KAPITEL 9
Constable Broadhead drängte sich durch die Menschenmenge im Vestibül des Gerichtsgebäudes in Lewisham, um Belle und Mog abzufangen, bevor sie gingen. »Ich wollte Ihnen noch dafür danken, dass Sie heute als Zeugin ausgesagt haben«, wandte er sich an Belle. »Das ist Ihnen sicher nicht leichtgefallen.«
Belle lächelte schwach. Es war tatsächlich nicht leicht gewesen, inmitten einer Schar schmutziger, heruntergekommener Leute, die schlecht rochen und sie trübselig anstierten, darauf zu warten, als Zeugin aufgerufen zu werden. Sie war zu dem Raub und ihren Verletzungen ins Kreuzverhör genommen worden und hatte noch dazu aussagen müssen, dass sie eine Fehlgeburt erlitten hatte. Aber Constable Broadhead war sehr nett zu ihr gewesen, und sie wollte ihm kein schlechtes Gewissen machen. Deshalb verheimlichte sie ihm, dass die heutige Gerichtsverhandlung tatsächlich eine schwere Prüfung gewesen war.
»Ich bin froh, dass es vorbei ist und dieser Mann für einige Jahre niemanden mehr ausrauben oder zusammenschlagen kann«, erwiderte sie. »Und vor allem Ihrem Einsatz ist es zu verdanken, dass er angeklagt werden konnte.«
Archie Newbold war in allen sieben Anklagepunkten für schuldig befunden und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Belle war nur eine von mehreren Zeugen gewesen, aber der Richter hatte sich direkt an sie gewandt, um sie zu der Zeichnung zu beglückwünschen, die sie von Newbold angefertigt hatte. Daraufhin hatte der Angeklagte sie drohend angestarrt und ihr ziemliche Angst eingejagt.
Es war Mitte Januar, und draußen schneite es. Belle fror bis in die Knochen und fühlte sich völlig ausgelaugt, und das nicht nur wegen der Gerichtsverhandlung. Vorgestern hatten deutsche Zeppeline Bomben auf Yarmouth und King’s Lynn abgeworfen und achtundzwanzig Menschen getötet und weitere sechzig verwundet. Hinzu kamen die immer länger werdenden Listen von Gefallenen. Belle hatte das Gefühl, als hinge eine tiefschwarze Wolke über England, die sich nicht so bald verziehen würde.
»Darf ich Sie beide auf eine Tasse Tee einladen, damit Sie sich ein bisschen aufwärmen können?«, fragte Broadhead, der zu spüren schien, wie ihr zumute war.
»Das ist sehr freundlich von Ihnen«, antwortete Belle. »Aber ich glaube, bei diesem Schnee sollten wir lieber zusehen, dass wir möglichst schnell nach Hause kommen.«
»Wer ist das?«, fragte Mog den Polizisten und zeigte auf einen hochgewachsenen, dünnen Mann in dunklem Mantel und Hut. Er lehnte neben dem Ausgang an der Wand und starrte in ihre Richtung. »Er scheint sich sehr für uns zu interessieren. Er ist mir schon im Gerichtssaal aufgefallen.«
Broadhead warf einen Blick auf den Mann. »Ein Reporter, nehme ich an. Wahrscheinlich will er mit Ihnen reden. Wenn Sie wollen, begleite ich Sie nach draußen und setze Sie in eine Droschke. Das sollte ihn abschrecken.«
Belle hatte den Mann vorher nicht bemerkt, doch da sie keine Lust hatte, heute noch mit irgendjemandem zu sprechen, nahm sie Mogs Arm und ließ zu, dass Broadhead vorausging, um eine Droschke für sie zu besorgen.
Aber sowie der Polizist die Stufen hinuntereilte, stellte sich der Mann den beiden Frauen direkt in den Weg. »Miss Cooper, nicht wahr?«, sagte er und streckte eine Hand aus.
Mit ihrem Mädchennamen angesprochen zu werden, brachte sie aus der Fassung. Belle stockte und sah hilfesuchend zu Mog.
»Ich weiß, dass Sie jetzt Mrs. Reilly sind, doch früher hießen Sie Belle Cooper, oder?«, sagte er mit öliger Stimme und einem wissenden Blick in den gelblichbraunen Augen.
