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Vorsichtig entrollte der Mann sein Bild und beschwerte es an den Ecken mit Büchern, ehe er zur Lupe griff und das Segment studierte, das sich etwa auf drei Uhr des kreisrunden Gemäldes befand. Vor einer grünen Hügellandschaft sah man ein rundes Zelt, in dem sich ein Paar niedergelassen hatte, er halb liegend zu Füßen seiner Angebeteten, sie sitzend, eine rote Nelke in der Hand. Die Haube der Frau wies darauf hin, dass sie verheiratet war. Rechts von ihnen kroch ein Narr auf allen vieren in Richtung Zelt, seinen nackten Hintern hatte er in die Luft gereckt, während hinter ihm ein Mann mit einem Holzlöffel zum Schlag ausholte. Seiner Gürteltasche nach schien er ein Wirt oder Kuppler zu sein. Auch die vor dem Zelt scheinbar willkürlich angeordneten Gegenstände zeigten dem wissenden Betrachter, worauf Hieronymus Bosch in der Szene anspielte. Der runde Tisch mit dem Teller voller Kirschen, die Feldflasche auf dem Boden, Harfe, Flöte und Einhandtrommel waren traditionell Gegenstände der Ikonographie von Liebesgärten. Der Narr verkörperte die Torheit. Auch das zweite Paar, welches weiter hinten im Zelt stand, unterstrich den Aspekt der Lust. Die Frau, mit ihren hochgesteckten Zöpfen als Jungfrau erkennbar, wurde von einem vornehm gekleideten Gecken bedrängt.

Der Mann legte die Lupe beiseite. Er kannte die Details der verschiedenen Segmente bis in jede Einzelheit. Und doch fand er es nützlich, sich vor der Präparation der jeweiligen Mitwirkenden noch einmal in die Bilder zu vertiefen. Die allegorischen Darstellungen untermauerten sein Vorhaben und bewiesen ihm, dass die Menschen schon immer sündhaft gewesen waren. Ab und zu wurde es Zeit, dass sie aufgerüttelt wurden, um ihre Sünden zu erkennen und zu bereuen. Dies war seine Aufgabe. Er hob die Bücher beiseite, und das Bild rollte sich von selbst wieder ein. Es war an der Zeit, die Nächste auf ihre Aufgabe vorzubereiten.

*

Die nassen Stellen an Nina Bernsteins Hose wollten einfach nicht trocknen. Es war zu kalt in dieser Höhle. Zuerst hatte sie sich geschämt, aber mittlerweile war es ihr egal. Es hatte keine andere Möglichkeit gegeben. Eine Toilette gab es nicht, und sie war an Händen und Füßen gefesselt. Es war schlicht unmöglich gewesen, dass sie die Hose vorher auszog. Also war ihr nichts anderes übrig geblieben, als sich einzunässen. Sie hatte sich mühsam aufgerichtet und war ein paar Schritte von der Matratze weggehüpft, weil sie das muffige Ding vielleicht noch brauchte, und hatte es laufen lassen. Es war eine Erleichterung und gleichzeitig eine Beschämung gewesen.

Inzwischen war Nina wieder auf die Unterlage zurückgerobbt und hatte sich hingelegt. Zuerst auf den Rücken, aber das war nicht lange gutgegangen, weil die gefesselten Arme sich in die Lendenwirbelsäule gedrückt hatten und die Folie oder was auch immer der Typ an ihrem Rücken befestigt hatte, in die Haut kniff. Deshalb hatte sie sich auf die Seite gerollt und die Beine wie ein Embryo angezogen. Und da lag sie nun und überlegte.

»Wenn ich wiederkomme, machen wir weiter«, hatte der Typ gesagt. Womit wollte er weitermachen? Mit dem, was er an ihrem Rücken angefangen hatte? Aber was zum Teufel war das? Und sie hatte noch immer keinen Schimmer davon, was sie eigentlich büßen sollte. Sie kannte diesen Typen doch gar nicht, also konnte er logischerweise auch sie nicht kennen. Oder war das ein Denkfehler? Womöglich hatte sie es mit einem Stalker zu tun, der sie schon seit Monaten beobachtete? Was war seiner Ansicht nach die Sünde, die sie begangen hatte?

