15

 

Jo­seph Fain saß mit­ten auf sei­nem zer­knüll­ten Bett und trank Kis­hs dunkles Bier aus ei­nem Be­cher. Der ei­si­ge, bit­te­re Ge­schmack traf sei­nen Ma­gen wie ei­ne Faust, aber Fain wuß­te, daß er es brauch­te, um sei­ne Ge­dan­ken zu kon­zen­trie­ren. Der Än­de­rung, dach­te er. Im­mer ver­schla­gen, und im­mer an­ders. Nach der däm­li­chen Scha­ra­de im Ho­tel hat­te er be­schlos­sen, sei­ne Tak­tik zu än­dern. Er hat­te sich bei die­sem Job zu sehr an Skal­lons Ratschlä­ge ge­hal­ten, und so hat­ten sie sich bei­de zum Nar­ren ge­macht. Man mach­te im­mer Feh­ler, wenn man in ei­ner frem­den Kul­tur ar­bei­te­te, aber dies­mal war es ge­ra­de­zu lä­cher­lich. Na schön. Fein. Ge­ben wir es zu. Im Ho­tel hat­te Fain be­schlos­sen, die­se Tat­sa­che ge­gen den Än­de­rung ein­zu­set­zen. Ver­su­chen wir, wei­ter­hin däm­lich aus­zu­se­hen. Soll­te Skal­lon nur wei­ter über sei­ne ei­ge­nen Fü­ße stol­pern. Däm­li­cher und im­mer däm­li­cher – und ir­gend­wann wür­de der Än­de­rung sich über­neh­men. Das war ei­ne Me­tho­de, die Fain schon frü­her an­ge­wandt hat­te, und er wuß­te, daß sie funk­tio­nie­ren konn­te. Wo im­mer der Än­de­rung sein moch­te, er wür­de sich über die schwach­sin­ni­gen Erd­ler tot­la­chen. Gut. Soll­te er la­chen. Er muß­te zu­ge­ben, daß der Än­de­rung ges­tern abend wirk­lich einen Coup ge­lan­det hat­te, in­dem er Skal­lon der­ar­tig un­ter Stoff setz­te und ihn dann da­zu be­nutz­te, die Men­ge auf­zu­sta­cheln. Wenn Fain nur ein we­nig schnel­ler ge­we­sen wä­re, hät­te er den Än­de­rung noch an Ort und Stel­le fest­na­geln kön­nen. Beim nächs­ten Mal wür­de es an­ders lau­fen. Fain hob sei­nen Be­cher wie zum Gruß. „Auf un­ser Wie­der­se­hen“, schnarr­te er und trank.

Ein sanf­tes Klop­fen an der Tür.

„Ich bin hier“, sag­te Fain.

Jo­a­ne trat zö­gernd ein. Sie ließ er­ken­nen, daß ihr die ver­än­der­te Si­tua­ti­on be­wußt war und daß sie über ih­ren ge­gen­wär­ti­gen Sta­tus im Un­ge­wis­sen schweb­te. Fain nahm an, daß sie noch nie zu­vor einen Mann vol­ler ru­hi­ger, be­rech­nen­der Wut ge­se­hen hat­te. Sie hat­te ihr Le­ben da­mit ver­bracht, klei­ne Jun­gen zu be­herr­schen: Kish, Da­non und auch Skal­lon. Fain konn­te sie nicht be­herr­schen, und er wuß­te, dies war es, was sie ver­wirr­te. Er wuß­te es, aber im Au­gen­blick küm­mer­te es ihn nicht. „Nun?“ sag­te er mür­risch; er ver­such­te nicht erst, ihr Un­be­ha­gen zu mil­dern. „Was hast du her­aus­ge­fun­den?“

„Wir … wir ha­ben ge­tan, was du ge­sagt hast, Kish und ich. Wir sind hin­aus­ge­gan­gen und …“ Un­be­wußt dreh­te sie sich um und be­gann, die Tür zu ver­rie­geln.

Fain un­ter­brach sie. „Ver­schwin­de da.“

Sie fuhr her­um, das Ge­sicht rot vor Ver­le­gen­heit. „Aber ich woll­te doch nur …“

„Ich weiß, was du woll­test. Und jetzt komm her. Re­de. Ich will wis­sen, was da drau­ßen los ist. Her­aus da­mit.“

„Är­ger“, sag­te sie has­tig. „Sehr viel Är­ger. Kish und ich, wir ha­ben bei­de das glei­che ge­hört. Die Erd­ler sind hier – auf Al­vea. Sie sind ver­klei­det, und sie ver­ur­sa­chen die Seu­chen. Ei­ner wur­de letz­te Nacht ent­deckt, aber es gibt noch vie­le an­de­re. Der Pö­bel hat in der Nä­he der Großen Hal­le drei Män­ner in Stücke ge­ris­sen. Ein Red­ner be­haup­te­te, es wä­ren Erd­ler.“

„Und wa­ren es wel­che?“ frag­te Fain spöt­tisch.