Auf einmal wusste Belle intuitiv, dass er sie mit dem Prozess gegen John Kent in Zusammenhang gebracht hatte, dem Mann, der sie entführt und in die Prostitution verkauft hatte, weil sie mit angesehen hatte, wie er eines der Mädchen im Bordell ihrer Mutter ermordet hatte. Kent wurde gehängt, bevor sie und Jimmy heirateten, und als sie nach Blackheath zogen, hatte sie geglaubt, dass ihre Vergangenheit begraben und vergessen war. Aber es war zwecklos, den Namen Cooper zu leugnen. Es würde nur den Eindruck erwecken, dass sie etwas zu verbergen hatte.
»Ja, mein Mädchenname war Cooper«, antwortete sie. Sie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie nervös sie war. »Kennen wir uns?«
»Constable Broadhead hat eine Droschke für uns«, warf Mog ein und verstärkte den Griff um Belles Arm. »Gehen wir! Wir dürfen ihn nicht in der Kälte warten lassen.«
»Blessard«, sagte der Mann, der seine Hand immer noch ausgestreckt hielt. »Frank Blessard vom Chronicle. Nein, wir sind uns noch nicht begegnet, doch …«
Belle schnitt ihm das Wort ab, indem sie seine Rechte schüttelte. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Blessard, aber wir müssen jetzt wirklich gehen.«
Als Mog und sie die Treppe hinuntereilten, war ihr bewusst, dass er sie abgepasst hatte, um sie etwas Bestimmtes zu fragen, doch sie drehte sich nicht nach ihm um, sondern bot Broadhead an, ihn mitzunehmen.
Er strahlte vor Freude. »Das ist sehr nett von Ihnen. Eigentlich wollte ich die Straßenbahn nehmen. Aber wenn ich Ihnen wirklich nicht lästig falle, würde ich so natürlich viel schneller zurückkommen.«
»Dieser Blessard, der uns angesprochen hat, hat erwähnt, dass er für den Chronicle arbeitet«, sagte Belle zu Broadhead, als sich die Droschke in Bewegung setzte. »Ich kenne diese Zeitung nicht. Sie?«
Der Polizist verzog das Gesicht. »Ein Revolverblatt. Gut, dass Sie ihn kurz abgefertigt haben. Bestimmt hatte er auf blutigere Details gehofft, als bei der Verhandlung zur Sprache gekommen sind. Wenn er Sie wieder belästigt, schicken Sie ihn einfach seiner Wege. Ich habe für diese Burschen nichts übrig. Sie picken sich einen Fall heraus, und wenn die Sache zu wenig Sensationen bietet, erfinden sie einfach etwas dazu.«
Der Schnee hatte sich in eisigen Hagel verwandelt, als sie Blackheath erreichten. Belle bezahlte den Fahrer, verabschiedete sich von dem Polizisten und eilte mit Mog ins Haus.
Garth war in der Küche. »Alles gut gegangen?«, rief er ihnen zu, als sie Hüte und Mäntel ablegten und aus ihren Stiefeln schlüpften. »Der Kessel ist aufgesetzt. Wie lange muss der Schweinehund sitzen?«
Die beiden Frauen gingen in die Küche zu Garth und wärmten sich über dem Ofen die Hände. Mog teilte Garth das Urteil mit. »Aber Belle ist ein bisschen angegriffen. Da war ein Reporter, der sie als Miss Cooper kannte.«
»Darüber wirst du dir doch keine Gedanken machen, oder?« Garth ging zu Belle und legte eine schwere Pranke auf ihre Schulter. »Dein Mädchenname ist kein Geheimnis. Viele Leute in der Gegend kennen ihn. Schließlich hast du monatelang hier gewohnt, bevor du unseren Jimmy geheiratet hast.«
»Das stimmt natürlich, aber warum hat er mich mit Cooper angesprochen, wenn ich vor Gericht als Mrs. Reilly aufgerufen worden bin? Und er hatte etwas Schleimiges an sich«, sagte Belle und lehnte sich Trost suchend an Garths breite Brust. »Ich glaube, er war bei Kents Prozess.«
Garth drückte sie an sich. »Na, na, lass dir deshalb mal keine grauen Haare wachsen! Bei der Verhandlung damals ist nichts Nachteiliges über dich zur Sprache gekommen. Schätze, er ist hellhörig geworden, weil du schon wieder das Opfer eines Verbrechens geworden bist. Menschliches Interesse nennt man das wohl, oder?«
»So ist es«, erklärte Mog energisch. »Da du doch so hübsch bist und dein Mann im Krieg ist und du noch dazu so ein gutes Bild von diesem Schuft gezeichnet hast. Noah könnte dir sagen, dass es Zeiten gegeben hat, in denen er praktisch alles für eine so pralle Story gemacht hätte.«
»Vielleicht sollte ich Noah anrufen«, meinte Belle und sah von Garth zu Mog. »Ihn um Rat fragen, versteht ihr? Irgendwie glaube ich nicht, dass ich diesen Mann zum letzten Mal gesehen habe, und ich möchte wissen, mit wem ich es zu tun habe, falls er noch mal auftaucht.«
»Als hättest du nicht schon genug Sorgen wegen Jimmy«, brummte Mog. »All die Angst, die du um ihn ausstehen musst!«
Da Belle wusste, wie nervös Mog werden konnte, wenn es um das Wohlergehen ihres Lieblings ging, versuchte sie, sie zu beruhigen.
