KAPITEL 13

1917

Als Belle beim Fahrradschuppen war, raffte sie den Rock ihrer Schwesterntracht ein wenig und schnallte den Gürtel enger, bevor sie das Rad herausholte.

Es war ein milder Aprilabend, und nach einem langen Tag auf einer stickigen, ziemlich deprimierenden Krankenstation war es eine Wohltat, an der frischen Luft zu sein. Die Heimfahrt über die Heide munterte sie immer auf, und sie freute sich schon darauf.

Aber als sie ihr Rad aus dem Schuppen schob, stellte sie fest, dass schon wieder beide Reifen platt waren. Es hatte keinen Zweck, sie aufzupumpen; wie in allen anderen Fällen, wenn das passiert war, wusste sie, dass böse Absicht dahintersteckte. Und tatsächlich, als sie die Reifen herumwirbeln ließ, steckte in jedem ein kurzer Nagel.

Belle war inzwischen sehr geschickt im Flicken platter Reifen. Genau genommen hatte sie gelernt, alles Mögliche zu reparieren, seit sie Rad fuhr. Aber hier ging das nicht – sie würde das Fahrrad nach Hause schieben und es dort in Ordnung bringen müssen.

Als sie losging, winkten ihr mehrere Krankenschwestern, andere Freiwillige und Sanitäter, die auf dem Heimweg waren oder eben ihre Nachtschicht antraten, freundlich zu. Sie war mittlerweile im Royal Herbert gut bekannt und hatte etliche Freundschaften geschlossen. Sie würde all diese Männer und Frauen vermissen, wenn sie in zwei Wochen mit Miranda nach Frankreich ging.

Den Ärger mit den platten Reifen allerdings nicht. Alle anderen glaubten, dass es ein dummer Streich war, der nichts mit ihr persönlich zu tun hatte. Doch Belle war davon nicht überzeugt; es schien, als hätte irgendjemand genau sie aufs Korn genommen.

Es passierte nicht in regelmäßigen Abständen. Manchmal kam es ein einziges Mal in vierzehn Tagen vor, dann tat sich wieder wochenlang nichts, und einmal hatte sie sogar drei Monate Ruhe gehabt und gedacht, derjenige, der dahintersteckte, hätte endlich genug.

Aber der unbekannte Täter kam immer wieder. Sie hatte versucht, ihr Rad woanders abzustellen, und dafür sogar eine Rüge in Kauf genommen, doch es half nichts. Schwester Adams hatte angedeutet, dass vielleicht Eifersucht im Spiel sei, weil sie jung und hübsch und bei Patienten wie beim Personal gleichermaßen beliebt war. Alle waren sich einig, dass es jemand sein musste, der im Krankenhaus arbeitete.

Das vergangene Jahr hatte allen Menschen in England viel abverlangt. Bei Kriegsbeginn hatte man sich noch von der allgemeinen Begeisterung und der Woge von Patriotismus mitreißen lassen. Aber als der Krieg nicht so schnell aufhörte, wie alle geglaubt hatten, und die Listen der Gefallenen immer länger wurden, das Grauen der Luftangriffe und die Lebensmittelknappheit hinzukamen, machten sich Zweifel und Erschöpfung in der Bevölkerung bemerkbar.

Einige Veränderungen hatte der Krieg mit sich gebracht, die Belle begrüßte. Junge Frauen genossen mehr Freiheit als früher und konnten in Berufen arbeiten, die vor fünf Jahren als undenkbar für eine Frau gegolten hatten. Es gab Bus- und Taxifahrerinnen, weibliche Postangestellte und Frauen, die in Munitionsfabriken und in der Landwirtschaft arbeiteten. Anstandsdamen waren ein Relikt aus vergangenen Zeiten geworden; da so viele junge Männer in Frankreich waren, wurden sie für überflüssig gehalten.

