KAPITEL 1
JUNI 1914
Er stellte sich zum Schutz vor dem heftigen Regen in einen Hauseingang und starrte über die Straße auf das kleine Erkerfenster des Hutsalons.
Allein der Anblick des Namens »Belle« in goldenen Kursivlettern über dem Fenster ließ sein Herz schneller schlagen. Im Inneren des Ladens konnte er die Silhouetten von zwei Damen erkennen, und ihre Gestik ließ darauf schließen, dass sie von dem Angebot an schicken Hüten hingerissen waren. Sein Ziel, nämlich in Erfahrung zu bringen, ob Belles Traum wahr geworden war, hatte er erreicht, aber nun, da er hier und ihr so nahe war, wollte er mehr, viel mehr.
Eine mollige ältere Dame mit rosigen Wangen stellte sich neben ihm im Eingang unter. Sie plagte sich mit ihrem Regenschirm ab, den der Wind nach außen gestülpt hatte. »Wenn es nicht bald zu regnen aufhört, bekommen wir alle nasse Füße!«, verkündete sie fröhlich und bemühte sich, den Schirm wieder zu richten. »Es ist mir ein Rätsel, wie ich auf die Idee gekommen bin, bei diesem Wetter auszugehen.«
»Das Gleiche habe ich mich auch gerade gefragt«, erwiderte er und nahm ihr den Schirm ab, um die Speichen gerade zu biegen. »Bitte sehr«, sagte er und gab ihn ihr zurück. »Aber ich fürchte, schon der nächste Windstoß wird meine Bemühungen zunichtemachen.«
Sie sah ihn neugierig an. »Sie sind Franzose, nicht wahr? Aber Sie sprechen sehr gut Englisch.«
Er lächelte. Er fand es sympathisch, dass Engländerinnen ihres Alters sich nicht scheuten, wildfremden Leuten Fragen zu stellen. Französinnen waren wesentlich reservierter.
»Ja, ich bin Franzose, aber ich habe Englisch gelernt, als ich ein paar Jahre hier lebte.«
»Sind Sie auf Urlaub hier?«, erkundigte sie sich.
»Ja, zu Besuch bei alten Freunden«, antwortete er, was zumindest teilweise der Wahrheit entsprach. »Ich habe gehört, dass Blackheath sehr hübsch sein soll, doch ich habe für meinen Besuch keinen guten Tag gewählt.«
Sie lachte und bemerkte, dass niemand Lust habe, bei solchen Wolkenbrüchen über die Heide zu spazieren. »Sie leben bestimmt in Südfrankreich«, fuhr sie fort und musterte beifällig sein gebräuntes Gesicht. »Mein Bruder hat Ferien in Nizza gemacht und ist braun wie eine Marone zurückgekommen.«
Er hatte keine Ahnung, was eine Marone war, aber er war froh, dass die Frau einem kleinen Schwatz anscheinend nicht abgeneigt war. Vielleicht konnte er von ihr etwas über Belle erfahren.
»Ich lebe in der Nähe von Marseille. Und der Laden da drüben erinnert mich an die Hutsalons in Frankreich«, sagte er und zeigte auf Belles Geschäft.
Sie folgte seinem Blick und lächelte. »Na ja, es heißt, dass sie ihr Gewerbe in Paris gelernt hat, und alle Damen hier im Ort lieben ihre Hüte.« Echte Wärme klang in ihrer Stimme mit. »Ich hätte heute selbst auf einen Sprung vorbeigeschaut, wenn nicht so ein Hundewetter wäre. Sie nimmt sich immer für jede Kundin Zeit. Eine reizende junge Frau!«
»Ihr Geschäft geht also gut?«
»Oh ja! Ich habe gehört, dass Damen von überall her kommen, um bei ihr einzukaufen. Aber jetzt muss ich mich auf den Weg machen, sonst gibt es heute Abend nichts zu essen.«
»Es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen zu plaudern«, erwiderte er und half ihr, ihren Schirm aufzuspannen.
»Sie könnten dort einen Hut für Ihre Frau kaufen«, sagte die ältere Dame im Gehen noch. »Einen besseren Laden finden Sie nirgendwo, nicht mal auf der Regent Street.«
Nachdem die Frau gegangen war, starrte er in der Hoffnung, einen Blick auf Belle zu erhaschen, weiter über die Straße auf den Laden. Er hatte keine Ehefrau, die er mit einem hübschen Hut hätte erfreuen können, und er brauchte wohl kaum einen Vorwand, um das Geschäft einer alten Freundin aufzusuchen. Aber war es klug, die Vergangenheit wieder lebendig werden zu lassen?
