KAPITEL 26
»Du siehst gar nicht gut aus, mein Junge«, sagte Mog zu Jimmy, nachdem sie endlich die Tür hinter dem letzten Gast der Trauerfeier für Garth geschlossen hatten. Es war halb neun Uhr abends, und obwohl Mog gerührt war, dass so viele Leute zur Beerdigung gekommen waren, hatte sie allmählich befürchtet, sie würden gar nicht mehr gehen.
»Immer denkst du an andere«, meinte er und langte aus seinem Rollstuhl nach ihrer Hand. »Du hast deinen Mann verloren, dich um jeden gekümmert, der heute Nachmittag hier war, und jetzt sorgst du dich auch noch um mich.«
»Ich bin wohl dazu geboren, mir Sorgen zu machen.« Sie lächelte schwach und beugte sich vor, um ihm einen Kuss auf den Scheitel zu drücken, als er sie unbeholfen umarmte. »Ich weiß wirklich nicht, wie es ohne Garth weitergehen soll.«
»Wir finden schon einen Weg«, sagte Belle, die Teller und Gläser auf ein Tablett lud, und drehte sich zu den beiden um. Als sie Jimmy ansah, fiel ihr auf, dass Mog recht hatte. Er schaute wirklich nicht wohl aus. Sie trat näher zu ihm und drehte den Rollstuhl zur Seite, um sein Gesicht besser sehen zu können. »Du schwitzt und bist sehr blass. Geht es dir nicht gut?«
»Ach, es ist nichts. Bei der Beerdigung ist mir nur bewusst geworden, wie sehr ich mich immer auf Garth verlassen habe und wie viel er mir bedeutet hat«, antwortete er. »Du siehst auch nicht gerade blendend aus. Schließlich warst du den ganzen Tag auf den Beinen. Und ich schwitze, weil es hier drinnen furchtbar warm ist.«
Belle und Mog wechselten einen Blick. Es war nicht warm im Schankraum, sondern reichlich kühl. Sie hatten die Fenster weit geöffnet, um den Zigarettenqualm herauszulassen.
»Ich denke, du solltest jetzt zu Bett gehen, Jimmy«, riet Belle freundlich. »Du hast einen sehr langen und anstrengenden Tag hinter dir. Ich bringe dir noch einen Grog.«
»Ich gehe zu Bett, wenn Mog geht«, widersprach er. »Sie hat kaum geschlafen, seit Garth krank wurde.«
Mog winkte ab. »Ich kann nicht ins Bett, es gibt viel zu viel zu tun.«
»Darum kann ich mich kümmern«, sagte Belle fest. »Jimmy hat recht, du hast kaum geschlafen. Los, rauf mit euch, ihr zwei! Ich bringe gleich jedem von euch einen Grog nach oben.«
Sie schob Jimmy im Rollstuhl zur Treppe und half ihm beim Aufstehen, damit er sich die Stufen hinaufhangeln konnte. Mog nahm seine Krücken und trug sie für ihn nach oben. Als Belle den beiden nachsah, fiel ihr auf, wie langsam Jimmy sich bewegte. Normalerweise kam er die Treppe fast genauso schnell hinauf wie sie.
Furcht regte sich in ihr. Sie hatten sämtliche Vorsichtsmaßnahmen, die der Arzt empfohlen hatte, befolgt. Jimmy war kein einziges Mal in Garths Nähe gekommen, und Mog und sie hatten Garths Bettzeug ausgekocht und alle Becher und Gläser, die er berührt hatte, mit kochendem Wasser ausgespült. Heute Nachmittag war vor allem über die Spanische Grippe geredet worden. Einige Leute kannten Familien, in denen es nur einen erwischt hatte, während in anderen alle daran gestorben waren. Niemand schien zu wissen, wie sich die Epidemie ausbreitete oder wie man die Krankheit heilen konnte. In manchen Bezirken Londons waren Dutzende Menschen daran gestorben, in anderen Stadtteilen ging es den Leuten zwar sehr schlecht, doch sie überstanden die Grippe.
Aber die Grippeepidemie wütete nicht nur hier in London und in Europa, sondern laut Zeitungsmeldungen überall auf der Welt. Das Einzige, worin man sich anscheinend einig war, war die Tatsache, dass alte Leute und kleine Kinder nicht daran starben. Vor allem Menschen zwischen achtzehn und fünfundfünfzig erlagen der Krankheit.
