2-11
Der Job als County Sheriff war nicht einfach.
Jackson Dirker war sieben Tage die Woche beschäftigt und hatte oft Fünfzehn-Stunden-Tage. Recht und Gesetz im County durchzusetzen war an sich schon keine leichte Aufgabe, wenn man wilde Boomtowns wie Whisper Lake und Frisco in seinem Zuständigkeitsbereich hatte. Aber Dirker war darüber hinaus noch verantwortlich für das County-Gefängnis, er stellte Gerichtsanordnungen zu und sorgte dafür, dass das örtliche Amtsgericht funktionierte. An mehreren Tagen in der Woche war er Zeuge vor Gericht, organisierte Gefangenentransporte, wachte über seine Deputys und arbeitete sich durch den Berg von Papierkram, den all das mit sich brachte. Er war zudem in einer Person so etwas wie der Brandbeauftragte, der Gesundheitsinspektor und der Bevollmächtigte für Stadtreinigung. Man rief ihn, wenn es Konflikte zu lösen gab zwischen den Minengesellschaften und den vielen lokalen unabhängigen Erzschürfern, den Einwohnern und Zugewanderten, den Enklaven der Indianer und denen der Mormonen. Er war teils Soldat und teils Diplomat, teils Buchhalter und teils Behördenleiter.
Für die Einwohner von Beaver County war er ihr Ein und Alles.
Wenn etwas Gutes geschah, war er der Letzte, der es erfuhr. Wenn aber die Scheiße herabregnete, erwartete man, dass er der Erste vor Ort war und die größte Schaufel mitbrachte.
Doch für den ganzen Ärger, den der Job mit sich brachte, gab es auch eine Menge Geld.
Als einer der hochrangigen Amtsträger im County, der vom Gouverneur selbst ernannt wurde, war Dirker auch der oberste Steuereintreiber. Von allem, was er hereinholte, behielt er zehn Prozent – eine ganze Menge. Zudem kassierte er Zulassungsgebühren von Saloons, Bordellen und Spielhallen. Zusammen mit der Organisation von County-Aufträgen für neue Straßen und Brücken brachte ihm das mehr als dreißigtausend Dollar im Jahr.
Außerdem gehörte ihm das St.-James-Gasthaus, das bereits für sich eine recht profitable Unternehmung war. Aber damit hatte er nichts zu tun. Seine Frau, Janice, kümmerte sich um das komplette Geschäft. Vom Kauf des Hotels vor vier Jahren über die Renovierung bis zum laufenden Betrieb – Janice Dirker hatte vollständig das Sagen.
Denn Jackson Dirker war ein viel beschäftigter Mann.
Aktuell verbrachte er mehr Zeit damit, sich mit Arrestberichten herumzuschlagen und das Eigentum von Steuerhinterziehern zu verkaufen als Verbrecher auf der Flucht zu jagen – diese Aufgabe übertrug er in den meisten Fällen seinen Deputys – aber es gab noch ein paar Dinge, um die er sich selbst kümmern musste. Angelegenheiten, bei denen die Menschen eine Lösung von ihm erwarteten.
Diese Fälle waren einfach zu dreckig, um sie an seine Deputys weiterzugeben.
Und es waren diese Fälle, die Dirker heimsuchten.
Denn wenn er alles in seinem Kopf zusammenwarf und gut durchmischte wie einen fauligen Eintopf, ließ ihn der konzentrierte Gestank zusammenzucken. Also schob er den Eintopf zurück auf die Warmhalteplatte, wo der Geruch nicht mehr so übel war, und grübelte einfach weiter.
Am Ende glaubte er, was Frank Carny glaubte: dass Whisper Lake ein Kessel kurz vor dem Überkochen war. Und wenn das passierte, dann würden sich eine Menge Leute verbrennen.
Da war das Problem mit der Bürgerwehr. Dirker hatte keine Ahnung, wer dabei war – obwohl er einige im Verdacht hatte – aber er hatte keinen Zweifel, dass sie existierte. Irgendein Bürgerwehr-Komitee hatte sich formiert, um die Mormonen zu schikanieren. Jedes Mal, wenn etwas schief lief, gaben die Bewohner von Whisper Lake den Mormonen die Schuld. Und bei den ganzen Verschwundenen draußen in den Bergen und dem – bisher – Dutzend brutal abgeschlachteter Minenarbeiter hatten die Menschen einfach Angst. Dirker verstand das. Aber es war einfach lächerlich, das den Mormonen in die Schuhe zu schieben, wo doch diese Vorfälle klar einem Rudel umherstreunender Hunde oder Wölfe zu verdanken war. Dirker hatte Prämien auf die Tiere ausgesetzt; und soweit es die Vermissten betraf, verdammt, das hier war eben eine Minengegend. Menschen kamen und zu Hunderten, Monat für Monat.
Die wirklichen Kriminellen waren die Mitglieder der Bürgerwehr.
