4-16
Der Tag wurde merklich kälter, als sich Cabe und Graybrow nach Deliverance aufmachten. Sie ritten die staubige Straße entlang, die nach oben aus Whisper Lake herausführte, an der Southview-Mine an der verbrannten Eiche vorbei, an der sich der Weg gabelte.
Cabe ertappte sich dabei, wie er die Eiche studierte. Sie war groß, schroff und schwarz, und sie sah wie eine riesige Spinne aus, die aus dem Graben neben der Straße kletterte. Cabe konnte nicht genau sagen, was es war, aber der Baum störte ihn ungemein. Er war niemand, der viel auf Omen oder Vorzeichen gab … aber irgendwie, irgendwie empfand er den Baum als einen warnenden Wegweiser.
Er betrachtete die Landschaft, die an ihm vorüberfegte – der freigelegte rote Fels, der aus schwerem Adlerfarn und Gestrüpp hervorbrach, die großen Haufen trockener Sträucher, die bald den Weg für eine Graslandschaft freimachten und die dichten Bestände von Espen. Bäche und Flüsse, die von herunterhängenden Hornsträuchern und kahlen Weiden flankiert waren.
All das nahm er wahr, und er machte sich eine mentale Notiz von den kargen Felsen und dichten Wäldern, als könnte es sein, dass er sie nie wieder sah.
Aber als er auf seinem schlanken, muskulösen Rotschimmel die schmale, kurvenreiche Straße hinauf ritt, die mit herbstlichen Blättern und Piniennadeln wie von einem Teppich bedeckt war, wusste er, dass es nur die wilden Geschichten waren, die ihm zusetzten. Der ganze abergläubische Bullshit, der bei seiner Art von Arbeit keinen Platz hatte. Die ganze Sache mit James Lee Cobb. Sein Leben und seine kulinarischen Vorlieben. Dann, dass er nach Whisper Lake in einem Sarg gebracht worden war … vielleicht ohne tatsächlich tot zu sein. Was wahrscheinlich war, wenn man den getöteten Callister-Bruder (denn niemand glaubte wirklich an die Geschichte vom Selbstmord) und die verschwundene Leiche betrachtete. Aber die Geschichte barg noch mehr. Denn Goode – der alte Herumtreiber Graybrow hatte gesagt, er sei derjenige gewesen, der den Sarg in die Stadt gebracht hatte – war ziemlich fest davon überzeugt, dass das, was sich in dieser Kiste befand, nicht gerade menschlichen Ursprungs war. Wenn man die Tatsache hinzufügte, dass Deliverance kurz darauf zu einem bösen Ort geworden war, seine Seele dem Teufel verkauft hatte (wie die Einheimischen behaupteten), dann, nun ja, begann auch der vernünftigste Mann darüber nachzudenken.
Neben ihm auf seinem dreifarbigen Wallach sagte Graybrow: »Habe ich dir je, Tyler Cabe, von den beiden Narren erzählt, die in die Stadt des Teufels ritten?«
»Nein. Was ist passiert?«
»Sie wurden getötet. So habe ich es jedenfalls gehört.«
Cabe leckte sich die Lippen, spürte den kühlen Wind auf seinen Lippen. »Hast du Angst, Charles? Angst davor, was wir finden könnten?«
Graybrow sagte: »Zur Hölle, nein. Ich bin eine Rothaut, wir wissen gar nicht, was Angst ist.« Er ritt einen Moment schweigend und navigierte sein Pferd durch eine Senke. »Trotzdem … ich komme nicht davon los, darüber nachzudenken, dass ich jetzt eigentlich irgendwo anders sein und etwas anderes tun sollte. Ich habe der Witwe Lucas gesagt, dass ich mal vorbeikomme und ihre Scheune repariere. Das Dach ist leck. Vielleicht sollte ich besser das tun.«
»Wann will sie die Reparatur denn fertig haben?«
»Oh, ungefähr vor zwei Jahren«, gab Graybrow zu. »Aber ich denke noch daran. In Zeiten wie diesen frage ich mich manchmal, ob ich zu ihr gehen sollte. Was meinst du?«
»Nope. Es sei denn, du brauchst meine Hilfe.«
»Ich hatte eigentlich vor, das alleine zu erledigen.«
Sie ritten höher und die Luft wurde frischer, kälter, knackte geradeso, als könnte sie jeden Moment reißen. Ein paar Schneewirbel tanzten in der Luft. Man konnte das Knirschen der Pferdehufe auf dem mit Blättern übersäten Lehmboden hören, das Klimpern der Ausrüstung und das Knarren der Sättel, aber sonst nichts. Die Espenwälder wichen Wacholder und Pinyon-Kiefer, als die sich windende Straße nach oben kletterte. Die Hänge oberhalb waren mit Douglas-Tannen und Fichten bedeckt, und an den zerklüfteten Gipfeln bildeten uralte Grannen-Kiefern entfernte Pünktchen knapp unterhalb der Schneegrenze.