Er wandte sich um und betrachtete sein Spiegelbild in dem Schaufenster neben sich. Seine alten Freunde daheim in Frankreich behaupteten, dass er sich in den zwei Jahren, seit er Belle zum letzten Mal gesehen hatte, verändert hatte, doch ihm selbst fiel nichts dergleichen auf. Er war immer noch schlank und dank der harten Arbeit auf seinem kleinen Bauernhof durchtrainiert, und seine Schultern waren noch breiter und muskulöser als früher. Vielleicht hatten seine Freunde nur gemeint, dass die Narbe auf seiner Wange kaum noch zu sehen war und seine kantigen Züge milder und weniger gefährlich wirkten.
Vor zehn Jahren, mit Mitte zwanzig, als es zu seinem Beruf gehört hatte, anderen Angst einzujagen, war er stolz darauf gewesen, wenn man gesagt hatte, dass seine blauen Augen eiskalt waren und sogar seine Stimme bedrohlich klang. Aber obwohl er wusste, dass er immer noch gewalttätig werden konnte, wenn es die Situation verlangte, hatte er sich aus jener Welt zurückgezogen.
Falls die lobenden Worte der älteren Dame über Belle repräsentativ für die Meinung war, die man in diesem gutbürgerlichen Vorort über sie hatte, waren ihr die skandalöseren Details ihrer Vergangenheit offenbar nicht gefolgt. Das war gut. Gerade er wusste, wie schwer es war, Fehler der Vergangenheit, falsche Entscheidungen und beschämende Episoden endgültig hinter sich zu lassen.
Nun, seine Mission war erfüllt, und er wusste, dass es am klügsten wäre, zum Bahnhof zurückzugehen und in den nächsten Zug nach London zu steigen.
Das Bimmeln der Ladenglocke verriet ihm, dass jemand Belles Hutsalon verließ. Es waren die beiden Damen – Mutter und Tochter, vermutete er, denn die eine schien in den Vierzigern zu sein, die andere ungefähr achtzehn. Die Jüngere lief mit zwei rosa-schwarz gestreiften Hutschachteln in den Händen zu einem wartenden Automobil, während die ältere Frau sich noch einmal umdrehte, als wollte sie »Auf Wiedersehen« sagen. Dann sah er plötzlich Belle in der Tür stehen, genauso schlank und schön, wie er sie in Erinnerung hatte, in einem sehr züchtigen, hochgeschlossenen blassgrünen Kleid, das schimmernde dunkle Haar zu einem schlichten Knoten aufgesteckt, aus dem ein paar Locken fielen und sich um ihr Gesicht schmiegten.
Auf einmal wollte er nicht mehr klug sein; er musste einfach mit ihr sprechen. Das ferne Donnergrollen eines drohenden Krieges, das vor ein, zwei Jahren begonnen hatte, war im vergangenen Jahr ständig lauter geworden, und seit der Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich schien der Krieg unausweichlich zu sein. Deutschland würde zweifellos in Frankreich einmarschieren, und da er für sein Vaterland kämpfen musste, bestand die Möglichkeit, dass er sterben und Belle nie wiedersehen würde.
Als die beiden Frauen abfuhren, schloss Belle die Ladentür. Nun, da sie allein war, fühlte er sich außerstande, dem Impuls zu widerstehen, und so flitzte er im strömenden Regen über die Straße und verharrte ein, zwei Sekunden, um Belle durch die Glastür zu betrachten. Sie stand mit dem Rücken zu ihm und arrangierte Hüte auf kleinen Ständern. Eine Reihe winziger Perlenknöpfe schloss das Rückenteil ihres Kleides, und der Gedanke, dass nicht er es war, der diese Knöpfe für sie öffnen durfte, versetzte ihm einen Stich. Als sie sich vorbeugte, um eine Hutschachtel aufzuheben, erhaschte er einen flüchtigen Blick auf wohlgeformte Waden über hübschen Spitzenstiefeletten. Als er sie in Paris gerettet hatte, hatte er sie nackt gesehen und nichts als Angst um sie empfunden, aber jetzt erregte ihn schon der Anblick eines kleinen Stücks Bein.
