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Das beste Hotel in Whisper Lake war zweifellos das Stanley-Arms-Hotel, das Angehörige der Minengesellschaften, reiche Viehzüchter, und vermögende Investoren aus dem Osten beherbergte. Es wurde von einem knallharten, schottischen Highlander namens McConahee betrieben, der in dieses Land gekommen war, um im Bürgerkrieg für den Norden zu kämpfen, und der später Millionen als Viehhändler verdient hatte. Das Stanley prahlte mit Mobiliar aus europäischen Burgen, importierten italienischen Fliesen und nicht einem, sondern drei französischen Köchen.
Und es war der Ort, zu dem die beiden Männer mit den Schrotflinten Tyler Cabe mitnahmen.
Als sie vor den Türen standen, senkten sie die Waffen. Die Männer machten klar, dass er nicht ihr Gefangener war, aber sie machten ebenso klar, dass er dorthin gehen würde, wo sie ihn haben wollten. Cabe wurde durch die großen geschnitzten Türen aus Eichenholz und die Marmorstufen hinauf in den dritten Stock geschoben, wo er in eine Suite aus mehreren mit orientalischen Teppichen ausgelegten Zimmern verfrachtet wurde und gesagt bekam, er solle warten.
Und das tat er … und nahm alles in sich auf. An der einen Wand stand eine Étagère aus Rosenholz mit einem Kristallspiegel und verzierten Regalbrettern. Es gab türkische Sessel, Stühle mit geschnitzten Rosen an der Seite und ein plüschiges Medaillon-Sofa, das mit rotem Samt gepolstert war. Dazu einen Schwanen-Kaffeetisch, hohe Bücherregale aus Mahagoni und einen glänzenden achtarmigen Kronleuchter aus Messing an der Decke.
Ein britischer Diener in Gamaschen und Rockschößen sagte Cabe, er solle es sich bequem machen. Was nicht allzu schwer war auf diesem kuscheligen zweisitzigen Sofa, das ihn fast lebendig verschluckte mit seinem plüschigen Komfort. So saß Cabe da, einen Schwenker mit Napoleon-Brandy in der Hand, inmitten der üppigen Ausstaffierung und tat, als wäre er ein hochgeborener Lord.
Aber die ganze Zeit dachte er: okay, Cabe, diesmal musst du jemand wirklich Wichtiges sauer gemacht haben. Also genieße deinen Brandy, denn es könnte dein letzter sein.
Cabe roch gerade an seiner Kleidung aus Wildleder und seinen Achseln, als jemand den Raum betrat. Es war ein weißhaariger Mann mit einer Falkennase, der so dünn war wie die Borste eines Stachelschweins.
»Mister Cabe, nehme ich an?«, sagte er und klang mehr als nur ein wenig amüsiert.
»Sie … äh, Sir, vermuten richtig«, sagte Cabe. »Und damit sie keinen falschen Eindruck von mir bekommen, Sir, ich laufe sonst nicht herum und rieche die ganze Zeit an mir wie ein Affe im Zoo. Ich war nur besorgt, ich könnte Ihre schöne Couch besudeln.«
»Sofa, Mister Cabe«, sagte der Mann.
»Sofa?«
»Sofa.« Der Mann wirkte groß und mächtig und etwas in ihm schien das zu verlangen. Er schenkte sich Brandy ein und wandte sich an seinen Besucher. Seine Augen waren kalt wie Eisbrocken. Er räusperte sich. »Ich entschuldige mich für die etwas unkonventionelle Einladung, aber es war wichtig, sofort mit Ihnen zu sprechen.«
»Und Sie sind?«, fragte Cabe in dem Wissen, dass es für diesen Kerl ein schweres soziales Fehlverhalten war, sich nicht anständig vorgestellt zu haben.
»Ja, natürlich. Ich bitte um Entschuldigung. Forbes, Conniver Forbes. Ich bin der Vorstandsvorsitzende und Hauptaktionär der Arcadian-Mine, die nur eine Mine von vielen der National-Mining-Gesellschaft ist. Vielleicht haben Sie von uns gehört?«
Cabe hatte. Sie besaßen mehr Geld als drei Länder zusammen hatten, mehr Einfluss als ein Dutzend Senatoren. »Sicher. Ihr seid die, die viele Leute besitzen. Einfache Leute wie mich.«
Forbes wölbte seine linke Augenbraue. »Ich habe ein Geschäft mit Ihnen zu besprechen … vielleicht beim Abendessen?«
Aber Cabe schüttelte den Kopf. »Ich hatte gerade schon einige eingelegte Eier. Außerdem kriege ich von französischem Essen schreckliche Blähungen.«
»Ja.« Forbes setzte sich. »Ich werde es also einfach für Sie machen und meine Karten auf den Tisch legen. Ich bin nicht nur hier als Vertreter von National Mining und Arcadian, sondern auch von den Minen Southview und Horn Silver. Sehen Sie, wir haben ein Problem. Ein Problem, das Sie möglicherweise für uns lösen können.«
»Und das wäre?«
»Soweit ich weiß, jagen Sie dieses abartige Individuum, das als Sin City Strangler bekannt ist?«
»Das ist soweit richtig, ja.«
»Und das Kopfgeld auf diese Person beträgt zusammengenommen …?«
Cabe drehte sich eine Zigarette, wie immer amüsiert, dass die Reichen nie einfach sagen konnten, was in ihren Köpfen vorging. »Ungefähr Fünftausend, denke ich. Scheint jeden Monat mehr zu werden.«
Forbes nickte und strich sich über das Kinn. »Ich möchte Sie gerne engagieren, Mister Cabe. Sie engagieren, um ein Problem anzugehen, das viel größer als dieser Strangler ist. Sehen Sie, es hat einige Probleme in dieser Stadt gegeben in der letzten Zeit …«
Er sprach im Detail von den Morden und den verschwundenen Minenarbeitern in den Bergen. Die Männer, von denen man ursprünglich gedacht hatte, sie seien von großen Raubtieren angefallen worden, aber nach dem Gemetzel in Sunrise … gut, danach zog man andere Möglichkeiten in Betracht.
