6

In den Jahren seiner Ehe mit Königin Ehlana hatte Sperber gelernt, seine Gefühle zu beherrschen, doch sein Lächeln war gezwungen, als die Zusammenkunft endete. Kalten hielt sich an seiner Seite, als sie die Ratskammer verließen. »Ich sehe dir an, daß du über die Absicht unserer Königin alles andere als erbaut bist«, bemerkte er. Kalten war Sperbers Freund seit frühester Kindheit, und er wußte in dessen narbigem Gesicht zu lesen.

»Das könnte man sagen«, entgegnete Sperber verkniffen.

»Darf ich dir einen Vorschlag machen?«

»Ich höre«, brummte Sperber.

»Wie wär's, wenn wir zwei jetzt zur Krypta unter der Basilika hinuntersteigen?«

»Wozu?«

»Du könntest dir ein bißchen Luft machen, ehe du die Angelegenheit mit deiner Gemahlin besprichst. Du kannst ziemlich unbeherrscht sein, wenn du wütend bist, Sperber, und ich mag deine Frau wirklich sehr. Wenn du ihr ins Gesicht sagst, daß sie eine Närrin ist, verletzt du ihre Gefühle.«

»Versuchst du, komisch zu sein?«

»Keineswegs, mein Freund. Im Grunde sehe ich die Dinge wie du, und ich hatte eine sehr vielseitige Erziehung. Wenn dir die Verwünschungen ausgehen, kann ich dir mit Worten aushelfen, die du wahrscheinlich noch nie gehört hast.«

»Gehen wir!« Sperber bog abrupt in einen Seitengang ein.

Sie eilten durch den Mittelgang des Kirchenschiffs, knieten im Vorübergehen flüchtig vor dem Altar nieder und stiegen zur Krypta hinab, wo seit Äonen die Gebeine der verblichenen Erzprälaten in ihren Sarkophagen ruhten.

»Schlag nicht mit den Fäusten gegen die Wände«, warnte Kalten, als Sperber fluchend hin und her stapfte und mit den Armen in der Luft fuchtelte. »Du wirst dir die Knöchel brechen!«

»Es ist vollkommen verrückt, Kalten!« sagte Sperber, nachdem er mehrere Minuten lang Verwünschungen ausgestoßen hatte.

»Es ist noch schlimmer, mein Freund. Verrücktheiten gehören mit zum Leben. Das macht es interessant. Aber diese Sache ist gefährlich. Wir wissen nicht, was uns in Tamuli erwartet. Ich habe deine Gemahlin ganz und gar ins Herz geschlossen, doch daß sie bei dieser Mission dabei ist, wird sich als ziemlich unpraktisch erweisen.«

»Unpraktisch?«

»Ich versuche es mit höflichen Worten zu sagen. Was hältst du von ›ein lästiger Klotz am Bein‹?«

»Das trifft die Sache schon eher.«

»Du wirst sie aber nicht umstimmen können. Du brauchst es gar nicht erst zu versuchen. Sie hat ganz offensichtlich ihren Entschluß gefaßt, und sie ist ranghöher als du. Mach das Beste daraus – sonst könnte es geschehen, daß sie dir befiehlt, den Mund zu halten und in dein Gemach zu verschwinden.«

Sperber brummte.

»Ich glaube, das beste ist, wir reden mit Oscagne. Wir geleiten Eleniens kostbarsten Schatz auf den daresischen Kontinent, wo es alles andere als ruhig zugeht. Deine Gemahlin reist dorthin, um dem Kaiser von Tamuli einen persönlichen Gefallen zu erweisen, also ist er verpflichtet, sie zu beschützen. Eine Eskorte von einigen Dutzend Legionen Atanern, die uns an der Grenze bei Astel erwarten, könnte als Zeichen der Wertschätzung Seiner Majestät erachtet werden, meinst du nicht auch?«

