11

Der nächste Morgen dämmerte mit starkem Wind und versprach keine Wetterbesserung. Sperber und seine Begleiter frühstückten hastig und machten sich zum Aufbruch bereit. Der Baron und seine Familie lagen noch in den Betten, und keiner ihrer Gäste war in Stimmung, ihnen ein herzliches Lebewohl zu sagen. Knapp eine Stunde nach Sonnenaufgang brachen sie auf und ritten im meilenfressenden Kanter nordostwärts auf der Landstraße nach Darsas. Obwohl keiner es aussprach, wollten sie so schnell wie möglich fort, ehe ihre Gastgeber auf die Idee kamen, sie zu verfolgen, um wortreich Abschied zu nehmen.

Im Lauf des Vormittags erreichten sie die weiße Steinsäule, welche die östliche Grenze der Ländereien des Barons markierte. Alle atmeten erleichtert auf. Die Kolonne ritt nun langsamer weiter, und Sperber sowie die anderen Ritter hielten sich dicht an der Karosse.

Ehlanas Kammerzofe Alean weinte, und sowohl die Königin wie Baroneß Melidere bemühten sich, sie zu trösten.

»Sie hat ein so sanftes Gemüt«, erklärte Melidere auf Sperbers Frage nach dem Grund für die Tränen des Mädchens. »Die entsetzlichen Verhältnisse in diesem furchtbaren Haus haben sie tief erschüttert.«

»Hat jemand etwas Ungehöriges zu Euch gesagt?« fragte Kalten die schluchzende Zofe. Sein Verhalten Alean gegenüber war ungewöhnlich. Seit man Kalten klargemacht hatte, die Finger von dem Mädchen zu lassen, war er beinahe fanatisch darauf bedacht, sie zu beschützen. »Falls Euch jemand beleidigt hat, reite ich zurück und bringe ihm Manieren bei.«

»Nein, Herr Ritter«, antwortete das Mädchen bedrückt, »nichts dergleichen. Es ist nur so, daß sie alle an diesem schrecklichen Ort wie in einer Falle sitzen. Sie hassen einander, aber sie müssen den Rest ihres Lebens beisammenbleiben, und sie werden einander ohne Unterlaß quälen, bis sie alle tot sind.«

»Vielleicht haben diese Kreaturen den Zorn der Götter heraufbeschworen«, bemerkte Sperber und vermied es, seine Tochter dabei anzusehen. »Also, jeder von uns hatte Gelegenheit, sich mit den Angehörigen des Barons zu unterhalten. Hat irgend jemand etwas Interessantes aufgeschnappt?«

»Die Leibeigenen stehen kurz vor der Revolte«, sagte Khalad. »Ich habe mich in den Stallungen und Nebengebäuden umgesehen und mit den Leuten gesprochen. Der Vater der Baronin war ein gütiger Herr, wie's scheint; die Leibeigenen haben ihn geliebt. Doch nach dem Tod des Alten zeigte Kotyk sein wahres Gesicht. Er kann sehr brutal sein und greift gern nach der Knute.«

»Was ist eine Knute?« wollte Talen wissen.

»Eine Art Geißel«, antwortete sein Halbbruder düster.

»Eine Peitsche?«

»Ja, aber es steckt mehr dahinter. Leibeigene sind nicht gerade arbeitswütig – was man durchaus verstehen kann. Und sie sind wahre Künstler, wenn es darum geht, Dummheit oder Krankheit oder Verletzungen vorzutäuschen. Ich nehme an, sie haben es als eine Art Spiel betrachtet. Die Herren wußten, was ihre Leibeigenen ausheckten, und die Leibeigenen wußten, daß sie nicht wirklich jemanden täuschen konnten. Ich glaube sogar, es hat allen Beteiligten Spaß gemacht – bis die Herren vor ein paar Jahren des Spiels plötzlich überdrüssig wurden. Statt die Leibeigenen wie gewohnt durch Überredung oder Schliche zum Arbeiten zu bewegen, griff der Landadel nun zur Knute. Die Herren brachen mit tausend Jahren Tradition und wurden über Nacht gewalttätig – und das können die Leibeigenen nicht begreifen. Kotyk ist nicht der einzige Landherr, der seine Leibeigenen mißhandelt. Die Leute sagen, daß es in ganz Westastel so ist. Leibeigene neigen zur Übertreibung; aber offenbar sind alle überzeugt, daß ihre Herren mit voller Absicht zu brutalen Mitteln greifen, um die alten Rechte abzuschaffen und die Leibeigenen in die Sklaverei zu treiben. Ein Leibeigener kann nicht verkauft werden, wohl aber ein Sklave. Das ist eins der Hauptargumente, mit denen dieser ›Säbel‹ die Leute für sich gewinnt. Sagt man zu einem Mann, daß jemand vorhat, seine Frau und Kinder zu verkaufen, kann man sicher sein, daß er auf die Barrikaden geht.«

»Das paßt aber nicht so recht zu dem, was Baron Kotyk mir erzählte«, warf Patriarch Emban ein. »Der Baron trank vergangene Nacht mehr, als gut für ihn war, und er sagte so manches, was er ansonsten bestimmt für sich behalten hätte. Seiner Meinung nach hat dieser Säbel in Wahrheit die Absicht, die Tamuler aus Astel zu vertreiben. Um ehrlich zu sein, Sperber, ich konnte nicht recht glauben, was der Dieb in Esos über Säbel erzählte, aber dieser Mann hat zweifellos das Ohr der Edelleute. Er reitet auf den rassischen und religiösen Unterschieden zwischen Eleniern und Tamulern herum. Kotyk nannte die Tamuler mehrmals ›gottlose gelbe Hunde‹.«

»Wir haben Götter, Eminenz«, protestierte Oscagne milde. »Wenn Ihr mir ein bißchen Zeit zum Nachdenken gebt, fallen mir vielleicht sogar ein paar Namen ein.«

»Unser Freund Säbel ist sehr geschickt«, meinte Tynian. »Er hat Parolen sowohl für die Edelleute als auch für die Leibeigenen.«

»Ich glaube, das nennt man ›mit gespaltener Zunge reden‹«, bemerkte Ulath.

