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In Procton begann es mit den vermissten Kindern.

Innerhalb von sechs Wochen waren fünf Kinder verschwunden. Sie verschwanden von den Feldern, von Waldwegen, von den weitläufigen Viehweiden … immer dann, wenn sie einmal kurz nicht im Blickfeld waren. Spuren fanden sich kaum – ein fallengelassener Korb mit Äpfeln hier, ein paar Fäden von der Kleidung da. High Sheriff Bolton führte eine seiner Ansicht nach gründliche und umfassende Untersuchung in dieser Angelegenheit durch, fand aber so gut wie nichts. Es sei denn, man wollte Hexenmärchen und flüsternd weitergegebene Gerüchte hinzuzählen, in denen dunkle Kräfte am Werk waren. Und Bolton, in allen Dingen ein sehr praktisch veranlagter Mann, tat das nicht.

In den nächsten drei Wochen … geschah nichts, dann, in der ersten Oktoberwoche, wurden drei Babys aus ihren Wiegen gerissen, in derselben bitteren Nacht. Bolton wirbelte umher und machte zahlreiche Festnahmen – mehr um wüste Verdächtigungen und die Gefahr eines Mobs zu vermindern als alles andere – aber in jedem Fall wurden die Festgenommenen aus Mangel an Beweisen freigelassen. Inzwischen war die Zahl verschwundener Kinder auf nunmehr acht hochgeschnellt. Vermutungen, die mit plündernden Indianern oder Banditen zu tun hatten, reichten nicht mehr aus … es musste eine konkretere Erklärung geben. Von den Kanzeln der drei Kirchen in Procton entdeckten die Prediger mit Leidenschaft, dass das, was im Ort geschah, nicht einfach bloßes böses menschliches Handeln war, sondern ein schwerwiegender Beweis für eine teuflische Intervention. Trotz gegenläufiger Argumente von Sheriff Bolton und Magistrat Corey fachten die Priester die Flammen von Volkes Zorn weiter an.

Hexerei, sagten sie. Und wollten Taten sehen.

Also wurde Elizabeth Hagen verhaftet und der Hexerei, Zauberei und des Mordes angeklagt.

***

Elizabeth Hagen.

Sie war bekannt als Witwe Hagen, und die meisten wussten nicht, wie sie mit Vornamen hieß. Wenn jemand in der Gegend um oder in Procton von »Der Witwe« sprach, dann gab es ganz sicher keinen Zweifel, wer gemeint war. Die Witwe Hagen also, so wusste man, hatte die vergangenen sechzig Jahre hier in der Nachbarschaft gelebt, möglicherweise auch achtzig, je nachdem, wem man glaubte. Sie hatte nicht weniger als vier Ehemänner überlebt … und schien in all der Zeit bis auf ein paar Jahre kaum gealtert zu sein. Dabei war sie keine spindeldürre, verschrumpelte alte Vettel … sondern eine vollschlanke und robuste Frau mit silberfarbenem Haar und einem bemerkenswert faltenarmen Gesicht.

Das rief natürlich Argwohn hervor … aber die Einwohner von Procton gaben freimütig zu, dass sie »ihren Sinn und Zweck hatte«. Und das hatte sie. Trotz der puritanischen, gottesfürchtigen Lebensweise der Menschen in Procton waren dies harte, unsichere Zeiten. Und die Witwe Hagen war Expertin in Hausmitteln und Kräuterkunde. Sie konnte – und hatte es oft genug getan – die Kranken, Lahmen und kurz vorm Tode Stehenden heilen. Und obwohl die Prediger des Ortes sie durch die Jahre von ihren Kanzeln herunter verdammt hatten, waren mehr als nur ein paar von ihnen ihre Kunden gewesen, wenn sie an Erkrankungen litten, die von Arthritis bis Verstopfung, von Herzproblemen bis Hautkrankheiten reichten. Man hielt sie für hellsichtig und glaubte, sie könne Zukunft und Vergangenheit weissagen, indem sie in Innereien und Knochen, geschmolzenem Wachs und toten Tieren las. Es gab kaum etwas, was sie nicht tun konnte … wenn der Preis stimmte. Und die Kunden zahlten nur selten in barer Münze, sondern häufiger mit Tauschmitteln … Vieh, Getreide, Gemüse. Solche Sachen eben. Und die Zahlungsmoral war hoch, da die Witwe Hagen, so sagte man, mit einem Augenaufschlag Tragödien und Krankheiten über einen und die eigene Familie bringen konnte … und das mehr als einmal getan hatte.

