24

»So sieht sie seit dem zwölften Jahrhundert aus«, erklärte Botschafter Oscagne, als sie den Berg hinab zu der schimmernden Stadt geleitet wurden.

»Durch Magie?« fragte Talen mit glänzenden Augen.

»So könnte man es nennen«, erwiderte Oscagne sarkastisch, »aber es ist die Art von Magie, die man mit grenzenlosem Reichtum und unbeschränkter Macht wirkt, nicht mit Beschwörungen. Das elfte und zwölfte Jahrhundert war eine törichte Epoche in unserer Geschichte. Es war die Zeit der Micaen-Dynastie, vermutlich die dümmste kaiserliche Familie überhaupt. Der erste micaenische Kaiser erhielt zu seinem vierzehnten Geburtstag eine Perlmuttschatulle von einem Gesandten der Insel Tega. Der Geschichtsschreibung nach betrachtete er sie oft stundenlang, gebannt von ihren schillernden Farben. Er war so verzaubert von dem Perlmutt, daß er seinen Thron damit überziehen ließ.«

»Dazu dürfte eine riesige Muschel nötig gewesen sein«, meinte Ulath.

Oscagne lächelte. »Nein, Ritter Ulath. Sie schnitten Muscheln in winzige Plättchen und fügten sie dicht aneinander. Dann polierten sie die gesamte Oberfläche etwa einen Monat lang. Es ist eine sehr mühsame und teure Verfahrensweise. Wie dem auch sei, der zweite micaenische Kaiser ging einen Schritt weiter und ließ die Säulen im Thronsaal damit umhüllen. Der dritte ließ die Wände damit täfeln, und so weiter. Sie überzogen damit das Schloß, dann alle Außenanlagen, schließlich sämtliche öffentlichen Bauten. Nach zwei Jahrhunderten war jedes Haus in Matherion mit diesen winzigen Plättchen beklebt. Im Hafenviertel gibt es Spelunken, die prächtiger aussehen als die Basilika von Chyrellos. Glücklicherweise starb die Dynastie aus, ehe sie dazu kam, die Straßen mit Perlmutt bepflastern zu lassen. Doch bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie das ganze Imperium in die Armut gestürzt und der Insel Tega unermeßlichen Reichtum gebracht. Teganische Taucher wurden durch ihre Plünderung des Meeresbodens unglaublich reich.«

»Aber ist Perlmutt nicht sehr zerbrechlich?« fragte Khalad.

»Das ist es allerdings, junger Mann, und der Klebstoff, mit dem es an die Häuser geheftet wurde, hält nicht ewig. Nach einem Sturm sind die Straßen mit winzigen schimmernden Scherben bedeckt und die Häuser sehen aus, als hätten sie die Blattern. Unser Stolz verlangt es, daß die Plättchen ersetzt werden. Ein mittlerer Orkan kann zu einer bedenklichen Finanzkrise im Imperium führen. Aber wir haben keine Wahl. Die ›schimmernde Stadt‹ wird schon so lange in allen amtlichen Dokumenten erwähnt, daß es anders gar nicht mehr denkbar wäre. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen diese Absurdität erhalten.«

»Aber sie ist atemberaubend!« sagte Ehlana bewundernd und nachdenklich.

»Vergiß es, Liebling!« mahnte Sperber eindringlich.

»Was?«

»Du kannst es dir nicht leisten. Lenda und ich liegen uns ohnehin schon jedes Jahr in den Haaren, wenn es um den neuen Staatshaushalt geht.«

»Ich habe es gar nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, Sperber«, entgegnete Ehlana. »Na ja – nicht zu ernsthaft jedenfalls«, fügte sie hinzu.

Die breiten Prunkstraßen von Matherion waren mit jubelnden Zuschauern dicht gesäumt, die plötzlich verstummten, als Ehlanas Karosse an ihnen vorbeirollte, weil sie zu sehr damit beschäftigt waren, sich auf die Knie zu werfen und die Stirn auf die Pflastersteine zu drücken.

»Um Himmels willen, was machen sie denn?« rief Ehlana.

»Dem Befehl des Kaisers gehorchen, würde ich sagen«, antwortete Oscagne. »Das ist die übliche Respektbezeugung für Seine Majestät.«

»Sorgt dafür, daß die Leute damit aufhören!« befahl sie.

»Ich soll einen kaiserlichen Befehl widerrufen, Majestät? Das geht nicht! Verzeiht, Königin Ehlana, aber ich habe meinen Kopf gern dort, wo er ist, statt am Stadttor an einer langen Stange. Ihr müßt es als außerordentliche Ehre betrachten! Sarabian hat die Bevölkerung angewiesen, Euch als ebenbürtige Herrscherin zu huldigen. Noch nie zuvor hat ein Kaiser so etwas getan.«

»Und die Menschen, die ihre Stirn nicht auf den Boden drücken, werden bestraft?« fragte Khalad mit schneidender Stimme.

»Natürlich nicht. Sie tun es aus Liebe. Nun ja, das ist die offizielle Erklärung. In Wahrheit ist dieser Brauch vor etwa tausend Jahren entstanden. Ein betrunkener Höfling stolperte und fiel aufs Gesicht, als der Kaiser den Thronsaal betrat. Seine Majestät war ungemein beeindruckt und – wie nicht anders zu erwarten – mißverstand es völlig. Er gab dem Höfling auf der Stelle ein Herzogtum. Die Leute schlagen ihr Gesicht nicht aus Angst auf den Boden, sondern in der Hoffnung auf eine Belohnung.«

»Ihr seid ein Zyniker, Oscagne«, tadelte Emban den Botschafter.