»So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Es geht ihm ja nicht schlecht, er jammert eben ein bisschen in seinen Briefen, weil er uns alle vermisst und die ewige Kälte und Nässe satthat«, erwiderte sie leichthin. »Er hat geschrieben, dass seine Füße lange nicht so schlimm aussehen und wehtun wie die der anderen. Und wenn er sich nicht bei uns ein bisschen ausjammern kann, bei wem dann?«
In Wirklichkeit sorgte sich Belle sogar sehr um Jimmy, weil sie seinem letzten Brief angemerkt hatte, wie elend ihm zumute war. Er hatte gesagt, er sei wegen Fußbrand beim Sanitäter gewesen, hatte jedoch hinzugefügt, dass es bei ihm längst nicht schlimm genug sei, um deshalb ins Lazarett geschickt zu werden wie andere Männer. Weiter hatte er geschrieben, wie gut es war, dass Mog ihm so viele Paare dicker Wollstrümpfe gestrickt hatte, weil er sie deshalb oft wechseln konnte. Aber sie zu trocknen war das Problem.
Fußbrand entstand, wenn man über einen längeren Zeitraum im Wasser stand. Belle schauderte, wenn sie an die Bedingungen dachte, unter denen die Soldaten dort drüben leben und kämpfen mussten.
Vieles am Soldatenleben war einfach ungerecht. Wer im Kampf verwundet wurde, bekam von der Armee eine Pension. Männer hingegen, die außerhalb der Kampfhandlungen zu Schaden kamen oder einfach aufgrund der Bedingungen, unter denen sie lebten, krank wurden, gingen leer aus.
Jimmy hatte in seinem Brief halb im Scherz erwähnt, dass die einzige Möglichkeit, nach Hause zu kommen, ein »Freifahrschein« sei. Damit meinte er eine schwere Verletzung oder Erkrankung, die an der Front nicht behandelt werden konnte. Einer der Männer in seinem Regiment habe sich in den Fuß geschossen, berichtete er, und behauptet, es wäre beim Reinigen seines Gewehrs passiert. Ein anderer hatte seinen Arm aus dem Schützengraben gestreckt und gewinkt, eindeutig in der Hoffnung, dass die »Boches«, wie die Deutschen von den Franzosen genannt wurden, auf ihn schießen würden.
Belle glaubte nicht, dass er diese Dinge erwähnen würde, wenn er nicht schon selbst mit dem Gedanken gespielt hätte, etwas Ähnliches zu versuchen. Jimmy hatte ihr auch geschrieben, dass er als Mitglied einer Patrouille nachts ins Niemandsland geschickt worden war, um das Terrain zu sondieren, und wie eines Nachts die Deutschen Leuchtgeschosse abgefeuert hatten und er selbst wie ein hypnotisiertes Kaninchen im blendenden Licht gestanden hatte, statt sich flach auf den Boden zu werfen. Doch anscheinend hatten die Deutschen keinen Wert darauf gelegt, ihn zu erschießen, hatte er gescherzt.
Aber Belle war klar, dass nichts daran komisch war; er war offensichtlich starr vor Angst gewesen. So schlimm es war, sich Jimmy so verängstigt vorzustellen, schien es irgendwie noch besorgniserregender, dass er es aus Angst, als Feigling dazustehen, nicht zugeben mochte.
Belle war entsetzt, wie sehr die meisten Menschen den Krieg verherrlichten, und sie fragte sich, ob diese Leute noch genauso empfinden würden, wenn sie ein Familienmitglied verloren. Die Zeitungen brachten entweder Berichte über Gräueltaten der Deutschen oder Jubelmeldungen, die alle glauben machen sollten, dass die Alliierten trotz der verheerenden Verluste im Begriff waren, diesen Krieg zu gewinnen. Da Soldaten ihren Standort nicht genau angeben und auch nicht die Wahrheit über den Kriegsverlauf schreiben durften, konnte niemand mit Bestimmtheit sagen, was da draußen wirklich vorging.
