13

 

Jo­a­ne saß ne­ben Skal­lon auf ei­ner ver­fal­le­nen Mau­er, die den Hof des Ho­tels teil­wei­se um­gab, und war­te­te. Fain war ins Haus ge­gan­gen, um Scor­pio – der sich im­mer noch nicht rich­tig wohl fühl­te – zu füt­tern und um nach­zu­den­ken. Skal­lon hat­te ihm die­se Auf­ga­be freu­dig über­las­sen. Er hat­te das Schat­ten­bo­xen ge­gen einen Än­de­rung satt, den sie nie­mals zu se­hen be­ka­men und an des­sen Ab­sich­ten er all­mäh­lich zwei­fel­te.

Im letz­ten Licht­schim­mer des frü­hen Abends sah er, wie Da­non die Ma­ra­ban La­ne her­auf­ge­trot­tet kam. Skal­lon emp­fand ge­lin­de Schuld­ge­füh­le ob der An­for­de­run­gen, die sie an Da­non stell­ten; er war schließ­lich noch ein Kind. „Hast du et­was ge­se­hen?“

„Nein.“ Da­non ließ sich ge­gen die Mau­er sin­ken. „An der Rück­sei­te ist nie­mand ge­gan­gen oder ge­kom­men. Und wie war es bei Euch?“ Er hob hoff­nungs­voll die Stim­me.

„Wir ha­ben ver­sucht, ihm ei­ne Fal­le zu stel­len. Nichts.“

„Der Hund und Com­man­der …“

„… Fain? Sie sind im Haus. Ich glau­be, uns sind die Ide­en aus­ge­gan­gen.“

„Ma­ma? Ich ha­be Hun­ger.“ Da­non war zu­nächst eif­rig da­bei ge­we­sen, aber jetzt ver­lor er sicht­lich das In­ter­es­se an die­sem neu­en Spiel.

„Ja, mein Klei­ner.“ Sie strei­chel­te Da­n­ons Hin­ter­kopf und sah ihn an. Skal­lon, der sie mit lie­be­vol­len Au­gen be­trach­tet hat­te, fand die­se Ges­te, die Mut­ter­schaft, Fa­mi­lie und ähn­li­che Rol­len de­no­tier­te, leicht un­pas­send für ih­re Per­son.

„Laßt uns hin­ein­ge­hen“, sag­te er. „Der Än­de­rung kann bis mor­gen war­ten.“ Jo­a­ne führ­te sie in die Haupt­kü­che des Ho­tels, wo Kö­che schwitz­ten und Kell­ner mit dem Ge­schirr klap­per­ten. Skal­lon war über­rascht, große Ber­ge von Le­bens­mit­teln zu se­hen, wäh­rend drau­ßen ei­ne Seu­che wü­te­te: gel­be, schwei­ne­ar­ti­ge Tie­re mit gla­si­gen, to­ten Au­gen, But­ter in di­cken, weiß­li­chen Klum­pen, Ket­ten von selt­sa­men grü­nen Würs­ten und mühl­stein­för­mi­ger Kä­se. Jo­a­ne trug für Da­non ein Abendes­sen auf, und der Jun­ge nahm es mit hin­aus. Er nick­te Skal­lon zu wie ein Kriegs­ka­me­rad und ging in sein Zim­mer. Vor Er­schöp­fung la­gen sei­ne Au­gen tief in den Höh­len.

Skal­lon un­ter­hielt sich mit Jo­a­ne, tas­tend und mit ei­ner ge­wis­sen Un­ge­zwun­gen­heit. In der Kü­che roch es nach Es­sen und Schweiß. Ge­le­gent­lich un­ter­brach sie das Ge­spräch, um mit sanf­ter, kla­rer Stim­me ir­gend­wel­che Be­feh­le zu er­tei­len, und die Kö­che und Hel­fer ge­horch­ten ihr aufs Wort. Kell­ner mit halb­mond­för­mi­gen Schweiß­fle­cken in den Ach­sel­höh­len ga­ben bel­lend ih­re An­wei­sun­gen und bra­chen zä­he Wur­zeln in einen Sa­lat; ge­le­gent­lich tauch­ten sie den Dau­men in Sah­nenäp­fe, um das Ge­misch da­mit zu aro­ma­ti­sie­ren. Ei­ner wusch sein Ge­sicht über ei­nem Spül­be­cken, in dem sau­be­res Ge­schirr ab­ge­spült wur­de. Jo­a­ne er­tapp­te ihn da­bei, stauch­te ihn zu­recht und schick­te ihn an ei­ne nie­de­re Ar­beit.

