2-19
Und alle, jeder und jede auf eigene Weise, begrüßten den neuen Tag.
Im Hotel Union legte Sir Tom Ian einen speziell für ihn angefertigten ledernen Patronengürtel um und schob eine britische 44er Bisley-Pistole in das Holster. Während er das tat, dachte er darüber nach, was er in der letzten Nacht im Cider-House-Saloon gesehen hatte. Er war beeindruckt, dass Tyler Cabe, obschon ordentlich betrunken, die Begegnung mit Virgil Clay überlebt hatte. Es war reines Glück gewesen, dass Clay sein Ziel auf so kurze Entfernung verfehlt hatte … aber es war kein Glück im Spiel, wenn ein Mann der Kugel mit einem Sprung zur Seite auswich und in der Lage war, noch im Fallen mit hoher Genauigkeit zu schießen. Beeindruckend. Sir Tom Ian hatte nichts übrig für Virgil Clay. Er hatte es zugelassen, dass der Mann ihm gefolgt war wie ein streunender Hund, hatte sich amüsiert über seine fehlenden Umgangsformen. Dass er nun tot war, bedeutete Sir Tom wenig. Ein Job wartete auf ihn in Sedona im Arizona-Territorium … eine wilde Stadt, die einen guten Revolvermann brauchte. Aber er hatte keine Eile. Vor allem nicht jetzt, da Tyler Cabe mit jemandem wie Elijah Clay klarkommen musste …
Und hoch über Whisper Lake, in einer geschützten Schlucht, umgeben von Wacholder- und Pinienbäumen, lud Elijah Clay seine Pistolen und schärfte seine Messer. Die Nachricht hatte ihn erreicht, dass Virgil ermordet worden war … und für Elijah war es Mord. Er kaute einen Streifen Dörrfleisch, zog die Klinge seines Bowie-Messers über den Schleifstein und dachte lange über einen Kopfgeldjäger namens Tyler Cabe nach. Denn Elijah Clay gehörte zu einem Clan aus den Bergen, daheim in West Virginia. Und es gab gewisse Regeln, die ausnahmslos zu befolgen waren. Der Gerechtigkeit musste Genüge getan werden. Wenn jemand aus der Familie getötet wurde, dann musste man die Sache klären. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dass Cabe auch ein Südstaatler war, bedeutete Elijah wenig. Im Krieg zwischen Union und Konföderation hatte er sich keiner Seite angeschlossen, in dem Wissen, dass eine Regierung so korrupt war wie die andere. Er war ein frei lebender und ein frei denkender Mann, so wie es üblich war bei den Leuten aus den Bergen. Und wenn es darum ging, Rache zu nehmen, dann war es üblich, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Als er darüber nachdachte und die Wahrheit darin erkannte, kam Elijah dieser eingebildete Revolvermann aus Texas in den Sinn, der seinen Bruder Arvin niedergeschossen hatte. Dieser feige Hurensohn hatte fast acht Stunden gebraucht, um zu sterben, nachdem Elijah ihn mit dem Messer bearbeitet hatte …
In der Leichenhalle der Callister-Brüder stand Caleb Callister, und ihn überkam das blanke Entsetzen. Sein neuer Einbalsamierer, Leo Moss, bis ins letzte Detail ein Vollprofi, war genauso krank veranlagt wie sein verstorbener Bruder Hiram. Als Caleb nach einer aufregenden Nacht voller Sex und Glücksspiel durch die Bücher gegangen war, hatte ihn Moss in den Raum im hinteren Teil des Gebäudes gerufen. Das musst du dir anschauen, hatte Moss gesagt. Auf dem Tisch lag irgendein Obdachloser, den man tot in einer Gasse gefunden hatte. Er war dünn, ausgemergelt und wog kaum mehr als hundert Pfund. Moss hatte noch vor dem Morgengrauen begonnen, sich durch seine Innereien zu arbeiten, und hielt jetzt stolz seine Trophäe in die Höhe. Ein Bandwurm. Er hatte ihn in ein großes Glas mit Alkohol gelegt. Das Tier schwebte in der Flüssigkeit, zusammengerollt wie eine Schlange. Ekelerregend. Ein parasitisch lebender Plattwurm, Segment für Segment aus dem Körper herausgeschnitten. Zweiunddreißig Fuß, sagte Moss zu Caleb. War das nicht etwas? Caleb musste zustimmen, das war es auf jeden Fall. Das Leben war voller merkwürdiger Überraschungen.