»Nein, Emban, ich bin Realist. Ein guter Politiker sucht stets nach dem Schlimmsten im Menschen.«

»Eines Tages überraschen sie Euch vielleicht einmal«, meinte Talen.

»Bisher jedenfalls noch nicht.«

Die Schloßanlage war nur um ein Weniges kleiner als die Stadt Demos in Ostelenien. Natürlich war das schillernde Schloß der bei weitem größte Bau, doch die Anlage umfaßte mehrere Paläste – nicht minder schillernde Gebäude in unterschiedlichen Baustilen. Ritter Bevier sog laut den Atem ein. »Großer Gott!« entfuhr es ihm. »Dieses Bauwerk dort gleicht der Burg von König Dregos in Larium wie ein Ei dem anderen!«

»Diebstahl geistigen Eigentums wird offenbar nicht nur von Poeten begangen«, murmelte Stragen.

»Nur ein Zugeständnis an den Kosmopolitismus, Durchlaucht«, erklärte Oscagne. »Schließlich sind wir ein Weltreich und beschirmen viele verschiedene Völker. Elenier mögen Burgen. Also haben wir hier auch eine Burg, damit elenische Könige der westlichen Reiche sich wohl fühlen, wenn sie hierherkommen, um dem Kaiser einen Besuch abzustatten.«

»König Dregos' Burg schillert in der Sonne, aber keineswegs so wie diese hier«, bemerkte Bevier.

»Das sollte wohl auch jedermann deutlich sehen, Ritter Bevier.« Oscagne lächelte.

Sie saßen auf dem plattenbelegten Hof vor dem eigentlichen Schloß ab, wo sie von einer Schar unterwürfiger Diener erwartet wurden.

»Was will der Kerl?« Kalten hielt sich einen entschlossen wirkenden Tamuler in roter Seide vom Leib.

»Eure Schuhe, Ritter Kalten«, erklärte ihm Oscagne.

»Warum?«

»Sie sind aus Stahl, Herr Ritter.«

»Na und? Ich trage eine Rüstung. Natürlich sind auch meine Schuhe aus Stahl.«

»Es ist nicht erlaubt, das Schloß mit solchen Schuhen zu betreten. Nicht einmal Lederstiefel sind gestattet – die Böden, wißt Ihr.«

»Soll das heißen, daß sogar die Böden mit Perlmutt beklebt sind?«

»O ja. Wir Tamuler tragen in unseren Häusern traditionell keine Schuhe. Also haben die Baumeister die Böden der Gebäude innerhalb des kaiserlichen Komplexes ebenso wie die Wände und Decken gefliest. Mit dem Besuch von gepanzerten Rittern haben sie nicht gerechnet.«

»Ich kann meine Schuhe nicht ausziehen«, wehrte Kalten sich errötend.

»Wo liegt das Problem, Kalten?« fragte Ehlana.

»Ich habe ein Loch in einer Socke«, murmelte er verlegen. »Ich kann doch einem Kaiser nicht mit herausstehenden Zehen gegenübertreten.« Er blickte seine Gefährten herausfordernd an und hob eine gepanzerte Faust. »Wenn auch nur einer lacht, wird nackte Gewalt regieren!« drohte er.

»Eure Würde gerät nicht in Gefahr, Ritter Kalten«, beruhigte Oscagne ihn. »Die Dienerschaft hat daunengefütterte Hausschuhe für uns bereit.«

»Ich habe schrecklich große Füße, Exzellenz«, gab Kalten besorgt zu bedenken. »Seid Ihr sicher, daß welche in meiner Größe zur Verfügung stehen?«

»Macht Euch keine Sorgen, Kalten-Ritter«, warf Engessa ein. »Wenn sie passende für mich haben, dann erst recht welche, die Ihr tragen könnt.«

Sobald den Besuchern in weiche Hausschuhe geholfen war, wurden sie ins Schloß geleitet. Öllampen hingen an langen Ketten von der Decke. Ihr Licht ließ die Wände, Böden und Decken der breiten Korridore in allen Regenbogenfarben schillern. Geblendet und benommen folgten die Elenier den Dienern.

Natürlich gab es auch hier Hofleute – ein Schloß ohne Höflinge wäre undenkbar –, und wie die Bürger auf den Straßen drückten auch sie die Stirn auf den Boden, als die Königin von Elenien an ihnen vorüberschritt.

»Verlieb dich nicht zu sehr in diese Art des Grüßens, Schatz«, warnte Sperber seine Gemahlin. »Die Bürger von Cimmura würden sich nie dazu herablassen, egal was du ihnen bietest.«

»Also wirklich, Sperber!« sagte sie verärgert. »Ich würde so etwas nicht einmal im Traum in Erwägung ziehen. Im Gegenteil, ich wünschte, diese Leute würden es unterlassen. Es ist regelrecht peinlich.«

»So gefällst du mir.« Er lächelte.

Man bot ihnen Wein an und gekühltes, mit Duftstoffen versetztes Wasser, um damit das Gesicht zu betupfen. Die Ritter griffen erfreut nach dem Wein, und die Damen betupften sich das Gesicht, wie man es von ihnen erwartete.

»Du solltest auch ein wenig davon benutzen, Vater«, riet Prinzessin Danae und deutete auf die Porzellanbecken mit Duftwasser. »Vielleicht überdeckt es den Geruch deiner Rüstung.«

»Das ist eine gute Idee, Sperber«, stimmte Ehlana zu.

