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Ge­schmei­dig be­wegt er sich in ein­sa­mer, präch­ti­ger Iso­la­ti­on durch die Fah­nen des feuch­ten Dschun­gels. Ein vor­über­hu­schen­der Schal­ten. Wei­ches Huf­ge­trap­pel, glei­ten­des, schup­pi­ges Fleisch. Der Ge­ruch von sal­zig rin­nen­dem Schweiß. Und er schlüpft durch ein Ge­wirr von Ran­ken, zer­reißt ih­re Stie­le in der atem­be­rau­ben­den Hit­ze die­ser neu­en, sti­cki­gen Luft. Fremd, ja. Aber ihm war nichts je wirk­lich fremd. Al­le For­men wa­ren hohl. Mit al­len konn­te man spie­len. Leicht konn­te er in die Welt der vor­über­hu­schen­den Graurat­te hin­ab­glei­ten, ihr wir­res Uni­ver­sum er­kun­den, in ihr fei­nes Quie­ken ein­stim­men. Er konn­te sei­ne Hand zu ei­nem sprin­gen­den Ab­bild der Graurat­te for­men. Und einen Au­gen­blick spä­ter konn­te er zu dem ge­duck­ten Mann wer­den, der ein lan­ges Rohr auf die Rat­te rich­te­te und sie mit ei­nem Feu­er­strahl zu Bo­den warf, für im­mer. Er konn­te sin­gen im rau­hen La­chen des sieg­rei­chen Au­gen­blicks, der kur­z­en Vi­si­on. Da­von trin­ken und dar­in at­men und ver­schwin­den, fort, hin zu neu­en, plas­ti­schen Träu­men. Das Le­ben rings­um­her schme­cken, im­mer schme­cken, tas­ten, wis­sen, vol­ler Ver­lan­gen …

Zwei Norms fol­gen ihm. Er hat die Kap­sel schwer­fäl­lig her­ab­sin­ken se­hen und weiß, daß es zwei sein müs­sen. Norms von der Er­de, die schlimms­ten von al­len Norms. Schwa­che, ängst­li­che, vor­sich­ti­ge Krea­tu­ren – warum sonst lieb­ten sie ih­re Ma­schi­nen so sehr? Ma­schi­nen wa­ren Krücken. Men­schen, die sie be­nutz­ten, zit­ter­ten vor dem Le­ben des Einen.

Norms ver­strö­men ein falsch ge­ord­ne­tes Mus­ter von Lü­gen – und al­le Mus­ter sind Lü­gen – und be­haup­ten, es sei die Wirk­lich­keit. Nur das Ei­ne kann das wahr­haft Wirk­li­che ken­nen. Nur das Ei­ne kann bei­sei­te tre­ten, tan­zend auf dem Au­gen­blick, und sa­gen: Dies ist si­cher und wahr, und je­nes ist falsch und trü­ge­risch. Zeu­ge! Die Norms, in ih­rer Angst, den­ken nie­mals dar­an. Norms zu­cken vol­ler Grau­en zu­rück vor dem Un­ge­wis­sen, vor dem wun­der­schö­nen Un­wäg­ba­ren, dem Uni­ver­sum lie­be­vol­len Flie­ßens, in dem mit je­der fri­schen Se­kun­de nichts je wie­der das­sel­be für die Au­gen des Kör­pers ist. Dem ver­wei­gern sich die Norms, und dar­in liegt ihr Ver­sa­gen. Un­ge­wiß­heit ist Kraft, war Kraft und wird Kraft sein, Tür al­le Zei­ten, und in dem Einen zu­sam­men­flie­ßen. Ver­än­de­rung ist die Kon­stan­te, Wor­te ent­glei­ten den Fes­seln der Be­deu­tung, und das Ei­ne, das dies sieht, muß als tan­zen­der Sie­ger her­vor­ge­hen, die Norms mö­gen ihm fol­gen. Doch sie wer­den ihm nie­mals vor­aus­sein.

