Gefahr kann wie eine Flamme die Hände wärmen oder auf dem Herd eine Mahlzeit kochen – bis sie hochspringt und das Haus zerstört.
Basilgarrad steckte den Kopf in den Tunnel und faltete die großen Ohren. Er zuckte zusammen, als sie gegen schmerzhaft scharfe Amethystkristalle stießen.
Donner und Hagel auf diesen weichhirnigen Zorgat und sein Verlangen nach Heimlichtuerei!, schimpfte der Drache insgeheim. Wer, wenn er bei Sinnen ist, würde ein Treffen wie dieses unterirdisch veranstalten?
Aus den Tiefen seiner Kehle stieg ein wütendes Knurren. Entwürdigend! Ich bringe alle hierher, einschließlich dieses undankbaren Raben – und was bekomme ich? Einen Platz, der kaum groß genug für meine Nase ist. Er kniff die Augen zusammen. Wenn ich nur Feuer ausstoßen könnte … ich würde Zorgats Bart anzünden!
Merlin, der mit Hallia an seiner Seite einige Schritte entfernt in der Mitte der edelsteinbesetzten Höhle stand, schaute hinüber ins große Gesicht seines Freundes. Einen Moment lang betrachtete er den Drachen, dessen Augen und Schuppen hell im Licht der Fackeln an den Wänden funkelten. Obwohl dieses Gesicht in den Tunnel gequetscht war, zeigte es deutlich Basilgarrads große Intelligenz, Empfindsamkeit – und Frustration.
Der Zauberer seufzte. Ich verstehe, alter Freund. Aber ich bin trotzdem froh, dass du Zorgats Bart nicht zerstören kannst. Er hat sein Leben lang warten müssen, bis er so lang war, weißt du.
Wahrscheinlich hast du recht, dachte Basilgarrad unglücklich. Er bewegte den Kopf ein wenig und brach dabei ein paar Dutzend Amethystkristalle ab, die wie violetter Hagel auf den Boden prasselten. Verlockend ist es aber immer noch!
Gerade da stampfte Zorgat mit dem Stiefelfuß auf den Boden der fackelerleuchteten Höhle. Von dreißig oder vierzig Zwergen flankiert, die Arme über dem borstigen Bart verschränkt, grüßte der Zwergenälteste Merlin und Hallia mit einer tiefen Verbeugung. Der kleine Rabe auf seiner Schulter flatterte mit den zerfetzten schwarzen Flügeln, um das Gleichgewicht zu halten, doch Zorgat schien das nicht zu beachten. Sein Gesicht mit den tief eingegrabenen Falten zeigte nur großen Ernst. Als er wieder aufrecht stand, sprach er zuerst Hallia an.
»Eine große Ehre ist es, dich zu treffen, hochgeschätzte Frau von den Hirschmenschen.« Seine Augen, so strahlend wie die Edelsteine an den Höhlenwänden, funkelten. »Ich habe viele Geschichten gehört, bin aber bisher niemandem aus deinem Clan begegnet.«
Hallia knickste anmutig. »Die Ehre ist ganz auf meiner Seite, Zwergenältester.« Sie warf einen Blick auf Merlin und lächelte. »Aber die Anerkennung gebührt meinem Mann, denn es war seine Idee, mich mitzubringen.«
Merlin zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts. Seine Gedanken konzentrierten sich auf den Zwergenältesten. Würde Zorgat sein Wort halten? Was würden seine Bedingungen sein? Würden die Drachen je einwilligen?
