KAPITEL 3

Belle fächelte sich mit einer Zeitung Luft zu. Im Laden war es so heiß, dass sie das Gefühl hatte, demnächst zu schmelzen. Nicht zum ersten Mal in der drückenden Hitze der letzten Tage fragte sie sich, warum Frauen eigentlich so viele Kleidungsstücke anziehen mussten.

Sie trug ein Leibchen, ein Unterkleid, lange Unterhosen und Strümpfe, darüber einen Unterrock aus etlichen Metern Stoff und schließlich ein eng anliegendes, langärmeliges Kleid mit Stehkragen. Alle Kleidungsstücke klebten ihr feucht am Leib, und ihr taten die Füße weh, weil sie von der Hitze angeschwollen waren. Aber wahrscheinlich war sie immer noch besser dran als die meisten Frauen, die sich verpflichtet fühlten, ein Fischbeinkorsett zu tragen.

Es war vier Uhr nachmittags, und seit zehn Uhr morgens hatte keine Kundin mehr ihr Geschäft betreten. Früher am Tag waren etliche Leute vorbeigekommen, die auf dem Weg in die Heide waren. Die meisten Damen hatten Sonnenschirmchen getragen. Belle ärgerte sich ein wenig. Wenn sie daran gedacht hätte, einige in ihr Sortiment aufzunehmen, hätte sie heute vielleicht ein bisschen mehr Umsatz machen können.

Doch jetzt war es für einen Freitag ungewöhnlich ruhig, vielleicht so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm, weil heute Abend auf der Heide der Jahrmarkt eröffnet wurde. Im letzten Jahr hatte Belle sich schrecklich darauf gefreut; Jimmy war am Samstagabend mit ihr hingegangen, und sie hatten sich auf den Schiffschaukeln, dem Karussell und der Riesenrutsche großartig amüsiert und waren mit Jimmys Gewinnen, einem Goldfisch und einer Kokosnuss, heimgekehrt. Aber dieses Jahr hielt sich ihre Begeisterung in Grenzen, auch wenn es das letzte Augustwochenende und vielleicht das Ende des Sommers war. Das Gras auf der Heide war wegen der anhaltenden Trockenheit staubig und verdorrt, und in diesem Jahr würde es noch mehr Gedränge geben, weil jeder fest entschlossen war, Spaß zu haben, solange er noch konnte, und jeden Gedanken an den Krieg zu verdrängen.

Seit jenem turbulenten Abend, an dem sich so viele junge Männer freiwillig gemeldet hatten, wurde nicht mehr so viel über den Krieg geredet, dafür aber umso mehr über die Reichen gemurrt, die Nahrungsmittel hamsterten. In manchen Gegenden hatten sie ganze Läden leer gekauft, und es hieß, dass damit die Preise in die Höhe getrieben wurden. Aber Belle hatte mehr Hüte als sonst verkauft, weil viele Liebespaare schnell noch heiraten wollten.

Sie wünschte, Jimmy und sie könnten morgen an die See fahren. Es musste himmlisch sein, eine kühle Brise zu spüren und dem Gestank der Gullys zu entkommen, der ihr regelmäßig Übelkeit bereitete. Aber der Jahrmarkt würde zusätzlich Kundschaft für die Schenke bringen, und Jimmy konnte unmöglich Garth und Mog die ganze Arbeit überlassen.

In der Hoffnung auf ein wenig kühlere Luft stellte Belle sich in die offene Ladentür, lehnte sich an den Türrahmen und überlegte, ob sie Jimmy heute Abend von dem Baby erzählen sollte. Vor zwei Tagen war sie endlich zu Dr. Towle auf der Lee Park gegangen, und er hatte bestätigt, dass sie tatsächlich ungefähr in der vierzehnten Woche schwanger war. Sowie Mog diese Möglichkeit angedeutet hatte, waren prompt die typischen Symptome aufgetreten. Als Erstes verursachten ihr manche Gerüche Übelkeit, und sie hörte auf, Tee zu trinken. Doch inzwischen waren ihre Brüste empfindlich und voller, und ihr Unterrock spannte um die Taille.

Bisher wusste nur Mog Bescheid, die es noch nicht für angebracht hielt, Garth und Jimmy zu informieren. Belle fand das ausgesprochen albern. Was wäre natürlicher, als ihrem Mann mitzuteilen, dass er einen Sohn oder eine Tochter bekommen würde? Aber ihr war bereits aufgefallen, dass die Frauen hier in der Gegend nie über Schwangerschaften sprachen, und weil sie Angst hatte, einen gesellschaftlichen Fauxpas zu begehen, schwieg auch Belle.

Ein junges Pärchen schlenderte die Straße herauf. Das Mädchen, das vermutlich jünger als Belle war, war klein und zierlich und trug ein blassrosa Rüschenkleid und einen Strohhut. Sie hing am Arm eines Mannes, der ein paar Jahre älter war als sie und mit seinem korrekten dunklen Anzug und dem steifen Kragen wie ein Bankangestellter wirkte. Das Mädchen blickte zu ihm auf, während er sprach, und lauschte andächtig. Da sie viel zu jung schien, um verheiratet zu sein, war es ungewöhnlich, dass niemand bei ihnen war, um dem Anstand Genüge zu leisten. Belle fand es insgeheim absurd, dass ein junges Pärchen nicht einmal spazieren gehen konnte, ohne für Klatsch zu sorgen, doch so ging es hier nun einmal zu.

Als Mog und sie nach Blackheath gezogen waren, hatten sie sich all diesen eigenartigen Anstandsregeln und Zwängen beugen müssen, um sich anzupassen und Gerede zu vermeiden. Belle spielte mit, aber insgeheim fühlte sie sich ihrer Umgebung ein klein wenig überlegen, weil sie so viel mehr über Männer und das Leben im Allgemeinen wusste als all die gezierten Damen, für die sie Hüte anfertigte.

Nun, da sie Mutter werden sollte, war sie ein bisschen bedrückt und verunsichert wegen ihrer einschlägigen Erfahrungen. Wie sollte sie einer Tochter beibringen, keusch und züchtig zu sein, ihrem Mann zu gehorchen und sich an sämtliche Regeln der Etikette zu halten, um in guter Gesellschaft bestehen zu können, wenn Belle selbst all das nicht getan hatte?

Sie sah dem jungen Pärchen nach, bis die beiden um eine Ecke bogen, schaute dann nach links und spielte mit dem Gedanken, den Laden zu schließen, weil die Straße jetzt menschenleer war. Weiter unten flimmerte die Luft so stark in der Hitze, dass sie fast wie eine Wasserfläche aussah. Belle fragte sich, ob das eine Fata Morgana war, denn sie hatte gehört, dass Leute in der Wüste oft Wasser vor sich sahen, das in Wirklichkeit gar nicht da war.

