KAPITEL 2
Belle, die gerade über ihren Entwürfen saß, hob den Kopf und runzelte die Stirn über den Lärm, der aus dem Lokal nach oben drang. Ein derartiges Getöse hätte sie an einem Samstagabend kurz vor der Sperrstunde erwartet, nicht jedoch an einem Dienstag um acht Uhr.
Mogs häusliche Talente hatten sich seit dem Umzug nach Blackheath voll entfaltet. Das Wohnzimmer war ein großer Raum mit zwei Schiebefenstern, die zur Straße gingen. Nachmittags und abends schien die Sonne herein, und die Farben, die Mog gewählt hatte – blassgrüne Tapeten mit einem zarten Blattmuster, moosgrüne Samtvorhänge und ein weicher Orientteppich, den sie bei einer Auktion ersteigert hatte –, waren elegant und trotzdem anheimelnd.
Die Vorbesitzer der Gaststätte hatten die riesige Couch zurückgelassen, wahrscheinlich deshalb, weil sie schon bessere Tage gesehen hatte, aber Belle und Mog hatten einen losen Chintzüberwurf genäht und aus demselben Stoff Bezüge für die beiden Armsessel angefertigt, die sie aus Seven Dials mitgebracht hatten. Garth zog Mog gern mit ihrem Ehrgeiz auf, zur guten Gesellschaft gehören zu wollen, und meinte, dass sie demnächst darauf bestehen würde, ein Dienstmädchen einzustellen. Doch er und Belle wussten ganz genau, dass sie nie jemand anders die Pflege ihres Heims anvertrauen würde; sie liebte es zu sehr, um es von Fremden in Ordnung halten zu lassen.
Normalerweise stellte das Wohnzimmer eine Oase der Ruhe vor dem Wirbel in der gut besuchten Schenke dar. Belle saß abends gern an dem Tisch beim Fenster, um Hüte zu entwerfen, aber da ihr klar war, dass sie heute Abend bei all dem Lärm nicht in der Lage wäre, sich zu konzentrieren, beschloss sie, nach unten zu gehen und nachzuschauen, was los war.
Weil Garth nichts davon hielt, wenn sich Frauen in seinem Pub aufhielten, konnte Belle nur zur Tür hineinspähen. Trotz ihres begrenzten Blickfelds sah sie, dass das Lokal gesteckt voll mit jungen Männern war, die alle lautstark etwas zu trinken verlangten. Am erstaunlichsten fand sie, dass anscheinend sämtliche Bevölkerungsschichten vertreten waren. Neben den typischen Büroangestellten der City mit ihren steifen Hüten, dunklen Anzügen und gestärkten weißen Hemden standen Arbeiter und Handwerker mit Schirmmützen und schmuddeligen Arbeitshosen, und zwischen diesen beiden Extremen schien es nahezu alle anderen Berufsgruppen nebst entsprechender Bekleidung zu geben. Jimmy und Garth hatten Mühe, mit dem Einschenken nachzukommen.
»Was um alles in der Welt ist da los?«, fragte sie Mog, die in der Küche Gläser spülte. »Dadrinnen müssen mindestens achtzig Männer sein. Was führt die heute Abend her?«
»Sie haben sich alle freiwillig gemeldet«, sagte Mog und schüttelte den Kopf, als könnte sie einen solchen Wahnsinn nicht fassen.
Vor zwei Wochen, am vierten August, waren die deutschen Truppen in Belgien einmarschiert, und daraufhin hatte England Deutschland den Krieg erklärt. Seither wurde über nichts anderes gesprochen. Die Zeitungen waren voll davon, an den Straßenecken standen Männer und diskutierten darüber, wie das alles ausgehen würde, und sogar die Frauen, die in Belles Laden kamen, sprachen über den Krieg. Einige von ihnen befürchteten, dass ihre Ehemänner oder Liebsten sich melden würden, während andere die Meinung vertraten, dass es die Pflicht jedes wehrfähigen Mannes sei, für sein Land zu kämpfen.