Cabe war durch viele Berge geritten. Unzählige Tage und Nächte hatte er damit verbracht, durch ihre Weite zu streifen … aber nie war von ihrer absoluten Stille so berührt gewesen wie hier. Äste raschelten gegeneinander, und der Wind zischte durch die hohen Zweige, aber außer dem war nur Stille. Seltsame Stille. Totenstille. Die Art schwerer, brütender Stille, die man mit Grabstätten und Grüften in Verbindung brachte.
Und Cabe mochte das alles kein bisschen.
»Nur noch diese eine Biegung, dann sollten wir da sein«, sagte Graybrow und klang, als würde etwas in seinem Hals stecken.
Cabe fühlte, wie er sich spannte. Hier war keine echte, greifbare Bedrohung. Keine Männer, die auf sie mit Gewehren warten. Und doch zogen sich seine Muskeln zusammen, und sein Herz schlug schnell. Etwas kroch über seinen Rücken, und er verspürte das verrückte Verlangen, eine Pistole in jeder Hand zu haben.
Die Straße quetschte sich zwischen hohen, mit Holzbalken befestigten Erdwällen hindurch, der Wind rüttelte an Gruppen toter Kiefern, und dann sahen sie Deliverance. Aber, wie Cabe gerade erfuhr, konnte man den Ort in diesen Tagen nicht nur sehen, man konnte ihn spüren. Und er spürte den Ort genau. Wenn gerade noch etwas über seinen Rücken gekrochen war, dann rannte es jetzt. Die Luft war viel kälter, wie ein Windstoß aus einem Eiskeller. Etwas in ihm zitterte und rollte sich zusammen. Seine Eier waren hart, und seine Brust war mit Eisenbändern umwickelt.
»Hölle und Verdammung«, murmelte Graybrow. Die Stadt lag vor ihnen in einer kleinen Mulde, der Wald presste sich auf einer Seite dagegen, und sanft geschwungene Felder schmiegten sich an die andere. Hohe Steine erhoben sich wie Monumente aus diesen Feldern, schief und grau. Alle Bäume waren kahl und tot. Nichts bewegte sich, nichts rührte sich. Nur der Wind heulte und pfiff, und an seinem Timbre erspürte Cabe sicher, das nichts Lebendiges in Deliverance war.
Die Stadt gab ihm das sofortige, unangenehme Gefühl von Klaustrophobie. Die Gebäude und Häuser standen zu eng beisammen, stiegen aus den Straßen empor, und ihre Dächer hingen übereinander. Wo immer es einen offenen Innenhof oder Abschnitt gegeben hatte, waren Reihen von Hütten und mit Zeltdach überspannte Balkenkonstruktionen gebaut worden. Die Straßen waren unglaublich eng und zusammengedrängt. Nirgendwo fand sich auch nur eine vertikale Linie, alles bestand aus verschobenen und schiefen Wänden, geneigten Dächern, verwinkelten Türeingängen und zusammengeworfenen Schuppen. Selbst die Straßen und Gassen verliefen planlos und im Zickzack. Die meisten Städte wurden gebaut, um Sonnenlicht und Raum zur Geltung zu bringen, Deliverance dagegen betonte Schatten und Unterdrückung. Die Stadt wirkte, wenn überhaupt, wie ein verfallener Slum aus dem Osten.
An Stadtrand war ein Holzschild angebracht. DELIVERANCE, war darauf in verblassten Druckbuchstaben zu lesen.
Jemand hatte ein Paar einfacher Kreuze auf beide Seiten des Namens geritzt. Sie stachen heraus wie Hexenzeichen. Cabe fühlte, wie sich seine Kehle zusammenzog. Er konnte kaum Luft holen und in seine rasselnden Lungen hinunterdrücken.