Etwas später brachte Belle zwei Gläser Grog nach oben. Mog lag schon im Bett und sah mit ihrem offenen Haar sehr klein und verletzlich aus.
»Ich dachte, Garth würde noch bei mir sein, wenn ich uralt und grau bin«, sagte sie. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie ich ohne ihn zurechtkommen soll.«
»Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll«, gestand Belle. »Er war so stark, so voller Leben und bis zu dieser Seuche nicht einen Tag krank. Doch mich wirst du immer haben, Mog. Du wirst nicht allein sein.«
»Du bist ein solcher Trost!«, sagte Mog und versuchte zu lächeln. »Aber jetzt schau lieber nach Jimmy! Der Verlust seines Onkels hat ihn schwer getroffen – als hätte er nicht schon genug Kummer.«
Als Belle in ihr Schlafzimmer kam, saß Jimmy auf der Bettkante. Sein steifer Kragen war halb geöffnet und ragte auf einer Seite nach oben. Das Einzige, was er geschafft hatte, war, sein Jackett auszuziehen. Sie stellte den Grog auf dem Nachttisch ab, schaltete das Licht an und zog die Vorhänge zu.
»Mir geht’s nicht so gut«, gestand er und streckte die Hand nach ihr aus.
Belle nahm sie und rieb sie zwischen ihren Fingern. Seine Augen waren trübe, und auf seiner Stirn standen Schweißperlen. »Du bist bloß müde«, sagte sie und bemühte sich, selbst daran zu glauben. »Komm, ich helfe dir beim Ausziehen, und dann ab ins Bett!«
Normalerweise ließ er sich nie von ihr helfen. Als er aus dem Genesungsheim gekommen war, hatte er gleich vom ersten Tag an peinlich darauf geachtet, sich allein an- und auszuziehen. Sie sollte nicht sehen, was von seinem Arm und seinem Bein geblieben war. Irgendwann hatte er nachgegeben und ihr erlaubt, seinen Beinstumpen zu massieren, doch nicht ein einziges Mal hatte sie ihn nackt gesehen. In der ersten Zeit daheim hatte er sich von Garth ins Bad hinein und hinaus helfen lassen, bis er es allein schaffte.
Aber jetzt ließ er zu, dass sie sein Hemd aufknöpfte und seine Hosenträger vom Hosenbund löste, und hievte sich lange genug hoch, dass sie ihm erst die Hose und dann die lange Unterhose ausziehen konnte.
Wenn er ihr von Anfang an erlaubt hätte, ihm auf diese Weise behilflich zu sein, hätte sie gesehen, wie sauber die Wunden an Arm und Bein verheilt waren. Die Stümpfe sahen nicht gruselig aus, nichts, wovor man sich fürchten musste, und dasselbe galt für die Narben an Bauch und Hüften. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, sich dazu zu äußern. Belle spürte, dass er kaum wahrnahm, dass er von der Taille an nackt war, und das allein bewies, wie schlecht es ihm ging.
Belle zog ihm den Pyjama an, half ihm, den Grog zu trinken, und steckte ihn dann ins Bett. »Schlaf gut«, sagte sie und strich ihm über die Stirn, als wäre er ein Kind. »Ich bin unten und räume auf, doch du brauchst nur zu rufen, wenn du etwas benötigst.«
Sie ließ die Tür offen und das Licht auf dem Treppenabsatz brennen und ging nach unten.
Es war viel zu still. Normalerweise wäre der Schankraum um diese Zeit voller Menschen gewesen. Stimmengemurmel, Gelächter, das Scharren der Stühle auf dem Holzboden und das Klirren von Gläsern wären in sämtlichen Räumen, oben wie unten, zu hören gewesen. Bis zu seiner Krankheit war Garth sehr präsent gewesen; seine dröhnende Stimme, die schweren Schritte und allein seine Größe schienen das ganze Haus zu erfüllen. Mog hatte immer behauptet, dass sie in dem Moment, in dem sie nach Hause kam, wusste, ob er da war oder nicht.