Belle wusste genauso gut wie alle anderen, dass die britische Armee klein war, aber es hieß, dass die Soldaten besser ausgebildet als im übrigen Europa waren. Sie hätte nie erwartet, dass normale Männer wie diese hier begeistert zu den Waffen stürmen würden.
»Was, alle?«, rief Belle und spähte wieder in den Schankraum. »Das sind ja nicht mal Männer! Die meisten sind ganz junge Burschen!«
Nun, da sie den Grund für das Getöse, die geröteten Wangen und leuchtenden Augen kannte, lief es ihr kalt über den Rücken. In einigen von ihnen hatte sie die Söhne, Brüder oder Ehemänner von Frauen erkannt, die sie kannte, und sie fragte sich, wie sie darauf reagieren würden, dass sich ihre männlichen Angehörigen gemeldet hatten.
»Anscheinend hat ein Soldat markige Reden geschwungen«, sagte Mog, als wäre das eine Erklärung für das impulsive Handeln der Männer. »Garth kam heute Nachmittag vorbei und sah, wie sie sich scharenweise meldeten. Er hatte selbst so ein Leuchten in den Augen, als er heimkam, doch zum Glück nehmen sie keinen, der über vierzig ist.«
Leise Furcht regte sich in Belle. »Jimmy wird sich doch nicht melden, oder?«
»Nicht wenn er bei klarem Verstand ist«, antwortete Mog und verzog das Gesicht, als wäre ihr die Vorstellung unerträglich. »Aber Männer sind komisch – wer weiß schon, was in ihren Köpfen vorgeht? Die meisten von ihnen sehnen sich nach ein bisschen Aufregung und Abenteuer. Hoffen wir also, dass es stimmt, was alle behaupten, und das Ganze bis Weihnachten vorbei ist.«
Garth stieß die Tür auf und rief Mog zu, sich mit den Gläsern zu beeilen, und bat sie außerdem, nach draußen zu kommen und beim Bedienen zu helfen. Er muss wirklich ganz schön unter Druck stehen, wenn er sein Vorurteil gegen Frauen hinter der Theke überwindet, dachte Belle bei sich, als sie wieder nach oben ging. Aber sowie sie im Wohnzimmer saß, meldete sich erneut die Sorge um Jimmy.
Bis heute hatte er die Ansicht vertreten, dass kriegerische Auseinandersetzungen etwas für Berufssoldaten waren, nicht für eine Horde hitzköpfiger Amateure. Doch was er auch sagen mochte, Belle hatte den Verdacht, dass der Druck von anderen Männern und eine Welle des Patriotismus ihn umstimmen könnten. Mog hatte vermutlich recht mit der Annahme, dass die meisten Rekruten nur auf ein Abenteuer aus waren, aber etliche von ihnen würden getötet oder verwundet werden, und einer davon könnte auch Jimmy sein.
Allein bei der Vorstellung, Jimmy zu verlieren, stiegen Belle Tränen in die Augen. Sie konnte und wollte nicht an ein Leben ohne ihn denken. Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und fragte sich, warum sie in den letzten Wochen so nah am Wasser gebaut war. Erst am Vortag war sie in Tränen ausgebrochen, als sie eine Schachtel mit Bändern von ihrem Lieferanten geöffnet und festgestellt hatte, dass er ihr vier Rollen rotes Band statt jeweils einer in Rot, Rosa, Blau und Gelb geschickt hatte.
Aber im Grunde war sie seit jenem Tag im Juni, als Etienne bei ihr im Laden erschienen war, nicht mehr sie selbst. Kurz nach seinem Besuch war es sehr warm geworden, und die Nachfrage nach Strohhüten war schlagartig gestiegen. Belle hatte zu diesem Zeitpunkt noch einige, die sie bereits aufgeputzt hatte, vorrätig, sodass es keinen Grund zur Panik gab, aber sie war trotzdem außer sich und beeilte sich, bei ihrem Zulieferer in Lewisham fast den gesamten Bestand aufzukaufen. Aber statt sich daranzumachen, die Hüte zu verzieren, ertappte sie sich dabei, gedankenverloren aus dem Ladenfenster zu starren. Tagsüber nickte sie immer wieder ein, um dann in der Nacht keinen Schlaf zu finden. Auch wenn sie den ganzen Tag Hunger hatte, war ihr der Appetit vergangen, wenn Mog abends das Essen auftischte. Auch um ihre Konzentrationsfähigkeit schien es geschehen zu sein; sie war offenbar nicht in der Lage, sich länger als eine halbe Stunde mit ein und derselben Sache zu beschäftigen.