Beim Bimmeln der Glocke drehte Belle sich um, und als sie ihn sah, flogen ihre Hände an ihren Mund, und ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. »Etienne Carrera!«, rief sie. »Was in aller Welt machst du denn hier?«
Ihre Stimme, das tiefe Blau ihrer Augen und sogar die Art, wie sie seinen Namen aussprach, erfüllten ihn mit Verlangen. »Ich fühle mich geschmeichelt, dass du dich noch an mich erinnerst«, sagte er und nahm schwungvoll seinen Hut ab. »Und du bist noch hübscher geworden. Der Erfolg und das Eheleben scheinen dir gut zu bekommen.«
Er trat ein paar Schritte näher, um sie auf die Wange zu küssen, aber sie errötete und wich zurück, als wäre sie nervös. »Woher hast du gewusst, dass ich verheiratet bin und hier in Blackheath lebe?«, fragte sie.
»Ich war im Ram’s Head in Seven Dials. Der Wirt hat mir erzählt, dass du Jimmy geheiratet hast und nach Blackheath gezogen bist. Weil ich unmöglich abreisen konnte, ohne dich gesehen zu haben, fuhr ich, in der Hoffnung, dich zu finden, mit der Bahn hierher.«
»Nach allem, was du für mich getan hast, hätte ich dir schreiben sollen, dass ich heirate«, bemerkte sie. Ihn so unerwartet vor sich zu sehen, schien sie ein wenig aus der Fassung zu bringen. »Aber …« Sie geriet ins Stocken.
»Verstehe«, sagte er leichthin. »Unter alten Freunden, die so viel miteinander erlebt haben, bedarf es keiner Erklärungen. Dass Jimmy nach deiner Entführung nie aufgegeben hat, dich zu finden, beweist, wie sehr er dich liebt. Ich bin froh, dass für euch alles so gut gelaufen ist. Ich habe gehört, dass er und sein Onkel hier ein Wirtshaus führen.«
Belle nickte. »Es ist die Bahnhofswirtschaft, gleich den Hügel hinunter. Du erinnerst dich bestimmt noch an Mog, die Haushälterin meiner Mutter, von der ich dir so viel erzählt habe. Also, sie hat im September vor zwei Jahren Garth geheiratet, Jimmys Onkel, und kurz darauf haben Jimmy und ich uns trauen lassen.«
»Und jetzt hast du wirklich deinen Hutsalon!« Etienne musterte beifällig die in Blassrosa und Creme gehaltene Einrichtung. »Sehr hübsch – genauso feminin und schick wie du selbst. Draußen auf der Straße hat mir eine Frau erzählt, dass man nicht einmal auf der Regent Street schönere Hüte bekommt.«
Jetzt schien sie sich ein wenig zu entspannen. Sie lächelte ihn an. »Warum legst du nicht deinen nassen Regenmantel ab, und ich mache uns beiden eine Tasse Tee?«
»Lebst du immer noch auf deinem Bauernhof?«, rief sie ihm zu, als sie in das kleine Hinterzimmer eilte.
Etienne hängte seinen Mantel an einen Kleiderhaken bei der Tür und strich sich mit den Händen das feuchte helle Haar glatt. »Allerdings, aber gelegentlich arbeite ich auch als Übersetzer. Das ist der Grund, warum ich in England bin. Ich hatte etwas mit einem Unternehmen zu besprechen, für das ich gearbeitet habe«, rief er ihr zu.
»Dann besteht dein Leben also nicht ausschließlich aus Hühnern und Zitronenbäumen?«, fragte sie, als sie zurückkam. »Sag mir bitte, dass du nicht vom Pfad der Tugend abgewichen bist!«
Etienne legte eine Hand aufs Herz. »Ich gebe dir mein Wort, dass ich eine Stütze der Gesellschaft bin«, versicherte er mit ernster Stimme, aber mit einem Zwinkern in seinen blauen Augen. »Ich habe weder junge Mädchen nach Amerika begleitet noch sie aus den Klauen von Irren gerettet.«
Er hatte sich nie verziehen, dass er sich nicht geweigert hatte, als die Gangster, für die er damals tätig gewesen war, ihn mit Drohungen gegen seine Familie gezwungen hatten, Belle in ein Bordell in New Orleans zu bringen. Zugegeben, einen Teil seiner Schuld hatte er getilgt, als er sie zwei Jahre später in Paris gerettet hatte, doch in seinen Augen war das nicht annähernd genug.
»Als Stütze der Gesellschaft kann ich mir dich eigentlich nicht vorstellen«, lachte Belle.