Zorgat wandte sich an Merlin. »Als du das letzte Mal hier warst, hast du mich mit einem zerbrochenen Pfeil verlassen – und einer Idee, die so unbrauchbar war wie dieser Schaft.«
Aus seinem breiten Ledergürtel, mit dunkelroten Rubinen gesäumt, zog er den reparierten Pfeil. Langsam drehte er ihn herum und ließ die Obsidianklinge im Fackellicht blitzen. »Jetzt ist der Pfeil repariert. Lass uns hoffen, dass er die Strapaze übersteht, gebraucht zu werden.«
Irgendwo in der Reihe hinter ihm brummte ein Zwerg wütend. Zorgat fuhr herum und sah seine Leute an. In ernstem Ton knurrte er: »Zum letzten Mal, hört mir zu! Diese Entscheidung gilt. So gefährlich der Versuch einer Zusammenarbeit mit den Feuerdrachen auch sein mag – es ist noch gefährlicher, wenn wir ständig gegen sie kämpfen. Das ist meine Entscheidung! Wagt jemand zu widersprechen?«
Keiner der Zwerge sagte etwas. Einige schüttelten die bärtigen Köpfe. Andere verneigten sich respektvoll. Doch einige, Basilgarrad bemerkte es mit Sorge, fingerten an den doppelschneidigen Äxten an ihrem Gürtel oder den Bogen und Pfeilen über ihren Schultern.
»Muss ich euch daran erinnern«, sagte Zorgat eindringlich, »wie viele unserer Leute wir erst letzte Woche verloren haben bei diesem Mineneinsturz – den die breiten Rücken der Drachen hätten verhindern können? Beharren wir Zwerge so stur auf alten Gewohnheiten, dass wir uns weigern, eine neue Idee zu erproben?«
Wieder antwortete kein Zwerg.
Merlin sah hoffnungsvoll aus, als er jetzt Blicke mit dem grünen Drachen wechselte. Vielleicht, Basil, führt unsere harte Arbeit in diesem Reich endlich zu einem Ergebnis.
Zorgat schaute aufmerksam den Zauberer an. »So soll es sein«, erklärte er. »Wenn du die Feuerdrachen überzeugen kannst, diesen Vertrag ohne Hintergedanken anzunehmen, werden wir mit ihnen in allen unseren Minen zusammenarbeiten außer in den heiligen Höhlen der flammenden Edelsteine. Für ihre Arbeit bei der Schachtsicherung und beim Schmelzen des Erzes werden wir sie mit einem Drittel jedes Schatzes belohnen, den wir abbauen.«
Merlin runzelte die Stirn. »Sie werden zwei Drittel verlangen, das weißt du.«
Der Zwerg strich seinen Bart, seine Augen funkelten schlau. »Dann werden wir laut protestieren, ihre Gier anprangern – und uns widerwillig auf die Hälfte für jeden Vertragspartner einigen.«
Merlin nickte. »Ein ausgezeichneter Plan.«
»Und um Verrat vorzubeugen«, fügte Zorgat hinzu, »werden wir …«
»Das habe ich schon mit Basilgarrad besprochen«, der Zauberer deutete mit seinem Stab auf das riesige Gesicht im Tunnel. »Er war einverstanden, sich persönlich an jedem Feuerdrachen zu rächen, der den Vertrag verletzt.«
Basilgarrad nickte leicht und löste damit eine weitere Lawine von Amethystkristallen aus. »Mit Vergnügen«, erklärte er und die Worte hallten in der Höhe wider.
»Dann«, sagte Zorgat, »ist es abgemacht. Wenigstens von uns aus. Jetzt müssen wir das Einverständnis der Feuerdrachen gewinnen.«
Merlin drehte seine Stabspitze in den Boden. »Ich werde dabei helfen, Zwergenältester, mit allen meinen Fähigkeiten.«
»Das genügt mir«, erwiderte Zorgat, sein verwittertes altes Gesicht zeigte endlich ein wenig Hoffnung.
Während dieser Unterredung schaute Hallia in der Höhle um sich. Ihr Herz weitete sich, als sie sah, wie Merlin, ihr Ehemann und bester Freund, solchen historischen Fortschritt bewirkte. Das könnte der Anfang einer ganz neuen Ära sein! Wenigstens in einem Reich. Und sie war Zeugin.
