Essen gehört zu den größten Vergnügen im Leben. Außer natürlich, wenn man selber gefressen wird.
Basilgarrad betrachtete die flackernden Flammen der Pforte, nachdem Merlin und die anderen hineingesprungen waren. Gleich nach ihrem Verschwinden schien das grüne Feuer kleiner und schwächer zu werden. Wie alles in diesem verseuchten Teil von Waldwurzel schwand das Leben der Pforte rasch. Schon sah es zu schwach aus, um sie sehr weit zu bringen … wenn es sie überhaupt befördern konnte.
Würden sie ihre Suche überleben? Würden sie reines Élano finden, genug, um dieses kranke Reich zu heilen – und die Seuche daran hindern, sich über ganz Avalon auszubreiten? Der Drache kniff die grünen Augen zusammen, in denen sich das Flackern der Pforte spiegelte und tanzte, als er sich anderen Fragen zuwandte: Würde es ihm mit seiner Suche nach Wasserwurzel besser gehen? Würde er Bendegeit, den Herrscher der Wasserdrachen, überzeugen können, dass er helfen sollte?
Er bog den langen Nacken und öffnete die riesigen Flügel. »Zeit zu fliegen!«, erklärte er.
Basilgarrad sprang in die Luft und stieg mit mächtigem Flügelschlag höher. Hoch über den entlaubten Bäumen, trockenen Flussbetten und aschigen Wiesen seines geliebten Waldwurzels knurrte er wütend: Wer für das hier verantwortlich ist, den werde ich bald zur Rede stellen!
Beim Flug über die leblose Landschaft horchte er auf das Krrrakkk seiner Schuppen bei jedem kräftigen Schlag und auf das regelmäßige Hhuuusch seiner Flügel. Doch andere Geräusche hörte er nicht – keine Melodien von Singvögeln, kein Geschwätz von Eichhörnchen, kein Geraschel des Winds in laubbeladenen Zweigen. Und statt der Sinfonie von Düften, die er im Wald immer so genoss, roch er nichts als trockenen Staub und dürres Holz. Die Kraft hinter dieser Zerstörung war zweifellos mächtig. Und erbarmungslos böse. Wie konnte jemand so etwas tun? Und warum?
Endlich kitzelten die ersten Anzeichen neuer Aromen seine Nüstern. Grüne Blätter – Eiche, Ulme, Weißdorn und Ahorn. Dann … Wasser! Bäche voll spritzendem Wasser, die Ufer gesäumt von Moos und Flusstangbeeren. Endlich sah er in der Ferne eine tiefgrüne Linie – den Waldrand jenseits der Seuche. Der Anblick ließ ihn vor Erleichterung aufseufzen. Aber er wusste, dass auch diese Bäume dem Tod gefährlich nahe waren.
Sein Schatten – gezackte Flügel, riesiger Kopf und der mächtige Schwanz mit dem Knüppel am Ende – verließ bald das graue und braune Land der Seuche. Als Basilgarrad über das erste Grün flog, kam es ihm plötzlich vor, als würde er die lebendigen Bäume streicheln, sie mit seinen ausgestreckten Flügeln berühren, ihre atmenden Blätter, Nadeln und Blüten spüren.
Beim Flug über diese grünen Hügel und miteinander verbundenen Bäche des gesunden Reichs, das er so gut kannte, war es fast möglich, die verwüsteten Länder hinter ihm zu vergessen. Fast. Doch die Erinnerung an die Seuche schwebte wie eine drohende Wolke über den ausgedehnten Grünflächen.
Nach einiger Zeit ließ er die Grenzen des Walds hinter sich und kam in den dicken Nebel, der die Wurzelreiche trennte. Von den fliegenden Dämpfen mit ihrer eigenen, schwer fassbaren Magie umgeben, kam es Basil vor, als wäre die Zeit nicht wirklich, ihr Verstreichen nur eine Illusion. Er erinnerte sich an seine kurze Reise in die Anderswelt der Geister – und wie diese Welt nebliger Gestalten und Reiche innerhalb von Reichen ihn fasziniert hatte. Würde er je wieder dorthin kommen können?
Der Drache brach aus den Dämpfen und sah unter sich die oberen Ausläufer von Wasserwurzel – oberes Brynchilla, wie die Elfen diese Region nannten. Direkt unter ihm schoss ein großer Geysir heiße Wasserfontänen in die Luft über der Prismenschlucht. Sofort fiel ihm ein, dass nördlich des Geysirs eine riesige Wiese mit Drachengras war, leckere baumhohe Triebe, die schon von vielen Drachen gelobt worden waren. Besonders von Drachen, die wie Basilgarrad mehr grünen Salat als rotes Fleisch aßen (obwohl er bei Gelegenheit gern ein paar fette Oger oder ein saftiges Nest von Klauenkondoren verspeisen würde).
