Die Mütze juckte.

»Nervliche Überlastung? Dir wird schon was einfallen. Dann denkst du ein paar Tage in Ruhe über die Sache nach. Wirf nicht gleich alles hin. Wenn du selbst kündigst, bekommst du mindestens drei Monate lang kein Arbeitslosengeld.«

Wie pragmatisch er dachte! Lara machte sich los und sah Jo ins Gesicht. »Ich habe jetzt Mittagspause. Laufen wir noch ein Stückchen, du erzählst mir ein paar interessante Neuigkeiten und danach bin ich vielleicht etwas ruhiger.«

»Eigentlich war ich genau deswegen vorbeigekommen. Um dir interessante Neuigkeiten zu erzählen.« Er drückte ihren Arm und lenkte sie nach links. »Es geht um diesen Robert Wessel, die ›Bankleiche‹. Bei seiner Obduktion hat man unzählige Geldscheine in Magen und Speiseröhre gefunden.«

Lara rutschte über eine Eisplatte und klammerte sich fester an Jo. »Geldscheine?«

»Der Täter muss ihn gezwungen haben, diese zu essen. Ein Teil davon war schon durch die Magensäure angegriffen. Das heißt, Robert Wessel war bei vollem Bewusstsein, als er sie geschluckt hat.«

»Das ist widerlich.« Lara dachte an die Worte, die sie neulich gehört hatte. Dies hier ist für dich. Du wirst es essen. Einen nach dem anderen.

»Alles hängt zusammen. Robert Wessels Beruf als Immobilienberater, sein gehobener Lebensstil. Die Positionierung des Toten so, dass er den Geldautomaten förmlich umarmt hat. Dann die Scheine in seinem Magen.«

»Woher weißt du das alles?«

»Frag mich nicht. Ich weiß es eben. Es ist auch nicht wichtig, woher ich das habe. Die Quelle ist glaubwürdig.« Das hatte Jo beim letzten Mal auch schon gesagt. Lara fragte sich einen Augenblick, ob sie vielleicht wirklich nicht für die Berichterstattung von Verbrechen geeignet war, wenn jetzt sogar schon Jo anscheinend über bessere Quellen als sie verfügte. Schließlich war sie die Journalistin.

»Um die Leiche in die Bankfiliale zu bringen, hat sich der Täter als Paketbote verkleidet und ist mit einem weißen Lieferwagen vorgefahren. Eine alte Frau hat ihn dabei beobachtet, wie er ein riesiges Paket ausgeladen und auf eine Sackkarre bugsiert hat. Nachdem sie weg war, muss er seine Fracht in die Bank gekarrt und die Leiche dort arrangiert haben. Den Karton hat er wieder mitgenommen.«

»Eigentlich eine geniale Idee. So konnte er auf der Straße erst einmal die Lage sondieren und schauen, ob er allein war. Niemand achtet auf das Aussehen eines Paketboten. Allen fällt nur seine Uniform auf.«

»Du sagst es.«

»Weißt du auch, was auf der Stirn der Leiche stand?«

»Avaritia und Mammon

»Mammon. Schnöder Mammon. Das sagt man doch im übertragenen Sinne für Geld.« Lara blieb stehen und starrte auf die Auslage eines Schuhgeschäftes, ohne etwas wahrzunehmen. »Diese Wörter auf der Stirn haben etwas mit dem Lebenswandel der Toten zu tun. Das muss auch bei Nina Bernstein und Carolin Fresnel so gewesen sein, aber wir haben den Zusammenhang bisher nicht hergestellt.« Sie dachte kurz an die dicke Frau in den letzten Halluzinationen, ehe sie fortfuhr. »Ich habe heute Vormittag mit Mark telefoniert.«

»Was sagt er eigentlich zu dem Ganzen? Als Psychologe und Fallanalytiker muss er doch eine ganz andere, sozusagen eine wissenschaftliche Sicht auf die Dinge haben, oder?«

»Er hat keine Zeit.« Lara drehte sich von den Schuhen weg, schob ihren Arm wieder unter Jos, und sie liefen weiter. »Patienten, Sprechstunde, Besuche im Haftkrankenhaus, die Familie.« Mark würde ihr dieses Mal nicht helfen. »Wenn wir uns weiter mit der Sache befassen wollen, sind wir ganz auf uns gestellt.«

»Und – willst du?« Im ersten Moment dachte Lara an einen Heiratsantrag. Dann lächelte sie. »Sicher. Ich bin mit der Sache verbunden, auch wenn ich nicht mehr darüber schreiben werde. Ich sehe Dinge, die mit den Morden zu tun haben. Das ist nichts, was ich einfach so abstellen kann, auch wenn ich mir das wünsche. Und du?«

»Ich hänge ja auch schon voll da drin.«

»Also verfolgen wir die Sache weiter?«

»Abgemacht!« Jo grinste. »Was sind denn unsere nächsten Aufgaben, Miss Marple?«

»Diese Holic-Sekte würde ich gern noch einmal befragen. Reinmann hat gesagt, die Texte, die er übersetzt hat, sind wortwörtliche Zitate aus der Bibel. Die Holic-Leute brüsten sich doch damit, die einzig wahren Christen zu sein und sich in allen Belangen vollkommen nach der Bibel zu richten.«

»Wäre das nicht zu offensichtlich?«

»Möglich. Aber vielleicht ist es gerade das. Ich würde diesen Herrn Schwarz oder, besser noch, seine Jünger gern einmal mit ein paar Zitaten konfrontieren, um zu sehen, ob sie irgendwie reagieren.«

»Das könnte gefährlich werden. Stell dir vor, der Täter ist unter ihnen.«

»Nicht, wenn du dabei bist.« Lara tätschelte Jos Oberarm.

»Falls dieser Schwarz uns nächstes Mal überhaupt reinlässt. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er Besuch von Ungläubigen bei seinen Schäfchen gutheißt.«

»Einen Versuch ist es wert. Und bei diesen Kindern des Himmels müssen wir auch noch einmal vorbeischauen.«

»Richtig, dieser Zettel: ›Achten Sie auf den Keller‹.«

»Und da haben wir erst drei von den Sekten besucht, die Reinmann mir genannt hat … Außerdem möchte ich gern herausfinden, was im Leben der vorhergehenden Opfer der Grund für ihre Ermordung gewesen sein könnte. Das heißt Leute befragen, Kontaktpersonen interviewen, die Ergebnisse vergleichen. Hast du heute Nachmittag Termine?«

»Nichts von Belang.«

»Dann könnten wir beide uns auf den Weg zu den ›Glaubensgemeinschaften‹ machen.«

»Bin dabei!« Jo klang erfreut.

»Gut. Ich schicke dir eine SMS, wenn ich in der Redaktion fertig bin. Und nun lass uns umkehren. Die halbe Stunde Mittagspause ist gleich vorbei.« Vielleicht hatte Jo sie nur ablenken wollen. Aber das war ihm gut gelungen. Lara konnte jetzt in die Redaktion zurückkehren und ganz gelassen ihre Artikel zu Ende schreiben. Und heute Nachmittag würden sie auf die Suche nach einem potenziellen Mörder gehen.

*

»Sinnlos. Das hätten wir uns sparen können.« Lara sah hinüber zu dem kreisrunden Gebäude. Das war schon der zweite Misserfolg an diesem Nachmittag. Jo hatte sie nach Dienstschluss vor dem Redaktionsgebäude abgeholt. Sie wusste noch immer nicht, ob sie seinem Rat von heute Mittag folgen und sich krankschreiben lassen sollte. Eigentlich war sie nicht der Typ, der vor Problemen davonrannte. »Die treffen sich da sicher nur zu bestimmten Zeiten. Wir hätten vorher anrufen und einen Termin ausmachen sollen.« Sie wickelte den Schal ab. Allmählich wurde es warm im Auto.

»Einen Versuch war es wert.« Jo hing halb zwischen den Sitzen und warf Dinge auf dem Rücksitz von links nach rechts, wobei er erbärmlich ächzte. »Dann rufen wir eben morgen Vormittag da an und bitten um Rücksprache. Fiat Pax! Lächerlich!«

»Sie stehen auf Stefan Reinmanns Liste unter den ersten fünf.«

»Na von mir aus. Bei diesen Holic-Leuten hat auch niemand aufgemacht. Ich finde, das reicht für heute an Fehlschlägen.« Er hatte gefunden, was er gesucht hatte, und drehte sich wieder auf den Fahrersitz zurück. »Es ist schon halb sechs. Vielleicht sollten wir es generell doch erst per Telefon versuchen, ehe wir da aufkreuzen. Was meinst du? Sonst vergeuden wir unsere Zeit. Wir schauen nochmal schnell die Notizen durch, und dann ist Schluss für heute.« Jo wedelte mit Laras Zetteln.

»In Ordnung.« Lara lehnte sich zurück, schloss die Augen und überlegte, wie der Abend weitergehen mochte. Hatte sie Lust, mit Jo etwas essen zu gehen? Würde sie danach bei ihm übernachten, falls er sie fragte? Oder wäre es besser, wenn er sie zu ihrem Auto brächte, damit sie heimfahren konnte? Würde sie dort zur Ruhe kommen und die »Umstrukturierungen« in der Redaktion verdrängen können? Jos Stimme riss sie aus ihren Grübeleien.

»Wenn man das hier in der komprimierten Form liest, sind die Zusammenhänge noch eindeutiger.«

Lara öffnete die Augen und sah, dass Jo die Blätter mit ihren Notizen zu den Fällen vor sich auf das Armaturenbrett legte. »Nummer eins, Carolin Fresnel, das Model; von den Medien ›Brautleiche‹ genannt. Sie wurde bei der Modenschau am neunten Februar gefunden. Auf ihrer Stirn standen die Wörter Lucifer und superbia, auf ihren Rücken war ein lateinischer Text tätowiert, der darauf hinweist, dass man nicht auf Äußerlichkeiten wie Schmuck und Kleidung Wert legen soll, sondern auf innere Werte.«

»Sinngemäß stimmt das.«

»Und die Leiche war eingefroren. Wie lange, wissen wir nicht.«

»Und auch nicht, weshalb.«

»Model, Modenschau, Äußerlichkeiten. Das passt alles exakt zusammen.« Jo tippte zur Bekräftigung auf die Zettel und fuhr fort. »Nummer zwei war diese Nina Bernstein, die ›Kirchenleiche‹. Sie wurde am Montag, dem fünfzehnten Februar, in der Heuerswalder Kirche gefunden. Die Leiche war gekreuzigt, in den Augenhöhlen steckten zwei Holzkugeln, die von einem anglikanischen Rosenkranz stammten. Auf ihrer Stirn fanden sich die Wörter luxuria und Asmodaeus. Kirche, Kreuzigungspose und Rosenkranz. Das klingt nach Märtyrer.«

»Dazu passen aber der Text auf dem Rücken und die Wörter auf der Stirn nicht. Reinmann hat gesagt, der Text stamme aus der Bibel, aus dem Buch der Sprichwörter, und sei die sogenannte ›Warnung vor dem Ehebruch‹. Die exakte Übersetzung deutet auch darauf hin. Ich denke, bei Nina Bernstein ging es um die fehlende Keuschheit.«

»War sie denn promiskuitiv?«

»Keine Ahnung. Ich wollte zu ihrer Vorgeschichte Nachforschungen anstellen, hatte aber keine Zeit dazu.«

»Das könnte man ja nachholen.« Jo nahm das oberste Blatt vom Armaturenbrett, hauchte die Spitze des Kugelschreibers an, den er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte und schrieb hinter Nina Bernsteins Auflistung »Promiskuität?«.

»Als Drittes hätten wir Robert Wessel, den Immobilienberater. Seine Leiche wurde exakt eine Woche nach der von Nina Bernstein gefunden. Sie war in der Commerzbankfiliale in der Riebeckstraße vor einem Geldautomaten arrangiert. Der Mörder hat den Mann vor seinem Tod gezwungen, Geldscheine zu essen. Auf seiner Stirn standen die Wörter avaritia und Mammon

»Hast du den Text von seinem Rücken auch?«

»Noch nicht. Ich versuche aber, ranzukommen. Unabhängig davon deuten alle Details darauf hin, dass es hier um Geld ging: Robert Wessels Beruf, die Lage der Leiche, die Scheine im Magen, das Wort Mammon

»Klingt logisch.« Lara sah durch das Beifahrerfenster nach draußen in die Dunkelheit. Es schneite schon wieder. Der Motor lief, und das Gebläse fauchte warme Luft in den Fußraum. »Mich wundert, dass das Verschwinden der Opfer nicht eher bemerkt wurde. Sie waren alle mehrere Tage weg. Ist das denn niemandem aufgefallen?«

»Bis jetzt hat der Täter immer Alleinstehende ausgewählt. Junge Menschen haben nicht täglich Kontakt zu Eltern oder anderen Verwandten.«

»Wie ist er überhaupt auf gerade diese Leute gekommen? Er muss doch in irgendeiner Form auf sie aufmerksam geworden sein?«

»Wenn wir das wüssten … Wir müssten im Leben der Opfer nach Gemeinsamkeiten suchen. Aber dazu fehlen uns Zeit und Mittel. Hast du denn in deinen Gesichten irgendwelche Einzelheiten gesehen, die wir dem Puzzle hinzufügen könnten?«

»Nichts Konkretes. Einmal war ein dunkles Auto im Bild. Aber das könnte auch einem der Opfer gehört haben. Und beim letzten Mal hätte ich fast das Gesicht des Täters gesehen. Aber nur fast. Ich kann es nicht herbeizwingen. Die Gesichte erscheinen wann sie wollen.«

Jo hatte noch immer das oberste Blatt in der Hand und schaute nachdenklich auf die Notizen. »Heute ist Donnerstag. Wenn der Täter sein bisheriges Schema weiterverfolgt, müsste die nächste Leiche Anfang nächster Woche auftauchen. Ich bin davon überzeugt, dass er weitermacht, auch wenn wir bis jetzt noch nicht wissen, welchen Zweck diese Morde haben.«

»Ich glaube, ich weiß, wer das nächste Opfer ist. Eine dicke Frau mit einem Pfannkuchengesicht. Mittelalt.« Lara fasste in Kurzform zusammen, was sie gesehen hatte. »Ob sie noch lebt?«

Jo schrieb Stichpunkte auf die Rückseite des Zettels. »Ich denke schon. Wenn wir nur wüssten, wozu er sie so lange am Leben hält. Was macht er mit ihnen in dieser Zeit?«

»Sie tätowieren?«

»Aber das dauert doch höchstens einen Tag. Nein, es muss noch einen anderen Grund geben.«

»Glaubst du, wir haben eine Chance, diese Frau zu retten?«

»Ich bin ja eigentlich kein Pessimist. Aber ich fürchte, die Wahrscheinlichkeit dafür geht gegen null.« Jo sah noch einmal auf das oberste Blatt. »Der Täter muss die bisherigen drei Opfer ein paar Tage lang in irgendeinem Gebäude in seiner Gewalt gehabt haben. Ich denke, das ist gleichzeitig auch der Tatort. Dieser Aufenthaltsort ist jedoch leider unbekannt.«

»Er muss dort völlig ungestört zu Werke gehen können.«

»Wir drehen uns im Kreis. Ich kann gar nicht mehr klar denken. Schade, dass Mark nicht da ist.« Jo faltete die Blätter und legte sie auf den Rücksitz. »Weißt du was? Wir könnten noch einmal zu diesem Romain Holländer von den Kindern des Himmels fahren. Die wohnen doch alle dort. Da ist mit Sicherheit jemand da.«

»Jetzt?«

»Warum nicht? Es ist noch nicht mal achtzehn Uhr. Zu zweit können wir uns viel besser umsehen. Vielleicht komme ich irgendwie in den Keller dieser Riesenvilla. In den oberen Etagen warst du ja schon. Da unten müssen doch unheimlich viele Räume sein!« Jos Augen leuchteten.