Zuerst glaubte sie, der Grund dafür wäre, dass Etienne alte Erinnerungen wachgerufen hatte; es ließ sich nicht leugnen, dass sie häufig Tagträumen nachhing. Aber jetzt fragte sie sich, ob es vielleicht nur am Krieg lag. Es war schwer, nach vorn zu blicken, wenn man nicht wusste, was die Zukunft bringen würde. Doch waren tatsächlich der Krieg und die Ungewissheit die Ursache, dass sie ständig leicht reizbar, benommen und müde war? Sie hatte sich weder Mog noch Jimmy anvertraut, weil es nichts Handfestes zu beschreiben gab, und außerdem befürchtete sie, versehentlich Etienne zu erwähnen, wenn sie mit einem von beiden sprach.
Wohl war ihr nicht bei dem Gedanken, seinen Besuch zu verschweigen. War es denn nicht ganz normal, ihre Familie an der Freude über das Wiedersehen mit einem alten Freund teilhaben zu lassen? Aber in Wahrheit hatte sie natürlich Angst, etwas zu sagen, das Jimmy auf die Idee bringen könnte, dass ihre Gefühle für Etienne keineswegs rein freundschaftlicher Natur gewesen waren.
Eins stand fest, einen besseren Ehemann als Jimmy gab es nicht. Noch nie hatte er ihr ihre Vergangenheit vorgehalten, nicht einmal in einem Moment des Zorns oder der Eifersucht, und das konnten sicher nicht viele ehemalige Huren von ihrem Ehemann behaupten.
Aber Jimmy hatte ihr niemals einen Vorwurf gemacht. Er war gütig, ausgeglichen, rücksichtsvoll und würde einfach alles für sie tun. Doch was noch ungewöhnlicher war und was sie wirklich zu schätzen wusste, war, dass sie in ihrer Ehe eine Freiheit genoss wie kaum eine andere Frau. Jimmy mischte sich nie in ihre geschäftlichen Angelegenheiten ein, er war stolz, dass sie so gut zurechtkam, und falls sie einmal Schiffbruch erleiden sollte, würde er ihr helfen, das wusste sie. Und er vergötterte sie.
Selbst wenn Etienne ihr damals in Paris seine Liebe gestanden hätte und sie ihn statt Jimmy geheiratet hätte, wäre daraus nie die Art harmonischer Beziehung entstanden, die sie mit Jimmy verband, das sagte Belle ihr gesunder Menschenverstand. Noah hatte recht gehabt, als er sie auf der Heimreise nach England darauf hingewiesen hatte, dass Etienne ein gefährlicher Mann war. Natürlich würde er ihr niemals etwas antun, doch er war ein komplizierter, schwer zu durchschauender Mensch mit einer düsteren Vergangenheit.
Aber jetzt war er endgültig aus ihrem Leben verschwunden. Vielleicht kämpfte er schon gegen die Deutschen. Belle hoffte inständig, dass ihm nichts zustoßen würde.
»Einen Penny für deine Gedanken!«
Belle fuhr herum, als sie Mogs Stimme hörte. Sie war so sehr in ihre schuldbewussten Gedanken versunken gewesen, dass sie sie gar nicht ins Zimmer hatte kommen hören.
Die Ehe hatte bei Mog Wunder gewirkt. Während Belles Kindheit in Seven Dials war sie eine liebevolle, kleine graue Maus gewesen. Emsig hatte sie ihre Arbeit verrichtet, gekocht, geputzt und geflickt, immer in formlosen, dunklen Kleidern, das Haar straff aus dem Gesicht gekämmt. Obwohl sie und Annie, Belles leibliche Mutter, in einem Alter waren, hatte Mog stets viel älter gewirkt.
