15
Joseph Fain saß mitten auf seinem zerknüllten Bett und trank Kishs dunkles Bier aus einem Becher. Der eisige, bittere Geschmack traf seinen Magen wie eine Faust, aber Fain wußte, daß er es brauchte, um seine Gedanken zu konzentrieren. Der Änderung, dachte er. Immer verschlagen, und immer anders. Nach der dämlichen Scharade im Hotel hatte er beschlossen, seine Taktik zu ändern. Er hatte sich bei diesem Job zu sehr an Skallons Ratschläge gehalten, und so hatten sie sich beide zum Narren gemacht. Man machte immer Fehler, wenn man in einer fremden Kultur arbeitete, aber diesmal war es geradezu lächerlich. Na schön. Fein. Geben wir es zu. Im Hotel hatte Fain beschlossen, diese Tatsache gegen den Änderung einzusetzen. Versuchen wir, weiterhin dämlich auszusehen. Sollte Skallon nur weiter über seine eigenen Füße stolpern. Dämlicher und immer dämlicher – und irgendwann würde der Änderung sich übernehmen. Das war eine Methode, die Fain schon früher angewandt hatte, und er wußte, daß sie funktionieren konnte. Wo immer der Änderung sein mochte, er würde sich über die schwachsinnigen Erdler totlachen. Gut. Sollte er lachen. Er mußte zugeben, daß der Änderung gestern abend wirklich einen Coup gelandet hatte, indem er Skallon derartig unter Stoff setzte und ihn dann dazu benutzte, die Menge aufzustacheln. Wenn Fain nur ein wenig schneller gewesen wäre, hätte er den Änderung noch an Ort und Stelle festnageln können. Beim nächsten Mal würde es anders laufen. Fain hob seinen Becher wie zum Gruß. „Auf unser Wiedersehen“, schnarrte er und trank.
Ein sanftes Klopfen an der Tür.
„Ich bin hier“, sagte Fain.
Joane trat zögernd ein. Sie ließ erkennen, daß ihr die veränderte Situation bewußt war und daß sie über ihren gegenwärtigen Status im Ungewissen schwebte. Fain nahm an, daß sie noch nie zuvor einen Mann voller ruhiger, berechnender Wut gesehen hatte. Sie hatte ihr Leben damit verbracht, kleine Jungen zu beherrschen: Kish, Danon und auch Skallon. Fain konnte sie nicht beherrschen, und er wußte, dies war es, was sie verwirrte. Er wußte es, aber im Augenblick kümmerte es ihn nicht. „Nun?“ sagte er mürrisch; er versuchte nicht erst, ihr Unbehagen zu mildern. „Was hast du herausgefunden?“
„Wir … wir haben getan, was du gesagt hast, Kish und ich. Wir sind hinausgegangen und …“ Unbewußt drehte sie sich um und begann, die Tür zu verriegeln.
Fain unterbrach sie. „Verschwinde da.“
Sie fuhr herum, das Gesicht rot vor Verlegenheit. „Aber ich wollte doch nur …“
„Ich weiß, was du wolltest. Und jetzt komm her. Rede. Ich will wissen, was da draußen los ist. Heraus damit.“
„Ärger“, sagte sie hastig. „Sehr viel Ärger. Kish und ich, wir haben beide das gleiche gehört. Die Erdler sind hier – auf Alvea. Sie sind verkleidet, und sie verursachen die Seuchen. Einer wurde letzte Nacht entdeckt, aber es gibt noch viele andere. Der Pöbel hat in der Nähe der Großen Halle drei Männer in Stücke gerissen. Ein Redner behauptete, es wären Erdler.“
„Und waren es welche?“ fragte Fain spöttisch.
