2-13

Während die Hölle der Stadt Sunrise einen kleinen Besuch abstattete und Sheriff Dirker einen ersten Blick auf die Überreste von Katherine Modine warf, saß Cabe schlaflos im Cider-House-Saloon, kippte ein Bier nach dem anderen und stürzte Schnapsgläser mit Kentucky-Bourbon herunter. Er beruhigte sich damit, dass er daraus keine Gewohnheit machen würde. Er war zum Arbeiten hier, um den Sin City Strangler zur Strecke zu bringen – wenn der sich tatsächlich hier aufhielt – aber manchmal musste ein Mann einfach auf den Geschmack kommen. Ganz besonders, wenn dieser Mann Tyler Cabe hieß und ihn die Erinnerung an den Krieg überspülte, ihn einhüllte in den kalten und schrecklichen Geruch des Todes und von verbranntem Schießpulver. Wenn die Erinnerungen so lebendig wurden, so real, dass die Zunge Blut und Stahl und Verzweiflung schmeckte, dann half nur Alkohol, um den Geschmack zu vertreiben.

Der Cider-House-Saloon war im Grunde ein Blockhaus mit hölzernen Wänden und einem Boden aus frisch geschlagenen, grob bearbeiteten Holzbohlen, die aufgerissen und mit breiten Spalten übersät waren. Das Dach war aus Brettern und Holzresten zusammengeflickt und leckte wie eine Gießkanne. Eine Reihe staubiger Fenster sah auf die schlammige Straße hinaus. Erzbrocken säumten die Fensterbank. An der einen Wand stand eine aus Mahagoni gearbeitete Bar, ein wirklich extravagantes Teil, das hier so fehl am Platze war wie ein schmückendes Spitzendeckchen auf einem Mastschwein. Der Saloon ähnelte einem Dutzend anderer Kneipen in Whisper Lake … ein hingerotzter Ort, solange hier noch Geld zu machen war, aber ganz sicher nicht für die Ewigkeit gebaut.

Männer aller Art waren hier versammelt und beugten sich über metallene Bierkrüge und Schnapsgläser – Rumtreiber, Landstreicher, Minenarbeiter, Männer von den Minengesellschaften, Trapper, die aus den Bergen heruntergekommen waren, um ein paar Tage zu trinken und zu ficken. Es herrschte eine dichte und beengte Atmosphäre. Es stank nach ungewaschenen Körpern und nassem Sattelleder, dreckiger Wolle und fleckigem Hirschleder, nach Alkohol, Tabakrauch und schmutzigen Träumen.

Cabe hörte einem großen, schlanken Kerl namens Henry Freeman zu, der behauptete, ein Texas Ranger zu sein, und der einem Blechstern besaß, mit dem er es beweisen konnte. Er trug einen Staubmantel aus grobem Leinen und einen Stetson mit steifer Krempe. Beides war makellos und strahlend. Sein Gesicht war hager, und seine Augen waren so tot und flach wie Stiefelknöpfe. Obwohl er sich als Texas Ranger vorstellte, hatte er keinen texanischen Akzent. Wobei die Ranger zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich alle möglichen Leute in ihren Reihen hatten. Aber wie er redete … nicht wie ein Südstaatler oder ein Yankee. Seine Stimme hatte einen merkwürdigen, gleichmäßigen Klang ohne Höhen und Tiefen.

Cabe trank mit ihm zusammen Whiskey und warmes Bier, ohne sich sonderlich für ihn zu interessieren … aber was er zu sagen hatte, das war etwas anderes.