Belle musste oft über die empörten Leserbriefe würdiger Matronen lächeln, die sich über den Niedergang der Moral ereiferten. Sie behaupteten, die jungen Frauen verhielten sich unbedacht, wenn sie zum Tanzen ausgingen, nach Einbruch der Dunkelheit mit Männern in Uniform unterwegs waren und in Kneipen einkehrten. All das traf zu, und Belle fand es mehr als verständlich, dass junge Leute jede Gelegenheit, sich zu amüsieren, beim Schopf packten, wenn sie befürchten mussten, dass jeden Moment der Tod drohen konnte. Abgesehen davon, dass sie Jimmy vermisste und Angst um ihn hatte, war das vergangene Jahr für Belle ein gutes Jahr gewesen. Die Melancholie, die auf den Tod ihres Babys gefolgt war, war verschwunden; geblieben war eine vage Trauer, mit der sie leben musste. Sie hatte ihre enge Freundschaft mit Miranda, und Mog und Garth akzeptierten ihre Arbeit im Lazarett inzwischen nicht nur, sondern waren stolz auf sie. Mog sagte zwar manchmal, sie hoffe, dass Belle nach dem Krieg wieder als Modistin arbeiten würde, hielt es aber für richtig, dass sie sich für die Arbeit im Krankenhaus gemeldet hatte.

Es war harte Arbeit, und es gab vom Dienstantritt am Morgen bis sechs Uhr am Abend, wenn Belle Schluss hatte, keine Atempause. Jeder Tag brachte einen stetigen Strom Verwundeter mit sich, auch wenn es nie mehr so viele waren wie nach der Schlacht an der Somme im vergangenen Juli.

Im letzten Jahr hatte Belle Verwundungen gesehen, die so grauenhaft waren, dass sie nicht fassen konnte, wie viel der menschliche Körper zu erdulden imstande war – der Verlust des Augenlichts, abgerissene Arme und Beine, entsetzliche Verbrennungen und Bauchwunden. Die Gesichts- und Kopfwunden fand sie am schlimmsten. Männer auf Krücken oder im Rollstuhl wurden wie Helden gefeiert und ernteten von allen Seiten Respekt und Bewunderung. Aber bei Menschen, die furchtbar entstellt waren, wandten die Leute den Blick ab, und manchmal fiel es sogar ihren eigenen Verwandten schwer, damit umzugehen.

Die ungeheuer hohen Verluste des Jahres 1916 waren der Grund, warum Miranda und Belle schließlich doch als Fahrerinnen akzeptiert wurden. Der furchtbare Stellungskrieg in Verdun hatte siebenundachtzigtausend gefallene Franzosen zur Folge, und in der Schlacht an der Somme, die bis November dauerte, waren in den alliierten Truppen über vierhunderttausend Tote zu verzeichnen. Daraufhin musste das Rote Kreuz umdenken, zumal Amerika in den Krieg eintrat und viele der amerikanischen Rettungsfahrer sich zur Armee meldeten. Mit den deutschen U-Booten, die seit Februar gnadenlos Jagd auf Schiffe machten, und der erst kürzlich begonnenen Schlacht um Arras und immer höheren Verlusten konnten die zuständigen Behörden über jede Hilfe froh sein, die ihnen angeboten wurde.

Beide Mädchen bekamen glänzende Referenzen von den Krankenschwestern und der Oberschwester und konnten noch dazu Auto fahren. Aber Belles Ansicht nach war es etwas anderes, was wirklich zu ihren Gunsten entschied: die Tatsache, dass sie beide ein wenig Französisch sprachen, und ihre Entschlossenheit, die sie unter Beweis gestellt hatten, indem sie sich immer wieder aufs Neue bewarben.

Die Oberschwester, die kaum jemals eine erfahrene Schwester, geschweige denn eine unbedeutende Freiwillige lobte, hatte Belle überrascht. »Ich habe Sie zuerst für ein albernes junges Ding gehalten«, sagte sie und fixierte Belle mit ihren scharfen Augen, denen nichts entging. »Aber Sie haben sich als verlässlich, gewissenhaft und ausdauernd erwiesen. Wenn Sie nicht verheiratet wären, würde ich Ihnen eine Ausbildung zur Krankenschwester nahelegen. Ich verliere Ihre Hilfe hier nur ungern, doch je eher Verwundete in ein Lazarett gebracht werden können, desto besser sind ihre Überlebenschancen, das weiß ich. Ich werde dem Roten Kreuz mitteilen, dass Sie meiner Überzeugung nach über die erforderliche Findigkeit und Courage verfügen und hier genug Erfahrungen gesammelt haben, um dieser Herausforderung gewachsen zu sein.«

Belle war aufgeregt, aber auch nervös. Miranda und sie redeten schon lange davon, nach Frankreich zu gehen, doch nun, da ihr Wunsch wahr werden sollte, befielen beide Zweifel an ihren Fähigkeiten. Es war eine Sache, unter dem wachsamen Blick einer Krankenschwester Verbände zu wechseln, eine ganz andere hingegen, in Eigenverantwortung schwer verwundete Männer in ein Lazarett zu bringen. Beide hatten Angst, sie könnten sich verfahren, der Wagen könnte zusammenbrechen und sie würden in einem Notfall womöglich die Nerven verlieren.