„Nein, natürlich nicht. Du weißt, daß …“
Er hob die Hand. „Es war ein Scherz. Aber was macht Skallon? Hattest du heute Zeit, hinunterzugehen und ihn zu besuchen?“
„Danon ist bei ihm, nicht ich. Ich war mit Kish zusammen, wie du … wie du befohlen hast.“
„Es freut mich, das zu hören“, antwortete er trocken. „Aber was ist mit mir? Hast du irgend etwas über einen zweiten Erdler gehört? Ich muß wissen, ob ich gefahrlos auf die Straße gehen kann.“
„Das ist schwer zu sagen. Niemand weiß genau, wie der Erdler entkommen konnte. Manche sagen, er sei gar nicht entkommen, sondern tot. Andere behaupten, eine Gruppe von Erdlern habe ihn fortgebracht. Einige glauben, daß er fliehen konnte, sich aber jetzt versteckt hält. Auf jeden Fall suchen jetzt alle nach Erdlern. Wenn du ausgehst, wird man dich sicher entdecken. Du mußt hierbleiben und abwarten.“
Er schüttelte den Kopf, nicht weil er nicht einsah, daß es stimmte, was sie sagte, sondern weil er im Augenblick keine Ratschläge von ihr hören wollte. Das Vertil hatte letzte Nacht seine Spuren also tatsächlich verwischen können. Das zumindest war ein erfreuliches Zeichen. Er hatte sofort eine Injektion genommen, als er Skallon inmitten der Menge entdeckt und begriffen hatte, was dieser vorhatte. Das Vertil hatte es ihm ermöglicht, einen großen Teil des Mobs abzulenken, so daß er Skallon in Sicherheit bringen konnte. Er war sicher, daß er ungesehen ins Hotel hatte fliegen können. Danon, der bei Skallon gewesen war, hatte ein Versteck vorgeschlagen: die Katakomben unter der Stadt, die man jetzt nur noch selten benutzte, anders als in den Anfangsjahren der Kolonie, als es noch notwendig gewesen war, zu gewissen Zeiten unter der Erde zu leben, um nicht von der Sonne knusprig gebraten zu werden. Dort war Skallon jetzt.
„Skallon wurde unter Drogen gesetzt, weißt du“, sagte er. „Ja … ja, so etwas haben wir bereits vermutet.“
„Das bedeutet, daß du darauf achten mußt, was er ißt. Du mußt jeden Bissen selbst zubereiten. Das Essen für ihn – und auch das für mich. Weder Kish noch sonst jemand darf dabeisein. Sag ihnen, daß ich es angeordnet habe, und wenn sie Einwände haben, sag’s mir.“
„Ich habe es heute morgen bei Skallons Frühstück schon so gemacht. Nur Danon war bei mir.“
„Nun, dann halte es auch weiterhin so.“
„Du vertraust mir also.“
„Nein, nicht unbedingt. Aber wenn auf diese Weise einer von uns beiden vergiftet werden sollte, dann weiß ich wenigstens genau, an wen ich mich halten muß.“ Sie lächelte, aber auch daran lag ihm nichts. „Wann erwartest du Danon?“
„Es ist bald Mittag. Er müßte gleich kommen, um Skallons Essen zu holen.“
„Wenn er da ist, schick ihn herauf. Vielleicht will ich ihm folgen, wenn er zurückgeht.“
„Du wirst auch etwas essen müssen. Das Bier brennt wie Feuer auf leerem Magen.“
Er funkelte sie an. Was wollte sie? Sex, Liebe, Herrschaft oder bloß Freundlichkeit? Im Augenblick hatte er ihr nichts zu bieten. Er wies mit dem Daumen auf die Tür. „Verschwinde hier, Joane. Laß mich allein.“
Sie nickte mit gekränktem Gesicht, biß sich auf die Lippe und ging leise hinaus. Fain blickte auf die geschlossene Tür und seufzte.