Er liebt die­sen Dschun­gel. Das Ge­wöl­be der Pflan­zen, die turm­ho­hen, ver­krus­te­ten Grä­ser. Über­all hu­schen­des, het­zen­des Le­ben. Fon­tä­nen von sum­men­den Luft­strö­men, krab­beln­de, schwarz­ge­ripp­te Kä­fer, sprin­gen­de Gras­hüp­fer, das sanf­te Ge­trap­pel der klei­nen Na­ger. Selt­sa­me Schnau­zen und Schnä­bel und das Kli­cken von win­zi­gen Zäh­nen. Win­de zer­har­ken die Wol­ken am har­ten Him­mel, und ein großer, schlan­ker Vo­gel glei­tet im Bo­gen vor­über; sein schril­ler, gel­len­der Schrei zer­reißt die Ru­he des Au­gen­blicks. Die Men­schen­ge­stalt im Ca­non der Far­ne bleibt ste­hen und starrt und hebt ei­ne Faust zu plötz­li­chem Gruß, in über­schweng­li­cher Freu­de an die­sem un­ver­hüll­ten, herr­li­chen Mo­ment der Ver­än­de­rung. Der tan­zen­de, sin­gen­de Au­gen­blick, ja. Heil! Die Faust win­det sich, macht vier Fin­ger, dann sechs, und Dau­men ver­kno­ten sich zu ei­nem har­ten Keil. Dies ist Le­ben, und Le­ben ist dies – Ver­än­de­rung, himm­li­sches Cha­os. Nur der Tod selbst, das ro­he Rot, das hin­ter al­lem lau­ert, ist sta­bil und si­cher und nie­mals an­ders, ob­gleich na­tür­lich auch der Tod ei­ne Il­lu­si­on ist.

Er bringt den Tod, doch er seg­net das Le­ben. Im An­ge­sicht der Ver­än­de­rung muß das Un­ver­än­der­li­che un­ter­ge­hen, denn das ist sein Erb­teil. Die Norms müs­sen ster­ben. Die Norms wis­sen nichts.

Er weiß al­les und plant nichts. Der al­vea­ni­sche Flug­ha­fen, den er aus der Luft ge­se­hen hat, ist ein gu­tes Ziel. Das Ver­til, Ge­schenk von ei­nem an­de­ren, ist wahr­schein­lich die Waf­fe. Es gibt mög­li­che Ma­nö­ver, aber kei­ne si­che­re Tak­tik. Wer das Cha­os zum Ziel hat, kann zahl­lo­se We­ge ge­hen. Er streift durch den Dschun­gel, jetzt auf vier Bei­nen und dann wie­der auf drei­en und manch­mal auch auf zwei­en. Er glei­tet, kriecht, springt, und als er einen da­hin­strö­men­den Bach er­reicht, schwimmt er be­hen­de wie ein Fisch.

„Führt mich zu Ge­ne­ral No­ka­vo“, sagt er, und er klei­det sich in die leuch­ten­den Ge­wän­der und das mas­si­ge Fett der obers­ten Kas­te von Bü­ro­kra­ten. Der Sol­dat am Tor blin­zelt an­ge­sichts sol­cher Herr­lich­keit.

„Eu­er Na­me, ho­her Herr?“

„Ich bin …“ – er denkt, doch er denkt nicht nach – „… Fain.“

„Wenn Ihr mir bit­te fol­gen wollt, ho­her Fain.“ Ein Na­me – er hat kei­nen. Nein, denn er hat schon Hun­der­te ge­tra­gen, und bis zu je­nem un­aus­ge­spro­che­nen Au­gen­blick der Ver­nich­tung wird er noch vie­le wei­te­re tra­gen. Fain ist ein Na­me, den er ge­hört hat. Der, der die Ver­än­de­rung tö­tet. Der, der han­delt im Na­men des Still­stands. Ein Wi­der­spruch, ge­wiß, aber das ist viel­leicht auch der Norm Fain. Er ist ei­ner von de­nen, die fol­gen.

„Steht still, legt die Hän­de auf den Kopf, schließt die Au­gen und re­det nicht.“

Er ist al­lein mit Ge­ne­ral No­ka­vo und er­forscht die Ge­dan­ken des kräf­ti­gen Man­nes. Fra­gen ver­lie­ren sich in der Luft. Er er­fährt von den Kräf­ten die­ser küm­mer­li­chen Ba­sis, von ih­ren an­ti­quier­ten Waf­fen und von ih­rem trä­gen Rhyth­mus. Aber die Gren­zen, die es hier gibt, sind oh­ne Be­deu­tung. Die be­waff­ne­ten Al­vea­ner kön­nen trotz­dem hilf­reich sein.

Er be­fiehlt dem Ge­ne­ral, und der wie­der­um be­fiehlt sei­nen Män­nern. Sie be­stei­gen die Hub­schrau­ber und star­ten. Sucht die Er­den­män­ner. Sie wer­den hier sein, in die­sem Ra­di­us. Fin­det sie. Seid schlau, seid schnell. Tö­tet sie.

Sie wer­den na­tür­lich ver­sa­gen. Die­se Al­vea­ner sind wie Kin­der, ver­gli­chen mit Fain.

Das Ver­til tut gu­te Diens­te. Doch der Ge­ne­ral wird schwach, ver­wirrt. Er ver­has­pelt sich, als er mit ei­nem Un­ter­ge­be­nen spricht. Dann be­ginnt er be­nom­men zu wan­ken. Ein schlech­tes Zei­chen.

