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Lange vor dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg hatten die mexikanischen Behörden Privatarmeen dafür bezahlt, marodierende Indianerstämme zu jagen und zu töten – vor allem Apachen und Comanchen – die mexikanische Städte und Dörfer überfielen. Die Indianer schwärmten von der US-Seite der Grenze nach Süden aus, töteten Männer, entführten Frauen, stahlen Vieh und Pferde … kurz gesagt alles, was sie in die Hände bekommen konnten.
Die mexikanische Armee konnte es einfach nicht mit den Plünderern aufnehmen, also wurden Gesetze erlassen, nach denen die Regierung Kopfgelder für Skalps zahlte. Die Skalps fungierten als »Belege«: jeder war etwa hundert Pesos wert. Und für fleißige, produktive Kopfgeldjäger konnten die Belohnungen in der Tat sehr lukrativ sein. Man konnte meinen, die abstoßende Art des Geschäfts würde die Zahl der Jäger begrenzen, aber dem war nicht so. Nach der Panik von 1837 gab es viele, die auf schnelles Geld aus waren. Und sie waren nicht besonders wählerisch bezüglich dessen, was sie dafür tun mussten.
Während des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges waren die Verwüstungen durch die Indianer etwas zurückgegangen. Vor allem deshalb, weil die US-Soldaten ihre freie Zeit mit der Jagd nach abtrünnigen Indianergruppen verbrachten. Als der Krieg endete … erhöhte sich die Zahl der Indianerangriffe erheblich. Comanchen und Apachen töteten Hunderte Mexikaner, stahlen Tausende Stück Vieh und entführten unzählige Frauen und Kinder.
In den meisten mexikanischen Bundesstaaten wurden die Skalp-Kopfgelder wieder eingeführt, vor allem aber in Chihuahua und Sonora … verbunden mit dem Gedanken der Rache.
Der Preis betrug nun 200 US-Dollar für einen einzigen »Beleg«.
James Lee Cobb sah sich plötzlich wie viele andere Soldaten für genau die Regierung arbeiten, gegen die er während des Krieges mit aller Macht gekämpft hatte. Das Ganze entwickelte sich zu einer Art Heimindustrie, komplettiert mit Regelungsausschüssen und Inspektoren. Die mexikanischen Behörden legten Standards fest, um Betrug zu verhindern. Ein Skalp musste entweder die Krone oder beide Ohren, vorzugsweise beides, umfassen. Damit verhinderte man, dass frische Kopfhaut gestreckt, zerschnitten und als glattes Dutzend oder mehr verkauft wurde.
Cobb arbeitete mit einem Team, bestehend aus ihm selbst, zwei Ex-Texas-Rangern und drei Shawnee-Indianern, die Experten im Entfernen von Skalps waren. Sie jagten Apachen, Comanchen, sogar Seri-Indianer. Sie skalpierten Männer, Frauen und Kinder … sie schonten niemanden.
Da es einfacher war, an einem frisch getöteten Leichnam zu arbeiten – die Lebenden protestierten vehement gegen diese Praxis – entleerten Cobb und seine Jungs üblicherweise ihre Magazine in die Brust ihrer Opfer. Ein klarer Herztreffer machte die Dinge höllisch einfacher. Ihre Beute ging tot zu Boden, und sie konnten sich sofort an die Arbeit machen, anstatt zu warten, bis sie an ihren Verletzungen starben. Denn die Jagd auf Skalps war ein Geschäft wie jedes andere, und Zeit war Geld. Um Zeit zu sparen, konnte man ihnen natürlich die Kehlen aufschneiden oder ihnen das Messer ins Herz rammen. Die Frauen und Kinder legte man in der Zwischenzeit »auf Halde«, fesselte sie mit dem Lasso wie Vieh und schoss sie dann nieder. »Leg sie um und schäl sie«, wie Cobb es gerne nannte.