»Zweifelst du etwa an meinem Wort?«, fragte er gespielt beleidigt. »Schäm dich, Belle, dass du so wenig Vertrauen zu mir hast! Habe ich dich je belogen?«
»Du hast einmal zu mir gesagt, dass du mich töten würdest, falls ich versuche zu fliehen«, gab sie zurück. »Und später hast du zugegeben, dass es nicht wahr war.«
»Das ist das Problem mit euch Frauen«, gab er schmunzelnd zurück. »Immer erinnert ihr euch an die kleinen, unbedeutenden Dinge.« Er streckte eine Hand aus und strich bewundernd über einen mit Federn verzierten rosa Hut. Belles Talent und Entschlossenheit hatten sich bezahlt gemacht. »Jetzt bist du an der Reihe, die Wahrheit zu sagen. Ist deine Ehe so, wie du es erhofft hattest?«
»Das und noch viel mehr«, antwortete sie fast ein bisschen zu schnell. »Wir sind sehr glücklich. Jimmy ist ein fantastischer Ehemann.«
»Das freut mich für dich«, sagte Etienne und deutete eine Verbeugung an.
Belle lachte wieder. »Und du? Gibt es eine Frau in deinem Leben?«
»Keine, die mir genug bedeutet, um mich fest zu binden«, sagte er.
Sie zog fragend die Augenbrauen hoch.
Er lächelte. »Schau nicht so! Nicht jeder sehnt sich nach Ehe und Sicherheit. Schon gar nicht jetzt, da ein Krieg bevorsteht.«
»So weit wird es doch sicher nicht kommen?«, meinte sie hoffnungsvoll.
»Doch, Belle. Daran besteht kein Zweifel. Es ist nur noch eine Frage von Wochen.«
»Zurzeit reden die Männer über nichts anderes«, seufzte sie. »Ich bin es schon so leid! Sag mal, möchtest du nicht mit mir nach Hause gehen und Jimmy, Garth und Mog kennenlernen? Sie würden sich bestimmt freuen, dich endlich einmal zu sehen.«
»Ich halte das für keine gute Idee«, erwiderte Etienne.
Belle verzog das Gesicht. »Aber warum denn nicht? Du hast mir in Paris das Leben gerettet, und sie wären sehr enttäuscht, wenn sie wüssten, dass du hier warst und nicht einmal Hallo gesagt hast.«
Er sah sie einen Moment lang versonnen an. »Als du hierhergezogen bist, hast du deine Vergangenheit hinter dir gelassen.«
Belle öffnete den Mund, um Einwände zu erheben, schloss ihn aber wieder, als sie erkannte, dass er recht hatte. An dem Tag, als sie Jimmy geheiratet hatte, hatte sie die Tür zu ihrer Zeit in Amerika und Paris fest verschlossen. Etienne mochte sie mit seinem Besuch wieder geöffnet haben, und darüber war sie froh, aber Jimmy würde es vielleicht nicht so sehen.
»Was ist mit Noah?«, fragte sie. »Ihn wirst du doch besuchen, oder? Ihr zwei seid so gute Freunde geworden, als ihr mich gesucht habt, und du erinnerst dich bestimmt noch an Lisette, die sich im Konvent um mich gekümmert hat, bevor du mich nach Amerika gebracht hast. Noah hat sich in sie verliebt, und jetzt sind die beiden verheiratet, und ein Kind ist auch schon unterwegs. Sie wohnen in einem schönen Haus in St. John’s Wood.«
»Ich bin mit Noah in Verbindung geblieben«, sagte Etienne. »Vielleicht nicht ganz so intensiv, wie ich es hätte tun sollen, aber ihm als Journalist fällt das Schreiben nun mal viel leichter als mir. Mittlerweile ist er ein so bekannter Kolumnist, dass ich sogar in Frankreich Artikel von ihm lesen kann. Tatsächlich gehe ich morgen Mittag in der Nähe seines Büros mit ihm essen. Wir werden immer Freunde sein, doch in seinem Zuhause möchte ich ihn lieber nicht besuchen. Wir sind uns beide darin einig, dass Lisette nicht an die Vergangenheit erinnert werden muss, schon gar nicht jetzt, da sie ein Kind erwartet.«
Belle, die genau wusste, was er meinte, lächelte wehmütig. Auch Lisette war als junges Mädchen zur Prostitution gezwungen worden, und genau deshalb hatte sie sich so liebevoll um Belle gekümmert. »Ehrbarkeit hat einen hohen Preis. Ich mag Noah und Lisette sehr, aber obwohl wir Kontakt halten und uns hin und wieder sehen, sind wir immer darauf bedacht, nie zu erwähnen, wie und warum wir uns kennengelernt haben. Ich weiß, dass es für uns in unserer jetzigen Situation als verheiratete Frauen richtig ist, doch es verhindert eine wirklich enge Freundschaft.«
Etienne sah sie eindringlich an. »Wirkt sich die Vergangenheit auf deine Beziehung zu Jimmy aus?«
»Manchmal«, gestand sie. »Es ist, als hätte man einen Holzsplitter im Finger, der nicht herausgeht, an dem man jedoch trotzdem ständig herumfummelt.«
Etienne nickte. Er fand ihren Vergleich sehr passend. »So geht es mir auch. Aber im Lauf der Zeit geht der Splitter doch raus, und die Öffnung, die er hinterlässt, füllt sich mit neuen Erinnerungen.«
Belle lachte auf. »Warum sind wir eigentlich so trübselig? Trotz all der Probleme, die wir hatten, ist es für uns alle, für dich, mich, Jimmy, Mog und auch Lisette, gut ausgegangen. Warum neigen die Menschen dazu, den schlechten Zeiten nachzuhängen?«
»Sind es die schlechten Zeiten, denen wir nachhängen, oder die schönen Augenblicke, die uns in diesen Zeiten weitergeholfen haben?«, gab er zurück und zog fragend eine Augenbraue hoch.