»Ich finde, das Reich sollte schleunigst herausfinden, wer dieser Säbel ist«, sagte Oscagne nachdenklich. »Etwas anderes wird man von uns ohnehin nicht erwarten. Wir brutalen Unterdrücker und gottlosen gelben Hunde möchten immer wissen, wer die Aufwiegler und Unruhestifter sind.«

»Damit ihr sie schnappen und aufhängen könnt?« fragte Talen anklagend.

»Nicht unbedingt, junger Mann. Naturtalente darf man nicht vergeuden. Ich bin sicher, wir finden Verwendung für diesen offensichtlich begabten Burschen.«

»Aber er haßt Euer Reich, Exzellenz!« gab Ehlana zu bedenken.

»Das muß nicht unbedingt etwas besagen, Majestät.« Oscagne lächelte. »Die Tatsache, daß jemand das Reich haßt, macht ihn nicht gleich zum Verbrecher. Jeder, der gesunden Menschenverstand besitzt, haßt das Reich, mitunter sogar der Kaiser. Das Auftauchen von Revolutionären ist ein deutlicher Hinweis darauf, daß in der betreffenden Provinz keineswegs alles so ist, wie es sein müßte. Ein Revolutionär hat es auf seine Fahne geschrieben, auf Mißstände aufmerksam zu machen. Somit ist es auf lange Sicht einfacher, ihn gewähren und die Dinge in seinem Sinne regeln zu lassen. Ich kenne mehr als einen ehemaligen Revolutionär, der ein guter Provinzstatthalter geworden ist.«

»Das ist eine interessante Einstellung, Exzellenz«, sagte Ehlana, »aber wie bringt man Leute, die einen hassen, dazu, für einen zu arbeiten?«

»Man überlistet sie, Majestät. Man fragt sie ganz einfach, ob sie glauben, daß sie es besser machen könnten. Und das glauben sie ausnahmslos. Also braucht man ihnen bloß zu sagen, sie sollen es versuchen. Für gewöhnlich dauert es ein paar Monate, bis sie erkennen, daß sie benutzt wurden. Wenn Ihr Statthalter einer Provinz seid, habt Ihr das schlimmste Amt auf der Welt. Jedermann haßt Euch.«

»Wie paßt dieser Ayachin ins Bild?« fragte Bevier.

»Ich nehme an, er ist die einigende Kraft«, meinte Stragen. »Wie Fyrchtnfles in Lamorkand.«

»Nur eine Galionsfigur?« sagte Tynian.

»Wahrscheinlich. Man kann schließlich nicht ernsthaft erwarten, daß ein Held aus dem neunten Jahrhundert etwas von der heutigen Politik versteht.«

»Trotzdem ist das Ganze ein Rätsel«, meinte Ulath. »Die Edelleute haben eine andere Vorstellung von ihm als die Leibeigenen. Säbel muß zwei verschiedene Geschichten unter die Leute bringen. Wer war dieser Ayachin denn wirklich?«

Nun ergriff Emban das Wort. »Kotyk erzählte mir, er sei ein kleiner Edelmann gewesen, und ein großer Anhänger der astelischen Kirche. Im neunten Jahrhundert drangen von der Kirche fanatisierte Eosier ins Land ein. Euer Dieb in Esos hatte zumindest damit recht. Für die Asteler ist die Verehrung unserer Heiligen Mutter in Chyrellos Ketzerei. Ayachin hat angeblich die Edelleute um sich geschart und schließlich einen großen Sieg in den Astelischen Sümpfen errungen.«

»Die Version der Leibeigenen lautet anders«, warf Khalad ein. »Sie erzählen, daß Ayachin einer der ihren war, ein Leibeigener, der sich als Edelmann ausgab, und daß sein wahres Ziel die Befreiung vom Joch der Landherren war. Die Leibeigenen behaupten, den Sieg in den Sümpfen hätten sie errungen, nicht die Edelleute. Später, als die Edelleute herausfanden, wer Ayachin wirklich war, ließen sie ihn ermorden.«

»Dann ist er wirklich die perfekte Galionsfigur«, meinte Ehlana. »Offenbar war er so vielseitig, daß er für alle etwas zu bieten hat.«

Emban runzelte die Stirn. »Die Mißhandlung der Leibeigenen ergibt keinen Sinn. Leibeigene sind nicht sonderlich fleißig, aber es gibt ihrer so viele, daß man lediglich mehr von ihnen für eine bestimmte Arbeit abstellen muß, dann wird sie letztlich doch erledigt. Mißhandelt man die Leibeigenen, bringt man sie nur gegen sich auf. Das weiß selbst ein Schwachkopf. Sperber, gibt es irgendeinen Zauber, der die Edelleute veranlaßt haben könnte, einen so selbstmörderischen Weg einzuschlagen?«