Aber als Belle ihr Fahrrad nun nach Hause schob, dachte sie nicht daran, was ihr in Frankreich alles zustoßen könnte; ihre Gedanken waren bei Jimmy. Er hatte Glück gehabt, mit einer relativ leichten Wunde davonzukommen, während so viele aus seinem Regiment an jenem ersten Tag an der Somme gefallen waren. Sie würde nie vergessen, wie sehr er sich über das, was er das »Abschlachten« nannte, empört hatte. Und obwohl er behauptete, dass seine Verwundung geringfügig und er selbst völlig in Ordnung wäre, hatte sie in der Zeit, die er daheim verbracht hatte, manchmal den gleichen gehetzten Ausdruck in seinen Augen gesehen wie bei vielen ihrer Patienten im Krankenhaus.

Am letzten Tag vor seiner Rückkehr nach Frankreich war er plötzlich damit herausgeplatzt, wie die Deutschen in Ypern Flammenwerfer eingesetzt hatten. Er schilderte, wie auf einmal an den Gräben rechts von ihm eine Flammenwand in den Nachthimmel aufgelodert war, wie die Männer geschrien hatten, als sie versucht hatten, aus den Gräben zu klettern, um dem Inferno zu entkommen, wie es nach verbranntem Fleisch gerochen hatte. Das Feuer erreichte ihn nicht, aber in jener Nacht starben an die fünfzig Männer, die er gut kannte, und viele andere, die überlebten, würden den Rest ihres Lebens Schmerzen behalten und furchtbar entstellt bleiben.

Jimmy gehörte zu den Männern, die Befehl hatten, die Leichen zu bergen. Er sagte, dass einige von ihnen immer noch wie Krebse an der Wand des Schützengrabens klebten, von den Flammen getroffen, als sie versucht hatten herauszuklettern. Andere waren auf die Leichen anderer Männer gefallen, und alle waren schwarz und verkohlt, ihre Uniformen zu Asche verbrannt. Er hatte sich bei dem Anblick übergeben und noch ein paar Tage danach keinen Bissen heruntergebracht.

Gleich darauf entschuldigte er sich, weil er Belle mit diesen Bildern des Grauens belastete. Sie sagte ihm, es sei besser, darüber zu reden, als es mit sich herumzuschleppen, doch ihr war klar, wie sehr es ihn quälte, dass er es nicht für sich behalten hatte. Vielleicht war er der Meinung, dass echte Männer mit derartigen Erinnerungen allein fertigwerden sollten.

Seit er wieder in Frankreich war, waren seine Briefe kurz, aber fröhlich, voller lustiger kleiner Anekdoten über andere Soldaten. Einige von ihnen hatten ein besonderes Talent für das Aufspüren von Proviant. Sie verschwanden eine Weile und kamen mit einer Flasche Brandy oder einem Kaninchen zurück, das sie mit einer Falle gefangen hatten. Andere schrieben Gedichte oder konnten singen, manche brachten alle zum Lachen, und wieder andere konnten gut erzählen. Jeder andere, der Jimmys Briefe gelesen hätte, hätte glauben können, dass er in einem Pfadfinderlager war und jede Menge Spaß hatte. Doch Belle hatte gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Sie wusste, dass er jedes Mal Angst hatte, wenn er an die Frontlinie geschickt wurde, aber davon überzeugt war, dass sein Schicksal vorbestimmt war und er nichts daran ändern konnte.

Belle wusste, sie würde genauso schreckliche Dinge sehen wie Jimmy, wenn sie erst einmal einen Rettungswagen fuhr. Bei den Patienten, die ins Royal Herbert eingeliefert wurden, waren die Wunden bereits gesäubert und verbunden worden. Hoffentlich würde sie in der Lage sein, mit wesentlich schlimmeren Dingen umzugehen, ohne zusammenzubrechen!

