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Sie wan­der­ten durch die ver­streut ste­hen­den Stän­de und die bun­ten, ver­wit­ter­ten Fest­de­ko­ra­tio­nen. Die Stra­ßen wa­ren im üb­li­chen, zweck­mä­ßi­gen Git­ter­mus­ter an­ge­legt und er­füll­ten Ka­lic mit ei­ner Mo­no­to­nie, ge­gen die die Ein­woh­ner im be­stän­di­gen Kampf zu lie­gen schie­nen. Auf je­der der recht­wink­li­gen Kreu­zun­gen bil­de­te ein klei­ner Fleck von blü­hen­den Bü­schen den Mit­tel­punkt in ei­nem Ge­wirr von flat­tern­den Pa­pier­bän­dern, film­ar­tig und dicht be­schrie­ben. Je­des die­ser Bän­der war an ei­nem Ge­bäu­de ver­an­kert, häu­fig in den gäh­nen­den Mäu­lern von Ti­er­sta­tu­en, Was­ser­spei­ern mit selt­sa­men Flü­geln, Klau­en, mensch­li­chen Brüs­ten, so­gar mit al­ter­tüm­li­chen Au­genglä­sern und Krücken. Skal­lon konn­te sich auf die­se wun­der­li­chen Tie­re kei­nen Vers ma­chen, und als er Da­non frag­te, zuck­te die­ser die Ach­seln. „Die Al­ten ha­ben sie hin­ter­las­sen“, sagt er ein­fach, als ob da­mit al­les er­klärt wä­re.

„Die frü­hen La­ser-Künst­ler?“

„Nein.“ Un­ter sei­ner Ka­pu­ze hob Da­non den Blick zu den hoch auf­ra­gen­den Türm­chen ei­nes be­son­ders aus­ge­schmück­ten Ge­bäu­des, dicht be­stückt mit den grin­sen­den Tie­ren. Ei­ni­ge da­von sa­hen fast wie Men­schen aus. „Da­für ist die Aus­füh­rung zu gleich­mä­ßig.

Nur ein Meis­ter kann mit ei­nem La­ser ei­ne ge­zack­te Kur­ve schnei­den. Nein, das ist Hand­ar­beit.“

„Aber La­ser­bürs­ten sind doch si­cher nichts Be­son­de­res auf Al­vea?“

„Oh. Hm, ich nit­vers­tan die­sen Aus­druck.“

„Ei­ne klei­ne ro­tie­ren­de Schei­be. Auf der einen Sei­te sind win­zi­ge Koh­len­di­oxyd-La­ser be­fes­tigt. Man be­nutzt sie wie ei­ne Bürs­te, di­rekt über der Flä­che, die man be­ar­bei­tet. Die vie­len Ein­zel­strah­len ver­schmel­zen. Je mehr man drückt, de­sto mehr Stein wird ent­fernt.“

„Ich ver­ste­he. Ja, ich glau­be, die Zim­mer­leu­te …“

„Die Ja­lan­ta­kii?“

„Ja, ja. Ich ha­be ge­hört, daß sie von sol­chen Din­gen spra­chen.“

„Sie ma­chen die­se Ar­beit im­mer noch?“

„Sie … sie müs­sen. Viel­leicht ver­steht Ihr nicht …“

„Oh doch, ich ver­ste­he“, be­eil­te sich Skal­lon zu ver­si­chern. Un­ter der Ka­pu­ze war Da­n­ons Ge­sichts­aus­druck schwer aus­zu­ma­chen. „Ich ver­ste­he, was es mit den Rol­len auf Al­vea auf sich hat.“

„Es scheint, daß Erd­ler nie­mals …“

„Nun, es sind Igno­ran­ten. Selbst Erd­ler sind manch­mal dumm“, sag­te Skal­lon mit großer Ges­te, um zu zei­gen, daß er das Gan­ze als Spaß be­trach­te­te.

„Das ha­ben wir schon be­merkt.“

„In den al­ten Ta­gen bei uns – bei­na­he schon in prä­his­to­ri­scher Zeit – glaub­ten ei­ni­ge Ge­sell­schaf­ten auf der Er­de das glei­che wie ihr. Daß In­di­vi­du­en ihr Le­ben auf ei­ne be­stimm­te, ge­nau spe­zi­fi­zier­te Art zu le­ben hät­ten. Daß ein Mann, der als Schnei­der ge­bo­ren ist, auch als Schnei­der ster­ben müs­se.“

„Schnei­der?“

„Je­mand, der Ge­wän­der näht. Bu­lin­da­ha­rin. Da, dort ist ein Schnei­der­ge­schäft an der Ecke.“

