5
Sie wanderten durch die verstreut stehenden Stände und die bunten, verwitterten Festdekorationen. Die Straßen waren im üblichen, zweckmäßigen Gittermuster angelegt und erfüllten Kalic mit einer Monotonie, gegen die die Einwohner im beständigen Kampf zu liegen schienen. Auf jeder der rechtwinkligen Kreuzungen bildete ein kleiner Fleck von blühenden Büschen den Mittelpunkt in einem Gewirr von flatternden Papierbändern, filmartig und dicht beschrieben. Jedes dieser Bänder war an einem Gebäude verankert, häufig in den gähnenden Mäulern von Tierstatuen, Wasserspeiern mit seltsamen Flügeln, Klauen, menschlichen Brüsten, sogar mit altertümlichen Augengläsern und Krücken. Skallon konnte sich auf diese wunderlichen Tiere keinen Vers machen, und als er Danon fragte, zuckte dieser die Achseln. „Die Alten haben sie hinterlassen“, sagt er einfach, als ob damit alles erklärt wäre.
„Die frühen Laser-Künstler?“
„Nein.“ Unter seiner Kapuze hob Danon den Blick zu den hoch aufragenden Türmchen eines besonders ausgeschmückten Gebäudes, dicht bestückt mit den grinsenden Tieren. Einige davon sahen fast wie Menschen aus. „Dafür ist die Ausführung zu gleichmäßig.
Nur ein Meister kann mit einem Laser eine gezackte Kurve schneiden. Nein, das ist Handarbeit.“
„Aber Laserbürsten sind doch sicher nichts Besonderes auf Alvea?“
„Oh. Hm, ich nitverstan diesen Ausdruck.“
„Eine kleine rotierende Scheibe. Auf der einen Seite sind winzige Kohlendioxyd-Laser befestigt. Man benutzt sie wie eine Bürste, direkt über der Fläche, die man bearbeitet. Die vielen Einzelstrahlen verschmelzen. Je mehr man drückt, desto mehr Stein wird entfernt.“
„Ich verstehe. Ja, ich glaube, die Zimmerleute …“
„Die Jalantakii?“
„Ja, ja. Ich habe gehört, daß sie von solchen Dingen sprachen.“
„Sie machen diese Arbeit immer noch?“
„Sie … sie müssen. Vielleicht versteht Ihr nicht …“
„Oh doch, ich verstehe“, beeilte sich Skallon zu versichern. Unter der Kapuze war Danons Gesichtsausdruck schwer auszumachen. „Ich verstehe, was es mit den Rollen auf Alvea auf sich hat.“
„Es scheint, daß Erdler niemals …“
„Nun, es sind Ignoranten. Selbst Erdler sind manchmal dumm“, sagte Skallon mit großer Geste, um zu zeigen, daß er das Ganze als Spaß betrachtete.
„Das haben wir schon bemerkt.“
„In den alten Tagen bei uns – beinahe schon in prähistorischer Zeit – glaubten einige Gesellschaften auf der Erde das gleiche wie ihr. Daß Individuen ihr Leben auf eine bestimmte, genau spezifizierte Art zu leben hätten. Daß ein Mann, der als Schneider geboren ist, auch als Schneider sterben müsse.“
„Schneider?“
„Jemand, der Gewänder näht. Bulindaharin. Da, dort ist ein Schneidergeschäft an der Ecke.“
Danon betrachtete das vollgestopfte, kleine Schaufenster, das von Stoffen überquoll, als hätte er jetzt erst seine Funktion begriffen. „Mein Vater – Kish, meine ich – hat mir nichts über sie erzählt.“
„Das ist auch nicht nötig. Ihr seid nicht wie wir die Sklaven einer unübersehbaren Masse von kulturellen Daten. Darin liegt eure heimliche Kraft.“ Skallon empfand eine gewisse stolze Befriedigung darüber, einem eingeborenen Alveaner etwas über seine eigene Welt erzählen zu können. Andererseits konnte ein Junge ja auch nicht übermäßig gebildet sein, vor allem nicht in einer soziometrischen Struktur, die so arm an Informationen war wie diese.
„Irgendwann kommt jedes Leben zu jedem Menschen“, sagte Danon, und es klang, als würde jemand Kapitel und Vers zitieren.
„Der Zwölfte Zuspruch, nicht wahr?“ Skallon winkte Danon zu einem halbleeren Straßencafé, in dem ein paar Männer und Frauen in der Mittagssonne saßen und an ihren Getränken nippten. „Ich glaube, die Schriften kenne ich ganz gut. Laß uns etwas trinken.“
Skallon ließ sich schwerfällig in einen Stuhl am Rande des Cafe-Hofes fallen. Danon blieb stehen, sah sich um und scharrte mit den Füßen.