»Nicht, daß ich wüßte.« Sperber ließ den Blick über die anderen Ritter schweifen, und alle schüttelten den Kopf. Prinzessin Danae hingegen nickte unmerklich und deutete Sperber damit an, daß es einen solchen Zauber durchaus geben könne. »Ich würde die Möglichkeit jedoch nicht von der Hand weisen, Eminenz«, fuhr Sperber daraufhin fort. »Daß keiner von uns von einem solchen Zauber gehört hat, schließt ja nicht aus, daß es ihn gibt. Falls jemand hier in Astel an Aufruhr interessiert ist, käme ihm bestimmt nichts gelegener, als ein Aufstand der Leibeigenen; und wenn alle Landedelleute gleichzeitig anfangen, ihre Leibeigenen mit der Knute zu bestrafen, ist das der perfekte Schachzug, ein Revolte auszulösen.«

»Und dieser Säbel steckt offenbar dahinter«, sagte Emban. »Er wiegelt die Edelleute gegen die gottlosen gelben Hunde auf – verzeiht, Oscagne – und gleichzeitig die Leibeigenen gegen ihre Herren. Hat irgend jemand etwas über diesen Mann erfahren können?«

»Elron hat der Wein gestern ebenfalls sehr redselig gemacht«, sagte Stragen. »Er hat Sperber und mir erzählt, daß Säbel des Nachts maskiert unterwegs ist und seine Reden hält.«

»Das kann doch nicht wahr sein!« rief Bevier ungläubig.

»Ziemlich pathetisch, nicht wahr? Wir haben es hier offenbar mit einem kindlichen Gemüt zu tun. Elron ist jedenfalls überwältigt von soviel Melodramatik.«

»Kann ich mir denken!« Bevier seufzte.

»Das alles hört sich ein wenig wie das Produkt eines drittklassigen Poeten an, nicht wahr?« Stragen lächelte.

»Das ist Elron ja auch.« Tynian nickte.

»Du schmeichelst ihm«, brummte Ulath. »Der Kerl hat mich gestern in die Enge getrieben und mir einige seiner Verse vorgetragen. ›Drittklassig‹ ist eine gewaltige Übertreibung.«

Sperber grübelte. Aphrael hatte ihm versichert, daß jemand in Kotyks Haus irgend etwas Wichtiges sagen würde, doch von der Enthüllung diverser häßlicher Charakterfehler abgesehen hatte niemand ihm irgend etwas Welterschütterndes eröffnet. Doch plötzlich fiel Sperber ein, daß Aphrael ja nicht gesagt hatte, er würde der Empfänger dieser wichtigen Information sein. Jeder konnte irgend etwas aufgeschnappt haben.

Sperber überlegte. Am einfachsten wäre es, seine Tochter zu fragen. Dann aber würde er sich einige wenig schmeichelhafte Bemerkungen über sein beschränktes Begriffsvermögen anhören müssen. Also beschloß er, es lieber selbst herauszubekommen.

Der Karte nach würden sie für ihre Reise zur Hauptstadt Darsas etwa zehn Tage brauchen. In Wirklichkeit benötigten sie natürlich viel weniger Zeit.

»Was machst du mit den Leuten, die uns sehen, wenn wir uns auf diese Weise fortbewegen?« fragte er Danae, während sie in ihrem magischen Tempo dahinzogen. »Ich kann mir vage vorstellen, wie du unseren Begleitern vorgaukelst, wir würden ganz normal dahinreiten. Aber was ist mit Fremden?«

»Wenn Fremde in der Nähe sind, bewegen wir uns nicht so, Sperber«, antwortete sie. »Aber sie würden uns ohnehin nicht sehen. Dazu sind wir viel zu schnell.«

»Du hältst also die Zeit an, so wie Ghnomb es in Pelosien getan hat?«

»Nein, eigentlich tue ich genau das Gegenteil. Ghnomb ließ die Zeit erstarren, und ihr mußtet euch durch eine endlose Sekunde kämpfen, während ich …« Sie blickte ihren Vater nachdenklich an. »Ich erkläre es dir ein andermal«, beschloß sie. »Wir werden immer nur für einige Meilen schneller; wir reiten eine Zeitlang normal und erhöhen das Tempo dann wieder für kurze Zeit. Daß es perfekt harmoniert, ist nicht leicht. Aber es ist eine interessante Beschäftigung auf der langen, öden Reise.«

»Wurde beim Grafen das Wesentliche, das Wichtige, von dem du gesprochen hast, eigentlich gesagt?« fragte Sperber schließlich doch.

»Ja.«

»Was war es?« Er beschloß, seiner Würde ein paar Wunden zuzumuten.

»Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß es wesentlich sein würde und daß jemand es sagen würde; aber Einzelheiten kenne ich nicht.«

»Dann bist du nicht allwissend?«

»Das habe ich nie behauptet.«

»Wäre es möglich, daß die wichtige Information in vereinzelten Gesprächsfetzen geäußert wurde? Beispielsweise ein oder zwei Worte an Emban, ein paar an Stragen und mich, und einige weitere an Khalad? Und wir müssen sie alle zusammenfügen, um das ganze Bild zu bekommen?«

Sie dachte darüber nach. »Das ist brillant, Vater!« rief sie.

