5

Flammen

Worte sind wie Messer. Sie können Butter und Honig streichen – oder ein schlagendes Herz durchbohren.

Basilgarrad spähte über den Kraterrand und warf einen Blick auf die geheimnisvollen Flammen der Pforte, die dem grünen Feuer seiner Augen so ähnlich waren. Diese Flammen konnten durch Magie jeden fast sofort durch Avalon transportieren – eine gefährliche Art zu reisen, doch sehr nützlich für Geschöpfe, die zu ihrem Pech nicht im Drachentempo fliegen konnten. Durch diese Pforte hier waren offenbar Merlins Frau und Sohn in dieses feuergeschwärzte Reich gekommen. Aber warum?

»Oh, Basil«, sagte Hallia, ihre Hirschaugen waren voller Dankbarkeit. Sie legte die Hand auf den verkrusteten schwarzen Bimsstein des Rands. »Du warst wunderbar. Wirklich wunderbar.«

Basilgarrad hob den enormen Schwanz mit dem Knüppel am Ende und ließ ihn wieder auf den Boden krachen, wobei auf jeder Seite Aschewolken aufstiegen. »Kämpfen gehört zu den Dingen, die man mit der Zeit aufschnappt«, sagte er bescheiden. »Es hilft natürlich, wenn dein Gegner ein Hirn von der Größe eines Stäubchens hat.«

»Du hattest nicht nur einen Gegner«, entgegnete Krystallus. Er schüttelte energisch den Kopf, sodass seine langen weißen Haare – ganz ungewöhnlich bei einem so jungen Mann – an die Schultern schlugen. »Du hattest neunzehn! Und du hast sie alle besiegt!«

Merlin gab ihm recht. »Das stimmt.« Er riss ein paar Stofffetzen von seinem Ärmel und warf sie beiseite. »Diese Art Kampfgeschick ist nichts, was man aufschnappt. Es ist eine seltene Gabe, die …«

»Ich habe nicht von seinem Kampfgeschick gesprochen!«, unterbrach ihn Hallia. Sie stieg ein wenig höher zum Rand, um dem Drachengesicht etwas näher zu sein. Obwohl sie von Kopf bis Fuß in seine Pupille gepasst hätte, sah sie ihn als Ebenbürtige vertrauensvoll an. »Nein, ich meine etwas ganz anderes.«

»Nicht sein Kämpfen?«, fragte Krystallus verdutzt. »Was dann?«

»Seine Worte.« Hallia schaute weiter direkt in das riesige grüne Auge. »Wahre Größe, hast du gesagt, liegt in dem, was wir geben.« Sie strahlte den Drachen an. »Das war wunderbar.«

Sie senkte die Stimme und fügte hinzu: »Es ist gar nicht wichtig, dass du kein Feuer in deinem Bauch machen kannst … wenn du ein solches Feuer mit deinen Worten entfachst.«

Basilgarrads Augen schienen leicht zu erröten.

Merlin, der oben auf dem Rand stand, grinste ihm zu. »Gib acht, alter Junge, sonst adoptieren dich noch die Hirschleute.«

Hallia schlug ihm aufs Bein. »Wir würden uns geehrt fühlen, wenn er zu uns gehören wollte. Besonders weil der Letzte, den wir adoptiert haben, ein tapsiger junger Zauberer war mit der schrecklichen Angewohnheit, in Schwierigkeiten zu kommen.«

»Nun«, der Zauberer tat, als wäre er beleidigt, »diese Beschreibung von mir ist längst veraltet. Jetzt bin ich ein erwachsener Zauberer mit der schrecklichen Angewohnheit, in Schwierigkeiten zu kommen.«

Ihre Hirschaugen schauten meistens warmherzig, doch jetzt wirkten sie eisig. »Nicht nur mit Drachen«, tadelte sie. »Im Moment bist du in Schwierigkeiten mit mir

Merlin sah erschrocken aus. Er schaute zur Seite, als ob er sich wegen etwas schuldig fühle. Als er sich ihr wieder zuwandte, suchte er nach Worten – etwas, das Basilgarrad noch nie bei ihm beobachtet hatte.

»Meine Liebste, ich weiß, dass – ich, also, du … äh, nun … du musst das verstehen. Aber nein, natürlich kannst du das nicht! Noch nicht. Lass mich nur … Ich wollte es, äh, dir sagen, aber – nein, nein, nicht hier! Nicht jetzt.«

»Warum nicht jetzt?« Hallias Blick war immer noch eisig. Wie ein ungeduldiger Hirsch stampfte sie hart auf den Boden.