Skal­lon ge­noß es zu se­hen, wie sich die­se Fa­cet­te ih­rer Per­sön­lich­keil ent­fal­te­te. Sie in­spi­zier­te die Kell­ner und schick­te sie hin­aus, um das Com­mu­nal zu er­öff­nen. Es war in­struk­tiv, ih­nen da­bei zu­zu­se­hen. Ei­ne plötz­li­che Ver­än­de­rung kam über sie. Ih­re Schul­tern straff­ten sich, sie raff­ten ih­re ver­rutsch­ten Ge­wän­der und rich­te­ten sie sorg­fal­tig. Hast und Ge­reizt­heit der Kü­che fie­len von ih­nen ab, und von ei­nem Hauch von Fei­er­lich­keit um­ge­ben schweb­ten sie hin­aus.

Jo­a­ne wink­te ihm, sie gin­gen hin­über zum Com­mu­nal und be­tra­ten es durch den öf­fent­li­chen Ein­gang.

Der mit Zie­geln ge­pflas­ter­te Raum war be­reits ge­drängt voll von Men­schen, die re­de­ten und aßen. Ei­ni­ge sa­ßen in klei­nen Grup­pen zu­sam­men und san­gen. Kish stand hin­ter ei­ner klei­nen Bar an der Sei­te, die vor ihm win­zig wirk­te. Skal­lon ent­deck­te Fain, der auf ei­nem Sche­mel an ei­nem Tisch ne­ben der Bar hock­te und ei­ne grü­ne Flüs­sig­keit aus ei­ner Scha­le löf­fel­te. Er aß gleich­mü­tig und mit ge­senk­tem Kopf, al­les um sich her­um igno­rie­rend. Kish war sicht­lich ver­un­si­chert durch die Nä­he des schweig­sa­men Erd­lers; al­le paar Se­kun­den wan­der­te sein Blick zu Fain hin­über. Als er Skal­lon und Jo­a­ne sah, hell­te sich sein Ge­sicht auf, und er wink­te sie her­über an die Bar.

„Eu­er Freund ist nicht zu­frie­den mit Eu­rer Ar­beit?“ Kish sprach mit ge­senk­ter Stim­me, ob­wohl es in dem Durch­ein­an­der des Com­mu­nals nicht not­wen­dig war.

„Er wird es über­ste­hen“, ant­wor­te­te Skal­lon tro­cken.

„Ich glau­be, sei­ne Lau­ne hat sich auf Da­non aus­ge­wirkt“, mein­te Jo­a­ne. „Er war sehr mü­de und de­pri­miert, als er zu­rück­kam.“ Kish nick­te, als ob dies sei­ne Über­zeu­gung be­stä­tigt hät­te, daß Erd­ler einen schlech­ten Ein­fluß aus­üb­ten, wenn ih­nen et­was in die Que­re kam.

„Er ist stän­dig in Ei­le“, sag­te Kish. „Kann ich ihm nicht et­was an­bie­ten?“

Skal­lon nick­te. „Einen Drink.“

Er er­hasch­te Fains Blick und wink­te ihm her­über­zu­kom­men. Kish stell­te zwei Be­cher vor ih­nen ab.

„Pro­bier das mal“, sag­te Skal­lon. Er muß­te die Stim­me he­ben, weil ei­ne Wo­ge von Ge­sang aus der Grup­pe am an­de­ren En­de des Raum­es em­por­stieg.

Fain nipp­te und nahm dann einen tie­fen Zug. Skal­lon stell­te fest, daß es sich um ein dickes, sä­mi­ges Bier mit ei­nem son­der­ba­ren Nach­ge­schmack nach Ei­sen han­del­te. „Mm“, sag­te Fain un­ent­schie­den. „Nicht schlecht.“

„Ein Stark­bier. Sam­met­bier.“ Kish goß ih­re Be­cher wie­der voll.