Plötzlich wurde sie von einem gellenden Schrei und dem Rumpeln von Wagenrädern aus ihren Tagträumen gerissen.

Als sie nach rechts schaute, sah sie, wie eine kleine, von zwei braunen Pferden gezogene Kutsche von dem Fahrer abrupt gestoppt wurde. Eine Frau lag direkt vor den Hufen der Rösser auf dem Boden. Der Fahrer musste ziemlich schnell unterwegs gewesen sein, und offenbar war ihm die Frau direkt in den Weg gelaufen.

Während Belle sich in Bewegung setzte, um zu helfen, kletterte der Fahrer vom Kutschbock.

»Sie ist vom Bürgersteig getreten, ohne nach links oder rechts zu schauen. Ich hätte sie glatt überfahren können«, keuchte er, das Gesicht aschfahl vor Schreck.

»Zum Glück konnten Sie noch rechtzeitig anhalten«, sagte Belle und kniete sich neben die Frau.

Der Hut war ihr vom Kopf gefallen, und blondes Haar fiel über ihr Gesicht. Belle strich die Haare vorsichtig zurück, weil sie halb und halb befürchtete, einer der Hufe könnte die Frau getroffen und ihr eine schwere Verletzung zugefügt haben. Aber es war kein Blut zu sehen, nur eine Schramme auf der Stirn, die vom Straßenpflaster zu stammen schien. Ob sie gestolpert war und durch den Sturz das Bewusstsein verloren hatte oder einfach ohnmächtig geworden war, wusste Belle nicht, da sie den Unfall nicht gesehen hatte. Die Frau war jung, vielleicht Anfang zwanzig, und trug ein elegantes hellblaues Kleid.

»Können Sie mich hören?«, fragte Belle, während sie die Bewusstlose von oben bis unten musterte und nach etwaigen Anzeichen für weitere Verletzungen Ausschau hielt.

Die Lider der Frau flatterten und hoben sich dann. »Was ist passiert?«, murmelte sie.

»Ich glaube, Sie sind in Ohnmacht gefallen, aber zum Glück sind Sie nicht von der Kutsche überrollt worden«, sagte Belle. »Können Sie Ihre Arme und Beine bewegen?«

Die Frau, die eindeutig unter Schock stand, starrte Belle mit leerem Blick an.

Belle wandte sich zu dem Kutscher um, einem kleinen, untersetzten Mann in grüner Livree. Er rang die Hände und schien völlig außer sich zu sein. »Haben Sie sie tatsächlich erwischt?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete er. »Sie ist einfach vom Bürgersteig runter, und als ich sie anschrie, ist sie umgekippt wie ein Stein. Ich habe die Zügel so scharf angezogen, dass es ein Wunder ist, dass sich die Pferde nicht aufgebäumt haben. Vielleicht hat ein Huf sie getroffen; ich war so nah dran, dass ich nicht an den Pferden vorbeischauen konnte. Doch es war nicht meine Schuld.«

»Nein, natürlich nicht«, sagte Belle und zog das Kleid der Frau nach unten, um ihre Beine zu bedecken. »Es ist nirgendwo Blut zu sehen, und sie wirkt eher benommen als verletzt. Ich glaube, sie ist in Ohnmacht gefallen.«

Mittlerweile hatte sich eine kleine Menschenmenge um sie versammelt, Belle wusste, dass man Verletzte nicht bewegen sollte, doch sie konnte die Frau nicht einfach auf der Straße liegen lassen. Ihr Blick fiel auf einen großen dunkelhaarigen Mann, und sie winkte ihn zu sich. »Können Sie mir vielleicht helfen, sie in meinen Laden zu bringen?«, bat sie. »Von dort kann ich einen Arzt anrufen.«

»Mir fehlt nichts«, sagte die Frau mit bebender Stimme. »Wenn Sie mir bitte nur aufhelfen könnten.«

Der große Mann trat vor, bückte sich und hob die Frau auf, als wäre sie leicht wie eine Feder. Belle nahm den blauen Hut, der auf der Straße lag, und zeigte auf ihr Geschäft.

»Sie sehen auch ziemlich mitgenommen aus«, wandte sie sich an den Kutscher. »Wollen Sie nicht mitkommen, damit ich Ihnen einen Tee aufbrühen kann?«

»Sehr freundlich, Miss«, erwiderte er. »Aber ich muss die Herrin abholen.«

Belle hatte im Lauf der Zeit die Erfahrung gemacht, dass Dienstboten sich oft davor fürchteten, das Missfallen ihrer Herrschaft zu erregen. »Ganz wie Sie meinen«, sagte sie. »Ich denke, die junge Dame wird sich wieder erholen. Ich werde mich um sie kümmern.«

Der große Mann setzte die Frau gerade auf einem Sessel ab, als Belle ins Geschäft trat. Sie dankte ihm, bevor er ging, und wandte sich dann der verletzten Frau zu. »Ich bin Belle Reilly«, sagte sie. »Können Sie mir sagen, wie Sie heißen?«

»Miranda Forbes-Alton«, erwiderte die andere und ließ sich in den Sessel zurücksinken. Sie war sehr blass, und in der Wunde auf ihrer Stirn befand sich sehr viel Schmutz.

Der Name Forbes-Alton kam Belle irgendwie bekannt vor, aber ihr fiel nicht ein, wo sie ihn schon einmal gehört hatte. »Schön, Miss Forbes-Alton«, sagte sie fest. »Ich schließe jetzt den Laden und reinige dann die Wunde an Ihrer Stirn.«

Belle befürchtete, dass die Frau so sehr unter Schock stand, dass ihr möglicherweise schlecht wurde, und dafür brauchten sie kein Publikum. Sie schloss nicht nur die Tür, sondern zog auch das Rollo herunter.

Zuerst gab sie der Frau ein Glas Wasser und wartete einen Moment, um zu sehen, ob sie sich übergeben musste. Dann holte Belle eine Schale Wasser und ein sauberes Tuch, um ihr die Stirn zu waschen.