Merlin schwenkte den zerrissenen Ärmel und ließ ihn in der Luft wehen. »Weil es …«, er schaute hinüber zu seinem Sohn, dann zu dem Drachen, der auf sie hinuntersah, »… privat ist! Deshalb. Es ist privat. Zwischen dir und mir.« Er streckte die Hand aus und hoffte, ihre zu ergreifen. »Ich verspreche dir, sobald wir Zeit haben …«

»Zeit!«, sagte sie kühl und wich von ihm zurück. »Das ist es, was wir nicht mehr haben. Zeit zusammen. Es ist so weit gekommen, dass ich Krystallus bitten muss, mich mit durch eine Pforte zu nehmen, nur damit ich dich sehen kann – und dann auch nur, bis die nächste Krise dich fortruft!«

Merlin zuckte sichtbar zusammen und Basilgarrad empfand ein durchdringendes Gefühl der Sympathie für seinen Freund. Aber als würde ein Hebel umgelegt, wechselte Merlins Gesichtsausdruck von schuldbewusst zu wütend. Sehr wütend. Doch statt Hallia damit zu konfrontieren, richtete er seinen Zorn auf Krystallus.

»Du hättest sie nie hierherbringen sollen! Weißt du nicht, wie gefährlich Pfortensuche sein kann? Wie konntest du das Leben deiner Mutter so aufs Spiel setzen?«

Der junge Mann sah ihn ärgerlich an. »Über Pforten weiß ich Bescheid. Besser als du wahrscheinlich. Sprich nicht mit mir wie mit einem Dreijährigen!«

»Na, wenn du dich benimmst wie …«

»Wechsle nicht das Thema!« Hallia stampfte wieder auf.

»Das Thema ist deine Sicherheit«, gab der Magier zurück.

»Nein.«

»Doch!« Merlin drehte seinen Stab heftig in den aschebedeckten Boden. Dann wandte er sich wieder an seinen Sohn. »Riskiere dein eigenes Leben, wenn es sein muss – indem du durch ganz Avalon reist aus irgendwelchen Gründen. Aber nicht das eines anderen Geschöpfs! Und vor allem nicht ihres

»Was weißt du schon von meinen Gründen?« Der junge Mann ballte die Fäuste, bis seine Finger fast so weiß waren wie seine Haare. »Als ich klein war, hast du dich nie um mich gekümmert, und als ich früh mein Zuhause verließ, hast du es noch nicht einmal bemerkt.«

Sowohl sein Vater wie seine Mutter fuhren bei diesen Worten zusammen. Aber Krystallus zuckte nur die Schultern, als würde das alles nichts mehr ausmachen. »Tatsache ist, ich liebe das Erforschen. Neue Orte finden. Die ersten Karten zeichnen. Was ist schlimm daran? Was ist so verantwortungslos am Erforschen – im Vergleich zum Vernachlässigen seiner Familie?«

Hallia berührte seine Schulter. »Moment. Das ist zu stark.«

»Nein, ist es nicht.« Krystallus sah wütend seinen Vater an. »Viel wichtiger als du oder ich ist ihm seine Arbeit – die Möglichkeit, seine berühmte Zauberkunst zu zeigen.«

Schweigen senkte sich über die Gruppe. Bis auf die knatternden Flammen der Pforte und das gelegentliche Geräusch von einem Bimsstein, der den Vulkanhang hinunterrollte, war kein Laut zu hören. Basilgarrad beobachtete seine Freunde bestürzt, dann zunehmend frustriert. Er wusste nicht, wie er diese Auseinandersetzung beenden sollte oder wohin sie führen könnte. Zum ersten Mal seit Langem – und nur ein paar Momente nachdem er eine Drachenarmee besiegt hatte – fühlte er sich völlig machtlos.