Die indianischen Krieger verlangten, dass man sich ein bisschen geschickter anstellte. Manchmal sprangen Cobb und seine Jungs aus sorgfältig präparierten Hinterhalten, um ganze Jagdgruppen zu erlegen. Auch das Scharfschießen aus der Ferne hatte seine Vorteile. Und die Shawnee waren richtig gut, wenn es feucht wurde. Sie setzten einen Schnitt um die Krone des Kopfes herum, setzten sich dann mit den Füßen auf die Schultern des Opfers und rissen die Kopfhaut herunter. So waren sie mit einem Dutzend Indianer in Rekordzeit fertig.
Natürlich waren Cobb und die Texaner auch keine Nieten.
Nachdem die Skalps abgerissen waren, wurden sie gesalzen und an Stangen gebunden, um sie zu konservieren, bis sie zu Geld gemacht werden konnten.
Einmal, in Durango, töteten Cobbs Jäger eine Gruppe von dreißig Kriegern in einem ausgetrockneten Flusslauf, indem sie aus dem Hinterhalt mit langen Gewehren auf sie schossen. Nachdem sie sie »umgelegt und geschält« hatten, folgten sie ihrer Spur zurück zum Indianerlager und schlachteten nicht weniger als sechzig Frauen und Kinder ab. Obwohl sie, ehrlich gesagt, fast den ganzen Tag damit zubringen mussten, denen hinterherzulaufen, die fortgerannt waren.
Am Ende des Tages heizte das Geschäft mit den Skalps unter den betroffenen Stämmen den Hass auf die Jäger an. Sie starteten eine Reihe von Vergeltungsaktionen. Mehr als alles andere führte das dazu, dass Cobb und die Jungs die Jagd auf die friedlichen Stämme wie die Pimas und Yumas im Arizona-Territorium verlegten. Bei einem einzigen Überfall nahmen sie fast 400 Skalps. Aber der eigentliche Boom ihres Geschäfts kam, als die Indianer begannen, aktiv Jagd auf die Jäger zu machen.
Denn Cobb hatte sich inzwischen etwas Besseres ausgedacht.
Die Skalps der Mexikaner sahen aus wie die Skalps der Indianer. Es gab keine Möglichkeit, sie voneinander zu unterscheiden … also warum nicht? Lass die Mexikaner doch bezahlen für den Mord an ihren eigenen Leuten. Es war eine ganz neuartige Idee.
Einer der Texaner, ein Bursche namens Grendon, war nicht ganz von der Sache überzeugt. »Ich weiß nicht«, sagte er. »Ich meine, Scheiße, Rothäute zu töten ist eine Sache … aber Mexikaner, die sind fast wie echte Menschen.«
»Im Krieg hast du sie auch getötet, nicht wahr?«, erinnerte ihn Cobb. »Wo ist der Unterschied? Sie sind sowieso keine richtigen Menschen, das sind nur Rothäute, die gerne so tun, als wären sie weiße Männer. Umso mehr Grund, sie umzulegen und zu schälen, wenn du mich fragst. Scheiße, Sohn, das Korn ist reif für die Ernte, eine Ernte, die sich in jede Menge Grün verwandeln wird … wenn du mir folgen kannst.«
Die anderen stimmten lachend zu, besonders Coolan, der große Ex-Ranger, von dem gesagt wurde, dass er während des Krieges nicht weniger als zwei Dutzend mexikanische Offiziere enthauptet hatte … mit nichts als einem kurzen Jagdmesser. Aber Grendon konnte einfach nicht von seiner Moral und Ethik lassen, also erschossen sie ihn, und als Witz skalpierte ihn Coolan.
Sie schlugen in einem mexikanischen Dorf zu und überraschten die gesamte Bevölkerung in der Kirche. Sie stürmten auf den Pferden hinein, zogen die Abzüge durch und warfen Messer und Beile, bis die Muskeln in ihren Armen schmerzten, ihre Pistolen qualmten und die Toten wie Weizengarben aufgehäuft waren. Es dauerte fast vier Stunden, um alle zweihundert zu skalpieren, aber sie gingen an die Aufgabe mit der Sorgfalt und dem Eifer der Profis. Sie schlugen einen weiten Bogen durch Zentral-Mexiko und ernteten so viele Skalps, dass sie begannen, sie mit Draht zu großen Bündeln zusammenzubinden.