»Alles in Ordnung, Belle?«
Mogs Stimme drang in ihre Überlegungen, und sie blickte mit einem schwachen Lächeln auf. »Ja, danke. Ich denke, ich gehe nach oben und zünde im Wohnzimmer ein Feuer an. Ich möchte an Jimmy schreiben. Ihn wird interessieren, wie der Prozess ausgegangen ist.«
»Denk nicht mehr an diesen Reporter!«, empfahl Mog. »Bis er all die Fälle zu Ende verfolgt hat, die heute verhandelt worden sind, hat er dich längst vergessen.«
Belle schrieb an Jimmy. Sie erwähnte Blessard mit keinem Wort, sondern berichtete nur über die anderen Zeugen und den Ausgang der Verhandlung. Sie schrieb, dass es Schnee gegeben hatte, der jetzt zu Eisregen geworden war, und dass sie in einer Woche ihren Laden wieder öffnen würde. Sie hatte eine Quelle für schicke Pelzkappen und dazu passende Muffe entdeckt, die sich gut verkaufen würden. So würde sie Gelegenheit haben, Hüte für den kommenden Frühling zu entwerfen und anzufertigen.
Aber wie immer bestand ihr Brief zum größten Teil aus kleinen Neuigkeiten aus dem häuslichen Leben, außerdem erzählte sie, wie sehr sich Mog, Garth und sie um ihn sorgten und wie sehr er ihr fehlte.
Das Bild, das sie unter ihr Schreiben malte, stellte ein Schwein mit Richterperücke dar, weil ihr am Morgen aufgefallen war, dass der Richter mit seinen extrem kleinen, dunklen Augen und der Nase, die eher einem Rüssel glich, starke Ähnlichkeit mit einem Schwein hatte.
Auf ein anderes Blatt Papier zeichnete sie Blessard, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Knochiges Gesicht, schlechte Haut, schmale Lippen und ein dünner hellbrauner Schnurrbart, doch sie stellte fest, dass sie sich nicht an Farbe und Form seiner Augen erinnern konnte, nur an den verschlagenen Ausdruck, der in ihnen lag.
Würde ihre Vergangenheit sie wieder einholen?
Sechs Wochen nach der Gerichtsverhandlung, kurz vor vier Uhr nachmittags, zog Belle ihren warmen Tweedmantel an, schlang sich den dicken blauen Schal, den Mog für sie gestrickt hatte, um den Hals und setzte ihre braune Pelzmütze auf. Sie wollte in ihren Laden. Da es am Vormittag stark geschneit hatte, war Belle zu Hause geblieben, um an ein paar neuen Entwürfen zu arbeiten, und hatte es Miranda überlassen, den Hutsalon aufzusperren. In der Dämmerung sah der Schnee sehr schön aus. Den ganzen Tag über war so wenig Verkehr gewesen, dass sogar die Straße mit einer gut fünf Zentimeter dicken Schicht bedeckt war. Mog fand, dass es albern war, aus dem Haus zu gehen, weil bei diesem Wetter ohnehin keine Kunden kommen würden, aber Belle brauchte frische Luft, und außerdem wollte sie Miranda sehen.
Das Erkerfenster mit der Auslage sah im Dämmerlicht immer einladend aus, weil das Licht aus dem Laden auf den Bürgersteig fiel. Belle blieb einen Moment stehen und betrachtete die ausgestellten Pelzkappen und Muffe.
Hinter der Auslage konnte sie Miranda sehen, die auf einem Hocker stand und in einem Regal Hutschachteln umräumte. Wie immer sah sie in ihrem pflaumenblauen Wollkleid und dem darauf abgestimmten Jäckchen mit Samtbesatz und dem hochgesteckten blonden Haar sehr schick und elegant aus.
Sie hüpfte vom Hocker, als die Ladenglocke bimmelte und Belle hereinkam. »Ich habe dich heute eigentlich nicht mehr erwartet«, sagte sie und sah dabei ebenso überrascht wie erfreut aus. »Aber ich bin froh, dass du hier bist. Ich hatte heute nämlich ein paar grauenhafte Leute hier und brenne schon darauf, dir alles über diese Erfahrung zu erzählen.«
Belle lächelte. Miranda neigte zur Übertreibung; »grauenhaft« war eines ihrer Lieblingswörter.