Sie genoss die Szene: alle Zwerge in einer Reihe, grimmig, doch erwartungsvoll, mit flammenden Fackeln, deren Feuer sich in den kristallinen Wänden spiegelte; Merlin und Zorgat einander gegenüber mit beiderseitigem Respekt. Ja, ja, sagte sie sich, ich bin sehr froh, dass ich mitgekommen bin.
Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine plötzliche Bewegung. Mit dem wachen Sinn für Gefahr, der den Hirschen eigen ist, drehte sie sich rasch um – und hielt den Atem an. Dort, am Ende der Reihe, hob ein bärtiger Zwerg den Bogen, legte einen Pfeil auf die Kerbe und wollte schießen. Sein Ziel, das sah sie deutlich, war Merlin!
Noch als sie den Atem anhielt, schoss der Zwerg seinen Pfeil mit der Obsidianspitze ab. Die Bogensaite sirrte und der Pfeil flog – direkt auf Merlins Brust. Es blieb keine Zeit, ihn zu warnen, keine Zeit, seinen Namen zu rufen, keine Zeit, irgendwas zu tun.
Außer …
Hallia verwandelte sich sofort in einen Hirsch. Ihre Hufe gruben sich in den Höhlenboden und schrammten an den Stein, als ihre mächtigen Hinterbeine sie in einen verzweifelten Sprung warfen. Im Bruchteil einer Sekunde bevor der Pfeil sein Ziel traf, war Hallias Körper davor. Der Pfeil sank tief in ihre Rippen. Mit einem Schmerzensschrei brach sie auf dem Boden zusammen, Blut strömte aus der Wunde.
Tumult entstand. Zwerge in seiner Nähe stürzten sich auf den Attentäter und prügelten ihn. Die ganze Höhle bebte, als Merlin schrie, Zwerge fluchten und Basilgarrad zornig brüllte. »Verräter!«, rief Zorgat und griff ebenfalls zu Pfeil und Bogen. Der Zwergrabe sprang von seiner Schulter in die Luft und kreiste laut kreischend über dem Gewühl.
Der Attentäter lag bewusstlos auf dem Boden, als Zorgat ihn erreichte. Sein Bogen lag zerbrochen neben ihm. Ein Blutgerinnsel verfleckte seinen Bart. Niemand, noch nicht einmal der Älteste, bemerkte den schwarzen Egel, der gierig am Hals des Zwergs saugte.
Merlin saß inzwischen auf dem harten Boden und hielt Hallia behutsam, während sie wieder Frauengestalt annahm. Er brach in einen ungestümen Singsang aus, ließ den Pfeil in ihren Rippen völlig verschwinden und nur eine dünne Staubspur in die Luft ziehen, die kurz funkelte und dann davonwehte. Die Fackeln an den Höhlenwänden flackerten, ihr Licht wurde schwächer, als der Magier ihre Energie ebenso nutzte wie seine.
Qualvoll schrie er auf. Es wirkte nicht! Er konnte nicht tief genug sehen – zu viel Schaden, zu viel Blut. Und er wusste ohne jeden Zweifel, dass der Pfeil in ihr Herz gedrungen war.
»Nein … mein Falke«, sagte sie heiser. »Es ist zu … spät.«
»Nein, Hallia!« Er zitterte am ganzen Körper, als er Atem holte. »Was nützt es, ein Magier zu sein, wenn ich dir jetzt nicht helfen kann?«
Ihre Hirschaugen, warm und tief und braun, schauten zu ihm auf. »Ich werde dich immer … lieben.« Sie hielt den Atem an und zuckte in einem Schmerzkrampf. Kurz schloss sie die Augen, dann waren sie wieder auf. »Eines Tages … werden wir wieder … zusammen laufen. Zwei Hirsche … Seite an Seite … in den Wiesen … der Anderswelt.«
Mit verzerrtem Gesicht nickte er. Seine Lippen öffneten sich zum Sprechen, doch keine Worte kamen heraus.
Als die Fackeln rings um die Höhle nur noch schwach flackerten, wurde Hallia in Merlins Armen schlaff.