KAPITEL 16
David versuchte Belle festzuhalten, doch sie riss sich los und rannte zu dem völlig demolierten Rettungswagen. Hoffentlich war Miranda nicht schwer verletzt! Doch noch im Laufen war ihr klar, wie unwahrscheinlich das war. Der Zug hatte den Wagen völlig zerquetscht.
Der Lokführer und der Heizer sprangen beide aus dem Führerstand, und überall schauten Krankenschwestern aus den Zugfenstern, um zu sehen, was passiert war.
Alf ging auf der Straße in die Knie und jammerte, dass er versucht habe, Miranda zum Aussteigen zu überreden.
»Kümmer dich um ihn!«, rief Belle David über die Schulter zu.
Der Heizer versuchte, ihr den Weg zu verstellen. »Das ist kein Anblick für ein junges Mädchen«, sagte er und packte sie an den Armen.
»Sie ist meine Freundin, und ich sehe jeden Tag Verwundete«, schluchzte Belle. »Ich will doch bloß nachschauen, ob noch Hoffnung besteht.«
Sie schüttelte ihn ab und rannte die letzten paar Meter. Die Vorderräder der Lok hatten sich in das gebohrt, was einmal der Fahrersitz gewesen war. Von Miranda war nichts zu sehen; offenbar war sie auf den Beifahrersitz geschleudert worden. Die Windschutzscheibe war geborsten, und die Schienen waren mit Blut bespritzt und mit Glassplittern übersät.
Bei diesem Anblick wäre Belle beinahe zusammengebrochen. Menschen schrien durcheinander, und Dampfwolken quollen aus der Lok, aber sie musste es einfach mit eigenen Augen sehen. Sie kniete sich hin und spähte in die Überreste des Wracks.
Direkt neben der Beifahrertür leuchtete Mirandas blondes Haar aus dem Dunkel, doch ihr Körper hing verkrümmt vornüber, und beide Beine waren von den Rädern der Lok eingequetscht worden.
Überall war so viel Blut, dass Belle übel wurde. »Miranda, kannst du mich hören?«, rief sie. »Ich bin’s, Belle. Sag bitte etwas!«
Kein Laut, keine Bewegung. Belle konnte die Hand ihrer Freundin erkennen, die immer noch nach oben gereckt war, wie in dem Moment, als der Zug in den Wagen gekracht war. Belle langte hinein und griff nach dem Handgelenk.
Aber sie fühlte keinen Puls mehr. Miranda war tot.
»Ich habe dich geliebt«, flüsterte Belle. Tränen strömten über ihre Wangen und vermischten sich mit dem Regen. »Vor dir habe ich nie eine echte Freundin gehabt, und ich weiß nicht, wie ich ohne dich zurechtkommen soll.«
Der Lokführer kam und zog sie hoch. Schluchzend sank sie an seine Brust.
»Kommen Sie, Kleine! Es sind schon Leute da, um den Wagen wegzuschaffen. Sie können nichts mehr für sie tun. Wir müssen die Verwundeten aus dem Zug holen und ins Lazarett bringen.«
Der Tag war ein einziger Albtraum. Bahnarbeiter kamen mit schweren Maschinen, um den Rettungswagen von den Schienen zu entfernen und die Lokomotive wieder auf die Gleise zu hieven. Die Räder der Lok waren verbogen und mussten repariert werden. Alle Rettungswagen, die sich auf der Bahnhofsseite der Schienen befanden, mussten einen Umweg fahren, um die Verwundeten ins Lazarett zu bringen.
Die Verzögerung war für alle zermürbend, und ohne den erhöhten Bahnsteig war es noch schwerer als sonst, die Tragen mit den Verletzten aus dem Zug zu heben. Die Stimmung war gereizt. Der furchtbare Unfall hatte Fahrer und Träger zutiefst erschüttert, und darunter litt auch ihre Arbeit.
Belle musste weitermachen; bei so vielen Schwerverwundeten, die dringend operiert und versorgt werden mussten, blieb ihr nichts anderes übrig. Aber das Entsetzen über das, was sie mit angesehen hatte, und die Trauer über Mirandas Verlust ließen sich nicht verdrängen. Alf stand unter Schock. Man hatte ihn ins Lazarett gebracht, doch er jammerte ständig allen die Ohren voll, dass er nichts unversucht gelassen hatte, um Miranda dazu zu bringen, aus dem Wagen zu steigen. Eins stand fest: Sie war nicht vor Schreck erstarrt gewesen – bis zur letzten Minute hatte sie tapfer versucht, den Rettungswagen von den Schienen zu bugsieren, weil sie befürchtet hatte, er könnte den Zug zum Entgleisen bringen.
Erst spät am Nachmittag konnten Soldaten Mirandas Leichnam aus dem Wrack bergen. Noch immer goss es in Strömen, und alle wurden bis auf die Haut nass, was diesen unvorstellbar grauenhaften Tag noch schlimmer machte.
Als Belle und David kurz vor acht Uhr abends mit ihrer letzten Fuhre von Verwundeten im Lazarett eintrafen, wartete auf sie die Nachricht, dass sie sich bei Captain Taylor melden sollten.
»Das hat uns gerade noch gefehlt«, stöhnte David, der Belle den ganzen Tag über eine Stütze gewesen war. Er hatte ihr heißen, süßen Tee gebracht, sie getröstet, ihre Tränen getrocknet und all die Leute abgewimmelt, die sie mit Fragen hatten bestürmen wollen. Aber auch er hatte Miranda sehrgern gehabt, auch er war Zeuge des grauenvollen Unfalls gewesen, und er war so blass, als würde er jeden Moment ohnmächtig werden.
