KAPITEL 20
Belle und David reinigten am Ende des Tages gerade ihren Wagen, als Captain Taylor zu ihnen kam.
»Reilly!«, blaffte er. »Kommen Sie in mein Büro, wenn Sie damit fertig sind!«
Belle sah David an, als sich der Offizier entfernte. »Was habe ich jetzt schon wieder angestellt?«, fragte sie.
»Vielleicht will er dir Urlaub geben«, meinte David.
»Kann ich mir nicht vorstellen. Eine Menge Leute sind schon viel länger hier als ich. Außerdem brauchen sie gerade jetzt jedes Paar Hände.«
»Tja, dann solltest du lieber schnell herausfinden, worum es geht. Ich mache hier weiter.«
Belle eilte zum Büro und zog im Laufen hastig Kittel und Mütze aus. Durch die offene Tür sah sie den Captain an seinem Schreibtisch sitzen, aber sie zögerte, weil sie nicht wusste, ob sie einfach hineingehen konnte.
Zum Glück blickte er auf. »Kommen Sie herein und setzen Sie sich! Und schließen Sie vielleicht besser die Tür hinter sich.«
Er klang nicht erzürnt, sondern wirkte eher nervös, als er seinen Notizblock zurechtrückte, sein Tintenfass zuschraubte und an seinem Kragen zupfte. »Ich werde nicht lange um den heißen Brei herumreden«, begann er schließlich. »Tut mir leid, doch ich habe schlechte Nachrichten für Sie. Man hat mir vorhin telefonisch mitgeteilt, dass Ihr Mann vor ein paar Tagen bei Ypern verwundet worden ist.«
Belle schnappte nach Luft und wurde blass. Das war das Letzte, was sie erwartet hatte. »Wie schwer verwundet ist er?«
»Ich fürchte, er hat einen Arm und ein Bein verloren.« Taylors Stimme klang mitfühlend, und er beugte sich näher zu ihr vor.
Belle schossen Tränen in die Augen. Sie musste bereits hundert oder mehr Männer mit derartigen Verletzungen gesehen haben und hatte mit ihnen gelitten, aber hier ging es um ihren Jimmy, nicht um einen Fremden.
»Es tut mir sehr leid, Mrs. Reilly, so eine Nachricht zu überbringen ist nie leicht, doch bei einem Mitglied meiner Truppe ist es noch schwerer«, fuhr er fort. »Außerdem muss ich Sie warnen, dass Sie in den nächsten ein, zwei Tagen einen Brief bekommen werden, in dem steht, dass Ihr Ehemann als vermisst, vermutlich gefallen gilt. Beachten Sie es nicht, denn dieser Brief wurde geschrieben, bevor man erfuhr, dass er im Lazarett liegt.«
Belle, die nicht wusste, was sie erwidern sollte, starrte ihn nur an.
»Sehen Sie, angeblich wurde er während einer Angriffswelle von einem französischen Soldaten gerettet«, erklärte der Captain. »Er hat Ihren Mann auf dem Rücken zu den französischen Linien zurückgetragen und ihm damit ziemlich sicher das Leben gerettet. Aber das französische Feldlazarett, in das er gebracht wurde, hat nicht sofort die Information weitergegeben, dass er dort gelandet ist. Daher das Durcheinander. Wie auch immer, als sich heute früh herausstellte, was passiert ist, rief mich sein Vorgesetzter an, um es mir mitzuteilen und mich zu bitten, es Ihnen schonend beizubringen.«
»Ein Franzose hat ihn gerettet?« Belle trocknete sich mit ihrem Taschentuch die Augen.
»Ja. Eigentlich seltsam. Die Franzosen sind zwar für ihren mutigen Einsatz im Kampf bekannt, nicht jedoch dafür, unsere Gefallenen zu retten. Das Regiment Ihres Mannes stand dicht neben den französischen Linien, und ich habe gehört, dass es im Kampfgetümmel häufig vorkommt, dass sich Soldaten in ein anderes Regiment verirren.«
»Mein Mann wird doch hierher verlegt?«
»Das nehme ich an, aber es steht noch nicht fest. Ich habe natürlich darum ersucht.«
»Danke.« Belle stand auf. Sie wollte von Captain Taylor wegkommen, bevor sie völlig zusammenbrach.
