17 | Frühstücksstein
Da die Schlafzimmer nach hinten führten und direkt am dichten Wald lagen, war es nicht das einfallende Tageslicht, das Lorenz weckte, sondern seine innere Uhr, die ebensogut funktionierte wie sein tiefer, fester Schlaf. Punkt sieben, wie immer. Oder fast immer. Zeitumstellungen und Zeitzonen brachten ihn durcheinander. Aber jetzt war es keine Zeitzone, die eine Verwirrung bei ihm auslöste, sondern die Erinnerung an die vergangene Nacht. Jenes Argument vom Vorabend, daß Sex mit einem Gott, Sex mit einer gottgleichen Schubert-Sängerin, nicht nur außerhalb der üblichen Praxis stand, sondern zudem in keiner Weise den Tatbestand des Betrugs erfülle, des Betrugs an der Frau, für die er angeblich sofort bereit gewesen wäre durch die Hölle zu gehen, dieses Argument erschien ihm nun ziemlich schal, wie die meisten Dinge, die in der Frühe ihren vollen Geschmack eingebüßt haben. – Der Morgen wurde erfunden, damit der Mensch sich schlecht fühlt. Vom Trinken, vom Essen, vom Sporteln, von jeder Art der Übersteuerung. Daß der Morgen auch ausgeruhte Menschen erlebt, die absolut nichts bereuen, mag sein, aber in der Regel sind das Leute, die am Abend zuvor jegliches Wagnis, jede noch so kleine Aufwallung tunlichst vermieden haben. Die also ihre Abende der Sittenstrenge opfern, nur um am Morgen vollkommen ausgeruht aus dem Bett zu springen und bekennen zu können, daß die beste Art, einen Fehler zu vermeiden, die ist, einen Fehler zu vermeiden.
Lorenz glitt mit verzogenem Rücken von der viel zu weichen Unterlage und wechselte in das kleine Badezimmer, wo er sich unter die Dusche stellte. So sind erwachsene Männer halt. Keine kleinen Buben mehr, welche die Konsequenz besitzen, einer einzigen Berührung wegen tage- und wochenlang aufs Waschen zu verzichten.
Er zog sich ein frisches Hemd über, schlüpfte in seinen silbergraublauen Anzug, verließ das Zimmer und stieg hinunter. Dabei lief er Frau Brüel über den Weg, die ihm einen durchaus freundlichen Blick zuwarf und ihn in einen kleinen, erkerartigen, mit einem rippigen Gewölbe ausgestatteten Raum führte, in welchem das Frühstück serviert wurde.
Hier nun fiel das morgendliche Licht ungebremst durch die Scheiben. Neues Licht, wie man sagen müßte. Aber gutes neues Licht, milde noch und sanft.
Lorenz war der erste. Er setzte sich und sah hinaus auf die Landschaft, die friedlicher nicht sein konnte. Eine Landschaft wie ein halber Schubert. Schönheit der Natur, jedoch ohne Liebesleid.
Eine ganze Weile saß er so und war nichts als ein Betrachter jener im morgendlichen Licht langsam aufkochenden Landschaft. Die Tasse mit Kaffee, den Frau Brüel ihm eingeschenkt hatte, als sei er irgendwie körperbehindert, bemerkte er erst, als Stirling das Zimmer betrat.
»Noch lange gestern?« fragte Stirling.
»Geht.«
Es gab sicher aussagekräftigere Dialoge, doch die beiden Männer beließen es dabei. Konzentrierten sich auf den Kaffee der Frau Brüel, welcher übrigens hervorragend zubereitet war. Geradezu auffällig gut. Klar, denn daß Frau Brüel eine Hexe war, konnte man ja überdeutlich sehen. Eine Nazihexe. Der Kaffee mochte also verhext sein. Aber das ist wahrscheinlich jeder Kaffee. Dann lieber einer, der schmeckt.