„Nein, na­tür­lich nicht. Du weißt, daß …“

Er hob die Hand. „Es war ein Scherz. Aber was macht Skal­lon? Hat­test du heu­te Zeit, hin­un­ter­zu­ge­hen und ihn zu be­su­chen?“

„Da­non ist bei ihm, nicht ich. Ich war mit Kish zu­sam­men, wie du … wie du be­foh­len hast.“

„Es freut mich, das zu hö­ren“, ant­wor­te­te er tro­cken. „Aber was ist mit mir? Hast du ir­gend et­was über einen zwei­ten Erd­ler ge­hört? Ich muß wis­sen, ob ich ge­fahr­los auf die Stra­ße ge­hen kann.“

„Das ist schwer zu sa­gen. Nie­mand weiß ge­nau, wie der Erd­ler ent­kom­men konn­te. Man­che sa­gen, er sei gar nicht ent­kom­men, son­dern tot. An­de­re be­haup­ten, ei­ne Grup­pe von Erd­lern ha­be ihn fort­ge­bracht. Ei­ni­ge glau­ben, daß er flie­hen konn­te, sich aber jetzt ver­steckt hält. Auf je­den Fall su­chen jetzt al­le nach Erd­lern. Wenn du aus­gehst, wird man dich si­cher ent­de­cken. Du mußt hier­blei­ben und ab­war­ten.“

Er schüt­tel­te den Kopf, nicht weil er nicht ein­sah, daß es stimm­te, was sie sag­te, son­dern weil er im Au­gen­blick kei­ne Ratschlä­ge von ihr hö­ren woll­te. Das Ver­til hat­te letz­te Nacht sei­ne Spu­ren al­so tat­säch­lich ver­wi­schen kön­nen. Das zu­min­dest war ein er­freu­li­ches Zei­chen. Er hat­te so­fort ei­ne In­jek­ti­on ge­nom­men, als er Skal­lon in­mit­ten der Men­ge ent­deckt und be­grif­fen hat­te, was die­ser vor­hat­te. Das Ver­til hat­te es ihm er­mög­licht, einen großen Teil des Mobs ab­zu­len­ken, so daß er Skal­lon in Si­cher­heit brin­gen konn­te. Er war si­cher, daß er un­ge­se­hen ins Ho­tel hat­te flie­gen kön­nen. Da­non, der bei Skal­lon ge­we­sen war, hat­te ein Ver­steck vor­ge­schla­gen: die Ka­ta­kom­ben un­ter der Stadt, die man jetzt nur noch sel­ten be­nutz­te, an­ders als in den An­fangs­jah­ren der Ko­lo­nie, als es noch not­wen­dig ge­we­sen war, zu ge­wis­sen Zei­ten un­ter der Er­de zu le­ben, um nicht von der Son­ne knusp­rig ge­bra­ten zu wer­den. Dort war Skal­lon jetzt.

„Skal­lon wur­de un­ter Dro­gen ge­setzt, weißt du“, sag­te er. „Ja … ja, so et­was ha­ben wir be­reits ver­mu­tet.“

„Das be­deu­tet, daß du dar­auf ach­ten mußt, was er ißt. Du mußt je­den Bis­sen selbst zu­be­rei­ten. Das Es­sen für ihn – und auch das für mich. We­der Kish noch sonst je­mand darf da­bei­sein. Sag ih­nen, daß ich es an­ge­ord­net ha­be, und wenn sie Ein­wän­de ha­ben, sag’s mir.“

„Ich ha­be es heu­te mor­gen bei Skal­lons Früh­stück schon so ge­macht. Nur Da­non war bei mir.“

„Nun, dann hal­te es auch wei­ter­hin so.“

„Du ver­traust mir al­so.“

„Nein, nicht un­be­dingt. Aber wenn auf die­se Wei­se ei­ner von uns bei­den ver­gif­tet wer­den soll­te, dann weiß ich we­nigs­tens ge­nau, an wen ich mich hal­ten muß.“ Sie lä­chel­te, aber auch dar­an lag ihm nichts. „Wann er­war­test du Da­non?“

„Es ist bald Mit­tag. Er müß­te gleich kom­men, um Skal­lons Es­sen zu ho­len.“

„Wenn er da ist, schick ihn her­auf. Viel­leicht will ich ihm fol­gen, wenn er zu­rück­geht.“

„Du wirst auch et­was es­sen müs­sen. Das Bier brennt wie Feu­er auf lee­rem Ma­gen.“

Er fun­kel­te sie an. Was woll­te sie? Sex, Lie­be, Herr­schaft oder bloß Freund­lich­keit? Im Au­gen­blick hat­te er ihr nichts zu bie­ten. Er wies mit dem Dau­men auf die Tür. „Ver­schwin­de hier, Jo­a­ne. Laß mich al­lein.“

Sie nick­te mit ge­kränk­tem Ge­sicht, biß sich auf die Lip­pe und ging lei­se hin­aus. Fain blick­te auf die ge­schlos­se­ne Tür und seufz­te.

Er hat­te ver­sagt. Das war es, was ihm zu schaf­fen mach­te. Schlicht und ein­fach und ganz ge­wöhn­lich ver­sagt. Zum Teu­fel, so et­was pas­sier­te an je­dem Tag der Wo­che ir­gend je­man­dem. Man ver­such­te et­was, es klapp­te nicht, man gab auf und hat­te ver­sagt. Aber Fain war nicht ir­gend je­mand. Ihm dürf­te es nicht pas­sie­ren – nie­mals. Die­ser Pla­net er­in­ner­te ihn all­mäh­lich all­zu sehr an Ja­do. Wie­der spiel­te der Än­de­rung mit ihm, hielt ihn zum Nar­ren. Soll­te er sich wei­ter­hin als Dumm­kopf aus­ge­ben, auch oh­ne Skal­lons Hil­fe, und dar­auf hof­fen, den Än­de­rung da­mit her­vor­zu­lo­cken? Das schi­en ihm ein­fach nicht ge­nug zu sein.

Der Än­de­rung hat­te ihn nicht nur lahm­ge­legt. Er hät­te ihn so­gar leicht schla­gen kön­nen.

An­zei­chen da­für er­reich­ten ihn durch die Wän­de sei­nes Zim­mers. Er hör­te den Lärm von schril­len, wü­ten­den Stim­men auf der Stra­ße. Die gan­ze Zeit über hat­ten er und Skal­lon sich über den pre­kä­ren Zu­stand der Ord­nung auf die­ser Welt un­ter­hal­ten. Ein ein­zi­ger An­laß konn­te ge­nü­gen, um das Gleich­ge­wicht in Cha­os um­schla­gen zu las­sen. Und die letz­te Nacht hat­te die­sen An­laß ge­ge­ben: die Ent­de­ckung ei­nes ge­tarn­ten Erd­lers in den Stra­ßen der Stadt. Sie hat­ten es ganz al­lein fer­tig­ge­bracht – der Än­de­rung hat­te nur den letz­ten, ent­schei­den­den Stoß da­zu bei­ge­tra­gen.

Wie­der klopf­te es an der Tür – dies­mal lau­ter. Fain grunz­te, und Da­non kam her­ein. Der Jun­ge wirk­te ha­ger und ernst. Fain be­griff, daß er wahr­schein­lich die gan­ze Nacht bei dem be­täub­ten Skal­lon ge­wacht hat­te. Fain selbst war so­fort auf sein Zim­mer ge­gan­gen, nach­dem sie Skal­lon in sein Ver­steck ge­bracht hat­ten. Aber ge­schla­fen hat­te er nicht. Da­für wür­de spä­ter noch ge­nug Zeit sein. Je­de Men­ge Zeit, falls sich nichts Neu­es er­eig­ne­te. Auf der Er­de. Als Ver­sa­ger.

„Wie geht es ihm?“ frag­te Fain.

Da­non rieb sich die Au­gen. „Skal­lon geht es gut. Er fragt nach Euch.“

„Hat er ir­gend­wel­che Er­in­ne­run­gen an letz­te Nacht?“

„Nur we­ni­ge. Er wuß­te nicht, was er ge­tan hat­te.“

„Hast du es ihm er­zählt?“

Da­non nick­te.

„Was hat er ge­sagt?“

„Er sag­te, der Än­de­rung ha­be ihn wahr­schein­lich un­ter Dro­gen ge­setzt.“

Fain er­hob sich. Er hat­te lan­ge ge­nug un­tä­tig her­um­ge­ses­sen. Es war an der Zeit, et­was zu un­ter­neh­men, selbst wenn er noch kei­ne Ah­nung hat­te, was er tun soll­te. „Ich wer­de mit dir in die Ka­ta­kom­ben ge­hen und mit Skal­lon re­den. War­te auf mich. Ich muß noch mei­ne Pols­te­rung an­le­gen.“

„Wollt Ihr al­lein mit­kom­men?“

Fain sah ihn ver­wirrt an. „Si­cher. Wen soll­te ich denn mit­neh­men?“

„Den Hund. Scor­pio. Das war Skal­lons Vor­schlag, nicht mei­ner. Die Ka­ta­kom­ben sind dun­kel und manch­mal ge­heim­nis­voll. Skal­lon be­fürch­tet, der Än­de­rung könn­te sich eben­falls dort un­ten ver­ber­gen.“

Fain dach­te einen Au­gen­blick dar­über nach und nick­te dann. „Der Ge­dan­ke ist nicht so ab­we­gig.“ Und er hät­te ihm selbst kom­men müs­sen.

„Das dach­te Skal­lon auch. Wißt Ihr noch, wo der Raum liegt, in dem er sich ver­steckt? Er liegt am En­de ei­nes en­gen Tun­nels.“

„Dar­an er­in­ne­re ich mich, ja.“ Er war dar­auf trai­niert, sich an sol­che tak­ti­schen De­tails zu er­in­nern.

„Nun, Skal­lon mein­te, wenn Ihr mit mir zu­rück­kommt, könn­tet Ihr Scor­pio viel­leicht in die­sem Tun­nel las­sen. Wäh­rend Ihr mit Skal­lon re­det, könn­te der Hund dort Wa­che hal­ten. Falls der Än­de­rung in die Nä­he kommt, könn­te Scor­pio ihn fas­sen.“

„Es ist einen Ver­such wert“, er­wi­der­te Fain. Er hat­te so­eben das letz­te der un­för­mi­gen Wat­te­pols­ter an­ge­legt und streif­te jetzt has­tig sei­ne Dou­bluth-Klei­dung über. „Ich ho­le Scor­pio, und dann tref­fen wir uns in der Kü­che.“

Da­non ver­neig­te sich grin­send, und sei­ne Zäh­ne leuch­te­ten wie win­zi­ge Lam­pen in sei­nem dunklen Ge­sicht. „Ich bin froh, daß es Euch ge­fallt.“

Als Fain über den Gang zu Scor­pi­os Zim­mer wat­schel­te, frag­te er sich bei­läu­fig, wes­sen Idee es wohl wirk­lich ge­we­sen sein moch­te: Skal­lons oder die des Jun­gen. Es gab Zei­ten, da leg­te Da­non ei­ne we­sent­lich grö­ße­re Ge­witzt­heit an den Tag, als ihm nach Jah­ren ei­gent­lich zu­ge­stan­den hät­te.

Scor­pi­os Zim­mer stank nach dem Mü­ßig­gang vie­ler Ta­ge. Die Luft war schwer vom Ge­ruch nach Fut­ter, Kot und den muf­fi­gen Aus­düns­tun­gen des Tie­res. Fain rümpf­te die Na­se. So rasch es ging, er­klär­te er Scor­pio, wo­zu und wes­halb er ihn brauch­te. Als Scor­pio erst be­grif­fen hat­te, war er mehr als an­ge­tan. Eben­so wie Fain schi­en er je­de Ab­wechs­lung von die­sem stän­di­gen, er­mü­den­den War­ten zu be­grü­ßen.

Die bei­den gin­gen hin­aus. Fain be­weg­te sich vor­sich­tig durch die Kor­ri­do­re, aber es war nie­mand zu se­hen. Fast fühl­te er die völ­li­ge Lee­re der Räu­me, an de­nen er vor­über­kam. Wes­halb, frag­te er sich. Wo wa­ren sie al­le? Drau­ßen? Er glaub­te es zu wis­sen. Der Mob hat­te sie ver­ein­nahmt. Al­vea war wie ei­ne Trom­mel, die zu straff ge­spannt ge­we­sen war. Skal­lons Ver­hal­len in der ver­gan­ge­nen Nacht hat­te das dün­ne, emp­find­li­che Fell zer­rei­ßen las­sen.

Jo­a­ne war al­lein in der Kü­che. Als sie Fain sah, woll­te sie et­was sa­gen, aber dann zö­ger­te sie.

„Wo steckt Kish?“ frag­te Fain.

Wie­der zö­ger­te sie, und er sah, daß er in der Tat die Ur­sa­che für ih­re Angst war.

Er wies mit dem Kopf auf die Wand. „Drau­ßen?“

Sie nick­te an­ge­spannt.

„Und der Rest? Eu­re Kö­che, die An­ge­stell­ten? Die auch?“

„Ja. Es ist wie … wie ein Fest drau­ßen. Es herrscht Er­re­gung und … und Wut. Die Män­ner ha­ben das Ge­fühl, es sei bes­ser her­um­zu­lau­fen und zu to­ben, bes­ser als auf den Tod zu war­ten.“

„Und du glaubst das nicht?“

Sie zuck­le die Ach­seln. „Ich glau­be, daß der Tod nicht das En­de ist.“

Fain un­ter­drück­te einen Im­puls, ihr zu­zu­stim­men. Er er­kann­te, daß sie ihm einen Teil ih­rer selbst of­fen­bar­te, den sie bis­lang wohl­ver­bor­gen ge­hal­ten hat­te. So muß es sein, wenn sie mit Skal­lon re­det, dach­te er, und einen kur­z­en Mo­ment lang emp­fand er fast so et­was wie Neid. „Aber kann ich ihm ver­trau­en? Kish? Rennt er zum Spaß da drau­ßen her­um, oder wird er am En­de sei­ne Freun­de hier­her­füh­ren, um mich in Stücke zu rei­ßen?“

Sie war nicht be­reit, ihn zu be­ru­hi­gen. „Ich weiß nie, was Kish tun könn­te.“

Aber Fain wuß­te, daß er kei­ne Wahl hat­te. Wenn er die Her­ber­ge ver­ließ, wür­de er nur noch flie­hen kön­nen, und das wür­de be­deu­ten, die Stadt – und den Pla­ne­ten – fest in der Hand des Än­der­lings zu las­sen.

„Wo ist Da­non?“ frag­te er. „Er soll­te sich hier mit mir tref­fen.“

„Er ist mit dem Es­sen für Skal­lon schon vor­aus­ge­gan­gen.“ Sie schi­en froh, zu ei­nem The­ma zu­rück­keh­ren zu kön­nen, das we­ni­ger emo­ti­ons­ge­la­den für sie war. „Er sag­te, daß Skal­lon un­ru­hig wür­de, wenn er ihn al­lein lie­ße. Er hat mir be­schrie­ben, wie man zu dem Ver­steck ge­langt. Soll ich es dir er­klä­ren?“

„Nein, ich fin­de es schon. Wenn nicht, wird Scor­pio es fin­den.“

„Du kommst zu­rück?“

Er nick­te. „Ja. Bald. Und du wirst hier­blei­ben? Du wirst ver­hin­dern, daß mir je­mand folgt?“

„Ich will es ver­su­chen, Fain.“

„Dan­ke.“ Er mein­te es ehr­lich, ob­gleich er wuß­te, daß ih­re hilf­rei­che Ges­te so gut wie nutz­los war: Kei­ne Frau konn­te sich dem Än­de­rung in den Weg stel­len. Den­noch … Jo­a­ne war die ein­zi­ge Per­son auf die­ser Welt, der er ver­trau­te. Zu­min­dest Scor­pi­os An­we­sen­heit in der Kü­che war ein Be­weis für ih­re Ehr­lich­keit und Zu­ver­läs­sig­keit. So war Jo­a­ne we­nigs­tens, was sie zu sein vor­gab.

Hin­ter der Kü­che be­fand sich ein klei­ner Raum, in des­sen Ecke ei­ne Fall­tür di­rekt in die un­ter­ir­di­schen Ge­wöl­be führ­te. Den Raum un­ter dem Ho­tel be­nutz­te Kish oft als Vor­rats­la­ger. Fain bahn­te sich sei­nen Weg vor­bei an Sta­peln von Kon­ser­ven und Brannt­wein­fla­schen; dann schal­te­te er die Hand­lam­pe ein, die er bei sich trug, und folg­te dem ver­schlun­ge­nen Weg, der ihn zu Skal­lon brin­gen wür­de. Die Gän­ge wa­ren ge­mein­hin weit und ge­räu­mig und mün­de­ten häu­fig in ho­he Ge­wöl­be, groß ge­nug, um meh­re­ren hun­dert Men­schen Platz zu bie­ten. Es be­rei­te­te Fain kei­ner­lei Schwie­rig­kei­ten, sich an den Weg zu er­in­nern, den er in der ver­gan­ge­nen Nacht ge­nom­men hat­te. Wie­der zeig­te sich sein Trai­ning, und er war an­ge­nehm be­rührt. Die Luft war über­ra­schend sau­ber, bei­na­he frisch. Ein we­nig Was­ser drang durch Ris­se im stei­ner­nen Bo­den an die Ober­flä­che, aber Fain konn­te den ver­ein­zel­ten, seich­ten Pfüt­zen mit Leich­tig­keit aus­wei­chen.

Sie hat­ten viel­leicht die Hälf­te der Stre­cke bis zu Skal­lons Un­ter­schlupf hin­ter sich ge­bracht, als Scor­pio laut zu schnüf­feln be­gann und zu­rück­b­lieb. Fain war­te­te in ei­nem Ge­wöl­be auf ihn. Ein paar Me­ter ent­fernt blieb Scor­pio ste­hen und senk­te die Na­se auf den Bo­den. Dann hob er den Kopf und sag­te zu Fain: „Mag. Sein. Es. Ist. Das. Ei­ne.“

„Der Än­de­rung? Bist du si­cher?“

„Nein. Nicht. Si­cher. Schwach.“

„Alt?“ War es mög­lich, daß der Än­de­rung die Ge­wöl­be und Tun­nels die gan­ze Zeit über als Ver­steck be­nutzt hat­te?

„Nicht. Si­cher. Schrit­te. Durch … Was­ser.“

„Dann ist es viel­leicht noch frisch.“ Der Än­de­rung wür­de sich nicht die Mü­he ma­chen, sei­ne Spu­ren zu ver­wi­schen, es sei denn, es fürch­te­te, ver­folgt zu wer­den – von Scor­pio. „Dann soll­ten wir uns be­ei­len. Aber sei vor­sich­tig. Ich will ihm nicht hin­ter der nächs­ten Ecke in die Ar­me lau­fen.“

„Ich. Wer­de. Schnüf­feln. Fain.“

„Gut.“ Fain setz­te sei­nen Weg fort, jetzt al­ler­dings mit ei­ner Mi­schung aus Vor­sicht und Hast. Nach ein paar hun­dert Me­tern mel­de­te Scor­pio, daß die Spur schwä­cher ge­wor­den sei. Jetzt war er si­cher, daß die Fähr­te nicht frisch war, son­dern we­nigs­tens ein paar Stun­den alt. Fain war er­leich­tert. Er konn­te sich kei­nen Ort vor­stel­len, der schlech­ter da­zu ge­eig­net war, dem Än­de­rung ent­ge­gen­zu­tre­ten. Die Fins­ter­nis und der be­eng­te Raum hier un­ten wür­de so gut wie je­den Vor­teil, den er hat­te, zu­nich­te ma­chen. Er wä­re dem Än­de­rung auf Ge­deih und Ver­derb aus­ge­lie­fert.

Als sie den Ein­gang zu dem en­gen Gang er­reich­ten, der di­rekt zu Skal­lons Kam­mer Führ­te, ließ er Scor­pio ei­ne kur­ze Be­stands­auf­nah­me der Um­ge­bung durch­füh­ren. Scor­pio mel­de­te die­sel­be schwa­che Spur wie zu­vor, und so be­schloß Fain, Skal­lons Plan wei­ter zu ver­fol­gen und den Hund Wa­che hal­ten zu las­sen. Er be­fahl ihm, vor­sich­tig zu sein. „Soll­te der Än­de­rung – oder sonst ir­gend­je­mand – kom­men, grei­fe erst an, wenn du si­cher bist, daß du es ge­fahr­los tun kannst. Laß es in den Gang ein­drin­gen, und dann heulst du. Ich wer­de so­fort da­sein, und auf die­se Wei­se ha­ben wir es zwi­schen uns in der Fal­le.“

„Ein. Gu­ter. Plan. Fain.“

Er nick­te; ganz so si­cher wie der Hund war er al­ler­dings nicht. „Das hof­fe ich. Aber wenn nicht … wenn nichts ge­schieht, dann soll­te ich in et­wa ei­ner Stun­de wie­der drau­ßen sein.“

„Mach’s. Gut. Fain.“

„Mach’s gut, Scor­pio.“

Die Stel­le, an der er Skal­lon nach dem Auf­ruhr der letz­ten Nacht in Si­cher­heit ge­bracht hal­te, lag et­wa zwei­hun­dert Me­ter wei­ter. Er muß­te sich bücken, um den Gang be­tre­ten zu kön­nen, und noch be­vor er am En­de an­ge­langt war, kroch er auf al­len vie­ren. Ein her­vor­ra­gen­der Ort für einen plötz­li­chen Über­fall, dach­te er, und ganz lau­sig für je­de ra­sche Be­we­gung. Skal­lons Plan ge­fiel ihm all­mäh­lich im­mer we­ni­ger. Er mach­te sich Sor­gen um Scor­pio; das Ri­si­ko für den Hund er­schi­en ihm zu groß. Aber er kehr­te nicht um. Wenn er selbst einen bes­se­ren Plan ge­habt hät­te – oder auch nur ei­ne bes­se­re Idee –, hät­te er viel­leicht dar­über nach­ge­dacht. Aber er hat­te kei­nen. Sein Kopf war be­un­ru­hi­gend leer. Im Au­gen­blick hat­te er kei­ne an­de­re Wahl, als Skal­lon – oder Da­non – die Füh­rung zu über­las­sen. Wäh­rend er sich vor­wärts­schob, rich­te­te er den Strahl sei­ner Lam­pe nach vorn und nach hin­ten. Aber da war nichts. Nur er selbst. Ein we­nig Was­ser. Der dunkle Tun­nel.

Er er­reich­te die Tür der Zel­le und klopf­te. Das war es, was der Raum vor Jahr­hun­der­ten ge­we­sen war – ei­ne Zel­le. Die Tür war dop­pelt so dick wie sein Schen­kel, und das ein­zi­ge Fens­ter war ver­git­tert. Da­non war als klei­ner Jun­ge auf die Zel­le ge­sto­ßen und hat­te nie ver­ges­sen, wo sie lag.

Skal­lon sag­te: „Komm her­ein, Fain.“

Ei­ne ein­zi­ge, trü­be La­ter­ne müh­te sich ver­zwei­felt, den gan­zen Raum zu er­leuch­ten. Ei­ne Prit­sche, ein Tisch und ein Stuhl wa­ren das gan­ze Mo­bi­li­ar. Da­non hat­te sie vor lan­ger Zeit heim­lich hier­her­ge­schaut, als er die Zel­le als ein­sa­mes Ver­steck be­nutz­te. In der ge­gen­über­lie­gen­den Wand be­fand sich ei­ne Tür, aber sie führ­te nur in einen fla­chen Wand­schrank. Der Ein­gang war zu­gleich der ein­zi­ge Aus­gang, und den be­wach­te Scor­pio. Fain ließ die Tür of­fen­ste­hen, da­mit er den Hund hö­ren konn­te. Skal­lon lag auf dem Rücken auf der Prit­sche. Er war al­lein.

„Ich ha­be mich ge­fragt, ob du dir die Mü­he ma­chen wür­dest zu kom­men.“ Skal­lon setz­te sich lang­sam auf.

Fain zuck­te die Ach­seln, mit ei­nem Ohr im­mer nach Scor­pio lau­schend. „Wes­halb soll­te ich nicht kom­men?“

„We­gen der Dumm­heit, die ich letz­te Nacht ge­macht ha­be.“

„Das warst nicht du. Das war der Än­de­rung. Du stan­dest un­ter Stoff. Wie ein Al­vea­ner un­ter Ver­til. Du konn­test nichts da­für.“

„Bist du si­cher? Weißt du, daß ich un­ter Stoffs­tand?“

Skal­lon schi­en drin­gend ein we­nig Trost zu brau­chen. Fain sah kei­nen Grund, ihm den zu ver­wei­gern. „Ich bin si­cher. So si­cher zu­min­dest, wie ich es all­ge­mein bin. Es hät­te mich ge­nau­so leicht tref­fen kön­nen wie dich. Du hast dein Bier nur zu­fäl­lig aus dem falschen Be­cher ge­trun­ken.“

„Ich bin froh, das zu hö­ren, Fain, aber es ist im­mer noch nicht vor­bei, oder? Da­non sagt, daß oben ein scheuß­li­ches Durch­ein­an­der herrscht. Die Leu­te sind in Auf­ruhr und ma­chen über­all Jagd auf ge­tarn­te Erd­ler. Es ist nur ei­ne Fra­ge der Zeit, wann sie uns er­wi­schen, Fain. Wir kön­nen nicht blei­ben, und wir kön­nen nicht weg.“

Skal­lons Ana­ly­se un­ter­schied sich nicht son­der­lich von Fains ei­ge­ner, aber im Au­gen­blick fand er es nicht er­for­der­lich, dar­auf wei­ter ein­zu­ge­hen. Statt des­sen kon­zen­trier­te er sich auf einen an­de­ren Punkt, den Skal­lon an­ge­spro­chen hat­te: Da­non. Wo war der Jun­ge? „Hat Da­non dir nicht dein Es­sen ge­bracht? Er soll schon vor mir ge­gan­gen sein.“

„Nein, ich ha­be ihn nicht ge­se­hen“, ant­wor­te­te Skal­lon.

„Das ist son­der­bar.“

„Was wä­re nicht son­der­bar auf die­ser Welt?“ Skal­lon sprang plötz­lich be­lebt, von sei­nem La­ger. „Ich sa­ge dir, wir hät­ten über­haupt nie­mals her­kom­men sol­len, Fain. Das war un­ser ers­ter Feh­ler – un­ser ein­zi­ger wirk­li­cher Feh­ler. Wir hät­ten den Än­de­rung ein­fach ge­wäh­ren las­sen sol­len. Dies ist nicht un­se­re Welt. Die­se Men­schen sind Pseu­do-Men­schen und dem Än­de­rung ähn­li­cher als uns. Wie­so sind wir für sie ver­ant­wort­lich, wie­so sol­len wir uns um sie küm­mern?“

Fain schüt­tel­te den Kopf. Skal­lon ver­lor jetzt wohl die Be­herr­schung und ließ sei­nem Zorn frei­en Lauf. „Ich dach­te, du wä­rest der­je­ni­ge ge­we­sen, der sie so sehr be­wun­der­te.“

„Das war, be­vor sie ver­such­ten, mich um­zu­brin­gen. Denk doch mal nach, Fain. Über­leg nur, wie wir un­se­re bes­ten Köp­fe dar­an ge­setzt ha­ben, ih­re Seu­chen zu be­sie­gen. Und wie ha­ben sie es uns ge­lohnt? Fain, wenn sie uns er­wi­schen könn­ten, wür­den sie uns in der nächs­ten Se­kun­de tö­ten, in Stücke rei­ßen. Das liegt auch nicht nur an dem Än­de­rung. Der Än­de­rung folgt dem Cha­os, wie Scor­pio ei­ne Spur ver­folgt. Er er­schafft es nicht. Er ver­stärkt nur, was schon da ist. Die­se Al­vea­ner sind kei­ne Men­schen. Sie sind nichts – ab­so­lut nichts.“

Fain trat nä­her und ver­such­te, Skal­lon zu be­ru­hi­gen, aber Skal­lon riß sich los und stürz­te zur Tür. „Ich muß pis­sen. Ich bin gleich zu­rück.“

„Klar“, sag­te Fain. Noch im­mer konn­te er Skal­lons Aus­bruch nicht ganz ver­ste­hen. Er hat­te eher wie Fain als wie er selbst ge­klun­gen. War das sein Ernst ge­we­sen? Gab es einen ech­ten Grund für die­se Wut?

Dann hör­te er es. Es war mehr als wahr­schein­lich, daß das Ge­räusch schon ei­ni­ge Zeit im Raum ge­we­sen war, aber Skal­lons zor­ni­ge Wor­te hat­ten es über­tönt. Es kam aus dem Schrank. Es klang wie die er­stick­te Stim­me ei­ne Man­nes.

Fain ging zu dem Schrank hin­über. Das Ge­räusch kam von dort. Vor­sich­tig öff­ne­te er die Tür.

Da­hin­ter fand er einen Mann, ge­fes­selt und ge­k­ne­belt mit zer­ris­se­nen La­ken. Sei­ne Au­gen quol­len vor An­stren­gung aus den Höh­len, und er ver­such­te ver­zwei­felt, durch den di­cken Kne­bel hin­durch et­was zu sa­gen.

Der Mann war Skal­lon.

Fain fluch­te. Er wir­bel­te her­um und zog mit der­sel­ben blitz­ar­ti­gen Be­we­gung sei­nen Hit­ze­strah­ler. Er spur­te­te zur Tür, warf sich nach vorn und hetz­te durch den Tun­nel, so schnell er konn­te.

Er stieß mit der Schul­ter ge­gen die stei­ner­ne Wand und zuck­te zu­sam­men. Vor ihm lag Fins­ter­nis, er­war­tungs­vol­le Fins­ter­nis, und er jag­te be­sin­nungs­los wei­ter, mit star­rem Ge­sicht, dem Än­de­rung nach.