Als sie herunter ritten und in das finstere Herz der Stadt vorstießen, schien es, als würde der gesamte Ort verfallen und verrotten wie der Kadaver eines verfluchten Tieres. Es gab große klaffende Risse in den Wänden, und die Dächer fielen in sich zusammen. Die Fenster waren verriegelt, die Bohlen klapperten im Wind. Alles war zu einem gleichmäßigen Grau verwittert, wie Marmor auf einem Friedhof. Riesige, makabre Schatten flossen aus verzogenen Türen und zusammenbrechenden Treppenhäusern und lagen in schwarzen Pfützen auf den schlammigen Straßen.
Cabe und Graybrow banden ihre Pferde an einen Pfosten und standen nur da. Sie fühlten die Aura von Deliverance in sie hineinsickern wie ein schleichendes Gift. Unkraut wuchs in den Straßen und spross aus den Holzplanken der Fußwege, die der Frost angehoben und verzogen hatte, wenn sie nicht komplett von innen heraus verfault waren.
Vorsichtig holte Cabe sein 44er Evans-Repetiergewehr aus seinem Futteral am Sattel, sog eine Explosion frostiger Luft ein und sagte: »Nun, Charles, was meinst du, wollen wir uns mal umsehen?«
Graybrow stand bei seinem Pferd, sein langes graues Haar peitschte im Wind. Er hielt eine Whitney-Schrotflinte im Kaliber 12 in seinen Armen. »Wenn du der Meinung bist, wir tun das Richtige, weißer Mann.«
Cabe war überhaupt nicht dieser Meinung. Allein das Gefühl, an diesem Ort zu sein, war ausreichend, um einen Mann auf sein Pferd springen zu lassen und zu reiten, bis kein Weg mehr übrig war. Die Luft war erdrückend, körperlich schwer, als wäre es keine normale Luft, sondern etwas Schleimiges und Feuchtes. Eine übermächtige, fast dampfförmig spürbare Bösartigkeit brachte Cabe dazu, sich nur noch losreißen und verschwinden zu wollen. Er hatte Angst, weiter zu gehen, etwas zu berühren. Als ob ihn vielleicht das Ansteckende finden könnte, ihn Teil davon werden ließe, was die Eingeweide … und die Seele … aus diesem Ort gerissen hatte.
Er stand auf dem Fußweg vor etwas, was einmal ein Saloon gewesen sein mochte. Über ihm knarrte ein zersplittertes Schild in den Angeln, aber es war völlig unleserlich, die Buchstaben durch Wind und Wetter ausgelöscht. Nur eine vage Form war noch sichtbar. Möglicherweise der Kopf eines Pferdes.
»Du hast gesagt, dieser Ort ging erst dann vor die Hunde, als dieser Kerl Cobb auftauchte?« wollte Cabe wissen. »Sieht aus, als wäre die Stadt vor Jahren aufgegeben worden.«
»Das wurde sie«, sagte Graybrow. Er berichtete Cabe, dass die Stadt ursprünglich Shawkesville genannt worden war, nach ihrem Gründungsvater Shawkes Tewbury, einem Yankee aus Neuengland. Tewbury hatte das Blei in den Hügeln entdeckt und die Stadt gebaut, wahrscheinlich sollte sie irgendeiner bröckelnden Hafenstadt aus dem Osten ähneln. Alles hatte ihm gehört. Mehr als fünfhundert, sechshundert Menschen hatten noch 1865 in der Stadt gelebt und in den Minen gearbeitet, aber dann versiegte das Erz, und die Eisenbahn umfuhr den Ort … und so war er ausgestorben.
»Tewbury war der Letzte, der gegangen ist, damals in den 70ern, habe ich gehört. Der ganze Ort hier war leer, bis er vor zwei Jahren von den Mormonen in Besitz genommen wurde, die beschlossen, ihn wieder aufzubauen. Es sieht nicht so aus, als wären sie sehr weit gekommen.«
Cabe dachte genauso. Er blickte die gewinkelten Straßen nach oben und nach unten. »Wir verschwenden unsere Zeit, Charles. Hier kann niemand mehr am Leben sein.«
»Um das herauszufinden, sind wir hier, nicht wahr?«
Verdammt indianische Logik. Sie war immer so schwarz und weiß. Und das, wo Cabe gerade einen guten Grund gefunden hatte, hier zu verschwinden. Er ging zur Tür eines alten Saloons. Sie war vom Wasser aufgequollen und in ihrem Rahmen verzogen. Er musste sich mit der Schulter dagegen stemmen, um sie zu öffnen. Und dann fiel sie beinahe aus den Angeln. Innen fand er staubige Tische und eine moderige Bar. Blätter waren durch die Ritzen in den Raum geblasen worden.
