KAPITEL 22

Belle stand oben im ersten Stock am Wohnzimmerfenster und hielt aufgeregt nach Mr. Gayles Wagen Ausschau. Es war der Nachmittag des dreiundzwanzigsten Dezember, und die beiden Männer hätten schon gegen elf Uhr im Railway Inn eintreffen sollen, aber ganz London lag unter dichten Nebelschwaden, und es war bitterkalt.

So unerfreulich der Nebel auch war, wenigstens verhinderte er weitere Bombenangriffe. Erst vor drei Tagen war bekannt geworden, dass deutsche Flugzeuge an der Küste von Kent und Sussex Bomben abgeworfen hatten und über sechzehn Personen getötet worden waren.

Belle hatte Jimmy in der Vorwoche besucht, um ihm Zivilkleidung zu bringen, doch er schien sich kein bisschen auf sein Zuhause zu freuen. Jetzt wusste sie nicht recht, ob man in Haddon Hall beschlossen hatte, ihn doch noch länger dort zu behalten, oder ob die beiden Männer nur durch den Nebel aufgehalten worden waren. Falls Jimmy mehrere Stunden bei klirrender Kälte in einem Wagen eingepfercht gewesen war, würde er bei der Ankunft sicher nicht bester Laune sein. Aber nach all der Mühe, die Mog und sie sich mit den Vorbereitungen für Weihnachten gegeben hatten, wären sie sehr enttäuscht, nun doch auf Jimmy verzichten zu müssen.

Die letzten zwei Tage hatten sie damit verbracht, den Weihnachtsbaum zu schmücken und das Wohnzimmer und die Küche mit Tannenzweigen und roten Bändern zu dekorieren. Alles sah sehr festlich und anheimelnd aus. Belle hoffte inständig, dass Garth begriffen hatte, was sie ihm über Jimmys Verfassung gesagt hatte, und er nicht alles verdarb, indem er Besucher zu ihm brachte oder ihn zum Trinken verleitete.

Der Weihnachtsbaum in der einen Ecke des Zimmers sah mit den bunt eingepackten Geschenken darunter wunderschön aus. Belle hatte die hübschen Glaskugeln hervorgekramt, die sie zusammen für ihr erstes Weihnachten in diesem Haus gekauft hatten, und aus Pfeifenreinigern Dutzende kleiner Engel gebastelt, jeden davon in einem Kleid aus gehäkelter weißer Spitze und mit Flügeln und Heiligenschein aus Goldpapier. Wenn am Heiligabend die Kerzen brennen, wird alles noch viel schöner aussehen, dachte Belle.

Alles war bereit: In der Speisekammer wartete ein gewaltiger Truthahn darauf, ins Backrohr geschoben zu werden, und es gab Weihnachtspudding und -kuchen von Mog und viele andere Leckerbissen, für die Belle in den Geschäften stundenlang hatte anstehen müssen.

An den letzten drei Weihnachtsfesten hatten sie sich nicht so viel Mühe gegeben, weil Jimmy nicht da gewesen war, um mit ihnen zu feiern. Belle erinnerte sich, wie Garth, Mog und sie damals zusammengesessen und sich vorgestellt hatten, wie seine Weihnachten aussehen und was die Soldaten zu essen bekommen würden.

In seinem Brief nach dem ersten Weihnachtsfest schrieb er, dass es reichlich Essen und Extrarationen Rum gab, weil die Leute daheim in England den Soldaten an der Front so viel geschickt hatten. Jimmy hatte sogar ein Paket mit Socken, einer Wollmütze, Schokolade und Zigaretten bekommen. Humorvoll schilderte er, wo und wie sie den Tag verbracht hatten, doch zu der Zeit war er noch in einer Scheune untergebracht gewesen, ein gutes Stück von der Front entfernt.

In den nächsten zwei Jahren gab es immer noch Päckchen und Extrarationen, aber deutlich weniger Fröhlichkeit seitens Jimmys. Belle hoffte, dass Weihnachten ihm dieses Jahr ein Gefühl von Frieden schenken würde, weil er wusste, dass all die furchtbaren Dinge nie mehr erleben musste.