„Komm, setz dich.“
„Lieber nicht.“
„Warum nicht?“
„Nun, für Euch … Ich bin nicht von Eurer Kaste.“
„Ich gehöre zu keiner Kaste. Oh, ich verstehe – Doubluth meinst du? Und was heißt das?“
„Dieser Platz steht mir, einem Diener, nicht zu.“
„Ach so, ich verstehe.“ Skallon sprach plötzlich mit gedämpfter Stimme. „Wo sollten wir uns denn hinsetzen?“
„Dort drüben.“ Danon wies unauffällig – damit es nicht so aussähe, als erteilte er einem Doubluth Anweisungen, begriff Skallon – zu einem nahe gelegenen kleinen Bereich. Die Tische und Stühle dort waren sichtlich anders: kleiner und aus altem Holz gemacht. Außerdem standen sie näher bei den scheppernden Küchentüren.
Als sie sich dort niedergelassen hatten, ließ Skallon die Bestellung von Danon aufgeben – er erinnerte sich aus dem Simus daran, daß dies das korrekte Verfahren war –, und kurz darauf nippte er an einer grünlichen Schale mit mildem, geeistem Sirup. Eine Wand aus dürren Palmwedeln regte sich raschelnd über ihren Köpfen. Auf der Straße bewegte sich ein immer stärker werdender Strom von Menschen und kleinen Dampfwagen. Man begann den Exodus nach Hause, um dort den langen Nachmittag zu verbringen. Für die heißen Stunden des Tages würde Kalic sich in kleine Grüppchen an den heimischen Herden auflösen. Nachmittags würde man dann wieder in die Kastengruppen zurückkehren und arbeiten. Erdenleuten kam dies immer wie ein unnötiger Luxus und eine furchtbare Zeitverschwendung vor. Skallon verstand die sozialen Gründe dafür, aber selbst ihm erschien diese Logik ein wenig dünn. Schon vor Jahrhunderten hatten genetische Veränderungen die Alveaner gegen den hohen UV-Strom immun gemacht. Weshalb also bewahrten sie sich diesen Anachronismus der allmittäglichen Zufluchtssuche?
„Ist an dieser Menge …“ – er deutete mit der Hand auf den murmelnden Straßenverkehr – „… etwas Ungewöhnliches?“
„Falls Ihr meint, ob der Änderung zu sehen ist: nein.“ Danon trank gierig seinen Sirup. Er sah nicht einmal auf. „Ich glaube nicht, daß wir in den Straßen jetzt viel erfahren werden.“
Skallon dachte: Das muß ich selbst entscheiden, aber dann verstand er, daß der Junge nur versuchte, ihm zu helfen. „Warum hast du dann vorgeschlagen, daß wir hierherkommen sollten, als wir den Platz verließen?“
Danon sah ihn unbewegt an. „Um von diesem … Wesen fortzukommen. Und von …“
Skallon lachte. „Von Fain?“ Geräuschvoll und herzhaft saugte er an seinem Sirup, bis ihm einfiel, daß dies auf Alvea eine Geste der Verachtung für die Küche war; schuldbewußt blickte er sich um. Niemand schien ihn gehört zu haben. Specknackige Alveaner setzten ihre murmelnde Unterhaltung fort. „Du magst weder den Hund noch seinen Herrn, wie?“
„Er ist seltsam.“
„Meinst du Fain oder Scorpio?“ fragte Skallon vergnügt.
Danon lächelte. „Dieses krächzende Tier. Ist es wirklich die einzige Möglichkeit, diese andere Sorte Mensch ausfindig zu machen?“
„Nein, eigentlich nicht. Aber der Hund schnüffelt herum, er kann sich bewegen und muß nicht repariert werden. Wir haben viele Geräte, mit denen man einen Änderung ausfindig machen kann. Aber sie sind schwer. Bei einer Operation wie dieser, wo wir alles mit uns herumschleppen müssen, ist Scorpio praktisch. Weißt du, Scorpio würde dir auch nicht so fremd erscheinen, wenn du mit Hunden groß geworden wärest. Nach dem, was ich gelesen habe, haben die alveanischen Kolonisten Hunde für unheilig erklärt. Eigentlich sind sie aber ganz nett.“
„Fain ma;›… dieses Tier?“
„Klar. Jemand anders zu mögen kann er sich nicht leisten.“
„Es fällt mir schwer, das zu glauben.“
„Aber es stimmt. Hunde sind ein kostbarer Luxusartikel auf der Erde. Fain kriegt seinen umsonst – als sprechenden, beweglichen Ausrüstungsgegenstand. Und sie haben viel zusammen durchgemacht und eine Menge Änderlinge erlegt. Wenn Menschen und Hunde noch zusammengearbeitet hätten, als die alveanischen Siedler die Erde verließen – beim Viehhüten, Jagen und dergleichen –, dann wären die alten Arbeitshunde vielleicht auch nach Alvea gekommen.“
„Ich bin froh, daß sie nicht gekommen sind.“
„Hm.“ Skallon versank für eine Weile in Gedanken; er sann darüber nach, daß er unterschwellig Respekt für Scorpio empfand. Vielleicht kennzeichnete ihn schon dieses Gefühl allein grundsätzlich als ewigen Erdler. Seine Herkunft konnte er niemals abschütteln.