Nina leckte mit der Zunge über die rissigen Lippen. Ihr Hals war trocken und schmerzte beim Schlucken.

Wie lange mochte sie schon hier sein? Ihr fehlte jegliches Zeitgefühl. Es konnte immer noch Sonntag sein – was sie nicht glaubte –, aber ob sie inzwischen Montag, Dienstag oder gar schon Mittwoch hatten, konnte sie nicht einschätzen. Sie schloss die Augen hinter der Binde und versuchte, Bilder aus dem letzten Italien-Urlaub hervorzurufen. Irgendwann schlief Nina Bernstein ein.

Ein Klicken weckte sie. Ihr Kerkermeister kam zurück. Wie lange mochte sie in diesem komatösen Schlaf zugebracht haben? Nach dem nunmehr schon vertrauten Quietschen herrschte Stille. Nina konnte es nicht sehen, aber sie spürte seine Blicke auf ihrem Körper. Dann sprach er. »Wie geht es dir?«

»Ich habe Durst.«

»Soso. Du bekommst etwas zu trinken, wenn du mir sagst, weswegen du hier bist.«

»Ich soll büßen.«

»Sehr gut.« Er kam näher. »Aber wofür, meine Liebe, wofür?« Nina konnte ein Zittern nicht unterdrücken, als er ihr eine warme Handfläche auf die Stirn legte. »Was sind deine Vergehen?«

»Ich weiß es nicht. Können Sie mir nicht einen Tipp geben?« Nina spürte, wie ihre Unterlippe beim Sprechen zitterte, und hasste sich dafür.

»Vielleicht später. Jetzt haben wir erst einmal anderes zu tun. Ich möchte deinen Rücken betrachten.« Die gleiche Prozedur wie letztes Mal begann. Er öffnete Ninas Fesseln und ließ sie ihr Top ausziehen. Dann musste sie sich mit dem Gesicht zur Wand drehen.

Das ratschende Geräusch kam vor dem Schmerz. Es hörte sich an, als reiße man Paketband von einer glatten Oberfläche. Es dauerte einen Augenblick, bis Nina begriff, dass die glatte Oberfläche ihr Rücken war. Dann begann die Haut an den Seiten zu brennen.

»Was machen Sie da?« Sie keuchte die Worte heraus. Der Typ antwortete nicht. Lediglich ein Räuspern und etwas, das wie »Hm« klang, waren zu hören. Die Angst ging und machte dem Zorn Platz. »Ich habe gefragt, was Sie da machen!«

»Sei still.« Die Stimme entfernte sich und kehrte gleich darauf zurück. »Nicht bewegen.«

Nina krallte die Fingernägel in die Handflächen und hoffte, er möge ihre Fäuste nicht sehen. Es würde schwierig werden, ihn mit verbundenen Augen zu schlagen, aber sie konnte das nicht länger teilnahmslos hinnehmen. Als sie seine Hände an ihren Seiten fühlte, winkelte Nina die Arme an, drehte sich mit einem Ruck um, und schlug mit beiden Fäusten ins Leere. Der Schwung, den sie ihrem Körper verliehen hatte, brachte sie ins Schlingern, und da die Fußgelenke noch immer aneinandergefesselt waren, konnte sie das Taumeln nicht ausgleichen und stürzte zur Seite. Hart schlug ihre Schulter auf den Boden. Etwas krachte im Gelenk.

»Dummerchen.« Der Typ lachte meckernd. Nina unterdrückte die Tränen. Die malträtierte Schulter schmerzte.

»Du kannst gleich da liegenbleiben. Dreh dich auf den Bauch.« Als sie keine Anstalten machte, packte er sie an Füßen und Hosenbund und wuchtete sie herum. Nina hatte beschlossen, sich tot zu stellen. Sollte er doch mit ihr machen, was er wollte. Sie hörte ihn hin und her gehen, etwas raschelte, dann kam er zurück und kniete sich neben sie. Als die streichelnden Hände über ihren nackten Rücken glitten, unterdrückte Nina einen Aufschrei. Die warmen Handflächen strichen sacht von links nach rechts, von oben nach unten. Dabei schnaufte er. So nah würde ihr der Typ vielleicht nicht so schnell wieder kommen. Sie überlegte, ob sie ihm die Augen auskratzen sollte, aber da war er auch schon fertig.