An diesem Morgen hatte er in der Zeitung gelesen, dass man in allen Krankenhäusern sehr bemüht war, den Verwundeten ein ganz besonderes Weihnachtsfest zu bescheren. In diesem Jahr bekamen auch sehr viele Soldaten, die an der Front waren, Urlaub. Garth hatte sich am Vorabend in der Kneipe die Füße wund gelaufen, und er rechnete damit, dass heute und morgen noch mehr Betrieb sein würde. Als Belle gestern Abend verstohlen in den Schankraum gespäht hatte, hatte sie ein Meer von Khakibraun gesehen. Die meisten Männer mussten heute mit Brummschädeln aufgewacht sein. Garth hatte erzählt, dass sie ohne Rücksicht auf Verluste getrunken hatten.

Belle hatte Kopfschmerzen vor Nervosität, und ihr war flau im Magen, als sie noch einen Blick in den Spiegel über dem Kamin warf, um ihr Aussehen zu überprüfen.

»Du siehst bildhübsch aus«, hatte Garth vorhin gesagt, aber sie fand das nicht. Durch die Ereignisse der vergangenen Monate war das Strahlen erloschen, das einmal von ihr ausgegangen war, und sie war zu dünn geworden. Ihre Augen wirkten zu groß für ihr Gesicht, und sie war sehr blass, weil sie kaum noch aus dem Haus ging.

Ihr hochgeschlossenes dunkelblaues Wollkleid mit den langen Ärmeln stammte von früher, und sie hatte es geändert, indem sie den Rock gekürzt und es enger gemacht hatte, damit es besser saß. Sie hatte versucht, es mit einem Spitzenkragen und Spitzenmanschetten zu verschönern, doch ganz war es ihr nicht gelungen. Es sah wie das aus, was es war: ein altes Kleid, das vorgab, neu zu sein.

Neue Kleidung würde es in absehbarer Zeit keine geben. Belle musste jetzt jeden Penny zweimal umdrehen, weil sie mit Jimmys Pension nicht weit kommen würden. Ein bisschen Geld von ihrem Laden war ihr noch geblieben, aber das musste sie für die Zukunft aufheben.

Auf der Straße herrschte trotz des dichten Nebels viel Betrieb. Belle konnte Leute reden, Babys schreien und Kinder plappern hören. Außerdem vernahm sie das Klappern von Stiefeln auf dem Bürgersteig, aber nur dann und wann konnte sie in den wirbelnden Nebelschwaden einen flüchtigen Blick auf jemanden erhaschen. Als sie einkaufen gegangen war, hatten vor allen Läden Menschen Schlange gestanden, und sie wusste, dass sie immer noch da draußen waren, verborgen im Zwielicht. Der Gemüseladen hatte mit seinen polierten roten Äpfeln, Orangen und Nüssen sehr festlich gewirkt, doch alles, was sie jetzt noch davon erkennen konnte, war ein matter Lichtschein. Beim Fleischer, der sich nur ein paar Häuser weiter befand, war sie stehen geblieben, um die Truthähne, Gänse und Hühner an den Wandhaken über dem weißen Marmortresen zu bewundern, auf dem große Stücke Rind, Schwein und Lamm ausgebreitet waren. Sie hatte gehört, wie sich andere Frauen darüber beklagten, wie teuer alles geworden war, aber in der Zeitung hatte an diesem Morgen gestanden, dass die Regierung beabsichtigte, gegen Kaufleute vorzugehen, die vom Lebensmittelmangel profitierten. In den ärmeren Vierteln von London würde man diesbezüglich vielleicht auch eingreifen, aber Belle bezweifelte, dass man in wohlhabenden Gegenden wie Blackheath derartige Maßnahmen durchführen würde.

Während sie aus dem Fenster schaute, sah sie, wie ein Wagen im Schneckentempo die Straße hinaufkroch und im Nebel verschwand. Automobile waren inzwischen so verbreitet, dass man sie kaum noch zur Kenntnis nahm, und obwohl der Bäcker, der Milchmann und der Kohlenhändler ihre Waren immer noch mit Pferd und Wagen auslieferten, würden Pferdefuhrwerke aller Wahrscheinlichkeit nach innerhalb der nächsten zehn Jahre von den Straßen verschwinden. Belle hoffte, dass Jimmy und sie dann schon woanders wohnten.

Garth ging ihr mit seinen Vorurteilen gegen Frauen auf die Nerven. Sie wusste, dass sich seine Einstellung nicht verschlimmert hatte; sie selbst war es, die durch ihren Aufenthalt in Frankreich eine andere Sichtweise erlangt hatte. Seine abfälligen Bemerkungen und seine Weigerung, irgendeine Tätigkeit zu verrichten, die in seinen Augen Frauensache war, störten sie zunehmend. Mog mochte sich damit abfinden, sich ihm unterzuordnen, aber Belle hatte nicht vor, ihrem Beispiel zu folgen, nicht einmal um des lieben Friedens willen.

