29
»Warum habt Ihr mich nicht eingeweiht, Ehlana?« fragte Sarabian zornig. Mühsam unterdrückte Wut lag auf des Kaisers Gesicht, und seine schwere goldene Krone saß schief auf dem Kopf.
»Beruhigt Euch, Sarabian«, bat ihn die blonde Königin. »Wir haben es selbst erst heute vormittag herausgefunden und hatten keine Möglichkeit, Euch die Information zuzuspielen, ohne zu riskieren, daß man sie abfängt.«
»Eure hüftenschwingende Baroneß hätte mir eine Nachricht bringen können!« sagte er vorwurfsvoll und hieb die Faust auf die Brustwehr. Sie standen auf dem Wehrgang und bewunderten scheinbar die Aussicht.
»Das geht auf meine Kappe, Majestät«, entschuldigte sich Sperber. »Ich habe die Verantwortung für die Sicherheit übernommen, und Minister Kolata ist das Oberhaupt der Polizei in Tamuli – sowohl der öffentlichen wie der, die hinter den Büschen lauscht. Wir konnten nicht sicher sein, daß unsere List mit der Baroneß nicht durchschaut worden war. Die Information war viel zu wichtig, als daß wir auch nur das geringste Risiko eingehen durften. Wir hatten erfahren, daß der Minister an der Verschwörung beteiligt ist. Dieser Anschlag auf das Schloß muß heute nacht wie geplant stattfinden. Wenn der Feind auch nur den geringsten Verdacht schöpft, daß wir von seinem Vorhaben wissen, wird er das Ganze auf einen anderen Tag verlegen – und wir würden nicht wissen, auf welchen.«
»Ich bin immer noch sehr verärgert über Euch«, beschwerte sich Sarabian. »Ich verstehe Eure Gründe, aber ich nehm's Euch übel.«
»Wir sind hier oben, um das Spiel der Lichter auf dem Wasser des Burggrabens zu bewundern, Sarabian«, erinnerte Ehlana den Kaiser. »Blickt doch wenigstens ab und zu über die Brustwehr.« Sie waren hier nicht nur ungestört, sondern hatten auch einen weiten Ausblick, so daß sie den heranstürmenden Mob früh erkennen würden.
»Kolatas Beteiligung ist wirklich außerordentlich beunruhigend«, meinte Sarabian sorgenvoll. »Er hat die Leitung über die Polizei, den Sicherheitsdienst des Schlosses und den gesamten Spitzeldienst des Imperiums! Und schlimmer noch, er hat auch eine gewisse Befehlsgewalt über die Ataner. Wenn wir ihre Unterstützung verlieren, haben wir ernste Probleme!«
»Engessa ist dabei, diese Verbindung zu kappen, Majestät«, erklärte Sperber. »Er hat Kuriere zu den atanischen Truppen vor der Stadt geschickt, um den Offizieren mitzuteilen, daß die Agenten des Innenministeriums keine Befugnisse mehr haben. Die Befehlshaber werden diese Botschaft an Androl und Betuana weiterleiten.«
»Sind wir hier denn sicher, falls Atan Engessas Kuriere abgefangen werden?«
»Ritter Bevier hat uns versichert, daß er diese Burg fünf Jahre halten kann«, beruhigte Ehlana den Kaiser, »und Bevier ist unser Fachmann für Belagerungen.«
»Und wenn die fünf Jahre zu Ende gehen?«
»Bis dahin werden längst die Ordensritter hier sein, Majestät«, versicherte Sperber. »Caalador hat seine Anweisungen. Sollte die Sache schiefgehen, wird er Dolmant in Chyrellos verständigen.«
»Ihr Elenier macht mich immer noch sehr, sehr nervös!«
»Vertraut mir, Majestät«, bat Sperber.