Belle ging in die Schankstube, um die Fenster zu schließen, und blieb einen Moment stehen, um sich umzuschauen. Wenn Garth hinter der Theke gestanden hatte, hatte er sie beherrscht. Der Spiegel hinter der Theke hatte seine dominante Ausstrahlung verstärkt und seine Schultern noch breiter und sein rotes Haar noch dichter erscheinen lassen. Jimmy hatte oft erzählt, wie sich sein Onkel manchmal über die Theke gelehnt und mit nur einer Hand einen Radaubruder an der Gurgel gepackt hatte. Nicht viele Männer hatten den Mut gehabt, es mit ihm aufzunehmen.
Aber sein Ruf, ein wilder Mann zu sein, war reine Fassade. Garth war sanft und liebevoll zu denen, die ihm am Herzen lagen. Heute bei der Trauerfeier hatte Belle von dem einen oder anderen gehört, dass Garth oft jemandem, der seine Arbeit verloren, ein krankes Kind oder andere Sorgen hatte, einen Zehn-Schilling-Schein zugesteckt hatte, genauso wie er Pasteten oder belegte Brote verschenkt hatte, wenn er den Eindruck gehabt hatte, jemand leide Hunger.
Belle erinnerte sich, dass die Leute in Seven Dials, wo sie ihre Kindheit verbracht hatte, ihn für einen Grobian gehalten hatten, doch er hatte Jimmy aufgenommen, als dessen Mutter gestorben war, und er hatte nicht gezögert, Mog und Belles Mutter ein Dach über dem Kopf anzubieten, als ihr eigenes Haus abgebrannt war.
Es war Mogs Liebe, die ihn milder gestimmt und alle seine guten Seiten zum Vorschein gebracht hatte, und seine Liebe zu ihr hatte bewirkt, dass sie mehr Selbstvertrauen gewann und nicht mehr die kleine graue Maus von früher war. Mog hatte sich immer ein eigenes Heim gewünscht, sie liebte es, zu kochen, zu putzen und für andere zu sorgen, und sie hatte ein Gespür dafür, ein Zuhause anheimelnd zu gestalten. Das zeigte sich an den sanften Farben, der Wärme und der Behaglichkeit im ganzen Haus.
Ihr Einfluss war selbst im Schankraum zu spüren, obwohl hier Garth geherrscht hatte. Das polierte Messing, der sauber gescheuerte Boden, die spiegelblanke Theke und die blitzenden Gläser waren Mogs Verdienst. Im Winter brannte immer ein prasselndes Feuer im Kamin, und auf der Bank daneben lagen Polster, die sie mit hellen Stoffen bezogen hatte. Obwohl sich heute nichts unter der Glaskuppel am Ende der Theke befand, lagen an jedem anderen Tag selbst gemachte Pasteten darunter.
Es war zu früh, um daran zu denken, wann sie das Wirtshaus wieder aufsperren konnten, aber obwohl Belle sich zutraute, es gemeinsam mit Mog zu führen, sagte ihr ihr Instinkt, dass es ohne Garths eindrucksvolle Persönlichkeit mit dem Geschäft bald bergab gehen würde.
Nachdem sie aufgeräumt hatte, kehrte sie den Boden und stellte die sauberen Gläser in die Regale hinter der Theke, schloss und verriegelte die Fenster und ging in die Küche zurück. Von Lisette, Noahs Frau, war an diesem Morgen ein Beileidsschreiben gekommen, und da Belle noch keine Zeit gehabt hatte, es in Ruhe zu lesen, setzte sie sich hin und griff nach dem Brief.
Lisette schrieb, Noah sei in Frankreich und könne deshalb nicht zur Beerdigung kommen. Sie erwartete ihn aber demnächst zurück. Sicher würde er sie alle besuchen und ihnen seine Hilfe anbieten, da ihm klar war, wie schwierig es für sie wäre, ohne Garth eine Schenke zu führen.
Es war ein sehr warmherziger und aufrichtiger Brief. Noah und Jimmy waren in der Zeit, als sie Belle gesucht hatten, gute Freunde geworden, und Belle war Lisette für die Güte dankbar, die sie ihr in Paris hatte angedeihen lassen.