Da­non be­trach­te­te das voll­ge­stopf­te, klei­ne Schau­fens­ter, das von Stof­fen über­quoll, als hät­te er jetzt erst sei­ne Funk­ti­on be­grif­fen. „Mein Va­ter – Kish, mei­ne ich – hat mir nichts über sie er­zählt.“

„Das ist auch nicht nö­tig. Ihr seid nicht wie wir die Skla­ven ei­ner un­über­seh­ba­ren Mas­se von kul­tu­rel­len Da­ten. Dar­in liegt eu­re heim­li­che Kraft.“ Skal­lon emp­fand ei­ne ge­wis­se stol­ze Be­frie­di­gung dar­über, ei­nem ein­ge­bo­re­nen Al­vea­ner et­was über sei­ne ei­ge­ne Welt er­zäh­len zu kön­nen. An­de­rer­seits konn­te ein Jun­ge ja auch nicht über­mä­ßig ge­bil­det sein, vor al­lem nicht in ei­ner so­zio­me­tri­schen Struk­tur, die so arm an In­for­ma­tio­nen war wie die­se.

„Ir­gend­wann kommt je­des Le­ben zu je­dem Men­schen“, sag­te Da­non, und es klang, als wür­de je­mand Ka­pi­tel und Vers zi­tie­ren.

„Der Zwölf­te Zu­spruch, nicht wahr?“ Skal­lon wink­te Da­non zu ei­nem halb­lee­ren Stra­ßen­café, in dem ein paar Män­ner und Frau­en in der Mit­tags­son­ne sa­ßen und an ih­ren Ge­trän­ken nipp­ten. „Ich glau­be, die Schrif­ten ken­ne ich ganz gut. Laß uns et­was trin­ken.“

Skal­lon ließ sich schwer­fäl­lig in einen Stuhl am Ran­de des Ca­fe-Ho­fes fal­len. Da­non blieb ste­hen, sah sich um und scharr­te mit den Fü­ßen.

„Komm, setz dich.“

„Lie­ber nicht.“

„Warum nicht?“

„Nun, für Euch … Ich bin nicht von Eu­rer Kas­te.“

„Ich ge­hö­re zu kei­ner Kas­te. Oh, ich ver­ste­he – Dou­bluth meinst du? Und was heißt das?“

„Die­ser Platz steht mir, ei­nem Die­ner, nicht zu.“

„Ach so, ich ver­ste­he.“ Skal­lon sprach plötz­lich mit ge­dämpf­ter Stim­me. „Wo soll­ten wir uns denn hin­set­zen?“

„Dort drü­ben.“ Da­non wies un­auf­fäl­lig – da­mit es nicht so aus­sä­he, als er­teil­te er ei­nem Dou­bluth An­wei­sun­gen, be­griff Skal­lon – zu ei­nem na­he ge­le­ge­nen klei­nen Be­reich. Die Ti­sche und Stüh­le dort wa­ren sicht­lich an­ders: klei­ner und aus al­tem Holz ge­macht. Au­ßer­dem stan­den sie nä­her bei den schep­pern­den Kü­chen­tü­ren.

Als sie sich dort nie­der­ge­las­sen hat­ten, ließ Skal­lon die Be­stel­lung von Da­non auf­ge­ben – er er­in­ner­te sich aus dem Si­mus dar­an, daß dies das kor­rek­te Ver­fah­ren war –, und kurz dar­auf nipp­te er an ei­ner grün­li­chen Scha­le mit mil­dem, ge­eis­tem Si­rup. Ei­ne Wand aus dür­ren Palm­we­deln reg­te sich ra­schelnd über ih­ren Köp­fen. Auf der Stra­ße be­weg­te sich ein im­mer stär­ker wer­den­der Strom von Men­schen und klei­nen Dampf­wa­gen. Man be­gann den Ex­odus nach Hau­se, um dort den lan­gen Nach­mit­tag zu ver­brin­gen. Für die hei­ßen Stun­den des Ta­ges wür­de Ka­lic sich in klei­ne Grüpp­chen an den hei­mi­schen Her­den auf­lö­sen. Nach­mit­tags wür­de man dann wie­der in die Kas­ten­grup­pen zu­rück­keh­ren und ar­bei­ten. Er­den­leu­ten kam dies im­mer wie ein un­nö­ti­ger Lu­xus und ei­ne furcht­ba­re Zeit­ver­schwen­dung vor. Skal­lon ver­stand die so­zia­len Grün­de da­für, aber selbst ihm er­schi­en die­se Lo­gik ein we­nig dünn. Schon vor Jahr­hun­der­ten hat­ten ge­ne­ti­sche Ver­än­de­run­gen die Al­vea­ner ge­gen den ho­hen UV-Strom im­mun ge­macht. Wes­halb al­so be­wahr­ten sie sich die­sen Ana­chro­nis­mus der all­mit­täg­li­chen Zu­fluchts­su­che?