»So wie ich das sehe, Cabe, ist es so«, sagte Freeman und studierte seine mürrisch dreinblickende Erscheinung im gesprungenen Spiegel hinter der Bar. »Unser Freund, der Sin City Strangler, wie sie ihn nennen … er ist schlau. Kein gewöhnlicher Krimineller. Ich denke, er ist außergewöhnlich intelligent. Und für ihn ist das alles eine Art Spiel, weißt du, als ob er Fangen spielt. Eine Menge Geld ist auf seinen Kopf ausgesetzt, und das macht ihn an.«

Cabe nahm einen Schluck Bier. »Wieso denkst du, dass er so verdammt schlau ist?«

Freeman, der die Angewohnheit hatte, seinem Gegenüber nie in die Augen zu sehen, sagte: »Das liegt doch auf der Hand, oder etwa nicht?«

»Gut, vielleicht musst du es einem dummen Bauernlümmel aus Arkansas wie mir noch einmal Wort für Wort erklären.«

Freeman lächelte dünn. »Er zieht von einer Minenstadt zur nächsten, wie ein Fisch … nein, wie ein Hai … der im Meer der ganzen Einwohner schwimmt. Mysteriös, unerkannt, nicht aufzuhalten, einfach ein weiteres Gesicht in diesem Ozean. Und Minenstädte, das brauche ich dir nicht zu sagen, sind nicht wie die kleinen Dörfer, in denen du und ich unseren Hafer ausgesät haben. Hier kommen und gehen die Leute. Zu Hunderten. Wie will man da einen Kerl wie den aufspüren?«

Cabe dachte darüber nach und zog eine Augenbraue hoch. »So, wie man einen Berglöwen erledigt, der sich an deinem Vieh vergriffen hat … du legst dich auf die Lauer, du wartest, du bist geduldig. Früher oder später wird dieser Hurensohn seine Hand aufdecken. Sein Ego ist zu groß und sein Kopf zu voll mit Scheiße, als das er das nicht tun würde. Und wenn er sich zeigt, dann sackst du den Schwanzlutscher ein.«

Freeman sah irgendwie beleidigt aus. »Du vereinfachst die Dinge, mein Freund. Vereinfachst sie und pauschalierst sie, denke ich.«

»Ich bin einfach gestrickt«, antwortete Cabe. »Wenn ich hungrig bin, esse ich. Wenn ich müde bin, schlafe ich. Wenn ich ein sadistisches Arschloch sehe, das Frauen niedermetzelt, dann pumpe ich es voll Blei und sammle mein Geld ein.«

Freeman hatte behauptet, dass er ebenfalls dem Strangler auf der Spur sei. Aber anders als Cabe, der die Spur in Nevada aufgenommen hatte, verfolgte Freeman den Killer schon seit dem Westen von Texas. Freeman sagte, der Strangler hätte zuerst in Mexiko zugeschlagen, sich dann nach Texas hochgearbeitet und dann seinen nächsten Stopp in Kalifornien eingelegt, war dann nach Nevada gegangen … und danach, gut möglich, nach Whisper Lake.

Das alles machte Cabe etwas stutzig.

Wenn er hinter einem Mann her war – und er hatte Dutzende über Dutzende gejagt, von Viehdieben bis zu Bankräubern – hatte er eine Religion daraus gemacht, absolut alles über sein Ziel herauszufinden. Er suchte Fakten, Gerüchten und Vermutungen. Er las alles Gedruckte, was er finden konnte. Schrieb sich Nachrichten mit Gesetzeshütern, Gefängniswärtern und mit ganz normalen Bürgern. Jeder Spur ging er nach. Er glaubte an gute Vorbereitung. Doch hier … Freeman hatte behauptet, der Strangler sei in Mexiko unterwegs gewesen und hätte ein paar Huren in Texas aufgeschlitzt, bevor er nach Kalifornien gegangen sei. Cabe hatte bei all seinen Nachforschungen nie etwas davon gehört, dass der Killer schon vor San Francisco aufgefallen wäre.

Wie konnte das sein?

Cabe zog seinen Bull Durham aus der Tasche, rollte sich eine Zigarette und dachte darüber nach. Dachte darüber nach, während er die riesige Klapperschlangenhaut anstarrte, die über dem Spiegel hing. Am nächsten Morgen würde er ein paar Telegramme zu einigen Gesetzeshütern in Texas schicken, die er kannte. Mal sehen, was sich daraus ergab.

Die Luft im Saloon war verraucht, schmutzig und schmierig wie die Körper, die sie ein- und ausatmeten. An die Wände waren aufgespannte Pelze von Schwarzbären, Füchsen und Hirschen genagelt. Dazwischen waren Köpfe von Elchen, Großhornschafen und Wölfen angebracht. Eine ausgestopfte Gila-Krustenechse mit offenstehendem Maul lag inmitten der Schnapsflaschen.