»Mir war schrecklich heiß, als ich die Straße hinaufging«, sagte Miss Forbes-Alton, als Belle begann, behutsam die Wunde zu reinigen. »Ich dachte noch, dass ich unbedingt einen Schluck Wasser brauche, doch dann kann ich mich an nichts mehr erinnern. Warum habe ich auf der Straße gelegen?«

»Ich glaube, Sie sind ohnmächtig geworden«, antwortete Belle. »Ist Ihnen das schon einmal passiert?«

»Nicht seit meiner Schulzeit«, sagte sie und zuckte zusammen, als Belle ein kleines Steinchen aus der Wunde entfernte. »Damals ist es ein paar Mal vorgekommen, wenn wir vor dem Frühstück zur Kommunion gehen mussten. Hat mich der Wagen erwischt?«

»Nein, ich glaube nicht«, erwiderte Belle. »Tun Ihnen die Arme oder Beine weh?«

Miss Forbes-Alton fuhr mit einer Hand über ihre Beine. »Nein, nur mein Kopf.«

»Sie haben Glück gehabt, dass der Fahrer noch rechtzeitig anhalten konnte. Er hat gesagt, Sie seien auf die Straße gegangen und direkt vor ihm umgekippt. Es hätte schlimm ausgehen können, wenn eines der Pferde Sie getroffen hätte.«

Sowie die Wunde gereinigt war, ging Belle ins Hinterzimmer und setzte den Kessel auf, um Tee aufzubrühen. Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, spähte sie zur Tür hinaus und sah sich die Frau näher an. Obwohl sie ziemlich benommen wirkte, ließ sich an ihrer Stimme, ihrem Auftreten und ihrer Kleidung leicht erkennen, dass sie der Oberschicht angehörte. Ihre zierlichen cremefarbenen Schuhe allein mussten mehr gekostet haben als der teuerste Hut in Belles Laden, und ihr hellblaues Kleid war aus echter Seide.

»Ich habe Ihr Geschäft schon immer bewundert«, rief Miss Forbes-Alton, deren Stimme zu Belles Überraschung schon viel kräftiger klang. Sie hatte die etwas knappe Sprechweise, die für ihre Gesellschaftsschicht typisch war. »Jemand hat meiner Mutter erzählt, dass Sie Französin sind, aber das stimmt nicht, oder?«

»Nein, doch ich habe mein Handwerk in Paris gelernt«, rief Belle zurück. »Leben Sie in der Nähe?«

»Ja, im Paragon«, sagte sie. »Mama hat am Tag Ihrer Eröffnung einen Hut bei Ihnen gekauft. Es ist ihr Lieblingshut, violetter Samt mit Veilchen verziert.«

Auf einmal wusste Belle, warum der Nachname Forbes-Alton vertraut klang. Es war der Name einer ausgesprochen hochnäsigen Frau, die darauf bestanden hatte, dass man ihr den Hut, den sie gekauft hatte, nach Hause lieferte. Nur weil es ihr erster Tag gewesen war, hatte Belle sich darauf eingelassen, und als sie am Abend zu der angegebenen Adresse gegangen war, hatte der Butler ihr den Hut abgenommen, ohne sich auch nur mit einem Wort für ihre Mühe zu bedanken.

Das Haus war prachtvoll gewesen, aber das galt für den gesamten Paragon, eine halbmondförmige Anlage dreigeschossiger georgianischer Häuser, die durch Kolonnadengänge miteinander verbunden waren. Es war vermutlich die beste Adresse in ganz Blackheath.

»Ich erinnere mich an Ihre Mutter«, sagte Belle. »Ich habe den Hut bei Ihnen daheim abgeliefert. Sie wird sich Sorgen um Sie machen, Miss. Soll ich jemanden anrufen, der Sie abholen und nach Hause bringen kann?«

Belle hatte das Telefon erst vor wenigen Wochen im Laden installieren lassen. Die Besitzerin des Modesalons ein paar Türen weiter hatte ihr dringend geraten, sich einen Apparat zuzulegen, da reiche Frauen gern Termine vereinbarten, um Kleider und Hüte möglichst dann zu kaufen, wenn sie die einzigen Kundinnen im Laden waren. Bis dahin hatte Belle das Telefon für neumodischen Schnickschnack gehalten, der sich bei normalen Bürgern nie durchsetzen würde. Aber da sie darauf erpicht war, wohlhabendere Kundschaft anzulocken, hatte sie beschlossen, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Seit der Installierung des Apparats hatte sie mehrere Anfragen bekommen, und außerdem war es angenehm, Material für die Hüte einfach telefonisch zu bestellen, statt zu den verschiedenen Warenhäusern zu fahren. Jetzt neigte sie zu der Ansicht, dass in einigen Jahren alle Geschäfte und viele private Haushalte einen Anschluss haben würden.

»Sagen Sie bitte Miranda zu mir. Und, nein, Sie brauchen niemanden anzurufen. In ein, zwei Minuten wird es mir schon besser gehen.«

Belle goss den Tee auf, gab eine Extraportion Zucker in Mirandas Tasse und bestand darauf, dass sie ein paar Biskuits aß. Mirandas Gesicht war immer noch sehr blass, doch Belle war bereits aufgefallen, dass die meisten Frauen ihrer Schicht extrem weißhäutig waren.

»Ich lasse Sie nicht allein nach Hause gehen«, sagte sie, während sie Miranda den Tee reichte. »Ich begleite Sie, und ich werde Ihrer Mutter empfehlen, einen Arzt kommen zu lassen. Ich weiß, dass es heute sehr heiß ist, aber deshalb sollten Sie nicht gleich in Ohnmacht fallen.«

Mirandas Augen weiteten sich vor Entsetzen. »Nein! Ich brauche keine Begleitung oder einen Arzt«, protestierte sie.

Belle schöpfte sofort Verdacht. Die meisten Menschen wären froh gewesen, Hilfe zu bekommen, nachdem sie einen Unfall erlitten hatten, der leicht tödlich hätte enden können. Und wenn Mirandas Mutter nicht einmal imstande war, eine Hutschachtel nach Hause zu tragen, hatte sie wohl kaum eine Tochter großgezogen, die auf Unabhängigkeit bestand.

»Könnte es sein, dass Sie heute etwas unternommen haben, wovon Ihre Familie nichts erfahren soll?«, fragte sie beiläufig.

»Sie sind sehr direkt, fast schon unhöflich«, gab Miranda zurück und rümpfte die schmale aristokratische Nase. »Ich weiß es zu schätzen, dass Sie mir geholfen haben, aber ich glaube, das gibt Ihnen nicht das Recht, mich auszufragen.«

Belle zuckte mit den Schultern. Anscheinend war Miranda genauso hochnäsig wie ihre Mutter und vermutlich in der Überzeugung aufgewachsen, dass Leute, die im Handel tätig waren, vor der Oberschicht in die Knie gehen sollten. »Ich finde, jede Frau sollte einer anderen freundschaftlich raten können, wenn sie das Gefühl hat, dass diese andere ein Problem hat. Die Tatsache, dass Sie so die Stacheln aufstellen, legt die Vermutung nahe, dass Sie genau wissen, warum Sie ohnmächtig geworden sind, und Angst haben, Ihre Mutter könnte darauf bestehen, einen Arzt kommen zu lassen, wenn ich Sie nach Hause bringe.«

Es war reine Spekulation, doch als Belle sah, was für ein erschrockenes Gesicht Miranda machte, wusste sie, sie hatte ins Schwarze getroffen.