Seit damals waren sie in der Gesellschaft aufgestiegen. Noah war ein höchst angesehener Journalist, und Lisette eine perfekte Ehefrau und liebevolle Mutter für Jean-Philippe, den Jungen, den sie mit in die Ehe gebracht hatte, und die kleine Rose, die jetzt drei war. Lisette führte ihr elegantes Haus in St. John’s Wood, als wäre sie in Wohlstand und Bürgertum hineingeboren. Doch Geld und Stellung hatten die beiden nicht verändert. Sowie sie von Jimmys Verwundung erfahren hatten, hatten sie geschrieben, und Belle wusste, dass sie sofort herkommen würden, wenn Noah wieder in England war. Er würde ihnen in jeder Hinsicht behilflich sein.
Belle hatte Noah nichts von Etiennes Tod geschrieben. Sosehr er sich während seiner Arbeit als Kriegsberichterstatter auch an Tod und Zerstörung gewöhnt haben musste, würde er sehr traurig über den Tod seines Freundes sein, das wusste sie. Aber im Grunde ging es eher darum, Jimmys Gefühle zu schonen. Wenn Noah zurückschrieb oder vorbeikam und über Etienne sprechen wollte, würde alles wieder von vorn anfangen. Gelegentlich fragte Jimmy sie noch nach ihrer Zeit in Paris, und obwohl damals zwischen Etienne und ihr nichts gewesen war, dessen sie sich schämen müsste, befürchtete sie, im Gespräch unabsichtlich ihre wahren Gefühle für ihn preiszugeben.
Im Großen und Ganzen war es mit Jimmy viel leichter geworden, seit Dr. Towle mit ihm gesprochen hatte. Er hatte weiterhin geübt, mit seiner Prothese zu gehen, und war ein paar Mal zu Geschäften in der Nähe gegangen. Manchmal lachte er sogar wieder so wie früher.
Doch es gab immer noch Tage, an denen er mürrisch war und sich Belle gegenüber sehr hässlich benahm. Sie brauchte sich nur etwas mehr Mühe mit ihrem Aussehen zu geben, bevor sie das Haus verließ, und schon fragte er sie, wohin sie wollte. Er gab durch nichts zu verstehen, dass er gern mit ihr schlafen würde, und wenn sie versuchte, darüber zu reden, verschloss er sich einfach.
Garths Tod war ein furchtbarer Schock für Jimmy gewesen. Er war völlig zusammengebrochen. Jimmy bedauerte zutiefst, dass er Garth nicht gesagt hatte, wie sehr er ihn schätzte und dass er besser als jeder Vater gewesen war. Außerdem bereute er, in den vergangenen Monaten praktisch nie zu ihm in den Schankraum gegangen zu sein, obwohl es Garth sehr viel bedeutet hätte.
»Garth ist furchtbar stolz auf dich gewesen und hat dich wie seinen eigenen Sohn geliebt«, hatte Belle erwidert. Sie wusste, dass Garths Tod auch für Jimmy große Probleme mit sich bringen würde. Er konnte den Platz seines Onkels nicht einnehmen, und das würde sein Gefühl von Nutzlosigkeit nur noch verstärken.
Als Belle von oben ein dumpfes Krachen hörte, sprang sie auf und rannte die Treppe hinauf. Sie fand Jimmy neben dem Bett auf dem Fußboden vor.
»Was ist passiert?«, fragte sie, aber als sie sich über ihn beugte und feststellte, dass er schweißgebadet war, wusste sie sofort, was geschehen war: Offensichtlich hatte er zur Toilette gemusst und vergessen, dass er nur noch ein Bein hatte.
Er war zu durcheinander, um auch nur zu versuchen, sich hochzustemmen, deshalb lief sie ins Badezimmer, um einen alten Nachttopf zu holen. Dann lehnte sie Jimmy ans Bett und half ihm, in den Topf zu urinieren.
Als er fertig war, ließ sie ihn etwas Wasser trinken, und bettete ihn wieder in die Kissen. »Versuch nicht noch einmal aufzustehen, ruf einfach nach mir!«, sagte sie. »Ich bin hier.«
Belle verbrachte die Nacht in eine Decke gewickelt im Lehnstuhl, doch jede Stunde, wenn sie hörte, dass Jimmy unruhig wurde, stand sie auf, wusch ihn mit kaltem Wasser ab, weil er am ganzen Körper glühte, und versuchte, ihn dazu zu bringen, etwas zu trinken. Obwohl sie Angst hatte und sich sehr allein fühlte, war sie froh, dass Mog nicht aufgewacht war.