Endlich entdeckte sie Mr. Gayles Wagen und lief nach unten. »Setz den Kessel auf, Mog, er ist da!«, rief sie in die Küche, wo die beiden anderen vor dem Ofen saßen.

Belle hielt Jimmy die Wagentür auf. Es war lange her, seit sie ihn in etwas anderem als seiner Uniform oder der blauen Krankenhauskleidung gesehen hatte, und in seiner alten Tweedjacke, einem weißen Hemd und der braunen Weste, die Mog für ihn gestrickt hatte, sah er völlig verändert aus. »Willkommen daheim, Jimmy!«, rief sie aus und wollte schon eine Hand ausstrecken, um ihn am Arm zu fassen, als ihr einfiel, dass es die Prothese war. Stattdessen öffnete sie rasch die hintere Wagentür, um seine Krücken herauszuholen.

Jimmy hatte sich einige Techniken angeeignet, um sich ohne Hilfe bewegen zu können, und Belle hatte bereits festgestellt, dass er es nicht gut aufnahm, wenn man ihm helfen wollte. Bis sie die Krücken geholt hatte, hatte er sich schon auf dem Beifahrersitz umgedreht und sein intaktes Bein auf den Boden gestellt.

»Gib her!«, meinte er, und indem er nach einer Krücke griff und sie sich unter den rechten Arm klemmte, schaffte er es, sich ohne Hilfe hochzustemmen und auf einem Bein zu balancieren. Wie immer versetzte der Anblick des aufgerollten leeren Hosenbeins Belle einen Stich, doch ihr war klar, dass sie sich alle an dieses Bild gewöhnen mussten.

»Wenn du die jetzt bitte unter meinen Arm schieben könntest«, sagte er und zeigte auf die zweite Krücke. Dann hakte er die künstlichen Finger seiner Prothese um einen Griff an der Krücke und humpelte behände auf die Seitentür des Pubs zu.

Es war eine große Versuchung, ihn für seinen geschickten Umgang mit den Krücken zu loben, aber da Belle wusste, wie zuwider es ihm war, wenn sich jemand dazu äußerte, folgte sie ihm schweigend und unterdrückte den Impuls, eine Hand auszustrecken, falls er stolpern sollte. »Kommen Sie, Mr. Gayle!«, rief sie, sowie sie gesehen hatte, dass Jimmy es in die Diele geschafft hatte. »Sie lechzen bestimmt nach einer Tasse Tee.«

Garth, der schon im Hintergrund wartete, packte trotz ihrer eindringlichen Ermahnungen Jimmy sofort am Arm.

»Lass das!«, sagte sein Neffe barsch. »Du bist mir bloß im Weg.«

»Wie war er auf der Heimfahrt?«, fragte Belle Mr. Gayle leise.

»Sehr ruhig, hat kaum was gesagt«, flüsterte er zurück. »Ist ihm nicht leichtgefallen, seine Freunde zu verlassen, doch das war zu erwarten. Dass wir nur langsam vorankamen, als wir erst mal im Nebel steckten, war keine Hilfe. Ich konnte sehen, wie seine Anspannung mit jedem Kilometer wuchs.«

In der Küche setzte sich Jimmy in den Lehnstuhl beim Ofen und lehnte die Krücken neben sich. Er wirkte unruhig und sah sich um, als wäre er noch nie hier gewesen.

»Es ist so schön, dich wieder zu Hause zu haben!«, sagte Belle und bückte sich, um ihn zu umarmen und zu küssen. Sie war enttäuscht, dass er seinerseits keinerlei Bemerkung fallen ließ, wie froh er sei, daheim zu sein. »Wir sind alle furchtbar aufgeregt, aber sag es bitte gleich, wenn wir dir auf die Nerven gehen!«

»Warum solltet ihr mir auf die Nerven gehen?«, entgegnete er, doch weder ein Lachen noch ein Grinsen deutete an, dass seine Frage als Kompliment gemeint war.

»Du weißt schon, wenn wir zu viel reden oder dir zu viele Vorschriften machen oder wenn du einfach mal allein sein willst«, antwortete sie.