»Danke.« Dann hatten ihre gemeinsamen Überlegungen am Vormittag also doch etwas gebracht. Sperber stieß ein wenig weiter vor: »Gibt es hier in Astel jemanden, der das Verhalten der Leute verändert?«

»Ja, aber das ist immer so.«

»Als die Landherren ihre Leibeigenen zu mißhandeln begannen, war es gar nicht ihre eigene Idee?«

»Natürlich nicht. Absichtliche, berechnende Grausamkeit erfordert großen Einsatz. Man muß sich darauf konzentrieren, und dazu sind die Asteler zu faul. Die Grausamkeit wurde ihnen aufgezwungen.«

»Könnte ein styrischer Magier das getan haben?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nicht alle zugleich. Nur einen nach dem anderen. Ein Styriker hätte einen Edelmann auswählen und in ein grausames Ungeheuer verwandeln können.« Sie dachte kurz nach. »Vielleicht sogar zwei gleichzeitig«, verbesserte sie sich. »Im Höchstfall drei. Aber darüber hinaus gäbe es zu viele Unbekannte, als daß ein Sterblicher sie hätte ins Kalkül ziehen können.«

»Dann ist es ein Gott? Oder mehrere Götter?«

»Habe ich das nicht gerade gesagt?«

»Und der Zweck des Ganzen besteht darin, bei den Leibeigenen Wut und Haß zu wecken, so daß sie für revolutionäre Einflüsterungen reif sind?«

»Deine Logik ist umwerfend, Sperber.«

»Und der plötzliche, gegen die Tamuler gerichtete Groll? Hat er denselben Ursprung?«

»Ja, und er begann wahrscheinlich zur gleichen Zeit«, bestätigte sie. »Es ist leichter, alles gleichzeitig zu tun. Immer wieder in denselben Verstand eindringen zu müssen, ist langweilig.«

Sperber hatte einen plötzlichen Einfall. »An wie viele Dinge kannst du gleichzeitig denken?« fragte er.

»Das habe ich nie gezählt. Mehrere tausend, würde ich sagen. Im Grunde gibt es natürlich keine Beschränkung. Ich glaube, ich könnte an alles gleichzeitig denken, wenn ich es wirklich möchte. Ich werde es mal versuchen, dann kann ich es dir sagen.«

»Das ist also der eigentliche Unterschied zwischen uns, nicht wahr? Du kannst an mehr Dinge gleichzeitig denken als ich.«

»Das ist einer der Unterschiede.«

»Nenn mir einen weiteren.«

»Du bist männlichen und ich weiblichen Geschlechts.«

»Das ist ziemlich offensichtlich – und nicht von allzu großer Bedeutung.«

»Da täuschst du dich, Sperber. Es ist von viel, viel größerer Bedeutung, als du dir je vorstellen könntest.«

Nachdem sie den Fluß Antun überquert hatten, gelangten sie in eine dicht bewaldete Gegend; da und dort ragten schroffe Felsen zwischen den Bäumen hervor. Das Wetter ließ nach wie vor zu wünschen übrig; es blieb stürmisch und gewitterschwanger, doch es regnete nicht.

Krings Peloi fühlten sich in den Wäldern gar nicht wohl. Nervös um sich blickend, blieben sie alle dicht bei den Ordensrittern.

»Darauf sollten wir künftig achten«, sagte Ulath am Spätnachmittag. Er deutete mit einem Ruck seines Kinns auf zwei barbarisch aussehende, kahlgeschorene Krieger, die Berit so dichtauf folgten, daß ihre Pferde beinahe auf die Hinterhufe des Hengstes trampelten, auf dem der junge Ordensritter saß.

»Worauf?« fragte Kalten ihn verständnislos.

»Die Peloi nicht in einen Wald zu führen.« Ulath machte eine Pause und lehnte sich im Sattel zurück. »Ich lernte eines Sommers ein Mädchen in Heid kennen, das ebenfalls schreckliche Angst vor dem Wald hatte. Die jungen Männer aus der Stadt verloren das Interesse an ihr, obwohl sie eine Schönheit war. Heid ist eine übervölkerte Kleinstadt, wo man in den Häusern auf Schritt und Tritt über Tanten, Großmütter und jüngere Brüder stolpert. Die jungen Männer hatten erkannt, daß man in der Gegend nur in den Wäldern die Möglichkeit finden konnte, ungestört zu sein, doch dieses Mädchen weigerte sich, auch nur in die Nähe eines Waldes zu gehen. Dann machte ich eine erstaunliche Entdeckung. Das Mädchen hatte zwar Angst vor dem Wald, aber Heuböden konnten sie nicht schrecken. Ich habe sie oft auf die Probe gestellt, doch sie zeigte niemals Scheu davor. Vor Ziegenställen übrigens auch nicht.«

»Ich sehe da keinen Zusammenhang«, brummte Kalten. »Wir sprachen darüber, daß die Peloi Angst vor dem Wald haben. Falls uns hier, in diesem Wald, jemand überfällt, werden wir wohl kaum die Zeit haben, schnell eine Scheune für die Peloi zu bauen.«

»Ich fürchte, da hast du recht«, murmelte Ulath »Also gut. Wo ist dann der Zusammenhang?«

»Keine Ahnung.«

»Warum hast du mir dann diese Geschichte erzählt?«

»Weil es eine sehr romantische Geschichte ist, findest du nicht?« fragte Ulath gekränkt.

Kalten verdrehte seufzend die Augen.

Talen kam an die Spitze galoppiert. »Ich glaube, Ihr solltet zur Karosse zurückkommen, meine Herren Ritter.« Er bemühte sich, ein Lachen zu unterdrücken.

»Was ist los?« fragte ihn Sperber.

»Wir haben Besuch – na ja, nicht direkt Besuch, aber wir werden beobachtet.«

Sperber und die anderen wendeten ihre Pferde und ritten an der Kolonne entlang zur Karosse zurück.