»Das ist gar keine schlechte Idee, Kalten.«

»Wie die meisten meiner Ideen, Sperber. Also, Ehlana rechnet bestimmt damit, daß du tobst und wetterst und ihr Vorwürfe machst. Sie ist darauf vorbereitet, also tu's gar nicht erst. Denn sie wird uns auf jeden Fall begleiten, daran ist nicht mehr zu rütteln.«

»Es sei denn, ich kette sie ans Bett.«

»Ein interessanter Gedanke.«

»Und wer kettet Mirtai ans Bett?«

Kalten lachte. »Es ist taktisch unklug, eine Entscheidung mit Gewalt zu erzwingen, solange man noch nicht mit dem Rücken zur Wand steht. Laß ihr diesen Sieg, dann hast du etwas bei ihr gut. Nutz diesen Vorteil und nimm ihr das Versprechen ab, während des Aufenthaltes in Tamuli nichts ohne dein Einverständnis zu unternehmen. Auf diese Weise können wir fast so gut für ihre Sicherheit sorgen, als wenn sie zu Hause bliebe. Mit ein bißchen Glück ist sie von deiner Friedfertigkeit so beeindruckt, daß sie sich einverstanden erklärt, ohne lange zu überlegen. Dann kannst du sie geschickt an die Leine nehmen, wenn wir dort sind – zumindest soweit, daß sie nicht in Gefahr gerät.«

»Kalten, manchmal verblüffst du mich«, sagte Sperber kopfschüttelnd.

»Ich weiß«, entgegnete der blonde Pandioner. »Mein unbedarftes Gesicht ist eine recht nützliche Maskerade.«

»Wo hast du so viel über den rechten Umgang mit Monarchen gelernt?«

»Hier geht's nicht um Monarchen, Sperber, sondern um eine Frau, und da bin ich Fachmann. Frauen lieben es, zu verhandeln. Wenn du zu einer Frau sagst: ›Ich tue das für dich, wenn du das für mich tust‹, wird sie fast immer bereit sein, wenigstens darüber zu reden. Frauen wollen immer über alles reden. Wenn du dich nicht ablenken läßt, bleibst du für gewöhnlich obenauf.« Er hielt inne. »Bildlich gesprochen«, fügte er hinzu.

»Was führt Ihr im Schilde, Sperber?« fragte Mirtai mißtrauisch, als er sich der Gemächerflucht näherte, die Dolmant Ehlana und ihrem persönlichen Gefolge zur Verfügung gestellt hatte. Sperber verbarg hastig seinen selbstzufriedenen Gesichtsausdruck hinter einer besorgten Miene.

»Versucht keine Tricks, Sperber«, warnte sie ihn. »Wenn Ihr Ehlana weh tut, muß ich Euch töten, das wißt Ihr.«

»Ich werde ihr nicht weh tun, Mirtai. Ich werde sie nicht einmal anbrüllen.«

»Aber Ihr habt etwas vor, nicht wahr?«

»Natürlich. Nachdem Ihr mich bei Ehlana eingesperrt habt, braucht Ihr bloß das Ohr an die Tür zu drücken und zu lauschen.« Er bedachte sie mit einem schrägen Blick. »Aber das tut Ihr ja sowieso immer, nicht wahr?«

Sperber konnte es kaum fassen, aber Mirtai errötete und riß rasch die Tür auf. »Geht hinein, Sperber!« befahl sie mit finsterem Gesicht.

»So gereizt heute?«

»Hinein!«

»Ich eile und gehorche.«

Ehlana war für den Augenblick gerüstet, das war offensichtlich. Sie trug ein hellrosa Nachthemd, das sie besonders anziehend machte, und sie hatte ihr Haar kunstvoll frisiert. Doch sie wirkte leicht angespannt.

»Guten Abend, Liebling«, begrüßte Sperber sie. »Anstrengender Tag heute, nicht wahr? Besprechungen können manchmal sehr ermüdend sein.« Er durchquerte das Gemach, hielt fast beiläufig inne, um sie zu küssen; dann schenkte er sich ein Glas Wein ein.

Sie blickte ihn herausfordernd an. »Ich weiß, was du sagen wirst, Sperber.«

»Ach?« Er schaute betont arglos drein.

