4-23
Zwei Stunden später versammelte sich der Trupp außerhalb des Büros des Sheriffs.
Der gefrierende Regen war jetzt zu Schnee geworden, der durch die kalte Luft driftete wie Asche von einem riesigen Scheiterhaufen. Und das schien ziemlich passend, wenn man bedachte, wohin die Männer gehen und was sie tun würden.
Es waren ungefähr fünfzehn Mann da, als Cabe auf seinem Rotschimmel heranritt. Die meisten von ihnen waren Minenarbeiter, die Cabe nicht kannte. Aber Pete Slade und Henry Wilcox waren da, die das Büro einem anderen Deputy überlassen hatten. Sir Tom Ian, der in England geborene Revolvermann, war da. Ebenso Charles Graybrow und Raymond Proud, der große indianische Zimmermann. Der eine, der Cabe wirklich überraschte, war Elijah Clay, der auf einer Fuchsstute saß.
»Guten Tag, Mister Cabe«, sagte er, und wirkte dabei recht herzlich. »Der Sheriff hier lässt mich bei dieser feinen Jagdgesellschaft dabei sein. Er sagt, ich soll mich zusammenreißen. Soweit es den Fakt betrifft, dass Virgil tot ist, nun gut, ich wusste, dass er nichts als Abschaum war. Also, ich hege keinen Groll mehr.«
Cabe entspannte sich ein wenig, als der das hörte. Er zog seinen Stetson mit dem Klapperschlangenrand vom Sattelhorn und setzte ihn auf den Kopf. »Ich bin dann soweit«, sagte er.
»Okay«, sagte Dirker. »Sie wissen, wohin wir gehen und was wir tun werden. Also lasst es uns tun. Und wir kehren nicht zurück, bis Cobb erledigt ist.«
»Yessum, Sheriff«, sagte Clay. »Ich werde euch Jungs etwas sagen, und ich sage es euch nur einmal. Wenn ich diesen weißen Abschaum eines Teufels zu sehen bekomme, schieße ich diesen Haufen Kot toter als Jesus am Kreuz. Jawohl, Sir.«
Und das, so schien es, war eine gute Bemerkung zum Abschied.
Sie ritten los.
***
An der Weggabelung, an dieser alten vom Blitz getroffenen toten Eiche, warteten mehr Reiter auf sie. Mormonen. Eustice Harmony war da. Genau wie die vier überlebenden Daniten – Crombley, Fitch, Sellers und Archambeau. Alle von ihnen waren begierig darauf, ein für alle Mal das zu zerstören, was in Deliverance lebte.
Also ritten nun zwanzig Männer, um diese Stadt anzugreifen.
Zwanzig Männer, die bereit waren, ihr Leben zu geben, um das Töten zu beenden. Und was in Deliverance lebte, war mehr als glücklich, ihre Leben zu nehmen.
Eines nach dem anderen.
***
Als sie diese hohen Uferböschungen verdorrter, toter Pinien außerhalb von Deliverance passierten, hatte der Sturm seine Lungen mit Eis gefüllt und war zu einem ausgewachsenen Blizzard geworden. Die Sichtweite betrug weniger als dreißig Fuß. Aber niemand machte den Vorschlag, umzukehren. Das, was war zu tun war, würde bei keinem Wetter leicht fallen.
Als sie um die Biegung des Flusses kamen, zogen alle ihre Waffen.
Was sie sahen, hielten sie für zwei Männer, die auf sie auf beiden Straßenseiten warteten. Aber es waren keine Männer, sondern Vogelscheuchen, die auf langen Stöcken aufgespießt waren. Als der Trupp näher kam, sahen sie, dass es sich eigentlich um Leichen handelte, und beim näheren Hinschauen waren sie das schon lange. Ihre Kleider waren zerfetzte Lumpen, die im Wind flatterten. Ausgehöhlte Knochengesichter mit leeren Augenhöhlen begutachteten die Reiter, als sie vorbeikamen.
Obwohl Cabe unzählige Tote gesehen hatte, stellte er fest, dass er nicht in jene erfrorenen Gesichter blicken konnte. Er hatte Angst, sie könnten ihn anlächeln, ihn ansprechen mit Stimmen von kaltem Schmutz.
Nun, dachte er bei sich, du bist bei diesem verdammten Schlamassel freiwillig dabei. Du kannst niemandem die Schuld geben, außer dir selbst. Wenn es hässlich wird – und das wird es werden – dann denk dran, Tyler Cabe.
»Ihr könnt es fühlen, nicht wahr?«, sagte Clay.
Und Cabe konnte nur nicken, wortlos.
Denn er konnte es spüren. Er spürte, wie ein alter, unaussprechlicher Schrecken in seinem Bauch ausbrach und an seinem Inneren mit kalter Zunge leckte. Etwas in ihm kannte den Geruch dieses Ortes und das mit ihm verbundene boshafte Gefühl, und das nicht von gestern, sondern von längst vergangenen Zeiten. Es konnte diejenigen riechen, die Deliverance heimsuchten, und es warnte ihn hektisch davor, näherzukommen, mit einer ungeheuren, unvernünftigen Angst, die ihn körperlich krank machte. Es setzte sich in jeder Zelle und Faser seines Körpers ab mit einer schwarzen, verschwendenden Vollständigkeit.
Und dann, während sie in wachsamer Stille ritten, begann die Stadt zu erscheinen. Sie schwamm aus dem Schneesturm hervor wie ein verfallendes Geisterschiff aus dem Nebel des Ozeans: die Masten und der Bug, die Decks und die Takelage. Die zerstörten Gebäude und spitz geschnittenen Dächer, die Häuser mit falscher Fassade und die mehrstöckigen Fremdenheime, sie alle tauchten langsam aus dem schäumenden Schneesturm auf, der durch die Straßen kreischte.
Deliverance war vor ihnen offengelegt, wie ein aufgesprungener Sarkophag, der sie herausforderte, sich die in seinen modernden Tiefen verborgenen Geheimnisse anzusehen.
Cabe sah es, sah es tatsächlich und fühlte sich verloren wie ein kleiner Junge auf einem Friedhof voller flüsternder Stimmen und schrecklicher Schreie. Und er hörte diese Dinge auch, aber nur in seinem Kopf. Denn das war das Geräusch der Stadt – ein Summen, tot, neutral und komponiert aus Höllenqualen und gequältem Kreischen, die zu einem einzigen niedrigen und morbiden Dröhnen reduziert waren.
Es ließ seinen Mund austrocknen und sein Herz wie einen Schmiedehammer klopfen. Seine Haut fühlte sich gespannt und kalt an, seine Eingeweide zogen sich zusammen. Adrenalin stürzte durch ihn, seine die Zügel haltenden Hände zitterten, und seine Augen wurden weit und starr. Denn überall um sie herum schienen Schatten aus der stürmenden Schneewand aufzutauchen und hin- und herzuhuschen.
Auf der Straße inmitten des sehr schwarzen Herzens der Stadt stiegen sie ab und machten die Pferde an einem Geländer fest.
Harmony stand in einem flatternden schwarzen Mantel da, die Schrotflinte in seinen Armen und das Buch Mormon in seiner Gesäßtasche. »Was ihr hier sehen werdet, wird wie Menschen aussehen«, sagte er zu den anderen. Der Wind verdrehte seine Stimme zu einem seltsamen, heulenden Ton. »Aber sie sind keine Menschen. Nicht mehr. Nicht mehr als ein Kadaver in einem Grab ein Mensch ist. Sie könnten versuchen, mit euch zu sprechen, um euch allein zu erwischen. Aber das dürft ihr nicht zulassen, bei Gott. Lasst es nicht zu …«
Vielleicht wusste nicht jeder in der Truppe, was in Deliverance war. Aber vielleicht hatten sie Geschichten gehört, in der Kaminecke Geflüstertes, die Art von verrückten Geschichten, die sich Kinder spätnachts und am Feuer erzählen … Dinge, die sie natürlich nicht ernst nahmen. Aber jetzt? Jetzt taten sie es nicht einfach ab. Sie erinnerten sich an diese Geschichten und verschlossen sie tief in sich, wo sie weit genug entfernt waren und ihre Zähne nicht zu spüren waren. Und vielleicht stellten sie deshalb nicht in Frage, was Harmony gesagt hatte. Sie akzeptierten es einfach.
»In etwa drei Stunden wird es dunkel sein«, sagte Dirker zu ihnen, und sein Gesicht war bleich und abgehärmt, aber sehr bestimmt. »Und wir wollen bis dahin fertig sein. Also teilen wir uns in Gruppen auf und …«
Aber Cabe hörte nicht zu. Nicht wirklich.
Er beobachtete diese Fenster mit ihren geschlossenen Fensterläden, die hohen, geneigten Dächer, die eng geschnittenen Räume zwischen den Gebäuden. Die finsteren Schatten, die aus ihnen hervorquollen. Er beobachtete und bemerkte, wie sich alles über die Männer auf der Straße zu beugen schien, als ob die Stadt sie zerquetschen oder nah genug herankommen wollte, um sie an dunkle Orte zu ziehen, wo das Geschäftliche ganz privat gehandhabt werden konnte, fern vom Licht. Und was er fühlte, war das Blut der Stadt – ein toxisches, ansteckendes Gift, das in ihn hineinsickerte.
»Lasst uns endlich anfangen«, sagte Dirker.
Und sie begannen.
***
Als Dirker Harmony und die Daniten durch diesen heulenden weißen Tod führte, begann die Kirchenglocke zu läuten. Sie hallte durch den Sturm mit einem hohlen Dröhnen.
»Die Glocke«, sagte Harmony. »Lieber Gott …«
Dirker sagte sich, dass es nichts bedeutete, wirklich. Dass sie vielleicht der Wind angestoßen hatte. Aber er wusste es besser. Hände zogen an diesem Seil, und er konnte sich denken, warum.