»Das müßt Ihr Euch ansehen, Sperber!« Auch Stragen versuchte ein Lachen zu unterdrücken. »Macht es nicht zu auffällig, wenn Ihr hinschaut – ganz oben auf dem Felsen links der Straße ist ein Reiter.«

Sperber beugte sich vor, als würde er zu seiner Gemahlin sprechen; dabei hob er den Blick, um zu dem zerklüfteten Felsen hinaufzuschauen, der sich aus dem Waldboden hob.

Der Reiter befand sich etwa vierzig Meter entfernt und war durch die untergehende Sonne im Hintergrund deutlich zu sehen. Er machte keine Anstalten, sich zu verbergen. Der Mann saß auf dem Rücken eines nachtschwarzen Rappen und trug ebenso schwarze Kleidung. Der starke Wind fächerte seinen Umhang hinter ihm aus, konnte jedoch den breitkrempigen Hut nicht bewegen, den der Mann tief in die Stirn gezogen hatte. Eine beutelartige schwarze Maske mit leicht verrutschten Augenöffnungen bedeckte sein Gesicht.

»Ist das nicht das Lächerlichste, das Ihr je gesehen habt?« Stragen grinste.

»Sehr beeindruckend«, murmelte Ulath. »Zumindest ist er beeindruckt.«

»Ich wünschte, ich hätte eine Armbrust«, brummte Kalten. »Berit, meinst du, du könntest ihn mit einem Pfeil ein wenig ankratzen?«

»Das ist bei diesem Wind zu riskant, Kalten«, entgegnete der junge Ritter. »Wenn mein Pfeil abgelenkt wird, könnte er den Mann versehentlich töten.«

»Wie lange will er dort oben herumsitzen?« fragte Mirtai.

»Wahrscheinlich, bis er sicher ist, daß jeder aus unserer Kolonne ihn gesehen hat«, vermutete Stragen. »Er hat sich viel Mühe gemacht, sich so herauszuputzen. Was meint Ihr, Sperber? Könnte es der Kerl sein, von dem Elron uns erzählt hat?«

»Der eindrucksvollen Maske nach schon möglich«, stimmte Sperber ihm zu. »Der Rest läßt allerdings zu wünschen übrig.«

»Was ist los?« fragte Emban.

»Falls Sperber und ich uns nicht irren, Eminenz, haben wir die Ehre, eine lebende Legende bewundern zu dürfen. Ich glaube, der Mann dort ist Säbel, der maskierte Was-auch-immer auf seiner abendlichen Runde.«

»Was in aller Welt tut er?« fragte Oscagne verblüfft.

»Ich nehme an, er ist unterwegs, für das Unrecht einzutreten, den Unterdrückten jede Hoffnung zu rauben und sich ganz allgemein zum Esel zu machen, Eminenz. Sieht ganz so aus, als hätte er großen Spaß dabei.«

Der maskierte Reiter ließ sein Pferd dramatisch tänzeln, und sein schwarzer Umhang wirbelte um ihn. Dann ritt er die andere Seite des Felsens hinunter und war verschwunden.

»Wartet!« mahnte Stragen, ehe die anderen sich rühren konnten.

»Worauf?« fragte Kalten.

»Horcht!«

Von irgendwo hinter dem Felsen erschallte der blecherne Klang eines Horns, der in einem ausgesprochen unmelodischen Kreischen endete.

»Er mußte einfach ein Horn haben«, erklärte Stragen. »Keine derartige Vorstellung wäre ohne Horn denkbar.« Er lachte. »Wenn er fleißig übt, gelingt ihm irgendwann vielleicht sogar eine Melodie.«

Darsas war eine altertümliche Stadt am Ostufer des Astels. Die Brücke, die zur Ortschaft führte, war ein steinerner Bogen, der seinen Zweck gewiß schon mehrere tausend Jahre erfüllte, und die meisten Häuser der Stadt schienen nicht jünger zu sein. Die mit Kopfsteinen gepflasterten Straßen waren eng und gewunden, wahrscheinlich folgten sie Pfaden, auf denen man Äonen zuvor Kühe zur Tränke getrieben hatte. Obwohl ihre Altertümlichkeit seltsam anmutete, besaß Darsas doch irgend etwas Vertrautes. Die Stadt war beinahe der Urtyp einer elenischen Ansiedlung, deren besondere Architektur in Sperber ein tiefes Gefühl der Vertrautheit erweckte.

Botschafter Oscagne führte die Gruppe durch eine enge Straße und einen überfüllten Basar zu einem beeindruckenden Platz in der Mitte der Stadt. Er deutete auf ein Bauwerk wie aus einem Märchen, mit einem breiten Tor und hohen Türmen, die mit bunten Bannern geschmückt waren.

»Der Königspalast«, sagte Oscagne zu Sperber. »Ich werde mit Fontan sprechen, unserem hiesigen Botschafter. Dann wird er uns zu König Alberen begleiten. Ich bin bald zurück.«

Sperber nickte. »Kalten!« rief er seinem Freund zu. »Laß die Truppe antreten. Ein kleines Zeremoniell scheint mir hier angebracht.«

Als Oscagne aus der tamulischen Botschaft zurückkehrte, die sich praktischerweise in einem an das Schloß grenzenden Gebäude befand, begleiteten ihn zwei scheinbar uralte Tamuler, deren Köpfe völlig haarlos und deren Gesichter runzlig waren wie geschrumpelte Äpfel.

»Prinz Sperber«, sagte Oscagne förmlich, »ich habe die Ehre, Euch mit seiner Exzellenz, Botschafter Fontan, bekannt machen zu dürfen. Er ist der Vertreter Seiner Kaiserlichen Majestät hier im Königreich Astel.«

Sperber und Fontan tauschten höfliche Verbeugungen aus.