»Du bist verärgert über mich, nicht wahr?«

»Nein. Bin ich nicht. Wie kommst du darauf?«

Ihre Selbstsicherheit schwand merklich. »Du bist nicht wütend?

Ich dachte, du würdest toben, weil ich beschlossen habe, diesen Staatsbesuch in Tamuli zu machen.«

»Das ist doch eine hervorragende Idee. Natürlich müssen wir ein paar Vorsichtsmaßnahmen zu deiner Sicherheit treffen – aber das müssen wir ja immer. Das ist nichts Neues für uns, nicht wahr?«

»Von welchen Vorsichtsmaßnahmen sprichst du?« fragte sie mißtrauisch.

»Oh, nichts Besonderes, Schatz. Beispielsweise solltest du nicht allein durch einen Wald spazieren oder ohne Begleitung eine Räuberhöhle aufsuchen. Nichts Außergewöhnliches. An gewisse Einschränkungen deiner Bewegungsfreiheit bist du ja ohnehin gewöhnt. Wir werden in einem fremden Land sein, über dessen Bewohner wir nicht viel wissen. Wir sind uns wohl darüber einig, daß ich nur dann für Sicherheit sorgen kann, wenn du meiner Beurteilung der Lage vertraust und nicht widersprichst, falls ich dir sage, dies oder das ist zu gefährlich. Dann werden wir gut zurechtkommen, da bin ich sicher. Du bezahlst mich schließlich, dich zu beschützen, also werden wir keine kleinlichen Streitereien wegen irgendwelcher Sicherheitsmaßnahmen vom Zaun brechen, nicht wahr?« Er brachte einen milden, vernünftig klingenden Tonfall zuwege und gab ihr keinen Grund, mißtrauische Fragen zu stellen, wie diese »Sicherheitsmaßnahmen« genau aussehen sollten.

»Du verstehst viel mehr von diesen Dingen als ich, mein Liebling«, gestand sie ihm zu, »also überlasse ich das völlig dir. Wenn eine Frau einen Streiter hat, der obendrein noch der größte Ritter der Welt ist, wäre sie töricht, nicht auf ihn zu hören. Habe ich recht?«

»Vollkommen«, pflichtete er ihr bei. Genau besehen war es ein kleiner Sieg, doch wenn man es mit einer Königin zu tun hat, sind alle Arten von Siegen schwer zu erringen.

»Tja, dann«, sie erhob sich, »da wir nicht streiten, könnten wir eigentlich ins Bett gehen.«

»Das ist eine großartige Idee!«

Das Kätzchen, das Talen Prinzessin Danae geschenkt hatte, hieß Murr, und Murr hatte eine Angewohnheit, die Sperber ganz besonders störte. Kätzchen haben gern Gesellschaft, wenn sie schlafen, und Murr hatte festgestellt, daß Sperber die Beine anzog, wenn er schlief, und daß seine Kniebeuge dann zum perfekten Kuschelplatz wurde. Sperber schlief für gewöhnlich mit am Hals fest zugezogener Decke, doch das war für Murr kein Hindernis. Wenn das kalte, nasse Katzennäschen Sperbers Nacken berührte, zuckte er heftig zusammen, und durch diese ungewollte Bewegung entstand ein Durchschlupf, der gerade weit genug für ein geschicktes Kätzchen war. Murr fand diese erfolgreiche Methode recht befriedigend, ja, sogar amüsant.

Sperber dagegen nicht. Kurz vor Morgengrauen taumelte er zerzaust, leicht gereizt und mit geröteten Augen aus dem Schlafzimmer.

Prinzessin Danae schlenderte in das große mittlere Wohngemach und zog Rollo abwesend hinter sich her. »Hast du meine Katze gesehen?« fragte sie ihren Vater.

»Sie liegt im Bett bei deiner Mutter«, antwortete er kurz angebunden.

»Das hätte ich mir eigentlich denken können. Murr mag es, wie Mutter riecht. Das hat sie mir selbst gesagt.«

Sperber schaute sich um, dann schloß er vorsichtig die Schlafzimmertür. »Ich muß wieder mit Sephrenia sprechen«, erklärte er.