Er hatte versagt. Das war es, was ihm zu schaffen machte. Schlicht und einfach und ganz gewöhnlich versagt. Zum Teufel, so etwas passierte an jedem Tag der Woche irgend jemandem. Man versuchte etwas, es klappte nicht, man gab auf und hatte versagt. Aber Fain war nicht irgend jemand. Ihm dürfte es nicht passieren – niemals. Dieser Planet erinnerte ihn allmählich allzu sehr an Jado. Wieder spielte der Änderung mit ihm, hielt ihn zum Narren. Sollte er sich weiterhin als Dummkopf ausgeben, auch ohne Skallons Hilfe, und darauf hoffen, den Änderung damit hervorzulocken? Das schien ihm einfach nicht genug zu sein.
Der Änderung hatte ihn nicht nur lahmgelegt. Er hätte ihn sogar leicht schlagen können.
Anzeichen dafür erreichten ihn durch die Wände seines Zimmers. Er hörte den Lärm von schrillen, wütenden Stimmen auf der Straße. Die ganze Zeit über hatten er und Skallon sich über den prekären Zustand der Ordnung auf dieser Welt unterhalten. Ein einziger Anlaß konnte genügen, um das Gleichgewicht in Chaos umschlagen zu lassen. Und die letzte Nacht hatte diesen Anlaß gegeben: die Entdeckung eines getarnten Erdlers in den Straßen der Stadt. Sie hatten es ganz allein fertiggebracht – der Änderung hatte nur den letzten, entscheidenden Stoß dazu beigetragen.
Wieder klopfte es an der Tür – diesmal lauter. Fain grunzte, und Danon kam herein. Der Junge wirkte hager und ernst. Fain begriff, daß er wahrscheinlich die ganze Nacht bei dem betäubten Skallon gewacht hatte. Fain selbst war sofort auf sein Zimmer gegangen, nachdem sie Skallon in sein Versteck gebracht hatten. Aber geschlafen hatte er nicht. Dafür würde später noch genug Zeit sein. Jede Menge Zeit, falls sich nichts Neues ereignete. Auf der Erde. Als Versager.
„Wie geht es ihm?“ fragte Fain.
Danon rieb sich die Augen. „Skallon geht es gut. Er fragt nach Euch.“
„Hat er irgendwelche Erinnerungen an letzte Nacht?“
„Nur wenige. Er wußte nicht, was er getan hatte.“
„Hast du es ihm erzählt?“
Danon nickte.
„Was hat er gesagt?“
„Er sagte, der Änderung habe ihn wahrscheinlich unter Drogen gesetzt.“
Fain erhob sich. Er hatte lange genug untätig herumgesessen. Es war an der Zeit, etwas zu unternehmen, selbst wenn er noch keine Ahnung hatte, was er tun sollte. „Ich werde mit dir in die Katakomben gehen und mit Skallon reden. Warte auf mich. Ich muß noch meine Polsterung anlegen.“
„Wollt Ihr allein mitkommen?“
Fain sah ihn verwirrt an. „Sicher. Wen sollte ich denn mitnehmen?“
„Den Hund. Scorpio. Das war Skallons Vorschlag, nicht meiner. Die Katakomben sind dunkel und manchmal geheimnisvoll. Skallon befürchtet, der Änderung könnte sich ebenfalls dort unten verbergen.“
Fain dachte einen Augenblick darüber nach und nickte dann. „Der Gedanke ist nicht so abwegig.“ Und er hätte ihm selbst kommen müssen.
„Das dachte Skallon auch. Wißt Ihr noch, wo der Raum liegt, in dem er sich versteckt? Er liegt am Ende eines engen Tunnels.“
„Daran erinnere ich mich, ja.“ Er war darauf trainiert, sich an solche taktischen Details zu erinnern.