Vielleicht lag es einfach daran, dass ihr selbst in letzter Zeit auch oft schwindlig war. Ein paar Mal hatte sie sogar befürchtet, in Ohnmacht zu fallen. Und Miranda trug keinen Ehering, nicht einmal einen Verlobungsring. Ging es bei ihr um diese Art Schwierigkeiten?

Belle war sich durchaus bewusst, dass sie Miranda möglicherweise schwer beleidigt hatte und sich damit eine Menge Ärger eingehandelt haben könnte, doch es entsprach nicht ihrer Natur, wegzuschauen, wenn ihr Instinkt ihr sagte, dass jemand Hilfe brauchte. Sie ging zu Miranda und kniete sich neben den Sessel. »Erwarten Sie ein Baby?«, fragte sie leise. »Sie können mir gern sagen, dass ich mich gefälligst um meine eigenen Angelegenheiten kümmern soll, aber falls ich recht habe, brauchen Sie jemanden, dem Sie sich anvertrauen können. Und mir können Sie vertrauen, ich werde es keiner Seele erzählen.«

Miranda brauchte nicht zu antworten. Tränen traten ihr in die Augen, und sie verbarg das Gesicht in den Händen. Von ihrem Hochmut war nichts geblieben.

Belle empfand tiefes Mitleid mit dem Mädchen. Sie kannte die Oberschicht gut genug, um zu wissen, dass ein uneheliches Kind einen furchtbaren Skandal hervorrufen würde.

»Können Sie nicht ganz schnell heiraten?«, schlug sie vor und nahm Miranda tröstend in die Arme.

»Er ist schon verheiratet«, schluchzte Miranda. »Das wusste ich damals, als es passiert ist, nicht. Und jetzt ist es auch egal, weil ich heute bei einer Frau war, die sich darum gekümmert hat.«

Belle drehte sich der Magen um. Eines der Mädchen bei Martha in New Orleans war zu einer Frau gegangen, die sich um die unerwünschte Schwangerschaft »gekümmert« hatte. Belle wusste, was das bedeutete.

»Heute? Hat die Frau eine Spülung mit Seifenwasser gemacht?«

Miranda nickte. »Ich dachte, es würde bei ihr weggehen, aber sie hat mir gesagt, es sei erst in ein paar Stunden so weit, und mir geraten, nach Hause zu gehen. Als ich die Steigung vom Bahnhof hinaufgegangen bin, wurde mir schwindlig, und das Nächste, was ich weiß, ist, dass Sie da waren.«

Belle spürte, dass Miranda unwissend genug war, um zu denken, ein Schwangerschaftsabbruch ginge schnell und schmerzlos vonstatten. Offensichtlich hatte die Frau, die die Abtreibung vorgenommen hatte, sie nicht über den weiteren Verlauf aufgeklärt, weil sie befürchtet hatte, ihr Honorar einzubüßen.

»Wie geht es Ihnen jetzt?«, fragte Belle und legte eine Hand auf Mirandas Bauch.

»Ich spüre einen dumpfen Schmerz.«

Belle holte tief Luft. Sie wusste, dass es am vernünftigsten wäre, Miranda nach Hause zu schicken; schließlich ging sie das Mädchen nichts an. Aber sie bezweifelte, dass Miranda auch nur die geringste Ahnung hatte, dass sie starke Schmerzen haben und wahrscheinlich viel Blut verlieren würde. Ob sie das daheim in ihrem Schlafzimmer aushalten würde, ohne zu schreien, war mehr als fraglich. Und in einem Haus voller Dienstboten und noch dazu mit einer herrschsüchtigen Mutter würde ihr Geheimnis bald ans Licht kommen, und sie wäre ruiniert.

Belle konnte die Vorstellung nicht ertragen, eine Frau in einer solchen Notlage sich selbst zu überlassen. »Haben Sie vielleicht eine Freundin, bei der Sie übernachten könnten?«

Miranda machte ein verwirrtes Gesicht. »Warum sollte ich das tun?«

Belle seufzte. Wie konnte jemand nur so dumm sein? »Weil Sie möglicherweise Hilfe brauchen werden. Was Ihnen bevorsteht, wird nicht ganz angenehm sein.«

Mirandas wasserblaue Augen weiteten sich vor Schreck. »Dann gibt es niemanden, zu dem ich gehen könnte! Alle wären außer sich! Was soll ich bloß tun? Sie machen mir Angst!«

Belle nahm Mirandas Hand und musterte sie eingehend. Sie war nicht wirklich hübsch, dafür waren ihre Lippen zu schmal und ihre Nase zu spitz, doch sie wirkte trotzdem anziehend, selbst mit den vom Weinen geröteten Augen. Belle dachte an all die Schwierigkeiten zurück, die sie selbst hatte bewältigen müssen. Sie war fast immer ohne Hilfe damit fertiggeworden und aus diesen Erfahrungen gestärkt hervorgegangen. Aber sie brachte es nicht übers Herz, das Leben dieses Mädchens zu zerstören, indem sie es nach Hause schickte. Sie hatte das Gefühl, dass Mirandas Mutter genau der Typ Frau war, der die Tochter verstoßen würde, wenn sie ihr Schande machte.

»Sie können hierbleiben«, sagte sie impulsiv.

»Hier?« Der Vorschlag schien Miranda zu überraschen. Hilflos sah sie sich im Laden um.

»Nicht hier im Verkaufsraum«, beeilte sich Belle zu erklären. »Im Hinterzimmer, meinte ich. Ich kann es Ihnen dort ganz behaglich machen. Es gibt fließend Wasser und gleich draußen im Hof eine Toilette. Und ich bleibe bei Ihnen und kümmere mich um Sie. Aber Sie müssen zu Hause anrufen und sich mit irgendeiner Ausrede entschuldigen.«

»Das würden Sie für mich tun?« Wieder füllten sich Mirandas Augen mit Tränen. »Sie kennen mich doch gar nicht! Außerdem sind Sie verheiratet. Wird Ihr Ehemann Sie nicht zu Hause erwarten?«

Belle wusste, dass Jimmy entsetzt wäre, wenn er wüsste, was sie vorhatte, aber sie hatte nicht die Absicht, es ihm zu erzählen, jedenfalls nicht, bevor die Sache ausgestanden war. Sie wollte mit Mog sprechen und sich von ihr beraten lassen.