»Eine Rüstung soll stinken.« Er zuckte die Schultern. »Wenn die Augen des Feindes während eines Kampfes zu tränen beginnen, ist das von Vorteil.«

»Dachte ich mir doch, daß es einen Grund dafür gibt«, murmelte die kleine Prinzessin.

Danach wurden sie durch einen langen Korridor geführt, in dessen Wände Mosaikporträts eingelegt waren: steife, wahrscheinlich idealisierende Abbildungen längst verstorbener Kaiser. Ein breiter roter Läufer mit Goldborte schützte den Boden dieses schier endlosen Ganges.

»Sehr beeindruckend, Exzellenz«, flüsterte Stragen Oscagne nach einiger Zeit zu. »Wie viele Meilen sind es noch bis zum Thronsaal?«

»Sehr komisch, Durchlaucht.« Oscagne lächelte flüchtig.

»Es ist sehr geschickt gemacht«, bemerkte Stragen. »Aber wird damit nicht viel Platz vergeudet?«

»Ihr seid ein guter Beobachter, Durchlaucht.«

»Worum geht es?« erkundigte sich Tynian.

»Der Korridor verläuft in einem Bogen nach links«, erklärte Stragen. »So, wie die Wände das Licht widerspiegeln, ist das nur schwer zu erkennen, aber wenn man genauer darauf achtet, kann man es sehen. Wir spazieren bereits seit einer Viertelstunde im Kreis.«

»Genauer gesagt in einer Spirale, Durchlaucht Stragen«, korrigierte Oscagne ihn. »Das soll den Eindruck von ungeheurer Länge erwecken. Tamuler sind nicht sehr hochgewachsen, und Größe beeindruckt uns. Deshalb imponieren die Ataner uns so. Wir erreichen nun die inneren Windungen der Spirale. Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Thronsaal.«

In den schillernd leuchtenden Korridoren erklang nun Fanfarenschmettern, als verborgene Bläser die Königin und ihr Gefolge ankündeten. Dem Fanfarenstoß folgte ein grauenvolles Kreischen, das in ein blechernes Gerassel überging.

Murr, die in den Armen ihrer kleinen Herrin kuschelte, legte die Ohren zurück und fauchte.

»Die Katze hat einen gesunden Musikgeschmack«, stellte Bevier fest, der sich bei einem besonders mißtönenden Akkord der ›Musik‹ schüttelte.

»Das hatte ich ganz vergessen, dir zu sagen«, wandte Sephrenia sich entschuldigend an Vanion. »Versuch einfach, gar nicht hinzuhören, Liebster.«

»Das tu' ich schon die ganze Zeit«, antwortete er mit gequälter Miene.

»Erinnerst du dich an die Ogerin, von der ich mal erzählt habe?« fragte Ulath Sperber. »Die sich in den armen Kerl in Thalesien verliebte?«

»Vage.«

»Wenn sie für ihn gesungen hat, klang es fast genauso.«

»Der Ärmste ging in ein Kloster, um ihr zu entkommen, wenn ich mich recht entsinne, oder?«

»Stimmt.«

»Eine kluge Entscheidung.«

»Es ist eine unserer Marotten«, erklärte Oscagne ihnen. »Tamulisch klingt sehr melodisch. Liebliche Musik wäre alltäglich, ja, überflüssig. Deshalb bemühen sich unsere Komponisten, die gegenteilige Wirkung zu erzielen.«

»Das ist ihnen über jedes vorstellbare Maß gelungen.« Baroneß Melidere schüttelte sich. »Es hört sich an, als würde jemand in einem Eisenwerk ein Dutzend Schweine foltern.«

»Ich werde Eure Beschreibung dem Tondichter übermitteln, Baroneß«, versicherte Oscagne. »Sie wird ihn sehr glücklich machen.«

»Ich für meinen Teil wäre über ein möglichst rasches Ende eines Werkes glücklich, Exzellenz.«

Die riesige Flügeltür am Ende des scheinbar endlosen Korridors war mit Blattgold bedeckt. Sie schwang schwerfällig auf und gab den Blick in einen riesigen Saal mit Kuppeldecke frei. Da die Kuppel höher war als die Bauten ringsum, konnte das Tageslicht durch zolldicke Kristallfenster hoch oben fallen. Die Sonne schien durch diese Fenster; es sah aus, als würde sie an die Wände und den Boden von Kaiser Sarabians Thronsaal Feuer legen. Der Saal war von angemessen überwältigender Größe, und die perlmuttweiße Weite war durch Rot und Gold aufgelockert. Schwere rote Samtbehänge schmückten in regelmäßigen Abständen die schillernden Wände, und Stützsäulen waren mit Gold eingelegt. Ein breiter roter Läufer führte von der riesigen Tür zum Fuß des Throns. Im Saal drängten sich tamulische und elenische Hofleute.

Ein Fanfarentusch meldete das Eintreffen der Besucher, und Ordensritter und Peloi formierten sich mit militärischer Präzision um Königin Ehlana und deren Gefolge. Feierlichen Schrittes marschierten sie auf dem Läufer zum Thron Seiner Kaiserlichen Majestät, Sarabian von Tamul.

Der Beherrscher der halben Welt trug eine schwere, dicht mit Brillanten besetzte goldene Krone, und sein roter, vorne offener Umhang war mit breiten Goldborten verziert. Das Gewand darunter war von makellosem Weiß und um die Taille mit einem breiten Goldgürtel gerafft. Trotz der Pracht seines Thronsaals und seiner Gewandung war Sarabian von Tamul ein eher durchschnittlich aussehender Mann. Sein Teint war im Vergleich mit dem der Ataner blaß – wahrscheinlich, schloß Sperber, weil der Kaiser sich selten im Freien aufhielt. Er war von mittlerer Größe und Statur, und sein Gesicht war nichtssagend. Sein Blick jedoch war wacher, als Sperber erwartet hatte. Als Ehlana den Thronsaal betrat, erhob er sich ein wenig zögernd.