Der Schnee flog dick und fein wie Glaspulver umher, bestäubte die Gebäude mit einem Geräusch wie Flugsand. Der Wind peitschte und wirbelte, er zerrte an den Männern auf den Straßen und tat alles, was er konnte, um sie zurückzutreiben, zurück. Aber sie weigerten sich, getrieben zu werden. Sie kamen mit Schrotflinten in den Fäusten und einer schroffen, zusammengekniffenen Entschlossenheit in ihren Augen.
Plötzlich stoppte Fitch abrupt und legte sein Gewehr an. »Was … was war das?«, sagte er, und die Angst in seiner Stimme war dick wie Eis, das ein Seil am Brunnen überfroren hat. »Da drüben.«
Dirker drehte sich schnell um, kalter Wind schlug ihm ins Gesicht. Er sah eine schemenhafte Figur, verschluckt vom Sturm. Das könnte etwas gewesen sein. Vielleicht.
»Es hatte grüne Augen«, sagte Fitch schwach. »Glühende grüne Augen …«
Aber Dirker wollte nichts davon hören.
Sie stießen weiter vor, vorbei an zusammengesunkenen Häusern und einer Scheune, vor deren Tür sich eine drei Fuß hohe Schneewehe wie eine Welle geschoben hatte. Daneben stand ein größeres, zweistöckiges Blockhaus. Es war zu seiner Zeit eine Art Gemeinschaftshaus oder Saloon gewesen.
Dirker versuchte, die Tür zu öffnen.
Sie war offen.
Er stieß sie komplett auf, und die sechs Männer gingen hindurch, mit ihren Gewehren im Anschlag und bereit, zu feuern. Aber was sie sahen, ließ sie sofort anhalten. Es fror sie buchstäblich auf der Stelle fest.
Ein paar Petroleumlampen brannten. Sieben oder acht Leute waren im Raum, herangeschoben an die staubige Bar oder verteilt an schmutzigen, mit Spinnweben bedeckten Tischen.
»Schönen Nachmittag, die Herren«, sagte ein Kerl hinter der Bar. Er war ein schwerer, rundlicher Mann mit einem Bart im Quaker-Stil, dem nur der Schnurrbart fehlte. Auf der Bar vor ihm standen einige Gläser. Mit einem Lappen wischte er sie aus. »Zieht euch einen Stuhl heran.«
Dirker und Harmony sahen einander an, während die Daniten einen Verteidigungsring bildeten, nur zu bereit, auf alles zu schießen, was auch nur einen Atemzug machte. Hinter ihnen rüttelte der Wind an der Tür, Schlangen aus Schnee kräuselten sich auf dem Boden.
Neben dem Barkeeper waren drei Männer an der Bar, ein paar andere saßen an den Tischen. Keiner von ihnen hatte etwas Außergewöhnliches an sich. In der Ecke war ein kleiner Junge mit flachen, leeren Augen, der etwas in die Luft warf und wieder auffing, das aussah wie ein Ball. Nur dass es kein Ball war, sondern ein Schädel. Ein menschlicher Schädel.
»Möchtet ihr spielen?«, fragte er kichernd.
Dirker ignorierte ihn. »Wo ist Cobb?«, fragte er. »James Lee Cobb.«
Die anderen sahen einander nur an und fing an zu lachen, als ob der Sheriff gefragt hätte, wo Jesus war, weil er ihm ein Bier ausgeben wollte. Als das Lachen erstarb, sah Dirker ein kleines Mädchen aus dem Hinterzimmer kommen. Sie war nicht älter als sieben oder acht Jahre … und völlig nackt. Sie hüpfte hoch auf die Bar in einer sehr kindlichen, unbeschwerten Art und Weise. Sie saß da und ließ die Beine baumeln. Sie sah Dirker an, und es war keine Unschuld in diesen Augen, nur eine lauernde, hungrige Verderbtheit. Aber wirklich seltsam waren die aufwendigen Tätowierungen auf ihrem Bauch und ihrer Brust. Dirker konnte nicht sicher sein, was er in dem trüben Licht sah, aber es sah aus wie … verflochtene Schlangen und seltsame Figuren, Strukturen und verzerrte magische Symbole.
Als er sie betrachtete, schienen sich die Illustrationen zu bewegen.
Er schaute weg.
Ein Mann an einem der Tische mit einem Konförderierten-Hut und einem Offiziersmantel, auf dem Schimmelflecken verteilt waren, sagte: »Wo sind deine Manieren, Barkeeper? Biete doch diesen Kumpels hier einen Drink an …«
»Natürlich«, sagte der Barkeeper.
Seine andere Hand kam hinter der Bar hervor … sie war verlängert, die Finger spinnenhaft und schmal. Wo die Nägel hätten sein sollen waren lange schwarze Krallen, die wie eine Kartoffelhacke gebogen waren. Lächelnd nutzte der Barkeeper eine der Klauen, um sich die Pulsader am Handgelenk aufzuschlitzen. Dann begann er lässig, ein Glas mit seinem Blut zu füllen. »Blasphemie«, sagte Harmony endlich und brach diese trostlose Stille. »Ein Geschwür auf dem Angesicht Gottes …«
Das brachte sie wieder zum Lachen.
Um diese Zeit herum stieg der Klang von Schüssen auf, die irgendwo in der Stadt abgefeuert wurden. Dirker wusste, dass die anderen ebenfalls Feindkontakt hatten. Dass die Party endlich im Gange war.
Der Mann mit dem Konföderierten-Hut begann zu grinsen, und ein spinnenhaftes Gewirr von Schatten überzog sein Gesicht. Als er sprach, war seine Stimme tief und raspelnd. »Nun, Jungs, ihr glaubt nicht wirklich, dass ihr hier lebend wieder rauskommt, oder?«, sagte er, und seine Zähne waren plötzlich lang und scharf.
Und es lag eine seltsame Elektrizität in der Luft, ein merkwürdiger, stechender Gestank nach so etwas wie Ozon und frischem Blut. Da war eine subtile Bewegung und ein nasses, glitschendes Geräusch.
»Honey«, sagte der Mann zu dem kleinen Mädchen, »diese Männer mögen deine Bilder, zeig ihnen, wie die Linien sich treffen …«
Und als Dirker sie beobachtete, begannen sich jene seltsamen und diabolischen Tätowierungen zu bewegen. Vielleicht war es das Fleisch darunter, aber plötzlich war alles in Bewegung. Da war ein reißender Knall zu hören, wie Muskeln, die überdehnt, und Bänder, die neu verlegt wurden, um eine neue und verwilderte Anatomie zu schaffen. Die Brust des Mädchens stieß aus ihrem Körper hervor und wurde zu einem Käfig aus Knochen, ihre Gliedmaßen wurden lang und hager. Tausende feiner grauer Härchen begannen aus ihrer Haut zu brechen, bis diese nicht mehr zu sehen war. Es sah aus, als würden Millionen von Metallspänen von einem zentralen Magneten angezogen. Ihr Kiefer verschob sich zu einer Schnauze, ihre Nase und ihre Ohren wurden flach, lang und spitz, und sie pressten sich gegen den schmalen Schädel voller zurückgelegter Locken. Ihre Augen wurden zu grünen Schlitzen, ihre Augenbrauen dick und der Schädel darunter grotesk übertrieben.
Sie war plötzlich mehr Wolf als Mädchen.
Ihre Lippen zogen sich in einem Knurren zurück und enthüllten Zähne spitz wie ein Eispickel.
Dirker hörte sich murmeln: »Scheiße.«
Alles, woran er denken konnte, war eine Kindergeschichte, wie Circe, die Hexe, Odysseus' Männer in Bestien verwandelt hatte.
Und um ihn herum … verwandelten sich alle.
Fleisch wurde zu Rauch, den geheime, kabbalistische Winde und Flüsse, die von mystischen Strömungen bewegt wurden, forttrugen. Das Mädchen sprang plötzlich fünf, sechs Fuß in die Luft, bis sie die Balken über ihr berühren konnte, und stürzte sich dann hinunter auf Sellers. Er bekam keine Gelegenheit mehr, den Abzug zu betätigen oder auch nur daran zu denken. Er und das Bestien-Mädchen gingen zu Boden in einem sich windenden, um sich schlagenden Haufen. Ihr Mund war um sein Gesicht gewickelt und ihre Zähne bis auf die Knochen versenkt. Man konnte das Echo seiner Schreie aus dem Schacht hören, der ihre Kehle war.
Aber niemand hatte Zeit, sich das anzuschauen.
Denn als das Mädchen loslegte, begannen auch die anderen.
Der Mann mit dem Konföderierten-Hut erhob sich zu einem Gemisch von Zähnen und Klauen und Knurren und war fast über Harmony, als seine Schrotflinte losging und den Mann nach hinten warf. Plötzlich feuerten alle. Feuerten auf Gestalten, Formen und Monstrositäten aus irgendeinem urtümlichen Albtraum.
Dirker brachte seine Greener-Schrotflinte nach oben und feuerte auf den Barkeeper. Der Aufprall sprengte seine Schulter zu einem blutigen Nebel und warf ihn gegen staubige Gläser und leere Flaschen. Es krachte, Trümmer flogen umher, und der Barkeeper kam gleich wieder nach oben, nun mit wolfsähnlichem Gesicht und gefletschten Zähnen, um menschliches Fleisch auseinanderzunehmen.
Dirker verpasste ihm eine weitere Ladung, die ihn nach hinten warf. Dann hüpfte dieser kleine Junge in seine Richtung. Dirker prügelte ihm den Griff der Greener ins Gesicht, schlug ihn auf den Boden nieder, brach die Schrotflinte auf, warf die Patronenhülsen aus, legte zwei neue Patronen ein, ließ sie zuschnappen. Der Barkeeper war inzwischen oben auf der Bar. Sein Hemd war weit geöffnet durch die darunterliegenden pulsierenden, bestialischen Muskeln.
Als er sprang, feuerte Dirker beide Läufe ab.