Obwohl sie gleichermaßen gefürchtet wie respektiert wurde, hielt man sie nicht generell für böse. Man konnte sie nach Wurzeln und Knollen auf den Feldern graben sehen, aber auch, wie sie Friedhofserde siebte und murmelnd Gebete an den Vollmond richtete. Sie hatte eine Hütte am Rande der Salzmarschen, die man auf einem gewundenen Pfad erreichte, der durch ein abscheuliches Stück Wald führte, von dem man sagte, dass die Gräser raschelten und die Äste zitterten, selbst wenn kein Wind ging.

Die Hütte war düster und voller Rauch, beleuchtet durch eine Feuerstelle und eine Tranlampe. Überall waren Tierhäute und Knochen, Federn und Körbe voller getrockneter Insekten. Die Regale waren überfüllt mit einer staubigen Ansammlung von Krügen und Retorten, Fläschchen und Destillierkolben. Es gab verkorkte Flaschen voller übler Flüssigkeiten und Gefäße mit unbekanntem Pulver. Und Glaskrüge mit Salzlake, die konservierte tote Dinge enthielten, Dinge, die nie geboren wurden, und andere, die nicht lebensfähig gewesen wären. Die Witwe Hagen vergnügte sich mit ihren alten, profanen Büchern, den Schädeln von Mördern und Selbstmördern, den Händen von Toten und exotischen Arzneien. Die Menschen suchten sie auf, um geheilt zu werden, sich wahrsagen zu lassen und um den erforderlichen Segen für Kind und Ernte zu erhalten.

Sie war nie Teil der Gemeinde als solches gewesen, aber ihr Einfluss war nicht zu übersehen.

Dann änderten sich die Dinge.

Neue Priester ersetzten die alten. Sie tolerierten kein Heidentum, egal was es versprach. Die jungen Emporkömmlinge griffen die Witwe Hagen nicht nur von der Kanzel herab an, sondern beriefen Gemeindeversammlungen ein, in denen sie unnachgiebig jeden Umgang mit der alten Hexe verboten. Und sie sagten unmissverständlich, dass jeder Handel mit ihr ein Handel mit dem Satan in Menschengestalt bedeutete. Die Priester lebten vom Puritanismus und von der repressiven Weltsicht, und sie sorgten dafür, dass sich die Menschen endgültig gegen das wandten, was sie als Feind des christlichen Glaubens ausgemacht hatten: die Witwe Hagen und ihre seltsame Art zu leben.

Jahr für Jahr suchten nun immer weniger Menschen die Weisheit und das Wissen der Witwe. Keine Beschwörungen und Talismane, keine Liebestränke und Allheilmittel mehr. Ihre Hütte wurde gemieden, und die Ausgrenzung ging so weit, dass sie nicht einmal mehr ihre Waren im Ort kaufen konnte.

Einen Monat, bevor das erste Kind verschwand, hatte eine Gruppe Männer versucht, ihre Hütte niederzubrennen. Als das fehlschlug – das Holz weigerte sich, in Flammen aufzugehen – wurde sie öffentlich auf dem Marktplatz gesteinigt. Ihre Hände zum Himmel erhoben, sprach die blutbedeckte und zerschundene Witwe Hagen laut genug, sodass alle es hören konnten: »Ein Fluch also, Brüder … verflucht möget ihr und euer Leben sein!«

Kurz darauf begannen die Kinder zu verschwinden.

Das Vieh der Siedlung wurde geplagt von Krankheiten, für die es keinen Namen gab.

Seltsame Stürme durchwühlten die Landschaft.

Das Getreide verdorrte auf den Feldern … praktisch über Nacht.

Und nicht weniger als vier Frauen brachten Totgeburten zur Welt.

Als nun zu alldem auch noch die verschwundenen Kinder hinzukamen, konnte es nur eine mögliche Übeltäterin geben: Elizabeth Hagen.

Hexe.

***

Sie wurde ordnungsgemäß von High-Sheriff Bolton und einigen als Hilfssheriff verpflichteten Männern festgenommen und dann in das Gefängnis von Procton verbracht: ein fensterloser, insektenverseuchter Bau mit schmutzigem Stroh auf dem Boden, auf dem die Beschuldigten in ihren eigenen Exkrementen hausten und vielleicht einmal aller zwei Tage etwas zu essen bekamen. In die unbearbeiteten Wände waren Gebete eingeritzt.

Und dann begann die Untersuchung.

Sheriff Bolton war sich mit Magistrat Corey und den anderen Mitgliedern der Gemeindeversammlung völlig einig – die ganzen Vorwürfe waren abergläubischer Unfug.

Dann durchsuchte man die Hütte der Witwe Hagen.