An einem der Tische maßen sich zwei kräftige Männer im Armdrücken, umringt von Zuschauern. Geld wechselte die Hände, Wetten wurden ausgerufen und abgeschlossen, und es wurde so laut, dass man nicht einmal mehr die beiden Männer hören konnte, wie sie sich anstrengten, stöhnten und schnauften. Zehn Fuß entfernt schubsten sich ein paar Trapper und Jäger gegenseitig eine Hure zu, wirbelten sie herum und küssten sie. Sie war betrunken, und jedes Mal, wenn sie herumgewirbelt wurde, rissen sie ein weiteres Kleidungsstück von ihrem Leib. Ihre Brüste waren nackt und hüpften auf und ab, und ein kleiner Trapper mit einer Fellmütze auf dem Kopf versuchte immer wieder, sie zu kneifen. Cabe schaute zu – kaum überrascht, aber sicherlich belustigt – wie sie schließlich auf einen Haufen übel riechender, gesalzener Antilopenfelle fiel. Dann nahmen die Männer sie abwechselnd.

Niemand schien die unzüchtige Orgie zu interessieren.

Wenn man genug Zeit an Orten wie diesem verbrachte, so wusste Cabe, dann achtete man irgendwann nicht mehr auf solche Dinge.

»Weißt du was, Texas?«, sagte er zu Freeman. »Ich habe fast den Eindruck, du respektierst den Strangler, du denkst, er wäre ein cleverer, aufrechter Hurensohn, der sein Gentlemen-Spiel spielt, und nicht ein perverser Wahnsinniger.«

Freeman hatte jetzt einen Rockschoß seines Mantels zur Seite geschoben, sodass seine Waffen – zwei wunderbare 44er Remingtons mit Elfenbeingriffen – gut sichtbar waren, die Griffe nach vorn gerichtet. Cabe war sich nicht sicher, ob das zu seinem Vorteil war oder nicht.

Freeman nippte an seinem Whiskey. »Wollte überhaupt nicht diesen Eindruck machen, Cabe. Ich sage nur, dass unser Mann anders als alle Anderen ist.«

»Scheiße ja, er ist wahnsinnig.«

»Dafür gibt es keinen Beweis.«

»Keinen Beweis …« Cabe spürte, wie der Bourbon ihn entfachte wie trockenen Zunder. »Um der Liebe Gottes, der Jungfrau Maria und der Sioux-Indianer willen, Texas, er erwürgt Frauen, vergewaltigt sie und schlitzt sie auf wie Preisschweine aus Arkansas … und du denkst nicht, dass hier ein Wahnsinniger am Werk ist?«

»Zuerst mal, Cabe, hör auf, mich Texas zu nennen«, sagte Freeman ruhig, aber mehr als nur ein bisschen irritiert. »Und zweitens hat er keine Frauen getötet, sondern Huren. Ich sage nicht, dass das richtig ist, ich sage nur, dass man die nicht vergewaltigen muss. Die sind nur zu willig, sich hinzugeben. Jedem Mann, zu jeder Zeit, für einen Preis. Sie haben keinen Respekt für ihre Weiblichkeit. Sie sind Handelsware, ist es nicht so?«

Cabes Augen waren nun zu Schlitzen verengt. »Sie machen ein wenig Geld mit dem, was Gott ihnen gegeben hat, das ist alles. Warum nicht, zur Hölle? Ich habe damit gottverdammt noch mal kein Problem, solange sie das aus freien Stücken tun. Zur Hölle, warum soll man auf einer Goldmine rumsitzen, wenn dort etwas herauszuholen ist?«

Freeman wirkte beleidigt, und Cabe vermutete, dass seine Worte falsch angekommen waren. Vielleicht war der Texas Ranger ein Anhänger einer dieser christlichen Erweckungsbewegungen, hatte Jesus im Kopf. Vielleicht war es das.