Das Schrot blies seinen knurrenden Kopf zu einem Sprühregen aus Knochen und Blut. Er fiel rückwärts die Bar herunter und kam diesmal nicht wieder zurück. Als Dirker herumwirbelte, traf ihn der Junge hart und warf ihn zu Boden, die Kiefer geöffnet wie das Gebiss eines Tigers und mit der Absicht, es zu beenden. Die Greener noch in seinen Händen rammte er den Lauf der Länge nach in diesen Mund, während die Krallen große Furchen in seinen Mantel, das Hemd und die darunterliegende Brust rissen. Mit einem Schrei stieß er das Biest von sich weg und warf es von sich herunter.
Der Mann mit dem Konföderierten-Hut hatte Harmony erwischt. Seine riesigen, klauenbesetzten Hände waren zu beiden Seiten an den Kopf des Mormonen gepresst … und er wurde mit leichter Hand zwei Fuß nach oben gehoben. Ströme von Blut liefen aus den Ohren und den Augen, als sein Schädel zerquetscht wurde. Dann schossen die Zähne nach vorn, und sein Gesicht wurde buchstäblich vom Knochen gerissen.
Dirker sah das Biest dort stehen, mit Harmonys Gesicht, das von den Zähnen herunterhing wie ein blutiger Skalp.
Und dann kam der Junge wieder auf ihn zu, aber Dirker war auf den Beinen.
Als Junge angriff, zog Dirker seinen 45err Peacemaker mit einer schnellen, einfachen Bewegung. Er feuerte einmal. Die Kugel riss ein Loch in die fliehende Stirn des Jungen und blies Knochen und Hirn aus dem Hinterkopf. Sofort begann der Junge auf allen Vieren zu zittern, Blut rann über sein Gesicht. Dann fiel er auf die Seite und zuckte auf dem blutnassen Boden.
Zwei der Biester waren über Crombley.
Fitch erledigte ein weiteres Biest, indem er ihm wie Dirker in den Kopf schoss. Dirker feuerte drei Kugeln in das Ding, das gerade dabei war, Harmony zu verschlingen. Dann explodierte die Tür in einer tosenden Schneewand, und lange, ebenso pelzige wie weiß gepuderte Arme ergriffen Fitch und Archambeau und schleppten sie schreiend hinaus in den Sturm.
Dirker tötete noch einen, lud seine Greener-Schrotflinte und lief hinaus in den Sturm. Die Welt von Deliverance war eine Kakophonie aus Glockenläuten, Schüssen und Heulen.
***
Draußen auf den Straßen erreichte der Sturm seinen Höhepunkt.
Der Schnee stieg nach oben und wurde zu einer peitschenden, kreischenden weißen Wand. Die Sichtweite ging gegen null. Cabe und seine Crew aus Minenarbeitern musste die Augen zusammenkneifen und sich in den Wind lehnen, um voranzukommen. Sie konnten die Schreie und Schüsse hören, aber durch den wütenden Blizzard, der die Geräusche umdrehte und aufsog, war es schwer zu sagen, woher sie kamen.
Und die Minenarbeiter gerieten in Panik.
Sie sahen Schemen durch den Schnee humpeln und schossen wild um sich, obwohl Cabe sie anschrie, damit aufzuhören, weil sie so ihre eigenen Leute treffen konnten.
Sie waren bereit, sich aus dem Staub zu machen und einfach nur zu rennen.
Aber wohin?
Zu beiden Seiten konnten sie die vagen, weiß verhangenen Formen der Gebäude sehen, aber es war schwer zu sagen, wo in der Stadt sie sich jetzt befanden. Paranoia und Verwirrung hatte sie ein halbes Dutzend Mal zurück auf ihre eigenen Spuren geführt. Und jedes Mal hatte der Sturm ihre Spuren ausgelöscht.
»Verdammt noch mal«, schrie Cabe sie an, »hört auf damit, wir müssen hier etwas Ordnung reinbringen.«
In diesem Moment bemerkte er, dass nur noch drei Minenarbeiter bei ihm waren. Der vierte fehlte.
»Wo ist Hychek? Wo zum Teufel ist Hychek hin?«
»Sie haben ihn! Etwas hat ihn gepackt … etwas mit grünen Augen!«, schrie einer der Minenarbeiter. »Ich hau ab, ich hau gottverdammt jetzt sofort ab …«
Doch bevor er das tun konnte, hämmerte ein Trio von Reitern die Straße herauf und die Minenarbeiter, die dachten, jetzt sei die Kavallerie gekommen, spazierten geradewegs auf die Straße, um sie zu begrüßen. Aber es war kein Rettungstrupp, sondern eine Bande von Menschenjägern. Sie donnerten durch den Sturm und teilten den Schnee wie wallenden Nebel. Sie trugen Staubmäntel und flache Hüte, die tief über ihre wölfischen, fauchenden Gesichter gezogen waren.
Einer der Minenarbeiter stieß einen erstickten Schrei aus, als ein Lasso über seinen Kopf geworfen wurde und sich die Schlinge eng um seinen Hals zog. Es riss ihn von den Füßen, und einer der Menschenjäger zog ihn in den Sturm hinaus. Einen weiteren Minenarbeiter traf das gleiche Schicksal.
Cabe duckte sich unter einem Lasso hinweg, das für ihn gedacht war, zog rasch den Hebel seines 44er Evans-Repetiergewehrs und riss mit drei gut platzierten Schüssen einen Menschenjäger aus dem Sattel. Er schlug auf den Boden auf, sein Pferd rannte davon.
Und Cabe schaute ihn sich genau an.
Er hatte grob die Form eines Mannes, war aber gebeugt und bewegte sich seitwärts in einer springenden, hüpfenden Gangart. Seine Augen blitzten wie nasse Smaragde, und die Zähne hingen über seinen schmalen schwarzen Lippen wie die eines Dschungelkrokodils. Mit einem durchschlagenden Brüllen stürmte er auf Cabe zu. Die drei Einschusslöcher schienen ihm kaum etwas auszumachen.
Cabe konnte nicht glauben, was er sah.
Ein abstoßendes, schockierendes Gesicht mit knirschenden Zähnen, Speichelfäden, die aus dem krummen Strich eines Mundes heraushingen, die pelzigen Hände mit den zehn Zoll langen Fingern, und Krallen, die ebenso scharf waren wie Skalpelle.
Er pumpte eine weitere Ladung in das Biest, vor allem um es von ihm fernzuhalten.
Aber es wurde nicht einmal langsamer.
Es rammte ihn und warf beide in eine Schneewehe. Seine Krallen waren an seinem Hals, die Finger umschlossen den Hals. Das Biest stank nach vergammeltem Fleisch und krankem Blut, und Speichel hing in widerwärtigen Fäden von seinem Kiefer herab.
Bevor es von ihm fraß, tat es etwas, das wahrhaftig die Luft aus Cabes Lunge saugte: es sprach.
»Wirst jetzt sterben, Freund«, sagte es mit einer geifernden, rauen Stimme, die eher an das Knurren eines tollwütigen Hundes als an einen sprechenden Mann erinnerte. »Wirst jetzt wie ein Tier in den alten, vergessenen Tagen sterben …«
Aber Cabe hatte andere Ideen.
Als das Biest heranstürmte und ein klagendes, heulendes Geräusch von sich gab, das Cabes Ohren mit rauschendem Lärm explodieren ließ, zog er sein Bowiemesser aus der Scheide an seiner Hüfte. Und als das Biest heruntertauchte, um seinen Bauch zu füllen, tauchte es genau auf die Klinge des Messers. Das Messer bestand aus einer nahezu einen Fuß langen, rasiermesserscharfen Stahlklinge, die geradewegs in die Kehle glitt und auf der anderen Seite wieder zum Vorschein kam.
Mit einem wimmernden, jammernden Geräusch zog es sich weg. Das Messer durchbrach die Seite seiner Kehle. Sein Kopf hing in einem widerlichen Winkel, der größte Teil seines Halses war sauber durchtrennt. Es verschüttete Blut in den frischen Schnee, versuchte zu laufen und fiel, versuchte, sich zu erheben und stolperte, sein Lebensblut in einem reißenden Strom verlierend.
Cabe sah seine Chance, sprang ihm auf den Rücken und stieß es mit dem Gesicht voran in den Schnee.
Bevor das Biest auch nur wimmern konnte, zog Cabe seinen Kopf an einer Handvoll dieser dreckigen, fettigen Haare zurück und versenkte das Messer tiefer in seine Kehle, sägte und schnitt. Die Kreatur wurde lebendig, drehte sich hin und her und kämpfte, und letzten Endes war es ihre eigene fehlgeleitete Kraft mehr als alles andere, die schließlich den Kopf abtrennte.
Cabe warf ihn weg.
Der Körper versuchte zu kriechen, schaffte es aber nicht mehr weit.
Der Kopf starrte ihn von unten mit diesen stechenden, grünen Augen an, und die Kiefer arbeiteten noch.
Aber es war erledigt, und Cabe wusste es.
Getränkt mit dem stinkenden Blut des Menschenjägers stolperte Cabe in den Sturm, um Überlebende zu finden.
***
Der einzige Überlebende von Cabes Gruppe war Lester Brand.
Er war Schichtleiter in der Silver-Horn-Mine.
Und er war auch ein toter Mann.
Als die Menschenjäger angegriffen hatten, war er gerannt. Er kämpfte sich stolpernd durch die Straßen, duckte sich, sobald er ein Geräusch hörte oder eine Bewegung spürte. Er schlüpfte in einen Hauseingang, als zwei weitere Menschenjäger vorbeiritten, die aufgespießte Köpfe auf Stangen zur Schau stellten. Er sah die Köpfe … es waren die Köpfe der Minenarbeiter, Männer, mit denen er gearbeitet und getrunken hatte.
Brand zitterte jetzt schwer, keuchende, gequälte Laute kamen aus seiner Kehle. Obwohl es bitterkalt war und sein Gesicht so steif war wie Leder, schwitzte er. Ströme von Schweiß liefen ihm über den Rücken. Er hatte seine Schrotflinte verloren, und die beiden Army-Colts in seinen behandschuhten Händen fühlten sich ölig an, als könnten sie jeden Moment aus seinen Fäusten springen.