»Nanu, Belle, haben Sie etwa einen Platten?«

Belle zuckte zusammen, als hinter ihr eine Männerstimme erklang. Sie brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass es Blessard war. In diesem Moment wurde ihr klar, dass er für die platten Reifen verantwortlich war und ihr hier aufgelauert hatte.

Vermutlich hatte er hier schon einige Male gewartet, aber fast immer, wenn sie einen Platten gehabt hatte, war sie von einem der Ärzte, der zur gleichen Zeit nach Hause fuhr, oder Mr. Eldredge, dem Gemüsehändler, mitgenommen worden, der das Lazarett belieferte und auf dem Heimweg immer im Railway Inn einkehrte.

»Für Sie immer noch Mrs. Reilly«, erwiderte sie und ging weiter, ohne sich umzudrehen.

Er trat hinter sie und hielt das Rad am Sattel fest. »Warum so unwirsch? Ich wollte doch nur Hallo sagen.«

Jetzt drehte sie sich zu ihm um. Er trug ein maßgeschneidertes kariertes Jackett und eine graue Flanellhose, und seine schicke Kleidung legte den Verdacht nahe, dass er sie zu beeindrucken hoffte. »Da Sie das ja nun getan haben, können Sie mein Rad wieder loslassen.«

Er gehorchte, ging jedoch neben ihr her. »Die Arbeit im Lazarett muss sehr anstrengend sein. Ich bewundere die Damen, die freiwillig dort arbeiten, sehr. Ist sicher nicht leicht.«

»Für die Verwundeten ist es auch nicht leicht«, sagte sie brüsk. »Es überrascht mich, dass Sie keine Uniform tragen. Warum eigentlich nicht?«

Die Wehrpflicht war im vergangenen Jahr eingeführt worden, und er hatte keine sichtbaren Behinderungen.

»Ich habe ein schwaches Herz«, erwiderte er. »Ansonsten würde ich selbstverständlich meinen Teil beitragen.«

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Natürlich war es möglich, dass er die Wahrheit sagte, aber viel wahrscheinlicher schien, dass er einen Arzt bestochen hatte, ihm Untauglichkeit zu bescheinigen. »Hören Sie, Mr. Blessard, ich möchte nicht unhöflich sein, doch ich habe Ihnen nichts zu sagen und habe kein Bedürfnis nach Ihrer Gesellschaft. Kümmern Sie sich also bitte um Ihre eigenen Angelegenheiten und lassen mich in Ruhe!«

Er packte sie unvermittelt am Arm und drückte so fest zu, dass es wehtat. »Wie kommt eine Hure zu einer derartigen Arroganz?«, fragte er. »Ich weiß alles über Sie. Bis ins letzte Detail. Sehen Sie, ich mache es mir zur Aufgabe, alles über Leute herauszufinden, die mich interessieren. Sie mögen den Menschen in Blackheath weisgemacht haben, dass Sie in Paris das Handwerk der Modistin gelernt haben, aber ich weiß, was Sie dort wirklich getrieben haben. Auch wenn Sie ein paar einflussreiche Freunde haben, die Sie decken, ein Reporter spürt immer die Wahrheit auf.«

Belle ließ ihr Fahrrad los, und als es scheppernd auf den Boden fiel, fuhr sie herum und rammte ihr Knie mit aller Kraft, die sie aufbrachte, in Blessards Genitalien. Er taumelte zurück.

»Ich habe eine ganze Menge in Paris gelernt«, zischte sie. »Unter anderem, wie man mit Abschaum wie Ihnen umgeht. Wenn Sie noch einmal in meine Nähe kommen, werden Sie es bitter bereuen.«

Sie hob ihr Rad auf und ging mit raschen Schritten weiter. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte ihr, dass sich der Reporter vor Schmerzen krümmte und nicht in der Verfassung war, ihr zu folgen.

Bei ihrer Ankunft zu Hause wollten Garth und Mog eben zu Abend essen. Als ihnen Belles gerötetes Gesicht auffiel, erzählte sie ihnen, was passiert war.

»Den schnappe ich mir jetzt!«, rief Garth und stand auf.