Cabe ging hinein, stieg über den mumifizierten Körper einer Ratte und war sich des Klanges seiner Stiefel und Sporen auf diesem krummen Boden sehr bewusst. Hinter der Bar standen leere Flaschen und Gläser. Ein paar schmutzige Gemälde von Huren, mit Spinnweben behangen und mit Schmutz bedeckt. Cabe stand nur da, lauschte und lauschte. Obwohl er nichts hörte, spürte er alles. Die Stadt war nicht leer. Nicht im gewöhnlichen Sinne. Er hatte das überwältigende Gefühl, dass die Stadt … belegt war. Als ob die Bewohner sich versteckten, eine etwas makabere Variante von Blindekuh spielten. Als ob sie nur darauf warteten, darauf warteten, aus Hauseingängen, Kellern, Dachböden und verschlossenen Fensterläden hervorzustürmen, um den beiden Eindringlingen zu zeigen, welche Art von Spiel sie spielten.
Und das mehr als alles andere ließ Cabe bis ins Mark erschauern.
Er zog eine gerollte Zigarette aus der Tasche seines Wollmantels und zündete sie mit einem Streichholz an. Er wollte nicht wirklich rauchen, aber er verspürte das Bedürfnis, etwas anderes zu riechen als den Gestank der Stadt. Denn hier drin, in dieser leeren Bar, war der Gestank geradezu elektrisch. Es war ein tiefer, durchdringender Geruch von Verderbtheit und Degeneration, der ihm erzählte, dass diese Stadt verdorben war, bis auf ihren Kern vergiftet.
Er konnte die Quelle nicht genau ausmachen, aber sie war da. Eine abscheuliche, gehässige Atmosphäre von Leichengruben und geschändeten Gräbern. Cabe war nicht abergläubisch, aber in diesem Moment … würde er nicht nach Einbruch der Dunkelheit in Deliverance gefangen sein wollen. Eher würde er seine Pulsadern aufschneiden.
»Komm schon«, sagte er zu Graybrow.
Mit den Gewehren in der Hand untersuchten sie ein altes Büro eines Erzprüfers, einen mit Brettern vernagelten Tanzsaal und die Überreste eines Hotels. An jedem Ort war es das Gleiche. Zahllose Staubteilchen, die in der Luft umhertrieben, endlosen Schmutz und verfaulte Möbel, aber sonst kaum etwas anderes. Sie fanden Gebäude, in denen Pfade durch den Staub getreten waren, aber nie die Menschen, die sie gemacht hatten.
Sie nahmen ihre Pferde mit, als sie durch die Straßen gingen, denn die Tiere waren nervös und schreckhaft. Es gab keinen Zweifel, dass sie es auch fühlten, es fühlten und fliehen wollten, notfalls auf die denkbar schlechteste Weise.
Cabe und Graybrow besuchten nicht jedes Haus oder Gebäude. Es gab bestimmte Orte, an denen sie einfach nicht die Kraft aufbrachten, hineinzugehen. Und nichts konnte die beiden Männer dazu bringen, die zahlreichen Sackgassen zu untersuchen, in denen die sie zahlreich überragenden Dächer Ozeane zitternder, undurchdringlicher Schatten schufen. Aber wohin sie auch gingen, überall konnten sie dieses Gefühl geistiger Verschmutzung spüren, diese gestörte Aura der Pestilenz. In mehr als einem Gebäude hörten sie Schritte in leeren Räumen oder Kratzgeräusche innerhalb der Mauern. Und einmal hörten sie ein Flüstern aus einem feuchten, stygischen Keller.
Aber es gab nie etwas zu finden, wenn sie eine Sache näher untersuchten.