Er bewegte sich eine Straße hinunter, aber er hatte keine wirkliche Ahnung, wo er war.
Die Stadt war nicht so groß. Obwohl er noch nie zuvor in Deliverance gewesen war, erinnerte er sich an das, was Dirker gesagt hatte: sie wurde von einer zentralen Straße durchschnitten, und vier oder fünf andere Straßen kreuzten die Hauptstraße. Wenn er also einfach weiterging, musste er früher oder später einen Ausweg finden.
Aber er dachte: Oh Jesus, oh Christus, was, was, wenn ich der Letzte bin, der am Leben ist?
Er wusste aber, dass das nicht sein konnte, denn hin und wieder hörte er Schüsse. Er musste also einfach einen klaren Kopf behalten. Langsam bewegte er sich vorwärts, während ihn wild umherfliegender Schnee einhüllte. Der Schnee schuf seltsame Formen und Schatten. Die Gebäude erhoben sich wie Grabsteine und lehnten sich auf ihn zu. Immer wieder sah er Schemen, die sich an ihm vorbei bewegten, aber er wagte es nicht, zu schießen. Noch nicht. Denn der Tod war jetzt überall, ein schreiender, weißer Tod, und was er in diesem flatternden weißen Mantel verbarg, war noch viel, viel schlimmer.
Er lief an einer Reihe von Lagerhallen vorbei, dann an einer Scheune und einem mit Brettern vernagelten Kurzwarenladen. Dann hörte er direkt vor sich ein tiefes, kehliges Knurren. Und dann viele, als ob ein Rudel wilder Hunde ihn einkreiste.
Schnell sprintete er in eine sich windende, enge Gasse, die ihn in einen kleinen Hof zwischen den Wracks der Gebäude ausspuckte. Es gab keinen Ausweg. Er würde in eins der Gebäude einbrechen müssen und seine Chance suchen.
In diesem Moment erstarrte er.
Der Wind machte ein schrilles heulendes Geräusch, und er war nicht ganz sicher, ob es tatsächlich der Wind war. Schnell blickte er auf … dachte für einen Moment, auf einem Dach etwas gesehen zu haben. Etwas, das sich in den Bauch des Sturms zurückgezogen hatte und verblasst war. Er war nicht sicher, ob er es überhaupt gesehen hatte.
Da hörte er ein klopfendes Geräusch zu seiner Linken.
Eine Tür schwang auf und schloss sich wieder im Wind. Es pochte dumpf gegen die verwitterte graue Wand einer Futtermühle. Alle Kraft sammelnd, die er zu diesem Zeitpunkt noch hatte, ging Brand hinüber, und die Tür hämmerte und hämmerte.
Er ging zur Tür.
Sie war erneut zugeschlagen. Seine Kehle voller Asche, schob Brand den Riegel mit dem Lauf des Colts zur Seite und warf die Tür auf. Und er sah … er sah eine Gestalt aus der Dunkelheit gleiten wie ein Gespenst. Eine Frau. Eine Frau in einem weißen, befleckten Kleid. Ihr Haar war lang und feuerrot, und es wehte um sie herum wie Wiesengräser in einem scharfen, wütenden Wind.
»Sie …«, brachte Brand geradeso heraus, als sie sich der Tür näherte, »Sie … Sie müssen mir helfen, hier rauszukommen … ich bin verloren … ich bin …«
Aber er sah, dass sie wie etwas aus einem dunklen Gehölz grinste, das widerspenstige Kinder wegfing, etwas, das an Knochen nagte und Blut saugte. Ihre Augen waren riesig und feucht und glänzend wie nasse Jade. Sie fanden ihn und hielten ihn, der Mund öffnete sich und zeigte lange, nadelartige Zähne.
Brand schrie, und dann spießten ihn diese langen Finger auf, und dieser geifernde, wilde Mund stieß nach vorn. Er endete als rot gefärbter Haufen im Schnee. Und als er starb, konnte er hören, wie sie auf ihm kaute.
***
In der Lobby des Hotels pausierte Graybrow.
Er lauschte.
Aus jahrelanger Erfahrung, verschiedenen Menschen wieder und wieder aufgelauert zu haben, wusste er, dass er nicht allein war. Aber wo die anderen waren, konnte er nicht sagen.
Obwohl er sein Todeslied gesungen hatte, bevor sie mit dem Angriff begonnen hatten, wollte Graybrow nicht sterben. Die Siebzig würde er nicht sehen, aber es war eine Vitalität an ihm, ein Lebensfunke, ein Funkeln in seinen Augen.
Er wollte nicht sterben … doch er war bereit.
Unter den Ute war es eine Ehre, im Kampf zu sterben. Und es wäre ebenso eine Ehre für Graybrow. Und wenn er sterben musste, dann zumindest in dem Wissen um große und schreckliche Geheimnisse und unheilige Wahrheiten, aber seine Seele wäre stark genug dafür. Genährt.
Graybrow war mit Henry Wilcox und Sir Tom Ian unterwegs gewesen, aber er hatte sie schon vor einiger Zeit verlassen. Er zog es vor, alleine auf die Jagd zu gehen. Und gejagt zu werden, wenn es sein musste. Denn, ehrlich gesagt, hatte er kein Vertrauen in Weiße mit Gewehren. Sie hatten die unangenehme Angewohnheit, auf alles zu schießen, was sich bewegte. Und wenn er schon sterben musste, dann ganz sicher nicht mit durch einen verrückten Weißen herausgeschossenen Eingeweiden.
Das Hotel, das wusste er, war einst das Shawkesville Arms genannt worden, als Deliverance noch seinen ursprünglichen Namen getragen hatte und eine Minenstadt gewesen war, in der Blei abgebaut wurde.
Seit jenen Tagen war die Stadt dem Wetter überlassen worden, der Natur, und allen, die sich dafür entschieden, es ihr Zuhause zu nennen. Und wenn das, was Harmony gesagt hatte, richtig war, dann war es auch für Cobb und seine Gefolgsmänner für einige Zeit ihr Zuhause gewesen.
Langsam bewegte sich Graybrow in Richtung der alten Treppe, die von Schmutz und zusammengerollten braunen Blättern bedeckt war, die durch unzählige Löcher in den Wänden und im Dach hereingetrieben worden waren. Das Geländer war in Spinnweben gehüllt. Der Teppich auf der Treppe war verschimmelt und schwarz. Obwohl es düster war, war es nicht dunkel. Spärliches Licht – und Schnee – driftete herein.
Draußen heulte der Sturm wie eine blutrünstige, verrückte Bestie, warf sich gegen die baufälligen Gebäude und ließ sie auf ihren verrotteten Fundamenten knarren, ächzen und schwanken.
Da war ein scharfer, unangenehmer Gestank, der wenig mit dem vergammelten Holz oder dem herumliegenden Tierkot zu tun hatte. Es war ein scharfer, heftiger Geruch, der in das Innere von Graybrows Kopf griff und ihn an Schlachthöfe und Massengräber, Irrenanstalten und Todeszellen denken ließ … Orte, die mit Tod, Schmerz, Schrecken und Wahnsinn gefüllt waren.
Er begann, die Stufen hinaufzugehen. Jetzt fühlte er, wie komplett allein er war.
Aber du bist kein Weißer, sagte er sich immer wieder. Du bist kein Weißer, der sich in Massen sicher fühlt oder die Anwesenheit von vielen benötigt. Du bist ein Indianer, ein Ute, und abgeschiedene, einsame Orte schrecken dich nicht.
Und das war eine großartige Theorie, aber in der Praxis funktionierte sie heute nicht so gut.
Denn der Gestank wurde immer schlimmer, und es schien so etwas wie Knistern in der Luft zu liegen, wie eine negative Ladung potenzieller Energie, irgendeine statisch aufgeladene Elektrizität, die sich weiter und weiter aufbaute. Je weiter er die Treppe nach oben stieg, desto mehr fühlte er es. Es umhüllte ihn vollständig, schwer, dunkel und bedrohlich. Er konnte es von der Spitze seines Kopfes bis hin zu den Eiern spüren, und es war eine faulige, ausgreifende Feindseligkeit, wie Hände, die bereit waren, ihn zu erwürgen.
Im Obergeschoss.
Mehr Blätter, mehr Schmutz. Aber man konnte jetzt sehen, dass hier oben jemand unterwegs gewesen war. Auf dem Holzfußboden des Korridors hatte sich dichter Staub angesammelt, aber eine Spur führte durch ihn hindurch.
Graybrow dachte: okay, alter Mann, okay, mach es einfach.
Also machte er es.
Er begann, von Zimmer zu Zimmer zu gehen. Mehr als weitere Spinnweben, ein paar alte Kisten und vermoderte Möbel fand er nicht. Der alles dicht bedeckende Staub war in einigen Räumen gestört, als ob Cobbs Männer vielleicht ihr Bettzeug auf den Boden geworfen hatten, um zu schlafen.
Die grelle Tapete im Korridor war von fleckigem Schimmelpilz übersät. Sie war verblasst, löste sich auf und war mit Wurmlöchern gespickt. Im düsteren Licht begann Graybrow Spuren von Klauen zu entdecken, die in die Holzverkleidung geschlagen worden waren, und alte, braun gewordene Blutschlieren.
Dieser Geruch war weiterhin dicht um ihn herum, aber er wurde von einem weiteren Geruch ergänzt. Ein abstoßender Gestank von verwesendem Fleisch und vergossenem Blut. Der Gestank war dampfförmig und würgend, genug, um ihn …
Plötzlich, ohne ein Geräusch zu machen, trat aus einem abgedunkelten Türdurchgang eine Gestalt. So extrem schnell und leise, dass Graybrow kaum in der Lage war, die Überraschung zu registrieren, bevor die Whitney-Schrotflinte im Kaliber 12 aus seinen Händen gerissen wurde und den Korridor hinunter flog.