Als Mai Hillsand hereinkam, weiß gekleidet wie eine Tennisspielerin aus den Fünfzigerjahren, wurde es gleichzeitig ein wenig dunkler im Raum, so, als sei jetzt selbst das Licht geblendet. Na gut, da streifte wohl eine kleine Wolke über den ansonsten makellos blauen Himmel, eine Wolke, die freilich von hier aus nicht zu sehen war.
Mai setzte sich, schlug ihre langen Tennisbeine übereinander und zündete sich eine Zigarette an. Eine peinliche Stille breitete sich aus, die allerdings nur Lorenz und Stirling peinlich war. Mai hingegen … ja, sie war jetzt ganz Zigarette.
Endlich stieß auch der Hausherr zu der kleinen Frühstücksrunde. Man sah ihm an, daß er keine Minute geschlafen hatte. Und man sah ihm ebenso an, wie aufgewühlt er war. Ganz anders als am Vorabend, wo eine zynische Gelassenheit von ihm ausgegangen war. Jetzt aber nahm er mit einer hektischen Bewegung Platz, schob seinen Teller zur Seite und legte auf die freigewordene Fläche jenen Stein, den Stirling ihm anvertraut hatte. Und von welchem das restliche Stück der ursprünglichen Oberschicht abgelöst worden war, sodaß nun die Struktur aus parallel dahinziehenden feinen Linien in ihrer Gänze sichtbar war. Woraus sich jedoch nicht etwa ein figurales Bild ergeben hatte, das den Verdacht, es hier mit irgendeiner Art von »Kunst« zu tun zu haben, erhärtet hätte. Ein Laie würde darum auch gesagt haben: Was soll’s? Ein Stein mit Linien.
Rorschach aber war kein Laie. Er erklärte, daß gemäß seiner Analyse das Alter dieses Objekts mit etwa zweihundert bis zweihundertfünfzig Millionen Jahren angegeben werden könne.
»Das ist also ganz eindeutig ein altes Ding«, legte Rorschach die Latte auf eine bedeutende Höhe, eine Höhe, an der sich nichts ändern würde, gleich, wie ungeschickt die Springer sich in Zukunft auch anstellten.
»Und was sagt uns das?« fragte Stirling.
Rorschach erläuterte, daß die Linien nicht etwa nachträglich in den Stein gefügt worden waren. Vielmehr wären sie Teil eines Fossils, eines versteinerten Abdrucks.
»Eines Abdrucks wovon?« wollte Stirling wissen.
»Gute Frage«, sagte Rorschach. »Man könnte auf den ersten Blick eine Pflanze vermuten, doch mir ist nichts dergleichen bekannt. Oder vielleicht eine Flüssigkeit, dank derer sich viele schmale, engstehende Kanäle gebildet haben. Aber das hält alles nicht stand. Darum habe ich mir die Mühe gemacht, den Stein zu scannen, um ein topographisches Bild der Oberfläche zu gewinnen. Dabei hat sich ergeben, daß sämtliche Rinnen die gleiche Tiefe aufweisen, jedoch in gewissen, ebenso regelmäßigen Abständen ist da jeweils eine…eine sehr viel tiefer in den Stein führende Schnittstelle, man möchte meinen, ein Riß. Egal, das braucht einen nicht aufzuregen. Regelmäßigkeit ist eher ein Zeichen von Natur denn von Kultur. Trotzdem – ich war alarmiert. Und bin darangegangen, das Muster zu analysieren und die Bereiche zwischen diesen dünnen, tiefen Schnittstellen isoliert zu betrachten. Und siehe da: Alle weisen das gleiche System auf, die gleiche Folge aus einer zunächst allein für sich stehenden Linie und sodann kleinen Gruppen, die entweder aus drei oder aus vier solcher Spuren zusammengefügt sind. Wenn man nun die Linien in Zahlen umsetzt, so erhält man die Reihe 1, 3, 4, 3 und 4. Zudem könnte man die jeweilige Schnittstelle nicht ganz unlogisch mit einer Null bezeichnen. Wobei sich die Frage stellt, ob man diese Null an den Anfang oder ans Ende der Zahlenreihe stellt, ob wir somit von 013434 oder von 134340 sprechen. Die Ränder des Steins geben da keine Auskunft, da wir es ja nur mit einem Fragment zu tun haben. Leider Gottes!«