Als er den Duft dieses Drachengrases roch, so reif und saftig, lief ihm das Wasser im Maul zusammen. Und er musste daran denken, wie hungrig er war.
Mitten in der Luft schwenkte er ab und glitt den Wiesen zu. Ein paar gute Bissen Gras würden ihn für die bevorstehende Reise stärken. Außerdem hatte er seit Wochen nichts gegessen, seit er diesen süßen Sumpf in Steinwurzel geleert hatte. Und da waren sie schon – hohe, goldene Halme, die in der ständigen Feuchtigkeit vom Geysir erstaunlich schnell gewachsen waren.
Basilgarrad landete und rauschte durch die Halme. Sofort öffnete er die Kiefer und schnappte sich ein gewaltiges Maulvoll. Spuren von Zitrone und Klee würzten die feuchten, saftigen Fasern. Er schluckte, nahm einen weiteren Bissen und rutschte dann zum nächsten vor. So schlitterte er durch die Wiese und ließ eine breite Spur von kurzem Gras hinter sich.
Nach vielen befriedigenden Bissen kam er an den Rand der Wiese. Dahinter lag ein großer, flacher, sternengewärmter Felsen. Basilgarrad hob den Kopf und zuckte zusammen. Dort, auf dem Felsen, schlief eine Drachenfamilie – eine Mutter und sieben oder acht Kinder verschiedener Größe. Und nicht irgendeine Familie.
Das ist Gwynnia! Er erkannte die Drachenmutter weder an ihren violetten und scharlachroten Schuppen noch an ihrem mächtigen dornigen Schwanz, sondern an ihrem rebellischen Ohr, das sich nie flach an den Kopf legen ließ. Im Moment schlief sie auf der Seite und das Ohr deutete direkt hinauf zum Himmel wie ein Baum, der aus ihrer Schläfe wuchs. Sie schnarchte laut, trotzdem lagen alle ihre Kinder um sie herum in gesundem Schlaf.
Kaum zu glauben, dass sie meine Schwester ist. Er streckte den Hals, um sie besser sehen zu können. Sie ist noch nicht einmal halb so groß wie ich!
Mit einem Grinsen in den Maulwinkeln dachte er daran, wie viel größer sie ihm vorgekommen war, als sie sich das letzte Mal bei der Hochzeit von Merlin und Hallia begegneten. Damals war er noch nicht einmal so lang wie eine ihrer Wimpern. Und jedes ihrer Kinder war über hundertmal so groß wie er! Das Grinsen verschwand, als er sich erinnerte, wie eines dieser Kinder sich auf ihn gestürzt, ihn angefallen und geschüttelt hatte, als wäre er nichts als ein Spielzeug. Wenn Merlin nicht eingegriffen hätte, wäre er zu Fetzen gerissen worden.
Als Basilgarrad die schlafende Familie genauer musterte, erkannte er rasch den Schuldigen, er lag auf dem Rücken am anderen Ende des Felsens. Etwas größer als seine Geschwister war er, mit einem orangen dornigen Schwanz wie seine Mutter – das war eindeutig der aggressive Angreifer von damals. Da, an seiner Nase, war die gezackte Narbe von der einzigen Wunde, die Basil ihm damals beibringen konnte. Warum hatte er ihn als Erster angegriffen? Die Antwort war einfach: Er war so viel größer gewesen als sein Opfer.
Typische Rabaukenlogik. Basilgarrad runzelte die Schnauze. Ob sie von einem Oger, einem Klauenkondor oder einem Drachen angewendet wurde – es war immer das Gleiche. Und immer falsch.
Ein neuer Gedanke sprang ihm in den Kopf – und ließ ihn schmunzeln. Gut, gut. Das könnte ein ausgezeichneter Moment sein, diesem jungen Kerl was beizubringen.
Verstohlen streckte Basilgarrad den langen Hals zu dem jungen Drachen und hielt erst an, als sein riesiger Kopf direkt über dem schlafenden Körper war. Basilgarrad war im Vergleich so massig, dass der ganze Körper des Jungen vom Schatten eines einzigen Ohrs bedeckt wurde. Der große grüne Drache senkte den Kopf und kam noch näher, bis seine Kinnspitze fast die Stirn des Schläfers erreichte.
Dann machte Basilgarrad nichts als eine Kleinigkeit. Sehr kurz. Und sehr grob.
»WACH AUF!«, brüllte er mit einer Stimme, die wie ein Donnerschlag über dem Kopf des jungen Drachen explodierte.