Es war eine Erleichterung, das erste Licht der Morgendämmerung zu sehen und irgendwo in der Nähe einen Vogel zwitschern zu hören. Doch als das Morgenlicht allmählich ins Zimmer drang, stellte sie voller Entsetzen fest, dass Jimmys Gesicht aschfahl und eingefallen aussah.
»Trinkst du bitte noch einen Schluck Wasser? Für mich, ja?«, flüsterte sie.
Seine Augenlider flatterten. »Lass mich gehen!«, krächzte er.
»Nein, Jimmy, du musst kämpfen«, sagte sie, schob einen Arm unter seine Schultern und hob ihn an, damit er trinken konnte.
Jetzt öffnete er die Augen, und als das Sonnenlicht hineinfiel, sahen sie aus wie flüssiges Gold, genau wie an jenem Tag, als sie ihm im Alter von fünfzehn Jahren in Seven Dials zum ersten Mal begegnet war. »Ich kann nicht. Ich bin es müde zu kämpfen. Du wirst ohne mich ein besseres Leben haben.«
»Nein, Jimmy, ich brauche dich!«, flehte sie. »Wir können ein gutes Leben haben, wir gehören zusammen.«
»Alles Gute, das es geben kann, hatten wir schon«, sagte er. Seine Stimme war jetzt klarer, und er fixierte sie, als wollte er sie daran hindern, ihn zu unterbrechen. »Der Mann, den du geliebt hast, ist in Ypern gestorben, lange bevor mich die Granate zum Krüppel gemacht hat. Selbst wenn ich in einem Stück zurückgekommen wäre, wäre ich nicht mehr der Jimmy gewesen, den du gekannt hast. Der Dreck, die Brutalität, der Gestank nach Verwesung, der Schlamm und der Kanonendonner haben ihn getötet. Ich glaube an nichts mehr, nicht an König und Vaterland, nicht an Gott. In mir ist alles tot.«
»Das denkst du jetzt, weil du krank bist und dein Onkel gerade gestorben ist«, schluchzte Belle, und obwohl sie die bittere Wahrheit, die aus seinen Worten klang, bis ins Herz traf, versuchte sie verzweifelt, ihn zu überzeugen, dass er unrecht hatte. »All die Gräuel, die du erlebt hast, sind jetzt vorbei. Denk daran, was ich in Paris durchgemacht habe! Ich war wie du jetzt davon überzeugt, dass ich es nie vergessen könnte und niemals wieder glücklich sein könnte. Aber ich habe es geschafft, weil du nicht aufgehört hast, mich zu suchen. Als ich zurückkam, hast du mir das Gefühl gegeben, wieder heil und ganz zu sein. Dasselbe kann ich für dich tun.«
»Nein, das kannst du nicht. Das Leben mit mir wird dich nur elend und unglücklich machen.« Seine Stimme wurde wieder schwächer. »Lass mich gehen, Belle! Behalte mich so in Erinnerung, wie ich einmal war!«
Sie legte beide Arme um ihn, drückte ihn fest an sich und weinte. Als sie die ungeheure Hitze spürte, die er ausstrahlte, ließ sie ihn los, damit er sich wieder hinlegen konnte. Seine Augen waren geschlossen, und sein Atem ging flach. Sie knöpfte seine Pyjamajacke auf und rieb ihn mit dem kalten, nassen Schwamm ab.
»Ich lasse dich nicht gehen«, sagte sie leidenschaftlich. »Ich liebe dich, und Mog hat dich auch lieb. Wir tun alles, damit du den Krieg vergisst. Wir ziehen an die See, wir lassen die besten Prothesen, die es gibt, für dich anfertigen. Du bist immer noch der Jimmy, den ich geheiratet habe, das weiß ich.«
»Wie kann ich helfen?«, fragte Mog, die plötzlich in der Tür stand.
Belle wandte den Kopf. »Komm nicht herein, aber könntest du vielleicht Dr. Towle holen?«
Mog nickte, und Belle hörte, wie sie nach unten ging und kurz darauf durch die Seitentür das Haus verließ.