»Ich teile Ihnen mit, auf welcher Station er liegt, wenn er hier eintrifft. Es tut mir wirklich sehr leid, Mrs. Reilly.«
Taylor war von Natur aus eher steif und reserviert, aber dass er Mrs. Reilly zu ihr sagte statt wie sonst nur Reilly, bewies seine aufrichtige Anteilnahme.
»Danke, Sir«, sagte sie und ging.
Draußen fühlte Belle sich völlig benommen. Als Jimmy sich zum Militär gemeldet hatte, hatte sie ständig Angst um ihn gehabt, aber nach seiner Verwundung an der Somme hatte sie sich offenbar seine Überzeugung, dass ihm nichts mehr passieren würde, zu eigen gemacht. Außerdem war er, soweit sie wusste, seit damals nicht mehr an der Front gewesen. Es schien ganz unmöglich zu sein, dass er einen Arm und ein Bein verloren hatte; die Vorstellung war einfach zu grauenhaft.
Wie in Trance wanderte Belle einen Weg zwischen zwei Stationen hinunter bis zum Zaun.
Jimmys Zeit als Soldat war jetzt vorbei, doch so hatte es nicht enden sollen. Wie oft hatten sie nicht beide darüber geschrieben, wie es weitergehen sollte! Da war der rosige Plan gewesen, eine Fremdenpension an der See zu führen, und Jimmy hatte häufig Gegenden in England erwähnt, die er gern einmal besuchen würde – den Lake District, die Norfolk Broads und Devon –, meistens, weil er jemanden von dort kennengelernt hatte.
Nichts davon konnten sie jetzt noch in die Tat umsetzen. Sowie Jimmy reisefähig war, würde man ihn nach England zurückschicken, und sie würde ihn wohl begleiten. Sie konnte sich nicht einmal annähernd vorstellen, wie ihr Leben im Railway Inn in Zukunft aussehen würde. Jimmy würde nie wieder in der Lage sein, Treppen zu steigen, geschweige denn, im Pub zu arbeiten. Sie hatte im Royal Herbert zwar Wunden versorgt, Patienten gewaschen und gefüttert und ihnen Bettpfannen gegeben, aber sie war nie allein für einen Menschen, dem zwei Gliedmaßen fehlten, verantwortlich gewesen.
Sie hatte sich so inständig gewünscht, irgendetwas würde passieren, das ihr bei dem Dilemma half, in dem sie steckte, und ihr die Frage beantwortete, ob sie nach dem Krieg bei Jimmy bleiben oder zu Etienne gehen sollte. Jetzt war das Problem gelöst, da natürlich keine Rede mehr davon sein konnte, Jimmy zu verlassen. Aber wie grausam das Schicksal war – warum musste etwas so Schreckliches passieren? Jimmy hatte sich nichts zuschulden kommen lassen, um ein so furchtbares Los zu verdienen. Oder war es etwa die Strafe für ihre Untreue?
Schlimm genug, dass sie nach Hause zurückkehren und das Gerede ertragen musste, das über sie im Umlauf war. Sicher hatte Mrs. Forbes-Alton die Zeit genutzt, um weiter ihr Gift zu verspritzen. Neben ihren ungeheuren Schuldgefühlen würde sie auch damit leben müssen, einen Invaliden zu pflegen – mit all den Schwierigkeiten, die diese Situation mit sich brachte.
Doch sie durfte jetzt nicht an sich selbst denken. Jimmy war ihr Ehemann, sie hatte vor Gott geschworen, ihn in guten wie in schlechten Tagen zu lieben. Sie durfte auch nicht vergessen, dass er nie aufgegeben hatte, sie zu suchen, nachdem sie in Seven Dials entführt worden war. Sie musste ihren Ehebruch wiedergutmachen, indem sie zu ihm hielt, ihn liebte und beschützte.