»Inwiefern grauenhaft? Hässlich, unhöflich, schlecht gekleidet?«
»Grauenhaft langweilig vor allem. Eine Frau beglückte mich mit Erinnerungen an ihre geliebte Katze, die vor Kurzem von uns gegangen ist. Ich bitte dich! Wie kann man von mir erwarten, eine Stunde lang Lobeshymnen auf einen roten Tigerkater zu hören, ohne zu gähnen? Dann war noch diese Person da, die eine Art Turban trägt und ständig schnüffelt.«
Belle lachte. Sie wusste genau, wen Miranda meinte. Die Dame kam ständig in ihr Geschäft, hatte aber noch nicht ein einziges Mal ihren Turban abgenommen, um einen richtigen Hut aufzusetzen. Belle hatte seit Langem den Verdacht, dass sie kahlköpfig war. »Dann ist das Geschäft wohl auch eher schlecht gegangen?«
»Im Gegenteil, ich habe vier Pelzkappen und drei Muffe verkauft«, verkündete Miranda strahlend. »Außerdem war diese grässliche Miss Orwell, die immer ein Gesicht macht, als stiege ihr ein übler Geruch in die Nase, mit ihrer Mutter hier, um sich zu erkundigen, ob du ihr für ihre Hochzeit im April einen Kopfputz fertigen kannst. Sie braucht auch etwas für die Brautjungfern. Ich habe ihr gesagt, du würdest sie anrufen und einen Termin mit ihr ausmachen, damit ihr alles in Ruhe besprechen könnt.«
»Fabelhaft«, sagte Belle. »Wir müssen uns bemühen, es der grässlichen Miss Orwell recht zu machen. Zum Glück ist sie ganz hübsch, sodass eine meiner atemberaubenden Kreationen an ihr nicht völlig deplatziert wirken wird.«
Die beiden lachten. Sie hatten Spaß daran, sich über Kundinnen, die sie unsympathisch fanden, lustig zu machen, auch wenn sie den Frauen gegenüber die Liebenswürdigkeit in Person waren. Belle ging ins Hinterzimmer, um den kleinen Ofen, der den Laden beheizte, zu überprüfen, und stellte ihn ein wenig höher. »Trinken wir noch eine Tasse Tee, bevor wir schließen?«, rief sie Miranda zu.
Belle fragte sich oft, was sie ohne Miranda machen würde. Sie hatten einen ähnlichen Sinn für Humor; ihnen gingen nie die Gesprächsthemen aus, und Belle vertraute ihr völlig. Sosehr sie Mog und Garth liebte, die beiden hatten einen eher begrenzten Horizont, und ihre Interessen beschränkten sich im Großen und Ganzen auf das Lokal und die Familie. Miranda hingegen war viel gereist, sie interessierte sich für alles Mögliche und hatte ein fröhliches Wesen, das nicht einmal ihre Furcht einflößende Mutter hatte dämpfen können.
»Wir könnten den Laden auch gleich schließen und ein Glas von dem Sherry trinken, der von Weihnachten übrig geblieben ist«, rief Miranda zurück.
»Wusste ich doch, dass ich dich nicht nur wegen deines guten Aussehens eingestellt habe«, sagte Belle und nahm die Flasche vom Regal. »Sperr die Tür ab und zieh die Jalousie herunter.«
Ein paar Minuten später saßen sie beide mit einem Glas Sherry in der Hand im Hinterzimmer vor dem Ofen.
Belle hatte Miranda vor ein paar Tagen anvertraut, dass sie nicht mehr mit Leib und Seele an ihrem Hutgeschäft hing. Miranda hatte diese Behauptung nicht wirklich ernst genommen, sondern angenommen, dass ihre Freundin lediglich einen schlechten Tag hatte. Belle wollte ihr begreiflich machen, dass mehr dahintersteckte.