Freeman räusperte sich. »Wir reden hier nicht über einen nützlichen, produktiven Teil der Gesellschaft, Cabe. Wir reden von Prostituierten, von Huren, von Abschaum – so ist es doch, nicht wahr?«

»Ich weiß nicht wie es mit dir ist, Texas, aber ich finde diese Ladys sehr produktiv. Und nicht nur aus offensichtlichen Gründen … einige von ihnen sind verdammt feine Menschen.«

»Zur Hölle mit ihnen.«

»Hast du irgendwas Bestimmtes gegen sie, Texas?«

Freeman stellte sein Glas hin und sah Cabe endlich direkt in die Augen, mit einem dunklen, durchdringenden Blick. »Ich hab gesagt, du sollst aufhören, mich so zu nennen.«

Cabe, der nun den Alkohol spürte und das Gefühl mochte, verneigte sich übertrieben galant mit höfischer Geste. »Verzeih mir, Texas.«

Freeman stand kurz davor, darauf zu reagieren – das konnte man in seinen Augen erkennen, in denen etwas vor sich hin brodelte wie heißer Teer – aber dann zogen zwei Männer am anderen Ende der Bar seine Aufmerksamkeit auf sich. Einer von ihnen war glatt rasiert und auf merkwürdige Weise hoheitsvoll. Er sprach in einem arrogant klingenden, singenden Tonfall und trug einen grauen Leinenanzug und eine flache englische Kappe. Der andere war unrasiert und mit einer fransenbesetzten Hirschlederjacke und einem Sombrero bekleidet.

Der Kerl mit dem Sombrero beäugte Cabe und Freeman. Er zog ein Jagdmesser heraus, schnitt sich ein Stück Kautabak ab und bearbeitete es bedächtig mit den Zähnen. Dann spuckte er einen braunen Strahl auf den Boden. Er sah so aus, als würde er jeden herausfordern, das auch nur zu erwähnen.

Keiner tat es.

Cabe beobachtete ihn ebenfalls. Keine Ahnung, wer der Kerl war, aber sein Partner war ohne Zweifel Sir Tom Ian, der legendäre Revolvermann. Ian war in den Siebzigern mit einem britischen Duke über den großen Teich gekommen, als Teil einer Gruppe, die in den Westen gekommen war, um zu jagen. Der Duke und seine Leute waren wieder gegangen, aber Ian war geblieben. Er hatte sich einen Namen gemacht und – je nachdem wem man glaubte – zwischen zehn und zwanzig Mann umgelegt. Selbst der Hitzkopf John Wesley Hardin hatte sich nicht mit Ian angelegt, als Hardin kurz davor war, einen schwarzen Soldaten in Tulsa zu töten. Ian war so etwas wie ein Auftragskiller.

Soweit Cabe wusste, fahndete niemand nach ihm. Er war einfach ein weiterer Revolvermann, der auf der Grenze des Gesetzes tanzte, und das wahrscheinlich von Zeit zu Zeit auch auf der falschen Seite tat.

Freeman drehte sich zu ihm um. »Du weißt, wer das ist, Cabe?«

»Sir Tom Ian, denke ich mir.«

»Dann hast du richtig gedacht«, sagte Freeman. »Der ruppig aussehende Penner neben ihm ist Virgil Clay. Der ist ein Irrer.«

Auch von ihm hatte Cabe gehört.

Er war kein Sir Tom, aber was ihm an Fähigkeit und Professionalität fehlte, machte er mit purer Raserei wett. Er war ein blutiger Killer, und er war nicht gerade wählerisch, ob er einem in den Bauch oder in den Rücken schoss.

Sir Tom hob sein Glas Roggenwhiskey und nickte Cabe und Freeman zu. »Auf eure Gesundheit, Gentlemen.«

Sie erwiderten den Trinkspruch.

Clay kippte zwei Gläser Whiskey in schneller Folge herunter, rülpste und wischte sich den Mund. Mit dem fiesen Blick einer streunenden Katze schlenderte er herüber und ließ einen 36er Navy-Colt in einem Cross-Draw-Holster an seiner linken Hüfte sehen. Er spuckte eine Ladung Tabaksaft aus, die etwa einen Zoll vor Cabes Stiefelspitze landete.