Sie spra­chen über al­les mög­li­che; Fain sag­te we­nig, und Kish plau­der­te mun­ter da­her, oh­ne Fains Schwei­gen zu be­mer­ken. Er er­zähl­te Ge­schich­ten von die­bi­schen Kauf­leu­ten und An­grif­fen ge­gen sei­ne Eh­re, al­les am En­de wie­der ins Lot ge­bracht durch ein paar schnei­di­ge ge­schäft­li­che Ma­nö­ver. Jo­a­ne lausch­te ihm pflicht­be­wußt, ob­wohl sie all das zwei­fel­los nicht zum ers­ten Mal hör­te. Skal­lon be­ob­ach­te­te die Men­ge.

„Ver­sucht dies!“ Kish setz­te kra­chend vol­le Be­cher vor ih­nen ab. Ein leich­te­res Ge­bräu dies­mal. Bla­sen stie­gen per­lend an die bern­stein­gel­be Ober­flä­che.

„Tja …“ be­gann Skal­lon, nach­dem er dar­an ge­nippt hat­te.

„Das ist Dreck“, brumm­te Fain.

„Ihr habt recht. Ganz ge­nau.“ Kish nick­te zu­stim­mend – ein Kri­ti­ker sei­ner ei­ge­nen Wa­ren.

„Ein Ex­kret, das bes­ser wä­re ge­blie­ben im Pferd“, sag­te Skal­lon, dem ein al­ter al­vea­ni­scher Sa­ti­re­text ein­fiel.

„Ihr trefft den Na­gel auf den Kopf!“ Kish strahl­te glück­lich. „Aber ver­sucht dies.“

Die Be­cher lan­de­ten dröh­nend auf dem Tisch, so daß ein Teil des In­halts her­aus­schwapp­te, als woll­te er dem kom­men­den Ur­teil ent­ge­hen. „Her­vor­ra­gend“, sag­te Skal­lon schlicht, und er mein­te es ehr­lich. Das dunkle, mil­de Zeug rann durch die Keh­le wie Öl.

„Mmmm. Gut“, stimm­te Fain zu. „Gut.“

Kish strahl­te noch mehr. Er ging nach hin­ten zu ei­ner Ni­sche und brach­te neue, klir­ren­de brau­ne Fla­schen. Er zog das Draht­ge­flecht von den Kor­ken, öff­ne­te sie und goß den In­halt in sau­be­re Be­cher. „Der Abend singt!“ sag­te er und bat sie wei­ter­zu­trin­ken.

Skal­lon wech­sel­te ein paar Wor­te mit Fain, und bei­de nah­men ei­ne klei­ne Pil­le aus dem Gür­tel und schluck­ten sie, um ih­ren Blut­kreis­lauf vom Al­ko­hol zu be­frei­en. Das er­wies sich als gu­te Vor­sichts­maß­nah­me. Kish wur­de im­mer herz­li­cher und aus­la­den­der und setz­te ih­nen Pro­ben von sel­te­nem Ale und Bit­ter­bier aus ent­le­ge­nen Pro­vin­zen vor. Dies war of­fen­sicht­lich so recht nach sei­nem Her­zen.