Jetzt waren ihre Kleider modisch und gut geschnitten und betonten ihre weibliche Figur. Mittlerweile mischten sich vielleicht ein paar graue Strähnen in ihr braunes Haar, aber sie trug es in einem lockeren Knoten mit ein paar losen Locken, die um ein Gesicht fielen, das vor Glück und von der frischen Luft strahlte. Sie mochte achtunddreißig sein, aber heute sah sie in ihrem rosa-schwarz gestreiften Kleid mit Biesenbesatz zehn Jahre jünger aus.
Mog hatte das Kleid selbst genäht, doch da sie eine begabte Schneiderin war, hätte es genauso gut aus dem teuren Modesalon auf der Tranquil Vale stammen können. Sie erzählte jedem, der fragte, dass sie vor ihrer Heirat mit Garth Haushälterin gewesen sei, und aufgrund ihrer guten Umgangsformen nahmen alle an, dass sie für eine adlige Familie gearbeitet hatte.
Niemand wäre je auf den Gedanken gekommen, dass sie ihr ganzes Erwachsenendasein als Dienstmädchen in einem Bordell verbracht hatte und mehr über dieses Gewerbe wusste als sämtliche weiblichen Bewohner von Blackheath zusammen.
»Du bist kilometerweit weg«, sagte sie und lächelte Belle liebevoll an. »Möchtest du darüber reden?«
Mog war für Belle ihr Leben lang wie eine Mutter gewesen, und sie war es, der Belle normalerweise alles anvertrauen konnte. Aber von Etienne durfte sie ihr nichts erzählen; Mog wäre entsetzt gewesen, wenn sie gewusst hätte, dass sie je an einen anderen Mann als Jimmy gedacht hatte.
»Meine Gedanken sind keinen Penny wert.« Belle seufzte. »Es ist bloß der Krieg, der Trubel unten in der Bar. All das macht mir Angst.«
Mog warf einen Blick auf den Hut, den Belle gerade zeichnete, und runzelte die Stirn, als ihr auffiel, dass er ganz anders aussah als Belles sonst so verspielte Entwürfe und sich eher für eine Beerdigung zu eignen schien. »Du siehst schon seit ein paar Wochen ein bisschen spitz aus«, bemerkte sie. »Bei dir ist doch wohl nichts Kleines unterwegs, oder?«
Belle blieb der Mund offen stehen, zum Teil, weil Mog einen Slangausdruck aus Seven Dials verwendete, vor allem jedoch, weil sie nie daran gedacht hatte, dass sie ein Baby bekommen könnte.
»Nein, natürlich nicht«, sagte sie. »Na ja, ich glaube es jedenfalls nicht. Das kann nicht sein! Oder doch?«
Mog schmunzelte. »Tja, wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen, du weißt nicht, wie man Babys macht.«
Belle wurde rot und kicherte. Seit Mog mit Garth verheiratet war, erwähnte sie niemals Belles Zeit als Hure, und selbst wenn sie von den Jahren sprach, in denen sie selbst Haushälterin und Belle Zimmermädchen im Bordell von Belles Mutter gewesen waren, vermied sie tunlichst jede Anspielung auf das, was sich in diesem Haus abgespielt hatte. Umso überraschender wirkte jetzt ihre unverblümte Bemerkung.
»Daran hatte ich gar nicht gedacht«, gestand Belle.
»Na, dann denk jetzt dran!«, gab Mog zurück. »Mir ist aufgefallen, dass du gestern Abend ganz grün im Gesicht geworden bist, als ich die Ochsenzunge zubereitet habe. Konntest gar nicht schnell genug aus der Küche rauskommen.«
»Es hat einfach so komisch gerochen.«
»Kann schon sein, doch früher hat es dich nie gestört. Wann war deine letzte Monatsblutung?«
Belle dachte scharf nach. Sie erinnerte sich an eine kurze Blutung im Mai, während einer kurzen Hitzewelle, aber das war alles. Sie erzählte es Mog. »Das soll nicht heißen, dass ich keine mehr gehabt habe, ich kann mich bloß nicht erinnern«, fügte sie hinzu.
