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Die Wahl

Wie gern ich spiele! Die Würfel rollen lassen, ein Risiko eingehen, auf das Glück vertrauen. Besonders wenn der Einsatz einem anderen gehört.

Als Krystallus erwachte, fühlte er sich gar nicht gut. Der Kopf schmerzte, als würden ständig Steinblöcke auf seinen Schädel einschlagen. Der Magen war von dem geschluckten Meerwasser aufgewühlt und im Mund hatte er den schlechten Geschmack von Erbrochenem. Seine neue Umgebung ließ ihn nichts Gutes ahnen.

Er lag auf dem Steinboden in einer Art Zelle. Als er nach vielen Anstrengungen wieder scharf sehen konnte, betrachtete er seine zerrissene Tunika und die zerfetzten Leggings – und suchte sein kostbares Notizbuch, das noch in der Tasche steckte. Ringsum sah er nur Steinwände, Boden und Decke, lediglich von einer verriegelten Tür und einem vergitterten Oberlicht hoch über seinem Kopf unterbrochen. Auf dem Boden neben ihm standen zwei Einrichtungsgegenstände: ein wackliger Schemel und ein Eimer, aus einer großen Meermuschel gefertigt, der etwas Wasser enthielt.

Benommen und angeekelt zwang er seine wackligen Glieder, zum Eimer zu kriechen. Dort steckte er den Kopf ins Wasser und versuchte, den Geschmack nach Erwürgtem wegzuspülen. Doch selbst diese kleine Anstrengung reichte aus, die Steinblöcke wieder auf seinen Schädel einschlagen zu lassen.

Mit schmerzendem Kopf, noch benommener als zuvor, brach er auf dem Steinboden zusammen. Dann übergab er sich trotz seines Widerstands erneut. Meerwasser und Tangfetzen quollen aus seinem Mund in eine stinkende Pfütze auf dem Boden. Dunkle Schatten krochen in seinen Kopf und verbargen alle Gedanken. Als sich die Schatten vertieften, verlor er das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kam, wirkte die Zelle dunkler als zuvor. Zuerst glaubte er, wieder am Rand einer Ohnmacht zu sein. Oder war er irgendwie in die endlose Nacht von Schattenwurzel zurückgekehrt? Allmählich begriff er, nein, diese Dunkelheit lag außerhalb von ihm. Und es war nicht die ständige, bedrückende Dunkelheit jenes gefährlichen Reiches. Nach dem Geräusch der Wellen, die irgendwo hinter diesen Mauern ans Land klatschten, war er immer noch in Wasserwurzel.

Ohne auf das ständige Hämmern in seinem Kopf zu achten, rollte er sich auf den Rücken. Das allein kostete seine ganze Kraft. Durch das Oberlicht sah er das schwache Funkeln der Sterne in der dunstigen Luft. Er lag auf dem Boden und keuchte vor Erschöpfung.

Schritte hallten in einem nahen Gang. Der schwere Eisenriegel an der Tür wurde zurückgeschoben. Krystallus schloss die Augen und tat, als sei er noch bewusstlos.

Füße in Stiefeln kamen in die Zelle. Jemand trat über ihn und stieß grob an seine Schulter. Krystallus brauchte seine ganze Selbstkontrolle, damit er die Augen geschlossen hielt. Wütend wäre er am liebsten aufgesprungen und hätte dem Eindringling ein paar Manieren beigebracht. Doch er wusste genug, um sich zurückzuhalten. In seiner gegenwärtigen Verfassung konnte er wahrscheinlich nicht einmal aufstehen und schon gar nicht jemanden zu einem Kampf herausfordern. Er blieb bewegungslos und mit klopfendem Herzen auf dem Boden.

»Sieht aus, als wär dein Gefangener noch halb tot«, sagte eine Stimme, die klang wie aneinanderreibende Flussfelsen.

»Wenn er aufwacht, wünscht er bestimmt, er wär total tot«, sagte eine andere Stimme und lachte schallend.