Da­non trat ein, aus­ge­ruht und be­reit für sein zwei­tes Abendes­sen. Sie ga­ben ihm einen Schluck Bier, und der Jun­ge nahm ne­ben Skal­lon Platz und sah sich um, wäh­rend im­mer mehr Men­schen sich im Raum dräng­ten und di­cke Rauch­schlei­er in der Luft hin­gen. Die ge­sam­te Nach­bar­schaft ver­sam­mel­te sich hier, im größ­ten Com­mu­nal der Um­ge­bung, vor al­lem zur Zeit des Fes­tes. Da wa­ren Schmie­de, Töp­fer, Metz­ger, Obst­händ­ler, Quan­ti­ma­kas-Schä­ler und Ge­päck­trä­ger wie auch Dienst­mäd­chen der ver­schie­dens­ten Art. Skal­lon ge­noß die Viel­falt von Ge­sich­tern aus al­len Al­ters­grup­pen. Hier und dort sa­ßen ka­da­ver­haf­te, schweig­sa­me Trin­ker, mit Bier voll­ge­so­gen wie die Schwäm­me, die die brau­ne, schäu­men­de Flüs­sig­keit oh­ne Un­ter­laß in sich hin­ein­schüt­te­ten. Ein paar Frau­en gin­gen halb tan­zend, halb tau­melnd von Tisch zu Tisch und mur­mel­ten Ge­dich­te und Lie­der, die sie sich aus­dach­ten, wäh­rend sie da­her­wank­ten, wo­bei ih­nen je­der Reim recht war. Al­le wa­ren glück­lich, es herrsch­te ei­ne über­wäl­ti­gen­de Ge­wiß­heit, daß die Welt ein wun­der­vol­ler Ort war, daß die Seu­chen die­sen schäu­men­den, strah­len­den Kreis nicht mit rau­chi­gen Fin­gern um­klam­mern wür­den und daß die An­we­sen­den in die­sem Raum no­ble und be­mer­kens­wer­te Leu­te sei­en. Ein Mäd­chen tanz­te um­her, die Knie mit ei­nem Seil zu­sam­men­ge­bun­den, und mit schwer­fäl­li­gen Be­we­gun­gen folg­te ihr ein Mann, der einen gelb­be­mal­ten, höl­zer­nen Phal­lus von der Grö­ße ei­nes Nu­del­hol­zes vor sich her­trug. Der Raum beb­te von Ge­läch­ter. Das Mäd­chen roll­te die Au­gen, leck­te sich er­war­tungs­voll die ro­si­gen Lip­pen und ließ sich von dem zu­cken­den, sto­ßen­den Mann be­stei­gen. Dann brach der Mann mit of­fe­nem Mund zu­sam­men. Sie lach­te auf und wir­bel­te da­von. Ein an­de­rer er­griff ih­ren Ell­bo­gen und lei­te­te sie an sei­nen Tisch. Das schal­len­de Ge­läch­ter der wo­gen­den Men­ge folg­te ih­nen.

Fain wur­de un­ru­hig. Er leer­te sei­nen Be­cher. „Ich glau­be, ich ge­he für einen Au­gen­blick hin­aus.“

„Warum?“ frag­te Skal­lon.

„Um mich ein we­nig um­zu­se­hen. Der Än­de­rung muß ja ir­gend­ei­ne Wir­kung auf die­se Stadt ha­ben.“

„In der Nacht wirst du ihn nicht fin­den.“

„Er muß ir­gend­wo in der Nä­he sein.“

„Un­wahr­schein­lich.“

„Er macht uns ei­ne lan­ge Na­se – falls er ei­ne hat. Uns, Skal­lon. Die­se däm­li­che Jagd – das war ein Witz!“

„Des­halb ma­che ich mir Ge­dan­ken über die Mo­ti­ve des Än­der­lings. Viel­leicht ver­sucht er ja gar nicht, an die Spit­ze der al­vea­ni­schen Ge­sell­schaft zu ge­lan­gen. Viel­leicht schert er sich einen Dreck um die Ho­hen Kas­ten.“

„Ich weiß es nicht. Es ist das glei­che Sys­tem wie frü­her.“

„Auf Re­vo­li­um? Wo du ihn schon ein­mal ge­fan­gen hast?“

„Ja. Da und auch an al­len an­de­ren Or­ten. Wo ich sie um­ge­bracht ha­be.“

„Aber die­ses Wort, Sys­tem’. Das gan­ze Pro­blem mit den Än­de­run­gen ist doch, daß sie kei­nem Sys­tem fol­gen. Sie han­deln rein in­tui­tiv.“

„Des­we­gen glau­be ich, daß er in un­se­rer Nä­he ist. Wenn wir ‚zick’ ma­chen, macht er ‚zack’.“

„Auf die­se Wei­se be­kommt er nie­mals ir­gend­wel­che Macht in Ka­lic.“

„Wie­so nicht? Schließ­lich lun­gern wir hier her­um und war­ten, daß er sich zeigt.“

„Das stimmt.“ Skal­lon nipp­te an ei­nem dick­flüs­si­gen, aro­ma­ti­schen Bit­ter­bier, das Kish ihm ein­ge­gos­sen hat­te.

„Ich glau­be, er be­ob­ach­tet das Ho­tel.“

„Du meinst, er wohnt hier? Als Gast?“

„Nein. Zu ris­kant – Scor­pio wür­de es mer­ken.“

„Des­we­gen willst du al­so nachts hin­aus. Mit Scor­pio.“

„Rich­tig. Der Än­de­rung er­kennt uns, wenn er uns sieht. Na schön, neh­men wir ihm die­se Mög­lich­keit. Scor­pio kann einen Än­de­rung auch im Dun­keln aus­ma­chen.“

„Ich …“

„Bis spä­ter.“ Ab­rupt wand­te Fain sich um und wa­te­te durch die Men­ge da­von.