Oscagne war sichtlich überrascht. »Das ist erstaunlich«, flüsterte er. »Der Kaiser steht zur Begrüßung von Gästen niemals auf.«

»Wer sind die Damen, die sich um ihn scharen?« erkundigte Ehlana sich ebenso flüsternd.

»Seine Gemahlinnen«, antwortete Oscagne. »Die Kaiserinnen von Tamuli. Es gibt ihrer neun.«

»Das ist ungeheuerlich!« hauchte Bevier.

»Politische Gründe, Herr Ritter«, erklärte der Botschafter. »Ein gewöhnlicher Mann hat lediglich eine Gattin, der Kaiser dagegen muß eine Gemahlin aus jedem Reich seines Imperiums erwählen. Er darf keines bevorzugen.«

»Sieht so aus, als hätte eine der Kaiserinnen vergessen, sich fertig anzukleiden«, meinte Baroneß Melidere kritisch und starrte auf eine junge Frau mit heiterem Gesicht, die bis zur Taille unbekleidet war, was sie aber offenbar nicht zu stören schien. Ihr Wickelrock war von leuchtendem Rot, und eine Blume in gleichem Farbton zierte ihr Haar.

Oscagne schmunzelte.

»Das ist unsere Elysoun. Sie stammt von der Insel Valesia, und das ist die übliche Gewandung dort. Sie ist ein völlig unkompliziertes Mädchen, und wir alle lieben sie. Die üblichen Regeln ehelicher Treue haben nie für die valesische Kaiserin gegolten. Es ist eine Vorstellung, die den Valesianern fremd ist. Den Begriff der Sünde kennen sie nicht.«

Bevier schnappte hörbar nach Luft.

»Hat denn nie jemand versucht, es ihnen beizubringen?« fragte Emban.

»Aber ja, gewiß, Eminenz.« Oscagne grinste. »Kirchenmänner aus den elenischen Landen des Tamulischen Imperiums haben sich scharenweise nach Valesia begeben, um die Insulaner zu überzeugen, daß ihre Lieblingsbeschäftigung skandalös und sündhaft ist. Anfangs sind die Kirchenherrn voller Eifer, doch er hält nie sehr lange an. Die valesischen Mädchen sind allesamt von beachtlicher Schönheit und sehr freundlich. Es kommt fast unweigerlich dazu, daß die Elenier bekehrt werden. Die valesische Religion hat nur ein Gebot – seid glücklich.«

Emban seufzte. »Es gibt Schlimmeres.«

»Eminenz!« entsetzte sich Bevier.

»Werdet endlich erwachsen, Bevier«, sagte Emban. »Manchmal glaube ich, daß unsere Heilige Mutter Kirche ein wenig zu engstirnig urteilt, was bestimmte Bereiche menschlichen Verhaltens betrifft.«

Bevier errötete, und sein Gesicht nahm einen mißbilligenden Ausdruck an.

Auch die Hofleute im Thronsaal drückten die Stirn auf den Boden, wenn Ehlana an ihnen vorbeikam. Sie hatten soviel Übung darin, sich auf die Knie zu werfen, mit der Stirn den Boden zu berühren und sich wieder aufzurichten, daß ihre Demut beinahe elegant wirkte.

Ehlana, ganz in Königsblau gewandet, gelangte an den Thron und machte einen anmutigen Knicks. Ihre Miene zeigte deutlich, daß sie diese entwürdigende Sitte auf gar keinen Fall mitmachen würde.

Der Kaiser verneigte sich, und ein erstauntes Keuchen ging durch die Menge. Die kaiserliche Verneigung war akzeptabel, wenn auch etwas steif. Sarabian hatte offenbar geübt, doch Verbeugungen waren ungewohnt für ihn. Dann räusperte er sich und redete auf tamulisch – ziemlich viel und lange. Nur hin und wieder machte er eine Pause, damit sein Dolmetscher seine Worte ins Elenische übersetzten konnte.

»Paß auf, wo du hinschaust!« murmelte Ehlana Sperber zu. Ihre Miene verriet nichts, und ihre Lippen bewegten sich kaum.

»Ich hab' sie gar nicht angesehen!« wehrte er sich.

»Erzähl' mir nichts!«

Die Kaiserin Elysoun besaß die nahezu ungeteilte Aufmerksamkeit der Ordensritter und der Peloi, und das genoß sie offensichtlich. Ihre dunklen Augen blitzten, und ihr Lächeln war eine Spur herausfordernd. Sie stand nicht weit von ihrem kaiserlichen Gemahl entfernt und atmete tief – offenbar in einer Art Entspannungsübung, wie es bei ihrem Volk üblich war. Sie erwiderte die Blicke ihrer zahllosen Bewunderer ruhig und überlegend. Den gleichen Blick kannte Sperber von Ehlana, wenn sie Schmuck oder Gewänder auswählte. Er vermutete, daß Kaiserin Elysoun höchstwahrscheinlich für ein paar Probleme sorgen würde.

Kaiser Sarabians Rede war voll förmlicher Phrasen: Sein Herz quelle über. Ihm schwänden vor Freude die Sinne. Ehlanas Schönheit raube ihm die Worte. Er sei überwältigt von der Ehre, die sie ihm mit ihrem Besuch erweise. Er fände ihr Gewand bezaubernd.