»Wo du recht hast, hast du recht, Kumpel! Ich hab gehört, die Königin will ihn sehen, sowie er wieder bei sich ist.«

Die Königin?, dachte Krystallus. Also lebt sie?

»Die hat ja auch ’ne Weile gebraucht, bis sie aufgewacht ist. Aber der Heiler hat mir erzählt, dass sie sofort wach war, wie sie gehört hat, dass sie ihn gefangen haben, wie er sie gerade erwürgen wollte. Da hat sie sofort befohlen: ›Bringt ihn her.‹« Wieder schallendes Gelächter. »Und glaub mir, den lädt sie nicht zu ’ner Tasse Tee ein.«

»Sie hat wütender ausgesehen als ein Hai am Haken, ehrlich! Ich hab’s selber gesehen, weil ich dem Heiler Sachen in ihr königliches Zimmer gebracht hab.«

Jemand trat Krystallus auf den Oberschenkel. Er hielt die Augen geschlossen und versuchte, nicht zusammenzuzucken.

»Lass ihn jetzt in Ruh. Du kannst ihn später noch oft genug treten, wetten?«

»Stimmt.« Lautes Lachen. »Wenn Serella ihn erschossen, erstochen, ertränkt und kielgeholt hat.«

Mit rauem Gelächter verließen die beiden Elfen die Zelle. Die Tür knallte und der Eisenriegel glitt zu.

Krystallus hörte, wie die Stiefelschritte sich entfernten, und öffnete die Augen. Über den vielen Fragen in seinem Kopf versuchte er, alle Aufmerksamkeit nur auf eine zu richten: Wie konnte er fliehen?

Steinmauern auf jeder Seite, ebenso oben und unten. Nichts als ein Holzschemel und eine große, zu einem Eimer geformte Muschel. Welche Möglichkeit hatte er, hier hinauszukommen, bevor Serella ihn töten ließ?

Keine, sagte er sich schwach. Noch nicht einmal ein Geist käme hier hinaus. Er hielt den Atem an. Es sei denn …

Er hob den Blick zum Oberlicht und schielte zu der Öffnung hinauf. Zu hoch zum Springen. Aber vielleicht gab es eine andere Möglichkeit!

Er rollte sich auf die Seite und stemmte sich langsam auf die Knie, dann auf die Füße. Obwohl er noch benommen war, gelang es ihm, sein Gleichgewicht so lange zu halten, bis er zur Muschel getappt war. Er trug sie in die Zimmermitte, drehte sie um und leerte das restliche Wasser aus. Dann stellte er den Schemel auf die umgedrehte Muschel. Ohne die Stärke dieser Konstruktion zu prüfen, kletterte er hinauf. Obwohl er noch unsicher auf den Beinen war, schaffte er es, auf dem Sitz zu stehen.

Es hielt. Krystallus schaukelte gefährlich, sein Kopf schmerzte, aber er streckte die Arme hoch und tastete nach dem Oberlicht. Da! Eine Hand, dann die andere packten einen der Eisenstäbe.

Er hob die Füße vom Schemel, sprang heftig und zog mit seinem ganzen Gewicht. Der Stab knirschte, ein paar Steinsplitter fielen Krystallus auf den Kopf. Er schüttelte sie ab und achtete nicht auf das Hämmern in seinem Schädel. Wieder sprang er und drehte diesmal mit aller Kraft an dem Stab.

Unversehens brach der Stab heraus. Krystallus stürzte ab, mit ihm der Eisenstab und eine kleine Lawine von Steinsplittern. Obwohl er schmerzhaft auf dem Boden landete und sein Kopf nur knapp den Schemel verfehlte, war es ihm gleichgültig. Er schaute hinauf und brummte vor Befriedigung. Ein paar Sterne mehr schienen durch das Loch in der Decke.