Sie tranken Tee, aßen Kuchen und unterhielten sich über Haddon Hall und die Fahrt hierher. Immer wieder entstand ein verlegenes Schweigen, das Mog mit munterem Geplauder zu überbrücken versuchte.

Mr. Gayle gab sein Bestes, um das Gespräch auf allgemeine Themen zu lenken. »Heute Morgen habe ich gehört, dass die Eisschicht auf den Teichen in Keston und Chislehurst dick genug ist, um Schlittschuh zu laufen. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals vor Januar so stark gefroren hat. Und oben im Norden soll es angeblich schneien. Das wird viele Kinder freuen, auch wenn es für uns ältere Leute eher alarmierend ist.«

»Solange Kohle so teuer ist, werden viele nicht ausreichend heizen können«, ereiferte sich Garth. »Die Regierung redet ständig davon, die Preise zu senken, aber das glaube ich erst, wenn ich es sehe. Es ist ein Skandal, dass manche Leute dabei noch Profit machen.«

»Ich konnte kaum glauben, was die Nüsse diese Weihnachten kosten«, bemerkte Mog. »Brasilianische zu zwei Schilling das Pfund. Und Trockenfrüchte sind kaum zu bekommen. Ich bin froh, dass ich mir schon im Sommer welche besorgt habe, sonst gäbe es jetzt keinen Kuchen oder Weihnachtspudding.«

»Ich muss los«, verkündete Mr. Gayle fast sofort, nachdem er seinen Tee ausgetrunken hatte. »Meine Frau hat heute Abend Gäste eingeladen, und sie wird böse, wenn ich nicht rechtzeitig komme.«

Belle begleitete ihn noch zum Wagen, nachdem er sich von den anderen verabschiedet hatte.

»Es wird schon gut gehen«, sagte er und tätschelte ihre Wange. »Ich kann sehen, wie nervös Sie sind – ein furchtbarer Gedanke, dass er stolpern und hinfallen könnte. Aber Jimmy kommt gut mit den Krücken zurecht; er soll sich nur nicht zu viel zumuten.«

»Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie frohe Weihnachten«, erwiderte sie. »Und danke für die Fahrten, die guten Ratschläge und Ihre Freundlichkeit.«

»Auch Ihnen frohe Weihnachten! Jimmy kann von Glück reden, eine so bezaubernde Frau wie Sie zu haben. Erinnern Sie ihn ab und zu daran und packen Sie ihn nicht in Watte! Er ist ein erwachsener Mann, kein kränkelndes Kleinkind.«

Als Belle wieder ins Haus ging, sah sie Garth mit einem Glas Whisky in der Hand aus der Schankstube kommen.

»Falls das für Jimmy ist, kannst du es gleich wieder zurückbringen«, sagte sie ruhig. »Es wird ihm kein bisschen helfen.«

»Ein Glas zur Beruhigung kann ihm nicht schaden«, erwiderte er mit dem eigensinnigen Gesichtsausdruck, den er so oft aufsetzte.

»Wenn er anfängt, auf Whisky zurückzugreifen, um den Tag zu überstehen, wird es für uns alle schlimm, nicht nur für ihn«, fuhr sie ihn an. »Es ist für ihn schwer genug, in nüchternem Zustand mit seinen Krücken zurechtzukommen. Wenn er betrunken ist, wird er stürzen und sich verletzen. Abends, wenn er schon oben ist, kann er gern ein, zwei Gläser trinken, sonst aber nicht.«

»Du, mein Fräulein, wächst dich zu einer Keifzange aus.« Und damit drehte Garth sich um und ging in den Schankraum zurück.

Sie aßen wie gewöhnlich um sechs in der Küche zu Abend, bevor Garth die Schenke wieder aufsperrte. Es gab Mogs Spezialgericht, Steak-and-Kidney-Pie, eine Lieblingsspeise von Jimmy, doch er schob das Essen auf seinem Teller herum und aß nur ein paar Bissen. Belle bedeutete Mog, seinen mangelnden Appetit nicht zu erwähnen. Aber beim Milchreis und den eingelegten Pflaumen langte er kräftig zu.

