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Mit so einem Kater, dazu abgekämpft und ohne Schlaf, verspürte Cabe keinerlei Bedürfnis, so etwas zu sehen. Und auf keinen Fall hatte er das Bedürfnis, die aufgeschlitzten und zerhackten Überreste einer Hure namens Mizzy Modine in all ihrer makabren Pracht zu sehen.

Er stand im Türrahmen, seine Eingeweide strebten nach oben und Magenflüssigkeit drückte gegen das Ende seiner Kehle. Seine Kiefer waren fest aufeinandergepresst.

Dirker stand neben ihm. »Und?«, sagte er. »Gibt es noch irgendeinen Zweifel, dass das dein Kerl ist?«

Cabe gab keine Antwort, konnte keine Antwort geben. Seine Kieferknochen waren wie miteinander verschraubt, und seine Stimme war in ein dunkles, trübes Loch gesunken. So sehr er auch danach fischte, er konnte sie nicht nach oben holen. Was er gerade sah … um Gottes Willen, das war das Schlimmste, was er je erlebt hatte. Das Allerschlimmste.

»Einen Moment bitte«, sagte er schließlich und trat nach draußen in die kühle Luft.

Über die Jahre hatte Cabe eine Menge vom Tod gesehen. Eine Menge Blut und Fleisch, umgekommen auf die unmöglichste Art und Weise. Schon vor langem war er zu dem Schluss gekommen, dass der Mensch, obwohl er möglicherweise die Krone der Schöpfung darstellte, auch das Abscheulichste war, was Gott je geschaffen hatte. Man musste nur sein Äußeres öffnen und die schleimigen, tropfenden Teile sehen, die ihn funktionieren ließen.

Cabe war in den letzten Jahren nie schlecht geworden, wenn er Leichen angeschaut hatte, aber diesmal war es ganz knapp davor. Der Magensaft in seinem Hals schmeckte nach billigem Whiskey, schalem Bier und ein paar noch übleren Dingen. Er versuchte, eine Zigarette zu drehen, aber seine Finger waren steif und unbeholfen, und vielleicht reichte das Licht der Laterne über dem Eingang von Mizzy Modines kleinem Bordell einfach nicht aus.

Dirker drehte ihm eine. Drehte sie, steckte sie ihm zwischen die Lippen, zündete ein Streichholz an und schützte es mit der hohlen Hand gegen den Wind, während Cabe das Leben in sie zog.

Dirker sagte: »Es trifft dich hart, wenn du es zum ersten Mal siehst. Ich sehe mir das jetzt seit Stunden an … aber der Schock will einfach nicht nachlassen.«

Cabe nickte und zog an seiner Zigarette.

Okay, dachte er, es reicht. Du hattest deinen Spaß heute Abend und du hast einen Mann umgelegt, aber jetzt reiß dich zusammen, denn was da drin ist, musst du dir anschauen. Musst es dir in aller Ruhe genau anschauen. Dirker will wissen, ob das der Strangler war, und er erwartet, dass du es ihm etwas dazu sagst.

Kannst du das? Kannst du?

Aber Cabe wusste, dass er es schaffen würde. Irgendwie, auf irgendeine Weise. Er zog noch an seiner Zigarette und dachte daran, wie er die Spur des Sin City Stranglers aufgenommen hatte. Das war in Eureka, Nevada gewesen. Das vierte Opfer. Das fünfte war in Osceola, das sechste in Pinoche. In Pinoche konnte Cabe zum ersten Mal einen genauen Blick auf das Handwerk des Stranglers werfen. Der Sheriff war ein harter Hund gewesen, der eine doppelläufige abgesägte Schrotflinte in einem Futteral an der Hüfte trug. Der Schaft war mit Eisen beschlagen und wies einige Beulen auf, die von den Köpfen etlicher Schurken stammten … oder von denjenigen, auf die er stinksauer war. Es ging das Gerücht, dass Long während des Bürgerkrieges auf Seiten der Nordstaaten gekämpft hatte, und dass er geradezu besessen davon gewesen war, die konföderierte Guerilla in Missouri niederzumachen und ihnen die Haut bei lebendigem Leibe abzuziehen. Er war von der unbarmherzigen, abgrundtief bösen Sorte, und beim Blick in seine Augen … Augen wie schwelender Tod … sträubten sich sogar bei Cabe die Nackenhaare auf. Cabe hatte Fragen gestellt über das Opfer, und schließlich hatte ihn Long selbst mitgenommen, um die Leiche zu begutachten.