Beim Betreten vernahmen die Männer, die dem Aufgebot des Sheriffs angehörten, einen vulgären, ekelerregenden Gestank wie von verdorbenem Fleisch. Und keiner der Männer, die an diesem windigen, nebeligen Oktobernachmittag die Hütte betraten, würde rasch vergessen können, was sie entdeckten. Sie fanden befleckte Leinensäcke, gefüllt mit menschlichen Knochen – Knochen von Kindern, an denen noch Blut klebte und die mit faserigen Sehnen überzogen waren. Bald entdeckte man auch die Schädel, die im Lehmfußboden vergraben waren. Ebenso wie die von Maden übersäten und kopflosen Körper der Kinder. Alle waren gezeichnet von rituellen Hieben und Schnitten. Und in der Feuerstelle, in einem fettigen schwarzen Topf, fand man schließlich einen eitrigen, grässlichen Eintopf aus menschlichen Überresten.

Aber es war im Gemüsekeller, wo man das schauerlichste und abscheulichste Grauen fand. Etwas, das in einem Fass voller Blut und menschlicher Innereien schwamm. Sheriff Bolton beschrieb es später als »so etwas wie ein Fötus … eine fauchende und wimmernde Fleischmasse … ein aufgequollener menschlicher Pilz mit mehr Gliedern, als ihm zustanden«. Man erschoss es und brachte es in eine Plane gewickelt in die Stadt. Der Arzt des Ortes, Dr. Lewyn, ein Mann mit wissenschaftlichem Hintergrund, der ein Mikroskop und andere moderne Ausrüstung besaß, sezierte es. Boltons Beobachtungen erwiesen sich als korrekt, denn Lewyns Untersuchung zufolge war die Kreatur nur der äußeren Form nach menschlich. Sein Körperbau war nur rudimentär ausgebildet, und seine Entwicklung schien gänzlich umgekehrt zu derjenigen eines normalen Kindes abzulaufen. Es war gänzlich ohne Knochen, es sei denn, man wollte die »gummiartige, pilzähnliche Struktur im Inneren« dafür halten. Der Kadaver gab einen widerlichen, fischigen Geruch ab und wurde sofort verbrannt und die Asche in unheiliger Erde verscharrt.

Man sagte, die Witwe Hagen habe laut in ihrer Zelle aufgeschrien, als diese besonders gotteslästerliche Existenz den Flammen übergeben wurde.

Die vorgebrachten Beweise waren mehr als ausreichend für Magistrat Corey, um ein Gericht einzusetzen, das die Macht hatte zu untersuchen, zu urteilen und zu vollstrecken, wie so viele andere Gerichte, die für Hexenprozesse eingesetzt wurden. Elizabeth Hagen wurde zuerst von Dr. Lewyn untersucht. Obwohl der Mann wissenschaftlich gebildet war, brauchte er nicht lange, um dem Gericht das zu geben, was es verlangte … einen greifbaren Beweis, dass die Witwe Hagen tatsächlich eine Hexe war. Denn drei Zoll unterhalb ihrer linken Achselhöhle fand sich eine weitere Brustwarze … die sogenannte »Hexenzitze«, das Zeichen für einen Pakt mit dem Teufel. Mit dieser Brustwarze fütterten Hexen angeblich ihre Helfer.

Niemand war schockierter als Lewyn.

Er erklärte dem Gericht, dass überzählige Brustwarzen in medizinischen Jahrbüchern nicht unbekannt waren, aber das war nur ein schwaches Argument. Er schien selbst nicht so recht daran zu glauben. Aber nichts von dem, was er sagte, konnte das abmildern, was als nächstes geschah – Elizabeth Hagen wurde gefoltert, oder, wie man zu sagen pflegte, »einer hochnotpeinlichen Befragung unterzogen«, bis sie ein Geständnis ablegte. In der nächsten Woche durchlebte sie die Marter durch Tauchstuhl und Pfahlhängen, Ketzergabel und Judaswiege. Sie wurde mit heißen Kohlen verbrannt, zerschnitten, geschlagen und an ihren Füßen und Daumen aufgehängt. Nach ein paar Tagen hatte man das Geständnis … ein wenig zu schnell für den Geschmack der Schergen des Gerichts.

Aber es gab das Geständnis.

Freimütig bekannte sie sich der Hexerei, gab zu, die Siedlung verhext und Stürme und Braunfäule heraufbeschworen zu haben. Das genügte. Am Tag des Prozesses zerrte man sie am Morgen aus ihrer Zelle, fesselte ihre Handgelenke und band sie hinter einen Ochsenwagen. Auf diese Weise zogen die Ochsen sie durch die Straßen, und ihr Gefängniswärter schlug den ganzen Weg durch die schlammigen Straßen bis zum Gerichtsgebäude mit der Peitsche auf sie ein. Die Einwohner standen aufgereiht da, um sie mit vergammelten Früchten und Steinen zu bewerfen. Danach wurde sie auf dem Bauch liegend die Stufen hochgezogen, bis sie Magistrat Corey und seinen Kollegen, Magistrat Bowen und Magistrat Hay, zu Füßen lag.