»Habe ich Euer Hoheit Erlaubnis, Seine Exzellenz Ihrer Majestät der Königin vorstellen zu dürfen?« fragte Oscagne.

»Umständlich, nicht wahr, Sperber?« Fontans Stimme war trocken wie Staub. »Oscagne ist ein guter Junge. Er war mein vielversprechendster Schüler, doch mitunter läßt er sich von seiner Vorliebe für Rituale und Förmlichkeiten etwas zu sehr mitreißen.«

Oscagne grinste. »Ich leihe mir ein Schwert und stürze mich hinein, Fontan.«

»Ich habe Euch mit einem Schwert in der Hand beobachtet, Oscagne«, konterte Fontan. »Wenn Ihr Euch das Leben nehmen wollt, legt Euch lieber mit einer Kobra an. Mit einem Schwert hättet Ihr mindestens eine Woche lang zu tun.«

»Ein Wiedersehen wahrer Freunde«, stellte Sperber lächelnd fest.

»Wißt Ihr, Sperber, es ist mir ein Bedürfnis, Oscagnes Selbsteinschätzung ein wenig zu dämpfen«, entgegnete Fontan. »Er ist ein hervorragender Mann, dem es manchmal jedoch an Demut mangelt. Aber jetzt stellt mich Eurer Gemahlin vor. Sie ist viel hübscher als Ihr, und der kaiserliche Kurier aus Matherion ritt drei Pferde zu schanden, um mir des Kaisers Anweisung zu überbringen, so nett zu ihr zu sein, wie ich nur sein kann. Wir werden ein Weilchen plaudern. Dann führe ich euch zu meinem lieben, unfähigen Freund, dem König. Ich wette, die unglaubliche Ehre des Besuches Eurer Königin wird ihm die Sinne rauben.«

Ehlana war erfreut, die Bekanntschaft des Botschafters zu machen. Daß diese Freude echt war, wußte Sperber, weil Ehlana es ihm sagte. Sie lud den greisen Tamuler, den wahren Herrscher von Astel, ein, bei ihr in der Karosse Platz zu nehmen; dann setzte sich die gesamte Kolonne in Richtung Schloßtor in Bewegung.

Der heranrückende Troß machte den Hauptmann der Schloßwache nervös. Doch wenn zweihundert Elitekrieger auf einen zukommen, muß eine solche Nervosität wohl als normal betrachtet werden. Doch Botschafter Fontan beruhigte den Hauptmann, und drei Boten wurden zum König gesandt, ihm die Ankunft der Gäste zu melden. Sperber beschloß, den Hauptmann nicht zu fragen, warum er gleich drei Boten schickte; der arme Mann war bereits aufgeregt genug. Die Besucher wurden auf den Hof des Schlosses geleitet, wo sie absaßen und ihre Pferde den Stallknechten übergaben. »Benimm dich!« murmelte Sperber Faran zu, als ein einfältig aussehender Bursche die Zügel nahm.

Im Schloß schien allerhand los zu sein. Fenster schwangen auf, und aufgeregte Gaffer streckten die Köpfe heraus.

»Ich glaube, das macht die stählerne Kleidung«, sagte Fontan zur Königin. »Die Aufmachung Eurer Majestät Eskorte könnte durchaus einen neuen Modestil anregen. Möglicherweise wird sich eine ganze Generation von Schneidern einer Ausbildung zum Schmied unterziehen müssen.« Er zuckte die Schultern. »Warum auch nicht? Es ist ein nützliches Handwerk. Wenn die Aufträge ausbleiben, könnten die Schneider Pferde beschlagen.« Er blickte auf seinen ehemaligen Schüler, der zur Karosse zurückgekehrt war. »Ihr hättet einen Boten voraussenden und Euren Besuch ankündigen sollen, Oscagne. Jetzt werden wir warten müssen, bis im Schloß alles präsentabel ist.«

Nach kurzer Zeit marschierte eine Gruppe livrierter Trompeter auf den Balkon über dem Schloßeingang. Sie schmetterten einen Tusch. Der Hof war von steinernen Gebäuden umgeben, und die Echos der Trompeten waren so laut, daß einige Pferde ihre Reiter vor Schreck beinahe abgeworfen hätten. Fontan stieg aus der Karosse und bot Ehlana höfisch den Arm.

»Ihr seid sehr ritterlich, Exzellenz«, murmelte sie.

»Beweis einer vergeudeten Jugend, meine Liebe.«

»Die Manieren Eures Lehrers kommen mir sehr vertraut vor, Botschafter Oscagne«, stellte Stragen lächelnd fest.

»Meine Nachahmung des Meisters ist leider nur ein armseliger Schatten seiner Perfektion, Durchlaucht.« Oscagne blickte voller Zuneigung auf seinen runzligen Lehrmeister. »Wir alle versuchen, Fontan nachzueifern. Seine Erfolge auf dem Gebiet der Diplomatie sind Legende. Laßt Euch nicht täuschen, Stragen! Wenn Fontan liebenswürdig und ironisch humorvoll ist, entwaffnet er jeden und bekommt auf diese Weise mehr Informationen über den Betreffenden, als man sich vorstellen kann. Fontan kann schon am Zucken der Brauen den Charakter eines Menschen erkennen.«

»Dann werde ich wohl eine Herausforderung für ihn sein«, meinte Stragen, »da ich ein fast charakterloser Mensch bin.«

»Ihr macht Euch selbst etwas vor, Durchlaucht. Ihr seid bei weitem nicht so charakterlos, wie Ihr uns glauben lassen wollt.«

Ein stämmiger Lakai in prächtiger scharlachroter Livree geleitete sie ins Schloß und einen breiten, gut beleuchteten Korridor entlang. Botschafter Oscagne schritt gleich hinter dem Lakaien und informierte ihn im Gehen über Rang und Namen der Besucher.