»Du hast Milchreis zubereitet, als du in Seven Dials zum ersten Mal für uns gekocht hast«, bemerkte er. »Damals habe ich gehofft, dass du bei uns bleibst.«

Mog errötete. »Dass du dich daran erinnerst!«, sagte sie erfreut. »Aber es war eine Freude, für dich und Garth zu kochen. Meine Güte, hattet ihr einen Appetit!«

Nachdem Belle beim Abwasch geholfen hatte, schlug sie Jimmy vor, nach oben ins Wohnzimmer zu gehen. »Dort brennt ein Feuer im Kamin, und es ist ruhiger und gemütlicher als hier unten.« Sie war nicht sicher, ob Garth ihn nicht doch in die Schankstube locken würde, wenn er in der Küche blieb.

Ein seltsamer Ausdruck huschte über Jimmys Gesicht, ob Panik oder Verärgerung, hätte Belle nicht sagen können, aber er stemmte sich trotzdem aus dem Sessel.

In der Diele setzte er sich auf die Treppenstufen, hielt sich am Geländer fest und zog sich Stufe für Stufe nach oben, genau wie Belle es in Haddon Hall beobachtet hatte. Sie nahm seine Krücken und folgte ihm.

Als er ins Wohnzimmer kam und den Baum, den Weihnachtsschmuck und das Feuer im Kamin sah, zeigte er zum ersten Mal seit seiner Heimkehr Gefühle. »Es sieht so schön und anheimelnd aus!«, sagte er, drehte sich zu ihr um und lächelte sie an. »Wie an den ersten Weihnachten nach unserer Heirat.«

Er setzte sich in den Sessel vor dem Kamin, und Belle zog die Vorhänge zu. »Wir können Karten spielen. Oder lesen. Ich habe ein paar Bücher aus der Bibliothek geholt, von denen ich dachte, dass sie dir vielleicht gefallen.«

»Oder wir sitzen einfach da und schauen ins Feuer«, meinte er. »Früher warst du nie so zappelig. Ist es meinetwegen?«

»Ich glaube, es liegt daran, dass wir so lange voneinander getrennt waren«, bekannte sie. »Für dich muss es genauso sein. Wir können die Uhr nicht zurückstellen und in die Zeit zurückkehren, bevor du nach Frankreich gegangen bist.«

Sie setzte sich neben seinem Sessel auf den Kaminvorleger. »Dafür haben wir früher fast nie Zeit gehabt«, sagte sie. »Du hast immer in der Schankstube gearbeitet, und ich habe hier oben Hüte entworfen.«

Er streckte eine Hand aus und legte sie auf ihre Schulter. »Aber damals hatten wir einander immer viel zu erzählen. Man sollte meinen, dass es nach all der Zeit noch mehr zu sagen gäbe.«

»Ich denke, in ein paar Tagen ist es wieder so.« Sie lächelte ihn an. »Für mich war es auch seltsam, wieder hierherzukommen, und für dich muss es noch merkwürdiger sein.«

»In Haddon Hall war alles einfach«, stellte er nachdenklich fest. »Niemand hat etwas von mir erwartet, die anderen Männer hatten das Gleiche erlebt wie ich, und wir mussten nicht viele Worte machen.«

»Hier erwartet auch niemand etwas von dir. Ich schon gar nicht. Doch du musst mir sagen, was du willst; Gedankenlesen gehört nicht zu meinen Talenten.«

Er lächelte. »Würdest du mich für erbärmlich und undankbar halten, wenn ich dir erkläre, dass ich mir vor allem totale Ruhe wünsche?«

Sie schüttelte den Kopf. »Das ist verständlich. Mir geht es oft genauso, wenn Mog endlos plappert. David, der Sanitäter, der mit mir zusammengearbeitet hat, hat mir mal erzählt, dass er es zu Hause nicht aushält, weil seine Mutter ihn ständig mit Fragen löchert. Ich wusste genau, was er meinte.«

»Vielleicht klappt es dann ja mit uns beiden«, sagte er.

Jimmy wirkte beunruhigt, als er zu Bett wollte und feststellte, dass die Abstellkammer nach wie vor genau das war, nämlich ein Raum, in dem Sachen abgestellt wurden. »Hast du noch keine Zeit gehabt, sie auszuräumen?«, fragte er Belle.