»Sieht gut aus.« Die Hände lösten sich. Während sie sich noch fragte, was »gut« aussah, hatte er schon weitergeredet. »Und nun drehen wir dich auf den Rücken. Vorher fessele ich dir die Hände wieder.« Er hantierte an ihren Gelenken herum, anschließend packte er Nina und zerrte sie an Füßen und Hosenbund zurück auf die Matratze.

Sie presste die Zähne aufeinander und versuchte, nicht daran zu denken, welchen Anblick sie bieten mochte. Ob er ihre Brüste lüstern musterte? Jetzt, wo sie stumm auf dem Rücken lag, kam auch der Durst zurück. Nina räusperte sich. »Hätten Sie etwas zu trinken für mich?« Sie hörte ihre heisere Stimme wie die einer Fremden.

»Hörst du mir denn gar nicht zu? Vor einer halben Stunde habe ich dir erklärt, dass du zuerst deine Verfehlungen erkennen musst, um sie anschließend wahrhaft zu bereuen. Danach kannst du dich laben.«

Was für ein hochgestochenes Zeug schwafelte der Kerl da eigentlich? Nina hatte in ihrem ganzen Leben noch keinen Menschen getroffen, der das Wort »laben« verwendete.

»Wir sind noch nicht fertig für heute.« Er strich über ihre Stirn und schob dann die Augenbinde zurecht. Im Rücken drückten die gefesselten Hände. Das surrende Geräusch, das jetzt ertönte, kannte Nina vom letzten Mal.

»Schön stillhalten. Kann sein, dass das ein bisschen wehtut, aber daran kann ich nichts ändern.« Ihr Kopf wurde am Haaransatz festgehalten und tief in die Matratze gedrückt. Dann ertönte das Summen direkt über ihren Augen, und etwas, das sich anfühlte wie Tausende feiner Nadelstiche, piekte in ihre Stirn. Es begann über der rechten Augenbraue und wanderte langsam nach links. Ab und zu setzte das Stechen aus. Dann fuhr er ihr mit einem weichen Tuch über die feuchte Stirn, ehe er weitermachte. Am Rand der linken Augenbraue hörte es abrupt auf. Er wischte noch einmal und seufzte zufrieden. »Sehr, sehr schön. Du kannst dich jetzt entspannen. Für heute war’s das.« Rascheln und Scharren deuteten darauf hin, dass der Typ einpackte.

»Lassen Sie mir doch bitte etwas zu trinken da. Ich tue auch alles, was Sie von mir verlangen!« Den letzten Satz schrie Nina fast, aber sie bekam keine Antwort. Ihre Stirn brannte. Sie kniff die Augen zusammen, öffnete sie gleich wieder und bemerkte erst jetzt, dass sich am unteren Rand ihres Sehfeldes ein heller Streifen abzeichnete. Die Augenbinde musste sich gelockert haben, als er sie vorhin zurechtgerückt hatte. Nina drückte das Kinn auf die Brust und verdrehte dabei die Augäpfel nach unten, sah aber nur helle Schlieren, die sich nach endlosen Sekunden zu bleicher Haut verdichteten. Nach weiteren Sekunden sah sie, dass die beiden hellen Erhebungen ihre Brüste waren.

»Ach, jetzt haben wir doch das Shirt vergessen.« Ihr Kerkermeister schien das Gleiche gesehen zu haben. Er lachte kurz auf. »So ein Pech aber auch, was? Aber wie willst du es mit gefesselten Händen anziehen? Ist dir kalt?« Nina antwortete nicht, und so redete er weiter. »Das wirst du aushalten müssen. Möglicherweise hilft es dir beim Denken.«

Nina blendete den aufwallenden Hass aus und konzentrierte sich weiter auf das Licht. Wenn ihr Peiniger gleich verschwand, konnte sie sich auf die Suche nach einem Ausgang machen. Vorausgesetzt, es blieb hell.

»So, meine Liebe. Ich komme bald wieder und rate dir zum letzten Mal, in dich zu gehen und nachzudenken.«

Nina wappnete sich und hielt die Luft an. Sie wollte genau hören, was er jetzt tat. Es klickte, und im gleichen Augenblick verschwand der Lichtstreif unter der Augenbinde. Das Quietschen folgte. Sie unterdrückte ein Zittern, zählte stumm bis zweihundert und lauschte, aber alles blieb still. Der Typ war weg. Nina setzte sich auf. Sie musste ihr Top suchen und es anziehen. Die Kälte kroch ihr allmählich in die Knochen und wenn sie fror, konnte sie nicht klar denken.