Captain Taylor war ein ausgezeichneter Organisator, doch er konnte mitunter recht schroff zu seinen Untergebenen sein, und es war kein Geheimnis, wie wenig er von weiblichen Rettungsfahrern hielt. Belle und David rechneten damit, dass er auf Mirandas Tod mit unbeugsamer Härte reagieren würde, falls sich herausstellte, dass sie das Problem mit der Gangschaltung nicht gemeldet hatte.
Er telefonierte gerade, als sie sein Büro betraten, und bedeutete ihnen zu warten. Ihre Kittel waren so triefend nass, dass von ihnen Wasser auf den Boden tropfte, und Belle und David war furchtbar kalt, wahrscheinlich vor allem aufgrund des Schocks.
Captain Taylor war untersetzt und stämmig und hatte graues Haar und einen Schnauzbart. Seine Uniform war stets makellos, als bügelte er sie täglich, und es war allgemein bekannt, dass er als Zivilist Bankbeamter gewesen war. Während er in den Apparat sprach, wanderte sein Blick an Belle auf und ab, als wäre er entsetzt, dass sie wie eine nasse Ratte aussah.
»Sie sind völlig durchnässt«, bemerkte er, als er den Hörer auflegte. »Ich werde Sie nicht lange aufhalten, doch ich muss Ihre Version des heutigen Vorfalls hören.«
»Der Posten am Bahnübergang war nicht besetzt, Sir«, erklärte Belle. »Wir dachten beide, dass kein Zug erwartet würde.«
Sie fand, dass sie diese Tatsache als Erstes melden musste, weil das der Grund für den Unfall war. Die mangelhafte Gangschaltung war zweitrangig.
»Parks«, sagte Captain Taylor zu David. »Schildern Sie mir, was passiert ist! Einen vollständigen Bericht, wenn ich bitten darf!«
David bestätigte, dass niemand den Bahnübergang bewacht hatte, und erklärte dann, wie sie, kurz nachdem sie die Gleise passiert hatten, bemerkt hatten, dass Miranda zurückgeblieben war, und deshalb stehen geblieben waren. »Ich wollte ihr vorschlagen, aus ihrem Wagen zu steigen und mit uns weiterzufahren, Sir«, berichtete er. Dann beschrieb er ihre Sorge, als sie den Zug kommen hörten. »Der Rettungswagen stand mitten auf dem Übergang. Wir konnten sehen, wie sie versuchte, den Gang einzulegen. Als wir den Zug nahen hörten, rannten wir los und riefen ihr und Alf Dodds zu, sofort auszusteigen. Direkt vor dem Übergang ist eine Kurve, und wir wussten, dass der Lokführer nicht mehr rechtzeitig würde bremsen können, wenn er den Wagen sah.«
»Hat Forbes-Alton einem von Ihnen gegenüber erwähnt, dass es Probleme mit der Schaltung gab, bevor sie losfuhr?«
»Sie hat Sonnabend davon gesprochen, dass sie beim Schalten Mühe hatte, Sir«, antwortete Belle.
»Aber sie hat es nicht gemeldet?«
»Das weiß ich nicht, Sir«, erwiderte Belle. »Ich habe Sonnabend nicht mehr mit ihr gesprochen, weil sie das Wochenende freihatte und über Nacht weg war.«
Plötzlich regte sich Zorn in ihr. Ihre Freundin war tot, und dieser aufgeblasene kleine Mann, der den ganzen Tag am Schreibtisch saß und noch nie eine Trage gehoben hatte oder auch nur ein einziges Mal an den Bahnhof gekommen war, um die Verwundeten zu sehen, wollte offenbar unterstellen, dass diese Tragödie Mirandas Schuld war.
»Geht es hier denn wirklich um eine defekte Gangschaltung?«, brauste sie auf. »Am Bahnübergang hätte ein Wachposten sein sollen. Selbst wenn es Miranda gelungen wäre, unbeschadet über die Gleise zu kommen, hätte es vielleicht den nächsten Wagen erwischt. Sie ist tot, aber nicht aus eigenem Verschulden, und ihr Tod ist umso schlimmer, weil sie bald heiraten wollte. Und was ist mit ihren Eltern? Haben Sie sie schon verständigt?«
Er hatte den Anstand, leicht beschämt auszusehen. »Nein, noch nicht, Reilly, doch ich werde ihnen telegrafieren.«
»Können Sie sie nicht anrufen?«, fragte sie und trat näher an den Schreibtisch. »Stellen Sie sich doch nur ihre Reaktion vor, wenn sie durch ein Telegramm erfahren, dass ihre Tochter von einem Zug überrollt worden ist!«
»Die korrekte Vorgehensweise ist ein Telegramm«, erklärte er steif.
»Verzeihen Sie mir ein offenes Wort, Sir«, beharrte Belle. Tränen traten ihr in die Augen. »Aber sind die Armee und das Rote Kreuz ihren Eltern nicht einen persönlichen Anruf und eine Erklärung schuldig, wie es zu Mirandas Tod kam?«
»Ich kann verstehen, wie betroffen Sie sind, doch wir müssen uns ans Protokoll halten. Verwandte werden mit einem Telegramm informiert.«
»Aber sie war kein Soldat, sie war eine Freiwillige. Und wer wird ihrem Verlobten die Nachricht überbringen? Oder wollen Sie einfach darauf warten, bis er herkommt, um sie zu besuchen?«
»Mir war nicht einmal bekannt, dass sie einen Verlobten hatte«, entgegnete er.