Der kleine Kerl erwachte sofort. Er sprang in die Luft – aber nur bis zu dem riesigen Kinn über ihm. Er krachte in Basilgarrads Kiefer mit seinen Hunderten speerspitzer Zähne, dann knallte er zurück auf den Boden, rollte weg und hielt erst an, als sein Schwanz sich mit dem eines seiner Geschwister verwickelte. Da konzentrierte er benommen seinen Blick auf das, was auch die ganze Aufmerksamkeit seiner Mutter, seiner Brüder und Schwestern fesselte – einen riesigen grünen Drachen, der ihn anfunkelte und dabei zornig brummte.
Einen eisigen Moment lang schwiegen alle. Der junge Drache konnte nur starren und dabei vor Angst zittern. Basilgarrad jedoch hatte es nicht eilig. Und Gwynnia machte sich zwar große Sorgen um die Sicherheit ihres Kindes, wollte aber nichts tun, was diesen riesigen Gegner aufbringen könnte. Schließlich war ihm zuzutrauen, dass er ihre ganze Familie im Handumdrehen auffraß.
Schließlich wandte sich Basilgarrad an Gwynnia. Als sich ihre Blicke trafen, sagte er das Letzte, was sie erwartet hätte: »Hallo, Schwester. Kennst du mich noch?«
Gwynnia schnappte nach Luft und riss die dreieckigen Augen auf. Tief in ihren orangen Pupillen blinkte ein Funke der Erinnerung, als ihr die bizarre Verbundenheit einfiel, die sie vor langer Zeit mit einem winzigen grünen Salamander empfunden hatte. Einem Salamander, der sehr diesem Drachen glich – außer dass er unendlich viel kleiner gewesen war.
»D-d-du?«, stammelte sie. »Von Merlins Hochzeit? Aber du warst – du warst so … so ungeheuer …«
»… klein?«
Gwynnia nickte, wobei die schillernden violetten Schuppen auf ihrem Nacken wie Edelsteine funkelten.
»Ja. Klein genug, um von einem deiner Kinder auseinandergerissen und gefressen zu werden.« Sein Ohr zeigte auf den zitternden Jungen. »Der da. Der jetzt, wo ich ausgewachsen bin, ein leckeres Häppchen für meinen Nachtisch sein könnte.«
»Nein, bitte«, flehte Gwynnia. »Du wirst doch nicht meinen kleinen Ganta fressen wollen, oder? Er … nun, er … wusste es nicht besser.«
»Dann«, erklärte der große grüne Drache, »ist es höchste Zeit, dass er es lernt.«
Gwynnia fürchtete das Schlimmste und zog wieder hörbar Luft ein. Mehrere ihrer Kinder wimmerten, einer kroch unter ihren Flügel.
Langsam wandte sich der massige Kopf dem jungen Ganta zu. Der riesige Drache schaute in die kleinen orangen Augen und sagte: »Ich bin Basilgarrad, Verteidiger von Avalon. Und ich habe dir etwas beizubringen.«
Obwohl er am ganzen Körper zitterte, versuchte der kleine Drache, den Kopf hochzuhalten. »Bestrafe mich, Meister Basil … so oder so. Mach, was du willst. Aber bitte, tu meiner Mutter oder meinen Geschwistern nichts.«
Basils Maulwinkel hoben sich ganz schwach. Das gefällt mir. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung für diesen kleinen Kerl.
»Nun, Ganta, was werde ich deiner Meinung nach mit dir tun?«
»Alles, was du willst, Meister Basil.«
»Und warum?«
Der kleine Drache runzelte die Schnauze, überrascht, dass er etwas so Selbstverständliches gefragt wurde. »Natürlich weil du größer bist! Wenn du größer bist, machst du, was du willst.«
Basilgarrad schob sein Gedicht direkt vor das des jungen Drachen. »Nein«, erklärte er. »Das stimmt nicht.«
Ganta blinzelte verwirrt.
»Größe«, sagte Basilgarrad, »hat nichts mit dem Gewicht oder mit Länge und Breite zu tun. Sie erklärt sich aus dem, was du machst. Wie du handelst. Wie du mit anderen umgehst.«
Er zog sein Gesicht höher. »Und deshalb, junger Ganta, werde ich dich nicht fressen.« Damit der kleine Neffe ihn nicht vergaß, fügte er hinzu: »Jedenfalls nicht jetzt.«
Gwynnia stieß ebenso wie ihr Sohn einen großen Seufzer aus.
Basilgarrad zwinkerte seiner Schwester zu. »Außerdem glaube ich wirklich nicht, dass er sehr gut schmeckt.«
Und damit sprang er in die Luft und pumpte mit den mächtigen Flügeln. Er hatte gut gegessen und sich außerdem gut unterhalten, aber jetzt hatte er ernste Arbeit in den fernen Ausläufern von Wasserwurzel vor sich. Während er nach Süden steuerte, zum Bau der Wasserdrachen, schauten ihm Gwynnia und ihre Kinder mit Ehrfurcht und Erleichterung nach. Und im Fall eines jungen Drachen … mit Faszination.