»Ich wünschte, ich müsste das nicht wieder zur Sprache bringen, Miranda«, sagte sie. »Aber ich habe wirklich keine Lust mehr, den Laden weiterzuführen. Ich weiß, wie sehr du ihn liebst und dass du denkst, dass ich irgendwann meinen Enthusiasmus wiederfinde, doch das wird nicht passieren. Ich würde lieber etwas für den Krieg leisten.«
»Aber der Laden ist so ein Erfolg!«, protestierte Miranda. »Ich kann ihn für dich führen. Du bleibst einfach zu Hause und fertigst die Hüte.«
»Auch Hüte faszinieren mich nicht mehr so«, gestand Belle. »Außerdem muss demnächst der Mietvertrag verlängert werden. Ich weiß, dass die Miete erhöht wird, und ich will mich einfach nicht für drei weitere Jahre binden. Schon gar nicht, wenn der Krieg noch länger dauert.«
Miranda sah sie einen Moment forschend an. »Schon als wir zu Neujahr den Laden wieder geöffnet haben, ist mir dein Mangel an Enthusiasmus aufgefallen. Ich habe mich nicht dazu geäußert, weil ich gehofft habe, dass du bald wieder die Alte sein würdest.« Sie machte eine Pause. »Doch wenn du das Gefühl hast, dass es für dich nie wieder wie früher wird, verstehe ich, warum du den Laden schließen willst. Aber Kriegsarbeit! Ich weiß, dass Arbeiter für die Munitionsfabriken gesucht werden, doch das kann ich mir beim besten Willen nicht für dich vorstellen. Krankenschwestern werden auch gebraucht, aber du bist keine. Ich nehme an, du könntest dich als Hilfspflegerin bewerben, doch möchtest du wirklich all die Drecksarbeit übernehmen?«
»Das würde mir nichts ausmachen.«
Miranda machte ein erschrockenes Gesicht. »Es ist dir wirklich ernst, oder?«
»Ja. Ich will dich nicht um deine Stelle bringen, aber ich bin wirklich nicht mehr mit dem Herzen bei der Sache. Ich habe früher so gern Hüte entworfen und angefertigt, jetzt jedoch ist es nur noch eine Pflichtübung. Wenn ich mich in einem Krankenhaus bewerbe und Erfahrungen sammle, kann ich vielleicht in ein paar Monaten beim Roten Kreuz eintreten.«
»Und nach Frankreich gehen, meinst du?«
Daran hatte Belle eigentlich gar nicht gedacht, aber auf einmal schien es genau das zu sein, was sie wollte. »Ja, ich glaube schon.«
Miranda starrte sie an. »Und was wird Jimmy dazu sagen?«
Belle schnitt eine Grimasse. »Er wird außer sich sein. Mog und Garth ebenfalls. Bei uns wäre der Teufel los. Doch es ist mein Leben, und da drüben können sie jedes Paar Hände brauchen. Und erzähl mir nicht, dass ich nicht nützlicher wäre als einige dieser dämlichen Ziegen der guten Gesellschaft, die sich noch nie ohne fremde Hilfe angezogen oder sich auch nur eigenhändig ihr Badewasser eingelassen haben! Jemand wie ich würde beim Anblick von Läusen oder eines nackten Mannes nicht gleich in Ohnmacht fallen.«
»Wie ich, meinst du wohl?« Miranda grinste. »He, ich würde auch nicht in Ohnmacht fallen, wenn ich einen nackten Mann sehe.«
Belle kicherte. »Dich habe ich nicht gemeint, und das weißt du. Aber wir haben beide in der Zeitung gelesen, dass genau solche Frauen Pflegerinnen geworden sind und gelernten Krankenschwestern assistieren. Wenn die das können, warum nicht ich?«
»Na ja, erstens einmal musst du dreiundzwanzig sein, und ich bezweifle, dass sie dich als verheiratete Frau nehmen.«
»Ich könnte lügen«, antwortete Belle leichthin.
Miranda schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Was ist das Geheimnis deiner Vergangenheit?«, fragte sie. »Immer wenn du so etwas sagst, habe ich das Gefühl, dass du schon sehr viel erlebt hast. Wir sind Freundinnen, und du kannst mir vertrauen. Warum erzählst du es mir nicht?«
Belle lächelte trocken. »Du willst vielleicht nicht länger mit mir befreundet sein, wenn ich dir die volle Wahrheit sage.«
Miranda streckte den Arm aus und nahm Belles Hand. »Nichts, was du mir erzählen könntest, würde etwas an meiner Zuneigung zu dir ändern. Außerdem könnte ich dir gar nichts verübeln, dafür habe ich selbst zu viel auf dem Kerbholz. Komm, erzähl’s mir, und ich verspreche dir, bei deinem verrückten Plan, nach Frankreich zu gehen, mitzumachen.«
»Das ist nicht dein Ernst, oder?«, rief Belle. »Erbrochenes wegräumen und Verwundeten blutgetränkte Uniformen vom Leib schneiden?«
»Wild bin ich nicht gerade auf so etwas.« Miranda wand sich. »Aber ich könnte weiß Gott etwas Aufregung vertragen, und mir fällt niemand ein, mit dem ich mich lieber auf so ein Abenteuer einlassen würde, als du. Vielleicht könnte ich einen Rettungswagen fahren. Mein Vater hat alle möglichen Beziehungen, und wie du gerade ganz richtig bemerkt hast, könnten wir in einem der hiesigen Krankenhäuser Erfahrungen sammeln und vielleicht an einem Erste-Hilfe-Kurs teilnehmen.«
Belle wurde warm ums Herz. Sie glaubte nicht, dass es ganz so einfach war, wie es bei Miranda klang, doch die Vorstellung, etwas anderes, etwas wirklich Aufregendes zu machen, war verlockend und verscheuchte die Melancholie, die seit Langem auf ihr zu lasten schien.