»Ja, den hatte sie, und er ist Sergeant der amerikanischen Armee. Sein Name ist Will Fergus; zurzeit organisiert er Quartiere für die erwarteten Truppenverbände.«
Taylor notierte sich den Namen. »Ich werde seinen Vorgesetzten verständigen«, sagte er. »Im Übrigen werde ich Ihren Mangel an Respekt Ihrem Schock über den Verlust einer guten Freundin zuschreiben. Sie können jetzt gehen. Ziehen Sie sich trockene Sachen an!«
David salutierte und wandte sich zum Gehen, doch Belle gab nicht so schnell auf.
»Bitte, Sir, Miranda hat hier hart gearbeitet, und ihre Eltern sind einflussreiche Leute! Sie sollten sie wirklich noch heute Abend anrufen und sie über den Tod ihrer Tochter informieren. Sie müssen ihnen Gelegenheiten geben, alles für die Überführung des Leichnams zu organisieren. Oder hatten Sie vor, sie zusammen mit den Soldaten, die heute Nacht an ihren Verletzungen sterben werden, in einem Massengrab zu beerdigen?«
Er starrte sie einen Moment lang unverwandt an, bevor er den Blick senkte. »Na schön, Reilly, vielleicht haben Sie recht. Geben Sie mir die Telefonnummer, dann rufe ich die Familie gleich an! Und jetzt gehen Sie und ziehen sich um! Sie beide haben morgen frei. Ich nehme an, Sie brauchen Zeit, um sich von dem Schock zu erholen.«
Belle trat vor, nahm einen Bleistift und schrieb die Telefonnummer der Forbes-Altons auf einen Zettel. »Danke, Sir«, sagte sie und drehte sich um, bevor er sehen konnte, dass sie weinte.
Draußen nahm David sie in die Arme. »Das war sehr tapfer«, murmelte er und drückte sie fest an sich. »Einen Moment lang hatte ich Angst, du haust ihm eine runter, wenn er nicht nachgibt.«
»Ihn hat doch nur überzeugt, dass ich gesagt habe, dass ihre Eltern Einfluss haben«, schluchzte sie an seiner Schulter. »Nach allem, was wir hier Tag für Tag sehen, sollten wir abgehärteter sein, oder? Dass die beiden Männer mit Bauchwunden beim Eintreffen im Lazarett tot waren, konnte ich verkraften, weil der Tod für sie eine Erlösung war. Aber Miranda hatte alles, wofür es sich zu leben lohnt. Sie hat sich so sehr nach Liebe gesehnt, und endlich hatte sie sie gefunden! Es ist grausam, dass sie auf diese Weise ihr Leben verlieren musste.«
David hielt sie eine Weile in den Armen, um sie zu trösten. »Komm, ich bringe dich in deine Unterkunft!«, meinte er schließlich.
»Ich mache mir Sorgen um Will«, sagte sie, während sie sich von ihm wegführen ließ. »Miranda wollte sich morgen Abend mit ihm treffen. Was ist, wenn Captain Taylor ihn nicht erreicht?«
»Das wird er schon. Nach allem, was du gesagt hast, würde er sich nicht trauen, nichts zu unternehmen. Aber was ist mit dir? Wirst du zum Begräbnis nach England fahren?«
Belle starrte ihn benommen an; sie konnte an nichts anderes als an den Schmerz in ihrem Inneren denken.
David schien zu verstehen, wie ihr zumute war. Er begleitete sie schweigend zu ihrer Baracke, öffnete die Tür und schob sie sanft hinein. »Bitte eines der anderen Mädchen, dir eine Wärmflasche zu bringen!«, sagte er. »Und bleib morgen im Bett!«
Am nächsten Tag hörte es auf zu regnen, und die Sonne kam zum Vorschein. Belle blieb in ihrem Quartier, wo sie viel weinte, wenn sie an all die Dinge dachte, die sie an Miranda geliebt hatte. Dann wieder starrte sie blicklos an die Decke. Als die anderen Mädchen am frühen Abend wiederkamen, brachten ihre Anteilnahme und fürsorglichen Fragen, wie es ihr gehe und ob sie etwas gegessen habe, Belle erneut zum Weinen. Unter dem Vorwand, frische Luft schnappen zu wollen, schlüpfte sie hinaus und setzte sich auf die Stufe vor der Eingangstür.
Die Pfützen vom Vortag waren schon viel kleiner geworden; es war warm, und alles sah frisch und sauber aus. Belle fühlte sich seltsam betäubt, und sie fragte sich, ob diese Benommenheit ein Abwehrmechanismus der menschlichen Natur war, um Leid zu verkraften. Sie wusste, dass sie Mirandas Sachen packen und den Forbes-Altons schreiben sollte, doch dazu war sie noch nicht imstande. Sie konnte sich nicht einmal auf einen Brief an Jimmy oder Mog konzentrieren.