Die einzigen Geräusche sonst waren der stöhnende Wind und ihre eigenen Stiefel, die auf knarzendes Holz traten. Aber das beruhigte Cabe nicht, der sich sicher war, sich nicht alles nur einzubilden. Denn jemand oder etwas war hier. Hinter ihnen, vor ihnen, vielleicht auf den Dächern oder unten in den Kellern. Mehr als einmal erspähte er eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Und eines war nicht zu verkennen: sie wurden beobachtet. Augen waren auf sie gerichtet aus schattenhaften Winkeln, lugten hinter Fensterläden hervor und starrten aus dunklen, feuchten Orten.
Am Rand der Stadt fanden sie ein paar Blockhäuser, die noch vor Kurzem bewohnt gewesen waren. Betten waren gemacht und Tische gedeckt, Brennholz gestapelt und die Scheunen voller Heu. Überall war Staub, und Cabe hatte den Eindruck, dass wer auch immer hier gelebt haben mochte diesen Ort in höllischer Hast verlassen hatte. In diesem Teil des Landes waren die Zeiten immer hart, und niemand ließ ohne einen verdammt guten Grund seine Besitztümer und Waren stehen.
In einem der Häuser fanden sie einen einzigen vergilbten Knochen.
Er lag in der Mitte auf dem Boden, ein menschlicher Oberschenkelknochen. Graybrow und er untersuchten ihn und kamen zu dem gleichen Schluss: die hineingestanzten Abdrücke stammten von Zähnen
»Was hältst du von all dem?«, fragte Cabe schließlich.
Aber Graybrow schüttelte nur den Kopf und sagte: »Ich denke, es ist viel schlimmer als das, was die Leute erzählen. Was auch immer hier passiert ist … vielleicht will ich es gar nicht wissen.«
Cabe schaute ihm direkt in die Augen. »Hast du Angst?«
»Verdammt ja, die habe ich.«
Und Cabe ebenso. Er hatte noch nie ein solch totales Gefühl des Terrors erlebt. Und was alles noch schlimmer machte, es noch viel schwerer machte damit umzugehen, war, dass er nicht einmal wusste, wovor er Angst hatte. Er wusste nur, wenn es ihn fand, wenn es die Hand nach ihm ausstreckte und ihn berührte, würde er seinen Verstand verlieren.
Sie fanden einen Stall, in dem ein Dutzend Pferde angeleint waren. Sie waren sehr lebendig und hatten jede Menge Futter und Wasser. Da waren Sättel und Steigbügel, Zaumzeug und Zügel. Auch Stiefel und Sporen waren auf einer Bank gestapelt.
»Jemand ist hier, sowie ist klar«, sagte Cabe.
Sie überprüften das alte Gefängnis und danach die einzige Kirche der Stadt. Ihr Turm war hoch und schief, das Kreuz fehlte. Wenn es einen Ort gab, den die Mormonen wieder instand gesetzt hätten, wäre es die Kirche gewesen. Sie stand am Ende einer mit Unkraut überwucherten Straße, umgeben von einem rostigen, schmiedeeisernen Zaun mit stacheligen Eckpfosten, die fünf, sechs Fuß in die Höhe ragten. Die Kirche war entsetzlich und abweisend, und sie sah aus, als würde sie jeden Moment umstürzen. Die Fenster waren vernagelt, und ein seltsamer Verwesungsgeruch ging von ihr aus.
Cabe stieg die wackelige Treppe herauf und zog am eisernen Türgriff.
»Abgeschlossen«, sagte er und klang erleichtert.
Graybrow stand mit den Pferden direkt vor dem Zaun. »Kannst du sehen, was in die Tür geschnitzt ist?«
Cabe konnte.
Er war kein gebildeter Mann, aber lesen konnte er. Und er hatte in seinem einsamen Beruf eine Menge gelesen, um die Zeit zu vertreiben. In die Tür geschnitzt waren Zeichen und Symbole, die man mit Hexerei und schwarzer Magie in Verbindung brachte – Pentagramme und Drudenfüße, stilisierte Kreuze, die auf den Kopf gestellt waren.
Egal, er hatte genug gesehen.
Beide saßen auf und ritten ein letztes Mal durch die Straßen, jeder mit seinen Waffen in der Hand. Die Schatten wurden länger, und sie hörten Geräusche, murmelnde Stimmen, entfernte Bewegung … als ob was auch immer in Deliverance lebte, es kaum erwarten konnte, dass die Sonne unterging.
Sobald sie außerhalb der Stadt waren, ritten Cabe und Graybrow, als wäre der Teufel hinter ihnen her, und das war nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt.