33
Lara betrachtete das Plakat in dem Glaskasten. Das linke Glubschauge in dem grauen Gesicht war zersplittert. Vollmundig verkündete der Text »einen letzten Akt, ein Finale des Grauens«. Sie schauderte leicht und sah dann zur Uhr. SAW – Vollendung in 3D kam nicht infrage. Es war kaum anzunehmen, dass Jo so etwas Hanebüchenes sehen wollte. Und sie fand Horrormovies widerwärtig. Auf dem Nachbarplakat tummelten sich Owen Wilson, Jack Nicholson und Reese Witherspoon mit ihrem unnachahmlichen Überbiss. Lara las den Titel des Films – Woher weißt du, dass es Liebe ist – und drehte sich schnell um, um zu sehen, ob Jo kam. Hoffentlich »übersah« er diesen Film. Am besten wäre es, wenn sie gleich einen Wunsch äußerte, ehe er dazu kam, das gesamte Programm zu studieren.
Jo verspätete sich. Nach dem Mittagessen hatten sie sich getrennt, und er war nach Hause gefahren, um »ein paar Dinge zu erledigen«, wie er sich ausgedrückt hatte. Vielleicht hatte er sie auch nur davon abhalten wollen, weiterzurecherchieren. Stefan Reinmann war telefonisch nicht zu erreichen gewesen, und sie hatten beschlossen, es später noch einmal zu versuchen. Sie wandte sich wieder den Plakaten zu. Feiner Schneegriesel wehte in dünnen Fäden herab und legte sich wie ein feuchter Nebel auf ihr Gesicht. Sie trat unter das Vordach.
»Bist du etwa schwerer geworden, du elender Fettsack?«
Lara drehte sich hastig um, um zu sehen, wer neben ihr redete, aber da war niemand. Sie stand allein vor den Schaukästen mit den Kinoplakaten. Und doch hatte jemand direkt in ihr linkes Ohr gesprochen.
»Das ist ja die Hölle!« Lautes Ächzen, das in ein anfallsartiges Husten überging. Scharrende Geräusche.
Lara runzelte die Stirn und schloss die Augen, um die Außenwelt auszublenden. Die Stimme und die Geräusche kamen nicht von außerhalb. Sie waren in ihrem Kopf. Sehen konnte sie dieses Mal nichts. Das ›Gesicht‹ bestand nur aus Tönen und Satzfetzen.
Mach dich nicht so steif! Raus da jetzt! Lara versuchte sich zu erinnern, ob sie die Stimme schon einmal irgendwo gehört hatte, aber ihr Gedächtnis schien versiegelt.
Ein tiefes Stöhnen. Dann ein lautes Plumpsen. »Na bitte! Das war ja ein Kraftakt, mein Lieber!«
Mit wem sprach die Stimme?
»Hättest du nicht solch einen ausschweifenden Lebenswandel geführt, hätte ich es jetzt leichter. Andererseits war gerade das die Voraussetzung für deine Wahl.« Etwas knisterte, dann ein Schnappen wie von einer großen Schere. »Du bist so abstoßend, wie du da auf dem Boden liegst. Wie eine riesiger weißer Klumpen Fleisch. Behaartes Fleisch, um genau zu sein.«
Lara kniff die Augen noch etwas fester zu. Warum antwortete der »Fettsack« der Stimme nicht? Solche Beschimpfungen konnten doch keinen vernünftigen Menschen kaltlassen. Er musste geknebelt oder bewusstlos sein.
Noch einmal klackte die Schere. Dann klapperte etwas Metallisches. Die Stimme sagte: »Wir beide machen jetzt einen Ausflug.« Ein kurzer Moment der Stille folgte. Dann räusperte sich die Stimme und setzte hinzu. »Es wird dir gefallen. Genau dein Geschmack, mein Freund!«
War sich Lara bis eben nicht ganz sicher gewesen, so wusste sie jetzt zumindest eins: Die Stimme gehörte zu einem Mann. Und sie hatte sie schon einmal gehört. Noch ehe sie den Gedanken ganz zu Ende gedacht hatte, fühlte sie eine Hand auf ihrer rechten Schulter und schrie. Schrie so laut, dass die Leute, die sich inzwischen vor dem Kino versammelt hatten, zusammenschraken und herüberschauten. Lara schlug die Hand auf den Mund und sah Jo zurückzucken, so, als hätte ihn etwas gestochen.
»Was ist denn los?«
»Ich war gerade abwesend. Entschuldige.« Sie nahm seinen Arm und zog ihn beiseite. »Eine akustische Halluzination.«
»Wieder eine Vision?« Jos Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an, als sie nickte.