„Nun, Skallon meinte, wenn Ihr mit mir zurückkommt, könntet Ihr Scorpio vielleicht in diesem Tunnel lassen. Während Ihr mit Skallon redet, könnte der Hund dort Wache halten. Falls der Änderung in die Nähe kommt, könnte Scorpio ihn fassen.“
„Es ist einen Versuch wert“, erwiderte Fain. Er hatte soeben das letzte der unförmigen Wattepolster angelegt und streifte jetzt hastig seine Doubluth-Kleidung über. „Ich hole Scorpio, und dann treffen wir uns in der Küche.“
Danon verneigte sich grinsend, und seine Zähne leuchteten wie winzige Lampen in seinem dunklen Gesicht. „Ich bin froh, daß es Euch gefallt.“
Als Fain über den Gang zu Scorpios Zimmer watschelte, fragte er sich beiläufig, wessen Idee es wohl wirklich gewesen sein mochte: Skallons oder die des Jungen. Es gab Zeiten, da legte Danon eine wesentlich größere Gewitztheit an den Tag, als ihm nach Jahren eigentlich zugestanden hätte.
Scorpios Zimmer stank nach dem Müßiggang vieler Tage. Die Luft war schwer vom Geruch nach Futter, Kot und den muffigen Ausdünstungen des Tieres. Fain rümpfte die Nase. So rasch es ging, erklärte er Scorpio, wozu und weshalb er ihn brauchte. Als Scorpio erst begriffen hatte, war er mehr als angetan. Ebenso wie Fain schien er jede Abwechslung von diesem ständigen, ermüdenden Warten zu begrüßen.
Die beiden gingen hinaus. Fain bewegte sich vorsichtig durch die Korridore, aber es war niemand zu sehen. Fast fühlte er die völlige Leere der Räume, an denen er vorüberkam. Weshalb, fragte er sich. Wo waren sie alle? Draußen? Er glaubte es zu wissen. Der Mob hatte sie vereinnahmt. Alvea war wie eine Trommel, die zu straff gespannt gewesen war. Skallons Verhallen in der vergangenen Nacht hatte das dünne, empfindliche Fell zerreißen lassen.
Joane war allein in der Küche. Als sie Fain sah, wollte sie etwas sagen, aber dann zögerte sie.
„Wo steckt Kish?“ fragte Fain.
Wieder zögerte sie, und er sah, daß er in der Tat die Ursache für ihre Angst war.
Er wies mit dem Kopf auf die Wand. „Draußen?“
Sie nickte angespannt.
„Und der Rest? Eure Köche, die Angestellten? Die auch?“
„Ja. Es ist wie … wie ein Fest draußen. Es herrscht Erregung und … und Wut. Die Männer haben das Gefühl, es sei besser herumzulaufen und zu toben, besser als auf den Tod zu warten.“
„Und du glaubst das nicht?“
Sie zuckle die Achseln. „Ich glaube, daß der Tod nicht das Ende ist.“
Fain unterdrückte einen Impuls, ihr zuzustimmen. Er erkannte, daß sie ihm einen Teil ihrer selbst offenbarte, den sie bislang wohlverborgen gehalten hatte. So muß es sein, wenn sie mit Skallon redet, dachte er, und einen kurzen Moment lang empfand er fast so etwas wie Neid. „Aber kann ich ihm vertrauen? Kish? Rennt er zum Spaß da draußen herum, oder wird er am Ende seine Freunde hierherführen, um mich in Stücke zu reißen?“
Sie war nicht bereit, ihn zu beruhigen. „Ich weiß nie, was Kish tun könnte.“
Aber Fain wußte, daß er keine Wahl hatte. Wenn er die Herberge verließ, würde er nur noch fliehen können, und das würde bedeuten, die Stadt – und den Planeten – fest in der Hand des Änderlings zu lassen.