Es fing wieder an zu regnen, und in der Ferne hörte sie das Donnern schwerer Artillerie, eine schaurige Mahnung an das, was Jimmy erlitten hatte. Belles Gedanken wandten sich all den Verwundeten zu, die sie gesehen hatte, mit Schlamm überzogen und in den Augen ein Entsetzen, das sämtliche Gräuel des Krieges widerspiegelte. Sie weinte, weinte um sie alle, vor allem jedoch um Jimmy.
Alle Mädchen in ihrer Baracke waren voller Mitgefühl, als sie irgendwann bis auf die Haut durchnässt zurückkam. Sogar Sallys Augen füllten sich mit Tränen, als Belle erzählte, was passiert war. Aber es war Vera, die die Initiative ergriff, indem sie Belle aus ihren nassen Sachen schälte, ihr ins Nachthemd half und sie fest in die Arme nahm, damit sie sich richtig ausweinen konnte.
»Irgendwann wird es besser werden«, sagte sie tröstend. »Er kann eine Beinprothese bekommen. Ich kenne Leute, die eine haben und recht gut damit zurechtkommen. Du hast gesagt, dass er viel Geduld hat, und das ist sehr wichtig.«
Sally brachte ihr einen Becher Tee und ein Stück Kuchen von daheim. »Mein Großvater hat im Krimkrieg ein Bein verloren«, sagte sie. »Er bekam später ein Holzbein und war damit genauso flott unterwegs wie ich. Außerdem werden jetzt wirklich gute Prothesen hergestellt, und während der Rekonvaleszenz wird Jimmy lernen, auf Krücken zu gehen, und einige andere Fertigkeiten, damit er allein zurechtkommt.«
Belle machte sie nicht darauf aufmerksam, dass Jimmy nur noch einen Arm hatte und deshalb nicht in der Lage sein würde, auf Krücken zu gehen. Sie brachte es nicht übers Herz, weil alle so nett und fürsorglich waren.
In den frühen Morgenstunden schrieb Belle, die keinen Schlaf fand, einen letzten Brief an Etienne. Sie erzählte ihm, was Jimmy zugestoßen war.
Du verstehst sicher, dass sich dadurch alles geändert hat und ich jetzt meinem Mann zur Seite stehen muss, fügte sie hinzu.
Sie hätte ihm gern noch viel mehr geschrieben: dass sich ihr Herz anfühlte, als wäre es entzweigebrochen, und dass sie sein Bild bis zu ihrem Todestag vor Augen haben würde. Aber sie wusste, dass es nicht richtig wäre, diese Dinge auszusprechen. Daher schloss sie mit der Hoffnung, er möge heil und unversehrt bleiben, und wünschte ihm alles Gute und viel Glück für die Zeit nach dem Krieg.
Eine Woche später kam Jimmy mit einem der Verwundetenzüge. Es war Sally, die ihn am Bahnhof abholte, und sie gab die Neuigkeit sofort an Belle weiter, als sie nachmittags in ihren Wagen aneinander vorbeifuhren.
»Er macht einen ganz guten Eindruck und scheint nicht allzu starke Schmerzen zu haben«, rief sie aus dem Fenster. »Kann es natürlich nicht erwarten, dich zu sehen. Ich habe ihn auf Station K gebracht.«
Ohne sich zu waschen oder umzuziehen, rannte Belle sofort nach Dienstende zur Station K. Einerseits fürchtete sie sich, andererseits wollte sie es so schnell wie möglich hinter sich bringen. Auch wenn sie schon unzählige Männer mit furchtbaren Verletzungen gesehen hatte, das hier war etwas anderes. Es war ihr Jimmy.