Schwaches Licht, erstickt von Staubteilchen und pulverförmigem Schneegestöber, beleuchtete die Gestalt. Graybrow sah es, und er fühlte, wie sein Herz von einem schmerzhaften Schock durchzuckt wurde. Er wusste, dass es James Lee Cobb war, den er erblickte. Er wusste es, aber es brauchte einige Zeit, bis er sich im Entsetzen akklimatisiert hatte.
Angesichts dessen fühlte er sich schwach.
Cobb war groß und leichendürr, wie eine Mumie aus dem Gruselkabinett. Ein Sombrero mit einem kurzen, gekräuselten Rand saß zurückgeschoben auf seinem Kopf. Die Hutkrone war mit Wüstenschlangenhäuten umwickelt und mit Federn und Krallen von Greifvögeln und mit Wolfszähnen geschmückt. Er trug einen Poncho aus hellem Leder, der aus einer verrückten Steppdecke aus Menschenhäuten zusammengenäht war. Um seinen muskulösen Hals trug er ein halbes Dutzend Halsketten aus menschlichen Fingern, Ohren und Zähnen. An seinem Gürtel waren ein Paar Pistolen mit Elfenbeingriffen und Beile befestigt. Eine Schärpe reichte quer über seinen Oberkörper von der Schulter bis zum Gürtel und war zusammengenäht aus … Gesichtern. Gesichter, die zu Totenmasken gegerbt worden waren, einschließlich intakter Skalps.
Und das alles war schrecklich genug … aber das absolut Schlimmste war Cobbs eigenes Gesicht.
Die rechte Seite war blass, die Haut straff gespannt und voller Risse, und sie bedeckte kaum den darunter liegenden Schädel. Ein einzelnes, regungsloses grünes Auge mit einer riesigen, erweiterten Pupille wie ein Mond hinter Milchglas starrte Graybrow an. Aber die linke Seite seines Gesichts … war einfach weg. Rote Sehnen und rosa Muskeln waren obszön über einen übertrieben großen Schädel gestreckt. Es sah aus, als hätten hungernde Hunde die feinen Sachen weggefressen. Auf dieser Hälfte des Gesichts gab es kein Auge, nur eine schwarze, aufgerissene Höhle.
Graybrow schaffte es, wieder Luft zu holen, bevor er das Bewusstsein verlieren konnte. »Schätze … schätze jetzt bin ich dran, was?«, sagte er.
Cobb nickte mit dieser Horrormaske. Seine Lippen zogen sich vor scharfen, gelben Zähnen zurück. »Ich denke schon, mein Freund«, sagte er mit zischender Stimme. »Ich denke schon.«
»Keine Chance, dass ich vielleicht …«
»Ich habe da meine Zweifel«, sagte Cobb. »Aber da du so weit gekommen bist, möchte ich dir etwas zeigen.«
Aber Graybrow schüttelte nur den Kopf. »Ich denke nicht, dass ich das möchte.«
Und als Cobb ausholte, um ihn zu packen, zog er sein Jagdmesser hervor und begrub es geradewegs im Bauch des Teufels. Nicht, dass es ihm etwas genützt hätte. Cobb ergriff ihn mit einer Kraft, die unglaublich war. Diese Klauenhände – die linke bloßes Skelett, ohne Haut – packten ihn an den Schultern und schmetterten ihn gegen die Wand, bis Graybrow schlaff wurde wie ein Lappen.
Der Kampf war aus ihm herausgeprügelt worden.
Das Messer hing noch immer aus seinem Bauch, als Cobb die langen, weißen Haare Graybrows nahm und ihn daran bis in den Korridor schleppte. Graybrow schwamm zwischen Bewusstsein und Bewusstlosigkeit hin und her. Er konnte das dumpfe Stampfen von Cobbs spanischen Stiefeln hören und wurde dann kurzerhand vor einer Tür am Ende des Ganges abgeworfen. Dort war eine Tür, die mit alten, blutigen Handabdrücken bedeckt war.
Cobb fischte einen Schlüssel heraus und schloss sie auf.
Graybrow erhaschte einen Blick in ein Schlachthaus. Er hörte das Klirren von Ketten und roch verwesendes Fleisch und eiternde Kadaver.
Cobb stieß ihn mit dem Fuß hinein. »Ich möchte dir meine Mutter vorstellen«, sagte er und schlug die Tür hinter sich zu.
***
Deputy Pete Slade, Elijah Clay und drei der Minenarbeiter gingen von Haus zu Haus und töteten alles, was sich bewegte. Sie hörten das Schießen und das Sterben, aber Slade bestand darauf, dass sie einen Job zu erledigen hatten und die anderen auf sich selbst aufpassen mussten.
Sie lernten schnell genug, dass es nur einen einzigen Weg gab, die Menschenjäger umzulegen: man musste ihnen den Kopf wegpusten. Nach nicht weniger als vier Häusern, in denen sie mit den Bestien aufgeräumt hatten, zielten sie nur noch auf die Köpfe.
Aber jetzt waren sie auf der Straße gefangen, und die Dinge begannen, sich unschön zu entwickeln.
Die Bestien waren oben auf den Dächern, beobachteten sie und stürzten sich auf sie herab, wenn sie dachten, eine Chance zu haben. Grüne, strahlende Augen, die aus den dunklen Tiefen von Scheunen und hinter Fensterläden beobachteten.
»Wir müssen uns mit den anderen zusammentun«, sagte Clay, der eigentlich keine Angst hatte, aber sicher auch nicht tiefenentspannt war. »Was meinst du, Slade? Sind einfach zu viele von ihnen und zu wenige von uns.«
Slade wusste, dass es stimmte.
Aber dafür war jetzt keine Zeit, nicht jetzt. Denn hinter ihnen flogen die Flügeltüren einer Scheune auf, und die Einwohner von Deliverance begannen, als Masse herauszuströmen. Sie waren ein knochiges, teigig aussehendes Rudel mit sonnenlosen Gesichtern und glänzenden grünen Augen. Aber das Verstörendste war, dass sie keine Kleider trugen, sondern Häute. Menschenhäute. Menschenhäute, die flatternde Glieder, gehäutete Gesichter und wehende Haarlocken mit einschlossen.
Es war entsetzlich anzusehen.
Anzusehen, wie sie nach vorne sprangen wie ein teuflisches Wolfsrudel, grünäugig und gnadenlos, mit stacheligen, schnappenden Kiefern und großen Speichelsträngen, die aus ihren Lippen hingen. Gekleidet in Menschenhaut vom Kopf bis zur Sohle.
»Macht sie kalt!«, schrie Slade. »Macht sie alle kalt!«
Sie kamen heran wie eine Flut aus sprießenden Klauen und Zähnen, machten dabei kläffende und bellende Geräusche wie Jagdhunde, und Slade und seine Jungs begannen, ihnen alles zu geben, was sie hatten.
Sie erledigten ein halbes Dutzend, verletzten ein Dutzend mehr, aber die übrigen gingen einfach über die unten Liegenden hinweg, heulten und schnappten. Zwei der Minenarbeiter gingen zu Boden. Ein dritter war einfach verschwunden. Slade versank in einer Schar von vier oder fünf beißenden, kauenden Kindern.
Clay stieß sie mit dem Kolben seiner Schrotflinte von sich, schoss zwei andere nieder, fühlte Krallen sein Gesicht und seinen Rücken aufreißen und kämpfte sich allein durch seine schiere Größe und Masse wieder frei. Und während er das tat, beobachtete er erstaunt, wie die Einwohner die Leichen seiner toten Kameraden zerfleischten, wie Kinder sich mit Gliedmaßen im Mund davonstahlen und geradewegs wie Spinnen an den Wänden der Gebäude nach oben liefen.
Er machte sich davon, solange das noch möglich war.
***
Einer der Minenarbeiter aus Slades Gruppe lief davon, als der Angriff kam. Er sah die schiere Zahl und wusste, dass ein Kampf nicht infrage kam. Sein Name war Rafe Gerard, und er war kein Feigling. Die Tatsache, dass er mit Dirker hergekommen war, um diese Schweinerei in Ordnung zu bringen, besagte, dass er alles andere als ein Feigling war.
Aber er hatte es sowohl durch den Mexikanisch-Amerikanischen Krieg als auch den Krieg zwischen den Staaten geschafft, und sicherlich war er ein Mann, der wusste, wie man am Leben blieb.
Und er hatte vor, am Leben zu bleiben.
Er trat die Tür eines kleinen Hauses auf und schob von innen den Riegel vor. Pulverschnee bestäubte wie verschüttetes Mehl den Boden. Damit vermischt war etwas Blut. Einige Spuren führten zur Feuerstelle und verschwanden wieder, als ob einer von ihnen durch den Schornstein entkommen war.
Etwas, das Rafe Gerard für durchaus möglich hielt.
Er saß mit dem Rücken an der der Wand und versuchte, alles zu durchdenken. Clay hatte Recht: sie mussten die anderen finden. Somit lautete letzten Endes die Frage, ob man sie suchte oder sich von ihnen finden ließ.
Also saß Gerard da und beobachtete die Feuerstelle und die Haustür, die teilweise mit Brettern vernagelten Fenster und die Tür, die in ein anderes Zimmer führte. Er drehte sich eine Zigarette und rauchte sie ruhig. Abwartend.
Dann hörte er das Weinen.
Er hielt es für ein erbärmliches, klägliches Wimmern. Die Art von Geräusch, die dazu da war, jedem das Herz zu zerreißen, der warmes Blut in den Adern hatte. Es richtete seine melancholische Magie auf Gerard. Denn früher hatte er einen Jungen gehabt, einen wunderbaren kleinen Jungen mit gelbbraunen Haaren, der in einem langen harten Winter an der Influenza zu Tode gekommen war. Und obwohl er wusste, dass Deliverance mit Monstern gefüllt war, konnte er nicht anders, als von diesem Geräusch bewegt zu werden.
Er ging durch die Küche in ein einfaches, kleines Schlafzimmer auf der Rückseite des Hauses. Eine Kommode. Ein Gitterbett. Ein Waschbecken. Bluttropfen waren auf eine Wand gespritzt. Oberhalb war eine Luke zum Dachboden, auf der noch mehr Blut verschmiert war.