»Gut.«

»Aber nicht hier. Ich werde mir erst einen Treffpunkt überlegen.«

»Was ist gestern abend geschehen?«

»Wir müssen nach Tamuli.«

»Ich dachte, du wolltest etwas wegen Fyrchtnfles unternehmen.«

»Tue ich auch – gewissermaßen. Es hat den Anschein, daß es auf dem daresischen Kontinent etwas – oder jemanden – gibt, der dafür verantwortlich ist. Ich glaube, daß wir dort weitaus mehr über Fyrchtnfles herausfinden können als hier. Ich werde dafür sorgen, daß du nach Cimmura zurückgebracht wirst.«

Sie spitzte den kleinen Mund. »Nein, lieber nicht. Es ist besser, ich begleite euch.«

»Das kommt gar nicht in Frage!«

»Stell dich nicht so an, Sperber! Werd endlich erwachsen! Ich komme mit, weil ihr mich brauchen werdet, wenn wir dort sind.«

Achtlos warf sie Rollo in eine Ecke. »Außerdem könntest du mich gar nicht davon abhalten. Laß dir einen Grund dafür einfallen, Sperber. Wenn nicht, wirst du Mutter erklären müssen, wie ich es geschafft habe, vor euch dort zu sein, wenn ihr mich irgendwo unterwegs auf einem Baum sitzen seht. Zieh dich an, Vater, und laß dir einen Ort einfallen, wo wir uns ungestört unterhalten können.«

Kurz darauf stiegen Sperber und seine Tochter eine schmale, steile Wendeltreppe aus Holz zu dem Türmchen auf der Kuppel der Basilika empor. Einen ungestörteren Ort gab es wahrscheinlich nirgendwo, vor allem, weil es unmöglich war, ungehört hinaufzukommen, so sehr knarrte und kreischte die Holztreppe, die zu dem kleinen Glockenturm führte.

Als sie das kleine offene Häuschen hoch über der Stadt erreichten, schaute Danae minutenlang über Chyrellos. »Aus einer solchen Höhe kann man viel besser sehen«, stellte sie fest. »Das ist der einzige Grund, der letztendlich für das Fliegen spricht.«

»Kannst du wirklich fliegen?«

»Natürlich. Du nicht?«

»Das weißt du ganz genau, Aphrael.«

»Ich wollte dich nur necken, Sperber.« Sie lachte. »Fangen wir an.« Sie setzte sich, verschränkte die Beine und hob das Gesichtchen, um dieses trillernde Lied zu singen, wie sie es in Cimmura getan hatte. Dann schloß sie die Augen, ihr Gesicht wurde leer, und das Lied verstummte.

»Was gibt es denn dieses Mal, Sperber?« fragte Sephrenia leicht ungehalten.

»Was habt Ihr denn, kleine Mutter?«

»Ist Euch nicht klar, daß es hier mitten in der Nacht ist?«

»Tatsächlich?«

»Tatsächlich! Die Sonne befindet sich jetzt auf eurer Seite der Welt.«

»Erstaunlich – obwohl es logisch ist, wenn man darüber nachdenkt. Habe ich Euch bei irgend etwas gestört?«

»Allerdings!«

»Was habt Ihr so spät in der Nacht noch gemacht?«

»Das geht Euch nichts an. Was wollt Ihr?«

»Wir kommen bald nach Daresien.«

»Was sagt Ihr da?«

»Der Kaiser ersuchte uns, zu kommen – na ja, eigentlich nur mich. Die anderen begleiten mich bloß. Ehlana wird einen Staatsbesuch in Matherion machen, um uns eine gute Ausrede für unsere Anwesenheit zu verschaffen.«

»Seid Ihr von Sinnen? In Tamuli ist es gerade jetzt außerordentlich gefährlich!«

»Wahrscheinlich nicht gefährlicher als in Eosien. Auf dem Weg von Cimmura nach Chyrellos wurden wir von altertümlichen Lamorkern überfallen.«