»Er ist da drüben in der Ecke.« Schwester Swales zeigte auf den hinteren Teil des Krankensaals. »Aber ich warne Sie, er ist ziemlich erledigt.«
Schwester Swales war nicht Belles Lieblingsschwester. Sie war um die vierzig, stämmig, und sie behandelte alle Freiwilligen und Hilfskräfte mit größter Verachtung. Belle hatte erst einmal auf ihrer Station ausgeholfen, und Schwester Swales war so abweisend gewesen, dass Belle sich geschworen hatte, nie wieder einen Fuß in diese Station zu setzen. Sie fürchtete sich sogar davor, neue Patienten bei Schwester Swales abzuliefern, weil sie unweigerlich grob war. Doch die Ärzte und die anderen Oberschwestern behaupteten, sie sei eine der besten Pflegekräfte im ganzen Lazarett.
»Wissen Sie, ob es dafür einen bestimmten Grund gibt?«, fragte Belle.
Die Schwester sah sie von oben herab an. »Wenn Sie einen Arm und ein Bein verloren hätten, wären Sie auch nicht guter Dinge.«
»Natürlich nicht.« Belle zügelte ihre Ungeduld; sie war auf das Wohlwollen dieser Frau angewiesen. »Ich meinte, dass mein Mann normalerweise ein sehr ausgeglichener, freundlicher Mensch ist, und ich wollte wissen, ob es vielleicht auch noch einen medizinischen Grund für seine Verfassung gibt.«
»Nicht, dass ich wüsste. Vielleicht erzählt er Ihnen, was ihn beschäftigt. Aber bleiben Sie nicht zu lange! Er braucht Ruhe.«
Jimmy lag in seinem Bett und starrte an die Decke. Er wandte nicht den Kopf, als Belle näher kam. Sein rechter Arm steckte in einem Krankenhauspyjama, der Stumpen auf der linken Seite im anderen Ärmel. Unter der Bettdecke befand sich ein Drahtgestell, um seinen Beinstumpf zu schützen, und auf der linken Wange hatte er eine frische Narbe.
»Mein Liebling«, rief Belle mit gebrochener Stimme. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es ist so schrecklich, und es tut mir so unendlich leid.«
Er wandte sich zu ihr um und versuchte zu lächeln. »Es muss dir nicht leidtun, das ist nun mal das Lotteriespiel des Krieges. Aber jetzt bin ich zu nichts mehr zu gebrauchen. Es wäre besser, wenn ich an meinen Verletzungen gestorben wäre.«
»Sag das nicht!«, tadelte sie ihn und beugte sich vor, um ihn zu küssen. »Ich liebe dich und brauche dich, und ich bin glücklich, dass du noch am Leben bist. Das ist ein furchtbarer Schock für dich, und es ist kein Wunder, wenn du dich elend fühlst, aber mit der Zeit wird es besser werden.«
»Was meinst du damit? Glaubst du, mir wächst ein neues Bein nach?«
Sein Sarkasmus tat weh, doch sie wusste, dass ihre Worte reichlich banal geklungen haben mussten. Aber sie hatte keine Ahnung, wie sie in Worte fassen sollte, was sie empfand, oder wie sie ihn trösten konnte. Was konnte man schon zu einem geliebten Menschen sagen, der zwei Gliedmaßen verloren hatte?
»Natürlich nicht. Ach, Jimmy, ich finde einfach nicht die richtigen Worte!«, murmelte sie verzagt. »Es ist entsetzlich, grauenvoll, doch wir werden im Lauf der Zeit damit zurechtkommen. Das weiß ich einfach. Vergiss nicht, ich sehe ständig Verwundete! Es ist erstaunlich, wie einige von ihnen mit ihrer neuen Situation fertigwerden.«
»Erspare mir bitte das aufmunternde Blabla!«, sagte er schroff und wandte sich ab.
»Schau mich gefälligst an, Jimmy Reilly!«, forderte sie. »Es ist passiert, wir können es nicht rückgängig machen, und wir werden beide lernen müssen, damit zu leben. Geh nicht auf mich los, ich habe dich nicht gezwungen, zur Armee zu gehen.«
Er antwortete nicht, starrte nur an die Decke.