Ehlana, die unangefochtene Königin des Wortes, gab rasch die Rede auf, an der sie seit Chyrellos gefeilt hatte, und antwortete mit gleicher Münze. Sie versicherte Sarabian, wie sehr sie von der Schönheit Matherions beeindruckt sei, daß dies unbestritten der Höhepunkt in ihrem Leben sei – Ehlana schien bei jeder Rede, die sie hielt, einen neuen Höhepunkt zu erleben. Sie bewunderte die unvergleichliche Schönheit der Gemahlinnen des Kaisers, vermied allerdings, Kaiserin Elysouns unübersehbare Vorzüge zu erwähnen. Und da es hier Mode zu sein schien, erklärte Ehlana, auch ihr würden vor Freude die Sinne schwinden. Sie dankte Sarabian überschwenglich für den herzlichen Empfang. Sie verlor jedoch kein Wort über das Wetter.

Kaiser Sarabian entspannte sich sichtlich. Er hatte offenbar befürchtet, die Königin von Elenien könnte unbeabsichtigt irgend etwas von Bedeutung sagen, worauf er etwas Bedeutsames antworten müßte, ohne zuvor seine Berater konsultieren zu können.

Er bedankte sich für ihren Dank.

Sie dankte ihm, daß er sich für ihren Dank bedankte.

Dann blickten sie einander an, denn diese Art von Dankesdank ist auch der ehrfürchtigsten Menge nur bis zu einem bestimmten Punkt vermittelbar.

Da räusperte sich ein Hofbeamter mit übertrieben gelangweilter Miene. Er war etwas größer als der durchschnittliche Tamuler, und sein Gesicht verriet nicht im geringsten, was er dachte.

Mit großer Erleichterung stellte Kaiser Sarabian ihn als seinen Reichsverweser, Pondia Subat, vor.

»Komischer Name«, murmelte Ulath, nachdem die Worte des Kaisers übersetzt waren. »Ob seine Freunde ihn wohl ›Pondi‹ nennen?«

»Pondia ist ein Adelstitel, Ritter Ulath«, erklärte Oscagne, »in etwa mit dem eines Herzogs vergleichbar. Hütet euch vor ihm, meine Herren. Er ist nicht euer Freund. Er behauptet, Elenisch nicht zu verstehen; aber ich bin ziemlich sicher, daß er es sogar recht gut beherrscht. Subat hat sich heftig gegen den Vorschlag ausgesprochen, Prinz Sperber nach Matherion einzuladen. Er begründete seine Ablehnung damit, daß es eine Erniedrigung des Kaisers wäre. Ich hörte, daß ihn fast der Schlag getroffen hat, als er des Kaisers Entschluß erfuhr, Königin Ehlana als Gleichgestellte zu behandeln.«

»Ist er gefährlich?« murmelte Sperber.

»Darüber bin ich mir nicht ganz im klaren, Hoheit. Er ist dem Kaiser blind ergeben, und ich frage mich manchmal selbst, wie weit seine Loyalität ihn treiben würde.«

Pondia Subat sprach ein paar Worte.

»Er sagt, er weiß, wie müde ihr von der anstrengenden Reise sein müßt«, übersetzte Oscagne, »und rät euch, die kaiserliche Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen und euch auszuruhen und zu erfrischen. Das ist eine recht geschickte Ausrede, die Audienz zu beenden, ehe irgend jemand vielleicht etwas sagt, das vom Kaiser eine Stellungnahme erfordern könnte, bevor Subat eine Möglichkeit hatte, ihn dabei zu beraten.«

»Das ist möglicherweise gar keine so schlechte Idee«, meinte Ehlana. »Bis jetzt ist alles recht gut gegangen. Vielleicht sollten wir es heute dabei bewenden lassen.«

»Ich richte mich ganz nach Euren Wünschen, Majestät«, versicherte Oscagne mit einem höfischen Kratzfuß.

Nach einem weiteren überschwenglichen Austausch von Phrasen zwischen den beiden Majestäten geleitete der Reichsverweser die Besucher aus dem Thronsaal. Unmittelbar außerhalb der Tür stiegen sie eine Treppe hinauf und schritten über einen Korridor, der direkt zur gegenüberliegenden Seite des Schlosses führte. Auf diese Weise kamen sie um das Vergnügen, noch einmal den Umweg durch die schier endlose Spirale zu nehmen.

Pondia Subat, der durch einen Dolmetscher mit den Besuchern sprach, wies unterwegs auf einige Sehenswürdigkeiten hin. Aber er ließ, für alle spürbar, jede Begeisterung vermissen. Ebenso deutlich war, daß er sich vorgenommen hatte, diese elenischen Barbaren auf den ihnen zustehenden Platz zu verweisen. Er rümpfte zwar nicht offen die Nase über sie, viel aber fehlte nicht. Nachdem er sie auf einem überdachten Spazierweg zu der schimmernden elenischen Burg geführt hatte, überließ er sie der Obhut Botschafter Oscagnes.

»Ist seine Einstellung hier in Matherion weit verbreitet?« fragte Emban den Botschafter.

»Keineswegs«, versicherte Oscagne. »Subat ist der Führer einer sehr kleinen Splittergruppe hier am Hof. Es handelt sich dabei um Erzkonservative, die seit fünfhundert Jahren keine neue Idee mehr gehabt haben.«

»Wie ist er Reichsverweser geworden, wenn er einer solchen Minderheit angehört?« fragte Tynian.