»Vielleicht waren es Lamorker aus der Jetztzeit in altertümlicher Gewandung.«

»Das bezweifle ich sehr, Sephrenia. Sie verschwanden, als ihr Angriff fehlschlug.«

»Alle?«

»Alle außer jenen, die bereits gefallen waren. Würde ein wenig Logik Euch kränken?«

»Nicht, wenn Ihr sie nicht zu sehr breittretet.«

»Wir waren ziemlich sicher, daß unsere Angreifer tatsächlich altertümliche Lamorker waren, und Botschafter Oscagne erzählte, daß jemand auch in Daresien Helden aus alter Zeit wiederbelebt. Die Logik deutet darauf hin, daß diese Wiedererweckungsgeschichte ihren Ursprung in Tamuli hat. Damit soll nationalistischer Fanatismus geschürt werden, um die Zentralregierungen zu schwächen – das Imperium in Daresien und die Kirche hier in Eosien. Wenn es stimmt, daß der Ursprung all dieser Aktivitäten sich irgendwo in Tamuli befindet, ist dort der logische Ort, nach Antworten zu suchen. Wo seid Ihr jetzt gerade?«

»Vanion und ich halten uns zur Zeit in Sarsos im östlichen Astel auf. Ihr kommt besser hierher, Sperber. Über diese große Entfernung kommt hier alles ein wenig undeutlich an.«

Sperber überlegte kurz und versuchte, sich die Karte von Daresien vorzustellen. »Dann werden wir den Landweg nehmen. Ich werde schon eine Möglichkeit finden, die anderen zu überreden.«

»Und beeilt Euch, Sperber. Es ist sehr wichtig, daß wir uns von Angesicht zu Angesicht unterhalten können.«

»Ich tue mein möglichstes. Schlaft gut, kleine Mutter.«

»Ich hatte nicht geschlafen.«

»Ach? Was habt Ihr dann getan?«

»Hast du nicht gehört, was sie vorhin gesagt hat, Sperber?« fragte ihn seine Tochter.

»Was denn?«

»Sie hat gesagt, das geht dich nichts an.«

»Welch ein ausgezeichneter Einfall, Majestät«, lobte Oscagne später an diesem Morgen, als alle sich wieder in Dolmants privater Audienzkammer eingefunden hatten. »Auf diese Idee wäre ich nie gekommen! Die Führer der verschiedenen tamulischen Reiche begeben sich niemals nach Matherion. Nur wenn Seine Kaiserliche Majestät sie dorthin zitiert.«

»Den Herrschern von Eosien sind da weniger Beschränkungen auferlegt, Exzellenz«, erklärte ihm Emban. »Sie sind völlig souverän.«

»Erstaunlich. Dann hat Eure Kirche keine Gewalt über sie, Eminenz?«

»Nur in geistlichen Dingen, fürchte ich.«

»Erschwert das nicht alles?«

»Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie sehr, Botschafter Oscagne.« Dolmant seufzte und blickte Ehlana vorwurfsvoll an.

»Übertreibt es nicht, Sarathi«, murmelte sie.

»Dann hat hier in Eosien niemand die Oberherrschaft? Die absolute Autorität, unanfechtbare Entscheidungen zu treffen?«

»Das ist eine Verantwortung, die Dolmant und ich gemeinsam tragen, Exzellenz«, erklärte Ehlana. »Wir legen die Last gern auf mehrere Schultern, nicht wahr, Sarathi?«

»Natürlich«, antwortete Dolmant ohne große Begeisterung.

»Das Prinzip des Zusammenraufens in der eosischen Politik hat durchaus seine nützlichen Seiten, Exzellenz«, versicherte Stragen dem Botschafter. »Der Strang, an dem schließlich alle ziehen, ist das Ergebnis vieler verschiedener Meinungen.«

»In Tamuli sind wir der Ansicht, daß es viel weniger verwirrend ist, nur eine Meinung zu haben.«

»Die des Kaisers? Und was geschieht, wenn der Kaiser zufällig ein Idiot ist? Oder ein Wahnsinniger?«

»Die Regierung findet eine Möglichkeit, über ihn hinweg zu bestimmen«, erwiderte Oscagne ruhig. »Doch solche kaiserlichen Fehlentwicklungen haben selten ein langes Leben.«

»Ah!« sagte Stragen.

