12
»Lara? Hörst du mich? Ich habe neue Informationen.« Mark klang kurzatmig. Hinter ihr hupte es, und sie zuckte zusammen. Die Ampel hatte längst auf Grün geschaltet. Der Motor ihres Minis heulte auf, als sie das Gaspedal durchtrat. Die Telefoniererei nervte. Konnte Mark nicht einfach mal wieder einen Abstecher nach Leipzig machen?
»Du bist wohl gerade unterwegs?« Wie hatte er das bloß herausgefunden? Lara biss sich auf die Unterlippe und verschluckte den scharfen Kommentar. Der Freund konnte nichts dafür, dass sie gereizt war. Heute früh war in der Redaktion die Hölle los gewesen. Hubert und Gert hatten kurz nacheinander angerufen und sich krankgemeldet, und Tom hatte eine halbe Stunde lang Aufträge neu verteilt. Und jetzt saß sie hier in ihrem Auto im dicksten Vormittagsverkehr und musste zu einer Rassegeflügelschau nach Markkleeberg. Herausgeputzte Hühner in zu kleinen Käfigen! Einen Fotografen hatte sie auch nicht. Lara schnaufte.
»Soll ich dich später noch einmal anrufen?« Mark schien die hektischen Schwingungen wahrgenommen zu haben.
»Nein, es ist schon in Ordnung. Ich muss zu einer Vogelausstellung, weil Hubert die Grippe hat, und das nervt mich. Was hast du denn für Informationen?«
»Es geht um den Fall Carolin Fresnel. Du weißt schon, die Brautleiche.«
»Oh, warte kurz.« Jetzt erst gelang es Lara, ihre Gedanken von dem verdrießlichen Vormittag weg hin zu Marks Stimme zu lenken. Sie bremste und bog auf die Wundtstraße ab. »Einen Moment noch.«
»Ich habe Zeit.« Es hörte sich ein bisschen amüsiert an. Lara wühlte in ihrer Tasche, die auf dem Beifahrersitz lag, herum und lenkte mit links. Das Diktiergerät hatte sich unter dem Organizer versteckt. Sie schaltete es ein und legte es in die Getränkehalterung. »Kann losgehen.« Hoffentlich zeichnete das Aufnahmegerät nicht nur das Rauschen und Knacken der Freisprecheinrichtung auf.
»Ich habe jetzt den gesamten Text, der auf den Rücken der Toten tätowiert war.« Mark schwieg kurz. Der Motor summte. Lara blickte nach vorn auf die Straße. In ihrem Kopf wirbelten die Wörter Lucifer und superbia herum.
»Es ist lateinisch.«
»Das sagtest du am Sonntag schon.« Der kleine Ärger war zurückgekehrt und machte sich hinter Laras Stirn breit.
»Ego confido in vobis in Domino quod nihil aliud sapietis qui autem conturbat vos portabit iudicium quicumque est ille. Utinam et abscidantur qui vos conturbant. Non efficiamur inanis gloriae cupidi invicem provocantes invicem invidentes.«
»Mark, fordere mich nicht heraus! Ich bin sowieso schon auf hundertachtzig. Du weißt, dass ich kein Wort davon verstehe!«
»Oje. Das ist nicht dein Tag heute, was? Komm runter. Ich bin’s doch, dein Freund Mark.« Er lachte. »Ich schick dir den Text. Du darfst aber nichts darüber schreiben.«
»Was bedeuten denn die Sätze?«
»Ich bin mir nicht sicher, obwohl ich es versucht habe, aber meine Lateinkenntnisse reichen dazu nicht aus und mir fehlt die Zeit, mich damit ausgiebig zu befassen. Falls du den exakten Wortlaut brauchst, wüsste ich jemanden in Leipzig, der dir eventuell weiterhelfen könnte. Ich hatte im Fall einer Patientin mit ihm zu tun. Er heißt Stefan Reinmann und ist Sektenbeauftragter der evangelischen Kirche. Ich schicke dir seine Telefonnummer mit.«
»Danke.« Laras Zorn war verraucht. »Könnte in dem Text der Grund für die Ermordung von Carolin Fresnel verborgen sein?«
»Das ist gut möglich. Der Täter hat ihn ja nicht umsonst auf ihren Rücken tätowiert. Da er die Leiche in aller Öffentlichkeit präsentiert hat, wollte er auch, dass dieser Text öffentlich wird. Hoffentlich ist die Botschaft nicht liturgisch verbrämt.«
»Ich rufe gleich heute Nachmittag diesen Sektenbeauftragten an.« Lara hielt an der Ampelkreuzung und sah eine winzige Schneeflocke aus dem zinnfarbenen Himmel segeln. Das weiße Sternchen ließ sich auf ihrer Windschutzscheibe nieder, wurde durchsichtig und zerfloss. Marks Stimme knisterte aus dem Lautsprecher. »Halte mich auf dem Laufenden.«
»Mache ich. Gestern war ich übrigens bei Rootdesign und habe mit den Profs und diesem Torben Hoffmann gesprochen. Er hat mir seine Gästeliste von der Show gemailt. Es sind fast zweihundert Namen.« Lara seufzte. Zwei weitere Schneeflocken schwebten herab.