»Was soll das ganze Gerede über Huren?«, fragte er. Er sprach leicht undeutlich, aber schneidend wie ein Rasiermesser.

Bevor Cabe seinen Mund öffnen konnte, sagte Freeman: »Mein Name ist Freeman, aus Texas. Mein Freund hier ist Tyler Cabe aus Arkansas. Er ist Kopfgeldjäger. Er jagt den Sin City Strangler.«

Brauner Saft rann Clays Kinn herunter. »Was zur Hölle ist ein Sin City Stranger?«

»Strangler«, korrigierte ihn Cabe und fragte sich gleichzeitig, ob das so eine gute Idee gewesen war.

»Ich weiß, was ich gesagt habe. Denkst du etwa, ich weiß nicht, was ich gesagt habe?«

Freeman trat zwischen die beiden. »Der Sin City Strangler ist der Kerl, der die Prostituierten ermordet, sie aufgeschlitzt.«

Clay nickte. »Davon habe ich gehört.« Er lachte. »Verfickte Huren … wen interessiert das überhaupt?«

Freeman grinste auf den Einwurf hin. Eine verwandte Seele, was das anging. »Nun, Mister Cabe hier ist geneigt, dir zu widersprechen. Er denkt, der Kerl gehört zur Strecke gebracht und aufgehängt.«

Clay schob Freeman zur Seite. »Ist das so? Gut, Mister Fucking-Kopfgeldjäger aus Arkansas … was, wenn ich der Kerl wäre? Was willst du dann machen? Mich festnehmen? Versuchs, und du stirbst. Vielleicht schnitze ich gern an Huren herum, und das geht dich einen Scheiß an. Ich würde mir fast wünschen, dass du was versuchst.«

Cabe musterte ihn betont langsam von oben nach unten. »Sohn«, sagte er, »Ich scheiße größere Haufen als du.«

»Habe noch nie jemanden getroffen, der so dringend sterben wollte«, antwortete Clay.

Freeman sagte: »Unser Mister Cabe hier … er macht vor niemandem einen Rückzieher.«

Cabe blieb auf seinem Stuhl über die Bar gelehnt. Er konnte die ganzen Männer im Raum schreien und streiten hören, wie sie schräge Geschichten und wilde Märchen erzählten – es war wie in gleichbleibendes, monotones Summen in seinen Ohren. So gleichbleibend wie der Gestank in seiner Nase. Aber all das trat in den Hintergrund, und er sah nur noch Virgil Clay auf der Suche nach Streit und Henry Freeman, der ihn anstachelte. Denn nur darum ging es hier. Freeman mochte ihn nicht, mochte nicht, wie er gekleidet war, wie er redete, oder dass er ihn »Texas« nannte, sogar wenn ihm gesagt wurde, er solle das lassen. Also sorgte er dafür, dass Cabe Ärger bekam.

Er war genau die Sorte Mistkerl.

Clays Augen waren wie die Mündung eines Revolvers. Sie blinzelten nicht, sie zeigten keine Emotionen … sie starrten einfach nur. »Oh, du machst vor niemandem einen verfickten Rückzieher, ja? Ist das so, du verdammter mutterfickender wertloser Abschaum? Stimmt das?«

Cabe stand auf. »Yeah, das hast du richtig gehört, du verfickter Trottel. Wisch den Schaum vom Mund und hol die Hundescheiße aus deinen Ohren.«

Clay atmete schwer. »Du hast vielleicht Eier, Cabe. Hut ab.« Er nickte und schien sich zu entspannen … aber nicht sehr. Dieser Junge aus Arkansas ließ sich nicht einschüchtern, und seine Reputation schien hier nicht einmal eine Ladung Schweinescheiße wert zu sein. Das war in der Tat ein Dilemma. Die Frage war … wie bekam er Cabe in eine Situation, in der er sicher sein konnte, zu gewinnen? Denn um der Wahrheit die Ehre zu geben – er war gegenüber den meisten seiner Opfer haushoch im Vorteil gewesen. Ein Schuss in den Rücken. Eine Kugel aus einem Versteck. Gezogene und abgefeuerte Pistolen, ehe der Gegner überhaupt nur die Chance gehabt hatte, an so etwas zu denken.