Sie war blutüberströmt und gebrochen, und ihr Kleid, das ein Leinensack war, hing in Fetzen herab. Ihr Rücken war offen von der Peitsche, ihr Gesicht mit Schnitten übersät, und die Haare auf ihrem Schädel waren stellenweise samt Haut herausgerissen. Auf dem Kopf trug sie eine eiserne Schandmaske. Der Wärter nahm sie ab und riss dabei die mit Stacheln besetzte Stange, die ihre Zunge nach unten drückte, aus ihrem Mund.

Sie flehte um Wasser und bekam keines.

Sie flehte um etwas zu essen und wurde ignoriert.

Sie flehte um Gnade, und die versammelte Menge lachte.

Dann begann die Befragung. Das Gericht hatte bereits eine umfangreiche Liste mit Beweisen zusammengestellt, von denen nicht alle in der Hütte der Witwe gefunden worden waren. Einige, die sich jetzt sicher sein konnten, dass sie vor dem Gesetz nicht bestehen würde, meldeten sich mit sagenhaften Geschichten voller Grauen und Wunder. Eine junge Frau namens Claire Dogan gab zu, dass die Witwe Hagen versucht hatte, sie zu ihrem Hexenkult zu verführen und ihr dabei Reichtum und Macht versprochen hatte. Dogan behauptete, sie sei Zeuge gewesen, als die Witwe Hagen »Flugsalbe« zusammengemischt und damit einen Eichenstab bestrichen habe. Daraufhin sei Hagen durch die Lüfte geflogen, über die Baumwipfel hinweggeschossen und habe das Vieh auf den Feldern erschreckt und dabei die ganze Zeit gelacht.

Ein Farmer namens William Constant gab an, die Witwe Hagen beauftragt zu haben, seinen Nachbarn »zu verhexen«, um dessen Besitz zu übernehmen. Er sagte, er habe sie beobachtet, wie sie eine Reihe Knoten in ein Seil flocht, die sogenannte »Hexenleiter« … und kurz darauf sei sein Nachbar erkrankt und nicht lange darauf gestorben. Ein anderer Farmer, Charles Goode, berichtete, er habe – während er »von der alten Vettel verhext gewesen war« – sie gebeten, seine zänkische Frau zu töten. Hagen hatte einen Knochen genommen, an dem vergammelndes Fleisch hing, und ihn mit unbekanntem Pulver bestreut, während sie Worte sprach, die »meine Seele beim Zuhören verdorren ließen«. Der Knochen wurde unter dem Fenster seiner Frau vergraben, und so wie das Fleisch vom Knochen verrottete, schmolz das Fleisch von den ihren. Kurze Zeit später war sie an einer unbekannten, sie dahinraffenden Krankheit gestorben.

Eine Gruppe Dorfkinder gestand, dass die Witwe ihnen beigebracht hatte, wie sie sich an ihren Feinden, einer Gruppe anderer Kinder, die sie aufgezogen und schikaniert hatte, rächen konnten. Sie zeigte ihnen, wie man die Haare der anderen Kinder sammelte und sie in Puppen aus Lehm und Holzstöckchen drückte. Wie man die richtigen Worte sagte. Und alles, was sie dann mit den Puppen machten, geschah auch mit den fraglichen Kindern. Als eine der Puppen in den Fluss geworfen wurde, ertrank eines der Kinder. Als eine Puppe ins Feuer geworfen wurde, brannte die Hütte, in der das Kind lebte, bis auf den Grund nieder. Das Gericht stellte daraufhin fest, dass es sich um Analogiezauber gehandelt hatte. Die Kinder erzählten auch, dass sie von der Witwe Hagen gelernte »fremdartige Wörter« aufgesagt hätten, als Mister Garrity sie mit Schlägen aus seinem Apfelhain vertrieb, woraufhin Garritys mit Preisen überhäufte Milchkuh auf der Stelle tot umgefallen war.

Und mehr als nur ein Farmer trat hervor, um zu berichten, dass es immer Ärger zur Sommersonnenwende gegeben hatte. Dass das stets die Zeit der »Wilden Jagd« war, dem legendären Flug der Hexen. Dass Elizabeth Hagen und ihre Hexenschwestern sich zusammen mit einer Gruppe Dämonen und lebender Toter in die Lüfte erhoben hatten, und dass am darauffolgenden Morgen die Unachtsamen fortgetragen worden waren und Vieh spurlos verschwunden war. Dass die klugen Männer in den Nächten der Wilden Jagd im Inneren ihrer Hütten geblieben waren, denn man konnte die Hexen kommen hören – es war ein Bellen und Zischen, ein Kreischen und Brausen.

Man konnte also durchaus sagen, dass es an Beweisen an und für sich nicht mangelte.

