4-19

Eine Stunde, nachdem Freeman enttarnt worden war und sie das Herz im Glas entdeckt hatten, fand sich Cabe erneut im Cider-House-Saloon wieder. Er benötigte unbedingt einen Drink. Er genehmigte sich zwei Whiskey und dieselbe Anzahl von Bieren und dachte über alles nach. Über Dirker, der nun so etwas wie sein Freund sein mochte (die verrückteste Sache von allen) und Freeman und, natürlich, über Janice Dirker. Diese eine Sache zirkulierte ständig durch sein Gehirn.

Aber in all der Aufregung hatte er ein paar Dinge vergessen.

Er hatte tatsächlich vergessen, dass dies der Ort war, an dem er Virgil Clay niedergeschossen hatte, nur ein paar Nächte zuvor. Sein Kopf war einfach zu voll von all den anderen Dingen. Als sich also die Tür öffnete und eine nasse Windböe durch die Bar blies, war Elijah Clay das Letzte, woran er dachte.

Er machte sich nicht einmal die Mühe, sich umzudrehen.

Wenn er es getan hätte, hätte er gesehen, wie die Männer vor dem Koloss mit einem Mantel aus Büffelfell und mit grauem Bart zurückwichen.

So aber lehnte er sich gegen die Wand, in sich selbst verloren, und in diesem Moment bohrte sich die Klinge eines Messers kaum einen Zoll von seiner Nasenspitze entfernt in die Wand.

Cabe ließ seinen Drink fallen und wirbelte herum, seine Hand griff nach dem Starr Double-Action an seiner Hüfte. Er hatte es fast geschafft, aber der Mann, den er sich durch den Barraum bewegen sah, ließ ihn erstarren.

Cabe stand da und blickte starr geradeaus.

Er wusste, wer er war; es konnte keine zwei Männer geben, die im Utah-Territorium zu dieser Beschreibung passten.

Cabe dachte nur noch: Oh Jesus, Maria und Josef, schau dir an, wie riesig er ist …

Der Kerl musste ungefähr sieben Fuß groß sein. Er war bärtig und sah brutal aus, und er wirkte wie jemand, der sein Geld damit verdient, mit Bären zu ringen. Er hielt eine doppelläufige Schrotflinte in der Hand, und seine Brust war von gekreuzten Patronengürteln überzogen. Und das war auch absolut notwendig, wenn man die ganzen Pistolen berücksichtigte, die von den selbst gemachten Gürteln an seiner Hüfte herabhingen. Er bot mehr Feuerkraft auf als die meisten Kavallerie-Einheiten. Und dabei waren die Beile, Jagd- und Bowiemesser, die er für alle sichtbar bei sich trug, noch nicht einmal mitgerechnet.

Wie die Leute von Whisper Lake weise zu sagen wussten: Wenn sich Elijah Clay nähert, dann wechselt sogar der Teufel die Straßenseite.

Cabe packte den Griff des in der Wand steckenden Messers – ein Häutemesser für die Büffeljagd mit einer acht Zoll langen Klinge – und versuchte, es aus der Wand zu ziehen. Er musste mit beiden Händen anpacken.

»Entschuldigt ihr mich bitte«, sagte der Riese und warf Männer beiseite, als wären sie mit Federn ausgestopft. »Entschuldigung, meine Herren, Entschuldigung.«

Er hatte eine seltsame Art von Ritterlichkeit und Charme an sich. Diejenigen, die ihm nicht aus dem Weg gingen, schlug er beiseite wie lästige Mücken. Und einige von ihnen waren wirklich große Männer. Große Männer, die sich plötzlich in der Luft wiederfanden.

Die rechte Wange des Riesen war ausgebeult und mit Kautabak gefüllt. Er spuckte einen Fladen auf den Faro-Tisch und verschmutzte dabei die Karten. »Mein Name ist Elijah Clay«, verkündete er. »Und ich freue mich, euch kennenzulernen.« Er kam bis auf einen Tisch heran, der etwa vier Fuß von Cabe war, und stand einfach nur da. »N’Abend, die Herren. Ich bin auf der Suche nach einem wurmhirnigen, Schafe fickenden Stück Arkansas-Hundescheiße namens Tyler Cabe. Kennt jemand von euch diesen Mutterficker?« Er schaute sich mit bohrenden Augen um. »Nun sagt schon was, hört ihr? So wie ich das sehe, meine Herren, seid ihr entweder für mich oder gegen mich. Und wenn es das Letztere ist, dann gnade Gott euren armen trauernden Müttern, wenn ich mit euch fertig bin.«

Cabe verstand, dass Clay nicht wusste, wer er war. Noch nicht. Nun, jeder vernünftige Mann wäre zumindest davongestürzt und fortgerannt. Aber Tyler Cabe aus Arkansas? Nein, Sir, nein Sir, Sie müssen sich irren. Ich bin Joe J. Crow aus Gary, Indiana, also, wenn Sie mich bitte entschuldigen würden, ich habe eine kranke Frau zu Hause um die ich mich kümmern muss, und ich denke, dass ich mir gerade in die Hosen gemacht habe.

Natürlich wäre es das gewesen, was ein vernünftiger Mann getan hätte.

Aber Cabe?

Nope. Nicht Tyler Cabe, der eisenhart in einem Jahr durch mehr Scheiße ritt als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben. Nicht Tyler Cabe, der genauso schnell und sicher mit seinen Pistolen war wie jeder andere Mann im Westen, und dem auch der Gebrauch von Messern und Fäusten nicht fremd war. Doch nicht Tyler Cabe, der einen Inzucht-Hillbilly erkannte, wenn er ihn sah, denn er war selbst einer, und er hatte nicht vor, den Schwanz einzuziehen, nicht vor Abschaum wie diesem.