»Inzwischen ist er bestimmt längst weg«, meinte Belle. »In das Loch zurückgekrochen, aus dem er gekommen ist.«

»Aber wenn er dir nun wieder nachstellt?«, sagte Mog, deren Augen vor Schreck geweitet waren.

»In zwei Wochen bin ich schon auf dem Weg nach Frankreich. Ich bezweifle, dass er in der kurzen Zeit den Mut aufbringt, es noch einmal zu versuchen«, entgegnete Belle.

»Du hättest das nicht tun sollen«, tadelte Mog. »Jetzt wird er nur noch mehr darauf aus sein, dir Ärger zu machen.«

»Mog! Er hat es verdient!«, rief Garth, der es anscheinend nicht fassen konnte, dass seine Frau Belle nicht den Rücken stärkte. »Was hatte sie denn für eine Wahl? Hätte sie ihn einfach gewähren lassen sollen?«

»Nein, natürlich nicht, doch Gewalt führt nur zu noch mehr Gewalt«, sagte Mog kleinlaut.

»Himmel, Arsch und Zwirn! Feuer mit Feuer bekämpfen, das ist meine Devise«, gab Garth zurück. »Gut gemacht, Mädchen! Ich werde demnächst mal ein Wörtchen mit diesem Polizisten sprechen, Constable Broadhead. Er wird schon herauskriegen, wo der Kerl herkommt, und dann knöpfe ich ihn mir vor!«

Mog schüttelte den Kopf. »Du kannst Broadhead nicht erzählen, was der Mann zu Belle gesagt hat.«

»Nein, wirklich nicht«, gab Belle ihr recht. Sie hatte PC Broadhead gern, er war ein guter Mann, doch sie wusste, dass er eine Schwäche für sie hatte und wahrscheinlich sofort losstürzen würde, um den Reporter zu verhaften. Und wenn ein Mann wie Blessard in die Enge getrieben wurde, würde er alles über ihre Vergangenheit herausposaunen. Das durfte sie nicht riskieren. »Lass die Sache lieber auf sich beruhen! Wenn ich erst in Frankreich bin, kann er mich nicht mehr belästigen.«

Trotz ihrer Worte war sie sehr beunruhigt, als sie an diesem Abend an Jimmy schrieb. Da Blessard sie so lange in Ruhe gelassen hatte, hatte sie geglaubt, er hätte das Interesse an ihr verloren. Die heutige Begegnung bewies, dass dem nicht so war und sie einfach Glück gehabt hatte, dass er sie nicht schon bei einer früheren Gelegenheit abgepasst hatte. Aber durch die Art ihrer Reaktion hatte sie gewissermaßen Farbe bekannt, und das würde ihn wahrscheinlich nur in seiner Entschlossenheit bestärken, sie bloßzustellen.

Um sich selbst machte sie sich dabei kaum Sorgen. Wenn nichts anderes zuvor, hatte der Krieg und alles, was sie gesehen hatte, sie gelehrt, dass schlimme Dinge passieren konnten und nichts so blieb, wie es war. Jimmy und sie konnten wegziehen, wenn alles vorbei war, doch wie immer waren es Mog und Garth, deren Wohl Belle am Herzen lag. Sie waren hier sehr glücklich, alle mochten und respektierten sie. Im letzten Jahr war Mog bei allen wohltätigen Zwecken zu einer führenden Persönlichkeit geworden: Sie kochte, nähte, strickte, stand an Verkaufsbuden und fertigte Kostüme für Wettbewerbe und Paraden an. Zum ersten Mal in ihrem Leben blickte man zu ihr auf und zählte auf sie.

Belle wusste, dass Mog darunter zu leiden haben würde, wenn ihre Vergangenheit ans Licht kam. Auch wenn nichts über Mogs frühere Tätigkeit bekannt wurde, würde man sie als Belles Tante genauso ächten.

Aber Belle konnte Blessard leider nicht daran hindern, sie bloßzustellen, wenn das seine Absicht war. Sie konnte nur hoffen, dass jeder Schaden, der daraus entstand, sich auf sie selbst beschränken würde.

Zwei Wochen später waren Belle und Miranda endlich im Zug nach Dover. Er war voller Soldaten, die nach Frankreich zurückkehrten, aber sie hatten das Damenabteil für sich allein.