Von dort oben kam das Schluchzen.
Gerard stand da, wollte nicht hinsehen, aber das Menschliche in ihm verlangte es. Er zog das Bett heran und stellte sich darauf. Die traurige kleine Stimme rief nach seiner Mutter … seiner Mutter.
Etwas Kaltes entfaltete sich in seiner Brust, und Gerard schob die Luke beiseite.
Das wenige Licht, das hereinsickerte, zeigte ihm einen kleinen Jungen, der dunkel war von dem Blut, das ihn bedeckte. Und bevor Gerard abdrücken konnte, wuschen Erinnerungen an seinen eigenen verlorenen Sohn durch ihn hindurch, und der Junge war über ihm und schlug seine Zähne in seine Kehle.
Und Gerard starb, wie er gelebt hatte: gewalttätig.
***
Sir Tom Ian und Henry Wilcox, geschlagen, zerschrammt und blutgetränkt, waren alles, was von ihrer kleinen Gruppe übrig geblieben war. Die anderen waren durch die Bestien abgeschlachtet worden. Und Graybrow war einfach verschwunden. Deputy Wilcox war übel am Bauch und den Rippen aufgeschlitzt worden, und er hatte eine Menge Blut verloren.
Aber er wollte nicht aufgeben.
Nicht, solange noch Kraft in ihm war.
Ian und er untersuchten das Büro einer Spedition, nachdem sie einer Blutspur durch den Schnee gefolgt waren, bevor neuer Schnee sie überdeckte. Drinnen war es ziemlich leer. Alle Möbel und Büromaterialien waren längst nicht mehr da. Aber auf dem Boden war Blut. Die blutigen Abdrücke von Kindern und etwas Nassem, das sie hinter sich hergezogen hatten.
An der Rückseite des Büros befand sich eine Tür.
Sie war verschlossen.
»Bist du bereit, Kumpel?«, fragte Ian.
»So bereit, wie ich jemals sein werde«, gab Wilcox zur Antwort. Seine große Gestalt schien jetzt in sich zusammengesunken, während das Blut weiter durch die provisorischen Bandagen sickerte, die um seinen Oberkörper gewickelt waren.
Ian ergriff den angeschlagenen Türknauf.
Er hörte heftige Bewegungen und nass klingende, reißende Geräusche.
Er warf die Tür auf und sah eine Gruppe von Kindern mit den Knien auf dem Boden. Ihre Augen waren grün, aber ihre Körper nackt und kahl. Sie grinsten zu den beiden Männern hoch, und ihre Zähne waren wie Eiszapfen, die aus geschwärztem Zahnfleisch ragten. Sie waren um den Körper eines Daniten versammelt … vielleicht Fitch … obwohl es wirklich schwer zu sagen war, so schwer war der Grad der Verstümmelung.
Die Kinder waren alle von oben bis unten tätowiert, ihre Gesichter blutverschmiert.
»Lieber Gott«, sagte Wilcox und wiederholte es immer wieder.
Die Kinder erhoben sich von ihrer Beute, ganz langsam, und kamen auf die Männer zu. Wilcox begann zu schluchzen … Kinder, nur gottverdammten Kinder. Er konnte es nicht über sich bringen, den Abzug zu betätigen.
Aber Sir Tom Ian hatte solche Bedenken nicht.
Er zog seinen 44er Bisley, und er hatte ihn kaum aus dem Holster, als die erste Ladung in einem kleinen Mädchen einschlug. Der nächste Schuss entfernte das Gesicht eines kleinen Jungen. Er gab ein wildes, stöhnendes Geräusch von sich, und Wilcox schloss sich endlich an.
Denn sie waren keine Kinder.
Sie waren mehr Bestien als Menschen, und ihre Augen waren voll von einem unverminderten, unerbittlichen Appetit. Sie würden ihre Beute verfolgen und sie ohne Reue niedermachen.
Und deswegen war er in der Lage, zusammen mit Ian die Kinder zu töten.
Die Waffen retteten ihnen das Leben, aber sie machten in dem geschlossenen Raum auch einen Höllenlärm. Wie Donner hallte und hallte es, bis ihr Gehör abgestumpft und betäubt war.
Und deswegen hörten sie nicht, wie die anderen durch die Tür auf sie zukamen.
Sie wussten nichts davon, bis sie die Klauen und Zähne spürten und den ranzigen, heißen Atem an ihrem Hals rochen.
***
Cabe sagte: »Nach dir, Sheriff.«
Dirker nickte und schob sich durch die Tür des alten Hotels. Cabe folgte hinter ihm, seine Greener-Schrotflinte in den Händen. Seine Evans-Pistolen waren über seinen Rücken geschlungen. Der Gestank traf sie sofort. Dicht, heiß und ekelerregend. Er hatte keinen Platz in einem verlassenen Hotel an einem frostigen Tag, an dem der Wind den Schnee durch die Straßen jagte und alles mit Eis bedeckte. Dennoch war der Geruch da … wie ein atmendes, verzehrendes lebendes Etwas. Ein bösartiges, bewusstes Wesen. Beide Männer standen da, atemlos, und warteten darauf, dass was auch immer diesen Gestank verbreitete die Treppe hinunter auf sie zu glitt.
Aber da war nichts als Stille.
»Wenn das, was Harmony gesagt hat, stimmt«, begann Dirker und lud sorgfältig seinen 45er Colt Peacemaker nach, »dann haben Cobb und seine Crew hier im Obergeschoss gelebt.«
»Himmelherrgott, der Gestank …«, sagte Cabe.
»Auf gehts«, sagte Dirker.
Ein Paar Öllampen hing an einem Haken in der Nähe des Treppenhauses. Beide waren fast voll mit Petroleum. Cabe nahm eine und zündete sie an. Ein schmutziges, gelbes Licht ging von der Lampe aus und enthüllte die Verheerungen der Natur – die Tierknochen und Vogelnester, die Blätter, Äste und Piniennadeln, die in die Löcher in den Wänden gestopft waren.
Sie gingen nebeneinander die Treppe hinauf und blieben an der Spitze stehen.
Blieben stehen, um festzustellen, dass die Atmosphäre sich jetzt absolut verpestet anfühlte, wie die eines Malaria-Todeslagers im Dschungel. Die Luft war schwer, feucht und bösartig, mit dem fauligen, fliegenübersäten Gestank wurmstichigen Fleisches. Und heiß war sie, lieber Gott, heiß und feucht und drückend. Sie zitterte dick wie Gelatine, legte sich auf ihre Gesichter als ranzige, schleimige Feuchtigkeit.
Sie gingen den Korridor entlang in Richtung der Tür am anderen Ende. Der Tür mit den hineingeschnittenen Furchen und den abnormen blutigen Handabdrücken. Oder mit so etwas Ähnlichem wie Handabdrücken.
»Sieh dir den Boden an«, sagte Cabe.
Dirker tat es.
Direkt vor der Tür, vielleicht vier Fuß in den Korridor hineinragend … war eine seltsame, kriechende, verwesende Pilzmasse. Als sie darauf traten, zerquetschten sie es wie nasses Laub, und stinkender, schwarzer Saft sickerte aus ihr hervor.
Dirker stieß etwas mit der Spitze seines Stiefels an. »Eine Schrotflinte«, sagte er. »Erkennst du sie?«
Cabe nickte langsam, müde. »Eine Whitney. Die gehört Charlie Graybrow.«
Dirker zog am schmutzigen Türknauf, aber die Tür war verschlossen.
Cabe stand neben ihm, und ein wilder, panikartiger Terror durchströmte ihn. Was auch immer da drin war … was auch immer diesen schändlichen, gespenstischen Gestank verströmte … zum Teufel, das konnte einfach nicht gut ausgehen, konnte nicht gut ausgehen.
Dirker übergab Cabe seine Schrotflinte und hob die Whitney auf. Er hielt den Lauf gegen das Schloss und drückte ab. Der Türknauf und sein Gehäuse wurden in den Raum geblasen und hinterließen ein rauchendes, schwarzes Loch.
Dirker trat die Tür auf.
Und sie betraten die Hölle selbst.
Als sie über die Türschwelle gingen, warf Cabes Laterne auf- und abtauchende, geisterhafte Schatten. Eine schwarze Welle stinkender Hitze schob sie tatsächlich einen oder zwei Schritte zurück. Und der Geruch … eine Übelkeit erregende Ausdünstung, die von mehr als nur organischem Verfall und Verwesung stammte, ein bösartiger, kontaminierter Gestank, der ihre Knie weich werden ließ und ihre Mägen sprudelnd in ihre Kehlen schickte. Es erinnerte Cabe sofort an ein Feldlazarett, in dem er während des Krieges gewesen war. Eine umgebaute Scheune in Tennessee, die nach fauligen Uniformen, amputierten Gliedmaßen und brandigem Fleisch stank. Das hier war wie damals, ein riesiger, vergifteter Gestank aus Schmerz, Krankheit und Erbrochenem.
Sie bereiteten sich auf die nächste Steigerung vor und gingen weiter in den Raum hinein.
Es gab keine Möbel. Die blumengemusterte, cremefarbene Tapete war über und über mit Wirbeln und tropfenden Klecksen von altem Blut befleckt. Sogar die Decke war damit vollgespritzt … als ob irgendein wahnsinniger Metzger das Zeug eimerweise verteilt hatte. Der Boden war nass und brodelte mit mehr von dieser kriechenden, grauen Pilzmasse, aber hier war sie verfilzt und faserig, und schwarze Jauche und blutiger Schleim sickerten daraus hervor. Ein mehrere Zoll tiefer, gelatineartiger Eintopf aus Fäulnis und Knochen und abgenagten Gliedmaßen. Ganze Leichen und Leichenteile lagen überall verstreut, und alle waren mit Fliegen und Käfern und kriechenden Würmern bedeckt. Ein paar verschmutzte, geschälte und kieferlose Schädel starrten sie von unten an.
»Lieber Gott im Himmel«, brachte Dirker heraus, und seine Stimme war kaum zu hören.
