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Wie Geier sich um einen frischen, fleischigen Toten versammelten, versammelte sich die Bürgerwehr (ohne Hauben) um den Körper von James Horner. Er lag auf einer Totenbank in der Leichenhalle, so tot wie hundertfünfzig Pfund auf dem Rindertrieb getöteter Stier. Seine Augen waren glasig, aber breit und starrend.

Einer der Männer, ein Minen-Vorarbeiter namens McCrutchen, drückte sie zu, aber die Augenlider klappten wieder nach oben. Er bekreuzigte sich. »Das gefällt mir nicht«, sagte er. »Das gefällt mir überhaupt nicht.«

Ein paar andere lachten.

»Da ist nichts Übernatürliches dabei«, erklärte Caleb Callister. Er nahm eine braune Glasflasche mit einer Flüssigkeit, strich damit die inneren Augenlider ein und klebte sie zu. Er hielt sie für einen Moment geschlossen, und als er sie wieder losließ, öffneten sie sich nicht wieder.

Horner war mit getrocknetem Blut bedeckt. Es war in seinen blauen Mantel gesickert und über sein Gesicht gespritzt. Eine Seite seiner Kehle war ein großer geschwärzter Abgrund.

»Der Schuss muss das meiste von seinem Hals herausgerissen haben«, sagte Luke Windows.

»Und seine Halsschlagader mit«, sagte Callister.

Er zog ein Laken über den ganzen Körper, das tote Gesicht machte die anderen unruhig. Sie waren jetzt nur noch zu sechst, ohne Horner – Callister, Windows, Caslow, McCrutchen, Cheevers und Retting. Sie hatten die Mormonen nun seit gut drei Monaten drangsaliert. Meist verfolgten sie kleine Gruppen, die sich von den Dörfern entfernt hatten. Der Überfall auf Redemption heute Nacht war die erste Aktion dieser Art gewesen. Aber jetzt, mit Horners Tod, würde es nicht ihre letzte gewesen sein.

Windows sagte: »Ich bin mit Horner aufgewachsen, ich bin mit ihm aufgewachsen.«

»Er starb tapfer für die Sache«, sagte Callister, obwohl die Worte einen deutlich hohlen Klang an sich hatten. Aber was hätte er sonst sagen sollen?

McCrutchen war unruhig gewesen, seit sie Horners Leiche in die Stadt gebracht hatten. »Ich frage mich, ob das eine Art Omen ist«, sagte er.

Caslow schüttelte nur den Kopf. »Seit wann ist ein erschossener Mann ein Omen?«

»Ich frage mich nur, das ist alles.«

»Das ist verrückt«, sagte Retting. »Verrücktes Gerede.«

Aber Cheevers war sich nicht so sicher. »Vielleicht haben wir Gott verärgert mit unserem Handeln, und jetzt werden wir bestraft.«

»Halt die Fresse«, sagte Windows zu ihm.

Callister wusste, dass er die beiden unter Kontrolle bekommen musste, oder diese Auseinandersetzung würde das Ende ihrer kleinen Gesellschaft bedeuten. »In Ordnung«, sagte er und trat zwischen Windows und Cheevers. »Genug mit dieser Pferdescheiße. Wir sind alle Teil derselben Sache, wir sind Brüder. Wir haben alle den Eid abgelegt, nicht wahr? Was Horner betrifft, sein Tod hatte nichts mit Gott oder den Heiligen oder dem Teufel zu tun. Es war ein Unfall. Wir sind dort reingeritten, haben geschossen und zugestochen. Bei dem ganzen Blei, das dort rumgeflogen ist, können wir uns glücklich schätzen, dass es sonst niemanden aus dieser Runde erwischt hat. Vielleicht haben die Mormonen Horner getroffen oder … vielleicht war es einer von uns. Ein Abpraller. Es ist möglich, sehr gut möglich.«

Das ließ sie Ruhe geben, gab ihnen etwas zu zum Nachdenken.

»So, genug mit diesem Unsinn«, sagte Callister zu ihnen. »Diese Bastarde werden dafür bezahlen, nur nicht heute Nacht, das ist alles.«

»Und was ist mit Horner?«, wollte Windows wissen.

Callister seufzte. »Wir müssen die Leiche loswerden.«

»Nun warte mal eine gottverdammte Minute«, sagte Windows ärgerlich. »Er war mein Freund. Ich bin mit ihm zusammen aufgewachsen, ich …«

»Wir müssen ihn loswerden,« unterbrach ihn Callister. »Denkt an meine Worte, die Mormonen werden schreiend zu Dirker gelaufen kommen, sobald der Morgen graut. Wenn sie gesehen haben, wie er erschossen wurde, werden sie Dirker davon erzählen. Und wenn Dirker einen Blick auf Wunde von Horner werfen kann, nun, dann wird der schlaue Hurensohn eins und eins zusammenzählen. Er weiß, wer Horners Freunde sind, er weiß, nach wem er suchen muss.«

Danach herrschte Stille. Eine sehr umfassende Stille. Alles, was man hören konnte, war der Wind draußen und das Ticken der Kaminuhr im Inneren. Callister wies Windows und die anderen an, die Leiche in die Berge zu schaffen und in einem wilden Grab zu bestatten, das man nie würde finden können.

»Horner wird seinen Tag der Abrechnung bekommen … durch uns«, versprach Callister ihnen. »Vielleicht morgen Abend, vielleicht in der Nacht nach, aber er wird ihn ganz sicher bekommen. Das nächste Mal, wenn wir nach Redemption reiten, nehmen wir mehr mit als nur Waffen und Petroleum.«

»Und das wäre?«, fragte Caslow.

»Ich dachte an das ganze Dynamit in den Minen«, sagte Callister.

Die anderen begannen zu grinsen.