»Wenn du nicht mit mir reden willst, kann ich ja wieder gehen«, sagte sie nach einer Weile. »Ich arbeite seit sieben Uhr morgens und habe seit heute Mittag nichts mehr gegessen.«
Er seufzte. »Tut mir leid, Liebes«, erwiderte er leise. »Ich habe immer geglaubt, dass ich einer von den Glückspilzen bin, die unversehrt nach Hause kommen. An dem Tag hatte ich nicht mal Angst. Als ich losrannte, dachte ich bloß, bring’s hinter dich, dann bist du morgen wieder hinter der Frontlinie und in Sicherheit. Und plötzlich macht es peng, und eine Granate explodiert, und ich fliege durch die Luft.«
Belle streckte ihre Hand aus und streichelte seine Wange. »Captain Taylor hat mir erzählt, dass ein Franzose dich gerettet hat.«
»Ja, das stimmt. Er hievte mich auf seinen Buckel und schleppte mich zurück. Komisch, ich könnte schwören, dass er mich mit meinem Namen angesprochen hat, aber vielleicht habe ich mir das nur eingebildet.«
»Du hast ihn also nicht gekannt?«
»Nein. Wenigstens glaube ich es nicht. Meine Erinnerungen sind ziemlich verschwommen. Keine Ahnung, warum er mich hochgehoben hat, wir sollten doch den Angriff fortsetzen. Und ich hatte schon gesehen, wie ein paar Franzmänner getroffen wurden und dort im Schlamm liegen blieben. Ich frage mich heute noch, warum er mir geholfen hat und seinen eigenen Leuten nicht.«
»Nun, ich bin froh, dass er es getan hat«, sagte sie und küsste ihn auf die Wange. »Und jetzt musst du wieder zu Kräften kommen, damit wir nach Hause fahren können.«
»Nichts wird jemals wieder so sein, wie es einmal war.« Seine Stimme zitterte, und Tränen traten ihm in die Augen. »Ich werde mich nicht einmal allein in einem Rollstuhl fortbewegen können, weil ich nur noch einen Arm habe. Ich bin jetzt völlig hilflos, Belle.«
»Nicht ganz. Dein rechter Arm ist in Ordnung, und je nachdem, an welcher Stelle dein linker amputiert worden ist, könntest du nach einer Weile mithilfe einer guten Prothese vielleicht sogar auf Krücken gehen. Dein Verstand, deine Augen und Ohren und deine Stimme, all das funktioniert, und deine Innenorgane sind unverletzt. Ich habe Männer gesehen, die schlimmer beisammen waren als du.«
»Aber wie lange wird es dauern, bis du es leid bist, dich um mich zu kümmern?«, entgegnete er. »Ich will nicht an dein Mitleid appellieren, Belle, ich bin einfach realistisch. Ich bin kein Mann mehr, ich kann nicht arbeiten und dich erhalten. Du bist jung und schön und solltest dich nicht mit einem Krüppel belasten.«
»Ich habe dich geheiratet, um in guten wie in schlechten Zeiten zu dir zu stehen«, sagte sie beschwichtigend. »Wenn ich es wäre, die mit solchen Verletzungen in diesem Bett läge, würdest du dich um mich kümmern, das weiß ich. Warum also glaubst du, ich könnte es leid werden, für dich da zu sein?«
Er sah sie nur an, und seine Augen, die normalerweise so warm waren, waren jetzt kalt wie bernsteinfarbenes Glas. »Geh essen! Ich bin jedenfalls froh, dass ich jetzt hier in deiner Nähe bin, und vielleicht sehe ich morgen schon alles ein bisschen rosiger.«
Belle strich ihm die Haare aus der Stirn. Sie wusste nicht, was sie ihm noch sagen sollte, um ihn davon zu überzeugen, dass sie immer noch eine gemeinsame Zukunft hatten. Auch für sie sah die Zeit, die vor ihnen lag, düster aus. Doch sie wusste, sie wollte sich um ihn kümmern, koste es, was es wolle.