Denn jetzt sahen sie, was hier brütete, was Cobb aus Missouri mitgebracht hatte.
Es mochte einst eine Frau gewesen sein, aber jetzt war es eine angekettete Monstrosität mit nassem, aussätzigem Fleisch, Fleisch, das mit klaffenden Löchern übersät war und das von den darunterliegenden Knochen wie ein vom Wind verwehtes Leichentuch hing. Das Fleisch schien sich zu bewegen und mit pulsierenden Strömen zu zucken, aber es waren nur die Parasiten und das Ungeziefer, das sich in ihr bewegte. Der knochige Schädel war von langen, fettigen Haaren mit Spinnweben umgeben, und die Totenmaske, die einst ein Gesicht gewesen war, war verschrumpelt und verdorrt. Geleeartige grüne Augen bluteten schleimige Tränen.
Es gab einen niedrigen, blökenden Ton von sich und hielt ihnen die Hände entgegen, die mehr Skelett als Fleisch waren. Die Haut hing in Streifen und Schleifen von ihnen herab. Die Finger waren wie Stöcke, und sie endeten in langen, gekräuselten Nägeln, die sich in der Luft zu verdrehen und zusammenzurollen schienen. Es begann, in ihre Richtung zu gleiten. Dabei löste es Wellen aus, die sich durch dieses verpestete Meer organischer Fülle schoben. Die Haut war längst vom pulsierenden Gesicht geschmolzen, die Nase war nur ein Hohlraum, und das fleckige Zahnfleisch war mit knorrigen, verfärbten Zähne besetzt.
Es kam auf sie zu mit einer kriechenden, schleichenden Bewegung, quäkte jetzt wie ein ertrinkendes Kätzchen. Es war ein mit Geschwüren bedeckter, sich windender Wurm.
Cabe und Dirker begannen zu schießen.
Patronenhülsen flogen, und die Luft war plötzlich mit Rauch und dem bitteren Geruch von Schießpulver erfüllt. Sie feuerten und feuerten, luden nach und feuerten erneut. Und sie hörten nicht eher auf, bis diese sich windende menschliche Qualle zu Fragmenten zersprengt war.
Dann verließen sie den Raum.
Sie schlossen die Tür.
Am anderen Ende des Korridors, beide zitterten wie Espenlaub, schleuderte Cabe die Laterne an die Wand, sie zerbrach, und Flammen leckten an den Wänden empor.
Draußen fielen beide Männer in den Schnee, keuchend und würgend.
***
Zehn Minuten später standen sie vor der Kirche.
Die Glocke hatte jetzt aufgehört, zu schlagen.
Sie standen in der Nähe des hohen, schmiedeeisernen Zauns, der die Kirche bis direkt an die Eingangsstufen umgab. Die Pfosten waren verrostet, riesig und tödlich scharf. Sie erhoben sich wie Speere.
»Nun«, sagte Dirker »ich denke, außer uns ist niemand übrig, Tyler. Nur du und ich.«
Cabe sagte: »Lass und diesen Arschlöchern zeigen, wozu ein stinksaurer Yankee und ein irrer Südstaatler in der Lage sind.«
Dirker lachte. Er konnte nicht anders. Es rollte aus ihm heraus, und kurz darauf rollten Tränen über sein Gesicht. Cabe lachte ebenfalls, und es fühlte sich verdammt gut an.
»Ich wusste nicht einmal, dass du lachen kannst«, sagte Cabe.
Dirkers Lachen wurde zu einem Husten und einem Schnarren. Er wischte sich mit der Hand über den Mund. »Klar kann ich das«, brachte er heraus, »es ist nur so, dass ich in der Regel allein bin und über mich selbst lache.«
Das brachte sie wieder in Gang, und sie taumelten umher wie betrunkene Männer, schlugen einander auf den Rücken, bis das Lachen schließlich erstarb und von einer düsteren Stille ersetzt wurde. Die Stille des Windes und des Schnees und der Ewigkeit.
»Klingt so, als ob ich die Party verpasst habe«, sagte eine Stimme. »Das nächste Mal ladet ihr mich aber ein, hört ihr?«
Elijah Clay spazierte aus dem Sturm, eine Pistole in jeder Hand. »Und ich dachte, ich wäre der Letzte.«
»Ich hätte nie gedacht, dass ich mich freuen würde, dich zu sehen, gottverdammter Hillbilly«, sagte Cabe.
Clay grinste. »Jetzt benimm dich, Junge. Ich bin hier, um deinen Arsch zu retten.«
»Und die anderen?«, fragte Dirker.
Aber Clay schüttelte nur den Kopf.
Gemeinsam stiegen sie die Stufen hinauf. Die Doppeltüren waren verschlossen, aber Clay rammte sie mit seiner massiven Schulter, und sie flogen weit auf. Dann gingen die drei direkt zum Angriff über, liefen geduckt, mit Schrotflinten in den Händen.
Kirchenbänke.
Sie sahen die Bankreihen, von denen viele zu Kleinholz zerfetzt worden waren. Den Altar dominierte ein riesiges Gestell voller Skalps. Es mussten fünfzig oder sechzig Skalps sein. Um sie herum lagen auf sorgfältig sortierten Haufen Schädel und Knochen. Ans Kreuz war nicht Jesus, sondern stattdessen eine mumifizierte Leiche genagelt. Dirker erkannte Caleb Callister … zumindest glaubte er das.
Aber es blieb keine Zeit, es herauszufinden, denn James Lee Cobb und vier seiner Menschenjäger traten hinter dem Altar hervor. Sie trugen Gewehre und graue Staubmäntel, und sie waren irgendetwas zwischen Tier und Mensch.
»Sieht aus wie ein Patt«, sagte Cobb lachend, und sein Lachen dröhnte, gackerte und hallte.
Cabe hatte einen guten Blick auf ihn, den Architekten dieses Albtraums. Die Haut auf der linken Gesichtshälfte war einfach nicht vorhanden, Muskeln und Knochen waren freigelegt. Es sah aus, als ob ein Chirurg eine Trennlinie in der Mitte des Gesichts mit einem Skalpell aufgeschlitzt hatte, sodass die rechte Seite relativ unbeschadet blieb und das Gewebe auf der linken Seite bis auf die Knochen entfernt werden konnte. Es war wie eine anatomische Darstellung, der es erlaubt war, herumzulaufen.
Clay sagte: »Hässlicher als ein überfahrenes Eichhörnchen in einer Fritteuse.«
Und dann flogen die Kugeln.
Cabe und die anderen ließen ihre Schrotflinten fallen und holten ihre Repetiergewehre hervor. Kugeln sirrten um sie herum wie wütende Wespen, fraßen sich in Kirchenbänke und verteilten überall Holzsplitter.
Das Trio erwiderte das Feuer.
Aber die Menschenjäger waren von einer irren, urzeitlichen Wut besessen. Sie stürzten sich vom Altar herunter, geradewegs in einen Kugelhagel. Die beiden, die den Angriff anführten, tanzten kurzzeitig wie Marionetten, als die Kugeln sie durchschlugen und Löcher in sie rissen. Ihr Blut und ihr Fleisch verteilten sich in alle Richtungen. Aber Cobb feuerte noch immer, eine seiner Kugeln erwischte Clay in der Schulter, und die nächste riss eine klaffende Wunde entlang der Seite seines Kopfes und nahm sein Ohrläppchen mit sich.
Er ging zu Boden, blutend und stöhnend, setzte sich aber wieder auf und schoss einem Menschenjäger aus kürzester Entfernung direkt ins Gesicht. Die Kugel entkernte seine Nase, und der Schädel dahinter fiel auseinander, als das Geschoss mehrfach in seinem Kopf abprallte und wie ein Bohrkopf alles in seinem Weg zerfräste. Ein weiterer Menschenjäger mit nicht weniger als einem Dutzend Löcher in ihm hatte fast ihre Position erreicht, aber Cabe schickte eine Kugel durch seine Kehle, die ihn herumwirbeln ließ. Cabe erledigte ihn mit einer Kugel in seine Schläfe.
Dirker stand auf und schoss den dritten Menschenjäger nieder, der in einem Nebel aus Blut und Gehirn auf die Knie fiel, seine Brust umklammerte und umstürzte.
Und dann sprang der letzte Menschenjäger.
Cabe verpasste ihm eine Ladung, aber es verlangsamte ihn nicht einmal. Er stieß mit dem Kopfgeldjäger zusammen, und sie rollten in einem Haufen auf dem Boden. Er war unglaublich stark, und Cabe kämpfte und fluchte und schlug zu, versuchte, diese Zähne weg von seinem Hals zu halten.
Und dann war Dirker, die gesamte Vorderseite seines Mantels nass mit Blut, auf dem Rücken des Biests. Eine weitere von Cobbs Kugeln schlug durch ihn hindurch, aber er ließ nicht nach. Sein Gesicht war zu einer Maske aus Qual verzerrt, und er riss den Kopf der Kreatur zurück, als sie einen Satz nach vorne machen wollte, um Cabe die Kehle aufzuschlitzen. Er riss sie zurück und drückte die Mündung seines 45er Peacemakers an ihren Schädel. Er zog den Abzug der Double-Action-Pistole durch und zerfetzte den Kopf der Bestie.
Das Biest fiel tot um.
Und Dirker mit ihm, seine Hände umklammerten seine Brust, und dunkles Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor.
Clay gab zwei weitere Schüsse auf Cobb ab, der das Durcheinander nutzte und entlang der gegenüberliegenden Wand lief, seine Pistolen abfeuerte und durch eine niedrige Tür keine zwanzig Fuß von den Männern entfernt verschwand.
Aber Cabe sorgte sich allein um Dirker.