So viele glückliche Erinnerungen an Miranda kamen ihr in den Sinn. Belle sah vor sich, wie sie in ihrem Laden Hüte probierte und vor dem Spiegel Grimassen schnitt, und dachte daran, wie oft sie gelacht hatten, als Miranda ihr das Autofahren beigebracht hatte, und daran, wie ihre Freundin sie nach dem Verlust ihres Babys getröstet hatte. Belle erinnerte sich an Mirandas Talent, andere Leute nachzuahmen, und an ihre sarkastischen kleinen Seitenhiebe, die immer witzig und zutreffend gewesen waren. Aber Miranda war nie mit Absicht unfreundlich gewesen, sie war großzügig, liebevoll und loyal gewesen. Für Belle hatte stets festgestanden, dass sie noch als alte Damen Freundinnen sein würden. Sie wussten alles voneinander, Gutes wie Schlechtes. Miranda war der Mensch, bei dem Belle immer das Gefühl gehabt hatte, ganz sie selbst sein zu können. Sie konnte sich nicht vorstellen, noch einmal eine Freundin wie sie zu finden.
»Sag mir ruhig, dass ich verschwinden soll, wenn du lieber allein sein willst!«
Belle zuckte zusammen, als sie Veras Stimme hörte. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass die Tür geöffnet worden war.
Vera war ein sehr lebhafter und fröhlicher Mensch und für ihre unerschütterlich gute Laune bekannt. Sogar die griesgrämigsten Fahrer und Träger fanden, dass sie mit ihrem Lächeln und ihrer Hilfsbereitschaft ein wahrer Schatz war.
Ihr hübsches, zartes, sommersprossiges Gesicht, das lockige rote Haar und die schmale Gestalt täuschten darüber hinweg, wie kräftig sie war. Vera hatte einmal im Scherz gesagt, dass sie schon als Kind Muskeln entwickelt hatte, als sie ihrem Vater in seiner Bäckerei beim Teigkneten geholfen hatte.
»Nein, bleib ruhig hier!«, sagte Belle. Sie erinnerte sich plötzlich daran, dass es Vera war, die ihr Gesellschaft geleistet hatte, wenn Miranda sich mit Will getroffen hatte. »Ich glaubte, allein sein zu wollen, aber eigentlich möchte ich es doch nicht.«
»Ihr zwei habt euch so nahegestanden, dass du dir ein Leben ohne sie wahrscheinlich gar nicht vorstellen kannst«, meinte Vera und setzte sich neben sie.
»Du sagst es«, erwiderte Belle bedrückt. »Weißt du, ich hatte immer das Gefühl, dass von uns beiden ich diejenige war, von der stets die Initiative ausging. Ich hatte die Ideen, sie hat mitgemacht. Aber ohne sie habe ich das Gefühl, dass ich nie wieder Ideen haben oder Pläne schmieden werde. Gerade vorhin habe ich mir gedacht, wie seltsam das eigentlich ist; schließlich wäre ich auch ohne sie zurechtgekommen, wenn sie mit Will durchgebrannt wäre oder beschlossen hätte, nach Hause zu fahren.«
»Aber was jetzt passiert ist, hast du nicht kommen sehen, und es ist endgültig, das ist das Schlimme daran«, erwiderte Vera. »Keine von uns anderen hat sie wirklich näher gekannt, doch wir sind auch völlig erschlagen. Den Fahrern und Trägern geht es genauso, jedem einzelnen.«
»Ich weiß nicht, ob ich noch länger hierbleiben kann«, gestand Belle traurig. »Ich würde alles dafür geben, zu Hause bei Mog und Garth zu sein, aber gleichzeitig bin ich sicher, dass ich mich daheim genauso leer und unglücklich fühlen würde.«
»Würde es dir helfen, Mirandas Mutter zu sehen?«
Belle schüttelte den Kopf. »Sie ist der letzte Mensch, dem ich begegnen möchte. Sie wird mit großem Pomp trauern, doch ich müsste ständig daran denken, wie verlogen das ist, weil sie nie besonders nett zu Miranda war.«
»Was ist mit Will? Er wird jemanden brauchen, mit dem er reden kann.«
»Ja, das stimmt. Der Arme! Sie haben so viele Pläne gehabt. Miranda ist nicht mal die Zeit geblieben, mir alles darüber zu erzählen, aber ich glaube nicht, dass ich mit ihm sprechen könnte, nicht jetzt.«
»Mit mir kannst du jederzeit reden«, sagte Vera und legte ihre Hand auf Belles Arm.
Sie saßen eine Weile in einträchtigem Schweigen da. Hin und wieder gingen Krankenschwestern oder Sanitäter vorbei und manchmal auch Zivilisten, vermutlich Angehörige von Patienten. Ein Stück den Weg hinunter hielten sich ein paar Männer auf, denen es gut genug ging, um den Krankensaal zu verlassen, manche auf Krücken oder mit einem Arm in der Schlinge oder einem Kopfverband. In der Nähe zwitscherten Vögel, aber dahinter war der dumpfe Kanonendonner von der Front zu hören.
Belle brach schließlich das Schweigen. »Die Geschütze müssen sehr laut sein, wenn wir sie bis hierher hören können. Dort muss es die Hölle sein. Drei Jahre dauert der Krieg jetzt schon, und noch immer ist kein Ende in Sicht. Wie viele Männer müssen noch sterben, ehe sie endlich genug haben?«
Vera nahm Belles Hand und drückte sie verständnisvoll. »Weißt du, manchmal frage ich mich, was mich dazu gebracht hat, von Neuseeland hierherzukommen. Ich kann mich erinnern, dass ich dachte, es wäre meine Pflicht zu helfen, doch ich hatte keinen Begriff von dem Ausmaß an Zerstörung und der nackten Gewalt eines Krieges.«
»Miranda und ich haben es als Abenteuer gesehen«, gestand Belle. »Das klingt jetzt so dumm, immerhin haben wir zu Hause in einem Krankenhaus gearbeitet und kannten die Gräuel des Krieges. Aber wir hielten uns ja für so tapfer und edel!« Ihr Lachen klang hohl.