Und was sie taten, bedeutete eine große Menge Ärger. Es gab schon Gerüchte über Milizen der Mormonen, die auf Rache sannen. Die Mormonen bauten sich gerade eine Stadt oben am Beaver River, und die Menschen schienen das als Beweis dafür anzusehen, dass sie nichts Gutes im Schilde führten. Wiederum lächerlich. Als County-Sheriff hielt Dirker sie für die Gruppe, mit der sich bei Weitem am einfachsten umgehen ließ. Viel mehr Ärger machten ihm die anderen. Die Minen hatten zahlreiche Landbesetzer, Immigranten und Gesetzlose angezogen. Schießereien und Messerstechereien waren an der Tagesordnung, und an keinem dieser Zwischenfälle war jemals ein Mormone beteiligt gewesen.
Sie lebten abgeschottet, isolationistisch, aber nach dem, was Dirker in den letzten fünf Jahren als County-Sheriff gesehen hatte, waren sie gottesfürchtig und gesetzestreu.
Aber aus irgendeinem Grund wollten die Leute das einfach nicht kapieren.
Vielleicht, weil sie alles hassten, was sie nicht verstanden. Oder der Grund war Deliverance, die Mormonenstadt, die vier Meilen von Whisper Lake entfernt war. Irgendetwas war dort geschehen, etwas Böses war geschehen, sagte man, und die Stadt war darüber selbst zu einem Ort des Bösen geworden. Es gab verrückte Gerüchte über Teufelsanbetungen und Hexerei, und sogar die Mormonen mieden den Ort. Dirker vermutete, dass sich Deliverance lediglich von den Lehren von Joseph Smith abgespalten hatte und vielleicht noch puritanischer und absonderlicher geworden war, aber diese ganzen Geschichten waren nichts als Unfug.
Er selbst war über Monate nicht in Deliverance gewesen.
Beim letzten Mal hatte er einen Gefangenentransport des Bundes durch Beaver County eskortiert. Sie hatten in Deliverance Station gemacht, um den Pferden Wasser zu geben. Der Ort war sehr selbstbezogen, sehr merkwürdig, aber die Bewohner waren recht friedlich, wenn auch nicht wirklich freundlich.
Nein, die Mormonen und Deliverance waren nur weitere Symptome des Krebsgeschwürs, das am Herzen von Whisper Lake fraß. Bewaffnete Bürgerwehr. Mormonische Milizen. Seltsame Tierattacken. Ja, da braute sich etwas zusammen, und irgendwann würde alles in die Luft fliegen.
Und mitten in dieses stinkende Schlamassel war Tyler Cabe hereingeplatzt, auf der Jagd nach diesem verstörten Wahnsinnigen.
Das machte Dirker weitere Kopfschmerzen.
Er konnte keinen weiteren Killer gebrauchen, der die Bevölkerung in Aufruhr versetzte. Und so sicher wie die Hölle heiß war konnte er nicht gebrauchen, wie Cabe immer wieder nachbohrte und ihm den Krieg unter die Nase rieb. Wenn das so weiterging, würde es Ärger geben. Und obwohl Dirker ein fairer und anständiger Mann war, war ihm völlig klar, dass er sich das nur bis zu einer gewissen Grenze gefallen lassen konnte.
Und wenn Cabe ihm weiter zusetzte, konnte das nur zu einem Ergebnis führen.
Gott möge ihm beistehen, sollte er ihm weiter auf die Nerven gehen.
Während all diese Gedanken in seinem Gehirn vor sich hin brodelten und seine Schläfen pochen ließen, schenkte Dirker sich eine Tasse Kaffee ein. Als er die Blechtasse an seine Lippen setzte, öffnete sich die Tür, der Wind blies herein und verstreute die Papiere auf seinem Schreibtisch in alle Richtungen.
Peter Slade stand in der Tür. Wasser tropfte vom Rand seines Cowboyhuts.
»Mach die verdammte Tür zu«, sagte Dirker zu ihm und sagte es vielleicht ein wenig rauer als beabsichtigt.
Slade schloss die Tür.
Er war Dirkers Deputy. Während Henry Wilcox groß und muskulös war, war Slade groß und dünn, mit einem Schnurrbart, der dick wie eine Haarbürste unter seiner Nase spross. Er verdeckte völlig seinen Mund. Slade war ein zuverlässiger Mann, und dazu hart im Nehmen. Regelmäßig brachte er Pferdediebe und Revolverhelden zur Strecke und war dabei völlig allein in den Wäldern unterwegs.
In diesem Moment sah Dirker seine Furcht, seine Müdigkeit … irgendetwas stimmte nicht.
»Sheriff«, brachte Slade gerade so heraus, und seine Stimme war voller Entsetzen. »Sheriff … wir haben einen Mord.«
Dirker starrte ihn an und wunderte sich, wie ein einfacher Todesfall ihn dermaßen erschrecken konnte, dass er geradezu körperlich darunter litt. Aber tief im Innern wusste er, dass das hier kein einfacher Fall war.
»Schlimm?«, fragte er.
Slade nickte. »Lieber Herrgott … ich … ich habe so etwas noch nie gesehen …«