Ein paar Minuten später würgte Jimmy, und bevor Belle eine Schüssel holen oder ihm auch nur helfen konnte, sich aufzusetzen, erbrach er sich. Es kam stoßweise aus seinem Mund, eine übel riechende gelbgrüne Masse, die sich auf die Kopfkissen und über seine Brust ergoss. Belle zog die Kissen weg und wollte ihm gerade die Pyjamajacke ausziehen, als ihr ein anderer Geruch auffiel. Jimmy hatte ins Bett genässt.
Sie wusste, dass dasselbe auch bei Garth mehrmals passiert war, doch bisher hatte sie sich keine Gedanken darüber gemacht, wie eine zarte Person wie Mog es ganz allein geschafft hatte, ihn auszuziehen und zu waschen und das Bett frisch zu beziehen. Selbst im Royal Herbert hatte Belle bei diesen Tätigkeiten stets Hilfe gehabt.
Sie biss die Zähne zusammen, schlug die Decke zurück und zog Jimmy den Pyjama aus, um damit den schlimmsten Schmutz wegzuwischen. Dann holte sie rasch frische Bettwäsche aus dem Schrank im Flur und warmes Wasser und wusch Jimmy auf dem zusammengeschlagenen Laken. Er stöhnte leise und war offensichtlich im Delirium. Sowie sie ihn gereinigt hatte, legte sie ein neues Laken auf eine Seite des Bettes, rollte ihn darauf und schaffte es, den restlichen Teil des Lakens unter ihm hervorzuziehen und zu spannen.
Sie hatte ihn gerade zugedeckt, als Mog zurückkam.
»Der Doktor hat versprochen, so schnell wie möglich zu kommen«, sagte sie von der Tür. »Er muss erst noch zu einem anderen Patienten. Ich nehme das beschmutzte Zeug mit nach unten und gieße dir eine Tasse Tee auf.«
Es wurde fast neun, bis der Arzt erschien, und in der Zwischenzeit hatte Belle noch zweimal die Bettwäsche wechseln müssen. Es hatte angefangen zu regnen, und bei geschlossenen Fenstern roch es in dem Zimmer wie in einem Stall.
Dr. Towle war unrasiert und nicht so adrett gekleidet wie sonst, seine Augen waren rot gerändert. Anscheinend war auch er den Großteil der Nacht auf den Beinen gewesen. Aber es gelang ihm, Belle anzulächeln und ihr sein Mitgefühl auszusprechen, bevor er Jimmy untersuchte.
»Laut Mrs. Franklin wurde er gestern Abend nach der Beerdigung seines Onkels krank«, sagte er und wollte wissen, wie schnell hohes Fieber und Übelkeit eingesetzt hatten.
»Kann er nicht ins Krankenhaus?«
»Ich fürchte, es gibt nirgendwo freie Betten«, antwortete der Doktor. »Und selbst wenn es welche gäbe, würde sich sein Zustand durch die Strapazen eines Transports nur verschlechtern. Bedauerlicherweise machen Sie bereits alles, was möglich ist, Mrs. Reilly.«
»Wird er sterben?«, flüsterte sie. Jimmy schien zwar bewusstlos zu sein, doch sicher war sie sich dessen nicht.
Dr. Towle hob langsam die Schultern, eine Geste, die auszudrücken schien, dass Jimmy jetzt in Gottes Hand war. »Ungefähr ein Drittel der Patienten, die ich bisher gesehen habe, hat sich erholt, aber keiner von ihnen hat so hoch gefiebert wie Ihr Mann. Bei jeder anderen Krankheit sind Jugend und eine gute körperliche Verfassung ein Vorteil, doch bei dieser scheint es nicht so zu sein.«
»Wir können ihn nicht auch noch verlieren!« Belle sah den Arzt entsetzt an. »Gibt es denn nicht irgendetwas, das Sie ihm verschreiben können?«
»Ich wünschte, es gäbe ein Medikament dagegen«, sagte er bedrückt. »Versuchen Sie, ihm warmes Wasser mit einem Schuss Brandy einzuflößen. Reiben Sie ihn kalt ab und achten Sie darauf, dass das Zimmer warm, aber gut durchlüftet ist. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Ich komme heute Abend noch mal vorbei, um nach ihm zu sehen.«
Den ganzen Tag bemühte sich Belle verzweifelt, Jimmy dazu zu bringen, etwas zu trinken, und als ihm die Flüssigkeit aus dem Mund lief, weil er nicht schlucken konnte oder wollte, benutzte sie die Pipette eines Medizinfläschchens, um ein paar Tropfen Wasser mit Brandy auf seine Lippen zu träufeln. Manchmal kam er kurz zu sich, um gleich darauf wieder das Bewusstsein zu verlieren, und in diesem Dämmerzustand sagte er Dinge, die keinen Sinn ergaben. Aber ab und zu brachte er Sätze über die Lippen, die sie verstehen konnte.