Die Flügeltür am Ende des Korridors schwang weit auf, und der livrierte Lakai schritt den Besuchern voraus in einen riesigen, prunkvollen Thronsaal, in dem sich aufgeregte Höflinge drängten. Der Lakai, offenbar der Zeremonienmeister, pochte mit seinem Stab auf den Boden. »Werte Damen und Herren«, rief er mit Donnerstimme, »ich habe die Ehre, Ihre Göttliche Majestät Ehlana, Königin von Elenien, vorzustellen.«

»Göttlich?« flüsterte Kalten Sperber zu.

»Das wird immer offensichtlicher, je besser man sie kennt.«

Der Zeremonienmeister fuhr mit der Vorstellung fort und schmückte bei jeder Namensnennung die Titel eines jeden Besuchers aus. Oscagne hatte seine Hausaufgabe offenbar sehr sorgfältig gemacht, und der Zeremonienmeister reihte bei seiner Vorstellung selbst die selten benutzten Titel fließend auf. Dabei wurde die fast vergessene Tatsache ans Licht gebracht, daß Kalten Baron war, Bevier ein Vicomte, Tynian Herzog und Ulath Graf. Am überraschendsten von allem war vielleicht, daß Berit, der schlichte, ernste Berit, seinen Titel Marquis immer verschwiegen hatte. Stragen wurde als Baron vorgestellt. »Der Titel meines Vaters«, erklärte er den Gefährten verlegen flüsternd. »Seit ich ihn und meine Brüder getötet habe, steht er mir rechtlich zu – eine Art Kriegsbeute, wißt ihr.«

»Meine Güte!« hauchte Baroneß Melidere, und ihre blauen Augen leuchteten. »Ich befinde mich hier ja in viel erlauchterer Gesellschaft, als ich ahnte!«

»Ich wollte, Melidere würde das bleiben lassen«, flüsterte Stragen.

»Was?« fragte Kalten.

»Sie will den Anschein erwecken, das Leuchten in ihren Augen wäre die Sonne, die durch den Hohlraum in ihrem Kopf leuchtet. Ich weiß aber, daß sie viel klüger ist! Ich hasse Schwindler.«

»Ihr haßt Schwindler?«

»Schon gut, Kalten.«

Im Thronsaal König Alberens von Astel breitete sich ehrfürchtiges Schweigen aus, als die Erhabenheit der Besucher offenkundig wurde. König Alberen, ein nichtssagender Mann, dessen Königsroben zu groß waren, schien bei jedem neuen Titel noch kleiner zu werden. Alberen hatte offenbar schwache Augen, und seine Kurzsichtigkeit verlieh ihm den ängstlichen Blick eines Hasen oder anderen kleinen, hilflosen Tieres, das andere Tiere als natürliche Beute betrachten. Die Pracht seines Thronsaals machte ihn nur noch kleiner – die gewaltigen roten Teppiche und Wandbehänge, die schweren, goldverzierten Kristall-Lüster und Marmorsäulen – das alles bildete einen heroischen Rahmen, in dem sich ein so kleiner Mann einfach fehl am Platze fühlen mußte.

Sperbers Gemahlin, majestätisch und liebreizend, schwebte zum Thron, geleitet von Botschafter Fontan und umgeben von ihrem stahlgepanzerten Gefolge. König Alberen wußte offenbar nicht so recht, was das Zeremoniell in einem solchen Fall verlangte. Als Monarch von Astel stand es ihm zu, auf seinem Thron sitzen zu bleiben, doch die Tatsache, daß sein gesamter Hofstaat sich tief vor Ehlana verbeugte oder knickste, schüchterte ihn ein. So erhob er sich und trat sogar von seinem Thronpodest hinab, um Ehlana zu begrüßen.

»Nun fand Unser Leben seine Krönung«, sagte Ehlana in ihrer höfisch vollendetsten Art, »denn endlich, wie Gott es seit Anbeginn der Zeit gewiß bestimmt hat, lernen Wir Unseren teuren Bruder von Astel persönlich kennen, wie Wir es Uns schon seit Unserer frühesten Kindheit ersehnten.«

»Spricht sie für uns alle?« flüsterte Talen Berit zu. »Dann lügt sie nämlich, soweit es mich betrifft.«

»Sie bedient sich des Pluralis majestatis«, erklärte Berit. »In diesem Fall ist die Königin mehr als eine Person, und sie spricht für ihr gesamtes Reich.«

»Wir fühlen uns geehrter, als ich … Wir sagen können, Majestät«, entgegnete Alberen ein wenig hilflos.

Ehlana paßte sich rasch der mangelnden Sprachgewandtheit ihres Gastgebers an und verfiel übergangslos in einen weniger förmlichen Tonfall. Sie überging das steife Zeremoniell und überhäufte den armen Mann mit ihrem Charme. Schon nach fünf Minuten plauderten sie miteinander, als würden sie sich bereits ihr Leben lang kennen, und nach zehn Minuten hätte Alberen ihr seine Krone abgetreten, hätte Ehlana ihn darum gebeten.