Insgeheim sagte High Sheriff Bolton zu seiner Frau, dass doch das ganze Dorf mit ihr verbrennen möge, sollte man sie den Flammen übergeben. Denn es gab nur ganz wenige, die ihre wilden Talente nicht ermutigt und ausgenutzt hatten. Wenn sie außer Kontrolle geraten war, wer war denn verantwortlich dafür, dass sie immer mächtiger wurde? Wenn es Ärger gab, war ihr Rat stets der erste, der gesucht worden war. Und zweifellos hatte sie mehr Krankheiten geheilt und mehr Babys zur Welt gebracht als dreißig Ärzte.

Aber nachdem, was Bolton in ihrer Hütte gesehen hatte, verspürte er kein Mitleid mit ihr.

***

Am ersten Prozesstag wurde die Beklagte zu den Gräueltaten befragt.

Magistrat Bowen: Elizabeth Hagen … gesteht Sie nun, eine Hexe zu sein?

Hagen: Ich gebe zu, Ihre Lordschaft, das zu sein, was man auf diese Weise bezeichnet.

Magistrat Bowen: Sie gesteht also, diese Gemeinde verhext zu haben?

Hagen: Ich gebe zu, dass ich meine eigene Mittel und Wege habe. Ich gebe zu, dass ich diese gegen jene genutzt habe, die mir geschadet haben, Ihre Lordschaft. Ich wurde gesteinigt, nicht wahr? Meine Hütte wurde beinahe niedergebrannt, war es nicht so? Die, denen ich unzählige Male geholfen habe, haben mich verjagt. Und jetzt … schaut mich an! Zerschunden und blutbefleckt … habe ich nicht das Recht auf Rache?

Magistrat Bowen: Ihre Verbrechen richten sich gegen Gott, Lady. Ihre Verbrechen verlangen die Todesstrafe. Gesteht Sie nun, den Satan anzubeten?

Hagen: Satan? Satan? Ein christlicher Teufel, Ihre Lordschaft. Mit ihm habe ich nichts zu tun.

Magistrat Bowen: Mit wem hat Sie dann zu tun, mit wem hat Sie den Pakt geschlossen?

Hagen (unkontrolliert lachend): Pakt? Pakt, sagt Ihr? Wieso, mit ihm natürlich, ist das nicht klar? Mit ihm, der kriecht, und mit ihm, der dahingleitet. Mit ihm, der über den Dunkelwald und die leeren Schluchten herrscht, mit ihm, der seine Befehle von einem Thron aus Menschenknochen erteilt.

Magistrat Bowen: Wie heißt dieser Teufel, dieser Verderber?

Hagen: Wie er heißt? Er, der Sie ist, und Sie, der Er ist? Er, der keinen Namen trägt? Der schwarze Ziegenbock aus dem Dunkelwald? Sie, mit ihren tausend sich windenden, schreienden Jungen? Er, der deinen Namen von den toten und verlassenen Orten ruft? Aye! Er und Sie, denen keine Namen gegeben werden können, die sich davon nicht halten und binden lassen.

Magistrat Bowen: Sagt den Namen, Hexe, im Namen von Jesus Christus!

Hagen (lachend): Jesus, sagt Ihr? Ein Scharlatan der Christen! Mein Handeln, gut und recht, ist mit Ihr, mit Ihm, dem uralten Wurm in schwarzer Nacht!

Magistrat Bowen: Dann gesteht Ihr, mit diesem namenlosen Wesen einen Pakt geschlossen zu haben?

Hagen: Wenn es Euch gefällt – das habe ich getan, Euer Ehren. Das gestehe ich also.

Magistrat Bowen: Gesteht Ihr ebenfalls die Abscheulichkeit in Eurem Gemüsekeller? Das Ihr es gezüchtet habt? Es aufziehen wolltet als ein Gräuel, das die Gemeinde quälen sollte?

Hagen: Ihr habt mir meinen einfachen Spaß ruiniert! Was für ein Spaß dieses Ding gewesen wäre, wie es die Knochen aus den Guten und Anständigen gesaugt hätte!

Magistrat Bowen: Ich befehle Euch, Lady, den Namen des Teufels zu nennen, mit dem Ihr im Bunde wart! Der, der Euch Macht gab über Mensch und Natur.

Hagen: Ah, Ihr wünscht, dass ich mich selbst hänge, nicht wahr? Ihr wünscht, dass ich von Bünden spreche mit Ihnen aus den Höhlen? Mit Ihnen, die tanzen und springen und kriechen?

Magistrat Bowen: Das habt Ihr schon getan, Lady, das habt Ihr schon getan. Erzählt uns nun von den Kindern. Gesteht, im Namen von Jesus Christus.

