29 | Ablöse
Lorenz Mohn sah noch einmal auf das Buch. Er dachte nach. Auden? Das war doch dieser Schwule, der damals Erika Mann geheiratet hatte, um sie aus Deutschland hinauszubekommen.
War es wirklich Auden gewesen? Oder nicht vielleicht Arthur Koestler?
Wenn er wieder zu Hause war, würde er gleich einmal nachsehen. Es erschien ihm plötzlich ungemein wichtig, festzustellen, wer von den beiden Schriftstellern der burschikosen Mann-Tochter zur Flucht aus Nazideutschland verholfen hatte. Auden oder Koestler? So wie man sagt: leben oder sterben? Und im Falle eines Neglectikers: rechts oder links?
Mohn stand auf. Er fühlte sich jetzt durchaus wie an den Fäden eines Puppenspielers hängend, welcher ihn in die Höhe zieht. Auch seine Augen schienen von solch unsichtbaren Fäden geführt. – Na, es war nur so ein Gefühl. Es gab keine Puppenspieler, es gab allein einen Instinkt, der wie ein Faden funktioniert. Und Mohns Instinkt leitete ihn dazu an, an die Stelle zu wechseln, wo ein schmaler Gang die Toiletten und Nebenräume von dem Vorraum trennte, welcher jenem Gastzimmer vorgelagert war, in dem Claire Montbard und ihre Männer saßen.
Als sich Mohn zwischen den Gästen hindurchzwängte, ging sein Blick kurz hinüber zu der Theke. Dort stand ein Mann und trank ein Glas Wein. Sein Gesicht war fast vollständig von diesem Glas verdeckt. Mohn fühlte sich von diesem Anblick auf das angenehmste berührt, von der Einfachheit, die wie der Titel eines Gemäldes funktionierte: Mann mit Glas.
Wie »Kind mit Hund« oder »See im Sonnenlicht«. Eine schlichte, gute Welt.
Doch die Welt war weder schlicht noch gut. Durch eine offene Türe hindurch konnte Mohn jetzt erkennen, wie der Clooney-Typ aus dem Verbindungsgang trat, sich aber nicht zurück in den Hauptraum bewegte, sondern hinüber zu Claire und ihren Afrikanern. Dorthin, wo zwei bullige Männer standen. Der Clooney-Typ nickte ihnen zu. Sie nickten zurück und verließen postwendend ihren Platz, ganz in der Art, als würden sie abgelöst werden. Eine Ablöse war es ja wohl auch.
Mohn begriff. Es war soweit. Die Fäden, an denen er hing, zogen ihn nun mit unheimlicher Kraft nach vorn. Er flog geradezu. Er war schneller als je in seinem Leben.