»Tamulische Politik ist ziemlich undurchsichtig, Ritter Tynian. Wir dienen dem Kaiser, und er ist in keiner Weise verpflichtet, in irgendeiner Sache auf unseren Rat zu hören. Der Vater Subats war ein enger Freund von Sarabians Vater, und Subats Ernennung zum Reichsverweser war mehr eine Geste des Sohnes denn eine Anerkennung überragender Leistungen. Subat ist ein brauchbarer Mann – solange nichts Ungewöhnliches eintritt. Dann kann es nämlich geschehen, daß er den Kopf verliert. Vetternwirtschaft ist ein großer Nachteil unserer Regierungsform. Das Oberhaupt unserer Kirche hatte in seinem ganzen Leben bestimmt noch keinen einzigen frommen Gedanken. Er kennt nicht einmal die Namen unserer Götter.«

»Wie bitte?« rief Emban bestürzt. »Soll das heißen, daß kirchliche Ämter vom Kaiser verliehen werden?«

»Natürlich. Es handelt sich dabei schließlich um Posten mit Amtsgewalt, und tamulische Kaiser geben keine Macht aus den Händen.«

Sie hatten die große Halle der Burg betreten, die wie die Haupthalle jeder anderen elenischen Burg aussah, von ihrer schillernden Perlmuttoberfläche abgesehen.

»Die Dienstboten hier sind Elenier«, erklärte Oscagne. »Ihr dürftet also keine Schwierigkeiten haben, von ihnen zu bekommen, was ihr ihnen auftragt. Tja, entschuldigt mich jetzt. Ich muß Seiner Kaiserlichen Majestät Bericht erstatten.« Er verzog das Gesicht. »Um ehrlich zu sein, ich bin nicht sehr erfreut darüber. Subat wird an Seiner Majestät Seite stehen und alles herunterspielen, was ich sage.« Er verbeugte sich vor Ehlana; dann wandte er sich um und ging.

»Ich fürchte, da kommt ein Problem auf uns zu«, sagte Tynian. »Das Protokoll scheint es uns unmöglich zu machen, offen mit dem Kaiser zu reden. Und wenn wir ihm nicht erzählen können, was wir entdeckt haben, ist nicht damit zu rechnen, daß er uns die nötige Bewegungsfreiheit einräumt.«

»Und die Feindseligkeit des Reichsverwesers verschlimmert alles noch«, fügte Bevier hinzu. »Es sieht ganz so aus, als hätten wir die halbe Welt durchquert, nur um unsere Hilfe anzubieten, um dann in diesem vornehmen Gefängnis festzusitzen.«

»Werfen wir erst einmal einen Blick hinter die Kulissen, ehe wir unserer Ungeduld Ausdruck verleihen«, riet Emban. »Oscagne weiß, was er tut, und er hat fast alles gesehen, was wir sahen. Ich bin sicher, es wird ihm gelingen, Sarabian die Dringlichkeit der Lage klarzumachen.«

»Wenn Ihr uns nicht benötigt, Majestät«, wandte Stragen sich an Ehlana, »werden Talen und ich Kontakt zu den hiesigen Dieben aufnehmen. Falls wir hier mit sinnlosen Formalitäten gegängelt werden, brauchen wir Hilfe, um Informationen zu bekommen.«

»Und wie wollt ihr euch mit den Berufskollegen verständigen?« fragte Khalad.

»Matherion ist eine sehr weltoffene Stadt, Khalad. Caalador verwies mich an mehrere Elenier, die bei den Dieben hier viel zu sagen haben.«

»Tut, was sein muß, Stragen«, sagte Ehlana, »aber seht zu, daß Ihr keine diplomatischen Verwicklungen herbeiführt.«

»Verlaßt Euch auf mich, Majestät.« Er grinste.

Die königliche Gemächerflucht im Schloß befand sich hoch oben im mittleren Turm. Natürlich war die Burg nur für dekorative Zwecke erbaut worden, doch da sie die getreue Nachbildung einer elenischen Festung war, hatten ihre Erbauer unwissentlich auch Verteidigungsanlagen errichten lassen, die sie vermutlich gar nicht erkannt hatten. Bevier war sehr erfreut darüber. »Ich könnte die Burg verteidigen«, erklärte er. »Ich bräuchte nur ein paar Fässer Teer und einige Maschinen, dann ließe sie sich mehrere Jahre halten.«

»Hoffen wir, daß es nicht dazu kommt, Bevier«, entgegnete Ehlana.

Später an diesem Abend, nachdem Sperber und seine erweiterte Familie den anderen gute Nacht gewünscht und sich in die königlichen Gemächer zurückgezogen hatten, machte der Prinzgemahl es sich in einem Sessel am Fenster bequem, während die Damen all die kleinen Dinge verrichteten, die Damen tun, ehe sie zu Bett gehen, und von denen viele einen praktischen Nutzen hatten, während andere völlig unverständlich waren.

»Es tut mir leid, Sperber«, sagte Ehlana, »aber ich mache mir Gedanken. Wenn die Kaiserin Elysoun so wahllos auf Männerfang ist, wie sich aus Oscagnes Worten schließen läßt, könnte sie uns in ziemliche Verlegenheit bringen. Denk nur mal an Kalten! Könntest du dir vorstellen, daß er die Art von Angebot ausschlagen würde, das Elysoun ihm möglicherweise machen wird – vor allem in ihrer Gewandung?«

»Ich werde mit Kalten reden«, versprach Sperber.