Rorschach setzte eine kleine Pause und blickte vielsagend in die Runde. Der ungesunde Ausdruck seines Gesichts beim Eintreten in den Frühstücksraum war jetzt einer Euphorie gewichen, aus der heraus ein kleiner Wahnsinn schillerte. Der kleine Wahnsinn wirkte wie eine ansteckende Krankheit, von der sich Stirling und Mohn auch sogleich infizieren ließen. Nicht aber die große Sängerin, versteht sich. Wer auf solch wunderbare Weise Schubert interpretieren konnte, den brauchten ein paar komische Linien nicht aufzuregen. Stirling und Mohn hingegen waren unfähig, Schubert zu singen, darum…
Rorschach erklärte, daß ihm zur Reihe 013434 nichts Vernünftiges in den Sinn komme, bei 134340 allerdings sehr wohl. Und das dürfte ja auch Nix gemeint haben, wenn man bedenke, daß auf der flachen Unterseite des Steins genau diese Zahl notiert worden war. Und zwar mit einem Kugelschreiber, der eindeutig nicht aus Urzeiten stammte.
Rorschach sagte: »Ein Blick ins Internet genügt. 134340 ist die Kleinplanetennummer unseres schönen, kalten Plutos. Jetzt abgesehen von Telefonnummern und Zahlenschlössern und Artikelnummern. Doch die Sache mit Pluto…nun, sie stinkt, wie man so sagt.«
»Wenn etwas stinkt«, meinte Stirling, »dann ist etwas faul. Das verstehe ich doch richtig?«
Rorschach erklärte, sich darauf zu beziehen, mit einer Unmöglichkeit konfrontiert zu sein. Weil: »Dieses Fossil ist definitiv zweihundert Millionen Jahre alt, aber es ist nicht weniger definitiv, daß hier auf kleinstem Raum ein perfektes, ohne die geringste Abweichung bestehendes Muster immer wieder auf die Kleinplanetennummer von Pluto verweist. Das ist doch einigermaßen erstaunlich, weil ich nämlich nicht wüßte, daß jemand oder etwas aus der Trias oder der Jura in der Lage gewesen wäre, ein solches Muster herzustellen. Aber sogar wenn, wie konnte dieser Jemand oder dieses Etwas von einer Zahl wissen, die ja erst in jüngster Zeit an Pluto vergeben wurde? Präzise gesagt: am 24. August 2006. Ich kann mir vielleicht, zur Not, einen intelligenten, feinmotorisch veranlagten Deinonychus denken, aber nicht einen, der die Eigenschaft besitzt, in die Zukunft zu schauen. Verstehen Sie, das ist es, von dem ich meine, es stinkt.«
»Es stinkt interessant«, fand Lorenz Mohn.
»Durchaus. Nie war ein Gestank interessanter«, gab Rorschach gerne zu. »Aber es macht einem auch angst. Denn entweder sitzen wir einer überaus geschickten Fälschung auf, und das wäre dumm, oder nicht, und das wäre noch dümmer. Geradezu übersinnlich dumm.«
»Du übertreibst wieder einmal«, erklärte Mai. Ganz klar, eine in ähnlicher Weise versteinerte prähistorische Zigarette hätte sie mehr berührt als ein paar Linien, die mit einem degradierten Himmelskörper korrelierten.
Rorschach hörte gar nicht hin. Sondern bat Stirling, ihm den Stein für weitere Untersuchungen zu überlassen.
