2-15
Cabe mochte zwei oder drei Stunden geschlafen haben, als ihn das Klirren der Schlüssel an seiner Zellentür aufweckte. Sie schwang auf, und eine Gestalt stand in der Tür. Die Kopfschmerzen vom Alkohol waren noch da, seine Augen waren zu Schlitzen zusammengeklebt, sein Mund war voller Fussel, und er hatte keine Ahnung, ob er wach war oder nicht.
Trotzdem wusste er, dass die im Dunkeln stehende Gestalt Jackson Dirker war.
»Tut mir leid, dass ich deinen Schönheitsschlaf störe, Cabe«, sagte er. »Du brauchst ihn weiß Gott, aber du gehörst nicht hierher. Auf geht’s, wir müssen reden.«
Mit einiger Anstrengung bekam Cabe seine Stiefel auf den Boden und setzte sich hin. In seinen Kopf pochte es, und seine Innereien versuchten, durch seine Kehle nach oben zu gelangen. »Scheiße«, sagte er, »ich fühle mich ganz schön scheiße.«
In der Zelle nebenan schnarchte Graybrow lauter als eine Baumsäge, die durch Hartholz schneidet. Cabe hatte mal gehört, dass Indianer äußerst still waren, dass sie nicht einmal schnarchten. Soviel dazu.
Er spritzte sich Wasser ins Gesicht, schluckte etwas davon herunter und pinkelte in den Topf, wobei auch seine Stiefel etwas abbekamen. Mit stöhnenden Geräuschen folgte er Dirker nach draußen ins Büro. Dirker schob einen Becher mit heißem Kaffee in seine Hand.
»Trink das«, sagte er. »Ich brauche dich fit … oder zumindest so fit wie möglich.«
Cabe trank den Kaffee, der nach Wasser schmeckte, das neben einem Plumpsklo abgeschöpft worden war, aber er ging ganz gut runter. Dirker schenkte ihm einen zweiten Becher ein, lehnte sich an die Wand und sah schrecklich fertig aus. Cabe fragte sich, wann zur Hölle Jackson Dirker eigentlich schlief.
Er setzte seinen Becher ab. »Hör zu, Crazy Jack oder Sheriff oder was auch immer sie dich hier verdammt noch mal nennen … es war Selbstverteidigung. Bevor du mit irgendeiner wilden Geschichte anfängst, in der ich wüst in der Stadt herum ballere … der Junge da … gottverdammter Virgil Clay … er hat gezogen, er hat den ersten Schuss abgefeuert. Ich habe ihm eine Kugel gegeben, weil ich keine andere Wahl hatte.«
Dirker nickte nur. »Das weiß ich. Habe alles darüber gehört.«
»Dann willst du mich nicht wegen irgendwas verknacken?«
»Nein, jedenfalls dieses Mal nicht«, sagte er. »Aber hör mir zu, und zwar ganz genau. Ich lasse es nicht zu, dass du herumläufst und Leute abknallst, wann immer dir danach ist. Nach einer Weile fangen die Einwohner an, über die Leichen zu stolpern, und das mögen sie nicht.«
Cabe sagte ihm, dass hier nichts zu machen gewesen war. Und Dirker sagte, vielleicht ja, vielleicht nein. Er mochte weder Virgil Clay noch den Clan, der ihn ausgebrütet hatte. Sie waren Abschaum, und jeder wusste das. Wenn es nicht Cabe gewesen wäre, hätte es ein anderer getan. Aber … und das betonte er streng … die Zeugen, jedenfalls eine ganze Menge von ihnen, hatten ausgesagt, dass Cabe betrunken und mit losem Mundwerk unterwegs gewesen war. Dass er sich jederzeit hätte umdrehen und gehen können, und nichts wäre passiert.
»Oh, aber dann wäre etwas passiert, Dirker«, sagte Cabe. »Ich hätte jede Glaubwürdigkeit bei den Leuten hier verloren. Die hätten gedacht, ich wäre ein Feigling.«
Dirker leckte sich die Lippen. »Die Leute, über die du redest, Cabe, sind nicht gerade von vornehmer Abstammung. Die meisten würden dir die Kehle für ein Zehn-Dollar-Goldstück durchschneiden. Denen musst du nichts beweisen.«
Cabe wusste, dass Dirker Recht hatte, aber das würde er nicht zugeben. Er trank seinen Kaffee aus. »Kann ich jetzt gehen?«
»Nein.« Dirker schloss den Schrank auf und gab ihm seinen Starr, sein Messer und seinen Patronengürtel zurück. »Du machst einen kleinen Spaziergang mit mir. Es gibt etwas, das ich dir zeigen will.«
»Wenn es nicht wie ein Bett aussieht, will ich es nicht sehen.«
»Du wirst es sehen wollen, denke ich.«
»Wieso das?« Dirker schluckte schwer an etwas. »Weil dein Junge in der Stadt ist. Er hat endlich zugeschlagen.«