Belle wurde rot, und er wusste, dass auch sie sich noch gut an ihre gemeinsamen Augenblicke erinnerte.
Obwohl sie gegen ihren Willen nach Amerika gebracht wurde, hatte Belle sich rührend um ihn gekümmert, als er während der Überfahrt seekrank geworden war. Lange bevor sie New Orleans erreicht hatten, waren sie einander sehr nahegekommen, und am Abend ihres sechzehnten Geburtstags hatte sie sich ihm angeboten. Er wusste bis heute nicht, wie er es in jener Nacht geschafft hatte, standhaft zu bleiben. Trotz seiner Frau und seiner zwei kleinen Söhne daheim hatte er Belle begehrt. Die Erinnerung an ihren straffen, jungen Körper, der in seinen Armen lag, und an ihre betörenden Küsse hatte ihn im Lauf der Jahre immer wieder heimgesucht. Trotzdem war er froh, dass er ihren Reizen damals nicht erlegen war – er hatte auch ohne das genug Schuld auf sich geladen.
»Immer wenn ich etwas über New York lese, muss ich daran denken, wie du mir all die Sehenswürdigkeiten gezeigt hast«, sagte sie. »Ich muss darauf achten, nie zu erwähnen, dass ich einmal dort war, sonst müsste ich erklären, wann und mit wem das war. Ich habe dich nie gefragt, ob dir die zwei Tage auch so viel Spaß gemacht haben. Hat es dir gefallen?«
»Es war für mich die schönste Zeit seit Langem«, gestand er. »Du warst so überwältigt, so erpicht darauf, alles zu sehen. Mir war sehr unwohl bei dem Gedanken, dich nach New Orleans zu bringen und dort zurückzulassen.«
»Ach, so schlimm war es bei Marta gar nicht!«, meinte sie und legte tröstend eine Hand auf seinen Arm. »Ich habe dir deshalb nie Vorwürfe gemacht. Mir war klar, dass du nicht anders handeln konntest. Außerdem hast du das mehr als wiedergutgemacht, als du zwei Jahre später in Paris durch die Tür gestürmt kamst, um mich vor Pascal zu retten.«
Belle erschauerte unwillkürlich, als sie an das Grauen dachte, dem Pascal sie ausgesetzt hatte. Der geistesgestörte Mann hatte sie im Dachgeschoss seines Hauses eingekerkert und hätte sie zweifellos umgebracht, wenn es Etienne nicht gelungen wäre, sie dort aufzuspüren.
Und Etienne hatte sie nicht nur befreit, sondern ihr geholfen, sich von diesem Albtraum zu erholen, indem er im Krankenhaus an ihrem Bett saß, sie ermutigte, sich auszuweinen, und ihr Hoffnung für die Zukunft gab. Belle erinnerte sich auch noch an den Tag, an dem Noah ihr erzählt hatte, dass Etiennes Frau und seine zwei Söhne bei einem Brand in ihrem Haus umgekommen waren. Es beschämte sie, dass ihre erste Reaktion der Gedanke gewesen war, dass Etienne jetzt frei war, nicht etwa Entsetzen über den grauenhaften Tod seiner Familie.