Wie eine bucklige Raupe schob sie sich von der Matratze und rutschte auf den Knien durch den Raum, wobei sie das Kinn dicht über dem Boden hin und her bewegte. Es hatte geklickt und dann war es dunkel geworden. Das konnte nur bedeuten, dass sich irgendwo ein Schalter befinden musste. Im Finstern war es schwierig, sich zu orientieren. Plötzlich fühlte sie einen kalten Hauch an ihrer Stirn und hielt inne. Die Steinmauer musste sich direkt vor ihr befinden. Schwankend richtete Nina sich auf, hüpfte in eine seitliche Position und pendelte mit dem Oberkörper nach rechts, bis die Schulter etwas Festes berührte. Ohne die Ausgleichsbewegungen der Arme war es schwierig, das Gleichgewicht zu halten.

Die Wand hatte sie erreicht, aber wie sollte sie nun ohne die Hände den Lichtschalter finden? Nina beschloss, den Rücken an die Mauer zu drücken und sich dann behutsam vorwärtszuschieben. Dass sie ihr Oberteil noch nicht gefunden hatte, erleichterte ihrem Rücken das Fühlen. Die Steine waren klamm und rau und schürften über die Haut. Als Nina etwas Schmales berührte, zuckte sie kurz zusammen. Dann drehte sie sich vorsichtig um, um den Kontakt zur Wand nicht zu verlieren, und legte die Wange an die Mauer. Das Gebilde war dünn und glatt und verlief vertikal. Ein Stromkabel? Behutsam ging sie in die Knie und drückte sich dann im Zeitlupentempo nach oben. Als sie sich fast aufgerichtet hatte, traf die Wange auf etwas Rundes mit einer Erhebung in der Mitte. Nina unterdrückte einen Triumphschrei. Sie hatte den Lichtschalter gefunden! Nach mehreren Anläufen gelang es ihr, ihn mit der Stirn herunterzudrücken und unter der Augenbinde erschien der ersehnte Lichtstreif. Jetzt musste sie die Augen freibekommen. Sie hatte die Hoffnung, dass der Typ sie freilassen würde, solange sie die Augenbinde noch trug, ohnehin fast aufgegeben. Nein, sie musste etwas sehen können, um eine Fluchtmöglichkeit zu finden. Oder um sich zumindest verteidigen zu können. Die Stirn brannte noch immer von dem, was das Schwein vorhin damit angestellt hatte, also drehte Nina sich mit ein paar Hüpfschrittchen um und begann damit, sich von oben nach unten zu bewegen, den Hinterkopf immer fest an die Wand gepresst. Es schien ewig zu dauern, und allmählich brannte ihr von der ständigen Belastung die Oberschenkelmuskulatur. Auch der Rücken, der bei jedem Auf und Ab die Wand berührte, schmerzte zunehmend, aber schließlich lockerte sich die Bandage, und nach ein paar weiteren heftigen Bewegungen rutschte sie schließlich nach unten und glitt Nina wie ein kratziges Halstuch in den Ausschnitt.

Das Licht blendete, und sie zwinkerte die Tränen weg und wartete dann, bis sich die Schlieren verzogen hatten, ehe sie ihr Gefängnis inspizierte.

Die Wände waren aus dunklen Natursteinen gemauert, der Boden schien aus gestampftem Lehm zu sein. Fenster gab es nicht. Außer der Matratze in der rechten Ecke war der Raum leer.

Von der Mitte der Decke hing eine nackte Glühbirne. Nach einer Drehung sah Nina, dass sich die Tür links neben ihr befand, nur wenige Zentimeter neben dem Lichtschalter. Sie musterte das glatte Metall und die massiven Scharniere. Die würde sie ohne Hilfsmittel niemals öffnen können.

In einer Ecke des Raumes hatte der Lehmboden eine dunklere Farbe. Wahrscheinlich war das die Stelle, an der sie sich erleichtert hatte. Wenn sie es recht bedachte, musste sie schon wieder. Wie konnte ihre Blase erneut voll sein, wo sie doch gar nichts getrunken hatte? Nina verbannte die Sehnsucht nach einem Glas Wasser.