Wenn er wuß­te, was zu tun war, dann han­del­te er. Skal­lon emp­fand ei­ne ge­wis­se Be­wun­de­rung da­für. Kein lan­ges Nach­den­ken, kei­ne Zwei­fel, kei­ne al­ter­na­ti­ven Theo­ri­en. Rei­ne Ak­ti­on.

„Ver­sucht dies“, durch­brach Kish sei­ne Ge­dan­ken. „Ein un­ge­wöhn­li­ches Brau­ver­fah­ren. Hier …“ Er reich­te Da­non die bei­den Be­cher. Das Trin­ken zeig­te deut­lich Wir­kung bei dem Jun­gen. Un­si­cher er­griff er die Be­cher, ließ ei­ne dün­ne, brau­ne Schicht auf die Bar schwap­pen und hielt sich dann mit zit­tern­den Hän­den auf­recht. Als er einen der Be­cher zu Skal­lon hin­über­schob, mur­mel­te er: „… glau­be … muß … kla­ren Kopf.“

Kish lach­te, und sei­ne Stim­me dröhn­te durch das Com­mu­nal. „Der Jun­ge muß noch ler­nen.“ Er zwin­ker­te Skal­lon zu. Als Jo­a­ne zu ihm her­über­sah, nahm sein Ge­sicht so­gleich einen ge­sit­te­ten, un­be­tei­lig­ten Aus­druck an.

 

Schich­ten von Qualm hin­gen in der schwe­ren Luft. Ver­schwom­men dach­te Skal­lon dar­an, schla­fen zu ge­hen und viel­leicht Jo­a­ne zu be­deu­ten, ihm nach ei­ner Wei­le des dis­kre­ten War­tens zu fol­gen. Das Ge­tö­se im Com­mu­nal hat­te sich ein we­nig ge­legt; ein paar der Ge­sich­ter wa­ren er­schlafft und starr­ten ins Lee­re. Die Sän­ger mur­mel­ten un­ter­ein­an­der. An­de­re so­gen den Rauch von Eu­pho­ri­cum durch die Na­se. Skal­lon hat­te ein we­nig von dem bei­ßen­den Zeug ein­ge­at­met, als es durch den Raum ge­weht war. Er glaub­te ei­ne leich­te Wir­kung da­von zu spü­ren. Das Com­mu­nal er­schi­en klei­ner, die Wän­de zo­gen sich um ihn zu­sam­men, und er ba­lan­cier­te be­nom­men auf sei­nem Sche­mel.

Die Ge­sich­ter im Licht der fla­ckern­den Öl­lam­pen wirk­ten in sich ge­kehrt. Es schi­en, daß sie jetzt, da es nach dem an­fäng­li­chen Tru­bel des Abends wie­der bergab ging, er­kann­ten, daß sie kei­ne strah­len­den We­sen in ei­ner wun­der­vol­len Welt wa­ren, son­dern Ar­bei­ter mit rau­hen Hän­den und Frau­en, die sich elen­dig und trost­los be­trun­ken hat­ten. Für­wahr ei­ne her­un­ter­ge­kom­me­ne, schä­bi­ge Hor­de. Aber Skal­lon durch­schau­te die­se Schicht von Reue und Of­fen­ba­rung, die sich auf al­les her­ab­ge­senkt hat­te. Er sah einen har­ten Kern in die­sen Leu­ten, stär­ker als al­le Seu­chen. Aber sie trie­ben halt­los da­hin, das konn­te man rie­chen. Ei­ne sta­bi­le Ge­sell­schaft be­zahlt ih­re Si­cher­heit mit Un­be­weg­lich­keit.

Da­non kam wie­der her­ein. Sei­ne Au­gen leuch­te­ten.

„Ein paar Blocks von hier ge­schieht ir­gend et­was. Ich kann den Lärm hö­ren. Ein Men­schen­auf­lauf …“, sag­te er atem­los.