»Wenn das die letzte war, wärst du jetzt im dritten Monat«, sagte Mog und musterte Belle forschend. »Gibt es sonst noch Anzeichen?«
»Na ja, ich fühle mich irgendwie anders als sonst«, gab Belle zu. »Aber nicht krank oder so.«
»Schau nicht so verschreckt!«, munterte Mog sie auf. »Wenn du ein Baby bekommst, ist es ein Geschenk des Himmels, etwas, worüber man sich freuen sollte. Ich hoffe auch immer noch, doch vielleicht bin ich schon zu alt.«
Belle horchte auf. Nie war ihr der Gedanke gekommen, dass Mog sich ein Kind wünschte. Aber nach dem sehnsüchtigen Ausdruck in den Augen der Älteren zu schließen, hatte sie genau das erhofft, als sie Garth geheiratet hatte.
»Du bist nicht zu alt«, sagte Belle rasch. »Frauen können bis Mitte vierzig Kinder bekommen. Doch ich bin mir nicht sicher, ob für uns beide jetzt mit dem Krieg der richtige Zeitpunkt dafür ist.«
»Na, ich erwarte jedenfalls keins«, seufzte Mog. »Du jedoch vielleicht schon, und Krieg hin oder her, Zuwachs für die Familie wäre schön. Denk bloß, wie Jimmy sich freuen würde!«
»Sag ihm nichts!«, ermahnte Belle sie. »Ich glaube nicht, dass ich schwanger bin.«
Mog sah Belle mit der überlegenen Miene an, die sie immer aufsetzte, wenn sie meinte, es besser zu wissen. »Ich würde nicht im Traum dran denken, Jimmy etwas weiterzuerzählen, was wir unter vier Augen besprochen haben. So, ich glaube, ich gehe jetzt lieber wieder nach unten und spüle noch ein paar Gläser ab.«
Als Mog weg war, legte Belle eine Hand auf ihren Bauch. Er war so flach wie immer, doch es war schön, sich vorzustellen, dass in ihrem Inneren vielleicht ein winziges Baby heranwuchs. Damals in New Orleans und auch in Paris hätte ihr der Gedanke Angst gemacht, und sie hatte alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen, die sie kannte, um so etwas zu verhindern.
Auch die ersten Symptome einer Schwangerschaft waren ihr bekannt, weil die anderen Mädchen in New Orleans ständig darüber geredet hatten. Plötzliche Aversionen gegen bestimmte Gerüche waren ebenso an der Tagesordnung wie empfindliche Brüste und Morgenübelkeit. Aber ihre Brüste waren nicht empfindlich, und ihr war morgens auch nicht schlecht.
Ein Baby zu bekommen war der normale Lauf der Dinge, wenn man glücklich verheiratet war, doch aus irgendeinem Grund hatte Belle nicht damit gerechnet.
Sie griff nach ihrem Stift und fing wieder an zu zeichnen, aber sie war nicht recht bei der Sache, und als sie hörte, wie Garth unten zur letzten Runde läutete, war sie froh, dass der Abend fast vorbei war.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Garth und Jimmy auch noch den letzten Gast hinauskomplimentiert hatten. Belle schaute aus dem Wohnzimmerfenster und beobachtete, wie die Männer auf wackeligen Beinen zu zweit oder dritt über die Straße wankten und einer von ihnen der Länge nach hinschlug. Sie hatte keine Ahnung, ob sie schon morgen auf dem Weg ins Ausbildungslager in Frankreich sein würden oder ob es länger dauern würde, alles zu regeln; aber der Gedanke, dass sie in wenigen Wochen Gewehre in den Händen halten würden, war beklemmend. Es waren Verkäufer, Büroangestellte, Maurer und Gärtner, die höchstens einmal an einer Schießbude auf dem Jahrmarkt in die Nähe einer Waffe gekommen waren. Belles Magen schnürte sich angstvoll zusammen, und sie hatte die dunkle Vorahnung, dass einige dieser Männer ihren nächsten Geburtstag nicht erleben würden.
Sie schüttelte die trüben Gedanken ab und ging nach unten, um zu helfen. Nach all dem Betrieb gab es bestimmt viel zu tun.