„Wo ist Danon?“ fragte er. „Er sollte sich hier mit mir treffen.“
„Er ist mit dem Essen für Skallon schon vorausgegangen.“ Sie schien froh, zu einem Thema zurückkehren zu können, das weniger emotionsgeladen für sie war. „Er sagte, daß Skallon unruhig würde, wenn er ihn allein ließe. Er hat mir beschrieben, wie man zu dem Versteck gelangt. Soll ich es dir erklären?“
„Nein, ich finde es schon. Wenn nicht, wird Scorpio es finden.“
„Du kommst zurück?“
Er nickte. „Ja. Bald. Und du wirst hierbleiben? Du wirst verhindern, daß mir jemand folgt?“
„Ich will es versuchen, Fain.“
„Danke.“ Er meinte es ehrlich, obgleich er wußte, daß ihre hilfreiche Geste so gut wie nutzlos war: Keine Frau konnte sich dem Änderung in den Weg stellen. Dennoch … Joane war die einzige Person auf dieser Welt, der er vertraute. Zumindest Scorpios Anwesenheit in der Küche war ein Beweis für ihre Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit. So war Joane wenigstens, was sie zu sein vorgab.
Hinter der Küche befand sich ein kleiner Raum, in dessen Ecke eine Falltür direkt in die unterirdischen Gewölbe führte. Den Raum unter dem Hotel benutzte Kish oft als Vorratslager. Fain bahnte sich seinen Weg vorbei an Stapeln von Konserven und Branntweinflaschen; dann schaltete er die Handlampe ein, die er bei sich trug, und folgte dem verschlungenen Weg, der ihn zu Skallon bringen würde. Die Gänge waren gemeinhin weit und geräumig und mündeten häufig in hohe Gewölbe, groß genug, um mehreren hundert Menschen Platz zu bieten. Es bereitete Fain keinerlei Schwierigkeiten, sich an den Weg zu erinnern, den er in der vergangenen Nacht genommen hatte. Wieder zeigte sich sein Training, und er war angenehm berührt. Die Luft war überraschend sauber, beinahe frisch. Ein wenig Wasser drang durch Risse im steinernen Boden an die Oberfläche, aber Fain konnte den vereinzelten, seichten Pfützen mit Leichtigkeit ausweichen.
Sie hatten vielleicht die Hälfte der Strecke bis zu Skallons Unterschlupf hinter sich gebracht, als Scorpio laut zu schnüffeln begann und zurückblieb. Fain wartete in einem Gewölbe auf ihn. Ein paar Meter entfernt blieb Scorpio stehen und senkte die Nase auf den Boden. Dann hob er den Kopf und sagte zu Fain: „Mag. Sein. Es. Ist. Das. Eine.“
„Der Änderung? Bist du sicher?“
„Nein. Nicht. Sicher. Schwach.“
„Alt?“ War es möglich, daß der Änderung die Gewölbe und Tunnels die ganze Zeit über als Versteck benutzt hatte?
„Nicht. Sicher. Schritte. Durch … Wasser.“
„Dann ist es vielleicht noch frisch.“ Der Änderung würde sich nicht die Mühe machen, seine Spuren zu verwischen, es sei denn, es fürchtete, verfolgt zu werden – von Scorpio. „Dann sollten wir uns beeilen. Aber sei vorsichtig. Ich will ihm nicht hinter der nächsten Ecke in die Arme laufen.“
„Ich. Werde. Schnüffeln. Fain.“