Kalten hastete schnaufend die Treppe herauf. »Wir werden mehr Wein brauchen, Sperber«, keuchte er. »Ich glaube, wir haben einen Fehler gemacht, als wir die Weinfässer auf den Burghof stellten. Die Gäste der Königin gießen den arzischen Roten wie Wasser in sich hinein!«
»Darf ich mich aus Eurem Weinkeller bedienen, Sarabian?« fragte Ehlana schmeichlerisch.
Sarabian verzog das Gesicht. »Warum füllt Ihr diese Leute so voll?« fragte er. »Arzischer Roter ist hier sehr teuer!«
»Betrunkene sind leichter zu lenken als Nüchterne, Majestät.« Kalten zuckte die Schultern. »Wir lassen sie unten auf dem Hof und in der Burg weitersaufen, bis es zum Kampf kommt. Dann drängen wir auch die restlichen Gäste in die Burg und sorgen dafür, daß sie weitertrinken. Wenn sie morgen aufwachen, werden die meisten überhaupt nicht wissen, daß eine Schlacht geschlagen wurde.«
Auf dem Hof ging es immer lauter zu. Tamulische Weine waren bei weitem nicht so kräftig wie elenische, und die Feiernden waren inzwischen mehr als beschwipst. Sie lachten und alberten und schwankten mit dümmlichem Grinsen und auf unsicheren Beinen auf dem Hof herum. Königin Ehlana blickte nachdenklich von der Brustwehr auf sie hinunter. »Was meinst du, Sperber«, fragte sie, »wie lange wird es noch dauern, bis sie sich bewußtlos gesoffen haben?«
»Bestimmt nicht mehr lange.« Er zuckte die Schultern, drehte sich um und blickte zur Stadt. »Es ist nicht böse gemeint, Kaiser Sarabian, aber ich muß schon sagen, daß Eure Bürger ziemlich einfallslos sind. Die Rebellen da draußen tragen Fackeln!«
»Und?«
»Das ist ein Klischee, Majestät. In jedem schlechten arzischen Roman trägt der Pöbel Fackeln.«
»Wie könnt Ihr so ruhig sein, Mann?« fragte Sarabian gereizt. »Jedes Geräusch hinter mir läßt mich zusammenfahren.«
»Berufliche Abhärtung, wahrscheinlich. Ich mache mir viel mehr Sorgen, daß unsere Gegner nicht zum Schloß kommen könnten, als darüber, daß sie es tun, Majestät.«
»Solltet Ihr jetzt nicht die Zugbrücke aufziehen?«
»Dazu ist es noch zu früh«, gab Sperber zu verstehen. »Nicht nur auf den Straßen sind Verschwörer, sondern auch innerhalb der Schloßmauern. Sie dürfen nicht zu früh darauf aufmerksam werden, daß wir sie erwarten.«
Khalad streckte den Kopf aus dem Türmchen an der Ecke des Wehrgangs und winkte Sperber zu.
»Würdet Ihr mich bitte entschuldigen, Majestäten?« sagte Sperber höflich. »Ich muß in meine Arbeitskleidung schlüpfen. Ach, Ehlana, sei so lieb und signalisiere Kalten, daß er die Nachzügler hereinbringt und sie zu den anderen in die Banketthalle sperrt.«
»Wozu denn das?« Sarabian starrte ihn an.
»Wir wollen nicht, daß sie im Weg sind, wenn der Kampf beginnt, Sarabian.« Die Königin lächelte. »Dank des Weins werden sie gar nicht bemerken, daß sie eingesperrt sind.«
»Ihr Elenier seid die kaltblütigsten Menschen auf der Welt!« sagte Sarabian anklagend, als Sperber zu dem Türmchen ging, wo Khalad mit seiner schwarzen Panzerrüstung auf ihn wartete.
