15
»Nimm Platz.« Romain Holländer zeigte auf einen der Sessel vor sich und setzte sich selbst in den anderen. Im Besprechungszimmer war es warm und still. Er ließ seinen Blick über die kleine Frau gleiten und lächelte dabei sein gütiges Lächeln. Melinda Weiß wirkte älter, obwohl sie erst vierzig war. Ihr Rock und die Bluse hatten die Farbe von altem Erbspüree. Die flachen Slipper waren abgetreten. Um ihren Mund hatten sich scharfe Falten eingegraben, rund um die Augen war die Haut zerknittert. Vom Haarefärben schien sie nichts zu halten, das braune Haar war von silbrigen Fäden durchzogen. Mit etwas Rouge, Make-up und einer Tönung hätte sie sicher attraktiver ausgesehen, aber Aussehen war nicht wichtig. Romain Holländer fand es gut, dass Melinda nichts auf äußere Attribute gab. Viel bedeutsamer war es doch, den Prinzipien der Gemeinschaft zu folgen. Die Kinder des Himmels beurteilten den Wert, den ein Mitglied für die Gemeinde hatte, nicht nach dem Aussehen.
Romain vertiefte sein Lächeln und rückte etwas dichter an die Frau heran, sodass er ihre Schulter berühren konnte. Körperlicher Kontakt in den Momenten, in denen eine positive Atmosphäre herrschte, wurde »Ankern« genannt. Hatte man einmal eine bestimmte Berührung mit solch einem »Gutes-Gefühl-Anker« versehen, konnte man diesen stets aufs Neue einsetzen, um eine angenehme Grundhaltung herzustellen.
Melinda Weiß’ Mund verzog sich ganz leicht. Sie erwiderte das Lächeln nur kurz, bevor sie in sich zusammensackte. Die Hände hatte sie im Schoß gefaltet, die Finger kneteten einander. Romain Holländer konstatierte, dass die Frau anscheinend ein größeres Problem hatte. Außerdem handelte es sich meist um etwas Ernstes, wenn Kinder des Himmels außerhalb der Andachten um ein Gespräch beim Prinzipal nachsuchten. Damit sie auf seine Einflussnahme ausreichend reagierte, musste er jedoch zuerst die vertrauensvolle Stimmung noch ein bisschen ausbauen.
»Du hast unsere Sarah bei dir aufgenommen, nicht wahr?«
»Ja. Am Wochenende ist sie bei mir eingezogen.«
»Wunderbar. Das ist ein Segen für Sarah und für die Gemeinschaft. Danke, Melinda.« Erneut platzierte er seine Handfläche auf der knochigen Frauenschulter, ließ sie einen Moment lang ruhen, während er weitersprach. »Das war sehr großzügig von dir, und du hast uns allen damit einen Dienst erwiesen. Wie kommt ihr miteinander aus?«
»Gut.« Melinda holte tief Luft. »Aber das ist es nicht, weswegen ich hier bin.«
»Dann erzähle mir jetzt, worum es geht. Vertrau mir.« Romain Holländer lehnte sich zurück, legte die Arme locker auf die Armlehnen und machte sein väterliches Gesicht.
»Ich mache mir große Sorgen.« Sie zögerte kurz und schluckte, ehe sie fortfuhr. »Um Frieder.«
»Frieder Wörth?« Die Frage war zu aggressiv aus ihm herausgerutscht, und Romain Holländer sah Melinda Weiß zusammenzucken. Sie presste die Lippen aufeinander. Ihre Finger verkrampften sich noch mehr. Jetzt hatte er die Frau verschreckt. Er musste sich stärker kontrollieren.
»Unseren Frieder?«
»Ja.«
»Was ist denn mit ihm? Sag es mir, und dann überlegen wir uns, wie wir ihm helfen können.«
Melinda Weiß rutschte auf dem Sessel hin und her. Mit dem rechten Zeigefinger und Daumen zupfte sie an einem Nagelhäutchen des linken Mittelfingers. »Ich … er …«
Romain Holländer wartete geduldig. Sie würde damit herausrücken. Alle rückten sie irgendwann mit ihren Geheimnissen heraus.
»Frieder verlässt die Gemeinde.«
»Er will sich von den Kindern des Himmels trennen?«
»Nein, nein … Ich … So habe ich es nicht gemeint.« Das Nagelhäutchen riss ab. Ein stecknadelkopfgroßer Blutstropfen quoll hervor und wurde größer. Melinda Weiß schien es nicht zu bemerken. »An manchen Abenden schleicht er sich davon und kommt erst morgens wieder.«
»Weißt du, wohin er geht?« Romain Holländer versuchte zu atmen, ohne dass sich seine Schultern hoben und senkten. Die Frau sollte nicht den Eindruck gewinnen, er rege sich über das Gespräch auf.
»Nein. Nur dass es in den letzten Wochen immer öfter passiert ist.« Die Finger hatten wieder angefangen, sich umeinander zu schlingen.
»Und du hast das beobachtet?«
»Ich … ich mag ihn.« Melinda Weiß errötete und schaute zu Boden. Romain Holländer verbarg sein Staunen und registrierte die Information. Die Frau hatte ein Auge auf Frieder Wörth geworfen. Sie war also doch nicht so geschlechtslos, wie es ihre Aufmachung vermuten ließ. Beziehungen zwischen den Gemeindemitgliedern waren nicht verboten, sondern sogar ausdrücklich erwünscht. So etwas festigte den Zusammenhalt und verhinderte, dass sich die Leute außerhalb der Gemeinschaft nach Sexualpartnern umsahen.