Das Überraschungsmoment war immer Clays entscheidender Faktor gewesen. So mochte er das. Ein ausgeglichener Kampf wie der hier … Mann gegen Mann … das war nicht seine Sache. Zeit, es mit einer kleinen verbalen Erniedrigung zu versuchen.

»Was ist mit deinem Gesicht passiert, Junge?«, sagte er. »Du hättest auf dem Pferd reiten sollen, nicht dich auf der Nase hinterherziehen lassen.«

Ein paar lachten daraufhin.

Cabe grinste. »Nein, das war deine Mama … sie hat mich ganz schön zerkratzt, während ich es ihr besorgt habe.«

Clay sah aus, als hätte man ihm ein heißes Eisenrohr in den Hintern gerammt. Er ging einen Schritt nach vorne, stoppte, drehte sich um – wie bei einem kleinen, verrückten Tanz. Sir Tom lächelte ihm zu, und mehr als ein Mann trat von der Bar zurück.

Clay sah Cabe von oben bis unten an, leckte sich die Lippen und wusste, dass sich hier ein Kampf zusammenbraute. Aber konnte sich nicht entscheiden, wie er ihn anfangen sollte. Genauer gesagt, wie er ihn anfangen und ganz sicher gewinnen konnte. Seine Hand bewegte sich auf seine Waffe zu.

»Wenn du ziehst«, sagte Cabe, »dann begraben sie morgen früh deinen Arsch. Denk drüber nach, Hinterwäldler.«

»Oh, ich bin fertig mit nachdenken, Arschloch«, sagte Clay, und schaumiger Speichel lief aus seinen Mundwinkeln wie bei einem tollwütigen Hund. »Bin fertig mit nachdenken und habe mich entschieden, dass ich dich Arsch kaltmachen muss.« Er stand da, bereit, die Waffe zu ziehen. Er wusste, dass es keinen anderen Weg gab, seinen Ruf zu retten. Wenn er diesen Hurensohn nicht umlegte, würde jeder Möchtegern im Territorium seinen Arsch reiten, und das täglich. »Zieh schon, Cabe. Bin jederzeit bereit, wenn du es bist.«

Cabe gluckste in sich hinein. »Komm schon. Was du damit wirklich sagen willst ist doch, ob ich dir nicht freundlicherweise meinen Rücken zudrehen kann, damit du mich von hinten kaltmachen kannst wie all die anderen. Ist das nicht so? Nun, Clay, ich fürchte da kann ich dir nicht helfen.«

Das alles ließ Clay bald verrückt werden. Er schüttelte sich und zitterte und faselte drauflos. »Vielleicht hast du keine verfickte Ahnung, wer ich bin. Vielleicht ist es das, Cabe. Vielleicht gebe ich dir noch eine Chance, auf die Knie zu gehen und um dein verficktes Leben zu betteln. Und wenn du das nicht machst … Junge, wenn ich mit dir fertig bin, wirst du meinen Schwanz lutschen und mich Daddy nennen.«

»Keine Chance, Clay. Keine Chance. Ich mache nie einen Rückzieher vor einem Mann, der sich zum Pissen hinhockt …«

Diese Beleidigung konnte nicht ohne Antwort bleiben, und Cabe wusste das. Etwas in seinem Kopf sagte ihm, dass er hier in alte Gewohnheiten zurückfiel und Streit suchte, wenn er betrunken war. Sagte ihm, dass das wahrscheinlich ein großer Fehler war, aber mit all dem Whiskey im Blut interessierte ihn das einen Scheiß, ganz ehrlich.

Clay stand da und zitterte sichtlich.

Jemand sagte ihnen, sie sollten die Sache draußen regeln.

Minenarbeiter und Herumtreiber machten, dass sie aus dem Weg kamen.

Freeman sah selbstzufrieden aus; Sir Tom grinste.

Cabe fühlte eine Angespanntheit im Unterleib, spürte, wie sich seine Eingeweide zu Spiralen hart wie Bettfedern strafften. Er war gespannt, hart und bereit loszuschlagen.