Hagen: Ich werde nicht im Namen einer falschen Gottheit gestehen, Ihre Lordschaft. Die Kinder? Die Kinder? Aye, ich nahm ihre Leben und habe dabei gelacht! Ich trank ihr Blut und kochte ihr Fleisch, nicht wahr? Genauso, wie ich ihn von der Leine gelassen habe, ihn, der die Babys geholt hat, ihn, der ihre weichen Köpfe verschlungen und ihre winzigen Knochen als Zahnstocher verwendet hat … das ist nur der Anfang, der Anfang! Hört Ihr? Hört ihr mich, ihr fetten ausgestopften Schweine von Procton? Nur der Anfang …

Magistrat Bowen: Eure Tage des Bösen sind gezählt.

Hagen: Sind sie das, Eure Lordschaft? Sind sie das tatsächlich? Ich denke nicht! Gesteinigt wurde ich. Gefoltert wurde ich. Auge um Auge, sagt man, und Auge um Auge soll mein sein, in Seinem Namen! Meine Tage sind gezählt? Was ich heraufbeschworen habe, an meine Seite gebracht habe, wird die Zeitalter überdauern! Das Vermächtnis wird nicht enden, das schwöre ich bei der Seele meiner Mutter, die an dem dunklen, kalten Ort brennt. Sogar jetzt, ja, sogar jetzt habe ich den Samen gesät. Sogar jetzt gibt es drei, die die Hölle in die Welt bringen …

***

Und so geschah es.

Während Elizabeth Hagen in ihrer Gefängniszelle schmachtete, ging etwas sehr Sonderbares vor sich: drei der Jungfrauen im Dorf wurden schwanger. Und jede von Ihnen war die Tochter eines Priesters – Hope von der Kongregationalistischen christlichen Kirche, Rice von der Kirche Christi und Ebers von der Presbyterianischen Kirche. Die Mädchen erklärten, Jungfrauen zu sein, und die Untersuchungen von Dr. Lewyn bewiesen, dass ihre Hymen intakt waren. Es waren also jungfräuliche Geburten. Die Gemeinde war voller Freude … und doch entsetzt eingedenk der Tatsache, wer und was gerade im Gefängnis festgehalten wurde.

Und in ihrer Zelle sagte Elizabeth Hagen Zauberworte auf, sang Lieder und sprach die ganze Nacht durch in überirdischen Stimmen.

Eine Woche nach Prozessbeginn – denn mehr und mehr Zeugen meldeten sich – begannen sich bei den drei Mädchen, Clarice Ebers, Marilynn Hope und Sarah Rice, körperliche Merkmale von Frauen im vierten Monat zu zeigen. Ihre Bäuche waren merkwürdig geschwollen, und das scheinbar über Nacht. Dr. Lewyn hielt das für unmöglich, sogar ein Einzelfall würde an die Grenzen der Plausibilität stoßen … aber drei Fälle gleichzeitig konnten ganz sicher kein Zufall sein.

Und es wurde schlimmer.

In derselben Nacht wurden alle drei Mädchen Opfer von Tobsuchtsanfällen. Sie verfielen in gewalttätige Attacken und griffen jeden an, der sich in ihrer Nähe befand, sie schrien, fluchten und zerstörten alles, was ihnen in die Hände fiel. Sie zerkratzen sich wie Wahnsinnige die Haut, als ob sie versuchten, sich von etwas zu befreien, das tief in ihren Körpern war. Sarah Rice riss und schälte sich sogar große Mengen Fleisch von ihren Armen und Beinen. Alle drei mussten schließlich so gefesselt werden, dass sie sich oder anderen keinen Schaden zufügen konnten … und um sie daran zu hindern, in die Wälder zu fliehen, zu jemandem, wie sie angaben, der sie zu sich rief und ihre Köpfe mit »schauderhaften Geräuschen« füllte.

Natürlich wurde es Tag für Tag nur noch schlimmer.

Sie nahmen keine Nahrung zu sich und sagten, sie würden nur Blut und rohes Fleisch vertragen. Mit schauerlichen Worten entweihten sie ihre Mütter, Väter und jeden, der in Rufweite war. Gegenstände bewegten sich wie von Geisterhand durch ihre Räume, Dinge wurden von den Wänden gerissen, das Holz der Wände ächzte und splitterte, Möbel stürzten um. Die Mädchen sprachen in fremden Zungen, mit den Stimmen der Toten. Sie erzählten von Geheimnissen, von denen sie nichts wissen konnten. Schwarze, übel riechende Flüssigkeiten entluden sich aus allen Körperöffnungen. Aus ihren geschwollenen Bäuchen waren heidnische Melodien zu hören. Unreine, verderbliche Gerüche traten aus ihren Körpern aus. Und mehr als einer der Anwesenden floh voller Entsetzen, als sie flüsternde Stimmen aus den Vaginas der Mädchen hörten.

Zweifellos: die Mädchen waren von Dämonen besessen.