»Ich habe es gar nicht versucht«, antwortete sie. Er hatte die Kammer schon bei ihrem letzten Besuch erwähnt, doch eingedenk dessen, was Dr. Cook gesagt hatte, hatte sie es ignoriert. »Du schläfst dort, wo du hingehörst – bei mir in unserem Schlafzimmer.«

Jetzt sah er erschrocken aus. »Aber ich störe dich bloß, wenn ich schlecht träume. Ich kann auf der Couch schlafen.«

»Nein, Jimmy«, entgegnete sie fest. »Du gehörst zu mir. Und wenn du schlecht träumst, kannst du mich wecken und es mir erzählen. Dein Schlafanzug liegt auf dem Bett. Ich gehe jetzt nach unten und hole dir ein Glas warme Milch. Wenn ich wiederkomme, erwarte ich, dass du im Bett liegst. Keine Widerrede.«

Es war kurz vor der Sperrstunde. Garth war noch im Pub, und zum Glück schien Mog bei ihm zu sein, weil sie Belle sonst bestimmt mit Fragen bestürmt hätte. Während sie in der Küche die Milch wärmte, verbiss sie sich mühsam die Tränen. Jimmy hatte den ganzen Abend keinen Versuch unternommen, sie zu küssen, und abgesehen von einem gelegentlichen Schulterklopfen hatte er sie nicht angerührt.

Wie gern hätte sie zu ihm gesagt: »Du musst nicht mit mir schlafen, halt mich einfach nur fest!« Aber wie? Früher einmal hatte sie mit Jimmy über alles sprechen können. Meistens hatten sie sich sogar ohne Worte verstanden.

Wie sollte sie die Mauer durchbrechen, die er um sich errichtet hatte? Was ging in ihm vor?

Als sie mit der Milch nach oben ging, erwartete sie halb und halb, ihn auf dem Wohnzimmersofa vorzufinden. Falls ja, konnte er dort bleiben; sie war heute Abend zu müde zum Streiten.

Zu ihrer Überraschung lag er im Bett, auf die rechte Seite gerutscht, die Decke bis zu den Ohren hochgezogen, als glaubte er, er könnte sich so unsichtbar machen. Sie stellte die Milch auf den Nachttisch, versprach, gleich wieder da zu sein, und ging ins Badezimmer.

Als sie im Nachthemd zurückkam, hatte er die Milch ausgetrunken und lag genauso da wie vorher. Belle legte sich neben ihn, löschte das Licht und sagte Gute Nacht.

Sie wartete. Nie, nicht ein einziges Mal, seit sie verheiratet waren, hatte er vergessen, ihr einen Gutenachtkuss zu geben. Aber auch ohne ihn zu berühren, spürte sie, wie angespannt er war.

Schließlich hielt sie das Schweigen nicht mehr aus. »Wenn ich verwundet wäre, nicht du, würde ich mir trotzdem wünschen, dass du mich in den Arm nimmst«, platzte sie heraus. »Ich kann mich an keine Nacht in diesem Bett erinnern, in der du nicht einen Arm um mich gelegt hattest.«

Er antwortete nicht.

»Tu nicht so, als schliefest du!«, fuhr sie ihn an. »Mich zu ignorieren wird das Problem nicht lösen.«

»Wissen Huren nicht alles über Männer?«

Seine Worte, obwohl sie im Flüsterton gesprochen worden waren, schienen in dem dunklen Zimmer widerzuhallen. Sie konnte nicht fassen, wie er ihr etwas so Grausames entgegenschleudern konnte.

Zu benommen, um es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen, lag sie stumm da.

»Ich fasse es nicht, wie du so etwas Hässliches zu mir sagen kannst«, brachte sie schließlich mit bebender Stimme heraus. »Ich weiß, was ich war, doch du warst einmal der netteste, selbstloseste Mann, der mir je begegnet ist. Da dein Herz anscheinend zusammen mit deinem Arm und deinem Bein verschwunden ist, kann ich ja ruhig nach Frankreich zurückkehren und dich hier in Selbstmitleid ertrinken lassen.«

Belle stieg aus dem Bett und taumelte ins Wohnzimmer. Sie fühlte sich, als hätte er ihr ins Gesicht geschlagen.

An Schlaf war nicht zu denken. Ihr war kalt, weil sie keine Decke hatte, und sie konnte sich keine holen, ohne Mog darauf aufmerksam zu machen, dass etwas nicht in Ordnung war. Belle war zornig und tief getroffen, weil sie sich nie hätte träumen lassen, dass Jimmy ihr ihre Vergangenheit vorwerfen würde, schon gar nicht, um körperlichen Kontakt mit ihr zu vermeiden.