Als Sperber etwa zehn Minuten später zurückkehrte, war er ganz in Stahl gehüllt. Ehlana redete soeben ernst auf Sarabian ein. »Könnt Ihr denn nicht mit ihr sprechen?« fragte sie. »Der arme junge Mann ist der Verzweiflung nahe.«
»Warum tut er nicht einfach, was sie von ihm möchte? Sobald sie ihren Willen bekommen hat, wird ihr Interesse an ihm erlahmen.«
»Berit ist ein sehr junger Ritter, Sarabian. Seine Ideale strahlen noch in vollem Glanz. Warum ist sie nicht hinter Kalten oder Ulath her? Sie würden ihr liebend gern den Gefallen tun.«
»Ritter Berit ist eine Herausforderung für Elysoun. Noch nie zuvor hat jemand sie abgewiesen.«
»Stört Euch ihre ständige Untreue denn nicht?«
»Nicht im geringsten. In ihrer Kultur ist es auch völlig belanglos. Ihr Volk betrachtet es als angenehmen, aber unwichtigen Zeitvertreib. Ich habe manchmal das Gefühl, daß Ihr Elenier dieser Sache viel zuviel Bedeutung beimeßt.«
»Könnt Ihr sie nicht wenigstens veranlassen, sich ganz anzuziehen?«
»Warum? Sie schämt sich ihres Körpers nicht und teilt ihn gern mit anderen. Seid ehrlich, Ehlana, findet Ihr sie nicht sehr anziehend?«
»Diese Frage solltet Ihr lieber meinem Gemahl stellen.«
»Du erwartest doch nicht ernsthaft, daß ich auf so eine Frage antworten würde, oder?« Sperber blickte über die Brustwehr. »Unsere Freunde da draußen sind nun offenbar an den Mauern angelangt«, stellte er fest, als die ersten fackeltragenden Rebellen durch das Tor in die Schloßanlagen strömten.
»Die Wachen müßten sie aufhalten!« rief Sarabian zornig.
»Die Wachen haben ihre Befehle von Minister Kolata erhalten, nehme ich an.« Ehlana zuckte die Schultern.
»Und wo ist die atanische Garnison?«
»Wir haben sie in die Burg gebracht, Majestät«, erklärte Sperber. »Ich glaube, Ihr überseht immer wieder, daß wir diese Leute innerhalb der Mauern haben wollen! Es wäre unsinnig, sie am Betreten zu hindern.«
»Müßtet Ihr die Brücke nicht endlich hochziehen?« Es schien Sarabian nervös zu machen.
»Noch nicht, Majestät«, antwortete Sperber kühl. »Erst wenn sie alle innerhalb der Schloßmauern sind. Wenn es soweit ist, wird Kring das Tor schließen. Dann ziehen wir die Brücke hoch. Sie sollen erst nach dem Köder schnappen, bevor wir die Falle schließen.«
»Ihr scheint sehr vom Erfolg Eures Plans überzeugt zu sein, Sperber.«
»Alle Vorteile sind auf unserer Seite, Majestät.«
Der Mob aus den Straßen Matherions strömte unbehindert durch das Haupttor und verteilte sich rasch. Aufgeregtes Geschrei erhob sich, als die Eindringlinge in die verschiedenen Schlösser und Regierungsgebäude stürmten. Wie Kring vorhergesehen hatte, kamen viele Rebellen schwerbeladen mit Beute wieder zum Vorschein, die sie im Innern der Gebäude zusammengerafft hatten.
Es kam zu einem kurzen Handgemenge, als eine Meute Plünderer die Zugbrücke erreichte und auf einen Trupp Berittener unter Ulaths Befehl stieß. Die Ritter hatten hier Stellung bezogen, um den Peloi Deckung zu geben, die sich zu Beginn des Festes in den Laderäumen der Barken versteckt und inzwischen – seit die Feiernden in der Burg verschwunden waren – angefangen hatten, die Naphtafässer mit Äxten zu öffnen. Ein dunkel glänzender Ausfluß an den Seiten der Barken verriet, daß die Axtschwinger, die sich über die Decks der festlichen Barken der Zugbrücke näherten, gute Arbeit getan hatten. Als der Mob das äußere Ende der Zugbrücke erreichte, machte Ulath den Aufständlern unmißverständlich klar, daß er nicht in Stimmung war, Besuch zu empfangen. Die Überlebenden beschlossen, anderswo zu plündern.