Im Jahr 1850, kurz vor dem Ende des Booms, rollten sie in Sonora mit fast 8.000 Skalps ein, aufgetürmt auf einem Wagen.
Kurz darauf ging das Geschäft mit den Skalps den Bach runter, und Cobb ritt wie der Teufel, um aus Mexiko herauszukommen, wo ein Kopfgeld wegen massenhaften Mordes auf ihn ausgesetzt war.
Aber wie Cobb später immer zu sagen pflegte, es war ein großer Spaß, solange es andauerte.
***
Die nächsten rund zwanzig Jahre seines Lebens vergingen wie ein Wimpernschlag.
Cobb stahl Rinder und Pferde. Er arbeitete als Detektiv für verschiedene große Viehzüchter und bot sich jedem als Söldner an, der ihn bezahlte. Er raubte Banken und Postkutschen aus und machte sich als Wegelagerer so etwas wie einen Namen. Nicht weniger als drei Mal wurde er verhaftet, und er entging der Schlinge jeweils mit einem Ausbruch aus dem Gefängnis. Er diente als Scout in den Indianerkriegen, verkaufte Waffen an abtrünnige Apachen und führte ein Bordell in San Francisco. Aber dieses Geschäft fiel in sich zusammen, als entdeckt wurde, dass er und die Damen in seinen Diensten ihre Kunden nicht nur ausraubten, sondern ermordeten und ihre Überreste im Keller vergruben. Danach trieb er im Indianergebiet sein Unwesen, stahl und tötete und zwang Indianer wie Weiße dazu, seiner Bande Schutzgeld zu zahlen. Er wurde zu so etwas wie dem Schrecken des Grenzlandes rund um den Canadian River und den Arkansas River.
Dann, im Jahre 1873, verlor er fünftausend Dollar beim Glücksspiel in Deadwood im Dakota-Territorium. Er verlor es an einen professionellen Spieler namens Maynard Ellsworth. Cobb zog seine Axt und spaltete Ellsworths Schädel. Danach lebte er sein Leben mehr oder weniger auf der Flucht.
Schließlich wurde er im Jahre 1875 verhaftet und angeklagt, Minencamps in den Big Horn Mountains im Wyoming-Territorium erpresst zu haben. Man verurteilte ihn zu fünf Jahren Gefängnis. Jeden einzelnen Tag davon saß er ab. Den Wärter hörte man zu einem Bewährungsausschuss sagen: »James Lee Cobb fehlt es völlig an allem, was auch nur im Entferntesten menschlich genannt werden könnte. Meine Herren, er ist der Inbegriff dessen, wovon dieses Land gereinigt werden muss – Kreaturen, die aufrecht gehen wie Männer, aber denken wie Tiere.«
Als Cobb wieder rauskam, Kopfgeldjägern und zahlreichen auf seine Decknamen ausgestellten Haftbefehlen ausweichend, schloss er sich für eine ganz besondere Unternehmung mit drei Männern zusammen – Jonah Gleer, Lawrence Barlow und Butch Noolan. Cobb hatte sie genötigt, ihm nach oben in die Sierra Nevada zu folgen, um nach einer Goldmine zu suchen, von der er im Gefängnis gehört hatte.
Das Problem war nur, dass Cobb keine Ahnung hatte, wo genau die Mine war.
Aber eine Stimme in seinem Kopf hatte ihm gesagt, dass er hoch oben in der Sierra Nevada sein Schicksal finden würde. Die Stimme war nicht vage gewesen wie üblich, sondern durchaus absolut und bestimmt, und sie verlangte, dass Cobb auf sie hörte.
Also tat er es.
Und auf diese Weise geschah es, dass sich die Elemente seines Lebens – im besten Falle konnte man es ein widerwärtiges Gemisch nennen – endlich zu einem Kreis schlossen.