Auf einem Stück Tabak kauend sagte Long: Also, diesen Gefallen tue ich dir nur einmal, Südstaatenjunge, hörst du das? Ihr Kopfgeldjäger … ihr trampelt in meiner Stadt herum, wirbelt Staub auf, verteilt eure Stiefelabdrücke auf meinem ganzen Arsch … und nicht einer von euch war anständig genug, mir überhaupt mitzuteilen, dass ihr in der Stadt seid, geschweige denn mir zu sagen, worum es geht. Aber du hast das getan, Südstaatenjunge, also tue ich was Gutes für dich. Nur dass du nicht mehr denken wirst, es wäre was Gutes, wenn wir hier fertig sind. Nur eins noch, Südstaatenjunge … ja, es interessiert mich einen Scheiß, was dein Name ist, Südstaatenjunge … du hörst jetzt zu und hältst einfach mal für zwei Minuten deine vorlaute Fresse, oder ich erledige das für dich. Ich hatte im Krieg genug von euren Südstaatenärschen, also halt’s Maul und zwar sofort, Junge. Okay. Also, ich hab nichts dagegen, dass ihr Kopfgeldjäger herkommt, so lange ihr mir gleich sagt, was für Dreck ihr in meiner Stadt ausgraben wollt. Mir egal, ob ihr Wölfe, Rothäute oder Menschen jagt … ich will es nur wissen.

Dieser Long war ein richtig liebenswerter Kerl. Man musste ihn einfach gern haben. Die Versöhnung nach dem Krieg hatte diesen Jungen nie berührt. Er war genauso fies, niederträchtig und intolerant, wie er während des Krieges gewesen war. Er nahm Cabe mit in den zweiten Stock eines Bordells und in ein Zimmer am Ende des Ganges. Ein weißes Laken war über eine Gestalt auf dem Bett geworfen. Große rote Flecken waren auf ihm zu sehen. Long zog das Laken von der Leiche herunter, und als es sich löste, machte es ein klebriges Geräusch wie nasse Tierhaut, die beim Gerben von einem Brett abgezogen wird.

Long holte ein Messer hervor und begann. Siehst du das hier, Südstaatenjunge? Siehst du, wie sie vom Bauch bis zum Schritt aufgemacht worden ist? Das ist ein sicheres Zeichen, dass hier der Sin City Strangler am Werk war. Kannst mir ruhig glauben … ich hab die andere in Osceola gesehen. Geradewegs aufgeschlitzt, siehst du? Ist das nicht was? Long folgte dem Einschnitt mit der Klinge seines Messers, das er wie einen Zeigestock benutzte. Als wäre er ein Lehrer für Anatomie. Schau, dieser verrückte Bastard, er hat das Messer genau in ihre Möse gerammt und es dann bis zu ihrer Kehle hochgezogen. Dann hat er sie der Breite nach aufgeschnitten, genau unterhalb ihrer Titten hier, und dann noch einmal auf Höhe des Bauchnabels. Er hat diese Nutte aufgemacht wie ein Weihnachtsgeschenk. Siehst du? Sie ist innen ganz hohl, weil der Bastard ihre ganzen Juwelen herausgeholt und im Raum verteilt hat wie Luftschlangen zum Geburtstag … siehst du das? Eine Sache fehlt allerdings, und zwar ihr Herz. Yep. Das nimmt er immer mit. Nun, draußen in San Fran hatten sie mal einen ganz tollen Chirurgen, der hat sich die Leiche angeschaut und festgestellt, dass die Frau etwa zur selben Zeit gestorben ist, als sie gewürgt wurde. Davon habe ich keine Ahnung. Aber schau dir die lilafarbenen Spuren an ihrem Hals an … ja, die da … die stammen von Fingern. Man kann sie gut erkennen, Daumen und Finger. Ich würde sagen, sie wurde erwürgt und danach aufgeschnitten, Südstaatenjunge. Das kann ich sehen. Nein, dreh dich nicht um. Jetzt kommt der wichtige Teil. Ihre Augen sind blutunterlaufen, und ihre Haut ist blau … das kommt vom Sauerstoffmangel, sagt man mir. Sie wurde auf jeden Fall erwürgt. Also, Südstaatenjunge, der, nach dem du suchst, ist ein drecksgemeiner, verstörter Schwanzlutscher, der auf Huren steht, sie gerne fickt, dann erwürgt und ausweidet. Ich hab noch ein Geheimnis für dich, Südstaatenjunge … er fickt sie auch, nachdem sie schon tot sind. Wenn du den Typen also findest, dann wird er ein langes, scharfes Messer bei sich haben, dazu vielleicht ein Herz und ein paar andere Dinge, die in einem Kessel vor sich hin brodeln … wo gehst du hin, Junge?