»Ob es gut ist, wenn wir unangekündigt dort aufkreuzen? Den Sonnabend fände ich besser, weil wir da die Chance haben, alle Mitglieder anzutreffen. An den Wochenenden finden laut Holländer immer irgendwelche Andachten statt.«

»Am Wochenende können wir ja extra noch einmal hinfahren. Ich möchte das Haus gern von innen sehen, und das, was du mir von diesem Holländer erzählt hast, klingt auch ziemlich spannend.«

»Na gut. Versuchen wir es.« Er hatte sie mit seinem Enthusiasmus angesteckt. Lara schnallte sich an. »Hast du deine Fotoausrüstung dabei?«

»Immer! Lass uns während der Fahrt dahin eine Strategie festlegen.« Jo trat aufs Gas, und die Reifen drehten auf dem glatten Untergrund kurz durch.

»Ja bitte?« Es war die gleiche verärgert klingende Frauenstimme wie beim letzten Mal. Lara sah Jo an und beugte sich dann nach vorn.

»Guten Abend. Ich bin Lara Birkenfeld. Die Journalistin von der Tagespresse.« Sie wartete einen Augenblick und fuhr, als keine Antwort kam, fort. »Ich war am Montag schon einmal hier und hatte mit Herrn Holländer vereinbart, dass ich noch einmal mit einem Fotografen wiederkomme. Es geht um die Reportage.« Lara atmete ein weißes Wölkchen aus.

»Haben Sie einen Termin?«

»Nein. Wir waren gerade in der Nähe und dachten, wir schauen einfach mal vorbei.«

Warten Sie.« Es knackte, dann war Stille.

»Bin gespannt, ob sie uns das abnehmen«, flüsterte Jo und trat von einem Bein auf das andere. Die Fotoausrüstung schaukelte von links nach rechts.

»Sie muss wahrscheinlich erst nachfragen.« Lara schaute mit eingefrorenem Lächeln in das Kameraauge der Videoüberwachung. »Wenn sie uns heute nicht reinlassen, versuche ich, einen Termin für das Wochenende zu vereinbaren.« Die Kälte kroch mit Spinnenfingern unter ihre Hosenaufschläge und kribbelte die Beine nach oben. Jo knipste durch das schmiedeeiserne Gitter hindurch ein paar Fotos vom Park. Der Zoom seiner Kamera surrte, als er die hinter den Sträuchern und Bäumen verborgene Villa näher heranholte. »Alle Fenster sind mit Vorhängen verschlossen.« Er ließ den Fotoapparat sinken und schraubte die Abdeckung wieder auf die Linse. »Nichts zu erkennen.«

Ein Knacken aus der Wechselsprechanlage kündigte an, dass die Torwächterin zurück war. »Frau Birkenfeld? Sie können reinkommen.« Mit einem metallischen Summen schwang das Tor auf und ließ sie ein.

»Warten Sie bitte hier.« Die ältere Frau – es war nicht die gleiche wie am Montag – zeigte auf eine Holzbank mit geschnitzter Lehne, die links von der Eingangstür stand. »Der Prinzipal kommt gleich.«

»Der Prinzipal?« Jo flüsterte.

»Ja, so nennen sie Romain Holländer. Du wirst überrascht sein.« Auch Lara sprach leise. Es war zwar niemand zu sehen, aber sie wurde das Gefühl nicht los, dass man sie beobachtete.

»Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen.« Jo nestelte an seiner Jacke und zog gerade den Reißverschluss auf, als Lara ihm ihren Ellenbogen in die Seite stieß. Gemeinsam blickten sie auf den Mann, der mit schnellen Schritten die geschwungene Treppe herunterkam. Auch heute trug Romain Holländer wieder seine »Tracht«. Weiße Hose, weißes Hemd, weiße Schuhe und weiße Socken. Lara fragte sich, ob seine Haare von Natur aus schon komplett ergraut waren, oder ob er sie der besseren Wirkung wegen bleichte. Der Mann konnte höchstens fünfzig sein. Eher jünger.

Romain Holländer kam schnell näher. Im gleichen Moment, in dem er den Arm zur Begrüßung ausstreckte, ließ er sein breites Lächeln erstrahlen. Lara schüttelte die warme Hand und erwiderte das Lächeln.