»Ich habe dein Bild so oft angeschaut, dass es irgendwann kaputtgegangen ist«, war einer davon. Belle wusste, dass er ein Foto meinte, das an ihrem Hochzeitstag aufgenommen worden war. Sie hatte bemerkt, dass es fehlte, nachdem er nach Frankreich gegangen war.
»Die anderen haben mir ständig gesagt, keine Frau könne einen Rothaarigen lieben«, lautete ein anderer Satz.
Aber meistens nannte er die Namen von Freunden, die er bei der Armee gefunden hatte, und obwohl sie nicht wusste, von wem er sprach, war sie froh, dass er an gute Zeiten dachte.
Dr. Towle kam wie versprochen am Abend vorbei, lobte Belle für die Verwendung der Pipette und wirkte erfreut, als sie berichtete, dass Jimmy sich nicht mehr hatte übergeben müssen. »Es gibt bei dem Verlauf dieser Krankheit kein eindeutiges Muster«, erklärte er. »Ein paar meiner Patienten schienen dem Tod schon ganz nah zu sein, haben sich aber wieder erholt. Andere, die nicht ernstlich krank wirkten, starben. Ich finde es verwirrend, und ich wünschte so sehr, ich könnte mehr tun.«
»Es ist ein Trost, dass Sie gekommen sind«, sagte Belle. »Wenn er so ruhig ist wie jetzt, habe ich wieder Hoffnung.«
»Kommen Sie noch eine Nacht mit ihm zurecht? Sie sehen völlig erledigt aus, Mrs. Reilly. Ich könnte versuchen, eine Krankenschwester aufzutreiben, die Ihnen hilft.«
»Ich glaube, es ist besser für Jimmy, wenn nur ich ihn pflege«, antwortete Belle, die sich an den Drachen von Krankenschwester erinnerte, die Dr. Towle nach ihrer Fehlgeburt zu ihnen geschickt hatte.
»Nun, versuchen Sie ein bisschen zu schlafen, solange er ruhig ist!«, riet der Arzt. »Ich muss wieder los; ich habe Dutzende Patienten, die mich brauchen. Aber ich komme morgen früh wieder und hoffe, dass sich sein Zustand bis dahin gebessert hat.«
Kurz darauf stahl sich Belle nach unten, um etwas Suppe, Brot und Käse zu essen, doch sowie sie fertig war, eilte sie zu Jimmy zurück. Es gelang ihr, im Sessel eine gute Stunde zu schlafen, aber als sie aufwachte, delirierte Jimmy wieder.
Ein weiteres Mal wusch sie ihn mit dem Schwamm ab, träufelte Wasser und Brandy in seinen Mund, wechselte die Bettwäsche, die nass von Schweiß und Urin war, und versuchte, ihn zu beruhigen, als er anfing, wirres Zeug zu reden.
»Ich konnte unsere Einheit nicht finden«, stammelte er und packte sie so fest an der Hand, dass es wehtat. »Ich konnte nichts sehen. Immer wieder bin ich im Schlamm ausgerutscht und über tote Männer gestolpert.«
Offenbar erinnerte er sich an jene letzte Offensive. Er murmelte Wörter, die ihr kaum etwas sagten: Feuerwalze, Leuchtkugeln und Kanonenfutter. Er schien zu glauben, mit einem anderen Soldaten zu reden.
»Ein Mann wurde von einem Schrapnell in der Mitte auseinandergerissen«, murmelte er. »Seine untere Hälfte lief noch einen Moment weiter.«
»Psst«, flüsterte sie und kühlte seine Stirn. »Jetzt bist du in Sicherheit, und du wirst so etwas nie wieder sehen.«
Gegen zwei Uhr morgens kam er kurz zu sich. Er wandte ihr sein Gesicht zu und versuchte zu lächeln. »Du bist es, Belle! Ich dachte, ich träume. Ich habe den Jungs gesagt, dass mir nichts passieren darf, weil ich zu dir zurückkommen muss. Und ich bin zurückgekommen.«
»Ja, das bist du, und jetzt musst du etwas davon trinken, damit es dir besser geht«, sagte sie und hielt ihm ein Glas Wasser an die Lippen. Er hob sogar von selbst den Kopf und trank ein, zwei Schlucke, bevor er sich aufs Kissen zurückfallen ließ.