Der Innenhof war nun geräumt, und Bevier schaffte mit seinen Männern die Katapulte an ihre Positionen auf dem Wehrgang, wo Engessas Ataner und die Cyriniker inzwischen Stellung bezogen hatten und nun hinter der Brustwehr kauerten. Sperber schaute sich um. Alles schien bereit zu sein. Dann blickte er zum Tor des Schloßgartens. Die einzigen Rebellen, die jetzt noch hereinkamen, waren Lahme und andere Krüppel. Auf Krücken gestützt humpelten sie energisch, doch weit abgeschlagen hinter ihren Kumpanen her. Sperber beugte sich über die Brustwehr. »Es ist soweit, Ulath«, rief er zu seinem Freund hinab. »Bitte Kring, jetzt das Tor zu schließen. Dann kommt ihr am besten auch herein.«
»Wird gemacht!« Ulath grinste übers ganze Gesicht. Er hob sein gewundenes Ogerhorn an die Lippen und blies einen hohlklingenden Ton. Dann wandte er sich um und führte seine Ritter über die Zugbrücke in die Burg.
Das riesige Tor des Haupteingangs bewegte sich schwerfällig und schmetterte mit geradezu schrecklicher Unerbittlichkeit zu. Sperber merkte, daß einige der Rebellen, die draußen auf ihren Krücken herbeihinkten, noch verzweifelt versuchten, hineinzuschlüpfen, ehe das Tor sich schloß. »Kalten«, rief er hinunter auf den Hof.
»Was ist?« rief Kalten gereizt zurück.
»Möchtest du diesen Leuten da draußen nicht klarmachen, daß wir heute abend keine weiteren Besucher empfangen?«
»Na gut. Warum nicht.« Der blonde Pandioner blickte feixend zu seinem Freund hinauf, und seine Männer machten sich daran, die Winde zu drehen, welche die Brücke hochzog.
»Witzbold«, murmelte Sperber.
Welche Bedeutung das gleichzeitige Schließen des Tors und das Hochziehen der Brücke hatte, wurde dem Mob erst viel später klar. Bald jedoch erklang vereinzeltes Klirren von Waffen aus den Schloßbauten. Dies zumindest deutete darauf hin, daß einigen der Rebellen die Lage allmählich dämmerte.
Langsam, vorsichtig schloß der Mob sich zusammen und näherte sich der elenischen Burg, wo die bunten Seidengirlanden im Nachtwind flatterten und die mit Kerzen und Lampions beleuchteten Barken friedlich im Burggraben schaukelten.
»Hallo, ihr in der Burg!« brüllte ein Kerl in der vordersten Reihe mit mächtiger Stimme in grauenvollem Elenisch. »Laßt die Zugbrücke runter, oder wir stürmen eure Mauern!«
»Gib ihm bitte eine klare Antwort, Bevier!« rief Sperber seinem cyrinischen Freund zu.
Bevier grinste und rückte vorsichtig eines seiner Katapulte zurecht. Er visierte bedächtig das Ziel an und wählte einen fast senkrechten Schußwinkel; dann hielt er die Fackel an die Mischung aus Pech und Naphta in dem löffelähnlichen Behälter am Ende des Katapultarms. Sie fing sofort zu brennen an.
»Ich befehle euch, die Zugbrücke herunterzulassen!« schrie der bartstoppelige Bursche herausfordernd.
Bevier durchtrennte den Haltestrick am Katapultarm. Der Klumpen tropfenden Feuers schoß zischend senkrecht in den Himmel. Dann wurde er langsamer und schien einen Augenblick reglos zu schweben, ehe er zu fallen begann.