„Ist Fain dort?“

Da­non schüt­tel­te den Kopf, und sei­ne Ka­pu­ze flog hin und her. „Ich weiß es nicht.“

Skal­lon kam auf die Bei­ne; der Ne­bel des Com­mu­nals in sei­nem Kopf lich­te­te sich nur lang­sam. „Ge­hen wir. Aber bleib im Schat­ten.“ Er nick­te Kish und Jo­a­ne zu, und dann dräng­ten sie sich durch die Men­ge hin­aus.

Als sie auf die Stra­ße tra­ten, hör­te Skal­lon aus der Fer­ne den ge­dämpf­ten Lärm ei­ner Men­schen­men­ge, die lauthals durch­ein­an­der­re­de­te. Die Ma­ra­ban La­ne war in der Dun­kel­heit ver­sun­ken, aber aus ei­ner an­gren­zen­den Stra­ße drang ein Licht­schein her­auf. Die bei­den eil­ten dar­auf zu.

Die Luft war über­aus klar. Sie has­te­ten durch ebe­ne, men­schen­lee­re Stra­ßen, ih­re Schrit­te knirsch­ten und klap­per­ten, und der Wind lieb­kos­te Skal­lons Ge­sicht. Der wei­che Licht­schein wur­de zu Stra­ßen­la­ter­nen und Hand­fa­ckeln. Schließ­lich er­blick­ten sie gut tau­send Men­schen, die in ei­nem un­re­gel­mä­ßi­gen Halb­kreis ei­ne er­höh­te Platt­form um­ring­ten und ei­nem fet­ten Al­vea­ner lausch­ten. Skal­lon sah, daß der Mann auf ei­nem Ge­mü­se­kar­ren stand. Sei­ne Fü­ße ver­san­ken fast in zer­tre­te­nen Quan­ti­ma­kas-Stie­len.

Die Men­ge ra­schel­te und mur­mel­te, wie um den Red­ner zum Wei­ter­re­den zu drän­gen. Er sprach über die läs­ter­li­che Ver­un­rei­ni­gung des Fes­tes durch die Seu­chen. Durch bös­ar­ti­ge Ein­dring­lin­ge. Durch die Erd­ler, die das Le­ben selbst von den blu­ti­gen Lip­pen der hung­ri­gen Ar­men ris­sen.

Skal­lon hör­te auf­merk­sam zu und sah sich su­chend in der Men­ge um, aber von Fain fand er kei­ne Spur. Gab es An­zei­chen da­für, daß der Än­de­rung hin­ter die­ser Sa­che steck­te? Skal­lon run­zel­te die Stirn. Schwer zu sa­gen.

Un­ter­des­sen wand­ten sich hin und wie­der Ge­sich­ter aus der Men­ge zu ihm her­über, und for­schen­de Bli­cke tra­fen den sei­nen. Viel­leicht stimm­te ir­gend et­was mit sei­nen Ge­wän­dern nicht. Skal­lon schau­te an sich hin­un­ter, schüt­tel­te sich und strich hier und da ei­ne Fal­te glatt. Es schi­en al­les in Ord­nung zu sein.

Die Ge­sich­ter der Men­schen wur­den zu ei­nem Ge­we­be, wirr und wo­gend und so fein wie bun­te Spit­ze. Je­des der kno­ti­gen Ge­sich­ter, je­des star­ren­de Au­gen­paar, je­der Mund saß haar­ge­nau an sei­nem scharf um­grenz­ten Platz. Ein­ge­rahmt, ja, in un­na­tür­li­cher Auf­tei­lung, frisch und sau­ber, wie in ei­nem wohl­kom­po­nier­ten Ge­mäl­de. Ein Ge­mäl­de, ja. Un­si­gniert na­tür­lich. Ja.

Der Red­ner brüll­te sei­ne ver­sim­pel­ten Wahr­hei­ten her­aus. Ab­trün­nig. Treu­los. Skru­pel­lo­se Erd­ler. Un­ge­zie­fer. Al­vea hat­te sie ver­bannt, aber die Seu­chen dau­er­ten an. Sie hat­ten ih­ren Stem­pel hin­ter­las­sen.