Wenn Vera und David nicht gewesen wären, hätte Belle die nächsten Tage nicht durchgestanden. Körperlich erholte Jimmy sich gut, es gab keinerlei Anzeichen für eine Infektion, aber seine Stimmung schlug ständig um. Einen Moment war er in sich gekehrt und schweigsam, im nächsten wurde er so wütend, dass er sogar die Krankenschwestern anbrüllte. Außerdem litt er an Albträumen.
»Das war nicht anders zu erwarten«, meinte David schulterzuckend, als Belle es ihm erzählte. »Ich wette, wenn du nicht hier wärst, würde er sich darauf freuen, zu dir nach Hause zu kommen, und wäre total nett zu allen. Und dass er Albträume hat, ist kein Wunder. Er ist durch die Hölle gegangen. Aber wahrscheinlich ist ihm noch nicht klar, welche gewaltigen Fortschritte die Medizin seit Kriegsbeginn gemacht hat. Die Ärzte haben gelernt, Bluttransfusionen vorzunehmen und bei schweren Verbrennungen Hautstücke zu transplantieren, alles Maßnahmen, von denen wir früher nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Ich wette, irgendein Schlaumeier entwickelt im Moment gerade tolle Prothesen. Jimmy wird eine Pension bekommen, er wird keine Not leiden, und er hat dich, der Glückspilz!«
David hatte recht, was die ungeheuren Fortschritte in der Medizin anging. Eigentlich hatte sich alles in gewaltigen Schüben entwickelt, von den ersten Automobilen bis hin zu den Flugzeugen. Belle erinnerte sich noch, dass es in ihrer Kindheit nur Kerzen und Öllampen gegeben hatte; die meisten Leute hatten ihre Toiletten auf dem Hof gehabt, und Omnibusse und Droschken waren bis vor einigen Jahren alle von Pferden gezogen worden. Jetzt war elektrischer Strom eine Selbstverständlichkeit, immer mehr Leute fuhren ein Automobil, und es gab nicht nur Innentoiletten, sondern auch richtige Badezimmer. Daher bestand durchaus Grund zu der Annahme, dass Jimmy vielleicht ein künstliches Bein bekommen würde, auf dem er wieder richtig gehen konnte.
David war derjenige mit dem praktischen Wissen, aber Vera war es, der Belle auch ihre ganz privaten Befürchtungen anvertrauen konnte.
»Es wird furchtbar schwer werden. Wir kehren an einen Ort zurück, an dem die Leute über mich und meine Vergangenheit reden. Ich bin sicher, Mirandas Mutter wird ihr Möglichstes tun, um den Klatsch noch recht lange am Leben zu erhalten«, sagte sie zu ihrer Freundin. »Und ich weiß nicht, ob ich es durchhalten werde, Jimmy zu betreuen, wenn er so mürrisch und reizbar bleibt. Außerdem werden alle denken, dass ich mich wegen seiner Verletzungen bald nach einem anderen Mann umschauen werde, und mich mit Argusaugen beobachten. Ich will das Richtige tun, doch ich habe nie vorgegeben, eine Heilige zu sein.«
»Mach einen Schritt nach dem anderen!«, riet Vera ihr. »Das Gerede über dich wird aufhören, wenn es nichts mehr über dich zu reden gibt. Jimmy wird bestimmt viel ruhiger, wenn er kein Artilleriefeuer mehr in der Ferne hört und in seinem eigenen Heim ist. Er wird lernen, einiges ohne deine Hilfe zu erledigen, und du wirst nicht allein sein, sondern Mog und Garth bei dir haben. Aber du bleibst doch mit mir in Verbindung, ja? Ich würde sehr gern nach England kommen, bevor ich nach Neuseeland zurückfahre. Ich könnte dir auch helfen, Jimmy ein bisschen aufzuheitern.«
Eine Sache gab es, über die Belle mit niemandem sprechen konnte. Jimmy hatte gesagt, er sei kein Mann mehr. Obwohl er es nicht direkt ausgesprochen hatte, wusste sie, dass er überzeugt war, nie wieder mit ihr schlafen zu können. Soweit sie wusste, gab es dafür keine organischen Gründe. Bestimmt würde er feststellen, dass es mit ihr im Bett genauso war wie früher, sobald seine Wunden vollständig verheilt waren und er keine Schmerzen mehr hatte. Doch wenn Männer in dieser Hinsicht eine fixe Idee entwickelten, konnten Befürchtungen zu Tatsachen werden, das wusste Belle.