Vera nickte verständnisvoll. »Ich habe auch gedacht, furchtbar edel und aufopfernd zu sein, glaube ich. Doch in Wirklichkeit hat mich die Arbeit in der Bäckerei schrecklich gelangweilt. Ständig musste ich mir anhören, wie unsere Kunden meiner Mutter von ihren Problemchen erzählten – lauter Belanglosigkeiten: ein Kind, das Porzellan zerschlagen hatte, oder der Stoff für ein neues Kleid, der bestellt, aber nicht geliefert worden war. Manchmal hätte ich schreien können, so eintönig war mein Leben. Ich träumte davon, in der Großstadt zu leben, tanzen zu gehen und genug Geld zu haben, um mir alles zu kaufen, was ich mir wünsche. Aber ich hatte nichts anderes gelernt, als in der Bäckerei hinter dem Ladentisch zu stehen. Als ich hörte, dass an der Front freiwillige Hilfskräfte gesucht werden, schien es die Lösung für all meine Probleme zu sein. Ich würde etwas von der Welt sehen und Sachen lernen, die ich mir zu Hause nie aneignen könnte.«
»Tja, das ist dir mit Sicherheit gelungen«, meinte Belle. »Aber hast du keine Krankenhaus-Erfahrung gebraucht?«
»Nur einen Monat in Auckland, doch weil ich Auto fahren kann, haben sie mich dazu eingeteilt, alte Leute zu Hause abzuliefern und abzuholen, deshalb habe ich nicht viel gelernt. Darum bin ich hier auch bei den Rettungsfahrern gelandet. Aber mein erster Tag mit Verwundetentransporten hat mich total geschafft.«
»Kann ich mir vorstellen«, stimmte Belle zu. Sie hatte es auch erschütternd gefunden, und sie war den Anblick von Schwerverwundeten gewöhnt gewesen.
»Am liebsten wäre ich wieder heimgefahren«, fuhr Vera fort. »Hier, mit all dem Blut und den offenen Wunden und Soldaten, die nach ihren Müttern schrien, kam mir das friedliche Leben zu Hause wie das Paradies vor. Mittlerweile habe ich mich so sehr daran gewöhnt, dass ich mir allmählich Sorgen mache, ob ich mich daheim je wieder einleben werde.«
»Manchmal geht es mir genauso«, bekannte Belle. »Es ist schwer, nach Hause zu schreiben, weil sie sich dort gar nicht vorstellen können, was wir hier sehen und leisten, oder vielleicht will ich ihnen diese Bilder auch gar nicht vermitteln. Komm, erzähl mir lieber etwas über Neuseeland! Das ist bestimmt ein wesentlich erfreulicheres Thema. Ist es bei euch sehr warm?«
»Auf der Nordinsel, wo ich herkomme, kann es sehr warm werden«, antwortete Vera. »Wir haben subtropisches Klima, weißt du. Aber unten auf der Südinsel ist es manchmal sehr kalt und feucht. Es ist ein schönes Land, mit Seen und Flüssen und Bergen, deren Gipfel im Winter schneebedeckt sind. Es gibt viele Schafe, sehr viel mehr als Menschen, und das Land ist so dünn besiedelt, dass man kilometerweit gehen kann, ohne ein einziges Haus zu sehen. Aber ich wohne in einer kleinen Stadt namens Russell. Sie liegt in der Bay of Islands. Das Meer ist türkisblau, und es gibt viele kleine, mit Bäumen bewachsene Inseln; es ist dort sehr friedlich und schön. Aber früher einmal war es ein ziemlich verrufener Ort, der ›Höllenloch des Pazifiks‹ genannt wurde, weil dort die Walfänger anlegten, um zu trinken und sich mit Frauen zu amüsieren.«
Belle lächelte leicht. Die Schilderung erinnerte sie an New Orleans, doch das wollte sie Vera lieber nicht erzählen. »Klingt wirklich schön. Hast du schon mal einen Wal gesehen?«
»Sehr oft. Früher bin ich mit meinem Vater und meinen Brüdern fischen gegangen, und dann haben wir sie oft zu Gesicht bekommen. Delfine auch. Es ist toll, sie zu beobachten, weil sie so schön und so verspielt sind. Aber wahrscheinlich lernt jeder den Ort, an dem er aufgewachsen, erst dann zu schätzen, wenn er nicht mehr dort ist.«
»Für mich klingt es himmlisch«, seufzte Belle. »Jimmy und ich haben uns früher immer überlegt, ob wir nicht an die Küste ziehen sollen, wenn der Krieg vorbei ist, doch je länger ich hier bin, desto weniger denke ich an die Zukunft. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, ganz normalen Beschäftigungen nachzugehen, wie Wäsche zu waschen oder Kuchen zu backen. Vielleicht hast du recht, und wir haben wirklich Probleme, wenn wir wieder daheim sind.«
In diesem Moment sahen sie Captain Taylor kommen. »Er will sicher mit dir sprechen«, sagte Vera. »Ich lasse dich lieber allein.«
»Danke für das Gespräch, Vera«, meinte Belle, als die andere aufstand. »Es hat mir wirklich gutgetan.«