Der Kerl, der großmäulig Einlaß gefordert hatte, stierte empor, als Beviers Antwort majestätisch in den Nachthimmel stieg und wie ein Komet auf ihn herabstürzte. Der Meuterer verschwand in hoch auflodernden Flammen.
»Guter Schuß!« lobte Sperber.
»Na ja, es geht«, bedankte Bevier sich bescheiden. »So nahe an der Mauer war es allerdings ziemlich riskant.«
»Das ist mir nicht entgangen.«
Kaiser Sarabian war käsebleich und sichtlich erschüttert. »War das wirklich nötig?« fragte er gepreßt, während der Mob in Panik aus der Reichweite von Ritter Beviers Schleuder floh oder geeignete Deckung suchte.
»Ja, Majestät«, antwortete Sperber ruhig. »Wir müssen Zeit gewinnen. Die Glocke, die vor etwa einer Stunde zu schlagen begann, war eine Art Generalsignal. Caaladors Meuchler haben zu dem Zeitpunkt die Anführer festgenommen, Ehlana hat die Festlichkeiten ins Innere der Burg verlegt, und die atanischen Legionen vor der Stadt sind losmarschiert. Das Großmaul, dessen Überreste zur Zeit am Rand des Burggrabens schwelen, ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie unangenehm die Dinge werden können, falls der Mob sich entschließen sollte, nochmals Einlaß zu fordern. Aber ich glaube, es wäre schon sehr nachdrückliche Überredung nötig, den Pöbel noch einmal dazu zu bringen.«
»Habt Ihr nicht gesagt, daß ihr die Gegner abwehren könnt?«
»Das können wir auch. Aber warum Leben in Gefahr bringen, wenn es nicht nötig ist? Vielleicht ist Euch aufgefallen, daß anfeuernde Rufe und Beifallsbekundungen ausblieben, als Bevier sein Katapult abfeuerte. Die Aufrührer da draußen starren auf eine vollkommen stille, scheinbar unbemannte Burg, die wie Gottes strafende Hand ein Großmaul aus ihrer Mitte niedergestreckt hat. Eine bestürzende Vorstellung. Das ist jener Teil der Belagerung, der häufig Jahre andauert.« Sperber blickte über die Brustwehr in die Tiefe. »Ich glaube, wir sollten uns jetzt in das Türmchen dort zurückziehen, Majestäten«, riet er. »Wir können nicht sicher sein, daß Khalad wirklich alle Armbrüste unbrauchbar machen konnte. Vielleicht hat auch irgend jemand aus dem Pöbelhaufen ein paar reparieren können. Es wäre mir äußerst unangenehm, erklären zu müssen, weshalb ich nicht besser dafür gesorgt habe, daß keiner von euch erschossen werden konnte. Wir werden auch aus dem Türmchen überschauen können, was sich tut. Und ich würde mich viel wohler fühlen, wenn ihr schöne dicke Steinwände um euch hättet.«
»Wäre es nicht an der Zeit, jetzt die Barken zu zerstören, Liebster?« fragte Ehlana.
»Noch nicht. Sie sind das letzte Mittel, die Belagerer wirklich fertigzumachen, wenn sie nicht anders zu entmutigen sind. Diesen Vorteil möchte ich nicht vorschnell aus der Hand geben.«
Tatsächlich funktionierten einige der Armbrüste, doch es waren nicht viele. Dafür wurde um so mehr geflucht.
Ein ernsthafter Versuch, das Tor der Schloßmauer wieder zu öffnen, scheiterte, als die Peloi mit blitzenden Säbeln und schrillem Kriegsgeheul, das von den Wänden der nahen schimmernden Bauten widerhallte, über den gepflegten Rasen zum Mob am Tor galoppierten.