Eine halbe Stunde später waren Theke und Tische abgewischt, Stühle und Hocker daraufgestellt und die meisten Gläser abgewaschen und abgetrocknet. Mog sah erschöpft aus. Garth, der hinten im Hof den Boden mit einem Wasserschlauch abspritzte, schimpfte leise über das Erbrochene und die völlig verdreckte Toilette.
»Heute Abend haben wir mehr eingenommen als sonst in einer ganzen Woche«, sagte Jimmy, während er nach einem Tablett mit sauberen Gläsern griff und sie in das Regal unter der Theke einräumte. »Aber ich hoffe, dass wir nicht noch so einen Abend erleben.«
»Du wirst dich doch nicht melden, oder?«, fragte Belle ihn ängstlich.
Er lachte, hielt inne und tätschelte ihre Wange. »Was – und dich, das hübscheste Mädchen in London, allein lassen? Natürlich nicht, jedenfalls nicht, bevor es zu Zwangsrekrutierungen kommt. Und das ist eher unwahrscheinlich. Wer soll sich denn in England um alles kümmern, wenn jeder unter vierzig nach Frankreich geschickt wird?«
»Alte Knacker wie ich«, rief Garth aus dem Hof. »Und wenn ich noch einmal so einen Saustall sauber machen muss, gebe ich ein falsches Alter an und melde mich freiwillig.«
Jimmy schlief an diesem Abend fast im selben Moment ein, in dem er ins Bett fiel, aber wie immer hatte er einen Arm um Belle gelegt und schmiegte sich an ihren Rücken. Sie lag in der Dunkelheit wach da, lauschte seinen leisen Atemzügen und schob seine Hand auf ihren Bauch. Mittlerweile hatte sie den Schock über Mogs Vermutung überwunden, und als sie jetzt so behaglich im Bett lag, war die Vorstellung, Jimmy und sie könnten ein Baby bekommen, sehr schön. Sie sah schon vor sich, wie Mog und Garth das Kleine verwöhnten und als liebende »Großeltern« immer bereit waren, sich um das Baby zu kümmern. Und Jimmy würde einen großartigen Vater abgeben; er war liebevoll, geduldig und hatte ein unglaublich gutes Herz.
Aber würde sie eine gute Mutter sein? Da sie keine jüngeren Geschwister hatte, wusste sie nichts über Babys, bisher hatte sie nicht einmal eins im Arm gehalten. Sie kannte sie nur vom Sehen, von den Frauen in Seven Dials, die ihre Babys, in Umschlagtücher gewickelt, in den Armen hielten. Hier in Blackheath hatten viele Mütter Kindermädchen, die ihre Schützlinge im Kinderwagen spazieren fuhren.
Würde sie ihren Laden weiterführen können? Obwohl ihr der Gedanke, ihn aufzugeben, gar nicht behagte, hatte sie nicht vor, dem Beispiel ihrer Mutter zu folgen und das Kind Mog zu überlassen.
Belle hatte gehofft, sie und ihre Mutter würden einander näherkommen, nachdem Annie ihr geholfen hatte, das Geld für den Hutsalon aufzutreiben, aber das war nicht passiert. Wenn Belle ihre Mutter nicht ein Mal im Monat besuchen würde, bestünde überhaupt kein Kontakt mehr zwischen ihnen.
Annie führte immer noch die Pension in King’s Cross, die sie erworben hatte, als ihr Haus in Jake’s Court abgebrannt war, und kam sehr gut zurecht. Angesichts ihrer eleganten Kleidung und vornehmen Manieren wäre nie jemand auf die Idee gekommen, dass sie früher einmal Besitzerin eines Bordells gewesen war. Belle hatte den Verdacht, dass sie auch die Tatsache, eine Tochter zu haben, geheim hielt und vermutlich nicht besonders entzückt über die Aussicht wäre, Großmutter zu werden.
Belle strich über ihren Bauch und gelobte sich insgeheim, ihrem Kind all die Liebe und Zuwendung zu geben, die sie selbst von ihrer Mutter nie bekommen hatte.