„Ist an die­ser Men­ge …“ – er deu­te­te mit der Hand auf den mur­meln­den Stra­ßen­ver­kehr – „… et­was Un­ge­wöhn­li­ches?“

„Falls Ihr meint, ob der Än­de­rung zu se­hen ist: nein.“ Da­non trank gie­rig sei­nen Si­rup. Er sah nicht ein­mal auf. „Ich glau­be nicht, daß wir in den Stra­ßen jetzt viel er­fah­ren wer­den.“

Skal­lon dach­te: Das muß ich selbst ent­schei­den, aber dann ver­stand er, daß der Jun­ge nur ver­such­te, ihm zu hel­fen. „Warum hast du dann vor­ge­schla­gen, daß wir hier­her­kom­men soll­ten, als wir den Platz ver­lie­ßen?“

Da­non sah ihn un­be­wegt an. „Um von die­sem … We­sen fort­zu­kom­men. Und von …“

Skal­lon lach­te. „Von Fain?“ Ge­räusch­voll und herz­haft saug­te er an sei­nem Si­rup, bis ihm ein­fiel, daß dies auf Al­vea ei­ne Ges­te der Ver­ach­tung für die Kü­che war; schuld­be­wußt blick­te er sich um. Nie­mand schi­en ihn ge­hört zu ha­ben. Speck­nacki­ge Al­vea­ner setz­ten ih­re mur­meln­de Un­ter­hal­tung fort. „Du magst we­der den Hund noch sei­nen Herrn, wie?“

„Er ist selt­sam.“

„Meinst du Fain oder Scor­pio?“ frag­te Skal­lon ver­gnügt.

Da­non lä­chel­te. „Die­ses kräch­zen­de Tier. Ist es wirk­lich die ein­zi­ge Mög­lich­keit, die­se an­de­re Sor­te Mensch aus­fin­dig zu ma­chen?“

„Nein, ei­gent­lich nicht. Aber der Hund schnüf­felt her­um, er kann sich be­we­gen und muß nicht re­pa­riert wer­den. Wir ha­ben vie­le Ge­rä­te, mit de­nen man einen Än­de­rung aus­fin­dig ma­chen kann. Aber sie sind schwer. Bei ei­ner Ope­ra­ti­on wie die­ser, wo wir al­les mit uns her­um­schlep­pen müs­sen, ist Scor­pio prak­tisch. Weißt du, Scor­pio wür­de dir auch nicht so fremd er­schei­nen, wenn du mit Hun­den groß ge­wor­den wä­rest. Nach dem, was ich ge­le­sen ha­be, ha­ben die al­vea­ni­schen Ko­lo­nis­ten Hun­de für un­hei­lig er­klärt. Ei­gent­lich sind sie aber ganz nett.“

„Fain ma;›… die­ses Tier?“

„Klar. Je­mand an­ders zu mö­gen kann er sich nicht leis­ten.“

„Es fällt mir schwer, das zu glau­ben.“

„Aber es stimmt. Hun­de sind ein kost­ba­rer Lu­xus­ar­ti­kel auf der Er­de. Fain kriegt sei­nen um­sonst – als spre­chen­den, be­weg­li­chen Aus­rüs­tungs­ge­gen­stand. Und sie ha­ben viel zu­sam­men durch­ge­macht und ei­ne Men­ge Än­der­lin­ge er­legt. Wenn Men­schen und Hun­de noch zu­sam­men­ge­ar­bei­tet hät­ten, als die al­vea­ni­schen Sied­ler die Er­de ver­lie­ßen – beim Vieh­hü­ten, Ja­gen und der­glei­chen –, dann wä­ren die al­ten Ar­beits­hun­de viel­leicht auch nach Al­vea ge­kom­men.“

„Ich bin froh, daß sie nicht ge­kom­men sind.“

„Hm.“ Skal­lon ver­sank für ei­ne Wei­le in Ge­dan­ken; er sann dar­über nach, daß er un­ter­schwel­lig Re­spekt für Scor­pio emp­fand. Viel­leicht kenn­zeich­ne­te ihn schon die­ses Ge­fühl al­lein grund­sätz­lich als ewi­gen Erd­ler. Sei­ne Her­kunft konn­te er nie­mals ab­schüt­teln.