»Ich glaube, wir sollten jetzt zur Sache kommen«, meinte Emban. Er durchquerte die Kammer und blieb vor einer großen Wandkarte der bekannten Welt stehen. »Am schnellsten kommen wir per Schiff voran«, stellte er fest. »Wir könnten eines von Madol in Cammorien aus nehmen, durch das Innenmeer segeln und dann die Ostküste empor nach Matherion.«

»Wir?« fragte Ritter Tynian.

»Oh, habe ich es noch nicht erwähnt?« fragte Emban. »Ich komme mit. Vorgeblich werde ich Königin Ehlanas geistlicher Berater sein, tatsächlich aber des Erzprälaten persönlicher Gesandter.«

»Es ist wahrscheinlich das klügste, im Rahmen des elenischen Staatsbesuchs aufzutreten«, meinte Dolmant, »für die Öffentlichkeit jedenfalls. Es würde die Dinge nur komplizieren, wenn wir zwei getrennte Abordnungen gleichzeitig nach Matherion entsenden.«

Sperber mußte rasch handeln, ohne daß ihm bisher eine gute Begründung eingefallen wäre. »Eine Seereise hat gewisse Vorteile«, sagte er nachdenklich, »aber ich fürchte, der Nachteil ist in diesem Fall größer.«

»Ach?« Emban blickte ihn an.

»Den Erfordernissen eines Staatsbesuchs wird damit zwar durchaus Rechnung getragen, aber für den eigentlichen Grund unserer Reise wäre das alles nicht sehr förderlich. Exzellenz, was wird voraussichtlich geschehen, wenn wir in Matherion ankommen?«

»Das übliche.« Oscagne zuckte die Schultern. »Audienzen, Bankette, Truppenbesichtigungen, Konzerte. Der übliche bedeutungslose höfische Pomp, den wir alle so gern über uns ergehen lassen.«

»Eben«, bestätigte Sperber. »Und wir werden in all der Zeit gar nichts erreichen, nicht wahr?«

»Wahrscheinlich nicht.«

»Aber wir reisen nicht nach Tamuli, um einen ganzen Monat lang nur zu feiern. Wir wollen herausfinden, was hinter den Unruhen steckt. Wir brauchen Informationen, keine Unterhaltung, und die Informationen sind wohl eher im Hinterland zu bekommen als in der Hauptstadt. Ich finde, wir sollten uns einen glaubhaften Grund einfallen lassen, weshalb wir den Landweg nehmen.« Es war ein praktischer Vorschlag, der es Sperber erlaubte, den wirklichen Grund im dunkeln zu lassen.

Emban verzog das Gesicht und sagte gequält: »Aber dann wären wir monatelang unterwegs!«

»Wenn wir zu Hause bleiben, können wir genausoviel erreichen wie in Matherion, Eminenz. Wir müssen uns im Hinterland umhören!«

Emban stöhnte. »Ihr wollt mich dazu zwingen, den ganzen Weg von hier nach Matherion zu reiten, Sperber?«

»Ihr könntet zu Hause bleiben, Eminenz«, meinte Sperber. »Es wäre vielleicht sogar angebracht, an Eurer Statt Patriarch Bergsten mitzunehmen. Er ist ein besserer Kämpfer.«

»Das reicht, Sperber!« rügte Dolmant.

»Diese Politik der vielen Meinungen erscheint mir recht interessant, Durchlaucht Stragen«, sagte Oscagne. »In Matherion hätten wir uns ohne weitere Diskussion für die vom Primas von Uzera vorgeschlagene Strecke entschieden. Wir bemühen uns, die Möglichkeit von Alternativen zu vermeiden, wann immer es geht.«

»Willkommen in Eosien, Exzellenz.« Stragen lächelte.