»Du wärst also wirklich dabei?«
»Ja. Was habe ich schon zu verlieren? Du hast mir geholfen, als niemand sonst für mich da war. Ich weiß jetzt, dass du in Wirklichkeit die einzig wahre Freundin bist, die ich habe oder jemals gehabt habe. Alle anderen sind nicht mehr als Bekannte. Du bist anregend, witzig, freundlich, und du hast einen eisernen Kern, der mir das Gefühl gibt, selbst ein besserer und stärkerer Mensch zu sein.«
Das ehrliche Kompliment trieb Belle Tränen in die Augen. »Es könnte das größte Abenteuer von allen werden«, sagte sie leise. »Vielleicht größer und wesentlich lohnenswerter als alles andere, was ich je zuvor erlebt habe.«
»Und nun zu dem ›zuvor‹.« Miranda langte nach der Sherryflasche und füllte ihre Gläser. »Erzähl mir darüber!«
Belle erinnerte sich daran, wie sie sich an einem Nachmittag kurz vor Weihnachten besonders elend gefühlt und Mog gebeten hatte, Miranda auszurichten, dass sie nicht da wäre, falls sie vorbeikam. Miranda war gekommen, aber sie hatte sich nicht abwimmeln lassen, sondern darauf bestanden, Belle zu sehen. Als sie ins Wohnzimmer kam, setzte sie sich neben Belle auf die Couch und nahm sie einfach in die Arme.
Ihre Geste drückte unendlich viel Verständnis und Mitgefühl aus. Miranda zählte nicht all die Dinge auf, für die es sich zu leben lohnte, gab weder Plattitüden noch aufmunternde Sprüche von sich, sondern war einfach für Belle da, eine Schulter, an die sie sich anlehnen konnte, ein offenes Ohr und eine wahre Freundin, die Art Freundin, die keine Gegenleistung erwartete. Belle hatte das Gefühl, ihr vielleicht wirklich die Wahrheit zu schulden.
»Na schön, wenn wir das zusammen durchziehen wollen, solltest du lieber alles über mich wissen. Fangen wir gleich damit an, dass ich in einem Bordell geboren und aufgewachsen bin.«
Belle erzählte ihre Geschichte so schlicht und schnörkellos wie möglich: wie Millie ermordet und sie selbst von dem Mörder entführt und nach Frankreich in die Prostitution verkauft worden war. Als sie berichtete, wie Etienne sie in Marthas Freudenhaus in New Orleans gebracht hatte, fiel ihr auf, dass Miranda entsetzt die Augen aufriss, sich ansonsten jedoch nichts anmerken ließ.
»Da mir klar war, dass es für mich keine Möglichkeit gab, nach England zurückzukehren, beschloss ich, das Beste daraus zu machen und eine erstklassige Hure zu werden«, sagte sie. »Ich war die beste von allen, und manchmal habe ich es sogar genossen.«
Erst als sie zu dem Teil ihrer Geschichte kam, wie Pascal sie in einer Dachkammer seines Hauses auf dem Montmartre eingesperrt hatte, schnappte Miranda nach Luft.
»Wenn mir jemand anders so etwas erzählen würde, würde ich es für eine Räuberpistole halten«, meinte sie.
Belle fuhr damit fort, wie Etienne sie gerettet hatte, und schloss mit dem Prozess gegen Kent, in dem sie als Zeugin ausgesagt hatte.