Nach den unvermeidlichen Begrüßungsworten entfernten Sperber und Ehlanas Gefolge sich vom Thron, um – ebenso unvermeidlich – mit den versammelten Hofleuten zu plaudern, hauptsächlich über das Wetter, ein politisch unverfängliches Thema. Emban und der Erzmandrit Monsel, das Oberhaupt der Astelischen Kirche, wechselten theologische Platitüden, ohne dabei die unterschiedlichen Lehrmeinungen zu berühren, die ihre beiden Kirchen trennten. Monsel trug eine kunstvolle Mitra und aufwendig bestickte Roben. Auch er hatte einen Vollbart, der bis zur Körpermitte reichte.

Sperber hatte schon früh im Leben erkannt, daß in solchen Situation eine finstere Miene seine beste Verteidigung war. So schüchterte er üblicherweise ganze Säle voller Personen ein, die ihn sonst mit geistlosem Geschwätz belästigt hätten.

»Fühlt Ihr Euch nicht wohl, Prinz Sperber?« Es war Botschafter Fontan, der es trotz Sperbers furchteinflößender Miene wagte, ihn anzusprechen. »Ihr seht ausgesprochen mürrisch aus.«

»Nichts als Taktik, Exzellenz«, versicherte Sperber. »Wenn ein Soldat nicht belästigt werden möchte, läßt er einen Graben schaufeln und ihn mit spitzen Pfählen spicken. Ein finsteres Gesicht erzielt bei gesellschaftlichen Anlässen die gleiche Wirkung.«

»Ihr seht wirklich abweisend aus, mein Junge. Machen wir einen Spaziergang auf der Brustwehr und genießen die Aussicht, die frische Luft und die Ungestörtheit. Es gibt so allerlei, das Ihr wissen müßt, und jetzt haben wir vielleicht die einzige Gelegenheit, unter vier Augen zu sprechen. An König Alberens Hof wimmelt es von unwichtigen Schranzen, die alles geben würden, wenn sie damit protzen könnten, Euch persönlich zu kennen. Ihr habt einen beachtlichen Ruf, wißt Ihr?«

»Das ist reichlich übertrieben, Exzellenz.«

»Ihr seid zu bescheiden, mein Junge. Gehen wir?«

Unauffällig verließen sie den Thronsaal und stiegen mehrere Treppen hinauf, bis sie auf den windgepeitschten Wehrgang gelangten.

Fontan blickte über die Stadt. »Malerisch, aber veraltet, findet Ihr nicht?«

»Das sind wohl alle elenischen Städte, Exzellenz«, erwiderte Sperber. »Elenische Baumeister hatten seit fünf Jahrtausenden keine neuen Ideen mehr.«

»Matherion wird Euch die Augen öffnen, Sperber. Also, zur Sache. Astel steht kurz davor, auseinanderzubrechen. Das gilt zwar für alle Reiche auf der Welt, doch in Astel steht es besonders schlimm. Ich tue, was ich kann, den Verfall aufzuhalten, doch Alberen ist dermaßen leicht zu beeinflussen, daß es fast jedem gelingt. Er unterzeichnet so gut wie alles, was man ihm vorlegt. Ihr habt natürlich von Ayachin gehört – und seinem Laufburschen Säbel?«

Sperber nickte.

»Ich habe jeden Reichsagenten in Astel auf Säbel angesetzt, um seine wahre Identität zu erfahren, aber bisher hatten wir kein Glück. Er treibt sich ungehindert herum und unterhöhlt das System, das in Jahrhunderten gewachsen ist. Wir wissen so gut wie nichts über ihn.«

»Säbel hat ein kindliches Gemüt, Exzellenz«, sagte Sperber. »Egal, wie alt er sein mag, er ist nicht erwachsen geworden.« Er beschrieb kurz den Vorfall im Wald.

»Das hilft uns sicher weiter!« sagte Fontan. »Es ist noch keinem meiner Leute gelungen, sich bei einer seiner berüchtigten Versammlungen einzuschleichen, deshalb hatten wir keine Ahnung, mit was für einem Menschen wir es zu tun haben. Er hat die Aristokratie jedenfalls völlig in der Hand. Vor ein paar Wochen konnte ich Alberen im letzten Moment davon abhalten, eine Proklamation zu unterzeichnen, die jeden geflohenen Leibeigenen zum Verbrecher gestempelt hätte. Das wäre das Ende des Reichs gewesen, glaube ich. Denn bisher war die Flucht für einen Leibeigenen der letzte Ausweg aus einer unerträglichen Situation. Wenn er fliehen und sich ein Jahr und einen Tag verbergen kann, ist er frei. Nähme man den Leibeigenen diese Möglichkeit, würden sie rebellieren, und ein Aufstand der Leibeigenen ist eine zu schreckliche Vorstellung, um sie auch nur in Erwägung zu ziehen.«

»Ein solcher Aufstand ist aber geplant, Exzellenz«, klärte Sperber ihn auf. »Säbel will hier in Astel eine Rebellion der Leibeigenen und wiegelt sie auf. Er hat seinen Einfluß auf die Edelleute benutzt, sie genau zu jenen Taten anzustiften, welche die Leibeigenen auf die Barrikaden bringen.«

»Was hat dieser Mann nur vor?« empörte sich Fontan. »Er wird ganz Astel in Blut ertränken!«

Sperber brachte es auf den Punkt. »Ich glaube nicht, daß er sich das geringste aus Astel macht, Exzellenz. Säbel ist lediglich das Werkzeug von jemandem, der sich ein viel größeres Ziel gesetzt hat.«

»Ach? Und was ist das?«

»Ich kann nur raten, Exzellenz. Aber ich glaube, es gibt da jemanden, der sich die ganze Welt unterwerfen will. Und er würde bedenkenlos Astel und jeden einzelnen Asteler opfern, um zu bekommen, was er erstrebt!«