»Gestattet ihr, daß ich etwas sage?« bat Khalad höflich.

»Selbstverständlich«, versicherte Dolmant.

Khalad erhob sich, trat an die Karte und begann, die Entfernung abzumessen. »Mit einem guten Pferd kann man am Tag dreißig Meilen zurücklegen, und mit einem guten Schiff neunzig – sofern der Wind stimmt.« Er runzelte die Stirn und schaute sich um. »Warum ist Talen nie da, wenn man ihn braucht?« murmelte er. »Er kann die Zahlen im Kopf ausrechnen. Ich muß sie an den Fingern abzählen.«

»Er sagte, er müsse etwas erledigen«, erklärte Berit.

Khalad brummte. »Wir sind schließlich daran interessiert, was in Daresien vorgeht. Infolgedessen ist es unnötig, quer durch Eosien zu reiten. Wir könnten von Madol aus ein Schiff nehmen, wie Patriarch Emban vorgeschlagen hat, dann durchs Innenmeer segeln und die Ostküste Zemochs hinauf nach…« Er blickte auf die Karte, dann zeigte er auf einen bestimmten Punkt. »Hinauf nach Salesha. Das sind zweitausendsiebenhundert Meilen – dreißig Tage. Würden wir den Straßen folgen, wäre die Strecke wahrscheinlich gleich lang, aber wir würden neunzig Tage dafür brauchen. So können wir wenigstens zwei Monate sparen.«

»Das ist schon etwas«, lobte Emban widerwillig.

Sperber war ziemlich sicher, daß er viel mehr als sechzig Tage sparen könnte. Er blickte durch die Kammer zu seiner Tochter, die unter Mirtais wachsamem Auge mit ihrem Kätzchen spielte. Prinzessin Danae wurde häufig zu Besprechungen mitgenommen, bei denen sie eigentlich gar nichts zu suchen hatte. Aus irgendeinem Grund stellte nie jemand ihre Anwesenheit in Frage. Sperber wußte, daß die Kindgöttin Aphrael den Zeitverlauf ändern konnte, doch er war nicht sicher, daß sie es in ihrer jetzigen Inkarnation ebenso unbemerkt fertigbringen würde, wie es ihr als das Mädchen Flöte gelungen war.

Prinzessin Danae erwiderte Sperbers Blick und rollte die Augen himmelwärts – mit einer resignierten Miene, die Bände über sein beschränktes Verständnis sprach. Schließlich nickte sie ernst.

Sperber atmete auf. »Kommen wir jetzt zur Frage der Sicherheit Ihrer Majestät. Botschafter Oscagne, wie groß kann das Gefolge meiner Gemahlin sein, ohne daß es unliebsame Aufmerksamkeit erregt?«

»Die Regeln sind in dieser Hinsicht ein bißchen vage, Ritter Sperber.«

Sperber ließ den Blick über die Gesichter seiner Freunde schweifen. »Am liebsten würde ich die Ritterorden vollständig mitnehmen.«

»Wir betrachten unsere Reise als einen Staatsbesuch, Sperber«, gab Tynian zu bedenken, »nicht als Invasion. Würden hundert gerüstete Ritter Seine Kaiserliche Majestät erschrecken, Exzellenz?«

»Man könnte es als symbolische Zahl auslegen«, meinte Oscagne nach kurzer Überlegung. »Groß genug für eine Parade, aber nicht so groß, daß sie bedrohlich erscheinen würde. Wir werden durch Astel kommen. Dort können wir in der Hauptstadt Darsas eine Eskorte Ataner mitnehmen. Ein größerer Geleitschutz für einen Staatsbesucher würde keinen sonderlichen Verdacht erregen. Hingegen würden hundert Pandioner allein in gewissen Kreisen vielleicht Besorgnis erregen.«

»Eine gute Idee«, lobte Sperber.