Be­dau­ernd, aber den­noch rasch – die Ge­rech­tig­keit ver­langt es – zieht der Än­de­rung die Waf­fe aus dem en­gen Gür­tel des Ge­ne­rals. Er zielt. Feu­ert.

Der Leich­nam ist ein­fach zu ver­ste­cken. Der Än­de­rung ißt noch ein we­nig von den Le­bens­mit­teln des Ge­ne­rals, die er in ei­nem klei­nen Vor­zim­mer ge­fun­den hat. Über­all ver­wah­ren die Al­vea­ner ih­re stär­ke­rei­che Grüt­ze, soll­te der Hun­ger er­wa­chen. Viel­leicht auch hat es re­li­gi­öse Be­deu­tung. Un­wich­tig. Er saugt die meh­li­ge Mahl­zeit auf, froh über die­sen Zu­ge­winn an Mas­se und Kraft.

Er schlüpft in Klei­der und Iden­ti­tät des to­ten Ge­ne­rals. Er ruft die Trup­pen zu­sam­men. Ei­nem Ba­tail­lon be­fiehlt er den An­griff. Der Feind? Dort sind die Ver­rä­ter.

Ja: Die Welt ex­plo­diert in Ge­wehr­feu­er und me­tal­li­schen Ex­plo­sio­nen. Män­ner ren­nen, ster­ben. Es le­be die Ver­wir­rung.

Hoch auf sei­nem Turm be­trach­tet er Feu­er und Rauch, flie­ßen­des Blut und un­ver­än­der­li­chen Tod. Ein schil­lern­des, bun­tes Spiel. Nütz­lich, aber nicht aus­rei­chend. Dies wird ein­mal mög­lich sein, viel­leicht auch zwei­mal, aber nicht häu­fi­ger.

Knir­schend ver­än­dert er sei­ne wil­li­gen Glie­der. Er ist in ei­ner be­stimm­ten Ge­stalt ge­bo­ren, aber an die­se Form er­in­nert er sich nicht mehr. Er ist nicht Fain, nicht No­ka­vo, nie­mand, in dem Wald, den er un­ten sieht, nä­hert sich ste­tig ein ein­zel­ner Mann. Un­ter­setzt, dun­kel, al­vea­nisch. Selbst ein Meis­ter der Ver­wand­lung, lacht er. Al­so ist der wirk­li­che Fain end­lich ge­kom­men, um das Werk sei­ner Meis­ter zu schau­en. (Aber Fain kommt al­lein. Die­se De­mons­tra­ti­on der Stär­ke ist be­un­ru­hi­gend.)

„Ei­ne Be­we­gung – nur ei­ne Be­we­gung, und ich tö­te Euch“, sagt Fain.

„Aye, Sir.“ Er grinst breit. Spei­chel rinnt über sei­ne Lip­pen, und er ver­neigt sich aus sei­nen brei­ten Hüf­ten. „Der Ge­ne­ral hat Eu­re be­vor­ste­hen­de An­kunft be­reits an­ge­kün­digt.“

Fain steht auf. „Legt die Hän­de auf den Kopf, dreht Euch drei­mal um Euch selbst. Schlagt mit den Ar­men und macht ein Ge­räusch wie ein Vo­gel – wie ein Klatsch­flü­gel.“

Er tut wie be­foh­len, und er fühlt, wie der Haß ihn durch­flu­tet, und denkt: Fain muß ster­ben. Aber – nein – ein zwei­ter Ge­dan­ke: Fain kenn! den Tod nur zu gut – er fürch­tet ihn nicht. Fain furchtet nur sich selbst. Er muß ver­nich­tet, nicht ge­tö­tet wer­den.

„Ich will, daß Ihr vor mir die Lei­ter hin­auf­steigt“, sagt Fain. „Das ist ein Be­fehl. Ihr müßt ge­hor­chen.“

„Ich muß ge­hor­chen.“ Oh­ne et­was zu pla­nen steigt er die Lei­ter hin­auf. Oben liegt der Leich­nam von Ge­ne­ral No­ka­vo. Wenn er ihn fin­det, wird Fain wis­sen … er wird er­ra­ten, wel­cher Na­tur die sich wan­deln­den Iden­ti­tä­ten sind, die rings um ihn her­um­wir­beln. Fain haßt al­les, was an­ders ist. Er spürt sei­nen star­ken Ab­scheu.

Dies füh­lend und wis­send, was Fain am tiefs­ten ver­wun­den wird, fallt er hin­un­ter – ein­hun­dert stin­ken­de Ki­lo brau­nes, ver­gäng­li­ches, un­wirk­li­ches Fleisch.