Er wiegte seinen Kopf in seinem Schoß. »Oh mein Gott, Jackson, Jesus Christus, schau dich an …« Er spürte, wie Tränen sein Gesicht hinunterliefen, und er erkannte, dass Dirker ihm das Leben gerettet hatte, aber um den Preis seines eigenen. »Warum bist du zu mir rüber gekommen und hast das getan, warum hast du das getan?«
Dirker streckte die Hand aus und fand die von Cabe. »Tyler«, sagte er, und Blut rann aus seinen Mundwinkeln. Er hustete, würgte und versuchte, irgendetwas wieder herunterzuschlucken. »Tyler, ich bin … ich bin erledigt, einfach erledigt …«
»Nein, das ist nicht wahr, ich lasse dich nicht einfach so davon kommen …«
»Das bin ich schon«, beharrte er. »Zurück in der Stadt … du … du kümmerst dich um meine Frau, kümmerst dich … um Janice. Schwöre mir, dass du das tun wirst …«
Cabe schluchzte jetzt, einfach überwältigt von zu vielen verdammten Gefühlen. »Das mache ich, ich schwöre, dass ich es tun werde. Aber Jackson, du kannst nicht einfach abhauen und mir wegsterben, nicht jetzt, nicht jetzt, wo wir Freunde sind, wo wir endlich gottverdammte Freunde sind …«
Dirker fand ein Lächeln und legte es auf, aber es verblasste bald. Er starrte in den Raum und atmete schwer. »Pea Ridge … ich kann es sehen, Tyler, es ist direkt vor mir … der Wald … die Hügel … oh, Tyler, erinnerst du dich, wie kalt es war … so kalt und dann der Schnee … schon in Arkansas … schon in Arkansas … ihr Jungs, ihr Jungs, zieht euch zurück, lieber Gott, zieht euch zurück, die Konförderierten überrennen uns … nein, nein, nein … ich träume, Tyler …«
Cabe hielt fest seine Hand. »Ich werde dich auf ein Pferd packen und zurück in die Stadt schaffen. Das werde ich tun …«
Er spürte eine Hand auf seiner Schulter. Es war Clays.
»Er ist nicht mehr da, Junge«, sagte Clay leise. »Er ist fortgegangen.«
Cabes Gesicht war nass von Tränen. Langsam legte er Dirker zu Boden. Er streichelte seine Wange und schniefte, versuchte, sich zusammenzureißen. Er sah seine Schrotflinte und hob sie auf. »Wo«, sagte er, »wo ist dieses verdammte Arschloch Cobb?«
Clay, der gerade versuchte, seine Wunden zu flicken, sagte: »Durch die Tür da drüben … schick ihn zur Hölle, Junge …«
Cabe, vollgepumpt mit Adrenalin und Hass, schoss durch die Tür wie eine Artilleriegranate. Wenn Cobb dort gestanden und gewartet hätte, er wäre geradewegs halbiert worden, so leicht, wie ein Schwert durch Käse schneidet.
Aber er war nicht da.
Cabe befand sich in einem sehr engen Durchgang, der geradewegs auf den Glockenturm führte. Eine Serie von engen, gewundenen Treppen kletterte seine Kehle empor wie in einem spiralförmigen Wurm. Es war Blut auf ihnen. Und auch das Geländer war mit Blut beschmiert.
Cabe dachte: Wir haben ihn also getroffen, der Schwanzlutscher ist getroffen …
Er sog scharf die Luft ein und stieg diese Treppen hoch so leise er konnte, die Schrotflinte in der Hand. Er kroch und schlich wie eine jagende Katze. An der Spitze gab es eine Luke.
Cape wappnete sich für das Schlimmste, kroch vorwärts und warf sich durch die Luke hindurch.
Er rollte über den Boden aus Holzbrettern.
Ausläufer von windgetriebenem Schnee peitschten nach der Glocke. Die Glockenstube maß etwa zehn Fuß im Quadrat, war nach allen vier Seiten offen und von einem hüfthohen Rand umgeben. Der Boden war mit Schnee und alten Blättern bedeckt … und mit Bluttropfen.
James Lee Cobb, sein Gesicht zu dem eines menschlichen Wolfes geformt, trat um die Glocke herum. Die linke Seite seines Gesichts war mehr Totenschädel als Fleisch, und dieser Totenschädel war der einer reißenden Bestie.
»Ich aß alle Seelen in Deliverance«, sagte er, »und jetzt werde ich deine verzehren …«
Ein Beil überschlug sich in Cabes Richtung und flog an seinem Gesicht vorbei, hinaus zu den unten liegenden weißen, peitschenden Straßen.
Cabe verpasste dem Dämon den ersten Lauf seiner Greener genau in den Bauch, und dann sprang Cobb auf ihn zu, sprang mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit und Balance für einen Mann, der einen Schuss in die Eingeweide bekommen hatte. Während er noch mitten in der Luft schwebte, feuerte Cabe den zweiten Lauf auf ihn ab. Der Schuss schleuderte ihn nach hinten gegen die Glocke. Die Glocke begann in einem durchschlagenden, donnernden Geläut zu schwingen und zu klingen. Cobb hinterließ auf ihr blutige Schlieren und zog sich an ihrem Rand hoch. In seinem Rücken tobte der Blizzard.
Sein Oberkörper war zu einer brennenden, rauchenden Höhle aufgerissen. Flammen von Kontaktbränden leckten an seinem Poncho empor, und es stank nach eingeäschertem Fleisch und verbranntem Haar.
Aber was Cabe erstarren ließ, war, dass Cobb keine inneren Organe hatte. Sein Körper war mit zirpendem und kriechendem Leben gefüllt. Heuschrecken. Tausende und Abertausende von Heuschrecken. Und dann begann Cobb zu lachen, mit einem hohen, sonderbaren Gackern, und das Lachen verband sich mit der läutenden Glocke zu einer hämmernden Wand aus Lärm.
Cabe stieß einen Schrei aus, als die Heuschrecken aus Cobbs Torso flohen und die Luft als ein summender, geschäftiger Schwarm erfüllten und sich auf ihm niederließen wie auf einem Feld, das es leerzufressen galt. Sie häuften sich über ihm, bissen und kratzten und brummten, und Cabe war halb von Sinnen, schlug wie wahnsinnig nach dem grünen, pfeifenden Teppich aus Insekten. Sie kauten und knabberten, krochen unter seine Kleidung und versuchten, sich in Mund, Ohren und Nase zu quetschen.
Sie würden ihn bis auf die Knochen abfressen.
Cabe wusste, jetzt oder nie, und warf sich Cobb entgegen mit allem, was er hatte. Er schlug den grinsenden, gackernden Bastard, schlug ihn so hart er konnte. Und traf ihn so heftig, dass Cobb das Gleichgewicht verlor. Mit einem manischen, gequälten Bellen stürzte er gegen die Kante des Glockenturms. Seine Arme ruderten in der eisigen, verschneiten Luft … und dann kippte er und fiel kopfüber hinunter in den Blizzard.
Er stieß einen wütenden, durchdringenden Schrei aus.
Die Insekten rollten sich wie braune, tote Blätter zusammen und fielen von Cabe herunter. Er lehnte sich gegen die Kante, blickte nach unten, als der wirbelnde Schnee für einen Moment nachließ, und konnte Cobb sehen.
Er war auf einem Pfosten des Zauns gepfählt worden.
Drei blutbedeckte Metallspitzen ragten gute fünfzehn Zoll aus seiner Brust heraus, wenn nicht mehr, und er war so sicher aufgespießt wie ein Käfer auf einer Nadel. Er krümmte sich und kämpfte, seine Arme peitschten und sein Mund heulte. Aber all das zwang ihn nur weiter nach unten auf den spitzenbewehrten Zaun.
Eisen, dachte Cabe. Eisen.
Die Zaunpfähle waren aus Eisen, und er hatte gelesen, dass der Teufel Eisen fürchtete, denn es symbolisierte den Planeten Erde. Deshalb hingen die Leute Hufeisen über ihre Türen. Eisen war ein grundlegendes Element der Erde und ein Feind der Dämonen und Körperlosen.
Cabe fühlte, wie die ganze Kirche unter ihm erzitterte, als Cobb mit, wie es schien, einem Dutzend verschiedener Stimmen schrie … Männer, Frauen, Kinder.
Halb kletterte, halb fiel Cabe die Treppe hinunter. Er schleppte sich durch die Tür, und Clay war immer noch da und wartete. Gemeinsam schafften sie es aus der Kirche heraus.
Cobb bewegte sich nicht mehr.
Er war zu so etwas wie einer braunen, abgemagerten Vogelscheuche verdorrt, von der Staubflocken abblätterten.
Die Kirche schwankte hin und her, als ob sie versuchte, sich aus ihrem Fundament zu ziehen. Plötzlich war überall stöhnender, krachender Lärm, und sie fiel in einem Haufen von Holztrümmern in sich zusammen. Zuletzt kam die Glocke herunter mit einem letzten, ätzenden Glockenschlag.
Cabe und Clay waren schon auf der Straße und liefen zu ihren Pferden.
Cobbs gutes Auge flackerte auf, die Augenhöhle mit Maden gefüllt. Sein geschwärztes, blasenüberzogenes Gesicht schälte sich mit einem kreischenden Schrei. Das Böse in ihm stob in einem gelben, suchenden Nebel heraus, der aus Dutzenden von Löchern und Schlitzen ausbrach, Tornados aus Schnee aufwirbelte und nach Knochengruben roch, nach brackigen Sümpfen und menschlichen Exkrementen. Da gab es einen Blitz wie von einem Gewitter, ein Grollen, ein Stöhnen, und die Erde bebte und der Himmel wurde plötzlich schwarz, als so etwas wie eine Million summender Fliegen nach oben schoss … und dann war es vorbei.
Cobb war erledigt.
Cabe und Clay fanden ihre Pferde und banden die der anderen los.
Dann ritten sie aus Deliverance heraus, und eine Zeit lang sprach keiner von beiden. Als sie ein gutes Stück Weg hinter sich gebracht hatten und die Nacht dunkel und grimmig wurde, blieben sie stehen.
»Man wird den Ort niederbrennen müssen«, sagte Clay, »im nächsten Frühling. Danach muss der Boden gesalzen werden.«
»Ich denke auch«, sagte Cabe.
Sie ritten weiter.