Dämonen, die todsicher von der alten Vettel, von Witwe Hagen selbst heraufbeschworen wurden.

Mehrfach führten die Priester einen Exorzismus durch, aber alle Versuche waren deutliche, schreckliche Fehlschläge. Priester John Rice von der Kirche Christi kämpfte über Stunden mit Marilynn Hope, um ihre Seele dem Bösen zu entringen, das sie verschlungen hatte. Er trug ihr aus den heiligen Schriften vor und gebot ihr, dass sie … oder was immer in ihr war … sich dem Willen von Jesus Christus unterwarf. Aber das Mädchen lachte nur, bellte und sträubte sich und sprach mit mehreren Zungen und in mehreren Sprachen. Sie verlangte, dass ihr Fleisch und Blut gebracht werde. Sie verlangte nach dem Fleisch von Kindern. Priester Rice sah sich körperlichen Angriffen ausgesetzt, von im Raum umherfliegenden Gegenständen und »von einer bösartigen Macht wie ein kalter Wind, die mich umherwarf«.

Der Dämon in Marilynn sprach mit der Stimme von Priester Rices lange verstorbener erster Frau, und er erzählte ihm plastisch und im Detail, wie mit ihr in der Hölle Unzucht getrieben wurde. Dass sein Vater und seine Mutter da seien, sexgeile Säue und Kinderfresser, und um das zu beweisen, sprach er mit ihren Stimmen … und das sehr oft gleichzeitig.

Nach gut zwölf Stunden kräftezehrender psychischer, körperlicher und spiritueller Attacken musste Priester Rice fortgeführt werden … ein ausgezehrter, gebrochener Mann, dessen Seele roh und offen da lag wie eine schwärende Wunde. Ebers versuchte es als Nächster, denn Marilynns Vater hatte nicht die Kraft, seine eigene Tochter in einer solch obszönen Situation zu sehen. Zuerst lief es gut, und es schien, als würde nachgeben, was auch immer das Mädchen in Besitz genommen hatte. Marilynn begann zu weinen und schüttete ihre gepeinigte Seele aus, erzählte von den makabren Qualen, denen sie ausgesetzt gewesen war. Als Ebers sich nach vorn beugte, um ihre geflüsterte Beichte zu hören … leckte sie sein Ohr und sagte etwas, das nur er hören konnte. Etwas, das die Farbe aus seinem Gesicht weichen ließ. Etwas, das ihn aus dem Zimmer in diesem verfluchten Haus fliehen ließ, bis er sein eigenes erreicht hatte und in der Lage war, eine Pistole an seine Schläfe zu halten. Und es zu beenden.

Es war hoffnungslos.

Die drei Mädchen waren gefangen im Griff eines offenbar allmächtigen Übels, das sich ihre Körper und Seelen zum Besitz gemacht hatte. Was immer es war, es war heimtückisch, pervers und giftig für alle, die damit zu spielen wagten.

***

Elizabeth Hagens Prozess ging zu Ende, und man hielt sie weiter in ihrer Zelle gefangen. Ihre Richter waren nicht in der Lage, über ihr Schicksal zu entscheiden. Wenn man sie hinrichtete, würde dann das Übel in Procton nur noch stärker? Oder würde das Dorf dadurch gereinigt? Das war eine gefährliche Angelegenheit, und zwar eine, so entschieden sie, die nicht auf die leichte Schulter zu nehmen war.

Aber die Gemüter der Bürger erhitzten sich mehr und mehr, und so blieb kaum eine Wahl. Elizabeth Hagen wurde aus ihrer Zelle geschleift, an ein Wagenrad gebunden und unter den Augen der jubelnden, hasserfüllten Menge durch die Straßen gerollt. Man brachte sie zu einer Lichtung, die die Einwohner als »Ketzerfriedhof« kannten, denn sie diente als notdürftige Begräbnisstätte für »Selbstmörder, Heiden und diejenigen Verwandten, für die man sich schämte«. Dort verbrannte man Elizabeth Hagen. Das Wagenrad, an das sie gefesselt war, wurde an einen zerborstenen, toten Eichenstumpf gebunden und in Brand gesteckt.

Aber nicht einmal das war eine einfache Angelegenheit.

Obwohl sie in einem Haufen aus Kienspänen stand und vom Feuer umgeben war, wollte sie einfach nicht sterben. Sie überzog alle Anwesenden mit Flüchen. Endlich brach das Wagenrad unter ihr auseinander, und das verbrannte, verschmorte Wesen, zu dem sie geworden war, fuhr fort zu kreischen, zu jammern und zu schreien.