»Sehen Sie, Mister Cabe, diese Sache mit dem Strangler ist schlecht, ja, aber unser Problem hier ist noch ein klein wenig übler. Der Strangler hat wie viele umgebracht? Sieben, acht Frauen? Ganz scheußlich, auf jeden Fall, aber eine Kleinigkeit im Vergleich zu den Dutzenden, die verschwunden sind oder außerhalb der Stadt getötet wurden. Und wenn man obendrauf noch das Massaker in Sunrise packt, nun, dann ist ohne Zweifel die Zeit zum Handeln gekommen.«
Cabe zündete seine Zigarette an und sagte Forbes, dass es nicht sein Problem war. Dass sich der County-Sheriff um solche Dinge kümmerte. Er hatte Kopfgelder auf die Tiere ausgesetzt, die er für verantwortlich hielt. Und wenn es keine Tiere waren, was zur Hölle waren sie dann? Er war kein großer Ermittler. Hielt im Allgemeinen nicht viel von wilden Spekulationen. Er war in der Regel hinter einem Mann oder einem Tier hier, das in irgendeiner Weise identifiziert worden war. Aber das hier, das war …
»Nicht Ihr Fachgebiet?«, fragte Forbes. »Vielleicht ja, vielleicht nein. Die Tatsache ist, dass Sie ein Kopfgeldjäger sind, Mister Cabe. Sie bestreiten Ihr Einkommen damit, dass Sie Menschen oder Bestien jagen. Soweit es die Frage des Ermittlers betrifft, denke ich, dass Sie zu bescheiden sind. Ihre Ergebnisse sind beeindruckend. Ich möchte, dass Sie Ihre Aufmerksamkeit ab jetzt nur noch auf unser Problem hier richten.«
»Warum sollte ich?«
Forbes, kein Mann, der es gewohnt war zu betteln, sagte ihm, dass es hier um etwas Größeres als um Menschenleben ginge. Es galt, das Geld zu berücksichtigen. Wenn das Töten und Verschwinden sich fortsetzte, würden die Minen in Schwierigkeiten geraten. Die Menschen waren schon sehr verängstigt. Mehr als nur ein paar waren bereits fortgegangen, und was sie – die Minengesellschaften – nicht gebrauchen konnten, war eine Massenflucht, die ihre Profite abwürgen würde.
»Eine Mine existiert nicht ohne Männer, die dort arbeiten«, erklärte Forbes.
»Scheiße, Sie haben Recht«, sagte Cabe. »Wenn Männer sterben, ist das eine Sache, aber wenn es haufenweise Leichen gibt, die beginnen, die Gewinne zu schmälern … nun, verdammt, dann muss man etwas tun.«
Forbes starrte nur. »Ob Sie sich mit unseren Motiven anfreunden können oder nicht, Mister Cabe, ist nebensächlich. Wir bezahlen Sie, und wir bezahlen Sie gut, um diese Angelegenheit zu klären.«
»Warum holen Sie keine Kopfgeldjäger von außen?«
»Der Zeitfaktor. Dies hier muss vorangetrieben und sofort eingedämmt werden.«
Cabe überlegte. Er entschied, dass er diesen manipulativen Hurensohn, der stank, und zwar übel stank nach Sitzungssälen und Privilegien, nicht mochte. »Sorry, aber ich habe andere Dinge zu erledigen.« Er drückte seine Zigarette aus und stand auf. »Wenn Sie mich nun entschuldigen würden …«
»Wir zahlen Ihnen Fünfzigtausend Dollar, Mister Cabe.«
Cabe fühlte sich benommen. Er sank zurück auf das Sofa. Er räusperte sich. »Natürlich ist das erste, was man in so einer Situation wie dieser braucht, Fakten. Also erzählen Sie mir, was Sie wissen …«