»Ich habe leider nichts gesehen, nur gehört. Jemand hat mit einem anderen geredet, den er als ›Fettsack‹ bezeichnet hat. Der Fettsack hätte einen ›ausschweifenden Lebenswandel‹ geführt und wäre deshalb ausgewählt worden.«
»Das klingt nicht gut.«
»Nein.« Lara sah ihm in die Augen. »Das war dieselbe Stimme wie bei Robert Wessel.«
»Oh verflucht. Hast du eine Ahnung, ob das, was du da gehört hast, sich gerade eben oder in der Vergangenheit abgespielt hat?«
»Das weiß ich nie. Es kam mir aber wie Echtzeit vor.«
»Bearbeitet unser Täter schon das nächste Opfer?« Jo sprach leise und sah dabei nach den anderen Kinobesuchern. »Wir können nichts tun, außer abzuwarten.«
Die Neonlichter verschwammen vor Laras Augen zu bunten Schlieren. »Der andere hat auch gar nicht geantwortet. Ich weiß nicht, ob er bewusstlos war oder geknebelt, oder …« Sie führte den Satz nicht fort.
Jo nahm ihren Unterarm und zog sie in Richtung Eingang. »Magst du jetzt noch ins Kino gehen?«
»Ich denke schon. Das lenkt mich ab. Wenn es nicht gerade SAW sein muss.«
»Nichts mit Mördern, keine Thriller, kein Horror. Verstanden.« Sie sah Jos Lächeln und erwiderte es. »Dann wollen wir mal schauen, was es sonst noch gibt. Gehen wir hinterher noch etwas trinken?«
»Von mir aus. Ich hoffe nur, wir treffen keine Kollegen. Zur Not kann ich am Montag wieder in die Redaktion gehen und so tun, als wäre ich plötzlich genesen.«
»Guter Plan.« Jo betrachtete die Liste der Filme neben den Kassen.
»Dann können wir nachher auch gleich besprechen, wie wir morgen vorgehen. Von Robert Wessel und Nina Bernstein haben wir ja die Adressen. Wir könnten noch ein paar Klinken putzen. Wen wollen wir uns zuerst vornehmen?«
»Äh, Lara … ich …« Sie sah die Verlegenheit in seinem Gesicht, noch bevor er die nächsten Sätze aussprach.
»Ich habe vorhin Mark angerufen.« Er streckte das Kinn vor wie ein trotziges Kind. »Er ist entsetzt.« Jo redete jetzt schneller. Wahrscheinlich, um zu verhindern, dass sie ihn unterbrach. »Wir sollen gar nichts mehr auf eigene Faust unternehmen. Da ist mit Sicherheit ein Serienkiller am Werk. Wir sollen ihm unsere Unterlagen schicken. Er wird sich um die Sache kümmern.«
»Du hast Mark angerufen?« In Laras Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander wie das Kartenspiel von Alice im Wunderland. Zorn mischte sich mit Enttäuschung und Verbitterung. »Und er ist ›entsetzt‹? War das das Wort, das er gebraucht hat?« Ein Pärchen schaute herüber, und Lara funkelte die beiden wütend an.
»Du hast dich ein bisschen verrannt, Lara. Ich meine es nur gut.« Jo versuchte, ihren Arm zu berühren, aber sie schlug seine Hand weg.
»Verrannt, ach so?«
»Ich fürchte, das wächst uns über den Kopf. Ist es nicht besser, wenn sich Profis um die Sache kümmern? Du bist Journalistin, ich Fotograf. Was können wir zwei schon ermitteln? Lara, bitte, denk einmal vernünftig darüber nach!«
»Ich bin also unvernünftig? Wolltest du das damit sagen?«
»Nein, ich …« Wieder streckte er den Arm aus, aber Lara hatte sich bereits abgewandt. Tränen drängten nach oben und wollten heraus. Jetzt fiel ihr sogar Jo schon in den Rücken! Hatten sich denn alle gegen sie verschworen? Sie nestelte ein Taschentuch aus der Umhängetasche und schnäuzte sich. Jo stand wie ein begossener Pudel neben ihr.
»Ich fahre jetzt nach Hause. Dir wünsche ich viel Spaß im Kino.« Ohne einen weiteren Blick marschierte Lara los. Die Schaufenster verschwammen vor ihren Augen. Bitterkeit quoll im Hals nach oben und ließ sie schlucken. Der Verrat ätzte Löcher in ihre Speiseröhre. Im Davonlaufen hörte sie Jo etwas Unverständliches rufen. Lara lief schneller. Wenn er es wagte, ihr hinterherzulaufen, würde sie einen Tobsuchtsanfall bekommen, so viel war sicher. Aber Jo folgte ihr nicht. Sie konnte es nicht sehen, aber der Freund stand mit hängenden Schultern vor all den hell erleuchteten Schaukästen und schaute auf den Boden.