»Sie haben noch Fragen?« Der Sektenführer drehte sich von Jo weg wieder zu Lara und fixierte sie. Das gelbe Glühlampenlicht verstärkte das Blau seiner Iris zu einem magischen Violett.

»Eigentlich sind wir gekommen, um ein paar Fotos zu machen, die die Reportage dann illustrieren werden. Wir waren gerade in der Nähe und …«

»Und Sie halten es für günstig, wenn es dabei schon dunkel ist?«

»Das Tageslicht spielt im Winter in Innenräumen eine eher untergeordnete Rolle. Wir können das Ganze mit den vorhandenen Lampen gut ausleuchten, und mein Blitz ist auch sehr lichtstark. Außerdem wirkt es abends natürlicher und wärmer.« Jo hatte während des Redens auf seine Kameratasche gezeigt. Lara wusste, dass das, was sie vorher als Begründung für den abendlichen Besuch ausgemacht hatten, aus Fotografensicht Quatsch war, aber etwas Besseres war ihnen auf die Schnelle nicht eingefallen, und nun hoffte sie, dass Holländer ihnen die Erklärung abnehmen würde.

»Nun gut. Wenn Sie schon einmal hier sind. In einer halben Stunde haben wir die Abendspeisung. Bis dahin können Sie bleiben, dann muss ich Sie bitten, zu gehen. Ihre Jacken können Sie solange hierlassen.« Eine wischende Handbewegung zu der Holzbank, auf der sie eben noch gesessen hatten. Heute gab es keinen Tee. »Was wollen Sie denn fotografieren?«

»Räume, die repräsentativ für Sie sind, die etwas über Ihre Ziele und die Kinder des Himmels selbst aussagen. Räume, die dem Leser ein Bild Ihrer Gemeinschaft vermitteln.«

»Verstehe.« Romain Holländer schien kurz nachzudenken, dann sah er Lara erneut in die Augen. Sie hatte das Gefühl, er schaue durch ihre Schädelknochen direkt auf ihre Gedanken, und bemühte sich, seinem Blick standzuhalten.

»Dann nehmen wir zuerst den Gebetsraum.« Er drehte sich auf dem Absatz um und ging in Richtung Treppe. Lara fing Jos Blick auf, zog den rechten Mundwinkel nach oben und sah sofort zu Boden. Ihre Schuhe hatten vier kleine Pfützen hinterlassen, in denen sich das Licht der mächtigen Deckenlampe spiegelte. Aus einer angelehnten Tür drang Stimmengewirr heraus.

Im ersten Stock war es still. Lara dachte an den jungen Mann, der bei ihrem Besuch am Montag aus einem der Zimmer gekommen war. Romain Holländer hatte ihr gesagt, nach der Abendspeisung könne sie sich mit den Gemeindemitgliedern unterhalten, aber keiner von ihnen hatte ein einziges Wort mit ihr gewechselt. Wahrscheinlich verhinderte die Anwesenheit des Sektenführers, dass sie sich öffneten. Du musst versuchen, sie allein zu erwischen. Romain Holländer öffnete wie beim letzten Mal nur die rechte Hälfte der Tür und wies Jo an, den Raum nicht zu betreten, sondern seine Fotos von hier aus zu schießen. Lara hörte nur mit halbem Ohr zu. Ihre Gedanken kreisten um drei tote Menschen.

Jo tat sein Bestes, ließ den Sektenführer die Deckenbeleuchtung anschalten, schwärmte gleichzeitig von den Motiven auf dem Buntglasfenster und knipste dabei, was das Zeug hielt.

Schließlich sah Lara, die im Gang stehen geblieben war, wie er den Rücken streckte und einen Schritt nach hinten trat, wobei er beteuerte, wie wunderbar schlicht dieser Gebetsraum doch sei. Sie verkniff sich ein Grienen. Trag nicht zu dick auf, mein Freund.

»Ich wüsste zu gern, wie es wirkt, wenn die Sonne durch dieses Fenster dahinten scheint. Das muss doch ein prächtiges Farbenspiel ergeben.«

»So ist es.« Romain Holländer schloss die Tür.