»Ihr könntet mehr Begleiter mitnehmen, wenn Ihr möchtet, Sperber«, warf Mirtai ein. »Auf den Steppen von Zentralastel leben Peloi, die von Krings Vorfahren abstammen. Vielleicht möchte Kring seine Vettern in Daresien besuchen.«

»O ja!« rief Oscagne. »Die Peloi! Ich hatte ganz vergessen, daß es diese Wilden auch hier in Eosien gibt. Sie sind ein leicht erregbares und nicht immer verläßliches Volk. Seid Ihr sicher, daß dieser Kring bereit wäre, uns zu begleiten?«

»Kring würde ins Feuer reiten, wenn ich ihn darum bäte«, versicherte Mirtai ihm überzeugt.

»Der Domi ist sehr von unserer Mirtai angetan, Exzellenz.« Ehlana lächelte. »Er kommt drei- oder viermal im Jahr nach Cimmura, um ihr einen Heiratsantrag zu machen.«

»Die Peloi sind Krieger, Atana«, wandte Oscagne sich an Mirtai. »Ihr würdet Euch in den Augen Eures Volks nicht erniedrigen, wenn Ihr ihn erhört.«

»Männer betrachten ihre Frauen mehr oder weniger als persönliches Eigentum, Oscagne«, erklärte Mirtai mit einem undeutbaren Lächeln. »Ein Freier hingegen ist viel aufmerksamer, und ich muß gestehen, ich genieße Krings Verehrung. Er schreibt sehr hübsche Gedichte. Einmal hat er mich mit einem goldenen Sonnenaufgang verglichen. Ich fand das sehr poetisch.«

»Du hast nie Gedichte für mich geschrieben, Sperber«, beklagte sich Ehlana.

»Die elenische Sprache ist äußerst beschränkt, meine Königin«, entgegnete er. »Ihr fehlen die Worte, die dir gerecht würden.«

»Nicht ungeschickt«, murmelte Kalten.

»Ich finde, wir sollten uns jetzt alle mit der nötigen Korrespondenz beschäftigen«, sagte Dolmant. »Es gibt eine Menge Vorbereitungen zu treffen. Ich werde Euch ein schnelles Schiff zur Verfügung stellen, Botschafter Oscagne. Ihr werdet Euren Kaiser gewiß informieren wollen, daß die Königin von Elenien ihm einen Besuch abstattet.«

»Mit Eurer Erlaubnis, Eminenz, werde ich das lieber von Boten erledigen lassen. In verschiedenen Teilen unseres Reichs gibt es gewisse gesellschaftliche und politische Eigenheiten. Es könnte sich als sehr nützlich erweisen, wenn ich Ihre Majestät begleite und den Weg für sie ebne.«

»Es wird mir eine große Freude sein, einen so kultivierten Herrn bei mir zu haben.« Ehlana lächelte. »Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie es ist, von Männern umgeben zu sein, deren Kleidung aus der Schmiede kommt.«

Talen betrat die Kammer mit aufgeregtem Gesicht.

»Wo warst du?« erschallte die Frage gleichzeitig aus mehreren Kehlen.

»Es ist tröstlich, von allen so geliebt zu werden, daß mein Erscheinen diese atemlose Neugier weckt.« Der Junge verbeugte sich spöttisch. »Diese Bekundung von Zuneigung überwältigt mich.«

Botschafter Oscagne blickte Dolmant mit hochgezogenen Brauen an.

»Es würde zu lange dauern, alles zu erklären, Exzellenz«, sagte Dolmant müde. »Nur eines: Habt ein wachsames Auge auf Eure Wertsachen, wenn dieser Junge im Zimmer ist.«

»Sarathi!« protestierte Talen. »Ich habe seit einer vollen Woche nichts mehr gestohlen.«

»Wir wissen das zu würdigen«, bemerkte Emban.

»Der Macht der Gewohnheit ist schwer zu widerstehen, Eminenz.« Talen verzog das Gesicht. »Wie dem auch sei, da ihr alle vor Neugier schier zu platzen scheint, will ich euch nicht länger auf die Folter spannen. Ich habe mich in der Stadt umgesehen und einen alten Freund entdeckt. Was sagt ihr dazu: Krager ist hier in Chyrellos!«