»Ich will ganz offen sein. Gern biete ich es Ihnen nicht an«, gestand Belle. »Doch ich könnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, Sie jetzt nach Hause zu schicken, wo niemand für Sie da ist. Ihr Ruf wäre zerstört, wenn diese Sache herauskäme. Wie Sie wissen, kenne ich Ihre Mutter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie besonders freundlich reagieren würde.«

»Warum tun Sie das für mich?«

»Sagen wir einfach, dass ich auch schlechte Zeiten erlebt habe. So, wo könnten Sie heute angeblich über Nacht sein?«

»Nun, ich habe meiner Mutter am Morgen erzählt, dass ich eine Freundin besuchen will, die in Belgravia wohnt. Ich übernachte manchmal bei ihr.«

»Da ist das Telefon.« Belle zeigte auf den Apparat.

Belle ging ins Hinterzimmer, während Miranda sich vom Amt verbinden ließ. Hoffentlich konnte Mrs. Forbes-Alton nicht feststellen, dass der Anruf nicht aus Belgravia, sondern aus Blackheath kam!

Das Hinterzimmer war genauso breit wie das Geschäft, aber nicht so lang, und eine Tür am hinteren Ende führte in einen kleinen Hof, in dem sich die Toilette befand. Auf der linken Seite des Zimmers standen Regale mit Schachteln voller Verzierungen, Stoffe und Filzrollen, davor Belles Arbeitstisch mit dem Dampfkessel und verschiedenen Hutformen. Rechts von der Tür befanden sich Spüle, Gaskocher und ein kleiner Ofen, den sie an kalten Tagen in Betrieb nahm. Wenn sie den Tisch, der dort stand, zur Werkbank trug, blieb auf dem Boden Platz genug für eine Art Bettstatt.

Zum Glück hatte sie ein paar alte Kissen hergebracht, die noch aus Seven Dials stammten, um sie neu zu beziehen, und eine alte Staubdecke vom Streichen des Ladens war auch noch da.

Sie konnte Miranda ins Telefon sprechen hören. Es klang, als wäre ihre Mutter nicht zu Hause. Miranda schien einem der Dienstboten eine Nachricht aufzutragen. Weil es schrecklich heiß war, öffnete Belle die Hintertür und zog den Perlenvorhang zu, der die Fliegen fernhielt, bevor sie die Kissen auf den Boden legte und darüber die Staubdecke ausbreitete.

»Mama und Papa sind ausgegangen und kommen erst spät am Abend zurück«, rief Miranda ihr zu. Als Belle sich umdrehte, sah sie, dass das Mädchen in der Tür stand und ängstlich das improvisierte Lager auf dem Fußboden betrachtete. »Zum Glück, denn Mama hätte mich wahrscheinlich endlos mit Fragen gelöchert.«

»Sehr gut. Jetzt muss ich Sie leider kurz allein lassen und nach Hause laufen«, sagte Belle. Sie sah Miranda an, dass sie nun Angst hatte, da sie wusste, dass alles anders als erwartet ablaufen würde. Aber Belle blieb nichts anderes übrig, als sie im Geschäft zu lassen. Sie musste nach Hause und sich eine Ausrede ausdenken, warum sie über Nacht wegbleiben würde. Außerdem brauchte sie saubere Laken, Handtücher und ein paar andere Utensilien.

»Keine Angst, ich bleibe nicht lang fort! Wollen Sie nicht Ihr Kleid und Ihr Korsett ablegen? Dann haben Sie es viel bequemer, und ich kann Ihnen eines meiner Nachthemden mitbringen.«

Belle trat zur Hintertür hinaus auf die schmale Gasse hinter der Häuserzeile. »Ich werde auf demselben Weg zurückkommen«, rief sie Miranda noch zu. Auf dem Heimweg machte sie sich im Geist eine Liste der Dinge, die sie brauchen würde, und überlegte sich, was sie Jimmy erzählen sollte.

Das Glück war auf ihrer Seite. Mog, die allein in der Küche war und einen Kuchen backte, berichtete, dass Jimmy und Garth nach Lewisham gefahren waren, um neue Stühle für das Gasthaus zu bestellen.

Da Belle es einfach nicht fertigbrachte, Mog zu belügen, platzte sie mit der Wahrheit heraus.

»Ich weiß, was du sagen willst«, schloss sie. »Ich hätte sie nach Hause schicken und mich nicht einmischen sollen, aber das kann ich nicht, Mog.«

Die Ältere machte ein bestürztes Gesicht und sagte einen Moment lang gar nichts. Belle konnte die widerstreitenden Gefühle, die in ihr kämpften, förmlich sehen.

Schließlich hob sie hilflos die Hände, als schien sie zu dem Schluss gekommen zu sein, dass Belle tatsächlich keine andere Wahl gehabt hatte, als dem Mädchen zu helfen. »Ich glaube, ich hätte ihr denselben Vorschlag gemacht. Aber so etwas kann ins Auge gehen, Belle. Ich habe von Frauen gehört, die daran gestorben sind. Versprichst du mir, sofort einen Arzt zu rufen, wenn irgendetwas passiert, wenn sie zum Beispiel Fieber bekommt?«

»Natürlich«, antwortete Belle. Sie hatte sich schon eine Ausrede für einen derartigen Notfall ausgedacht: Der Unfall mit der Kutsche hatte bei Miranda eine Fehlgeburt ausgelöst, und sie, Belle, hatte sie lieber im Laden behalten, statt sie nach Hause zu schicken.

Es war typisch für Mog, keine Zeit mit Vorhaltungen zu verschwenden. Sie lief schnell nach oben, um ein Laken, einen Stapel Handtücher, eine Decke und ein paar saubere Stoffstreifen für die Blutungen zu holen. Im Handumdrehen war sie wieder unten, noch bevor Belle ihr hastig zubereitetes Sandwich aufgegessen hatte.

Mog brachte auch Medizin in einer braunen Flasche mit. »Gib ihr davon alle drei bis vier Stunden ein, zwei Teelöffel! Es hilft bei Schmerzen und wirkt fiebersenkend«, erklärte sie. »Jimmy werde ich sagen, dass du über Nacht bei Lisette bleibst, weil Noah weg ist und sie sich einsam fühlt. Er wird sich nichts dabei denken, immerhin erwartet sie ein Kind. Aber du musst es später mit Lisette absprechen, damit sie nicht die Katze aus dem Sack lässt.«

Belle rannte nach oben, um ein paar Sachen zu holen, und als sie zurückkam, packte Mog bereits eine kleine Reisetasche und verstaute in einer anderen einen Topf Suppe zum Aufwärmen, Apfelkuchen und eine kleine Flasche Brandy.