»Guten Abend, Reilly«, sagte der Captain, als er näher kam. »Ich wollte Ihnen bloß mitteilen, dass es mir gelungen ist, Verbindung zu Mr. und Mrs. Forbes-Alton aufzunehmen. Sie haben alles in die Wege geleitet, damit ihre Tochter gleich morgen früh nach England überführt wird.«
»Und haben Sie Sergeant Fergus erreicht?«
»Nicht persönlich. Ich habe heute Morgen mit seinem Vorgesetzten gesprochen; er dürfte Sergeant Fergus inzwischen informiert haben. Eine schlimme Sache. Es ist für uns alle zur traurigen Gewohnheit geworden, Angehörige von Gefallenen zu verständigen, und gelegentlich müssen wir den Männern hier mitteilen, dass einer ihrer Verwandten daheim gestorben ist, doch ich hätte nie damit gerechnet, einmal den Tod einer unserer weiblichen Freiwilligen melden zu müssen.«
»Darf ich mit Miranda zurückfahren?«, fragte Belle. »Den Sarg im Zug und auf der Fähre begleiten, meine ich. Sie hätte es so gewollt.«
Sie sah seiner verkniffenen Miene an, dass das nicht möglich war. »Oder vielleicht könnte ich rechtzeitig zur Beerdigung hinüberfahren«, sagte sie. »Ich weiß, dass es schwierig ist, weil wir jetzt ohnehin schon eine Fahrerin zu wenig haben, doch …«
»Tut mir leid, Reilly. Mrs. Forbes-Alton hat ausdrücklich untersagt, dass Sie an der Beerdigung ihrer Tochter teilnehmen.«
Belle war wie vor den Kopf geschlagen. »Aber warum? Wie kann sie mir das verbieten? Ich war Mirandas beste Freundin. Sie würde sich wünschen, dass ich dabei bin.«
Der Captain machte eine hilflose Handbewegung. »Mrs. Forbes-Alton war in diesem Punkt unbeugsam. Ich bin sicher, es ist der Kummer. Er bringt Menschen manchmal dazu, sich so unvernünftig zu verhalten. Sie scheint Ihnen die Schuld am Tod ihrer Tochter zu geben.«
»Mir?«, rief Belle ungläubig. »Wie soll ich daran schuld sein?«
Der Captain zuckte mit den Schultern. »Sie hat gesagt, dass Sie ihre Tochter überredet haben hierherzukommen und dass sie nicht mehr derselbe Mensch war, seit sie Sie kannte. Aber noch einmal: In solchen Situationen sagen Menschen manchmal die unsinnigsten Sachen.«
»Diese Frau ist ein richtiger Drachen«, stieß Belle hervor. »Miranda war älter als ich, sie hatte ihren eigenen Kopf, und ich habe sie keineswegs beeinflusst. Sie wollte es selbst. Wie kann ihre Mutter nur so etwas behaupten?«
»Ich muss zugeben, ich war auch etwas schockiert über diese Hasstiraden«, gestand er. »Ich habe sie darauf hingewiesen, dass sich ihre Tochter hier sehr wohlgefühlt hat, dass sie von allen sehr geschätzt wurde und ich den Eindruck hatte, dass Sie einen guten Einfluss auf sie ausüben. Aber es war sinnlos. Tut mir leid, Reilly.«
»Haben Sie ihr erzählt, dass Miranda Sergeant Fergus heiraten wollte?«
»Nein. Ich hielt es unter den Umständen für unangebracht.«
»Ich bin als Freiwillige hier. Könnten Sie mich daran hindern, wenn ich morgen auf Urlaub nach Hause fahren will?«
Er sah sie einen Moment lang an, als wollte er die Situation abwägen. »Nein, hindern kann ich Sie daran nicht. Doch ich würde Ihnen dringend raten, sich das noch einmal gut zu überlegen. Wir brauchen Sie hier, und Mrs. Forbes-Alton hat gute Beziehungen zu den höchsten Stellen und wird vermutlich nicht davor zurückscheuen, sie spielen zu lassen, wenn man ihr die Stirn bietet. Denken Sie in aller Ruhe darüber nach! Ich bin sicher, Ihre Freundin würde nicht wollen, dass Sie Ihre Zukunft aufs Spiel setzen, nur um bei ihrer Beerdigung anwesend zu sein.«
Belle setzte gerade zu einer zornigen Erwiderung an, als ein amerikanischer Militärwagen vorbeifuhr. Sie sah, wie ein vertrautes Gesicht erst zu ihr, dann zum Captain blickte, ehe der Wagen stehen blieb und dann zurücksetzte.
»Das ist Sergeant Fergus«, keuchte Belle. »Ich hoffe inständig, dass er schon Bescheid weiß. Ich will nicht diejenige sein, die ihm die schreckliche Nachricht überbringen muss.«
Aber als Will aus dem Wagen stieg, sah Belle ihm sofort an, dass er es bereits wusste. Er schien ein paar Zentimeter geschrumpft zu sein, und das Strahlende an seiner Erscheinung, das ihr schon am Tag ihrer ersten Begegnung aufgefallen war, war verschwunden.
Er salutierte vor dem Captain und schaute Belle dann mit einem so kummervollen Ausdruck in den Augen an, dass ihr ein Kloß in die Kehle stieg.