Merlin war der Erste, der wieder sprach. Zur Erleichterung des Drachens war seine Stimme ruhig, sein Ton sogar mild. »Hör zu, mein Sohn«, fing er an und suchte noch nach den richtigen Worten, »ich weiß, dass ich … kein guter Vater war. Ich nehme an … ich dachte, wenn du erwachsen bist, könnten wir …«

»Wenn ich erwachsen bin!« Krystallus zitterte vor Wut. »Sowie du entschieden hattest, dass ich nichts von der Magie eines Zauberers hätte, hast du mich ganz vergessen. Nicht als ob es mir etwas ausmachen würde! Nur tu nicht so, als hättest du je ein richtiger Vater sein wollen.«

Merlin taumelte, fast verlor er am Kraterrand das Gleichgewicht. Sein Gesicht, von flackernden Flammen beleuchtet, wurde wieder weiß vor Zorn und seine Augen blitzten. »Ich hätte es besser machen können, das stimmt. Aber ich hatte nicht viel Material, mit dem ich arbeiten konnte.«

Hallia holte hörbar Luft. Ohne darauf zu achten, fuhr Merlin fort: »Du hast nie irgendwelchen Verstand gezeigt. Nie! Deshalb findest du nichts dabei, deine Mutter dadurch zu beeindrucken, dass du sie durch ein tödliches Labyrinth von Pforten schleppst, direkt auf ein Schlachtfeld.«

»Ich habe sie nicht geschleppt.«

»Du hättest sie töten können! Pfortensuche ist kein Kinderspiel. Sicher habe ich dich wenigstens das gelehrt.«

Krystallus starrte seinen Vater an. Mit stahlharter Stimme sagte er: »Du hast mich nie etwas gelehrt. Außer wie man ein schrecklicher Vater ist.«

Hallia biss sich auf die Lippe und schaute von einem zum anderen.

Merlins Augenbrauen, dichter als Dornengestrüpp, hoben sich. »Und du hast mich nie etwas gelehrt außer …«

»Hör auf!«, rief Hallia. »Sag nichts mehr!«

Doch ihr Ehemann achtete nicht darauf. » … wie man ein miserabler Sohn ist.«

Krystallus zog langsam den Atem ein. Dann fuhr er herum und ging ohne ein weiteres Wort direkt in die grünen Flammen der Pforte. Ein lautes Prasseln durchschnitt die Luft – und er war fort.

Basilgarrad schüttelte langsam den massigen Kopf. Wie, überlegte er, hatte sich der Sieg des Abends so schnell in eine Niederlage verwandelt?

Hallia zog den blauen Schal enger um sich, als wäre ein kalter Wind durch die trostlosen Felder um den Krater gepeitscht. Ein paar Sekunden lang schaute sie hinauf zu den Sternen in der Hoffnung, einen Rat oder vielleicht auch Trost zu finden. Doch die tiefen Linien auf ihrer Stirn zeigten, dass ihr beides fehlte.

Merlin starrte inzwischen in die schimmernden Flammen, die gerade seinen Sohn verschluckt hatten – und jede Möglichkeit einer weiteren Beziehung. Dann senkte er langsam den Blick der kohlschwarzen Augen auf seine Stiefel.

Hallia drehte sich um und fuhr ihn an: »Du dummer, dummer Mann! Weißt du nicht, dass er inzwischen einer von Avalons kühnsten Forschern ist? Dass er durch mehr Pforten gereist ist als sogar die Elfenkönigin Serella?«

Der Zauberer runzelte die Stirn. »Nein … das habe ich nicht gewusst. Ich war zu …«

»… beschäftigt, ja, ich weiß.« Sie schnaubte verächtlich.

Merlin knurrte: »Aber ich sage immer noch, es war leichtsinnig, dich hierherzubringen! Selbst wenn du darum gebeten hast, hätte er es besser wissen müssen. Warum hat er so etwas Idiotisches gemacht?«

Sie trat näher. »Verstehst du nicht, du hirnloser Tölpel? Indem er mich bis hierher gebracht hat, versuchte er, jemanden zu beeindrucken – die Person, an deren Meinung ihm am meisten liegt.«

»Dich natürlich.«

»Nein!« Sie funkelte ihn wütend an. »Dich. Seinen Vater.«

Merlin schaute ihr ins Gesicht, er war wirklich verblüfft. »Mich?«

»Wie sonst, ohne irgendwelche eigene Magie, soll er sich beweisen?« Ihre Stimme sank zu einem zittrigen Flüstern. »Wie sonst kann er zeigen, dass er es wert ist, Merlins Sohn zu sein?«

Der Zauberer antwortete nicht. Er drehte sich nur um und starrte in die wabernden Flammen.