»Nur ein paar Happen, falls ihr Hunger bekommt«, sagte sie, nahm Belle die Sachen ab und packte sie ein. »Und warme Milch mit einem Schuss Brandy hilft ihr vielleicht, nachher wieder auf die Beine zu kommen.«

Belle nahm Mog in die Arme und drückte sie an sich. »Du bist so ein Schatz«, murmelte sie. »Danke, dass du nicht böse auf mich bist!«

Mog trat zurück, hielt jedoch Belles Arme fest und sah sie direkt an. »Wie könnte ich dir böse sein, weil du ein gutes Herz hast?«, erwiderte sie. »Ich komme morgen früh, bevor die Männer wach sind, auf einen Sprung vorbei, bloß um nachzuschauen, wie es dem Mädchen geht. Achte darauf, dass alles sauber ist, und setz Wasser auf, damit du sie untenherum waschen kannst! Vielleicht geht es ihr schlecht, wenn es so weit ist. Lass dich davon nicht allzu sehr schrecken! Aber wenn sie das Bewusstsein oder sehr schnell viel Blut verliert, rufst du sofort einen Arzt, egal, was sie sagt!«

Belle wurde klar, dass Mog schon anderen Mädchen in Fällen wie diesem beigestanden hatte, eine weitere Seite ihrer Vergangenheit, die sie nie erwähnt hatte.

»Das mache ich«, versprach sie. Plötzlich war ihr ziemlich mulmig zumute.

Mog umarmte sie noch einmal. »In Gedanken bin ich bei dir. Und jetzt geh, bevor Jimmy zurückkommt!«

Miranda saß neben der offenen Hintertür auf einem Stuhl, als Belle sich mit ihren zwei sperrigen Taschen durch das Tor zwängte. Sie war immer noch vollständig bekleidet, und ihr Gesicht war aschfahl vor Angst.

»Es ist so heiß«, jammerte sie. »Und mir tut der Bauch weh.«

»Das ist ein gutes Zeichen«, sagte Belle forsch. »Das bedeutet, dass es allmählich losgeht. Warum haben Sie Ihr Kleid noch an?«

»Ich komme nicht an die Knöpfe heran«, antwortete Miranda. »Zu Hause haben wir eine Zofe, die mir beim An- und Auskleiden hilft.«

»Hier gibt es leider keine Zofe«, erwiderte Belle und stellte die Taschen ab. Dann drehte sie Miranda um und knöpfte ihr Kleid auf. Das Korsett war so eng geschnürt, dass es ein Wunder war, dass Miranda überhaupt Luft bekam. Belle löste rasch die Schnüre. »Ziehen Sie auch alles andere aus!«, sagte sie und kramte in der Reisetasche nach dem Nachthemd, das sie mitgebracht hatte.

Miranda drehte sich um, als sie aus Unterkleid und Hemd schlüpfte, und Belle zuckte beim Anblick der roten Druckstellen leicht zusammen, die das Korsett auf dem nackten Rücken und um die Taille des Mädchens hinterlassen hatte. Sie zog Miranda das frische Nachthemd über den Kopf und wies sie an, auch Strümpfe und Unterhose auszuziehen.

»Ich wärme nachher etwas Wasser auf, damit Sie sich gründlich waschen können«, erklärte sie. »Aber jetzt setzen Sie sich erst einmal hin, während ich mich um Ihr Bett kümmere.«

Gegen neun Uhr abends war es wesentlich kühler. Miranda lag auf dem frisch bezogenen Bett, und Belle hatte sich einen der Sessel aus dem Laden geholt. Miranda hatte ein bisschen Suppe und Brot gegessen und wirkte etwas ruhiger, und im Licht der Lampe, die über Belles Arbeitstisch hing, wirkte das Hinterzimmer freundlich und anheimelnd.

»Erzählen Sie mir etwas über den Mann!«, bat Belle. Sie konnte sehen, dass jetzt in regelmäßigen Abständen Wehen kamen, aber laut Miranda waren sie einstweilen nicht schlimmer als die Krämpfe während ihrer Monatsblutungen. »Ist er ein Bekannter Ihrer Familie?«

Miranda hatte ihr schon erzählt, dass sie eins von vier Kindern war: Sie hatte zwei ältere Brüder, die beide verheiratet waren und selbst Familie hatten, und eine jüngere Schwester namens Amy, die zwanzig Jahre alt und mit einem Anwalt verlobt war. Miranda war dreiundzwanzig.

Als Belle sich früher am Abend erkundigt hatte, womit ihr Vater seinen Lebensunterhalt verdiene, hatte Miranda ein überraschtes Gesicht gemacht. »Lebensunterhalt?«, wiederholte sie. »Ihm gehört ein Besitz in Sussex. Haben Sie das gemeint?«

Woraus Belle schloss, dass Mr. Forbes-Alton sein Vermögen geerbt hatte und sich darauf beschränkte, ein Auge auf die Leute zu haben, die auf seinem Landsitz arbeiteten und ihm genug Geld einbrachten, um in London ein großes Haus zu führen. Miranda hatte erzählt, dass sie erst vor Kurzem aus Sussex zurückgekommen seien, wo sie sich einen Monat aufgehalten hatten, und dass sie in Panik geraten sei, als ihre Mutter hatte länger bleiben wollen. Schließlich war Miranda klar gewesen, dass sie so schnell wie möglich die Abtreibung vornehmen lassen musste.

»Nein, meine Familie kennt ihn nicht«, sagte sie. »Ich bin ihm im Frühling im Greenwich Park begegnet. Ich war allein spazieren und bin auf einer schlammigen Stelle ausgerutscht. Er half mir auf, und da ich mir den Knöchel verstaucht hatte, bot er an, mich nach Hause zu bringen. Er war so charmant, witzig, interessant und liebenswürdig! Meine Eltern versuchen schon seit Jahren, mich unter die Haube zu bringen, aber die Herren, die sie für passend halten, sind immer so ernst und langweilig!«

»Und ich könnte mir vorstellen, dass Sie nicht unbegleitet hätten spazieren gehen sollen?«, warf Belle ein.

Miranda lächelte schwach. »Nein. Mama wäre furchtbar böse geworden, wenn sie es gewusst hätte. Und ich konnte Frank nicht vorschlagen, mir einen Besuch abzustatten, weil wir nicht durch Freunde oder Verwandte miteinander bekannt gemacht worden waren. Deshalb mussten wir uns von Anfang an immer heimlich treffen.«

Belle hatte den Verdacht, dass Frank ein richtiger Mistkerl war. Er hatte Miranda skrupellos ausgenutzt. Da er gewusst hatte, dass es ihr nicht möglich war, ihn in ihr Elternhaus einzuladen, hatte er ihr alles Mögliche über sich selbst vorlügen können, ohne befürchten zu müssen, dass die Wahrheit ans Licht kam.