»Dem Himmel sei Dank, dass das ausgestanden ist!«, bemerkte Miranda fröhlich, während sie sich vom Fenster abwandte, aus dem sie gewinkt hatte, und sich auf den Sitz fallen ließ. Ihre Eltern hatten sie zum Bahnhof begleitet, und ihre Mutter hatte sie in Verlegenheit gebracht, indem sie laut schluchzte und sich gebärdete, als würde sie ihre Tochter nie wiedersehen.

Belle schloss das Fenster, wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge und setzte sich hin. Mog war auf dem Bahnsteig ruhig und gefasst geblieben, aber Belle wusste, dass sie zu Hause bei Garth zusammenbrechen und weinen würde, und ihre Tränen würden echt sein. Wieder einmal wurde Belle daran erinnert, wie glücklich sie sich schätzen konnte, geliebt zu werden. Miranda mochte alle Vorteile genießen, die vermögende und einflussreiche Eltern mit sich brachten, doch wenn sie nur ein klein wenig vom Pfad der Tugend abwich, würden ihre Eltern sie sofort verstoßen. Sie zweifelte nicht daran, dass Mrs. Forbes-Alton vor ihren Freundinnen mit der wichtigen Arbeit prahlen würde, die Miranda leistete, doch die Tränen heute Morgen waren nicht von Herzen gekommen, und in Wirklichkeit war sie froh, ihre anstrengende Tochter loszuwerden.

»Mama ist so eine Heuchlerin«, stellte Miranda fest. »Noch bevor wir heute Morgen das Haus verlassen haben, habe ich gehört, wie sie das Stubenmädchen anwies, meine Sachen zusammenzupacken und in den Keller zu räumen und mein Zimmer für ihre Schwester vorzubereiten, die auf Besuch kommt. Ich werde nie in dieses Haus zurückkehren, weißt du. Heute ist der erste Tag meines neuen Lebens in Unabhängigkeit.«

»Meine Mutter ist genauso schlimm«, gestand Belle. »Ich habe ihr vor zwei Wochen geschrieben, dass ich nach Frankreich gehe, und sie gefragt, ob sie Sonntag nicht herkommen will, um mich vor der Abreise noch einmal zu sehen. Sie hat mir ganz kurz geantwortet, dass sie leider keine Zeit habe, mir aber alles Gute wünsche. Ich habe eigentlich auch keine Lust mehr, mich mit ihr abzugeben.«

Miranda schüttelte verständnislos den Kopf. »Wie kann sie bloß so sein?«

Dieselbe Frage hatte Belle sich schon unzählige Male gestellt. Annie hatte sie nie wegen des Verlustes des Babys getröstet oder sich besorgt um Jimmy gezeigt und sich auch nicht für Belles Arbeit im Lazarett interessiert. Alles, worüber sie sich ausließ, war, wie gut ihre Pension lief und wie viele reizende Offiziere bei ihr abstiegen. Es schien ihr nicht einmal sonderlich viel auszumachen, wie viele Namen ihrer Gäste später auf den Gefallenenlisten erschienen waren.

»Sie ist mir nie eine richtige Mutter gewesen«, seufzte Belle. »Sie ist eine kalte, egozentrische Person. Das Beste, was sie für mich getan hat, war, mich in Mogs Obhut zu geben.«

»Meine ist genauso arg. Als wir klein waren, sah sie uns pro Tag zehn Minuten, bevor wir zu Bett gingen. Aber anderen Leuten erzählt sie, dass sie alles für uns getan hat! In Wirklichkeit sind wir von Dienstboten aufgezogen worden. Papa hat mir übrigens heute Morgen Geld zugesteckt.« Miranda grinste. »Einhundert Pfund! Ich weiß nicht, ob er sichergehen wollte, dass ich nicht zurückkomme, oder ob es ein Versuch war, mir zu zeigen, dass ihm etwas an mir liegt.«

Belle dachte an die neuen Sachen, die Mog für sie genäht hatte, an den Obstkuchen, den sie gebacken und eingepackt hatte. Die Zeit und die Mühe, die sie für derlei Dinge opferte, machten ihre Liebe greifbar, und all das bedeutete so viel mehr als ein Haufen Geld. Was Jimmy anging, so zeigte er seine Liebe, indem er sich freute, dass sie Gelegenheit hatte, das zu tun, was sie sich wünschte. Er sagte, er sei stolz, weil sie so wichtige Arbeit leistete, und er hoffte freizubekommen, um sie zu besuchen.