»Und jetzt machst du dir Sorgen um Frieder.« Ein leichtes Rucken ihres Kopfes. »Es war sehr gut, dass du damit zu mir gekommen bist, Melinda.« Romain Holländer fixierte das Gesicht der Frau. »Hast du sonst noch jemandem von deinen Beobachtungen erzählt?«
»Nein.« Er konnte an ihrer Mimik erkennen, dass sie die Wahrheit sagte.
»Wir lösen das Problem. Mach dir keine Sorgen.« Schultergriff. Fürsorglicher Tonfall. »Jetzt werde ich dir dabei helfen, dich zu entspannen. Hab keine Angst. Dies ist keine Hypnose.« Er prüfte ihre Mundwinkel und die Fältchen um die Augen. Hatte sie den Satz verinnerlicht? »Dies ist keine Hypnose« war die entscheidende Botschaft. Obwohl das, was er gleich mit Melinda Weiß veranstalten würde, nichts anderes als eine klassische Hypnose war, glaubte jeder Angesprochene, dass dem nicht so wäre. Es war ganz simpel. Das Unterbewusstsein kannte das Wörtchen »kein« nicht. Es hörte »Hypnose« und stellte sich darauf ein. Genauso, als ob man jemandem befahl, jetzt nicht an einen rosa Elefanten zu denken – das Bild des rosa Elefanten erschien sofort vor dem inneren Auge.
L. Ron Hubbard hatte das Verfahren »Reverie« genannt und behauptet, es sei das Ideal der entspannten Konzentration. Betrachtete man jedoch das Vorgehen, dann handelte es sich eigentlich doch um eine Hypnosetechnik mit anschließender Suggestion. Nur dass der Hypnotisierte nichts davon wusste.
»Schau nun an die Decke.« Romain Holländer setzte noch einen Anker. Melinda Weiß atmete ruhig. Ihre Augen verdrehten sich nach oben. Schritt eins. Jetzt kam das Zählen. Er sprach mit ruhiger, monotoner Stimme. »Wenn ich von eins bis sieben gezählt habe, werden dir die Augen zufallen. Eins.« Kurze Pause. »Zwei.«
Bei »fünf« schloss Melinda die Augen und bei »sechs« begannen ihre Lider zu zittern – das Zeichen optimaler Hypnose. Romain Holländer vertiefte die Trance noch ein paar Minuten lang, dann begann er mit der Suggestion. Melinda Weiß bekam den Auftrag, Frieder Wörth in den nächsten Tagen unauffällig auszufragen: Wo ging er hin? Zum wem? Wie oft? Die Antworten sollte sie notieren und in Briefumschlägen verstauen, die sie allabendlich vor der Eingangstür zu seinen Räumen im Obergeschoss deponieren würde. Weigerte sich der Mann, ihr zu erzählen, was er vorhatte, sollte sie versuchen, ihm unauffällig zu folgen, die Observation jedoch sofort abbrechen, wenn er Verdacht schöpfte. Entdeckte Frieder Wörth seine Verfolgerin, würde sie sich mit ihrer Sorge um ihn herausreden und zur Not auch ihre Verliebtheit gestehen. Romain Holländer zog den rechten Mundwinkel hoch. Es amüsierte ihn, sich vorzustellen, wie die hausbackene Frau ihrem Angebeteten hinterherschlich und im Anschluss alles brühwarm aufschrieb. Er sprach mit monotoner Stimme weiter. »Sobald du deine Beobachtungen notiert hast, vergisst du alles, was du gesehen und gehört hast. Du wirst es auch niemand anderem anvertrauen. Es wird so sein, als hättest du es nie erlebt. Du wirst es erst erzählen, wenn ich dich danach frage. Das Kennwort ist Quarzkristall.« Er wiederholte es zweimal. »Quarzkristall« würde wohl kaum jemand unabsichtlich zu ihr sagen. »Sobald du es hörst, fällt dir wieder ein, was du beobachtet hast, und du wirst mir jedes Detail berichten, als sei es eben erst geschehen. Hast du das verstanden?« Ihr Kopf wippte leicht von oben nach unten, die Augenlider flatterten. Die neurolinguistische Botschaft war eingepflanzt.
»Am Sonnabend nach der Speisung kommst du zu mir und wir sprechen über die Angelegenheit. Ich werde mich um das Problem kümmern, sei unbesorgt. Und nun wirst du auf mein Zeichen hin erwachen und dich wunderbar frei und erholt fühlen. Alles, was wir in diesem Raum besprochen haben, hast du bei eins vergessen. Alles – vergessen – bei – eins.« Romain Holländer zählte langsam rückwärts. Die Frau im Lehnstuhl vor ihm atmete tief ein und aus. Die Lider zitterten stärker, der Körper straffte sich, dann seufzte sie. Bei »eins« öffnete sie die Augen.
»Wie fühlst du dich?« Er sah ihr ins Gesicht. Melina Weiß’ Blick war klar, sie wirkte gelöst.
»Wunderbar.« Sie fragte nicht, was in der letzten halben Stunde passiert war. Ihrer Ansicht nach hatten sie ein entspanntes Gespräch über alltägliche Belange der Kommune geführt.
»Das freut mich.« Ein letzter Ankergriff nach ihrer Schulter. »Es war ein gutes Gespräch.«
Romain Holländer erhob sich und gab damit das Zeichen, dass das Plauderstündchen beendet war.
Er sah der Frau nach, wie sie beschwingt hinausging. Dieser Wörth wuchs sich allmählich zu einer Gefahr aus. Romain Holländer nahm sich vor, den Mann in den nächsten Tagen ebenfalls einer Reverie zu unterziehen und ihn ein bisschen auszuhorchen.