»Mit dem nötigen Nachdruck«, riet Mirtai. »Es ist manchmal nicht leicht, sich Kaltens Aufmerksamkeit zu versichern, wenn er abgelenkt ist.«

»Elysoun ist schamlos«, warf Baroneß Melidere ein.

»Sie ist aber sehr hübsch, Baroneß«, sagte Alean, »und ich glaube, aus ihrer Sicht verhält sie sich ganz normal. Sie weiß natürlich, daß ihr Körper schön ist. Aber es macht sie vermutlich einfach nur glücklich, andere an dieser Schönheit teilhaben zu lassen. Sie ist eher großzügig als schamlos.«

»Könnten wir uns nicht über etwas anderes unterhalten?« sagte Sperber verlegen.

Auf ein leises Klopfen hin ging Mirtai zur Tür, um festzustellen, wer Einlaß begehrte. Wie immer lag eine Hand der Atana um einen Dolchgriff, als sie öffnete.

Draußen stand Oscagne. Er trug einen Kapuzenumhang und befand sich in Begleitung eines ähnlich Vermummten. Die beiden traten rasch ein. »Schließt die Tür, Atana«, drängte der Botschafter aufgeregt. Seine Miene ließ seine übliche Gelassenheit völlig vermissen.

»Was habt Ihr für ein Problem, Oscagne?« fragte Mirtai barsch.

»Bitte, Atana Mirtai, schließt die Tür. Wenn irgend jemand herausfindet, daß mein Freund und ich hier sind, wird der Palast um uns zusammenstürzen!«

Sie schloß die Tür und verriegelte sie.

Plötzlich wußte Sperber, wer Oscagnes Begleiter war. Er erhob sich. »Willkommen, Kaiserliche Majestät«, wandte er sich an den Vermummten.

Kaiser Sarabian warf seine Kapuze zurück. »Wie, zum Teufel, konntet Ihr wissen, daß ich es bin, Prinz Sperber?« fragte er erstaunt. Sein Elenisch war fast akzentfrei. »Ich weiß, daß Ihr mein Gesicht nicht sehen konntet.«

»Das stimmt, Majestät. Aber ich konnte das Gesicht Botschafter Oscagnes sehen. Er zog eine Miene, als hätte er eine lebende Schlange dabei.«

Sarabian lachte. »Man hat mich schon vieles genannt, aber als Schlange hat man mich noch nie bezeichnet.«

»Majestät, Ihr seid ungemein geschickt«, lobte Ehlana ihn mit einem anmutigen Knicks. »Keine Regung in Eurer Miene hat mir verraten, daß Ihr Elenisch versteht. Bei Königin Betuana habe ich es erkannt, doch bei Euch deutete nicht einmal ein Wimpernzucken darauf hin.«

»Betuana spricht Elenisch?« wunderte Sarabian sich. »Erstaunlich.« Er nahm seinen Umhang ab. »Es ist so, Majestät«, sagte er zu Ehlana, »ich beherrsche alle Sprachen meines Imperiums – Tamulisch, Elenisch, Styrisch, Teganisch, Arjunisch, Valesisch und auch diese gräßliche Sprache der Cynesga. Das ist eines der bestgehüteten Staatsgeheimnisse, das ich sicherheitshalber sogar vor meinen Regierungsbeamten bewahre.« Er lächelte amüsiert. »Ich nehme an, ihr alle habt mich nicht für sonderlich klug gehalten.«

»Ihr habt uns tatsächlich geschickt getäuscht, Majestät«, versicherte Melidere.

Er strahlte sie an. »Reizendes Mädchen.« Jetzt grinste er. »Es macht mir großen Spaß, andere derart zu täuschen, und es gibt viele Gründe, diese List anzuwenden, meine Freunde. Doch sie sind hauptsächlich politischer Natur und nicht sehr erfreulich. Aber wollen wir zur Sache kommen? Ich kann meinen Gemächern nicht lange fernbleiben, ohne vermißt zu werden.«

»Liebend gern, Majestät«, versicherte Ehlana.

»Gewiß seid Ihr verwundert, Ehlana. – Ihr habt doch nichts dagegen, wenn wir uns alle beim Namen nennen, oder? Dieses ständige ›Majestät‹ ist ausgesprochen umständlich. – Wo war ich? Ach ja. In Matherion bin ich mehr oder weniger der Gefangene von Protokoll und Tradition. Das ist der Grund, mich auf diese Weise zu euch zu stehlen. Meine Rolle ist genau umrissen, und wenn ich gewisse Schranken überschreite, bebt die Erde von hier bis zum Meerbusen von Dakonien. Ich könnte diese Beben zwar unbeachtet lassen, aber ich fürchte, daß unser gemeinsamer Feind sie ebenfalls spürt, und es wäre nicht klug, ihn solcherart vorzuwarnen.«

»Allerdings«, pflichtete Sperber ihm bei.

»Hört auf, mich so anzugaffen, Oscagne«, rügte Sarabian den Botschafter. »Ihr habt nichts von meiner Maskerade gewußt, weil es mir bisher nicht notwendig erschien, Euch einzuweihen. Jetzt aber ist es erforderlich. Also reißt Euch zusammen! Der Außenminister muß so kleine Überraschungen verkraften können!«

»Es geht nur nicht so schnell, völlig umzudenken, Majestät.«

»Ihr habt mich für einen Schwachkopf gehalten, stimmt's?«

»Nun …«

»Das solltet Ihr auch, Oscagne – Ihr und Subat und die übrigen Minister. Das war mein wichtigster Schutz – und mein Vergnügen.