»Was hat er Ihnen von sich erzählt?«, wollte sie wissen.

»Nicht sehr viel. Was gab es schon zu erzählen? Ein Herr von Stand mit Privateinkommen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Er war gut gekleidet und hat gesagt, dass er in Westminster lebt.«

»Wo sind Sie mit ihm hingegangen?«

»Meistens waren wir spazieren, vor allem in Greenwich, weil ich nicht riskieren wollte, in Blackheath mit ihm gesehen zu werden. Manchmal sind wir den Fluss hinaufgefahren und irgendwo essen gegangen. Ich konnte mich nur einmal in der Woche mit ihm treffen, sonst wäre es aufgefallen.«

»Ich meine, wo hat er Sie verführt?«, fragte Belle.

Miranda wurde rot. »In einem Zimmer in Greenwich.«

Belle schüttelte den Kopf. »Ist Ihnen das nicht seltsam vorgekommen? Er hatte Ihnen doch erzählt, dass er in Westminster wohnt.«

»Er sagte, seine Dienstboten könnten reden«, erwiderte sie. »Ich war so verliebt, dass ich mit ihm überall hingegangen wäre.«

»Und wann hat er Ihnen gestanden, dass er verheiratet ist?«

»Als ich ihm eröffnet habe, vielleicht schwanger zu sein.« Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen. »Ich war überzeugt, er würde mich trösten und möglichst bald heiraten. Aber er sah mich nicht mal an. Wir waren in einer Teestube, und er schaute einfach aus dem Fenster und meinte: ›Dann hast du ein Problem.‹ Er sagte nicht einmal: ›Wir haben ein Problem‹! Als wir die Teestube verließen, warf er mir vor, doch die ganze Zeit gewusst zu haben, dass er verheiratet ist.«

»Wie abgefeimt, es so darzustellen, als wäre es Ihre Schuld!«, rief Belle. »So ein Schuft!«

Miranda seufzte und verzog das Gesicht, als wieder eine Wehe kam. »Wir haben unsere nächsten Treffen immer im Voraus vereinbart. Und als er sagte, dass wir uns in der kommenden Woche zur üblichen Zeit im Greenwich Park im Rosengarten treffen würden, hoffte ich, er würde sich in der Zwischenzeit etwas überlegen und eine Lösung finden. Beim Naval College in Greenwich küsste er mich zum Abschied genauso zärtlich wie immer. Aber das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.«

»Und Sie hatten vermutlich keine Möglichkeit, Kontakt zu ihm aufzunehmen?«

Miranda schüttelte den Kopf. »Ich hatte keine Adresse von ihm, nur ein paar Anekdoten über Leute, die wahrscheinlich reine Erfindung gewesen waren. Als ich in die Teestube in Greenwich ging, in der wir so oft waren, und das Mädchen hinter der Theke fragte, ob sie ihn gesehen habe, sagte sie: ›Er war immer nur mit Ihnen hier.‹ Was hätte ich sonst noch unternehmen können? Ich war schon bei dem Haus gewesen, wo wir ein paar Mal gewesen waren und das angeblich einem Freund von ihm gehörte. Doch als ich dort jemanden ansprach, wurde mir klar, dass es eine Pension ist, in der man stundenweise Zimmer mieten kann.«

Belle nahm Mirandas Hand und drückte sie. Die Erkenntnis, wie eine Hure behandelt worden zu sein, ohne bezahlt zu werden, musste furchtbar demütigend gewesen sein.

»Wenn diese Nacht überstanden ist, müssen Sie das alles hinter sich lassen«, sagte sie sanft. »Wir haben fast alle in unserer Vergangenheit Dinge getan, für die wir uns schämen. Aber alles, was Sie sich vorzuwerfen haben, ist, dass Sie zu leichtgläubig waren. Dieser Mann, der vorgegeben hat, Sie zu lieben, ist der Schuldige.«

»Das ist das Schlimmste daran«, erwiderte Miranda. »Ich habe ihn wirklich geliebt und alles riskiert, um mit ihm zusammen zu sein. Wie kann jemand so etwas einem anderen Menschen antun?«

»Ich glaube, manche Leute kommen einfach schon böse zur Welt«, antwortete Belle. »Ich würde sagen, dass er ein gewohnheitsmäßiger Schürzenjäger ist, doch wenigstens hat er nicht versucht, Ihnen Geld abzuknöpfen.«

Miranda machte ein beschämtes Gesicht. »Ich habe ihm fünfzig Pfund gegeben«, gestand sie. »Zwei Wochen, bevor ich ihm gesagt habe, dass ich vielleicht ein Baby bekomme. Er hatte mir von einem Stück Land außerhalb Londons erzählt, idealer Baugrund, meinte er. Er hat mir sogar Skizzen von kleinen Häusern gezeigt, genau richtig für junge Ehepaare, die sich ein preiswertes Haus auf dem Land wünschen und zur Arbeit in die Stadt fahren können.«

Belle ahnte, was folgen würde. »Er hat vermutlich behauptet, dass sein Geld fest angelegt ist und er Bargeld braucht, um sich das Land zu sichern?«

»Woher wissen Sie das?«, fragte Miranda überrascht.

»Instinkt«, erklärte Belle. »Und Sie haben Ihre Ersparnisse geopfert?«

»Er wollte hundert Pfund, doch so viel hatte ich nicht«, sagte sie. »Er versprach mir, das Geld sofort zurückzuzahlen, wenn er ein paar Aktien verkauft hätte.«

Belle schnürte sich vor Zorn der Magen zusammen. Wie konnte jemand nur so tief sinken? »Ich sage das nur ungern, Miranda, aber ich fürchte, Sie müssen sich der Tatsache stellen, dass er es von Anfang an auf Ihr Geld abgesehen hatte. Seine gute Kleidung, seine Manieren und sogar der Ort, wo Sie ihn kennengelernt haben – das alles deutet darauf hin, dass er bewusst ein Opfer für seine Betrügereien gesucht hat. Er ist eindeutig ein Mann, der von günstigen Gelegenheiten lebt.«

»Aber verheiratet war er, meinen Sie?«

Sie stellte die Frage so hoffnungsvoll, dass Belle sie beinahe ausgelacht hätte. Der Verlust ihres Geldes und die Tatsache, dass er zu dem vereinbarten letzten Treffen nicht erschienen war, reichten nicht aus, um Miranda von der Durchtriebenheit dieses Mannes zu überzeugen. Sie wollte immer noch glauben, dass er sie nur deshalb im Stich gelassen hatte, weil er verheiratet war.