Die Vorstellung, in der Falle zu sitzen, war furchtbar. Jimmy konnte so gemein sein, wie er wollte, sie konnte ihn trotzdem nicht verlassen. Es wäre nicht in Ordnung, es Mog zu überlassen, die Scherben aufzulesen.

Vielleicht war er wütend auf sie, weil sie ihn gezwungen hatte, bei ihr im Bett zu schlafen. Aber in fast all seinen Briefen der vergangenen Jahre hatte er geschrieben, wie sehr er sich danach sehnte, sich zusammen mit ihr in ihr Ehebett zu kuscheln. Daran musste er sich erinnern. Und so groß seine Angst auch sein mochte, als Liebhaber zu versagen, wollte er sie doch sicher im Arm halten, oder etwa nicht?

Sie hörte, wie er in der Nacht aufstand und ins Bad ging. Seine Krücken klapperten über den Boden. Mit angehaltenem Atem wartete sie darauf, dass er zu ihr kommen würde, um sich zu entschuldigen, doch er kehrte direkt ins Schlafzimmer zurück und schloss die Tür hinter sich.

Lange bevor es hell wurde, stand Belle auf und zog sich im Badezimmer an. Sie bürstete ihr Haar, steckte es ordentlich auf und ging nach unten. Es war Heiligabend, der Tag, an dem im Pub am meisten los war, und Mog und Garth würden bald nach unten kommen, um sich auf den Ansturm vorzubereiten. Belle fürchtete sich davor, ihnen entgegenzutreten, denn welche Lüge sie ihnen auch auftischte, Mog würde sie durchschauen.

Also band sie sich eine Schürze um und deckte den Tisch fürs Frühstück, fest entschlossen, sich nichts anmerken zu lassen und so zu tun, als wäre sie nur früh aufgestanden, um den beiden zu helfen. Sie bestückte auch ein Tablett für Jimmy, denn wenn er im Bett frühstückte und erst später nach unten kam, würden Mog und Garth zu beschäftigt sein, um Verdacht zu schöpfen.

Sie war gerade dabei, Eier und Speck zu braten, als Mog in die Küche kam. »Ach, mein Schätzchen! Was für eine nette Überraschung!«, rief sie und lächelte. »Aber du hättest lieber ausschlafen und das mir überlassen sollen. Wie geht’s Jimmy?«

»Er hat noch geschlafen, als ich nach unten ging«, antwortete Belle. »Ich bringe ihm sein Frühstück rauf.«

Sie nahm Jimmys Tablett, als Mog und Garth sich an den Tisch setzten. Jimmy lag immer noch auf der Seite, als hätte er sich die ganze Nacht nicht gerührt.

»Dein Frühstück, Jimmy«, sagte sie kurz. »Es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn du einstweilen hier oben bleibst. Ich will nicht, dass Mog etwas von unseren Unstimmigkeiten mitkriegt und sich Sorgen macht.«

Er rollte sich auf den Rücken, und sie sah, dass seine Augen rot und verschwollen waren. »Es tut mir leid, Belle. Was ich gesagt habe, war unverzeihlich.«

Einerseits wollte sie seine Entschuldigung annehmen und ihn beschwichtigen, doch andererseits war sie zu verletzt, um ihm ohne Weiteres zu verzeihen. »Nichts ist unverzeihlich, wenn die Zeit und dein Benehmen zeigen, dass du es nicht ernst gemeint hast«, erwiderte sie zurückhaltend. »Aber im Moment tut es mir noch sehr weh. Also setz dich auf und iss das, damit ich zu den anderen nach unten gehen und selbst frühstücken kann!«

»Bleib bitte hier und sprich mit mir!«, bat er.

»Das geht nicht. Unten wartet zu viel Arbeit. Ich verstehe, dass du dich nicht mehr als ganzer Mann fühlst und erst verarbeiten musst, was dir passiert ist. Doch mich auszuschließen und mir meine Vergangenheit vorzuhalten ist nicht die richtige Art, damit umzugehen. Wir reden später weiter.«

»Jimmy ist müde und möchte im Bett bleiben«, verkündete sie unten in der Küche. Da viel zu tun war, fragten weder Mog noch Garth weiter nach. Die beiden Frauen gingen in die Schankstube, um dort zu putzen und aufzuräumen, und Garth machte sich im Keller an die Arbeit.