»Das schaffst du doch nie, die alle zu befragen. Ich würde mich auf die Freunde und Kollegen von Carolin Fresnel konzentrieren. Wir wissen nicht, ob es eine Beziehungstat war. Aber über neunzig Prozent aller Morde sind Beziehungstaten. Deshalb können wir das als Arbeitshypothese durchaus annehmen. Sprich mit ihnen. Frage danach, ob sie eine Ahnung haben, warum es gerade Carolin traf. Gibt es ein Motiv für den Mord, hatte sie Neider? Und warum wurde sie in den Tagen vor der Modenschau von niemandem vermisst?« Atmosphärisches Knistern mischte sich in Marks Worte. Die Verbindung schien schlechter zu werden. »Ich würde dir gern persönlich helfen, aber diese Woche kann ich hier auf keinen Fall weg. Ich habe jeden Tag Sprechstunde, und die Patienten sind auf mich angewiesen.«
»Das verstehe ich. Ich bin mir ja auch gar nicht sicher, wie intensiv ich den Fall weiterverfolgen soll. Irgendwann ist die Sache doch Schnee von gestern.«
»Ach, jetzt hätte ich fast das Wichtigste vergessen!« Es knackte und Marks Stimme war kurz im Rauschen verschwunden, bevor sie wieder zu hören war. »… war eingefroren. Das … Obduktionsbefund.«
»Was war eingefroren?« Lara schrie jetzt, aber die Verbindung war so tot wie das bleiche Model. Sie fluchte, schlug mit der Faust auf das Lenkrad und zuckte zusammen, als die Hupe ertönte. Im Rückspiegel sah sie, dass ihr der Bursche im Auto hinter ihr einen Vogel zeigte.
Lara schaltete das Diktiergerät aus, wartete, bis die Autotür hinter ihr zugefallen war, und atmete tief durch. Die Stille war himmlisch. Von all dem Gackern, Gurren und Kollern schwirrte ihr der Kopf. Bei manchen Vögeln hatte sie zuerst gar nicht erkannt, von welcher Spezies sie ursprünglich abstammten. Die Besitzer schienen jedoch unheimlich stolz auf ihre Züchtungen zu sein. Sie hatten ihr bereitwillig Auskunft gegeben und die Vorzüge ihrer Tiere jeweils in den höchsten Tönen gelobt, während Lara sich die ganze Zeit innerlich ermahnt hatte, nicht zu kichern. Beim Schreiben würde sie achtgeben müssen, die Schilderungen nicht lächerlich wirken zu lassen. Sie schaute auf ihr Handydisplay. Nur ein Balken. Es hatte keinen Sinn, Mark von hier aus noch einmal anzurufen und ihn zu fragen, was er mit »eingefroren« gemeint hatte. Das Mobiltelefon landete neben der Handtasche auf den Beifahrersitz. Lara gab Gas.
Der Radiosprecher verkündete die aktuellen Staus und Blitzer in Leipzig. Es war noch nicht einmal Mittag, und sie hatte sich bis fünfzehn Uhr ausgetragen. Ausreichend Spielraum, um vor der Rückkehr in die Redaktion schnell bei Rootdesign vorbeizuschauen. Das war das Schöne an diesem Beruf. Man konnte sich die Zeit bei Recherchen frei einteilen. Wenn nicht jemand aus der Redaktion anrief und sie zu irgendeinem neuen Termin bestellte. Aber dann konnte sie ja so tun, als käme sie gerade erst von der Geflügelausstellung. Vielleicht erwischte sie ein paar von Carolin Fresnels Kollegen.
Vor den Buchnerschen Stiftungen waren sämtliche Parkplätze belegt. Lara fuhr zwei Runden, bis direkt vor ihrer Nase ein dicker Audi ausparkte. Nachdem sie sich in die Lücke geschachtelt hatte, kramte sie die Gästeliste von Torben Hoffmann hervor und studierte die Seiten. Der junge Designer hatte ihr den Gefallen getan und hinter die Namen die Funktionen der jeweiligen Personen aufgeschrieben. Seine Familienmitglieder und Freunde konnte sie weglassen. Erstens würden sie nichts über Carolin Fresnel wissen, zweitens hielten sie sich nicht in der Hochschule auf. Sie unterstrich diejenigen, hinter denen »Model« stand, und versuchte gleichzeitig, sich die Namen einzuprägen. »Tor B. Hoff«, das aufstrebende Nachwuchstalent, hatte in seiner Show keine Männerkleidung vorgestellt.