Aber natürlich war Cabe noch nie an jemanden wie Elijah Clay geraten. Diese Sorte konnte einem das Lebenslicht auspusten und konnte und würde die Knochen als Zahnstocher für seine langen gelben Zähne verwenden.

Dessen ungeachtet sagte Cabe: »Ich bin Tyler Cabe. Ich bin der, den Sie suchen, Mister.«

Clay nickte nur, schien aber angenehm überrascht. Vielleicht war er es nicht gewohnt, dass Männer zugaben, wer sie waren, wenn er nach ihnen auf der Jagd war. Und da er von einem Clan aus den Bergen stammte, hielt er große Stücke auf Tapferkeit und Mut. Selbst wenn es töricht war.

»Nun, Mister Cabe, dann sind Sie also die Schlange, die meinen Jungen abgeknallt hat, also lassen Sie uns beide ohne Umschweife zur Sache kommen, was meinen Sie? Wie wäre es mit den Schießeisen?« Clay überlegte und schüttelte dann den Kopf. »Nein, das ist nicht Ihr Ding, oder? Zu abgefeimt. Sie gehören zu der Sorte, die eher Messer und dergleichen bevorzugt. Wenn das Ihr Spiel ist, bin ich dabei.« Er legte seine Schrotflinte und seine Auswahl an Pistolengürteln auf den Tisch, zog zwei Beile aus seinem Gürtel und stach sie in die Tischplatte, wo sie drohend zitterten. »Na, Junge, lass uns loslegen. Habe schon Ideen, wie ich dir das Fell über die Ohren ziehe, yessum, denke ich werde dich bis weit nach dem Hahnenschrei am Leben lassen.«

Die Männer im Saloon murmelten einander zu und machten vielleicht eine Art geistige Aufnahme der ganzen Sache, um bald eine neue Geschichte erzählen zu können. Möglicherweise machten sie sich eine Notiz, was für ein beeindruckendes Paar Eier der alte Tyler Cabe hatte, aber wahrscheinlich fragten sie sich eher, ob er genug Geld in der Tasche hatte, um ihn anständig zu begraben.

Cabe packte den Griff eines der Beile und riss die Klinge aus Holz. »In Ordnung«, sagte er. »Wenn es auf diese Art und Weise passieren muss, du großes stinkendes Stück Scheiße, dann lass uns anfangen.«

Clay lachte und zog das andere Beil aus dem Tisch.

Cabe verlor keine Zeit, stürzte sich schnell auf den Gegner, schwang die Axt und erwischte fast Clays Kehle, aber der große Mann machte einen schnellen Schritt zurück und grinste mit seinen piss-gelben Zähnen. Hier war Cabe also, und es sah so aus, als würde es hier ums nackte Überleben gehen, ein Kampf auf Leben und Tod … aber für Clay schien es einfach ein Vergnügen zu sein. Jemand, dem man die Scheiße aus dem Leib prügeln konnte, während man dem Korn beim Wachsen zusah oder seine eigene Schwester vergewaltigte.

Clay schwang seine Axt, und er schwang sie schnell, in der Tat so schnell, dass Cabe gerade noch aus dem Weg kam. Die Klinge traf die Bar und stach einen vier Zoll langen Streifen aus dem Pinienholz. Cabe hieb nach dem riesigen Mann, und ihre Beile trafen sich mit einem klirrenden Funkenregen in der Luft. Der Aufprall warf Cabe rücklings gegen die Bar, und sein Arm vibrierte bis zum Ellenbogen. Er tauchte unter Clays nächstem Schlag hindurch und zielte auf sein Gesicht. Clay wich aus, lachte und brachte sein eigenes Beil an Cabes Kopf. Der Schlag ließ den Hut vom Kopf fliegen, und bevor er reagieren konnte, brachte Clay das Beil rückhändig wieder herum. Cabe brachte seine Axt nach oben, um den Schlag zu parieren, der tödlich gewesen wäre – angesichts der Tatsache, dass Clays Axt zweischneidig war.

Die Beile trafen sich wieder, der Aufprall riss Cabe die Waffe aus der Hand und ließ ihn sich drehen wie ein Kreisel, woraufhin er leichterdings auf dem Hintern landete.

»Das wars dann, schätze ich«, sagte Clay und kam heran, um ihn zu töten.

Cabe versucht seine Pistole zu greifen, aber seine Hand war taub bis in die Schulter, und seine Hand reagierte wie Gummi. Clay griff ihn an den Haaren, hob ihn sechs Zoll in die Luft und brachte das Beil nach oben, um ihm den Todesstoß zu versetzen.

Und dann sagte eine Stimme, die genauso kühl und ruhig war wie Eis aus einem zugefrorenen Fluss im Januar: »Lass die Axt fallen, oder ich werde dich auf der Stelle erschießen.«

Clay erstarrte, das Beil über dem Kopf.

Da stand Dirker, in den Händen seine abgesägte Schrotflinte. Beide Läufe zielten auf die Mitte von Clays Rücken.

»Lass sie fallen«, sagte er.

Clay drehte sich um, senkte das Beil und ließ es fallen. Auch Cabe ließ er fallen. »Verdammt noch mal, Dirker, immer musst du mir den Spaß verderben.«

»Alles in Ordnung?«, fragte er Cabe.

Mit seiner Hilfe fand Cabe wieder auf die Füße.

Dirker schob Clay mit vorgehaltener Waffe aus der Tür, Cabe war ihm dicht auf den Fersen. Und alles, woran Cabe denken konnte, war Dirker und seine Peitsche, und jetzt hatte Dirker seinen Arsch gerettet. Und war es nicht gottverdammt komisch, wie sich die Dinge am Ende entwickelt hatten?