Skal­lon nick­te, schüt­tel­te den Kopf, nick­te wie­der. Der Al­vea­ner ver­stand nicht, worum es ging. Of­fen­bar wuß­te der Mann nichts von so­zia­ler Dy­na­mik, von Ge­ne­tik, von Ge­schich­te. Der Fett­wanst spul­te plau­si­ble, aber hoh­le Ar­gu­men­te ab und ver­fehl­te die we­sent­li­chen Punk­te. Skal­lon er­in­ner­te sich an ähn­li­che Men­schen­men­gen, in de­nen er ge­stan­den hat­te, ver­sam­melt in Hö­fen, auf Plät­zen und in Un­ter­künf­ten. Aus­bil­der hat­ten ih­nen ge­sagt, was man von ih­nen er­war­te­te, wie man sie be­stra­fen wür­de, wenn sie sich nicht rich­tig ver­hiel­ten, und warum das al­les not­wen­dig war. Nie­mand hat­te je­mals wi­der­spro­chen, im­mer stand die Men­ge dumpf da und nahm je­des Wort in sich auf.

Aber die­ser Hau­fen von Al­vea­nern war an­ders. Bei je­dem Schmäh­ruf ra­schel­ten sie wie Blät­ter im Wind, und von dem ges­ti­ku­lie­ren­den, schwit­zen­den Red­ner weh­te ei­ne wü­ten­de Bri­se her­ab. Je­mand feu­er­te ihn brül­lend an.

Skal­lon lausch­te vol­ler Auf­merk­sam­keit und ver­such­te, je­den Au­gen­blick, je­des Wort neu zu be­grei­fen. Er spür­te, wie er durch den Rand der Men­ge trieb. Da­non flüs­ter­te et­was, dräng­te ihn zur Rück­kehr. Fin­ger grif­fen nach ihm. Der Jun­ge blieb hin­ter ihm zu­rück. Wor­te spül­ten über Skal­lon hin­weg. Ein Ge­wirr von Phra­sen. Ge­sich­ter wand­ten sich ihm zu, flat­ternd im Sturm.

Der Kar­ren rag­te vor ihm auf, hö­her als er er­war­tet hat­te. Ein Mund, der Fra­gen stell­te. Ein Stoß mit dem steif aus­ge­streck­ten Arm, und er ver­schwand. Er be­weg­te sich vor­wärts auf zit­tern­den Kni­en. Die Hand auf dem Kar­ren, mit keu­chen­dem Atem, und hin­auf. Der Red­ner dreh­te sich um. Noch ein Ge­sicht, mehr nicht, ein Ge­sicht wie al­le an­de­ren.

Skal­lon brüll­te einen Satz her­aus und dann noch einen. Ich brin­ge Klar­heit. Hän­de grif­fen nach ihm. Er stieß sie von sich. Sie wi­chen zu­rück. Stil­le leg­te sich über die künst­li­chen Ge­sich­ter un­ter ihm. Un­heim­lich, die­ses er­war­tungs­vol­le Schwei­gen. Die Ge­mein­sam­keit der Zie­le. Da­non in der Fer­ne, ein klar um­ris­se­nes, ge­spann­tes Kin­der­ge­sicht. Auf­wärts ge­rich­tet wie die an­de­ren, um die Wahr­heit zu hö­ren. Hört zu … Ein fri­scher, er­leuch­ten­der Atem­zug. Kraft durch Wis­sen …

Um es ih­nen zu zei­gen, warf er sei­ne Ka­pu­ze zu­rück. Lös­te die Span­gen und Fal­len und falschen Fassa­den sei­ner Dou­bluth-Ge­wän­der. Sei­ne ir­di­schen Zü­ge ho­ben sich klar und deut­lich in das trü­be Licht. Und doch ken­ne ich Euch … Ein Auf­schrei. Und Eu­ren Pla­ne­ten, ei­ne Welt, so reich … Auf­ruhr … und doch heim­ge­sucht von Ver­fall … Hän­de … his­to­risch falsch … Sie grei­fen nach ihm. Ein ge­dämpf­tes, wü­ten­des Grol­len von un­ten. Ihr müßt ver­ste­hen … Lang­sam und deut­lich, da­mit sie die Fein­hei­ten ver­ste­hen, auf die er hin­aus­will.

Aber die Hän­de. Grei­fend, zer­rend. Ver­schwom­me­ne Be­we­gung. Ge­sich­ter glei­ten vor­über in dem mat­ten, gelb­li­chen Licht. Ei­si­ge Luft. Ein Wa­gen­rad, ver­kehrt her­um. Ein Pols­ter von Lärm um­hüll­te ihn. Ir­gend­wie war ir­gend et­was schief­ge­gan­gen.