„Gut.“ Fain setzte seinen Weg fort, jetzt allerdings mit einer Mischung aus Vorsicht und Hast. Nach ein paar hundert Metern meldete Scorpio, daß die Spur schwächer geworden sei. Jetzt war er sicher, daß die Fährte nicht frisch war, sondern wenigstens ein paar Stunden alt. Fain war erleichtert. Er konnte sich keinen Ort vorstellen, der schlechter dazu geeignet war, dem Änderung entgegenzutreten. Die Finsternis und der beengte Raum hier unten würde so gut wie jeden Vorteil, den er hatte, zunichte machen. Er wäre dem Änderung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Als sie den Eingang zu dem engen Gang erreichten, der direkt zu Skallons Kammer Führte, ließ er Scorpio eine kurze Bestandsaufnahme der Umgebung durchführen. Scorpio meldete dieselbe schwache Spur wie zuvor, und so beschloß Fain, Skallons Plan weiter zu verfolgen und den Hund Wache halten zu lassen. Er befahl ihm, vorsichtig zu sein. „Sollte der Änderung – oder sonst irgendjemand – kommen, greife erst an, wenn du sicher bist, daß du es gefahrlos tun kannst. Laß es in den Gang eindringen, und dann heulst du. Ich werde sofort dasein, und auf diese Weise haben wir es zwischen uns in der Falle.“
„Ein. Guter. Plan. Fain.“
Er nickte; ganz so sicher wie der Hund war er allerdings nicht. „Das hoffe ich. Aber wenn nicht … wenn nichts geschieht, dann sollte ich in etwa einer Stunde wieder draußen sein.“
„Mach’s. Gut. Fain.“
„Mach’s gut, Scorpio.“
Die Stelle, an der er Skallon nach dem Aufruhr der letzten Nacht in Sicherheit gebracht halte, lag etwa zweihundert Meter weiter. Er mußte sich bücken, um den Gang betreten zu können, und noch bevor er am Ende angelangt war, kroch er auf allen vieren. Ein hervorragender Ort für einen plötzlichen Überfall, dachte er, und ganz lausig für jede rasche Bewegung. Skallons Plan gefiel ihm allmählich immer weniger. Er machte sich Sorgen um Scorpio; das Risiko für den Hund erschien ihm zu groß. Aber er kehrte nicht um. Wenn er selbst einen besseren Plan gehabt hätte – oder auch nur eine bessere Idee –, hätte er vielleicht darüber nachgedacht. Aber er hatte keinen. Sein Kopf war beunruhigend leer. Im Augenblick hatte er keine andere Wahl, als Skallon – oder Danon – die Führung zu überlassen. Während er sich vorwärtsschob, richtete er den Strahl seiner Lampe nach vorn und nach hinten. Aber da war nichts. Nur er selbst. Ein wenig Wasser. Der dunkle Tunnel.
Er erreichte die Tür der Zelle und klopfte. Das war es, was der Raum vor Jahrhunderten gewesen war – eine Zelle. Die Tür war doppelt so dick wie sein Schenkel, und das einzige Fenster war vergittert. Danon war als kleiner Junge auf die Zelle gestoßen und hatte nie vergessen, wo sie lag.
Skallon sagte: „Komm herein, Fain.“
Eine einzige, trübe Laterne mühte sich verzweifelt, den ganzen Raum zu erleuchten. Eine Pritsche, ein Tisch und ein Stuhl waren das ganze Mobiliar. Danon hatte sie vor langer Zeit heimlich hierhergeschaut, als er die Zelle als einsames Versteck benutzte. In der gegenüberliegenden Wand befand sich eine Tür, aber sie führte nur in einen flachen Wandschrank. Der Eingang war zugleich der einzige Ausgang, und den bewachte Scorpio. Fain ließ die Tür offenstehen, damit er den Hund hören konnte. Skallon lag auf dem Rücken auf der Pritsche. Er war allein.
„Ich habe mich gefragt, ob du dir die Mühe machen würdest zu kommen.“ Skallon setzte sich langsam auf.