Die Tür fiel also weg. Welche Alternativen hatte sie überhaupt?

Als ihr Blick auf die fleckige Matratze fiel, begann es in ihrem Kopf zu rattern. Hatten Matratzen nicht im Innern Metallfedern? Da keine anderen Gegenstände im Raum waren, schien das derzeit die einzige Wahl zu sein. Mit neugewonnener Energie begann Nina, durch den Raum zu hüpfen. In der rechten Ecke angekommen, sank sie auf die Knie und betrachtete angewidert die undefinierbaren gelben und braunen Flecken auf dem grauen Stoff, auf denen sie gelegen hatte. Aber für Ekelgefühle war jetzt keine Zeit.

Ohne Hände würde es schwierig werden, die Matratze auf Metallteile zu untersuchen. Sie würde ihr Gesicht und die Lippen zum Tasten und die Zähne zum Zerreißen des Materials benutzen müssen. Nina unterdrückte ein Schaudern und streckte sich der Länge nach neben dem modrigen Ding aus. Bevor sie sich an die Arbeit machte, würde sie die Unterlage sorgfältig inspizieren. Die Seiten waren ausgefranst. Der untere Rand war dunkler gefärbt, als habe er Feuchtigkeit vom Boden aufgesogen. Wer weiß, wie lange das modrige Ding hier schon lag.

Die ausgiebige Betrachtung hatte bis jetzt nichts gebracht und Nina beschloss, sich nun die Unterseite anzusehen. Sie drückte das Kinn unter die Matratze, doch ihr fehlte es an Kraft und Hebelwirkung. Das Einzige, was sie schaffte war, die Unterlage nach links zu verschieben. Sie blieb eine Weile liegen und wartete, bis sich ihre Atmung beruhigt hatte. Das hier war ihre einzige Chance. Also würde sie weitermachen, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrach.

Nina wälzte sich auf den Rücken, drückte dann ihre Füße unter die Matratze und schob die Beine nach. Dann spannte sie die Bauchmuskeln an und hob die Beine mit einem Ruck. Wie gut, dass sie regelmäßig Sit-ups machte.

Nach dem dritten Versuch hatte sie es geschafft. Die Matratze hob sich vom Boden, kippte im Zeitlupentempo nach vorn und landete auf Nina. Der faulige Geruch nahm ihr fast den Atem, aber sie fing sich schnell wieder, drehte sich und schob sich unter der erdrückenden Last hervor.

Der Stoff an der Unterseite war verschimmelt. Nina hustete. Schimmel war giftig. Aber gleichzeitig machte er das Gewebe auch mürbe, und das würde ihren Zähnen die Arbeit erleichtern. Vorausgesetzt, sie konnte sich dazu durchringen, in das stinkende Ding zu beißen. Aber zuerst musste sie sich ein klitzekleines bisschen ausruhen. Auf der Seite liegend atmete Nina tief ein und aus. Ihr Blick schweifte über die Unebenheiten im Lehmboden, glitt über ein winziges rautenförmiges Muster, flog weiter, kehrte zurück und dockte noch einmal an den Rauten an. Durch die körperliche Anstrengung hatte sie bis jetzt nichts von der Kälte gespürt, aber nun kribbelten Eisfinger über ihren nackten Rücken. Feine Härchen in ihrem Nacken richteten sich auf, so als bliese ihr ein Pesthauch ins Genick.

Diese Struktur war nichts Zufälliges. Das waren Buchstaben, winzige Schrift, die die Matratze bisher verborgen hatte. Nina zitterte, als sie dichter an die kleinen Zeichen heranrobbte und den Kopf darüber neigte.

Im trüben Licht der Glühbirne betrachtete sie die in den Lehmboden geritzten Wörter und hörte dabei ihre Zähne aufeinanderklacken.

Sie wusste nicht, ob sie alles exakt entzifferte, aber das war auch nicht wichtig. Der Sinn der Botschaft war unmissverständlich. Ninas Gefühl, dass das hier kein gutes Ende finden würde, verdichtete sich, als sie die Botschaft noch einmal studierte.

HILFE
ICH WURDE AM 30. JANUAR ENTFÜHRT
CAROLIN FRESNEL