Man zog es mit Haken aus den Kohlen und schnürte es mit Seilen und Ketten so fest wie möglich. Der Magistrat ließ es zurück ins Gefängnis bringen, wo es weiter aufheulte, kreischte und alles Heilige entweihte. Der verbrannte Kadaver lebte tagelang weiter … bis die vor Wut rasenden Einwohner ihn hinaus ins Licht zerrten und mit der Axt in Stücke hackten. Dann starb es endlich. Die Einzelteile vergrub man an unterschiedlichen Orten, und damit war das Böse erledigt … aber nicht ganz.

Denn die Dämonen, von denen die drei Mädchen besessen waren, ließen nicht ab, sondern klammerten sich umso fester an sie. Sie würden erst weichen, nachdem ihre Brut geboren wurde.

***

Nach drei Monaten Schwangerschaft – und nur wenige Tage nach der Zerstörung der Hexe – schienen die Mädchen bereit für die Geburt zu sein. Ihre Bäuche waren groß und rund, ihre Geburtskanäle geweitet. Sie waren zu entmenschlichten, skelettähnlichen Wesen geworden, die einen stechenden Aasgeruch verströmten.

Und so gebaren sie.

Clarice Ebers und Sarah Rice waren die Ersten.

Die Wehen waren so heftig, dass beide ohnmächtig wurden. Üppige Mengen von Blut und schwarzem Fruchtwasser ergossen sich aus Sarah Rices Vagina, und sie – eine stumpf vor sich hinstarrende, blicklose Kreatur, deren ölige Haut kaum in der Lage war, das darunterliegende Skelett zu halten – barst. Zumindest schien es so. Dr. Lewyn versuchte alles, aber Mutter und Kind verendeten in einem Meer von Rot. Später würde er mit dem Einverständnis der Familie die Angelegenheit vollständig untersuchen und herausfinden, dass Sarah aufgerissen wurde, weil ihr Kind Zähne hatte. Ein volles Gebiss merkwürdig scharfer und langer Zähne. Und mit diesen Zähnen hatte das Kind – ein weißes, abscheuliches Wesen ohne Gliedmaßen und mit großen, lidlosen schwarzen Augen – seine Mutter von innen so lange gebissen, bis ihre Arterien durchtrennt waren.

Dr. Lewyn entschied sich wohlweislich, der Familie diese Information vorzuenthalten … diese Information und die Tatsache, dass das Kind seine Mutter nicht nur gebissen, sondern gegessen hatte. Nicht wenig Gewebe hatte es bereits verdaut. Auch das Geheimnis, dass Sarahs Kind nicht tot war, als er sie mit dem Skalpell aufschnitt, behielt er für sich. Dass das groteske kleine Monster in seiner toten Mutter weiterlebte und von ihr fraß wie ein vorgeburtlicher Aasfresser aus der Hölle. Dass diese armlose, sich windende Kreatur mehr gemein hatte mit einer Made als mit einem menschlichen Wesen, und dass er es aus ihrem aufgespaltenen Bauchraum hatte herausreißen müssen, da es sich hartnäckig mit den Zähnen am Gewebe seiner Mutter festhielt.

Lewyn warf es in einen Eimer und schüttete Säure darüber, woraufhin es sich auflöste wie eine mit Salz überschüttete Nacktschnecke.

Die Höllenqualen ließen Clarice Ebers ihren Verstand verlieren, lange bevor ihr Kind auf die Welt kam. Wenn zu diesem Zeitpunkt so etwas wie Verstand übrig war. Sie schrie mit der Stimme von Elizabeth Hagen, kämpfte, schlug wild um sich und verlor schließlich das Bewusstsein. Was sie in die Welt gebar, war ein kriechendes Ding, verschmort und mit Brandblasen übersät. Wie etwas, das lebendig verbrannt worden war. Rauchfähnchen waberten von seinem verbrannten Fleisch, und als es starb, malte es mit einem verdorrten Finger ein schwarzes, umgekehrtes Kreuz auf die befleckten Bettlaken.

Clarice starb wenige Momente darauf. Ihr Inneres war rot verbrüht.

Das Kind wurde auf dem Ketzerfriedhof begraben, und Clarice und Sarah bestattete man Seite an Seite in einem christlichen Grab.

Marilynn Hope aber überlebte einen weiteren Monat. Ihr Kind, als es im Winter von 1824 geboren wurde, war in allem gesund und normal. Ein Junge. Die einzige Unregelmäßigkeit war ein Muttermal auf seinem Rücken, das die Form einer kleinen Hand mit vier Fingern hatte. Die Einwohner von Procton betrachteten ihn als verflucht, als Frucht einer unheiligen Verbindung. Also schickte Priester Hope seine geistesgestörte Tochter und ihren Sohn zu Verwandten in Missouri, wo sie von der Welt abgeschottet werden konnten.

Er nannte seinen Enkel James Lee.

In Missouri erhielt er den Familiennamen seiner Verwandten: Cobb.