Fain zuckte die Achseln, mit einem Ohr immer nach Scorpio lauschend. „Weshalb sollte ich nicht kommen?“
„Wegen der Dummheit, die ich letzte Nacht gemacht habe.“
„Das warst nicht du. Das war der Änderung. Du standest unter Stoff. Wie ein Alveaner unter Vertil. Du konntest nichts dafür.“
„Bist du sicher? Weißt du, daß ich unter Stoffstand?“
Skallon schien dringend ein wenig Trost zu brauchen. Fain sah keinen Grund, ihm den zu verweigern. „Ich bin sicher. So sicher zumindest, wie ich es allgemein bin. Es hätte mich genauso leicht treffen können wie dich. Du hast dein Bier nur zufällig aus dem falschen Becher getrunken.“
„Ich bin froh, das zu hören, Fain, aber es ist immer noch nicht vorbei, oder? Danon sagt, daß oben ein scheußliches Durcheinander herrscht. Die Leute sind in Aufruhr und machen überall Jagd auf getarnte Erdler. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie uns erwischen, Fain. Wir können nicht bleiben, und wir können nicht weg.“
Skallons Analyse unterschied sich nicht sonderlich von Fains eigener, aber im Augenblick fand er es nicht erforderlich, darauf weiter einzugehen. Statt dessen konzentrierte er sich auf einen anderen Punkt, den Skallon angesprochen hatte: Danon. Wo war der Junge? „Hat Danon dir nicht dein Essen gebracht? Er soll schon vor mir gegangen sein.“
„Nein, ich habe ihn nicht gesehen“, antwortete Skallon.
„Das ist sonderbar.“
„Was wäre nicht sonderbar auf dieser Welt?“ Skallon sprang plötzlich belebt, von seinem Lager. „Ich sage dir, wir hätten überhaupt niemals herkommen sollen, Fain. Das war unser erster Fehler – unser einziger wirklicher Fehler. Wir hätten den Änderung einfach gewähren lassen sollen. Dies ist nicht unsere Welt. Diese Menschen sind Pseudo-Menschen und dem Änderung ähnlicher als uns. Wieso sind wir für sie verantwortlich, wieso sollen wir uns um sie kümmern?“
Fain schüttelte den Kopf. Skallon verlor jetzt wohl die Beherrschung und ließ seinem Zorn freien Lauf. „Ich dachte, du wärest derjenige gewesen, der sie so sehr bewunderte.“
„Das war, bevor sie versuchten, mich umzubringen. Denk doch mal nach, Fain. Überleg nur, wie wir unsere besten Köpfe daran gesetzt haben, ihre Seuchen zu besiegen. Und wie haben sie es uns gelohnt? Fain, wenn sie uns erwischen könnten, würden sie uns in der nächsten Sekunde töten, in Stücke reißen. Das liegt auch nicht nur an dem Änderung. Der Änderung folgt dem Chaos, wie Scorpio eine Spur verfolgt. Er erschafft es nicht. Er verstärkt nur, was schon da ist. Diese Alveaner sind keine Menschen. Sie sind nichts – absolut nichts.“
Fain trat näher und versuchte, Skallon zu beruhigen, aber Skallon riß sich los und stürzte zur Tür. „Ich muß pissen. Ich bin gleich zurück.“
„Klar“, sagte Fain. Noch immer konnte er Skallons Ausbruch nicht ganz verstehen. Er hatte eher wie Fain als wie er selbst geklungen. War das sein Ernst gewesen? Gab es einen echten Grund für diese Wut?
Dann hörte er es. Es war mehr als wahrscheinlich, daß das Geräusch schon einige Zeit im Raum gewesen war, aber Skallons zornige Worte hatten es übertönt. Es kam aus dem Schrank. Es klang wie die erstickte Stimme eine Mannes.
Fain ging zu dem Schrank hinüber. Das Geräusch kam von dort. Vorsichtig öffnete er die Tür.
Dahinter fand er einen Mann, gefesselt und geknebelt mit zerrissenen Laken. Seine Augen quollen vor Anstrengung aus den Höhlen, und er versuchte verzweifelt, durch den dicken Knebel hindurch etwas zu sagen.
Der Mann war Skallon.
Fain fluchte. Er wirbelte herum und zog mit derselben blitzartigen Bewegung seinen Hitzestrahler. Er spurtete zur Tür, warf sich nach vorn und hetzte durch den Tunnel, so schnell er konnte.
Er stieß mit der Schulter gegen die steinerne Wand und zuckte zusammen. Vor ihm lag Finsternis, erwartungsvolle Finsternis, und er jagte besinnungslos weiter, mit starrem Gesicht, dem Änderung nach.