In seiner Wohnung im St.-James-Gasthaus schreckte Jackson Dirker aus einem Albtraum hoch, an den er sich nicht erinnern konnte. Aber als er da so lag … der Krieg trieb sich in seinem Kopf herum, und er konnte sich denken, wovon er geträumt hatte. Dirker war Teil der 59sten Illinois-Infanterie unter Colonel P. Sidney Post gewesen. Richtig geschmeckt hatte er den Krieg das erste Mal bei Pea Ridge. Er konnte sich daran erinnern, wie er auf Tyler Cabe und sein Rebellengesindel gestoßen war. Wie sie die verstümmelten Jungs der Union plünderten. Lieber Gott …die Jungs … sie waren skalpiert worden. Die Eingeweide herausgerissen. Die Gesichter von den Knochen geschnitten, sodass sogar ihre eigenen Mütter sie nicht mehr hätten erkennen können. Dirkers Soldaten hatten die Konföderierten an Ort und Stelle umbringen wollen … aber Dirker entschied sich für eine andere Bestrafung. Er konnte sich an das Gefühl erinnern, wie es war, die Bullenpeitsche in der Faust zu halten, sie zuschnappen und sich ins Fleisch hineinfressen zu lassen. Beim Anblick dieser toten Jungs hatte er die Kontrolle verloren. Hatte er jedes Gefühl für Maß verloren. Was er getan hatte, war falsch gewesen. So viel war ihm jetzt klar … genauso wusste er jetzt – und hatte es vielleicht schon an jenem Tag gewusst – dass Cabe und seine Männer die Leichen nicht verstümmelt hatten. Aber es zu wissen und es zuzugeben waren zwei verschiedene Dinge. Denn der Stolz war ein grausamer Gebieter.
Wie Dirker hatte auch Tyler Cabe vom Krieg geträumt. Die Gesichter gefallener Kameraden schwebten durch die Nebel. Er sah all das Blut und den Tod, wanderte von einem Schlachtfeld zum nächsten, wühlte sich durch die aufgehäuften Toten der Konföderierten und der Union, versuchte zu fliehen. Dirker zog vorüber, seinen Kopf schüttelnd und ihn fragend, wie er es nur hatte zulassen können, dass seine Männer diese Leichen verstümmelten. Cabe sagte ihm, nein, nein, nein, wir waren es nicht, ich würde das nie zulassen, niemals. Und Cabe erwachte mit starren und glasigen Augen … er konnte noch das Schießpulver, den Dreck und das Blut riechen. Und dann verschwamm alles, und er schloss wieder die Augen.
In einem schäbigen Hotel saß ein Mann, der sich Henry Freeman nannte und vorgab, ein Texas Ranger zu sein, auf seinem Bett, nackt und mit überkreuzten Beinen. Vor ihm auf dem Bett lag ein Green-River-Messer mit einer sechs Zoll langen Klinge, schärfer als ein Rasiermesser. Einst war das Green-River-Messer praktisch so etwas wie das offizielle Messer der Trapper und Mountain Men gewesen. Eine vielseitig einsetzbare Waffe im Kampf, beim Jagen und beim Schlachten. Auch die Büffeljäger, die nur auf die Felle der Tiere aus waren, setzten auf dieses Messer, mit dem sie die Büffel in Rekordzeit abhäuten konnten. Und, wie Henry Freeman wusste, ganz genau wusste, konnte man es auch für andere Zwecke einsetzen … zum Beispiel, um Frauen auszuweiden und ihre Herzen herauszuschneiden. Eine dieser Trophäen lag vor ihm, sorgfältig eingewickelt in Hirschleder. Freeman schaukelte vor und zurück und lauschte den Stimmen in seinem Kopf. Huren waren okay, sagten sie zu ihm. Sie mussten büßen. Aber es gab auch anderes Wild … vielleicht ja die noble Lady aus dem Süden, die das St.-James-Gasthaus betrieb …
Drüben in Redemption huschten die Mormonen wie geschäftige Ameisen umher und brachten die alte Minenstadt wieder in Form. Überall konnte man die Geräusche der Sägen und Hämmer hören, von Holz, das übereinander gestapelt wurde und von Wagen, die die unbefestigten Straßen entlang rumpelten. Alte Hütten und Häuser wurden bis auf den Holzrahmen entkernt oder manchmal gleich ganz abgerissen und von Grund auf wieder aufgebaut. Die Luft war frostig, aber es fehlte nicht an Ehrgeiz und der richtigen Einstellung, mit der die verlassene Stadt wiederentdeckt wurde. Überall Hämmern und Klopfen, Sägen und Schneiden. Dazu Schweiß, harte Arbeit und schmerzende Muskeln. Denn Redemption musste wiederauferstehen, in Körper und Geist … das war Gottes Wille. Und die Verteidigungsanlagen mussten verstärkt werden, für eine der Nächte, in denen die Bürgerwehr wieder ausreiten würde.
Und in Deliverance, der kleinen Mormonenstadt, die sich Gerüchten zufolge geradezu körperlich dem Teufel verschrieben hatte, herrschte eine gruselige Stille über den Friedhöfen und den Galgen. Etwas hing in der Luft wie ein verborgenes, giftiges Leichentuch. Zusammengesunkene Gebäude und hohe, schiefe Häuser standen eng zusammen wie Gruppen von Grabsteinen und umhegten die Dunkelheit in ihren Mauern. Der Wind blies von den Bergen herunter und die Straßen hinauf, und dünne Häutchen aus Eis formten sich über den Pfützen. Verwitterte Schilder quietschten über vernagelten Türen und leeren, holzbeplankten Fußwegen. Das Licht der Sonne schien die beengte und verlassene Siedlung zu meiden, und die Schatten, mal grau, mal schwarz, lagen wie Spinnweben über schmalen Durchgängen und geschützten Sackgassen. Ab und an war ein Stöhnen oder ein Kratzen aus einem der feuchten Keller zu hören, oder ein schauriges, kindliches Kichern, das hinter einem der zugezogenen Dachfenster hervorkam. Aber mehr nicht. Denn was auch immer in Deliverance lebte, lebte im Verborgenen.