Wenn Jimmy nicht einmal mit ihr darüber reden wollte, würde er schon gar nicht einen Arzt danach fragen. Und sie konnte es nicht gut an seiner Stelle tun.
Noch dazu kreisten ihre Gedanken ständig um Etienne. Wenn die Erinnerungen an ihn und ihre gemeinsame Nacht tagsüber kamen, verdrängte Belle sie und zwang sich, an etwas anderes zu denken. Aber immer wieder wachte sie nachts erregt und voller Sehnsucht nach ihm aus sinnlichen Träumen auf, in denen er sie leidenschaftlich liebte, und das beschämte sie zutiefst.
Dann kam Ende August ein Brief von Etienne. Sie hatte das Gefühl, dass sie ihn ungelesen zerreißen sollte, doch das brachte sie nicht fertig. Und bei der Lektüre traten ihr unwillkürlich Tränen in die Augen.
Belle, meine Liebste,
es tut mir furchtbar leid, dass Jimmy so schwer verwundet wurde, und ich verstehe natürlich, dass du jetzt bei ihm bleiben musst. Er kann von Glück reden, dich zu haben; ich würde bereitwillig mit ihm tauschen, nur um in deiner Nähe sein zu können.
Noch während ich das hier schreibe, weiß ich, dass du deine Entscheidung nicht zurücknehmen wirst. Ich bewundere deine Charakterstärke und Selbstlosigkeit, und weil ich weiß, dass ich ums Leben kommen kann, bevor dieser Wahnsinn aufhört, habe ich mein Testament und meinen kleinen Hof und alles, was ich an Geld besitze, dir hinterlassen. Ich habe Noah als nächsten Angehörigen angegeben, weil er der einzige Mensch ist, den ich in England kenne, bei dem ich darauf vertrauen kann, dass er dir dein Erbe auch wirklich übergibt.
Sollte dieser Fall eintreten, muss Jimmy daran nichts eigenartig oder verdächtig finden. Er weiß, dass ich damals in Paris dein Freund und Retter war und keine Familie habe, der ich etwas vermachen könnte.
Natürlich habe ich nicht vor, mich umbringen zu lassen. Ich will nach dem Krieg auf meinen kleinen Bauernhof zurückkehren und den Rest meiner Tage damit verbringen, Zitronen zu ziehen und Hühner zu züchten. Eine andere Frau wird es für mich nie mehr geben, weil keine den Platz einnehmen könnte, den du in meinem Herzen hast.
Ich bete dafür, dass Jimmy und du miteinander glücklich werdet, und auch ich wünsche mir, ich hätte schon damals in Paris ausgesprochen, wie es in meinem Herzen aussieht, und dich bei mir behalten. Ich werde dir nicht mehr schreiben und auch nicht nach England kommen, um dich zu sehen. Ich weiß, dass ich dir die Möglichkeit geben muss, dein Leben neu aufzubauen. Falls ich dir Kummer bereitet habe, tut es mir aufrichtig leid; das war nie meine Absicht.
Auf ewig dein,
Etienne
Belle las diese Zeilen immer wieder und musste über Etiennes Edelmut weinen. Noch am selben Abend faltete sie den Brief zusammen, so klein es ging, trennte die Naht des Futters eines kleinen Beutels auf, in dem sie ihr Nähzeug verwahrte, schob den Brief hinein und schloss die Naht wieder. Alle anderen Briefe Etiennes hatte sie verbrannt, doch sie brachte es nicht übers Herz, sich von diesem zu trennen.