»Sie sind Nele?« Das Mädchen mit der grobgestrickten Schlumpfmütze nickte. Sie war ungeschminkt und wirkte mit ihren dunklen Augenringen eher wie eine Cracksüchtige denn wie ein Model. Ihre Kollegin hieß Mira und sah nicht minder blutarm aus. Beide trugen Oversize-Pullis und schmale schwarze Stoffhosen, dazu High Heels, in denen Lara keinen Schritt hätte gehen können.
»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich unser Gespräch aufnehme?« Nele schüttelte den Kopf. Die Schlumpfmütze wippte hin und her.
»Schreiben Sie über uns?« Miras Augen leuchteten bei der Frage. Bis auf die Professoren schien es bei Rootdesign nur publicitygeile Menschen zu geben.
»Mal schauen. Im Moment recherchiere ich lediglich.« Lara legte Diktiergerät und Notizbuch auf den schmalen Tisch. Sie hatte keine Lust, die beiden zu hofieren. Ihre Laune war im Keller. Sie dachte kurz an die Rassegeflügelausstellung und betrachtete dabei die dürren Beine der beiden Bohnenstangen. Eine Hühnerschau jagte die nächste.
»Wie gut kannten Sie Carolin?«
»Es ging so. Ab und zu hatten wir gemeinsame Jobs.« Mira war eindeutig die kommunikativere von beiden. Ihre Freundin, »Schlumpfmütze« Nele, hatte noch nicht ein Wort gesagt. Ihr Beitrag zum Gespräch bestand lediglich aus Bewegungen: Nicken, Kopfschütteln, ab und zu eine kleine Geste.
»Wann haben Sie sie denn zuletzt gesehen?«
»Das muss so Ende Januar gewesen sein, nicht?« Mira kratzte sich am Haaransatz und wartete auf Neles Reaktion, doch die starrte mit einem Schafsblick auf Laras Diktiergerät. Hatte sie Beruhigungsmittel genommen? »Wir hatten in der ersten Februarwoche zwei Anproben mit Torben. Ich glaube nicht, dass sie dabei war, oder?« Mira versetzte ihrer somnambulen Freundin einen Stoß gegen den Oberarm. Diese erwachte aus ihrem Tagtraum und bewegte den Kopf in Zeitlupe von links nach rechts. Jetzt war sich Lara sicher, dass Schlumpfmütze etwas eingeworfen hatte.
»Ist es denn nicht üblich, dass die Models so kurz vor der Show zu den Anproben anwesend sind?«
»Eigentlich schon. Aber Caro war etwas Besseres. Sie konnte sich das erlauben.« Miras Stimme hatte jetzt einen schnippischen Unterton.
»Warum hat sie keiner vermisst?«
»Angeblich hatte sie ein Shooting in London. Das geht natürlich vor, nicht? Aber genau wissen wir es nicht. So gut kannten wir Caro nun auch wieder nicht.« Mira schien es gewöhnt zu sein, für ihre Freundin mitzusprechen. Nele war wieder in Trance verfallen.
»Kennen Sie jemanden, mit dem Carolin Fresnel befreundet war?«
»Thomas Mahler?« Nele bekam noch einen Stoß und nickte wie eine mechanische Puppe, und als hätte sie die Bestätigung gebraucht, wiederholte Mira den Namen: »Thomas Mahler.«
»Haben Sie eine Telefonnummer oder eine E-Mail-Adresse von ihm?«
»Mal sehn.« Mira klappte ihr Handy auf, wischte mit dem Zeigefinger über den Touchscreen und sagte die Nummer an. »Hat Tommi nicht auch den Film gedreht?« Wieder musste Neles Oberarm herhalten, und wieder führte der Stüber zu einem teilnahmslosen Nicken.
»Was für einen Film?«
»Die Doku über die Schauen. Das wird jedes Jahr auf Video aufgenommen. Dann können die Erstsemester sich später ansehen, wie toll unsere Graduierten sind.« Jetzt sprach Mira wieder mit ironischem Unterton.
Lara schrieb »Video« hinter die Telefonnummer von Thomas Mahler. Bis auf die letzte Information war das Gespräch die reinste Zeitverschwendung gewesen. »Vielen Dank für die Informationen. Das war’s auch schon.« Miras herabhängende Unterlippe deutete darauf hin, dass sie enttäuscht war. Die Mädchen erhoben sich. Mira zuerst, Nele zeitverzögert. Lara schüttelte eine kalte und eine schlaffe Hand, dann stakten die zwei davon. Es gelang ihnen tatsächlich, sich in den Schuhen vorwärtszubewegen.