Da die Peloi, wenn erst einmal losgelassen, kaum mehr zu zügeln waren, wüteten die Stammesbrüder aus den Marschen von Ostpelosien schrecklich unter den im Gras zusammengekauerten Massen. Die Schloßwachen, die sich dem Mob angeschlossen hatten, versuchten zwar, sich ihnen entgegenzustellen, doch die Peloi ritten sie kurzerhand nieder.
Sephrenia und Vanion betraten das Türmchen. Das weiße Gewand der zierlichen Styrikerin schimmerte im Mondschein, der durch die Tür fiel.
»Was soll das, Sperber?« fragte sie verärgert. »Das ist doch kein sicherer Ort für Ehlana und Sarabian!«
»Er ist der sicherste Ort, der hier oben zu finden ist, kleine Mutter. Ehlana, was würdest du davon halten, wenn ich dich hineinschicke?«
»Ich würde sagen, das kommt gar nicht in Frage. In einem sicheren Raum, wo ich nicht sehen könnte, was vor sich geht, würde ich aus der Haut fahren!«
»Das habe ich mir gedacht. Und Ihr, Kaiser Sarabian?«
»Eure Gemahlin läßt mir gar keine andere Wahl, Sperber. Wie könnte ich davonlaufen und mich verkriechen, während sie hier oben steht wie die Galionsfigur eines Schlachtschiffs?« Der Kaiser blickte Sephrenia an. »Ist diese verrückte Tollkühnheit ein Rassemerkmal dieser Barbaren?« fragte er.
Sie seufzte. »Ihr würdet nicht glauben, wozu diese Menschen fähig sind, Sarabian.« Sie bedachte Vanion mit einem knappen Lächeln.
»Irgend jemand in diesem Pöbelhaufen scheint noch genug Verstand zu haben, einen Plan zu fassen, Sperber«, sagte Vanion zu seinem Freund. »Offenbar hat er einige unerfreuliche Schlüsse aus dem Umstand gezogen, daß sie weder hier herein noch wieder aus dem Schloß hinaus können. Jetzt versucht er, die Meute aufzupeitschen, indem er den Kerlen klarmacht, daß sie verloren sind, wenn sie diese Burg nicht einnehmen.«
»Ich hoffe, er vergißt nicht, sie darauf aufmerksam zu machen, daß sie ebenso verloren sind, wenn sie es versuchen«, entgegnete Sperber.
»Das wird er wohl lieber für sich behalten. Ich muß gestehen, daß ich einige Bedenken hatte, als Ihr noch Novize wart, mein Freund. Ihr und Kalten wart wie wilde Fohlen. Aber jetzt, da man Euch als einigermaßen gereift bezeichnen kann, muß ich zugeben, daß Ihr ziemlich tüchtig seid. Eure Strategie ist wirklich brillant. Ihr habt mich diesmal kaum in Verlegenheit gebracht.«
»Danke, Vanion«, sagte Sperber trocken.
»Nichts zu danken.«
Die Rebellen näherten sich vorsichtig und sichtlich furchterfüllt dem Burggraben. Sie hatten den Blick auf den Nachthimmel gerichtet und hielten Ausschau nach dem ersten Funken, der Ritter Beviers Gruß ankündigen würde. Eine zufällige Sternschnuppe führte zu Schreckensrufen, denen nervöses Lachen folgte.
Die schillernde, hell beleuchtete Burg blieb jedoch still. Keine Soldaten reihten sich an der Brustwehr auf. Kein flüssiges Feuer schoß aus dem Innern des Gemäuers in den Nachthimmel.
Die Verteidiger kauerten stumm auf dem Wehrgang und warteten.
»Gut«, murmelte Vanion nach einem raschen Blick durch eine Schießscharte des Türmchens. »Jemand hat die Möglichkeiten erkannt, welche die Barken bieten. Die Meuterer basteln an ein paar Sturmleitern.«
»Wir müssen die Barken jetzt zerstören, Vanion!« drängte Ehlana.