Dann schloss er die Augen, und Belle, die glaubte, dass er über den Berg war und schlief, setzte sich wieder in ihren Sessel. Ungefähr eine Stunde später wachte sie von einem seltsamen Rasseln auf. Es kam aus Jimmys Kehle. Als sie die Lampe näher an ihn heranhielt, sah sie, dass sich sein Gesicht dunkel verfärbt hatte, genau wie bei Garth.
»Oh nein, bitte nicht!«, schrie sie. Sie fühlte seinen Puls und stellte fest, dass er sehr schwach war. Jimmys Stirn war glühend heiß. Hektisch begann sie, ihn mit dem Schwamm abzuwischen, und flehte ihn an, jetzt nicht aufzugeben. Aber er reagierte nicht. Seine Lider hoben sich ab und zu flatternd, doch er versuchte nicht einmal zu sprechen.
»Jimmy, reiß dich zusammen!«, befahl sie ihm mit der festen Stimme, mit der sie früher zu den Soldaten im Rettungswagen gesprochen hatte. »Du kannst gesund werden, du musst gesund werden! Tu es für mich, lass mich nicht allein!«
Auf einmal stand Mog neben ihr. So klein sie auch war, erfüllte sie das ganze Zimmer mit ihrer Entschlossenheit. »Komm schon, Jimmy!«, sagte sie. »Jage Belle nicht solche Angst ein! Wir beide brauchen dich. Wir lieben dich.«
Er schlug die Augen auf. »Ich liebe euch«, brachte er mühsam heraus. »Passt aufeinander auf, ich kann nicht länger bleiben.«
Belle warf Mog einen entsetzten Blick zu und las im Gesicht der Älteren, dass Jimmy im Sterben lag.
»Du warst immer wie ein Sohn für mich«, sagte Mog. »Ich bin so stolz auf dich!«
Er versuchte zu lächeln, doch seine Lippen bewegten sich kaum. »Und du warst wie eine Mutter für mich«, flüsterte er. »Lass nicht zu, dass Belle um mich trauert! Bleib bei ihr!«
»Ich bin hier, Jimmy«, rief Belle. »Du musst kämpfen. Bitte!«
Seine Augen wanderten zu ihr, und seine Hand bewegte sich leicht, als wollte er sie heben und ihr Gesicht berühren. »Belle, meine schöne Belle«, murmelte er. »Es tut mir alles so leid, aber es ist am besten so.«
Belle nahm seine Hand und küsste seine Finger. »Es gibt nichts, was dir leidtun muss, und es ist nicht am besten so!«, entgegnete sie mit gebrochener Stimme. Tränen liefen über ihre Wangen.
Sie spürte, wie seine Hand in ihrer erschlaffte, und tastete nach seinem Puls. Sie fühlte nichts.
»Oh nein!«, schluchzte sie.
Es war Mog, die Jimmys Hand nahm und niederlegte. Sie schloss ihm die Augen und küsste ihn auf die Wange. »Lebe wohl, mein Sohn!«, sagte sie leise. »Garth und deine Mutter warten auf dich.«
»Nein, Jimmy!«, rief Belle verzweifelt. Sie ließ sich auf die Knie sinken und legte den Kopf an seine Brust. »Ich wollte dir noch so viel sagen!«
Die beiden Frauen blieben noch eine Weile am Bett und weinten, dann stand Mog auf, zog Belle hoch und wiegte sie an ihrer Schulter, wie sie es früher gemacht hatte, als Belle ein kleines Mädchen gewesen war.
»In der Nacht sieht alles schlimmer aus«, sagte Mog begütigend. »Aber er hatte recht, es war am besten so. Er hat furchtbar darunter gelitten, so hilflos zu sein, und er wusste, dass sich sein Zustand nie verbessern würde. Komm jetzt zu mir ins Bett! Wir können nichts tun, ehe es hell wird.«