»Falls es so ist, dann mit einer Frau, die genauso leichtgläubig ist wie Sie«, gab Belle zurück. »Aber es ist eher wahrscheinlich, dass es rund um London eine ganze Reihe von Frauen gibt, die ihn anhimmeln, seinen Lebensunterhalt finanzieren und sich einbilden, seine einzige wahre Liebe zu sein.«

Belle hatte öfter gehört, wie sich Jimmy und Garth über derartige Männer unterhielten, die sie früher in Seven Dials gekannt hatten und die davon lebten, Frauen Geld abzuluchsen. Mog behauptete steif und fest, dass solche Gauner und Betrüger so lange durchkommen würden, bis die Frauen endlich aufwachten, das Wahlrecht bekamen und sich für ein Gesellschaftssystem einsetzten, das nicht ausschließlich von Männern beherrscht wurde.

»Wie sind Sie an die Adresse der Frau gekommen, die Ihnen ›geholfen‹ hat?«, fragte Belle, die sich nicht vorstellen konnte, wie ein Mädchen mit Mirandas familiärem Hintergrund mit einer solchen Person in Kontakt getreten sein könnte.

»Eine Frau in dem Haus in Greenwich hat sie mir gegeben«, antwortete Miranda. »Ich fing an zu weinen, als der Mann, der diese Absteige führte, mich anschnauzte und sagte, Frank nicht zu kennen. Die Frau kam mir nachgelaufen und fragte mich, ob sie mir helfen könnte. Ich war so durcheinander, und sie war so nett zu mir, dass ich ihr von dem Baby erzählt habe, und dann hat sie mir die Adresse in Bermondsey gegeben.«

Belle nickte. Vermutlich eine Hure, dachte sie, und zwar eine, die ein gutes Herz hatte.

»Der Ort, wo sie mich hingeschickt hat, war ganz fürchterlich«, vertraute Miranda ihr an. »So etwas habe ich noch nie gesehen. Überall liefen zerlumpte, schmutzige Kinder herum, die Türen und Fenster an den Häusern waren kaputt, und es war so dreckig, dass ich am liebsten kehrtgemacht hätte. Aber das war ausgeschlossen.«

Belle konnte es sich lebhaft vorstellen: eine verkommene, überfüllte Mietskaserne wie die, die sie aus Seven Dials kannte. »Sie waren sehr tapfer. Und wenn Sie das überstanden haben, werden Sie auch alles andere überstehen. Wie geht es Ihnen jetzt?«

»Ich glaube, ich verliere gerade Blut.« Miranda wurde feuerrot, weil sie einen so intimen Umstand erwähnen musste.

»Legen Sie sich hin und lassen Sie mich mal schauen!«, sagte Belle. »Nur keine falsche Scham! Sie haben nichts, was ich nicht auch habe. Betrachten Sie mich einfach als Krankenschwester!«

Miranda blutete leicht, doch was aus ihr herausfloss, war vor allem die Seifenlauge, mit der die Frau die Spülung vorgenommen hatte. Eins der Mädchen in New Orleans hatte Belle erzählt, dass bei dieser Methode das Ende des Muttermundes gedehnt und dann Seifenlauge hineingepumpt wurde, die wie ein Reizmittel wirkte und zu einer Fehlgeburt führte. Wie man es anstellte, den Muttermund zu dehnen, wollte Belle sich gar nicht erst vorstellen.

Belle wusch Miranda und schob einen sauberen Stoffstreifen unter sie. Sie hatte das Gefühl, dass es jetzt nicht mehr lange dauern würde, und gab ihr eine Dosis der Medizin, die Mog beigesteuert hatte.

Es war fast ein Uhr morgens, als Mirandas Wehen wirklich schlimm wurden. Belle spürte, wie stark sie waren, weil Mirandas Stirn schweißnass und ihr Gesicht schmerzverzerrt war. Aber sie schrie nicht, sondern klammerte sich bloß an Belles Hand.

Um halb drei war Belle selbst völlig erledigt. Sie fragte sich, wie ein Mensch solche furchtbaren Qualen aushalten konnte. »Sie sind sehr tapfer«, lobte sie Miranda und wusch ihr das Gesicht mit kaltem Wasser ab. Die junge Frau krümmte sich jetzt vor Schmerzen und biss sich auf die Lippen, um nicht laut zu schreien.

Als sie zu würgen anfing, langte Belle hastig nach einer Schüssel und hielt sie ihr hin. Mit der freien Hand schlug sie das Leintuch zurück. Auf dem Laken war ein Schwall frisches Blut zu sehen, und als Miranda sich erneut übergeben musste, rutschte etwas auf den Stoffstreifen, dass, wie kleine Stückchen Leber aussah. Belle, die wusste, was das bedeutete, hätte sich beinahe selbst übergeben.

»War es das?«, keuchte Miranda.

Belle raffte die blutigen Tücher zusammen und schob frische unter Miranda. Sie wollte nicht näher hinsehen, hatte jedoch das Gefühl, sich dazu zwingen zu müssen, bevor sie alles in den Müllkübel warf. Da war etwas Kleines, Blasses, das an eine Kaulquappe erinnerte, und das Wissen, dass es Mirandas Baby war, brachte sie zum Weinen. Noch deprimierender war der Gedanke, dass sie selbst ein Baby erwartete, das erwünscht war und nur Liebe erfahren würde, während dieser arme, kleine Wurm nicht hatte leben dürfen.

»Ja, das war es«, brachte Belle heraus. »Sind die Wehen jetzt vorbei?«

»Ja, nun tut es nur noch weh«, murmelte Miranda gepresst. »Was hätte ich ohne Sie bloß gemacht?«

Belle hoffte, etwas so Grauenhaftes nie wieder sehen zu müssen, und wenn sie hundert Jahre alt werden würde. Insgeheim verfluchte sie Frank und wünschte, er könnte sehen, was er mit seiner Habgier und Gemeinheit angerichtet hatte, und würde deshalb zur Rechenschaft gezogen werden.

Sie wusch Miranda gründlich ab und deckte sie zu. »Wenn Sie das nächste Mal einen jungen Mann kennenlernen, bringen Sie ihn zu mir, damit ich ihn genau unter die Lupe nehmen kann«, sagte sie leise und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Und jetzt mache ich Ihnen heiße Milch mit einem Schuss Brandy. Danach können Sie schlafen.«