Aber Cabe hatte genug. Nur ein Leichenschänder konnte es lange an einem solchen Ort aushalten. Irgendetwas stimmte absolut nicht mit Cyrus Long. Er benahm sich zu klinisch und emotionslos. Er schien es beinahe genossen zu haben. Kranker Yankee-Hurensohn.

»Bist du jetzt bereit?«, fragte Dirker.

Cabe drückte seine Zigarette aus. »Du?«

»Nope. Nicht im Geringsten.«

Sie gingen wieder hinein, Cabe lief voran. Sie kamen herein und standen am Fuß des Bettes. Die Luft roch stark nach dem Gestank geleerter Gedärme, frischem Blut und salzigem Fleisch. Es war ein zu Kopfe steigender, ekelerregender Geruch, der in beiden Männern nach unten kroch und etwas tief in ihren Bäuchen erzittern ließ. Cabe sah alles an, nur nicht das, was er ansehen sollte. Er nahm alle Eindrücke in sich auf, die samtenen Tapeten, die Kommode aus Eichenholz, die großen roten Wachskerzen, die nun heruntergebrannt waren. Alles war rot, wirkte warm und war wohl dazu da, die Leidenschaft anzufachen. Aber was auf dem Bett lag, entfachte alles andere als Leidenschaft.

Genau wie die Hure in Pinoche … Mizzy Modine war ausgeweidet worden.

Aber diesmal war es noch schlimmer. Alle ihre Innereien waren herausgeschnitten und neben dem Körper in einer nicht nachvollziehbaren Reihenfolge arrangiert worden. Ihre Därme waren über das Kopfteil des Bettes drapiert und um ihren Kopf gewickelt wie ein Heiligenschein. Die Augen waren herausgerissen und mit Münzen ersetzt. Ihre Brüste waren abgehackt und lagen auf dem Nachttisch, zusammen mit ihren Augäpfeln und Geschlechtsteilen.

»Yeah, das ist er«, atmete Cabe. »Ich habe eine spezielle Tour in Pinoche bekommen. Es sah so aus wie das hier. Nur, dass es diesmal noch schlimmer ist.«

Dirker nickte nur. »In Ordnung.«

Zusammen gingen sie hinaus, und zusammen standen sie da und ließen sich vom scharfen Wind sauber pusten. Ein leichter Nebel hing in der Luft … aber selbst wenn es wie aus Eimern geschüttet hätte – es bestand keine Chance, diesen Gestank herunter zu waschen. Ein Gestank, der mittlerweile vor allem in ihren Köpfen war.

»Du kannst gehen, Cabe«, sagte Dirker. »Ruh dich aus. Du kannst hier nichts mehr tun.«

Cabe blickte ihn an, wollte etwas sagen … und schüttelte dann nur den Kopf und machte sich auf den schlammigen, nasskalten Straßen auf den Weg hinab durch Piney Hill.