Später polierte Belle draußen die Messingbeschläge an der Eingangstür. Es war bitterkalt und so neblig, dass sie nicht einmal die andere Straßenseite erkennen konnte. Sie fühlte sich allein, verängstigt und wie erschlagen von der Vorstellung, wie von nun an ihr Leben aussehen würde.

Irgendwann im Lauf des Vormittags brachte sie Jimmy Tee und Kuchen. Er saß aufrecht im Bett und las, und als sie den Tee neben ihm abstellte, versuchte er, sie an der Hand zu fassen, doch sie schüttelte ihn ab und verließ das Zimmer.

Gegen Mittag brachte Mog ihm Suppe und ein paar belegte Brote. Wieder zurück in der Küche, berichtete sie, dass er »spitz« aussah und lieber oben bleiben wollte, damit er ihnen nicht im Weg war.

»Er ist ein tapferer Junge«, sagte sie liebevoll. »Schön, dass wir morgen alle zusammen sein können, ohne uns um das Lokal kümmern zu müssen. Heute sind so viele Leute da! Sie haben sich an der Theke praktisch gestapelt, als ich vorhin saubere Gläser brachte, und heute Abend wird noch mehr Betrieb sein. Eigentlich wollte ich die Mitternachtsmesse besuchen, aber dieses Jahr wird mich der liebe Gott entschuldigen müssen. Ich glaube nicht, dass ich nach Feierabend noch genug Kraft habe, in die Kirche zu gehen.«

Belle war froh, dass Unmengen Gläser zu spülen und Brote zu belegen waren. Als der Pub am frühen Nachmittag für wenige Stunden schloss, kehrte sie noch einmal den Boden und wischte ihn nass auf und putzte dann das Außenklo, alles nur, um nicht bei Jimmy sitzen zu müssen. Ihr Zorn war mittlerweile verflogen; sie fühlte sich nur noch verletzt und sehr erschöpft.

Es war schon nach elf, als Garth die letzten Gäste hinauskomplimentierte und zusperrte. Er hatte den ganzen Abend über getrunken und schwankte leicht. Mog schubste ihn die Stiege hinauf und ging mit Belle in den Schankraum, um Gläser einzusammeln und Tische und Theke abzuwischen.

»Der Rest kann bis übermorgen warten«, sagte Mog und beäugte den Boden, der nass von verschüttetem Bier und mit Zigarettenstummeln übersät war. »Ich schließe nur noch die Einnahmen weg, und dann ab ins Bett.«

Es war Belle, die eine letzte Runde machte, um sich zu vergewissern, dass sämtliche Türen und Fenster geschlossen waren, und überall das Licht löschte. Sie war todmüde und wusste, dass sie eine weitere Nacht auf der Couch nicht ertragen würde. Doch genauso unerträglich war ihr der Gedanke, Jimmy gegenüberzutreten. Sicher war es für ihn nicht angenehm gewesen, den ganzen Abend allein im Schlafzimmer zu verbringen und das Gegröle und Gelächter von unten zu hören. Zum letzten Mal hatte sie ihn gegen halb sieben gesehen, als sie ihm zum Abendessen Schinken, Käse und eingelegtes Gemüse gebracht hatte. Aber schließlich wusste er, wie es am Heiligabend in einer Kneipe zuging, und würde kaum erwarten, dass einer von ihnen Zeit für ihn hatte.

Er las immer noch, als sie in ihrem Nachthemd hereinkam.

»Garth klang betrunken«, sagte er. »Er brummte auf dem Treppenabsatz irgendwas in seinen Bart. Ihr hattet alle einen arbeitsreichen Abend, und du siehst sehr müde aus.«

»Bin ich auch. Ich könnte eine ganze Woche lang schlafen.«

»Ich bin froh, dass du zu mir gekommen bist«, sagte er. »Es tut mir so leid, Belle! Ich war furchtbar gemein zu dir, und ich wünschte, ich könnte es zurücknehmen.«

»Das ist schon Vergangenheit«, meinte sie und strich ihm übers Gesicht. »In ein paar Minuten beginnt der erste Weihnachtstag. Früher, als ich klein war, hat Mog mir erzählt, dass in der Weihnachtsnacht ein Zauber in der Luft liegt. Vielleicht wachen wir morgen früh auf und alles ist wieder in Ordnung.«

Belle legte sich ins Bett, und er schaltete das Licht aus. Sie war gerade im Begriff einzuschlafen, als sie spürte, wie er ihren Nacken küsste und ihr zuflüsterte: »Ich liebe dich.«