»Will, das ist Captain Taylor, der die Ambulanzeinheit leitet«, stellte sie vor. »Captain Taylor, das ist Will Fergus, Mirandas Verlobter.«
Der Captain sprach Will sein Beileid aus und erklärte, dass Mirandas Leichnam am nächsten Morgen nach England überführt werden würde. Offenbar war ihm klar, dass der Mann mit Belle sprechen wollte, denn er fügte hinzu: »Falls Sie noch Fragen haben, Mr. Fergus, finden Sie mich in meinem Büro.«
»Oh Will, es tut mir so leid!«, rief Belle, sowie der Captain sich zurückgezogen hatte. »Was hat man Ihnen erzählt?«
»Nur das Notwendigste. Ein Zug ist in ihren Wagen gefahren. War sie sofort tot, Belle? Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass sie gelitten hat.«
Er setzte sich neben sie auf die Stufen, und Belle berichtete, wie es zu dem Unfall gekommen war. Sie versicherte ihm, dass der Tod sofort eingetreten war. »Als ich zu ihr rannte, war sie schon tot, Will. Sie hatte nicht die geringste Chance.«
»Am Sonnabend hat sie erwähnt, dass ihr der Arm vom Schalten wehtut. Wenn sie bloß nicht wieder mit diesem Wagen gefahren wäre!«
Dann erzählte er ihr, dass sie über ihre Heirat geredet hatten. »Obwohl ich meine Familie gern dabeigehabt hätte, hatten wir beschlossen, uns hier in Frankreich trauen zu lassen, weil es dann für Miranda wesentlich einfacher gewesen wäre, mich nach Amerika zu begleiten. Ein anderer Grund für diese Entscheidung war, dass Miranda Sie dabeihaben wollte«, sagte er. »Sie hat noch darüber gewitzelt, dass Sie etwas ganz Hässliches anziehen müssten, um sie nicht in den Schatten zu stellen.«
Belle traten Tränen in die Augen. Ja, das war typisch Miranda!
»Als ich die Staaten verließ, habe ich nicht einen Moment lang erwartet, hier in Frankreich die große Liebe zu finden«, sagte er. »Ich und die anderen haben uns eingebildet, dass die französischen Mädchen schon auf uns warten würden; wir haben auf der Überfahrt kaum über etwas anderes geredet. Wenn mir jemand erzählt hätte, dass ich mich unsterblich in ein englisches Mädchen der Oberschicht verlieben würde, hätte ich ihn ausgelacht. Doch ich war so stolz auf Miranda! Ich habe schon nach Hause geschrieben und meiner Familie alles über sie erzählt. Ich hatte schon meine ganze Zukunft geplant, und meine einzige Angst war, dass ich hier sterben könnte. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es stattdessen Miranda trifft.«
»Mrs. Forbes-Alton hat mir ausdrücklich verboten, zur Beerdigung zu kommen«, erzählte Belle und musste wieder weinen. »Wenigstens ist Ihnen diese fürchterliche Schreckschraube als Schwiegermutter erspart geblieben«, schluchzte sie. »Ich fasse es nicht, dass sie mir die Schuld gibt!«
»He, nehmen Sie sich das nicht so zu Herzen!«, meinte er und legte einen Arm um ihre Schultern. Auch ihm liefen Tränen übers Gesicht. »Miranda hat gesagt, ihr sei es egal, ob sie ihre Mutter je wiedersieht. Zu dem Zeitpunkt dachte ich, dass sie sich bloß ein bisschen gestritten haben, aber wahrscheinlich war Miranda wirklich mit ihr fertig. Tun Sie es sich nicht an, dort hinzufahren, nur um ihren Kopf durchzusetzen.«
»Ich wollte doch nur Miranda auf ihrer letzten Reise begleiten«, weinte Belle. »Wir haben einander sehr viel bedeutet, und ich finde es einfach furchtbar, dass sie diesen Weg allein antreten muss. Wie kann ein Mensch nur so grausam und gemein sein?«
»Da bin ich überfragt«, gestand er bekümmert. »Kein Wunder, dass Miranda ihrer Familie nicht einmal nach unserer Heirat etwas von uns erzählen wollte! Aber was halten Sie davon, wenn ich morgen Abend mit einem Strauß Blumen komme und wir beide zum Bahnübergang gehen und dort von Miranda Abschied nehmen?«
Belle schniefte. »Das wäre schön.«
»Sie hat Sie geliebt wie eine Schwester«, meinte Will und drückte ihre Schultern. »Sie hat gesagt, Sie zu treffen war das Beste, was ihr im Leben passiert ist … na ja, wenigstens, bis sie mir begegnet ist. Jetzt ist uns beiden das Herz gebrochen worden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mich je davon erholen werde, doch ich weiß, dass Miranda sich wünschen würde, dass Sie wieder lachen und mit Ihrem Mann glücklich werden. Erfüllen Sie ihr diesen Wunsch!«
»Ich werd’s versuchen«, flüsterte Belle. Sie war zutiefst gerührt, dass Will sie tröstete, obwohl er selbst völlig gebrochen war. »Ich sollte jetzt wohl lieber reingehen. Captain Taylor hat uns zwar gewissermaßen die Erlaubnis gegeben, miteinander zu reden, aber man wird es vielleicht trotzdem missbilligen, wenn wir zu lange hier draußen sitzen.«
»Können wir uns morgen sehen? Ich warte außerhalb der Umzäunung, an der Stelle, wo ich mich immer mit Miranda getroffen habe.«
Belle nickte. »Ich bin froh, dass Sie gekommen sind. Ich habe mir solche Sorgen um Sie gemacht! Ich war es, die Captain Taylor gesagt hat, dass er Sie verständigen muss. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sogar ihre Eltern bloß ein Telegramm bekommen.«
»Danke, dass Sie angegeben haben, dass ich ihr Verlobter war!«, erwiderte Will. »Es hat mir das Gefühl gegeben, dass ich wirklich einen Anspruch auf sie hatte, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und wenn Sie mir morgen die Adresse von Mirandas Eltern geben, schreibe ich ihnen einen Brief, der ihnen klarmacht, dass Miranda etwas ganz Besonderes war.«
Belle schenkte ihm ein zittriges Lächeln. Will war einer der nettesten Männer, die sie kannte – alles, was Miranda sich erträumt hatte.