In Wirklichkeit bin ich ein wahres Genie, alter Junge.« Er lächelte Ehlana an. »Das hört sich eingebildet an, nicht wahr? Aber es stimmt. Eure Sprache habe ich in drei Wochen gelernt, Styrisch in vier Wochen. Ich kann in den abstrusesten Abhandlungen über elenische Theologie logische Fehler aufspüren, und ich habe wahrscheinlich alles gelesen – und verstanden –, was je geschrieben wurde. Meine größte Leistung bestand jedoch darin, das alles geheimzuhalten. Die Beamten, die sich meine Regierung nennen – das soll keine Beleidigung sein, Oscagne –, haben sich offenbar verschworen, alles von mir fernzuhalten. Sie sprechen nur über Dinge zu mir, von denen sie glauben, daß ich sie hören möchte. Ich muß selbst aus dem Fenster blicken, wenn ich wissen will, wie das Wetter ist. Natürlich handeln sie aus den edelsten Motiven. Sie wollen mir jede Aufregung ersparen. Doch ich halte es für besser, daß es mir jemand sagen sollte, wenn das Schiff untergeht, auf dem ich mich befinde, meint Ihr nicht auch?« Sarabian redete sehr schnell und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Seine Augen glänzten, und er war offensichtlich sehr aufgeregt. »Aus diesem Grund«, fuhr er hastig fort, »müssen wir uns eine Möglichkeit ausdenken, wie wir uns verständigen können, ohne gleich jedermanns Nase im Schloß darauf zu stoßen, bis hinunter zum Küchenjungen. Ich muß unbedingt wissen, was wirklich geschieht, damit ich meine überragenden Geisteskräfte darauf ansetzen kann.« Letzteres sagte er entwaffnend ironisch. »Irgendwelche Vorschläge?«

»Was haltet Ihr von Magie, Majestät?« fragte Sperber.

»Ich habe mir noch keine Meinung darüber gebildet, Sperber.«

»Dann geht es nicht. Ihr müßt daran glauben, daß ein Zauber wirkt.«

»Vielleicht könnte ich mich dazu bringen, an Magie zu glauben«, sagte Sarabian, wenngleich ein wenig zweifelnd.

»Das würde wahrscheinlich nicht viel nützen, Majestät«, erklärte Sperber. »In diesem Fall würden die Zauber je nach Eurer Stimmung wirken oder nicht. Wir brauchen jedoch mehr Sicherheit. Wir werden Euch Dinge von so großer Wichtigkeit mitteilen müssen, daß wir uns nicht auf das Glück verlassen dürfen.«

»Ganz meine Meinung, Sperber. Das ist also unser Problem. Wir brauchen eine vollkommen sichere Methode, Informationen auszutauschen, von der niemand ahnt. Meine Erfahrung sagt mir, daß es sich dabei um eine Methode handeln muß, die so alltäglich ist, daß keiner ihr Beachtung schenkt.«

»Wir könnten Geschenke austauschen«, meinte Baroneß Melidere.

»Es wäre mir eine Freude, Euch Geschenke zu schicken, meine teure Baroneß.« Sarabian lächelte. »Eure Augen erfreuen mein Herz, aber …«

Sie hob eine Hand. »Verzeiht, Majestät«, unterbrach sie ihn, »aber nichts ist unverdächtiger als der Austausch von Geschenken unter Monarchen. Ich kann kleine Aufmerksamkeiten der Königin zu Euch bringen, und der Botschafter die Euren zu ihr. Nach kurzer Zeit wird niemand mehr darauf achten. In diesen Geschenken könnten wir Nachrichten verbergen, und keiner wird es wagen, danach zu su chen.«

»Wo habt Ihr dieses wundervolle Mädchen gefunden, Ehlana?« fragte Sarabian. »Ich würde sie auf der Stelle heiraten – wenn ich nicht bereits neun Gemahlinnen hätte. Ach, übrigens möchte ich mit Euch darüber sprechen, Sperber – ganz unter uns, vielleicht?« Er blickte sich um. »Sieht irgendwer irgendwelche Schwächen im Plan der Baroneß?«

»Nur eine«, sagte Mirtai, »aber darum kann ich mich kümmern.«

»Und welche Schwäche wäre das, Atana?« fragte der Kaiser.

»Es könnte schließlich doch jemand bei diesem Austausch von Geschenken mißtrauisch werden – vor allem, wenn es häufiger geschieht. Wenn Melidere die Geschenke überbringt, werde ich sie stets begleiten und dafür sorgen, daß niemand uns anhalten wird.«

»Ausgezeichnet, Atana. Großartig! – Aber jetzt sollten wir zurückkehren, Oscagne. Subat vermißt mich schrecklich, wenn ich nicht genau dort bin, wo er es erwartet. – Noch etwas, Sperber. Habt die Güte und stellt ein paar Eurer Ritter zur Unterhaltung meiner Gemahlin Elysoun ab.«

»Wie bitte, Majestät?«

»Jung, gutaussehend und mit möglichst viel Stehvermögen – Ihr wißt schon, was ich meine.«

»Reden wir, wovon ich glaube, daß wir reden, Majestät?«

»Natürlich. Elysoun liebt es, Geschenke und kleine Freuden auszutauschen, und sie wäre bitter enttäuscht, wenn niemand sich mit ihr beschäftigen möchte.«

»Äh – wie viele Männer braucht sie in etwa, Majestät?«

»Ein gutes Dutzend dürfte wohl genügen. – Gehen wir, Oscagne?« Und schon eilte der Kaiser von Tamuli zur Tür.