»Was für eine haarsträubende Geschichte!«, rief Miranda. »Doch es erklärt ein paar Dinge an dir, die mir bisher rätselhaft waren. Ich bin wirklich froh, dass du mir das anvertraut hast.«
»Ich auch«, gab Belle zu. »Weißt du, ich wollte dir etwas erzählen, was am Tag von Newbolds Verhandlung im Gericht passiert ist, konnte es aber nicht, weil du nichts von meiner Vergangenheit wusstest. Ein Reporter hat mich dort angesprochen. Er kannte meinen Mädchennamen, und ich glaube, er war bei dem Prozess gegen Kent dabei und weiß einiges über meine Vergangenheit. Zum Teil ist er der Grund, warum ich den Laden aufgeben will. Ich habe das Gefühl, dass er sich bald wieder bei mir blicken lässt.«
»Um zu versuchen, dich zu erpressen, meinst du?«
Belle zuckte mit den Schultern. »Du begreifst schnell – nur einer der Gründe, warum ich dich mag. Mog denkt, dass er bloß auf eine Story über den Überfall aus ist, doch mir sind im Lauf der Zeit schon einige üble Typen über den Weg gelaufen, und ich glaube, er ist auch einer. Dafür habe ich einen Riecher.«
»Aber jeder, an dem dir etwas liegt, weiß sowieso Bescheid«, wandte Miranda ein. »Man kann nur jemanden erpressen, der etwas vor seinen Freunden und Verwandten geheim halten will.«
»Stimmt, doch falls er sich hier ein bisschen umgehört hat, ist ihm vielleicht klar, dass ich jetzt eine respektable Person bin. Stell dir vor, wie die Leute hier im Ort, meine Kundinnen, reagieren würden, wenn sie die Wahrheit über mich wüssten!«
»Aber er kann unmöglich alles wissen! Nur dass du als blutjunges Mädchen an ein Bordell verkauft worden bist, und darauf würden die Leute eher mit Mitgefühl reagieren.«
Belle zog eine Augenbraue hoch. »Hier? Kein Mensch würde jemals wieder einen Hut bei mir kaufen. Kannst du dir nicht vorstellen, was deine Mutter sagen würde?«
Miranda nickte. »Ja, sicher, doch nicht jeder ist so wie sie.«
»Genug Leute sind so«, meinte Belle bekümmert. »Mog und ich haben uns so große Mühe gegeben, anständige und respektierte Bürger dieser Gemeinde zu werden. Dieser Mann könnte das alles zunichtemachen. Mir würde es nicht so viel ausmachen, aber die arme Mog! Sie und Garth sind so glücklich, und sie ist so froh, hier im Ort ein gewisses Ansehen zu genießen. Ich habe ihr so viel Kummer bereitet, als ich entführt wurde, und ich will nicht ausgerechnet jetzt, nachdem sie sich so gut eingelebt hat, Schande über sie bringen.«
»Wenn dieser Blessard es wirklich darauf abgesehen hat, dich bloßzustellen, nützt es auch nichts, nach Frankreich zu verschwinden«, wandte Miranda ein.
»Richtig. Doch ich habe den Verdacht, dass er Geld will. Wahrscheinlich hat er meinen Laden gesehen und glaubt, dass ich wohlhabend bin und noch dazu ein leichtes Opfer, weil mein Mann im Krieg ist und mir nicht beistehen kann. Aber was ist für ihn noch drin, wenn der Laden zusperrt und ich als Hilfsschwester arbeite?«
»Hm.« Miranda machte ein nachdenkliches Gesicht. »Er könnte es bei Garth versuchen.«
Belle kicherte. »Würde irgendjemand, der bei klarem Verstand ist, versuchen, Garth zu erpressen? Er würde dem Kerl sofort den Hals umdrehen.«
Beide schwiegen eine Weile, nippten an ihrem Sherry und sahen ins Feuer.
»Was diesen Etienne angeht …« Miranda zog fragend eine perfekt geschwungene Augenbraue hoch. »Da steckt doch mehr dahinter, das spüre ich. War er dein Liebhaber?«
Belle schüttelte den Kopf. »Nein, doch ich habe ihn geliebt.«
Miranda grinste. »Er ist hoffentlich nicht eine der Attraktionen in Frankreich?«
Belles Augen weiteten sich. »Nein, natürlich nicht. Ich habe nicht mal an ihn gedacht. Ich will bloß etwas Nützliches machen, mich wieder lebendig fühlen, statt einfach zu Hause zu sitzen und auf Jimmys Heimkehr zu warten.«
»Tja, du hast mich überzeugt, bei diesem Irrsinn mitzumachen«, sagte Miranda. »Überlegen wir doch mal, wie wir es anstellen könnten.«