»Tja, jetzt sind wir auf uns gestellt«, meinte Belle. »Hoffentlich können wir diese Krankenwagen wirklich lenken und erinnern uns an unsere Französischkenntnisse!«

»Aber natürlich, wir werden unsere Sache glänzend machen! Sag mal, müssen wir unbedingt hier im Damenabteil bleiben? Bei den Soldaten macht es bestimmt mehr Spaß.«

»Miss Forbes-Alton, Sie sind nicht zum Spaß hier«, ahmte Belle die Stimme der Oberschwester im Royal Herbert Military Hospital nach. »Außerdem ist der Zug total überfüllt. Wir können von Glück reden, dass wir Sitzplätze haben, ganz zu schweigen von einem Abteil für uns allein.«

»Wir könnten bei jemandem auf dem Knie sitzen«, meinte Miranda keck.

»Genieße den Komfort, solange du kannst! Auf der Fähre wird es anders aussehen. Ich wette, wenn wir erst einmal in Calais landen, wirst sogar du genug vom Flirten haben.«

»Ich fasse es nicht, dass es uns verboten ist, privat mit Soldaten zu verkehren.« Miranda zückte die Puderdose und puderte sich die Nase. »Ich hatte gehofft, einen schmucken Offizier aufzugabeln, der uns begleitet, wenn wir dienstfrei haben.«

Belle lachte. »Ich fürchte, wir werden so müde sein, dass wir nur noch schlafen wollen, wenn wir nicht im Dienst sind.«

»Ob du wohl Jimmy sehen wirst oder vielleicht sogar diesen Franzosen?«, überlegte Miranda.

»Ich hoffe stark, dass wir keinen von beiden in einem Rettungswagen sehen«, erwiderte Belle. Sie wünschte, Miranda würde nicht so oft auf »diesen Franzosen« anspielen. Belle hatte keine Ahnung, ob Etienne überhaupt noch am Leben war, und es beunruhigte sie ein wenig, dass er sich so oft in ihre Gedanken stahl. »Was ist eigentlich mit deinen Brüdern? Wo sind sie?« Sie wusste, dass sie sich erst gemeldet hatten, als die Wehrpflicht eingeführt worden war, und beide Offiziere waren, aber Miranda hatte nicht erwähnt, wo sie stationiert waren.

Die Freundin wirkte ein bisschen verlegen. »Sie haben beide Schreibtischjobs in London. Wie ihnen das gelungen ist, weiß ich nicht, aber wahrscheinlich hat die liebe Mama ihre Beziehungen spielen lassen.«

Belle verzog den Mund zu einem höhnischen Lächeln. Mrs. Forbes-Alton hatte wirklich Nerven! Andere Männer unter Druck setzen, damit sie sich zum Militär meldeten, doch die eigenen Söhne in Sicherheit bringen! Wie konnte die Frau überhaupt noch erhobenen Hauptes durch die Straßen gehen?

Es war spät in der Nacht, als die beiden Mädchen schließlich in Camiers, dem Basislager der britischen Armee, eintrafen. Belle wusste, dass es nicht weit von der Küste und nördlich von Etaples war, wo Jimmy seine Grundausbildung absolviert hatte, aber eine so gewaltige Anlage hatte sie nicht erwartet. Zu beiden Seiten der Straße erstreckten sich Reihen um Reihen von Baracken, die wie riesige Blechschuppen aussahen, und dahinter weitere Reihen mit großen Rundzelten.

Auf der Ladefläche des Lasters saßen außer Miranda und Belle zehn weitere Krankenpflegerinnen vom VAD und dazu zwei ältere Frauen, die dem Roten Kreuz angehörten, sich aber eher vage über ihren Aufgabenbereich äußerten. Die Fahrt von Calais war eine holperige und kalte Angelegenheit gewesen; die Seitenplanen des Lasters blähten sich im Wind, und die Straße schien nur aus Schlaglöchern zu bestehen.

»Ich hoffe, man erwartet nicht von uns, in einem Zelt zu schlafen«, bemerkte eine der Pflegerinnen mit reichlich affektierter Stimme.