»Ihr habt sie nicht eingeweiht?« fragte Vanion Sperber.
»Nein. Schon die Vorstellung hätte ihr nicht gefallen.«
»Dann bringt sie lieber in die Burg, mein Freund. Was als nächstes geschieht, wird sie ziemlich mitnehmen.«
»Würdet ihr endlich aufhören, so zu reden, als wäre ich gar nicht hier?« brauste Ehlana verärgert auf. »Was habt ihr vor?«
»Vielleicht solltet Ihr es ihr doch besser sagen«, brummte Vanion düster.
»Wir können das Feuer jederzeit anzünden, Ehlana«, erklärte Sperber, so behutsam er konnte. »In einer Lage wie dieser ist Feuer eine Waffe. Es wäre taktisch unklug, diese Waffe einzusetzen, ehe der Feind nahe genug ist, um voll und ganz in den Genuß ihrer Wirkung zu kommen.«
Ehlana starrte ihn an und wurde kreidebleich. »Das habe ich nicht gewollt, Sperber!« sagte sie heftig. »Das Feuer sollte die Angreifer vom Graben fernhalten. Ich wollte nicht, daß ihr sie bei lebendigem Leibe röstet.«
»Es tut mir leid, Ehlana. Es ist eine militärische Entscheidung. Eine Waffe ist nutzlos, wenn man nicht seine Bereitschaft demonstriert, sie auch einzusetzen. Ich weiß, es ist eine harte Entscheidung. Aber wenn wir deinen Plan zur vollen Wirkung bringen, rettet er letztendlich Leben. Vergiß nicht, wir sind hier in Tamuli stark in der Minderzahl, und falls wir nicht von Anfang klarmachen, daß wir notfalls über Leichen gehen, werden wir beim nächsten Angriff überrannt.«
»Du bist ein Ungeheuer!«
»Nein, Schatz. Ich bin Soldat!«
Sie brach plötzlich in Tränen aus.
»Würdet Ihr sie jetzt bitte hineinbringen, kleine Mutter?« bat Sperber Sephrenia. »Es ist uns allen lieber, wenn sie das nicht sieht.«
Sephrenia nickte und geleitete die weinende Königin zur Treppe, die vom Türmchen hinunterführte.
»Möchtet Ihr nicht lieber auch gehen, Majestät?« wandte Vanion sich an Sarabian. »Sperber und ich sind solche Unerfreulichkeiten mehr oder weniger gewöhnt. Aber Ihr braucht nicht zuzusehen.«
»Nein, ich bleibe!« erwiderte Sarabian fest.
»Wie Ihr wollt, Majestät.«
Armbrustbolzen ratterten wie Hagel gegen die Brustwehr. Es sah ganz so aus, als hätten die Aufständischen Khalads Arbeit wieder zunichte gemacht.
Dann sprangen einige Rebellen in den Burggraben und schwammen mit angstbeflügelten heftigen Stößen zu den Barken, um die Vertäuung zu lösen. Sie zogen die Barken ans Ufer, und die Aufrührer, die ihre behelfsmäßigen Sturmleitern schon bereitgehalten hatten, drängten sich an Bord und begannen, die Barken rasch durch den Graben zu den steilen Burgwänden zu staken.
Sperber streckte den Kopf durch die Tür des Türmchens. »Kalten!« flüsterte er seinem Freund zu, der in der Nähe auf dem Wehrgang kauerte. »Gib weiter, daß die Ataner sich bereit halten sollen.«
»Mach' ich.«
»Aber sie sollen nichts unternehmen, ehe sie nicht das Signal hören.«
»Ich weiß schon, was ich tue, Sperber! Hör auf, mich wie einen Trottel zu behandeln!«
»Tut mir leid.«
Der geflüsterte Befehl machte seine schnelle Runde auf dem Wehrgang.