Etienne bemerkte ihr Erschauern und war sich darüber im Klaren, dass sie verstört war, weil sein unerwarteter Besuch Erinnerungen an ihre gemeinsame Vergangenheit geweckt hatte. Er hatte das Gefühl, dass er sie beide in die Gegenwart zurückholen musste.
»Ich werde mich freiwillig melden, wenn ich wieder in Frankreich bin«, sagte er.
»Oh nein, nur das nicht!«, keuchte sie.
Etienne lachte leise. »Das ist die typisch weibliche Reaktion, aber es ist meine Pflicht, Belle. Und wieder einmal holt mich meine Vergangenheit ein. Ich habe mich nämlich als junger Mann vor dem Militärdienst gedrückt, indem ich nach England ging.«
»Wird man dich dafür bestrafen?«, fragte sie.
Er grinste. »Ich hoffe, die sind einfach froh, einen Soldaten mehr zu haben«, antwortete er. »Der ganze Drill wird mir nicht gefallen, Befehle zu befolgen schon gar nicht, und ich bin auch nicht so naiv zu glauben, dass es der Weg zum Ruhm ist, doch ich liebe Frankreich, und ich will verdammt sein, wenn ich tatenlos mit ansehe, wie es in die Hände der Deutschen fällt.«
Sie sah ihn nachdenklich an. »Du bist einfallsreich und mutig, Etienne, und wirst einen guten Soldaten abgeben. Aber mir wäre es trotzdem lieber, wenn du auf deinem Hof wärst, um Zitronen zu ziehen und Hühner zu füttern.«
Er zuckte mit den Schultern. »Wir können im Leben nicht immer den sicheren und angenehmen Weg gehen. In meiner Vergangenheit hat Gewalt eine große Rolle gespielt, und ich habe erlebt, was für furchtbare Dinge Menschen einander antun können. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dieses Wissen noch einmal brauchen würde, doch anscheinend verlangt mein Land genau das von mir.«
»Du bist ein guter, anständiger Mensch«, seufzte sie. »Pass bitte auf dich auf! Aber wenn du wirklich nicht mitkommen und Jimmy kennenlernen willst, schließe ich jetzt den Laden und gehe heim. Wir essen gern zusammen zu Abend, bevor das Lokal aufmacht.«
»Ja, natürlich, lass dich von mir nicht aufhalten!«, erwiderte er, machte jedoch keine Anstalten, nach Hut und Mantel zu greifen. Er hätte ihr gern gesagt, dass er sie schon immer geliebt hatte, und sie in die Arme genommen und geküsst. Aber er wusste, dass es dafür zu spät war. Damals in Paris hatte er seine Chance gehabt und sie nicht genutzt. Jetzt gehörte sie einem anderen.
»Geh du lieber zuerst. Ich möchte nicht ins Gerede kommen, weil ich mit einem Fremden auf der Straße gesehen worden bin«, sagte sie offen.
Etienne zog seinen Mantel an. »Ich habe gefunden, was ich gesucht hatte«, sagte er leise. »Das Wissen, dass du glücklich und gut aufgehoben bist. Bleib glücklich und liebe deinen Jimmy von ganzem Herzen! Ich hoffe, eines Tages von Noah zu hören, dass ihr einen ganzen Stall voller Kinder habt.«
Er nahm ihre Hand und küsste sie, drehte sich dann schnell um und ging.
»Au revoir«, murmelte Belle, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Tränen brannten hinter ihren Lidern. Sie hätte ihm gern so viel mehr gesagt, gern so viel mehr über sein Leben erfahren.
Mit sechzehn hatte sie geglaubt, ihn zu lieben. Noch heute wurde sie schamrot, wenn sie sich daran erinnerte, wie sie aus ihren Sachen und zu ihm in die Koje geschlüpft war, um sich ihm anzubieten. Er war ganz Gentleman gewesen; er hatte sie im Arm gehalten und geküsst, mehr aber nicht.
Wenn sie jetzt als Erwachsene auf die furchtbaren Dinge zurückblickte, die sie vor ihrer Begegnung mit Etienne erlebt hatte, darauf, dass sie direkt vor ihrem Zuhause von der Straße weg entführt und nach Paris gebracht worden war, dort an ein Bordell verkauft und von fünf Männern vergewaltigt wurde, war ihr klar, dass sie vielleicht jeden, der nach diesen Erfahrungen freundlich zu ihr war, geliebt hätte.