Belle warf Miranda einen nervösen Blick zu. Ihr selbst behagte diese Vorstellung auch nicht.

»Bei den Gebäuden, die wie Schuppen oder große Hütten aussehen, handelt es sich hauptsächlich um Krankenstationen«, erklärte eine der älteren Frauen. »Von innen schauen sie wesentlich besser aus als von hier draußen. Oben im Dach ist ein langes Oberlicht, deshalb sind sie recht hell, vor allem an einem sonnigen Tag. Dazwischen befinden sich Operationssäle, Küchen und dergleichen. Ich bin sicher, dass man Sie alle in einer der Nissenhütten unterbringt; in den Zelten wohnen vor allem Männer, die hier arbeiten, und wenn besonders viel Verwundete hereinkommen, dienen sie als zusätzliche Krankensäle. Im letzten Jahr, nach der Schlacht an der Somme, wurde jedes einzelne Zelt zu diesem Zweck genutzt.«

Die Pflegerinnen vom VAD wurden in eine Hütte gebracht, die viel kleiner als diejenigen war, die als Krankenstationen dienten. Belle und Miranda bekamen eine andere Unterkunft zugewiesen, in deren Nähe eine Reihe von Krankenwagen parkte.

»Eine der Frauen dadrinnen wird Ihnen alles erklären«, sagte der Fahrer. »Viel Glück! Sie werden es brauchen, dieser Ort hier kann die Hölle sein.«

Eine mollige Frau um die dreißig mit extrem kurzem Haar und in einem blauen Flanellpyjama stieg aus ihrem Bett, als die Mädchen eintraten. »Ihr müsst Reilly und Forbes sein«, stellte sie fest und gab ihnen die Hand. »Sally Parsons. Ich bin extra aufgeblieben, um euch zu begrüßen. Die anderen wollten das eigentlich auch, waren aber zu müde.«

»Sehr nett von Ihnen«, antwortete Miranda. »Aber lassen Sie sich nicht von Ihrem verdienten Schlaf abhalten! Tut mir leid, dass es so spät geworden ist.«

Während Miranda für sie beide sprach, sah Belle sich um. Es gab sechs Betten, von denen drei belegt waren, und das mit dem kleinen Licht daneben gehörte eindeutig Sally. Komfort fehlte völlig. Es war einfach eine Hütte mit nacktem Holzboden, zwei Fenstern auf jeder Seite, einem Ofen in der Mitte und einem Tisch mit zwei Bänken am hinteren Ende. Neben jedem Bett stand ein schmaler Spind.

»Zum Waschraum geht’s durch die Tür da«, sagte Sally und zeigte auf eine Tür am hinteren Ende der Hütte. »Zwei Waschbecken, aber leider nur kaltes Wasser. Und wir hängen dort auch unsere Kittel auf und lassen unsere Stiefel da. Morgen zeige ich euch, wo man baden kann. Und wenn es euch nichts ausmacht, sperre ich jetzt ab und leg mich wieder in die Falle.«

Sowie Miranda das Licht zwischen ihrem und Belles Bett einschaltete, knipste Sally ihres aus und legte sich hin. Die beiden Freundinnen sahen einander an und wussten nicht, ob sie lachen oder weinen sollten. Luxus hatten sie nicht erwartet, doch das hier war schon sehr spartanisch und noch dazu eiskalt.

Miranda stupste ihre Matratze an und schnitt ein Gesicht. »Wie Beton«, flüsterte sie.

»Wenigstens haben wir einander«, wisperte Belle zurück.

Innerhalb von zehn Minuten lagen sie in ihren Betten, und obwohl Belle gelacht hatte, als Mog eine selbst gestrickte Wolldecke eingepackt hatte, war sie jetzt froh darüber und kuschelte sich hinein, weil die Leintücher auf dem Bett kratzig und kalt waren und die vorhandenen Decken eigenartig rochen.

Durch die kleinen Fenster fiel ein wenig Licht, und sie konnte in der Nähe gedämpfte Männerstimmen hören. Gelegentlich ging jemand draußen auf dem Weg vorbei, und ab und an wurde eine Tür zugeschlagen.

»Schlaf gut!«, wisperte sie Miranda zu. »Morgen sieht alles schon ganz anders aus.«