»Sehen Sie eine Möglichkeit, dass ich das auch auf Film bannen kann?«

»Sagten Sie nicht vorhin, das Kunstlicht reiche ihnen völlig aus?« Romain Holländer war stehen geblieben.

»Da wusste ich ja noch nicht, was mich hier erwartet.« Natürlich hatte er es gewusst. Lara hatte Jo auf der Fahrt hierher alles erzählt. Sie kratzte sich an der Wange, dann sprang sie ihm bei. »Wir könnten am Wochenende noch einmal wiederkommen. Ich würde auch gern noch mit einigen Ihrer Gemeindemitglieder sprechen. Leider war das ja am Montag nicht möglich. Sagten Sie nicht, an den Wochenenden sind alle im Haus?«

»Das stimmt. Allerdings sind die Sonnabende und Sonntage so mit gemeinsamen Andachten und Gesprächsrunden gefüllt, dass ich fürchte, dass die Gefährten kaum Zeit für eine Reporterin haben werden.«

»Aber versuchen könnten wir es ja. Ich möchte wirklich gern dieses Fenster bei Tageslicht fotografieren. Es könnte das Bild sein, das stellvertretend für Ihre Gemeinschaft steht.«

»Hm. Lassen Sie mich darüber nachdenken, während wir wieder nach unten gehen.« Romain Holländer setzte sich in Bewegung und sprach über die Schulter weiter. »Ich könnte Ihnen noch den kleinen Andachtsraum im Erdgeschoss zeigen, dort können Sie noch ein paar Fotos machen. Dann müssen wir für heute Schluss machen. Die Gemeinde wartet mit der Abendspeisung auf mich.«

»Den schauen wir uns gern noch an.« Lara sah aus den Augenwinkeln, wie Jo langsamer wurde und schließlich zurückblieb. Schnell redete sie auf Romain Holländer ein, wobei sie lebhaft gestikulierte, um die gesamte Aufmerksamkeit des Sektenführers auf sich zu lenken. Nachdem sie ihn zur Zahl seiner Mitglieder, den schulpflichtigen Kindern und der Gartenarbeit befragt hatte, waren sie vor der Tür seines Arbeitszimmers angekommen. Romain Holländer zeigte nach links. »Im kleinen Andachtsraum finden vor allem die Gesprächskreise statt.« Jetzt erst bemerkte er, dass etwas nicht stimmte. »Wo ist Ihr Kollege?« Die blauen Augen verengten sich.

»Wir … wir müssen ihn verloren haben.« Lara spürte ihr Herz klopfen. »Vielleicht hat er sich verlaufen?«

»Rufen Sie ihn. Auf der Stelle!« Romain Holländer holte tief Luft und wartete, während Lara zwei armselige Versuche machte, Jo heranzuzitieren. Seine Hände ballten sich zu Fäusten und öffneten sich wieder. Dann packte er Lara und hielt ihren Unterarm wie in einer Schraubzwinge fest, während er nach Verstärkung brüllte. Noch bevor hastiges Getrappel das Herbeieilen mehrerer Leute ankündigte, konstatierte Lara, dass man hier mit Sicherheit etwas zu verbergen hatte. Nur dass sie keine Ahnung hatte, was das war.

Jo zog leise die Tür hinter sich zu und drückte erst dann auf den Lichtschalter, als er das Schloss einrasten hörte. Gelbes Licht erhellte die nach unten führenden Stufen. Er sah auf die Uhr und gab sich zehn Minuten. Holländer würde da oben gleich feststellen, dass der Fotograf verschwunden war, und auch wenn Lara ihn für eine gewisse Zeit verwirren konnte, würde es nicht lange dauern, bis sie darauf kamen, wo er steckte. Die Kamera vor sich, hastete er abwärts. Die Steinstufen waren blitzblank gewienert, das Geländer glatt poliert, in der Luft lag ein Geruch nach Putzmitteln.