Aber dass Etienne nett zu ihr gewesen war, dass er männlich, einfühlsam und liebevoll war, konnte nicht der einzige Grund dafür sein, dass diese mädchenhaften Träume sie während ihrer ganzen Zeit in New Orleans und auf ihrer Heimreise nach Frankreich nicht losgelassen hatten.
Als er wieder in Erscheinung trat und ihr das Leben rettete, war ihre Unschuld schon lange dahin, und sie wusste mehr über Männer, als jede Frau wissen sollte. Aber auch er musste etwas für sie empfunden haben; warum sonst wäre er zwei Jahre später sofort nach Paris gekommen, als er erfuhr, dass sie verschwunden war?
Während der Zeit ihrer Genesung hatte sie ständig auf eine Liebeserklärung gewartet und gehofft. An der Art, wie er sie ansah, und an der Zärtlichkeit, mit der er sie behandelte, erriet sie, dass er sie liebte. Dennoch nahm er sie nicht in die Arme und gestand ihr nicht seine Liebe, nicht einmal, als sie sich am Gare du Nord verabschiedeten und sie in Tränen ausbrach und keinen Hehl aus ihren Gefühlen machte.
Sie hatte sich nach Kräften bemüht, diesen Abschied aus ihren Gedanken zu verbannen, ebenso wie das Verlangen nach Etienne, das sie noch lange Zeit später empfand, auch dann noch, als sie längst wieder daheim bei Mog war und Jimmy von Heirat redete. Warum hatte er heute herkommen und ihr diesen bestimmten Splitter wieder tief ins Herz treiben müssen?
Sie hatte ihm die Wahrheit gesagt. Jimmy und sie waren sehr glücklich. Er war für sie bester Freund, Liebhaber, Bruder und Ehemann in einem. Sie verfolgten dieselben Ziele, lachten über dieselben Dinge. Jimmy war alles, was sich ein Mädchen erhoffen durfte. Er hatte das Grauen der Vergangenheit ausgelöscht; in seinen Armen erfuhr sie hingebende Zärtlichkeit und auch tiefe Befriedigung, denn er war ein liebevoller und einfühlsamer Liebhaber.
Jimmy war ihre Welt, und sie liebte das Leben mit ihm. Trotzdem wünschte sie, sie hätte Etienne sagen können, wie schön es war, ihn wiederzusehen, wie oft sie in den vergangenen zwei Jahren an ihn gedacht hatte, wie viel sie ihm schuldete.
Aber eine verheiratete Frau konnte so etwas nicht sagen, und genauso wenig konnte sie ihn ermutigen, länger in ihrem Laden zu bleiben. Blackheath war wie ein Dorf, die Leute hier waren engstirnig und neugierig, und viele von ihnen würden sich nur zu gern die Mäuler zerreißen, wenn sie Belle im Gespräch mit einem attraktiven Mann sahen.
Sie fing an, im Geschäft aufzuräumen, indem sie den Ladentisch abstaubte und verirrtes Seidenpapier vom Boden klaubte.
Warum, fragte sie sich unwillkürlich, hatte sie das Gefühl, dass irgendetwas in ihrem Leben fehlte, wenn doch alles so gut lief? Warum las sie in der Zeitung Artikel über die Suffragetten und beneidete sie insgeheim, weil sie den Mut hatten, trotz aller Feindseligkeit, die ihnen entgegengebracht wurde, für die Rechte der Frauen einzutreten? Warum fühlte sie sich von all der Ehrbarkeit ringsum eingeengt? Und, wichtiger noch, warum bescherte ihr Etienne mit seiner Stimme, seinem Aussehen und seinen Lippen auf ihrer Hand immer noch eine Gänsehaut?
Sie schüttelte den Gedanken ab, öffnete die Lade, in der sie die Tageseinnahmen verwahrte, und verstaute das Geld in einem Stoffbeutel, den sie in ihren Pompadour schob. Sie steckte ihren Strohhut mit einer langen Hutnadel in ihrem Haar fest, warf sich ihren Umhang über die Schulter und nahm ihren Schirm aus dem Schirmständer.
In der Tür blieb sie noch einmal stehen, bevor sie das Licht ausschaltete, und dachte an den Tag zurück, an dem sie ihr Geschäft eröffnet hatte. Es war ein kalter Novembertag gewesen, genau zwei Monate nach Mogs und Garths Hochzeit, und Jimmy und sie wollten kurz vor Weihnachten heiraten. An jenem Tag war alles neu und blitzblank gewesen. Jimmy hatte sie mit den kleinen, aber kostspieligen französischen Kandelabern und dem Ladentisch überrascht. Mog hatte die beiden Regency-Stühle entdeckt und mit rosa Samt neu bezogen, und Garths Geschenk bestand darin, die beiden Maler zu bezahlen, die das düstere kleine Geschäftslokal in ein Paradies in Blassrosa und Creme verwandelt hatten.