Hoffentlich hat niemand den Krach gehört! Hastig baute er wieder seine provisorische Leiter. Nachdem die erste Stange entfernt war, ließen sich drei weitere viel leichter herausnehmen. Dann hing Krystallus am letzten vorhandenen Stab, mobilisierte jedes bisschen Kraft in seinen Armen und zog sich hinauf. Mit mehreren Fußtritten und der Hoffnung, dass die Stange hielt, kam er aus dem Loch.

Keuchend vor Erschöpfung ruhte er sich auf den Knien aus und atmete die kalte Nachtluft ein. Nach einem Augenblick begann er, die Umgebung zu mustern. Er befand sich auf einem niedrigen, flachen Dach, das mit seeblauen Schieferplatten gedeckt war. Das Dach schloss an ein viel größeres Gebäude an, das aus riesigen, im Sternenlicht grünlich blauen Steinbrocken gebaut war. Direkt über der Verbindung von Dach und Gebäude lag ein breiter Balkon vor einer Reihe ansteigender Bogengänge, die an einen großen, hell erleuchteten Raum grenzten – die große Halle der Königin, vermutete Krystallus.

Er schaute höher hinauf und nahm den Umriss des Gebäudes wahr. Selbst in der dunklen Nacht konnte er den einzigen Turm nicht übersehen, der hoch über alles andere ragte. Der Turm war gerade groß genug für einen Raum, der eine beherrschende Sicht über Meer und Himmel bot.

Serellas Zimmer. Davon bin ich überzeugt. Er betrachtete kritisch den Turm und versuchte, in die hohen, schmalen Fenster hinter dem hölzernen Balkon zu sehen. Aber er konnte nur das flackernde Licht eines Feuers erkennen – vielleicht ihre Feuerstelle –, irgendwo drinnen.

Nach dem Gebäude schaute er auf das offene Meer hinaus. Sternenlicht funkelte auf Wellen, so weit er sehen konnte, und ließ das Wasser wie eine gekräuselte, gewellte Spiegelung des Nachthimmels wirken. Unter der äußeren Dachkante schlugen Wellen ans Ufer. Und ein paar Hundert Schritt an diesem Ufer entlang konnte er die flackernden grünen Flammen einer Pforte erkennen.

Wo ich angekommen bin, stellte er fest. Also das war ein eindrucksvolles Kapitel Navigation! Genau hier bei Serellas Haus anzukommen. Er tippte an seine geschwollene Schläfe und fügte ironisch hinzu: Und direkt in die Arme ihrer Wachen.

Er schaute wieder hinauf zu dem schmucklosen, beherrschenden Turm und schüttelte den Kopf. Gut, das hätte ich mir denken können. Bestimmt führte Serella dieses Hauswesen so erbarmungslos wie alle ihre Expeditionen. Sie duldete keine Irrtümer – und kein Erbarmen. Diese Regel würde sie auf ihre Leute ebenso anwenden wie auf irgendwelche Besucher.

Bei solchen wie sie solltest du sicher sein, dass du sie retten willst, bevor du es versuchst. Grinsend schüttelte er den Kopf. Dann stellte sich unbeabsichtigt die Erinnerung an die überraschenden Gefühle ein, die er gehabt hatte, als er glaubte, sie sei tot … Gefühle, die immer noch da waren und an die Ränder seiner Gedanken streiften wie eine ferne Meeresbrise. Sie war eine Person, vielleicht sogar eine besondere Person, die es wert war, gerettet zu werden.

Er schaute das Ufer entlang zu den grünen Flammen der Pforte. Sie garantierte seine Flucht, vorausgesetzt, er bewegte sich schnell und verstohlen. Er sollte sofort losgehen, bevor die Elfen seine Abwesenheit bemerkten. Und ihn dann verfolgten und zurückbrachten, damit er von ihrer Königin aufgespießt wurde.

Mehrere Sekunden lang betrachtete er die Pforte. Dann wandte er sich langsam wieder dem hohen Turm und dem Feuerschein zu. Er holte tief Luft, stand auf und fing an zu steigen – nicht hinab in die Sicherheit, sondern hinauf zum Turm.

Dort oben war jemand, den er sehen wollte.