Am Fuß der Treppe hielt Jo kurz an, sah nach links und rechts und drückte ein paarmal auf den Auslöser. Beide Gänge führten ins Dunkel, beide wirkten identisch. Er entschied sich für rechts. Rechtshänder entschlossen sich meistens dafür, rechtsherum zu gehen, wenn sie die Wahl zwischen mehreren gleichartigen Abzweigungen hatten. Jo dachte kurz an Lara und daran, ob sie Schwierigkeiten hatte. Wahrscheinlich suchten die da oben schon fieberhaft nach ihm. Wenn er Glück hatte, kontrollierten sie zuerst die oberen Etagen. Er betätigte einen weiteren Lichtschalter, und weißes Neonlicht flammte auf und hob die glatt getretenen Steine unter seinen Füßen hervor. Über ihm krümmte sich das gemauerte Deckengewölbe. Wozu brauchten die hier unten solch eine grelle Beleuchtung? Rasch ging Jo zur ersten Tür auf der rechten Seite. Sein rechter Zeigefinger drückte dabei in schneller Folge auf den Auslöser. Die Tür war keine herkömmliche Kellertür aus Holzlatten, sondern bestand aus Metall. Und sie war verschlossen. Genau wie die nächste. Erst die vierte Tür ließ sich öffnen. Hastig trat Jo einen Schritt in den Raum hinein, schaltete das Licht an, schwenkte den Fotoapparat einmal von links nach rechts und schoss eine paar Fotos, während sich gleichzeitig die Enttäuschung über den Inhalt der Wandregale in ihm ausbreitete. Vorräte, Dosen, Tüten, Schachteln, davor Getränkekisten und Kartoffelsäcke. Kein Wunder, dass sie diese Tür nicht verschlossen. Hier gab es nichts von Interesse zu sehen.

Nach dem Vorratsraum folgten noch zwei weitere Türen. Eine davon war verschlossen, hinter der letzten verbarg sich der Heizungsraum. Jo fotografierte alles, betrachtete nachdenklich die Rückwand des Ganges und machte kehrt.

Auf dem Weg zum Ausgang sah er auf die Uhr. Es waren noch nicht einmal fünf Minuten vergangen. Vielleicht hatte er eine Chance, auch schnell noch den linken Gang zu inspizieren.

Die weiß gestrichenen Wände blendeten im aufblitzenden Neonlicht. Am hinteren Ende vollführte der Gang eine Biegung nach rechts.

Jo rüttelte an der ersten Tür und war überrascht, als sie sich ohne Widerstand öffnen ließ. Im dahinterliegenden Raum fanden sich rohe Holzbänke und Metallschränke, an den Wänden waren Bretter aufgestapelt, darüber hingen Werkzeuge in Reih und Glied. Ein Bastelkeller. Der nächste Raum enthielt mehrere Fahrräder, Flechtkörbe, Hacken, Spaten, ein Regal mit Gummistiefeln und Handschuhen und Tüten, deren Inhalt nach Sämereien aussah. Das Gartencenter. Jo schloss auch diese Tür, nicht, ohne alles zu fotografieren. Ein paar atemlose Sekunden lang blieb er stehen und lauschte. Über ihm trappelten hastige Schritte. Seine Zeit lief ab. Er hastete zur nächsten Tür. Verschlossen. So auch die vierte und fünfte. Eilig bog er um die Ecke und blieb verblüfft stehen. Ein dunkelroter Samtteppich zierte die glatt getretenen Steine. An den Wänden waren in regelmäßigen Abständen geschmiedete Fackelhalter angebracht. Die Decke darüber war geschwärzt. Hier gab es auch keine Neonlampen. Und jemand hatte eine massive Zwischentür in den Gang eingebaut. Der rote Läufer führte unter ihr durch.

Noch ehe Jo die Zwischentür erreicht hatte, fingen seine Ohren Geräusche auf. Jemand rannte Stufen hinab. Noch bevor er an der Klinke rüttelte, wusste er schon, dass sein Ausflug hier enden würde. Verschlossen.

»Hierher! Hierher!« Das Geschrei näherte sich. Gleich würden sie um die Ecke biegen. Jo ließ die Kamera sinken und erwartete seine Häscher.