An diesem ersten Tag verkaufte Belle zweiundzwanzig Hüte, und seither waren Dutzende Kundinnen immer wiedergekommen, um bei ihr zu kaufen. In den neunzehn Monaten, die inzwischen vergangen waren, hatte es insgesamt weniger als sieben Tage gegeben, an denen sie nicht einen einzigen Hut verkauft hatte, und das nur wegen Schlechtwetters. Im Durchschnitt verkaufte sie ungefähr fünfzehn Hüte pro Woche, und das hieß zwar, dass sie hart arbeiten und eine Hilfskraft beschäftigen musste, um der Nachfrage nachzukommen, aber auch, dass sie gute Gewinne erzielte. Im Frühling hatte sie schlichte Strohhüte gekauft und selbst aufgeputzt, und dieser Einfall hatte sich als äußerst einträglich erwiesen. Ihr Laden war ein durchschlagender Erfolg.
Wie alles in deinem Leben, rief sie sich in Erinnerung, als sie das Licht ausmachte.
Etienne ging direkt zum Bahnhof, aber als er feststellte, dass er gerade einen Zug verpasst hatte und fünfundzwanzig Minuten auf den nächsten warten musste, stellte er sich neben den Kartenschalter ans Fenster und starrte auf die Bahnhofswirtschaft auf der anderen Straßenseite.
Er hatte die englischen Kneipen nie wirklich begriffen, die strikten Öffnungszeiten, die Männer, die an der Theke standen, um Unmengen Bier in sich hineinzuschütten, und dann zur Sperrstunde auf unsicheren Beinen heimwärts wankten, als könnten sie ihre Frauen und Kinder nur im Zustand der Trunkenheit ertragen. In französischen Lokalen ging es wesentlich zivilisierter zu. Niemand sah in ihnen eine Art Tempel, den man aufsuchte, um sich zu betrinken, denn sie waren den ganzen Tag geöffnet, und niemand wurde schief angesehen, wenn er beim Zeitunglesen einen Kaffee oder eine Limonade trank.
Das Railway Inn wirkte mit seinem frischen Anstrich und den blank geputzten Fenstern wenigstens sehr einladend, und er konnte sich gut vorstellen, dass es an kalten Winterabenden ein warmer, anheimelnder Zufluchtsort war.
Noch während Etienne es betrachtete, kam ein großer Mann mit rotem Haar und Bart heraus. Er trug über seinen Sachen eine Lederschürze, und Etienne nahm an, dass das Garth Franklin war, Jimmys Onkel. Er starrte auf eine Stelle der Dachrinne, aus der Wasser spritzte, lief am Gebäude entlang und rief nach jemandem.
Ein junger Mann trat aus dem Haus, und Etienne wusste sofort, dass es Jimmy war. Er war größer, als er gedacht hatte, genauso groß und breitschultrig wie sein Onkel, doch er war sorgfältig rasiert, und sein rotes Haar war gepflegt und ein wenig dunkler als Garths, vielleicht weil er es mit Haaröl glatt gestrichen hatte. Die beiden, die wie Vater und Sohn wirkten, standen im Regen, anscheinend ohne ihn wahrzunehmen, starrten nach oben und sprachen über das Leck in der Dachrinne.
Auf einmal drehte Jimmy sich um und lächelte strahlend, und Etienne stellte fest, dass der Grund für dieses Lächeln Belle war, die gerade auf die beiden zukam.
Sie mühte sich ab, ihren Schirm senkrecht und ihren Umhang auf den Schultern zu halten, aber trotzdem rannte sie die letzten paar Meter. Als sie bei den beiden Männern war, kippte ihr Schirm nach hinten, und Etienne fiel auf, dass sie genauso strahlte wie ihr Mann.
Jimmy nahm ihr mit einer Hand den Schirm ab, während er mit der anderen über ihre feuchte Wange strich, und küsste sie auf die Stirn. Allein diese kleinen zärtlichen Gesten verrieten Etienne, wie sehr der Mann sie liebte.
Er konnte nicht länger hinsehen. Auch wenn ihm das Wissen, dass Belle aufrichtig geliebt und behütet wurde, inneren Frieden hätte schenken sollen, war alles, was er empfand, bittere Eifersucht.