»Und ich werde ihnen sagen, was für ein Schatz Sie sind«, fügte er hinzu. »Wir bleiben in Verbindung, ja? Wenn das hier ausgestanden ist, komme ich vielleicht mal nach England, um Sie und Ihren Mann kennenzulernen. Er hat Glück, eine Frau wie Sie zu haben, zu der er zurückkehren kann.«
Nachdem Will sich verabschiedet hatte, ging Belle in ihre Unterkunft und packte mit Veras Hilfe Mirandas Sachen. Sie fand den Abzug der Fotografie, die Miranda und sie vor ihrer Abfahrt aus England hatten aufnehmen lassen. Ihre Kleider ähnelten einander im Stil, mit locker fallenden Rüschen am Oberteil und einer breiten Schärpe um die Taille. Belles Kleid war aus grüner Waschseide, Mirandas aus blau-beige gestreiftem Crêpe, und beide trugen sie schicke kleine Hüte, die Belle angefertigt hatte. Die Sepiafärbung der Fotografie ließ keine Rückschlüsse auf die Farben der Kleider und Hüte zu, aber ihr Lächeln war unverfälscht. Sie waren so aufgeregt gewesen, weil sie bald nach Frankreich gehen würden. Belle dachte, dass sie die Aufnahme Will schenken würde, da sie ihren eigenen Abzug hatte, von dem sie sich nie trennen wollte.
Als sie das dunkelrote Samtkleid sah, erriet sie, dass Miranda es an ihrem letzten Abend mit Will getragen hatte, und drückte es an sich, um das Parfüm einzuatmen, das immer noch in dem Stoff hing. Es war eine Versuchung, es einfach zu behalten, doch es sah aus, als hätte es ein kleines Vermögen gekostet, und womöglich bezichtigte Mrs. Forbes-Alton sie noch des Diebstahls.
Ein silbernes Armband und den flauschigen rosa Schal hingegen, den Miranda sich immer um die Schultern gelegt hatte, wenn sie im Bett saß, behielt Belle als Andenken für sich. Der Schal duftete immer noch nach Mirandas Lavendelwasser.
»Warum gibst du Will nicht auch ihr Tagebuch?«, schlug Vera vor, als sie in Mirandas Spind das kleine, in blaues Leder gebundene Buch entdeckte. »Ich wette, sie hat alles Mögliche über ihn geschrieben. Und sie hätte bestimmt nicht gewollt, dass ihre Mutter es liest.«
Belle war einverstanden. Dann legten sie alle Kleidungsstücke zusammen und verstauten sie im Koffer. Kurz darauf brachte Belle ihn in Captain Taylors Büro.
Als sie später im Bett lag und in Mirandas Tagebuch blätterte, gab es für sie zum ersten Mal seit dem Unfall einen Grund zum Lächeln. Der Inhalt war genauso witzig und sprunghaft, wie Miranda selbst gewesen war. An einem Tag hatte sie penibel eine ganze Seite geschrieben, an anderen nur einen einzigen Satz hingekritzelt. Bei einem Eintrag musste Belle laut lachen. Er war vom neunzehnten Februar.
Schwester Fogget mag eine hervorragende Krankenschwester und ein leuchtendes Vorbild für einen ignoranten Idioten wie mich sein, aber am liebsten würde ich sie an eins der Bettgestelle, die sie mich putzen lässt, binden und ihr mit einem nassen Handtuch den Hintern versohlen.
Am Tag ihrer Abreise aus England hatte sie geschrieben:
Arme Belle! Als sie sich von Mog verabschiedete, kämpfte sie mit den Tränen. Aber ich werde sie umkrempeln, damit sie genauso unbekümmert wird wie ich.
Ein paar Tage später hatte Miranda notiert:
Belle ist wie geschaffen für diese Arbeit; sie hat ein Lächeln, das Blinde sehen und Lahme laufen machen könnte. Sie hat sogar aus mir einen halbwegs anständigen Menschen gemacht.
Auch Will kam vor. An dem Tag, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie geschrieben:
Habe in Calais Will Fergus kennengelernt, einen Yankee. Es ging ganz schnell: Ein Blick, und ich wusste, dass er der eine ist, auf den ich gewartet habe. Küsse, die mich vor Verlangen schwach machen. Hoffentlich hatte ich auf ihn die gleiche Wirkung!
Belle klappte das Buch zu. Sie hatte den Rest kurz überflogen und festgestellt, dass alle späteren Eintragungen Will betrafen, und sie fand, dass er der Einzige war, der das lesen sollte. Sie hoffte, das Tagebuch würde ihn zum Lächeln bringen und ihm bewusst machen, wie sich durch die Begegnung mit ihm alles in Mirandas Leben zum Besseren gewendet hatte. Und mehr als alles andere würde ihn der Gedanke trösten, dass er bis zum Moment ihres Todes in ihrem Herzen gewesen war.