»Euer Zeitplan ist perfekt, Sperber«, sagte Vanion leise. »Soeben habe ich Krings Signal von der Schloßmauer gesehen. Die Ataner sind vor dem Tor.« Er machte eine Pause. »Ihr habt eine unglaubliche Glückssträhne, das ist offensichtlich. Niemand hätte vorhersehen können, daß die Ataner genau in dem Augenblick ans Tor gelangen würden, da der Mob sich anschickt, die Burg zu erstürmen.«
»Wahrscheinlich nicht«, pflichtete Sperber ihm bei. »Ich glaube, wir sollten etwas besonders Nettes für Aphrael tun, wenn wir sie wiedersehen.«
Im Graben unter ihnen stießen die Barken gegen die Burgwand, und die Rebellen begannen unsicher, ihre Sturmleitern zum beängstigend stillen Wehrgang hinaufzuklettern.
Wieder machte ein Flüstern entlang der Brustwehr die Runde.
»Die Barken sind jetzt alle an der Burgwand, Sperber«, wisperte Kalten heiser.
»Also gut.« Sperber holte tief Atem. »Bitte Ulath, das Signal zu geben.«
»Ulath!« brüllte Kalten, nun, da er keine Notwendigkeit mehr sah, leise zu sein. »Puste in dein Horn!«
»Pusten?« entrüstete sich Ulath. Dann verkündete sein Ogerhorn schallend Schmerz und Tod.
Rundum auf dem Wehrgang wurden schwere Felsbrocken auf die Brustwehr gehoben, wo sie kurz schwankten, ehe sie auf die dichtbesetzten Barkendecks hinabstürzten. Die Barken brachen auseinander und begannen zu sinken. Die klebrige Mischung aus Naphta und Pech breitete sich im ganzen Burggraben über die Wasseroberfläche aus. Das teuflische Gemisch schillerte in allen Regenbogenfarben und paßte, wie es Sperber beiläufig durch den Kopf ging, zum Perlmuttschimmer der Mauern.
Die riesenhaften Ataner erhoben sich aus ihren Verstecken, griffen nach den Lampions, die von der Brustwehr hingen, und schleuderten sie wie hundert blitzende Sternschnuppen in den Burggraben hinunter.
Die Aufständischen, die von ihren sinkenden Barken gesprungen waren und sich mühten, in dem öligen Wasser zu schwimmen, schrien entsetzt, als sie den flammenden Tod auf sich herabregnen sahen.
Der Burggraben explodierte. Eine Schicht blauen Feuers schoß über das erdölbedeckte Wasser, und sofort quollen Wolken aus rußig orangenen Flammen und dichtem, schwarzem Rauch hoch empor. Vulkanartige Eruptionen folgten von den sinkenden Barken, als das noch nicht ausgeflossene, tödliche Naphta in ihren Laderäumen Feuer fing. Flammen loderten himmelwärts und leckten nach den Rebellen, die sich an ihre Sturmleitern klammerten. Die Angreifer fielen oder sprangen von den brennenden Leitern und zogen Flammenschweife hinter sich her, als sie in das Inferno stürzten.
Die Schreie waren grauenvoll. Einige der Brennenden erreichten das Ufer, wo sie brüllend und Feuer spritzend blind über den gepflegten Rasen rannten.
Die Aufrührer, die ungeduldig am Ufer gewartet hatten, bis sie an die Reihe kämen, den Graben zu überqueren, um die Burgwände zu erklimmen, wichen grauenerfüllt vor der plötzlichen Feuersbrunst zurück, welche die schillernde elenische Burg auf der anderen Seite des Grabens unerreichbar für sie machte.
»Ulath!« donnerte Sperber. »Gib Kring das Signal zum Öffnen des Tores!«
Und wieder schallte das Ogerhorn.
Die schweren Torflügel schwangen langsam auf, und die goldenen atanischen Riesen donnerten in perfektem Gleichschritt wie eine Lawine in den Schloßgarten.