Auf dem Rückweg in die Redaktion überlegte Lara, ob sie die Befragungen fortführen sollte. Sie hatte jetzt gerade mal zwei von den Leuten auf der Liste erwischt. Auch wenn nur etwa die Hälfte von ihnen Carolin Fresnel gekannt haben mochte, blieben immer noch über neunzig, die sie noch nicht befragt hatte. Machte bei ihrem Tempo mindestens vierzig Wochen. Lara rümpfte die Nase. Das konnte sie vergessen. Außerdem wollte sie nicht zu einer Miss Marple-Kopie verkommen, die sich in Ermangelung anderer Beschäftigungen auf jedes ungeklärte Verbrechen in der Nähe stürzte. Und schon in ein paar Tagen würde kein Hahn mehr nach dem toten Model krähen. Die Zeit war schnelllebig, neue Nachrichten ersetzten die alten.
Friedrich stand vor dem Redaktionsgebäude und stieß wie ein übergewichtiges Räuchermännchen weiße Dampfwolken aus. Lara nickte ihm kurz zu und verschwand nach oben.
Ihr Schreibtisch war verwaist. Während der Computer hochfuhr, überflog sie ihre Notizen und sortierte die zu schreibenden Artikel auf einem Stichpunktzettel nach Wichtigkeit.
In der Mailbox warteten dreißig ungelesene Nachrichten. Mark hatte seine E-Mail um 10:40 Uhr abgeschickt. Ein schneller Rundumblick. Im Nebenraum tippte Christin. Hubert, der ihr sonst gegenübersaß, war krank. Friedrich stand unten und rauchte. Tom hielt in seinem Redaktionsleiterbüro Hof oder war außer Haus. Lara klickte Marks Nachricht an und hoffte, dass er den lateinischen Text nicht in die Mail kopiert hatte. Der gesamte dienstliche Mailverkehr der Tagespresse wurde gespeichert. Sie glaubte zwar nicht, dass Tom es schaffte, alle ein- und ausgehenden Mails seiner Angestellten zu lesen, aber man konnte ja nie wissen. Sie trank einen Schluck zimmerwarmes Mineralwasser direkt aus der Flasche und las den lapidaren Text.
»Stefan Reinmann, Sektenbeauftragter der evangelischen Kirche«, stand da, dazu eine Büroadresse in Leipzigs Norden und eine Telefonnummer. Kein einziges lateinisches Wort. Lara spürte dem aufgeregten Flattern in ihrer Brust nach, ehe sie die Nummer abschrieb.
»Jemand Kaffee?«
Markus Lehmann stand in der Tür zur Küche. Seine neugierigen kleinen Augen huschten von links nach rechts. Obwohl er nicht gerade ein Leichtgewicht war, konnte sich der Praktikant geräuschlos bewegen. Man bemerkte ihn nie, wenn er durch die Redaktionsräume schlich, bis er plötzlich hinter einem stand. Lara sah ihn kurz an und machte eine abwehrende Handbewegung. Wieso glaubten die Praktikanten immer, sie müssten alle Festangestellten bedienen? Vielleicht wollten sie sich beliebt machen.
Friedrich stieß die Eingangstür mit dem Fuß auf und schob eine Wolke kalten Zigarettenrauchs vor sich her. Neben Laras Schreibtisch blieb er stehen. »Hast du das von der Leiche in Heuerswalde gehört?«
»Heuerswalde?« Lara sah hoch und legte den aufgenommenen Telefonhörer wieder zurück. »Sollte das nicht diese Woche dem Abrissbagger zum Opfer fallen?«
»Kann sein. Drei Kinder haben da gestern Abend in einer Kirche eine tote Frau entdeckt. Sie soll wie bei einer Beerdigung aufgebahrt gewesen sein. Das kam doch heute früh über den Ticker. Hast du das nicht gelesen?«
»Nein. Ich musste gleich nach der Besprechung zu dieser Geflügelaustellung. Es geht ja alles drunter und drüber, weil Hubert und Gert krank sind.«
»Tom hat Elsa Breitmann hingeschickt.«
»Elsa Breitmann? Eine von den Freien?« Lara hörte ihre eigene Stimme wie die einer Fremden, hoch und schrill. Der Redaktionsleiter überließ die Berichterstattung über eine Leiche ganz in der Nähe von Leipzig einer freien Mitarbeiterin, und sie schickte er zu einer verfluchten Vogel-Freakshow?
»Jemand anderes war wohl grad nicht verfügbar.« Friedrich zuckte die Schultern und schlurfte zu seinem Schreibtisch. Lara zwinkerte heftig. Ihre Finger hackten auf die Tasten ein. Säure brannte Löcher in ihre Magenwände, als sie die Schlagzeilen las.
Tote Frau in Abrissdorf gefunden …
nackte Leiche …
aufgebahrt …
gekreuzigt …