»Ich kann Ihnen doch vertrauen?« fragte Stirling.
»Eigentlich nicht«, antwortete Rorschach. »Dazu ist die Sache zu bedeutend. Vertrauen ist immer nur dann realistisch, wenn es um nichts geht. Aber ich kann zumindest versprechen, Ihnen genau die Informationen zukommen zu lassen, die Sie brauchen, um den Mord an Nix zu lösen. Vorausgesetzt, sein Tod hängt mit dem Stein auch wirklich zusammen.«
Wenn das so war, dann war es freilich verwunderlich, daß der Stein einfach auf Nix’ Arbeitstisch gelegen hatte. Doch darüber schwieg sich Stirling aus. Er überlegte. Einerseits war es riskant, dieses Objekt Rorschach auszuhändigen. Andererseits fragte er sich, was es brachte, den Stein an die Spurensicherung zu übergeben. An Leute, die immer nur nach Fasern und Blut und Haut suchten, die aber wohl kaum in der Lage waren, eine astronomische Bedeutung richtig einzuschätzen.
»Gut«, sagte Stirling, »ich lasse Ihnen den Stein. Seien Sie nur so gnädig und erzählen nicht überall herum, daß Sie ihn von mir haben. Und daß er von dorther stammt, wo eine Leiche gefunden wurde.«
»Kein Wort darüber. Das kann ich Ihnen versprechen.«
»Auch Sie nicht, Frau Hillsand«, gab Stirling praktisch einen Befehl.
Befehle waren aber so ungefähr das letzte, was diese Dame entgegennahm. Ihr Lachen bildete eine perfekte Reihe spitzer Dornen.
»Na ja, da kann man nichts machen«, gab sich Stirling gleichmütig.
Man frühstückte zu Ende. Stirling und Mohn tranken die ganze Kanne Kaffee, so als hätten sie geplant, der Verbrechensaufklärung wegen zum Zwergplaneten Pluto zu reisen und demnächst also nur noch NASA-Kaffee zu bekommen. – Das haben die Amerikaner nämlich bislang nicht begriffen, daß es der schlechte Kaffee ist, der aus ihnen so schlechte Menschen macht. Und es folglich recht einfach wäre, dies zu ändern. Schade!
Rorschach brachte die beiden zu ihrem Wagen. Hillsand hingegen war so vollständig in ihre nächste Zigarette vertieft, daß sie den Gruß der zwei Männer unerwidert ließ. Was Lorenz ein wenig schmerzte. Ihm andererseits das Gefühl gab, daß diese Frau, so großartig sie singen mochte, eher ein Dämon war. Und er sich sagen konnte und wollte: Sex mit einem Dämon, das zählt nicht. Das zählt soviel wie der Sex, den man im Traum hat. (Es ist allerdings nicht ganz unlogisch, wenn vor allem Frauen ihren Partnern geträumtes Fremdgehen zum Vorwurf machen, als wäre es irgendwie real. Denn genau das ist es ja auch. – Wäre das moderne Scheidungsrecht wirklich modern, würde es diesen Aspekt berücksichtigen. Berücksichtigen müssen.)
Die zwei schönen Männer in ihrem schönen Auto fuhren zurück nach Wien. Rorschach indes hielt den Stein in die Sonne, als würde er genau diese Sonne darum bitten, sich den Stein näher anzusehen und etwas Gescheites darüber zu verlautbaren.
Aber wie hätte ein gewisser sechshundertacht Jahre alter Mann gesagt: »Die Sonne sagt uns gar nichts, sie strahlt nur blöde vor sich hin. Es ist das Wasser, das die Antworten parat hat. Jede Antwort steckt im Wasser. Man muß das Wasser nur zu lesen verstehen.«
Ja, das sagte sich so leicht für Leute vom Planeten X. Man hätte erwidern können: »Werdet mal mit euren Vögeln fertig.«