Clay sagte: »Ach, fick dich doch …«, drehte sich um, ging vielleicht zwei, drei Fuß, schnellte herum, blitzartig und tödlich, den 36er Navy-Colt in der Hand. Er feuerte einen Schuss ab, während Cabe seinen 44er Starr-Double-Action mit einer weichen, geübten Bewegung zog. Die Kugel verfehlte Cabe knapp und schlug in die Bar ein. Als Clay erneut feuerte, warf sich Cabe zur Seite und gab im Fallen einen einzigen Schuss ab. Die Kugel riss ein Loch in Clays Brust, prallte von einer Rippe ab und durchschlug im Zickzack seinen Oberkörper, zerfetzte innere Organe und Gewebe und brach aus einem Loch unterhalb seiner linken Achselhöhle wieder hervor.

Clay gab ein seltsames würgendes und pfeifendes Geräusch von sich und schlug auf den Boden auf, wo er ein blutiges Knäuel auskotzte. Er zitterte noch einmal und wurde dann still. Dunkelrotes Blut quoll aus seinem Mund.

»Tot«, sagte jemand. »Der Hurensohn ist tot.«

Fremde Hände zogen Cabe auf die Füße, und er wehrte sie ab, überrascht wie jedes Mal in Momenten wie diesem, dass er noch einmal überlebt hatte. Einige klopften ihm auf den Rücken und sagten, was für ein Meisterschütze er wäre und was für Eier er in der Hose hätte, sich mit jemandem wie Virgil Clay anzulegen. Andere nannten ihn einen Killer, und wiederum andere berichteten von Clays Vater, der das echte Scheusal in der Familie sei.

Cabe stellte fest, dass er kaum stehen konnte. So endete es immer. Zu Beginn eines Kampfes war er hart und heißblütig, und wenn er wieder herauskam, war er nur noch wackelig auf den Beinen und orientierungslos. Es fühlte sich an, als wären keine Knochen in seinen Beinen, sondern nasses Stroh.

Sir Tom stieß Clays Körper mit der Stiefelspitze an. Sein rechter Daumen war in den Patronengürtel eingehakt, genau oberhalb der 44er Bisley, die dort hing.

Cabe dachte: Oh Junge, das wars … ich und Sir Tom … ich hoffe man begräbt mich unter einem schönen Baum, damit ich etwas Schatten habe …

Sir Tom lächelte nur. Sein Gesicht war freundlich und entspannt. »Die feine Arbeit eines echten Scharfschützen, Mister Cabe. Ich ziehe den Hut vor Ihnen.«

So verrückt es klang, er schien es ernst zu meinen. Als ob Clay kein Freund gewesen war, sondern einfach nur ein umherstreunender Hund, der ihm gefolgt war. Und manchmal gerieten Hunde eben unter die Hufe. Das Leben geht weiter.

Cabe wollte etwas sagen, aber dann durchpflügte Henry Wilcox, Dirkers massiver Deputy, die Massen, und die Männer fielen aus dem Weg wie gefällte Bäume.

Alle redeten auf einmal, und Wilcox hörte zu. Er verstand sofort, dass Virgil Clay nichts als Abschaum war und dass es so hatte kommen müssen. Genau das sagte er auch zu Cabe, sagte ihm, dass es als Selbstverteidigung gewertet werden würde … aber dafür war so etwas wie ein anständiger Prozess notwendig. Bis zu einer Untersuchung durch den Gerichtsmediziner würde man ihn festnehmen müssen.

»Also gib mir deine Waffe«, sagte er, »und wir machen einen Spaziergang.«

Cabe wich einen Schritt zurück … aber ihm war klar, dass er keine Wahl hatte. Also händigte er seufzend seine Waffe an Wilcox aus. »Die will ich zurück«, sagte er. »Seit dem Krieg habe ich sie getragen, habe sie auf Patronen konvertieren lassen, das war nicht billig …«

»Du bekommst sie zurück«, versprach Wilcox. »Lass uns gehen.«

»Zum Gefängnis?«

Wilcox nickte. Als er ihn davonführte, fragte Cabe: »Eine Frage … hat Dirker immer noch diese Peitsche?«